Hans Helmut Prinzler: Licht und Schatten

Einzelrezension
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Rezensiert von Patrick Rössler

Licht und SchattenEinzelrezension
Weshalb bloß sollte man sich als Kommunikations- bzw. Medienwissenschaftler für ein Coffee Table Book interessieren, dessen maßgeblicher Inhalt aus Bildern – in diesem Falle 335 Filmstandfotos – besteht? Das keine einzige Fussnote aufweist, dafür größten Wert auf eine zwischentonreiche Abbildungsqualität legt? Dessen Verfasser weniger durch akademische Referenzen besticht denn durch seine Verdienste um die Bewahrung des filmhistorischen Erbes von Deutschland? Es gibt, soviel sei vorweg geschickt, mehr als gute Grunde dafür – Gründe, die tatsächlich jenseits des individuellen Lustgewinns beim Betrachten eines schlichtweg schönen Buchs liegen, sich dem Fachpublikum aber vielleicht erst auf den zweiten Blick erschließen.

Und dieses erneute Hinsehen lohnt sich, führt man sich vor Augen, dass Filmstandbilder als klassisches Exempel eines Hybridmediums gelten können: Einerseits repräsentieren sie eine spezifische Variante des fotografischen Mediums, angefertigt von (vielfach namenlosen, heute nicht mehr zu ermittelnden) Profi-Lichtbildnern im Auftrag der großen Studios, mit der ihnen eigenen Ästhetik, Bildsprache und Motivwelt. Andererseits war ihre Funktion seinerzeit klar festgelegt – als maßgebliche Werbeträger sollten sie, neben den (zumeist gezeichneten) Plakaten, das Interesse des Publikums wecken, den Zuschauer fesseln, neugierig machen auf das Geschehen auf der Leinwand, und ihn so in die Kinosäle locken. Und hier manifestiert sich der hybride Charakter der Filmstandbilder: Wie kann es gelingen, durch einzelne Momentaufnahmen ein dynamisches Medium, dessen Reiz gerade im Erzählen in der Zeit liegt, angemessen einzufangen?

In Filmstandbildern gerinnen Plots zu Schlüsselbildern, kristallisieren sich Handlungsstränge in verdichteten visuellen Ikonen: Marlene in Strapsen, der Maschinenmensch Maria, der Wahn des Dr. Mabuse. Oft wird übersehen, dass es sich dabei nicht einfach um Kadervergößerungen aus den Filmstreifen handelt, wie man meinen könnte, sondern um sorgfältig arrangierte, gestellte Aufnahmen am Set (daher auch der Begriff “Standbild”). Die Fotos zeigen uns heute, wie ihr Schöpfer damals das noch unfertige Filmwerk wahrnahm, was er (Standfotografen waren ausschließlich Männer) als die maßgebliche Botschaft identifiziert hatte, und welcher Inszenierung er die erforderlichen Schlüsselqualitäten zuschrieb.

Hans Helmut Prinzler, ehemaliger Direktor der Deutschen Kinemathek in Berlin, hat nun deren umfangreichen Bestände an Filmfotos (ergänzt um wenige weitere Quellen) ausgewertet, um eine eigene Art von Filmgeschichte zu schreiben – übrigens nicht die erste ihrer Art (vgl. Kobal 1981; Hürlimann/Müller 1993; Kardish 2010). Der Bildband, der durchaus als Prinzlers Vermächtnis eines Lebens für den Film angesehen werden kann, stellt in chronologischer Folge die wichtigsten Produktionen des deutschen Stumm- und frühen Tonfilms ausschließlich anhand von hervorragend reproduzierten Standfotos vor. Dass er dabei, quasi en passant, auch eine Geschichte der deutschen Filmfotografie vorlegt, wird von Prinzler nicht eingehender thematisiert; hier bleibt der Leser auf die Standardwerke von Pauleit (2004) und zuvor des Museums Ludwig (1990) zurückgeworfen.

Dagegen legt Prinzler auf den ersten 50 Seiten zunächst eine leichtfüßige tour de force durch die Weimarer Kulturgeschichte vor: Aufgrund ihrer Kürze unvermeidlich auch holzschnittartig, aber in ihrer Zusammenstellung durchaus instruktiv, widmen sich einzelne Vignetten den politischen und sozialen Hintergründen, jedoch insbesondere den Facetten des kulturellen Lebens: Architektur, Bildende Kunst, Tanz, Literatur und vieles mehr werden angesprochen und gerade in ihrem Bezug zum Film (und dann auch zum Standbild) erläutert. Dieser breite Zugang wirft vielfach mehr Fragen auf als er beantwortet, bietet aber Kommunikations- und Medienwissenschaftlern einen instruktiven Einstieg in den Gesamtkontext, in den sich die Filmstandbilder als Alltagsphänomen einordneten. Denn die kostenfrei abgegebenen Bildleistungen waren zum Beispiel auch in den Magazinen der Epoche allgegenwärtig, die diese PR-Produkte bereitwillig zur Illustration ihrer Artikel heranzogen, ohne sich Gedanken über die Vermischung von redaktionellen und werblichen Inhalten zu machen.

In seinem Hauptteil präsentiert Licht und Schatten dann eine Auswahl von 72 Filmwerken – ein Kanon, der im Wesentlichen die Listen früherer Filmgeschichten widerspiegelt und insofern als Auswahl untadelig ist. Natürlich ließe sich im Einzelfall fragen, weshalb manche Klassiker wie Orlacs HändeKameradschaft oder Das Abenteuer eines Zehnmarkscheins fehlen, aber dies wäre – wie bei allen Hitlisten dieser Art – ein müßiges Unterfangen. Prinzlers persönliches Destillat aus 15 Jahren Filmschaffen kann insgesamt überzeugen, jedenfalls mehr als die erst kürzlich vorgelegte Auswahl des Museums of Modern Art (Kardish 2010), die doch zentralste Werke ausblendete. Eher enttäuschend fallen hingegen die kurzen Erklärungstexte zu jedem Film aus, für die schlicht Zitate aus zeitgenössischen Rezensionen oder neueren Übersichtsdarstellungen verwendet wurden.

Den maßgeblichen Quellenwert stellen freilich die hochwertigen Reproduktionen der Original-Standbilder dar, deren suggestive Kraft für erheblich mehr taugt als zur Verschönerung von Vorlesungsfolien. Neben ihrer Stellvertreterfunktion für den einzelnen Film zeichnet sie ein ganz spezifischer Blick aus, der sich wegen der streng an der chronologischen Abfolge der Filme orientierten Logik allerdings erst beim ‘Querlesen’ erschließt. Außerdem wird der Leser leider nicht informiert, dass die edle Präsentation auf dem matt gestrichenen Papier in einigen Punkten von den Originalen abweicht: Diese sind nämlich in der Regel auf glänzendem Fotokarton abgezogen, was ihnen nochmals eine besondere Strahlkraft verleiht; für das Buch wurden alle einkopierten Filmtitel und Verleihlogos retuschiert (wohl um eine dem Massengeschmack kompatiblere Anmutung zu erzielen); und auch die Größenverhältnisse sind sowohl bei den doppelseitigen als auch bei den kleinformatigen Abbildungen verfälscht (das Standardmaß für Filmstandbilder war seinerzeit ca. 24×30 cm). Und als Detail hätte sich auch eine Anmerkung gehört, dass es sich bei den Aushangfotos zu Ruttmanns Berlin-Film nicht um Filmszenen, sondern um (kunsthistorisch gut aufgearbeitete; vgl. Molderings 1995) Fotomontagen handelt, die mit den eigentlichen Filmmotiven wenig zutun haben.

Abschließend sei angemerkt, dass auch die Filmstandbilder Serienprodukte waren, die als Fotosatz von zuweilen 50 und mehr Bildern an die Kinos abgegeben und entsprechend in Schaukästen und Kinofoyers präsentiert wurden. Mit seiner Auswahl von wenigen Schlüsselmotiven hat Prinzler, ein Doyen der deutschen Filmgeschichtsschreibung, diesen Kontext aufgelöst; gezwungenermaßen angesichts der Beschränkungen, denen sogar ein solch opulenter Band unterliegt – aber dennoch bedauerlich, betrachtet man im Vergleich die raffiniert gestalteten Filmprogramme jener Epoche. Ungeachtet dieser kritischen Anmerkungen sei der Band aber den Wissenschaftlern unseres Fachs zum Stöbern empfohlen, denn selten zuvor war eine Mediengeschichte so mitreißend visualisiert.

Literatur:

Hürlimann, A.; A. M. Müller (Hrsg.): Film Stills. Emotions made in Hollywood. Ostfildern [Cantz] 1993.
Kardish, L. (Hrsg.): Weimar Cinema, 1919 – 1933: Daydreams and Nightmares. New York [Museum of Modern Art] 2010.
Kobal, J. (Hrsg.): Great Film Stills of the German Silent Era. New York [Dover] 1981.
Molderings, H.: Umbo. Otto Umbehr 1902-1980. Düsseldorf [Richter] 1995.
Museum Ludwig (Hrsg.): Aus der Traumfabrik. Die Kunst der Filmfotogafie. Köln [Museum Ludwig] 1990.
Pauleit, W.: Filmstandbilder. Passagen zwischen Kunst und Kino. Frankfurt a. M./Basel [Stroemfeld] 2004.

Links:

 

Über das BuchHans Helmut Prinzler: Licht und Schatten. Die großen Stumm- und Tonfilme der Weimarer Republik. 335 Filmbilder von "Mutter Krause" bis Dr. Mabuse". München [Schirmer/Mosel] 2012, 308 Seiten, 68,- Euro.Empfohlene ZitierweiseHans Helmut Prinzler: Licht und Schatten. von Rössler, Patrick in rezensionen:kommunikation:medien, 14. Mai 2013, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/12428
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Rezensent/in
Dr. Patrick Rössler ist Professor für Empirische Kommunikationsforschung und Methoden am Seminar für Medien- und Kommunikationswissenschaft. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen u. a. Medienwirkung und Medieninhalte.