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	<title>rezensionen:kommunikation:medien</title>
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	<description>Rezensionen aus den Bereich Kommunikation und Medien</description>
	<lastBuildDate>Wed, 10 Mar 2010 09:12:21 +0000</lastBuildDate>
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		<title>Gottfried Boehm; Horst Bredekamp (Hrsg.): Ikonologie der Gegenwart</title>
		<link>http://www.rkm-journal.de/archives/1796</link>
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		<pubDate>Wed, 10 Mar 2010 08:12:47 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Redaktion</dc:creator>
				<category><![CDATA[Einzelrezension]]></category>
		<category><![CDATA[Analogie]]></category>
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		<category><![CDATA[Bildtheorie]]></category>
		<category><![CDATA[Bildwissenschaft]]></category>
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		<category><![CDATA[Vorlesungsreihe]]></category>

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		<description><![CDATA[<em>Rezensiert von Silvia Seja</em>

<a href="http://www.rkm-journal.de/archives/1796"><img class="alignleft size-full wp-image-2489" title="Boehm&#38;Bredekamp2009" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2009/12/BoehmBredekamp2009.jpg" alt="" width="160" height="237" /></a>Der von Gottfried Boehm und Horst Bredekamp herausgegebene Band <em>Ikonologie der Gegenwart</em> basiert auf einer Vorlesungsreihe, die zwischen 2002 und 2007 an der <a href="http://www.hu-berlin.de/" target="_blank">Humboldt-Universität zu Berlin</a> abgehalten wurde. Die Umschlagseite des Buches zeigt ein verlassenes Freilichtkino, dessen leere Kinoleinwand darauf zu warten scheint, durch ein Kaleidoskop von bunten Bildern belebt zu werden – etwa durch die einzelnen Beiträge des Buches. Die acht Aufsätze verfolgen das Ziel, aus jeweils unterschiedlicher Perspektive den Gedanken zu beleuchten, dass der bereits vor einigen Jahren ausgerufene <em>iconic turn</em> dazu geführt hat, dass Bilder nicht mehr nur als Abbildungsinstrumente fungieren, sondern 'aktiv' in vielfältigen Zusammenhängen verwendet werden. Im Geiste der auf Panofsky zurückgehenden Methode der Ikonologie werden Alltagsbilder, Kinobilder, Videobilder, Kunstbilder, Sprachbilder oder Gedankenbilder hinsichtlich ihrer kulturellen Bedeutung diskutiert. Die Beiträge befinden sich somit "auf der Grenze zwischen Gegenwartsbezug und Archiv", also auf der Schwelle zwischen aktueller Lebenspraxis und Vergangenheit. <a href="http://www.rkm-journal.de/archives/1796">[Mehr]</a>


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			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Rezensiert von Silvia Seja</em></p>
<p><a href="http://www.rkm-journal.de/archives/1796"><img class="alignleft size-full wp-image-2489" title="Boehm&amp;Bredekamp2009" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2009/12/BoehmBredekamp2009.jpg" alt="" width="160" height="237" /></a>Der von Gottfried Boehm und Horst Bredekamp herausgegebene Band <em>Ikonologie der Gegenwart</em> basiert auf einer Vorlesungsreihe, die zwischen 2002 und 2007 an der <a href="http://www.hu-berlin.de/" target="_blank">Humboldt-Universität zu Berlin</a> abgehalten wurde. Die Umschlagseite des Buches zeigt ein verlassenes Freilichtkino, dessen leere Kinoleinwand darauf zu warten scheint, durch ein Kaleidoskop von bunten Bildern belebt zu werden – etwa durch die einzelnen Beiträge des Buches. Die acht Aufsätze verfolgen das Ziel, aus jeweils unterschiedlicher Perspektive den Gedanken zu beleuchten, dass der bereits vor einigen Jahren ausgerufene <em>iconic turn</em> dazu geführt hat, dass Bilder nicht mehr nur als Abbildungsinstrumente fungieren, sondern &#8216;aktiv&#8217; in vielfältigen Zusammenhängen verwendet werden. Im Geiste der auf Panofsky zurückgehenden Methode der Ikonologie werden Alltagsbilder, Kinobilder, Videobilder, Kunstbilder, Sprachbilder oder Gedankenbilder hinsichtlich ihrer kulturellen Bedeutung diskutiert. Die Beiträge befinden sich somit &#8220;auf der Grenze zwischen Gegenwartsbezug und Archiv&#8221; (7), also auf der Schwelle zwischen aktueller Lebenspraxis und Vergangenheit.</p>
<p>Die kulturellen Wurzeln der Bildebatte werden gleich im ersten Beitrag &#8220;Zu einer Ikonologie der Kulturen. Die Perspektive als Bilderfrage&#8221; des Kunsthistorikers Hans Belting aufgegriffen. In Auseinandersetzung mit Panofsky argumentiert Belting, dass Perspektive nicht nur ein Mittel sei, Raum darzustellen, sondern eine umfassendere Kulturtechnik, die den Blick des Betrachters als solchen thematisiere: &#8220;Der <em>ikonische Blick</em>, den die Perspektive erzeugt, ist [...] ein <em>zum Bild gewordener Blick</em>“ (9). Die Perspektive gilt für Belting daher als eine symbolische Form im Sinne Cassirers, in der sich nichts weniger als &#8220;die Kultur der Neuzeit ausdrückt&#8221; (10) – sie ist die Maske, durch die wir die Welt sehen und in Bildern festhalten.</p>
<p>Um den kulturellen Nutzen des Denkverfahrens der Analogie geht es im Beitrag &#8220;Das Bild als Mitte: Analogie als Medientheorie&#8221; der Kunsthistorikerin Barbara Stafford. Ihrer Hauptthese zufolge ist das analogische Denken im Gegensatz zum Denkverfahren der Allegorie &#8220;fundamental visuell&#8221; (29), weil darin ein &#8220;Bild&#8221; gesucht werde, das man &#8220;in die Mitte setzen kann&#8221; (ebd.). Kunsthistorisches Paradigma für diese besondere Art von Medium sei das Spiegelkabinett. Da analogisches Denken darauf ziele, Ähnlichkeit in der Verschiedenheit herauszustellen, ließe sich mit dem Medium Spiegel nicht nur der Leibnizsche Gedanke einlösen, dass die Vervielfältigung des Ähnlichen Unterschiede erzeugt und umgekehrt, sondern der Spiegel habe als spezifisches Analogiemittel auch die Funktion, Geschichte visuell darzustellen.</p>
<p>Die Möglichkeiten und Grenzen von Großausstellungen in der globalisierten Gegenwart erforscht der Beitrag &#8220;Großausstellungen und die Antinomien einer transnationalen globalen Form&#8221; des ehemaligen <a href="http://www.documenta12.de/" target="_blank">Documenta</a>-Leiters Okwui Enwezor. Der Trend zu Großausstellungen verdeutliche &#8220;ein bestimmtes Denken über zeitgenössische Kunst und die Globalisierung&#8221; (43). Enwezor zufolge inszenieren Großausstellungen Kunst als Spektakel, haben allerdings zugleich das Potenzial, den zumeist passiven Zuschauer in einen Agenten zu verwandeln, der zur grenzüberschreitenden &#8220;Verbreitung und Rezeption der visuellen Kultur unserer Gegenwart&#8221; (64) beiträgt, indem dieser die Möglichkeit erhält, aktiv an unterschiedlichen ästhetischen Experimentalkulturen teilzunehmen.</p>
<p>Nicht um eine kulturelle Aufwertung, sondern um die &#8220;Zumutung&#8221; (69) eines riskanten &#8220;ikonographischen Diskurses&#8221; (ebd.) geht es im Beitrag &#8220;Lassen sich philosophische Gedanken visualisieren? Ein Versuch zur Frage: Wie kommt das Böse in die Welt?&#8221; des Philosophen Wolfram Hogrebe. Ausgangspunkt für diesen Versuch ist Schellings These, dass &#8220;das Göttliche nur ineins mit dem Widergöttlichen&#8221; (ebd.) gedacht werden könne, das Gute gewissermaßen die Voraussetzung des Bösen sei. Den komplizierten Gedankengang Schellings will Hogrebe anhand einer Zeichnung Michelangelos verdeutlichen, die den gekreuzigten Christus darstellt und ein pikantes Detail enthält: Man sieht, dass Zeigefinger und kleiner Finger der rechten Hand wie bei der so genannten Corna-Geste ausgestreckt sind. Michelangelo erschafft laut Hogrebe hiermit einen Christus, der mit Gott abrechne, weil dieser ihn nicht vor dem Kreuzestod gerettet habe, und zeige dadurch auf visuelle Weise, wie das Böse – als Kehrseite des Guten – in die Welt komme.</p>
<p>Vom Bösen im Bild zum Glauben ans Bild kann man mit Karl Kardinal Lehmanns Beitrag &#8220;Das Bild zwischen Glauben und Sehen&#8221; gelangen, in dem für eine Annäherung von Kirche und Bildwissenschaft plädiert wird. Sehen und Glauben seien bei der Erfassung von Bildern voneinander unablösbar, Bilder etwas anderes als ein &#8220;stummes oder bloß illustriertes Wort&#8221; (91). Um das Bildpotenzial adäquat zu erfassen, müsse daher ein spezifisches Sehen zum Einsatz kommen, &#8220;ein vieldimensionales, schöpferisches Sehen, in das eben auch so etwas wie Glaube eingegangen ist&#8221; (92) und das auf alle Arten von Bildern – insbesondere nicht-gegenständliche – anzuwenden sei.</p>
<p>Um den Horror vor dem Bild der Zukunft geht es im Beitrag &#8220;Bildwissenschaft&#8221; des Literaturwissenschaftlers und Kunsthistorikers William J. T. Mitchell, welcher eine Wissenschaft vorschlägt, in der Bilder Selbstzweck, statt bloße Mittel zu Zwecken sind. Mitchell charakterisiert das Bild als ein &#8220;doppeltes Zeichen&#8221;, das sowohl etwas &#8220;benennt&#8221; als auch &#8220;eine Relation zu etwas&#8221; herstellt (105). Diese Bestimmung sei konstitutiv für die &#8220;Diagrammatologie&#8221; (103), &#8220;Physik&#8221; (106) und &#8220;Biologie&#8221; (109) der Bilder sowie das Verhältnis von Bildern zu Fossil und Klon, wobei die anvisierte Bildwissenschaft beim Konzept des Klons an Grenzen gerate: Während ein Fossil das versteinerte Bild einer vergangenen Lebensform sei, stellten Klone – wozu Mitchell auch digitale Bilder zählt – &#8220;Abbilder ohne Urbilder&#8221; (112) dar. Obwohl der Klon für die Biologie einen Gattungsendpunkt markiere, würde das digitale Bild für die Bildwissenschaft eine Versöhnung zwischen Naturwissenschaften und Geisteswissenschaften ermöglichen.</p>
<p>Für den Filmemacher Peter Greenaway ist die Digitalisierung filmtechnisch ebenfalls mehr Segen als Gefahr, wie aus dem von Ulf Jensen aufgezeichneten Gespräch &#8220;Breaking the Frame. Peter Greenaways Thyssen-Vorlesung zur Ikonologie der Gegenwart an der Humboldt-Universität zu Berlin, Februar 2007&#8243; zwischen Regisseur und Publikum hervorgeht. Greenaways Traum ist es, Filme wie Leinwände zu behandeln, auf denen experimentiert wird, und dies sei nur durch die Digitalisierung des Kinos möglich: &#8220;Ich möchte ein Kino machen, das jedes Mal, wenn man es sieht, anders ist. [...] Ein nicht erzählendes, gegenwärtiges, nicht wiederholbares Kino&#8221; (122). Dieses Kino ähnele Videospielen, die jedes Mal anders gespielt würden und deren Ergebnis unvorhersehbar sei. Darin, so betont Greenaway, sei das Ideal einer filmischen &#8220;absoluten Gegenwart&#8221; (ebd.) zu sehen.</p>
<p>Der Abschlussbeitrag &#8220;Strategien gegen die Indifferenz. Vier Beispiele heutiger ästhetischer Produktion&#8221; des Museumsdirektors Armin Zweite setzt bei dem Befund an, dass gegenwärtige Kunstpraxis indifferent gegenüber dem Anspruch sei, alternative Sichtweisen zur Lebenspraxis zu liefern. Ausnahmen fänden sich bei Hans Haacke, Paul McCarthy, Bill Viola und Olafur Eliasson: &#8220;Bei den hier vorgestellten Protagonisten handelt es sich [...] um Bilderproduzenten, die auf hohem ästhetischem Niveau ein überindividuelles Anliegen verfolgen&#8221; (175). Denn diese Arbeiten entwickelten aufgrund ihrer Selbstreflexivität nicht nur Strategien gegen die Indifferenz, sondern bewirkten ebenfalls, dass sich der Betrachter ihnen gegenüber nicht indifferent verhalten könne, was Voraussetzung für &#8220;das Überleben der Werke in zukünftiger Vergangenheit&#8221; (ebd.) sei.</p>
<p>Die Beiträge zur Ikonologie der Gegenwart zeigen auf facettenreiche und teilweise unerwartete Weise, welche verschiedenartigen kulturellen Aspekte am <em>iconic turn</em> beteiligt sind. Indem renommierte Vertreter verschiedenster Fächer in diesem Buch zusammengebracht werden, wird die Absicht der Herausgeber umgesetzt, dem <em>iconic turn</em> diskursiv adäquat zu begegnen – sowie eine breite Leserschaft garantiert.</p>
<p><em>Links</em>:</p>
<ul>
<li><a href="http://www.fink.de/katalog/titel/978-3-7705-4726-5.html" target="_blank">Verlagsinformationen zum Buch</a></li>
<li><a href="http://www.eikones.ch/personen/detail/person/65/Gottfried_Boehm.html" target="_blank">Webpräsenz von Gottfried Boehm am NFS &#8220;Bildkritik&#8221; der Universität Basel</a></li>
<li><a href="http://www.kunstgeschichte.hu-berlin.de/mitarbeiterinnen/professorinnen/prof-dr-horst-bredekamp" target="_blank">Webpräsenz von Horst Bredekamp an der HU Berlin</a></li>
</ul>


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		<title>Michael Grisko (Hrsg.): Texte zur Theorie und Geschichte des Fernsehens</title>
		<link>http://www.rkm-journal.de/archives/1793</link>
		<comments>http://www.rkm-journal.de/archives/1793#comments</comments>
		<pubDate>Mon, 08 Mar 2010 12:22:59 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Redaktion</dc:creator>
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		<description><![CDATA[<em>Rezensiert von Herbert Schwaab</em>

<a href="http://www.rkm-journal.de/archives/1793"><img class="alignleft size-full wp-image-2496" title="Grisko2009" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2009/12/Grisko2009.jpg" alt="" width="160" height="247" /></a>Angesichts der gerade zu beobachtenden Veränderungen des Fernsehens durch das Internet und der Neukonfiguration seines Publikums ist die von Michael Grisko angebotene Sammlung von Texten, die sich mit der Theorie und Geschichte des Fernsehens beschäftigen, besonders hilfreich. Der Band konzentriert sich vorwiegend auf die Wiedergabe einer in Deutschland geführten ästhetischen und gesellschaftlichen Diskussion des Fernsehens. Aus diesem Grund erklärt sich die Abwesenheit wichtiger fernsehwissenschaftlicher Beiträge, die aus dem Umfeld der Cultural Studies stammen. Diese Konzentration lässt zwar befürchten, dass die in diesem Band dokumentierte Kritik von Theodor W. Adorno oder Günther Anders am Fernsehen keine Kontrastierung findet. Aber in der Lektüre zeigt sich, dass diese Konzentration auch die Möglichkeit bietet, der Genese bestimmter fernsehwissenschaftlicher und -kritischer Positionen beizuwohnen. Vor allem die Texte aus den Jahren, in denen sich das Medium zu formieren beginnt, liefern interessante Erkenntnisse über das 'Wesen' des Fernsehens. <a href="http://www.rkm-journal.de/archives/1793">[Mehr]</a>


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			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Rezensiert von Herbert Schwaab</em></p>
<p><a href="http://www.rkm-journal.de/archives/1793"><img class="alignleft size-full wp-image-2496" title="Grisko2009" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2009/12/Grisko2009.jpg" alt="" width="160" height="247" /></a>Angesichts der gerade zu beobachtenden Veränderungen des Fernsehens durch das Internet und der Neukonfiguration seines Publikums ist die von Michael Grisko angebotene Sammlung von Texten, die sich mit der Theorie und Geschichte des Fernsehens beschäftigen, besonders hilfreich. Der Band konzentriert sich vorwiegend auf die Wiedergabe einer in Deutschland geführten ästhetischen und gesellschaftlichen Diskussion des Fernsehens (10). Aus diesem Grund erklärt sich die Abwesenheit wichtiger fernsehwissenschaftlicher Beiträge, die aus dem Umfeld der Cultural Studies stammen. Diese Konzentration lässt zwar befürchten, dass die in diesem Band dokumentierte Kritik von Theodor W. Adorno oder Günther Anders am Fernsehen keine Kontrastierung findet. Aber in der Lektüre zeigt sich, dass diese Konzentration auch die Möglichkeit bietet, der Genese bestimmter fernsehwissenschaftlicher und -kritischer Positionen beizuwohnen. Vor allem die Texte aus den Jahren, in denen sich das Medium zu formieren beginnt, liefern interessante Erkenntnisse über das &#8216;Wesen&#8217; des Fernsehens. Es zeigt sich dabei auch, wie bestimmte Topoi oder Begriffe der Diskussion bis heute immer wiederkehren. Durch die Auswahl der Beitragenden, die von Physikern über Programmdirektoren bis zu Philosophen und Medienwissenschaftler reicht, und durch die hilfreiche Kommentierung ihrer Biografien durch den Herausgeber ergibt sich auch die Möglichkeit einer unterschiedlichen Perspektivierung des Gegenstandes. Diese unterschiedlichen Perspektivierungen sollen hier kurz zusammengefasst werden.</p>
<p>Bereits in den 1930er Jahren beschäftigt sich der Ingenieur Rudolf Thun mit den entscheidenden Unterschieden zwischen der häuslichen Rezeption des Fernsehens und der von Film im Kino, woran er Überlegungen zu einem eigens auf diese Rezeptionssituation abgestimmten Programm des Fernsehens anschließt. Diese Eigenständigkeit einer Fernsehästhetik, die sich aus seiner Sendeform ergibt, spielt in vielen der weiteren Texte eine Rolle – für Rudolf Arnheim in seinem 1936 veröffentlichten Text (als es Fernsehen nur in sehr beschränkten Ausmaß gab) allerdings auf negative Weise. Arnheim beschreibt nicht nur die Limitationen des Fernsehens gegenüber dem Film, sondern auch gegenüber dem Radio, weil dieses stärker auf Abstraktion und Vorstellungskraft beruhe als das Fernsehen (44). Allerdings zeigt sich auch eine große Ambivalenz in den sehr tief gehenden Gedanken Arnheims zum Fernsehen, dem er zum Beispiel auch das Potenzial attestiert, den Menschen gegenüber der Welt zu positionieren und seine Selbstbezogenheit in Frage zu stellen.</p>
<p>In den 1950er Jahren zeigt sich eine Teils euphorische, Teils sehr kritische Sicht auf das Fernsehen. Gerhard Eckert, ein Pionier der Fernsehwissenschaft und -kritik, preist den  Live-Charakter des Fernsehens, weil es einer im filmischen Produktionsprozess fragmentierten Darstellung wieder einen Zusammenhang gebe (81). Werner Pleister, Intendant des ersten westdeutschen Senders NWDR, bezeichnet in seinem Text &#8220;Deutschland wird Fernsehland&#8221; Fernsehen als eine &#8220;Sache der Welt&#8221; (89), womit sehr früh eine lokale Ausrichtung des Fernsehens ausgeschlossen und ein globaler, kosmopolitischer Charakter des Fernsehens herausgestellt wird. Günther Anders bestreitet dagegen in den Textauszügen aus <em>Die Antiquiertheit des Menschen</em> nicht nur den Gedanken, dass uns das Fernsehen zur Welt hinführe, sondern beschreibt auch ein Prinzip der Prägung des Menschen durch die Form der Vermittlung und nicht durch die Form der Inhalte. Hier zeigen sich Überschneidungen mit den Gedanken Marshall McLuhans, die auch in dem hier veröffentlichten Auszug aus <em>Die magischen Kanäle</em> zu finden sind: Es ist nicht das Programm und sein Inhalt, die massiv auf die Wahrnehmungsstruktur und die Psyche des Menschen einwirken, sondern das Fernsehbild (125). Aber im Unterschied zu Anders kritisiert McLuhan nicht nur das Fernsehen, sondern er macht auch auf die Potenziale einer vom Fernsehen ermöglichten neuartigen, taktilen, die Sinne zusammenführenden Wahrnehmungsform aufmerksam  (138).</p>
<p>In den 1970er Jahren scheint mit der Etablierung von Aufzeichnungstechniken der Live-Effekt des Fernsehens verblasst zu sein und eher negative Assoziationen zu wecken. Hans Gottschalk kritisiert die &#8220;Live-Ideologie&#8221; des Fernsehens und bedauert, dass der Horizont des Fernsehens häufig nicht über spärlich dekorierte Studiosets hinausreiche. Er fordert als späterer Fernsehspielchef des SDR eine sich am Film orientierende Kunst des Fernsehens, was auch dem Fernsehspielproduzenten Günter Rohrbach in dem 1979 veröffentlichten Text &#8220;Das Subventions-TV&#8221; sehr am Herzen liegt.  Allerdings könnten beide Medien voneinander profitieren: das Fernsehen durch die künstlerischen Impulse, die vom Film auf die große, unbewegliche, konservative Institution Fernsehen einwirken; und der Film durch das Geld, das er vom Fernsehen bekomme (178) – was nicht zuletzt einer der Gründe für den Erfolg des beim Publikum wenig erfolgreichen Neuen Deutschen Films gewesen ist.</p>
<p>Die 1970er Jahre bedeuten auch eine Politisierung der Diskussion um das Fernsehen, die neue Begriffe hervorbringt und einen wissenschaftlichen Gegenstand des Fernsehens konturiert. Das zeigt sich in Hans Magnus Enzensbergers Essay &#8220;Baukasten zu einer Theorie der Medien&#8221;, dessen Text im Zusammenhang mit Bestrebungen zu sehen ist, durch einen anderen Gebrauch des Mediums eine Gegenöffentlichkeit lokaler Medien zu schaffen. Ende der 1980er Jahre revidiert Enzensberger allerdings in dem ebenfalls in diesem Band veröffentlichten Aufsatz &#8220;Das Nullmedium&#8221; seine Ansicht über die emanzipatorischen Möglichkeiten des Fernsehens, schreibt jedoch der Inhaltsleere des Mediums – etwas gönnerhaft – auch ein meditatives Potenzial zu (219).</p>
<p>An dem Beitrag von Helmut Kreuzer, einem Pionier der deutschen Medienwissenschaft, zeigt sich, wie Fernsehen vor allem durch einen veränderten Kultur- und Medienbegriff und durch die Zuwendung zur Rezeptionsästhetik zu einem Gegenstand der Geisteswissenschaften werden konnte. In &#8220;Fernsehen als kulturelles Forum&#8221; von Horace M. Newcomb und Paul M. Hirsch offenbaren sich die Potenziale einer &#8216;verständnisvollen&#8217; – und nicht dunkel raunenden – Kulturwissenschaft. Dieser Beitrag begegnet dem Fernsehen alles andere als unkritisch und theoretische unfundiert,  aber durch die genaue Erfassung der Ästhetik, Institution und Adressierungsform des Fernsehens wird gezeigt, wie gerade die einfachen, unterhaltenden Formate zu einem öffentlichen Forum werden und für ein kognitiv reges Publikum widerstreitende Gefühle und Gedanken einer Gesellschaft repräsentieren können. Durch das Nebeneinanderstellen wird besonders deutlich, wie Neil Postman in <em>Wir amüsieren uns zu Tode</em> gerade dieses Differenzierungspotenzial des Zuschauers verleugnet und daher in dem Unterhaltungspostulat des Fernsehens einzig eine schädliche Wirkung auf dessen Wahrnehmungsstrukturen zu sehen vermag.</p>
<p>Mit dem Text von Hartmut Winkler zur Praktik des <em>switching</em> treten wir in die 1990er Jahre ein. Winkler interpretiert das hektische ungezielte Umschalten als einen gegen das Programm gerichteten interpretatorischen Akt, mit dem der Zuschauer sich Überraschungen verschaffe, gegen die Kontexte des Programms wende (226) und von der Reduktion auf die Rolle eines Adressaten befreie (230). Wie das Fernsehen unseren Alltag zeitlich strukturiert, wird in dem Text &#8220;Zeitrationalität der Fernsehnutzung&#8221; von Irene Neverla erfasst. Anders als Paul Virilio, der in seinem hier veröffentlichten Text nur von einer Zerstörung von Zeitlichkeit spricht, betrachtet Neverla Fernsehen als &#8220;sozialen Zeitgeber&#8221; (259) und beschreibt unterschiedliche Formen der zeitlichen Strukturierung unseres Alltags durch das Fernsehen. Vilém Flussers Plädoyer &#8220;Für eine Phänomenologie des Fernsehens&#8221; trägt einen neuen, eleganten, suggestiven Ton in der Auseinandersetzung mit dem Fernsehen bei – aber gleichzeitig auch wenig neue Ansichten. Vielmehr scheint Flusser ein Fernsehen zu imaginieren, das durch eine unformatierte und ungezielte Fokussierung auf die Wirklichkeit der in frühen Texten geäußerten Ansicht, dass das Fernsehen ein Fenster zur Welt sei, tatsächlich eine Bedeutung gibt (253).</p>
<p>Knut Hickethiers 1995 veröffentlichter Beitrag vereint unterschiedlichste Perspektiven der Medienwissenschaft zur genauen Bestimmung des Dispositivs des Fernsehens. Dabei werden beispielsweise die unterschiedlichen Rezeptionsoptionen und -haltungen der Zuschauenden im Zusammenspiel mit den Programmschemata ins Auge gefasst, wodurch Hickethier auf überzeugende Weise vor allem Einwände gegen allzu einseitige Beschreibungen der Wirkungsweisen des Fernsehens formuliert.  Der letzte Beitrag führt in einem Interview mit Niklas Luhmann zu dessen Arbeit <em>Realität der Massenmedien</em> in eine systemtheoretische Terminologie der Fernsehwissenschaft ein, die deren Gegenstandsfeld zu erweitern vermag, auch wenn die Neutralität und Objektivität dieser Terminologie sich vielleicht auch der Tatsache verdankt, dass  Luhmann, wie er selbst zugibt, nie ferngesehen hat &#8211; außer im Hotel (311).</p>
<p>Zumindest lässt sich für diesen Band feststellen, dass er nicht von der Betrachtung des Fernsehens abhält. Mit Vorsicht genossen und in dem Wissen, dass damit nicht alle Positionen zum Fernsehen abgedeckt sind, lassen sich mit dieser Sammlung, die auch eine detaillierte Chronologie des Fernsehens in Deutschland anbietet und in der Einleitung die Fernsehgeschichte resümiert, die Genese von Begriffen und Ansichten zum Fernsehen nachzeichnen. Dieser Rückblick auf eine (deutsche) Theoriegeschichte lädt nicht nur zur Relektüre und kritischen Evaluation einiger kanonischer Beiträge ein, sondern liefert auch wichtige Anregungen für eine Auseinandersetzungen mit den aktuellen Entwicklungen, die die Fernsehwissenschaft derzeit herausfordern.</p>
<p><em>Links</em>:</p>
<ul>
<li><a href="http://www.reclam.de/detail/978-3-15-018674-9?query=grisko" target="_blank">Verlagsinformationen zum Buch</a></li>
<li><a href="http://www-mw.uni-r.de/mitarbeiter-kontakt/wiss-mitarbeiter/" target="_blank">Webpräsenz von Herbert Schwaab an der Universität Regensburg</a></li>
</ul>


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		</item>
		<item>
		<title>Petra Grimm; Rafael Capurro (Hrsg.): Informations- und Kommunikationsutopien</title>
		<link>http://www.rkm-journal.de/archives/666</link>
		<comments>http://www.rkm-journal.de/archives/666#comments</comments>
		<pubDate>Mon, 01 Mar 2010 08:53:26 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Redaktion</dc:creator>
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		<description><![CDATA[<em>Rezensiert von Barbara Thomaß</em>

<a href="http://www.rkm-journal.de/archives/666"><img class="alignleft size-full wp-image-2392" title="Grimm&#38;Capurro2008" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2009/06/GrimmCapurro2008.jpg" alt="" width="160" height="225" /></a>Utopien können eine träumerisch-eskapistische Tendenz haben – dann stellen sie entrückte Gegenentwürfe zu zeitgenössischen Lebenserfahrungen dar; oder eine vorwärtsstrebende – dann suchen sie nach Möglichkeiten, Unbilden des Gegenwärtigen durch Alternativen zu überwinden, die erst unter zu erwartenden oder zu erhoffenden zukünftigen Bedingungen zu verwirklichen sind. Ebenso verhält es sich mit Kommunikationsutopien, die an den jeweils gegenwärtigen kommunikativen Bedingungen und Erfahrungen anknüpfen und dann über sie hinaus reichen. Insofern sind Kommunikationsutopien zeitabhängig. Sie verweisen auf Defizite, die Menschen in ihrer aktuellen kommunikativen Vernetzung erfahren. So können Kommunikationsutopien ein Schlüssel zum Verständnis von empfundenen Mängeln aktueller Verständigungsprozesse sein. <a href="http://www.rkm-journal.de/archives/666">[Mehr]</a>


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			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Rezensiert von Barbara Thomaß</em></p>
<p><a href="http://www.rkm-journal.de/archives/666"><img class="alignleft size-full wp-image-2392" title="Grimm&amp;Capurro2008" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2009/06/GrimmCapurro2008.jpg" alt="" width="160" height="225" /></a>Utopien können eine träumerisch-eskapistische Tendenz haben – dann stellen sie entrückte Gegenentwürfe zu zeitgenössischen Lebenserfahrungen dar; oder eine vorwärtsstrebende – dann suchen sie nach Möglichkeiten, Unbilden des Gegenwärtigen durch Alternativen zu überwinden, die erst unter zu erwartenden oder zu erhoffenden zukünftigen Bedingungen zu verwirklichen sind. Ebenso verhält es sich mit Kommunikationsutopien, die an den jeweils gegenwärtigen kommunikativen Bedingungen und Erfahrungen anknüpfen und dann über sie hinaus reichen. Insofern sind Kommunikationsutopien zeitabhängig. Sie verweisen auf Defizite, die Menschen in ihrer aktuellen kommunikativen Vernetzung erfahren. So können Kommunikationsutopien ein Schlüssel zum Verständnis von empfundenen Mängeln aktueller Verständigungsprozesse sein.</p>
<p>Ähnlich leitet Rafael Capurro den von ihm und Petra Grimm herausgegebenen Band 7 der Schriftenreihe &#8220;Medienethik&#8221; ein: Demnach können Utopien als positive Modelle zukünftigen sozialen Lebens verstanden werden oder als rückwärts gewandte oder auch impraktikable Vorstellungen. Angesichts der Tatsachen, dass gegenwärtige medientechnologische Entwicklungen immer schon die Zukunft kommunikativer Praktiken in sich bergen und dass sich angesichts solcher Zukunftsvorstellungen die Frage nach dem Gewinn und Verlust von Lebensqualität aufdrängt, macht die Einleitung neugierig. Es wird die Lust geweckt, auf essenzielle Fragen des heutigen und zukünftigen medialen Daseins einschließlich ihrer ethischen Implikationen, die doch häufig so alltagsnah sind, Antworten und theoretische Reflexionen zu finden. Doch um die Bewertung der Aufsätze vorweg zu nehmen: Diese Neugier wird nur sehr eingeschränkt befriedigt, weil die Autoren weniger Aufschluss über Defizite und Mängel aktueller und vergangener Kommunikationsverhältnisse und der darauf aufbauenden alternativen Möglichkeiten bereit stellen,  sondern vielmehr sehr subjektive Ein- und Ansichten zu oft wenig anregenden Nischenthemen geben.</p>
<p>Klaus Wiegerlings Darstellung zum <em>ubiquitous computing</em> mag noch eine aufschlussreiche Erörterung der Verheißungen und Gefahren einer Technologie sein, die alle Poren der Lebenswelt durchdringen könnte, weil er am Ende fordert, dass zu klären wäre, unter welchen Bedingungen <em>ubiquitous computing</em> Akzeptanz finden könnte. Doch dieser reizvolle Ansatz, aus Kommunikationsutopien Handlungsoptionen zu gewinnen, geht in den weiteren Aufsätzen verloren. Tassilo Pelligrini befragt das <em>semantic web</em> daraufhin, wie die Herstellung von Verständigung von Maschinensystemen im <em>semantic Web</em> als sozialer Prozess organisiert wird beziehungsweise  werden kann. Doch bleibt die ausgefeilte Darstellung der technischen Möglichkeiten des <em>semantic web</em> aufgrund der viel zu kurzen Behandlung des sozio-politischen Kontextes schwer vorstellbar und damit letztlich unergiebig.</p>
<p>Falko Blank gelingt es in seiner Gegenüberstellung vom &#8220;Mythos Medien&#8221; und &#8220;Medienmythen&#8221; nicht überzeugend, den Bezug zum Konzept der Utopie herzustellen. Darüber hinaus arbeitet er mit einem schwer fassbaren Mythenbegriff. Infolgedessen sind die Behauptungen und Andeutungen, in denen sich die Darstellung ergeht, schwer einer rationalen Überprüfung zu unterziehen.</p>
<p>In Filmen werden gerne Zeitreisen unternommen und Utopien ausgebreitet, und insofern lohnt es sich, eine Betrachtung dieses Mediums in einen Band über Kommunikationsutopien aufzunehmen. Doch Hans Krah betrachtet einen Filmkorpus mit Blick auf Endzeitwelten, dessen Auswahl sich dem cineastisch nicht Versierten überhaupt nicht erschließt. Zudem endet dieser in seiner Chronologie zu früh, als dass er dem vom Herausgeber angestrebten Ziel nahe käme. Uwe Jochums Überlegungen zur &#8220;digitalen Inversion des Karfreitagszaubers&#8221; und Thomas Nissmüllers &#8220;cybergnostischer Imperativ&#8221; sind Konzepte, die so hermetisch formuliert sind, dass – vor dem Hintergrund der eingangs formulierten Erwartungshaltung – nur Hilflosigkeit übrig bleibt.</p>
<p>Es ist überhaupt eine Schwäche der Mehrheit der Aufsätze, dass sie sich von ihrem utopischen Gegenstand so sehr gefangen nehmen lassen, dass es ihnen nicht gelingt, eine für Uneingeweihte nachvollziehbare Gegenstandsbeschreibung zu geben. Nun mag es das Wesen der Utopie als solcher sein, dass sie im Heute (noch) nicht fassbar ist. Doch für die eingangs genannte Fragestellung nach Gewinn und Verlust an Lebensqualität durch Kommunikation wäre eine präzise Fassung der gedachten utopischen Verhältnisse und Bedingungen schon notwendig gewesen.</p>
<p>Der Aufsatz von Manfred Lang lässt am Ende doch noch einiges von dem erkennen, was ein Band mit dieser Thematik hätte leisten können. Sein Abriss über die Geschichte informationspolitischer Utopien endet mit dem Plädoyer, dass informationspolitische Überlegungen einen Beitrag zu einer besseren Welt leisten mögen. Bei aller Relativierung, die dieser Autor seinen Überlegungen anfügt – dem ist nichts hinzuzufügen.</p>
<p>Vielleicht hat die Rezensentin eine zu enge Nützlichkeitsvorstellung von der Leistungsfähigkeit von Kommunikationsutopien. Daran ist, wie eingangs bemerkt, der Herausgeber nicht ganz unschuldig. Vielleicht wäre auch nur eine um mehr Klarheit bemühte Darstellung hilfreich gewesen, den faszinierenden Gegenstand überzeugender zu gestalten.</p>
<p><em>Links</em>:</p>
<ul>
<li><a href="http://www.steiner-verlag.de/titel/56861.html" target="_blank">Verlagsinformationen zum Buch</a></li>
<li><a href="http://www.hdm-stuttgart.de/grimm" target="_blank">Webpräsenz von Petra Grimm an der &#8220;Hochschule der Medien&#8221; Stuttgart</a></li>
<li><a href="http://www.capurro.de/" target="_blank">persönliche Homepage von Rafael Capurro</a></li>
<li><a href="http://www.ruhr-uni-bochum.de/ifm/seiten/03institut/mitarbeiter/thomass.htm" target="_blank">Webpräsenz von Barbara Thomaß an der Ruhr-Universität Bochum</a></li>
</ul>


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		<title>Ursula Amrein (Hrsg.): Das Authentische</title>
		<link>http://www.rkm-journal.de/archives/1525</link>
		<comments>http://www.rkm-journal.de/archives/1525#comments</comments>
		<pubDate>Fri, 26 Feb 2010 08:55:23 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Redaktion</dc:creator>
				<category><![CDATA[Einzelrezension]]></category>
		<category><![CDATA[Authentizität]]></category>
		<category><![CDATA[Echtheit]]></category>
		<category><![CDATA[Kunst]]></category>
		<category><![CDATA[Literaturwissenschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Moderne]]></category>
		<category><![CDATA[Originalität]]></category>
		<category><![CDATA[Referenz]]></category>
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		<category><![CDATA[Semiotik]]></category>
		<category><![CDATA[Wahrheit]]></category>

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		<description><![CDATA[<em>Rezensiert von Susanne Knaller</em>

<a href="http://www.rkm-journal.de/archives/1525"><img class="alignleft size-full wp-image-2374" title="Amrein2009_neu" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2010/03/Amrein2009_neu.jpeg" alt="" width="160" height="239" /></a>Der von der Zürcher Germanistin Ursula Amrein herausgegebene Sammelband <em>Das Authentische. Referenzen und Repräsentationen</em> geht zurück auf eine im April 2006 im <a href="http://www.csf.ethz.ch/index_DE" target="_blank">Centro Stefano Franscini</a> auf dem Monte Verità bei Ascona veranstaltete Tagung unter dem Titel "Das Authentische. Zur Konstruktion von Wahrheit in der säkularen Welt". Der Tagungsband bietet einen neuen Untertitel. Mit den Begriffen "Referenz" und "Repräsentation" ist dem ontologisch aufgeladenen Haupttitel ein semiotisches Moment an die Seite gestellt, das die dem Problemfeld "authentisch/Authentizität" inhärente Ambivalenz zwischen Konstruktivität und Transzendenz betont. Die einzelnen Artikel aus den Bereichen Philosophie, Kunst, Literaturwissenschaft, Medienwissenschaft, Soziologie, Theologie, Psychoanalyse, Neurologie, Übersetzungs- und Editionswissenschaft sind unterschiedlich positioniert. Dabei fällt auf, dass der titelgebende Begriff "das Authentische" in der Regel durch "Authentizität" ersetzt wird. <a href="http://www.rkm-journal.de/archives/1525">[Mehr]</a>


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			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Rezensiert von Susanne Knaller</em></p>
<p><a href="http://www.rkm-journal.de/archives/1525"><img class="alignleft size-full wp-image-2374" title="Amrein2009_neu" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2010/03/Amrein2009_neu.jpeg" alt="" width="160" height="239" /></a>Der von der Zürcher Germanistin Ursula Amrein herausgegebene Sammelband <em>Das Authentische. Referenzen und Repräsentationen</em> geht zurück auf eine im April 2006 im <a href="http://www.csf.ethz.ch/index_DE" target="_blank">Centro Stefano Franscini</a> auf dem Monte Verità bei Ascona veranstaltete Tagung unter dem Titel &#8220;Das Authentische. Zur Konstruktion von Wahrheit in der säkularen Welt&#8221;. Der Tagungsband bietet einen neuen Untertitel. Mit den Begriffen &#8220;Referenz&#8221; und &#8220;Repräsentation&#8221; ist dem ontologisch aufgeladenen Haupttitel ein semiotisches Moment an die Seite gestellt, das die dem Problemfeld &#8220;authentisch/Authentizität&#8221; inhärente Ambivalenz zwischen Konstruktivität und Transzendenz betont. Die einzelnen Artikel aus den Bereichen Philosophie, Kunst, Literaturwissenschaft, Medienwissenschaft, Soziologie, Theologie, Psychoanalyse, Neurologie, Übersetzungs- und Editionswissenschaft sind unterschiedlich positioniert. Dabei fällt auf, dass der titelgebende Begriff &#8220;das Authentische&#8221; in der Regel durch &#8220;Authentizität&#8221; ersetzt wird.</p>
<p>Sehr anschaulich zeigt Peter Sprengel in seinem Beitrag &#8220;Der Authentizitätsdiskurs der literarischen Moderne. Von Heinrich Heine bis Hubert Fichte, mit einem einleitenden Diskurs zum &#8216;Literarischen Quartett&#8217;&#8221;, dass Authentizität vielfach als ein nicht weiter erläuterungsbedürftiger Argumentationsstoppbegriff verwendet wird. Nicht zwischen referenzieller  Bezugnahme und ästhetischer Wertzuschreibung unterschieden, verliert der Begriff jede Analysekraft.</p>
<p>Den begrifflichen Klärungsversuchen von Peter Sprengel stehen Beiträge gegenüber, die jene Facetten von Authentizität, die erst im 20. Jahrhundert entwickelt worden sind, retrospektiv auf das 18. und 19. Jahrhundert übertragen. Erklären lässt sich dieser häufig anzutreffende Ansatz damit, dass die gegenwärtig konstanten Bedeutungen von &#8220;authentisch/Authentizität&#8221; – wahrhaftig, eigentlich, unvermittelt, unverstellt, unverfälscht, verbürgt, verbindlich – als Zusammenspiel zweier Entwicklungen begriffen werden müssen: Zum einen handelt es sich um eine Synonymisierung von &#8220;authentisch/Authentizität&#8221; mit Begrifflichkeiten aus der Philosophie und Ästhetik des 18. und 19. Jahrhunderts (<em>sincerité</em>, <em>naivité</em>, <em>vrai</em> etc.), zum anderen um eine Metaphorisierung oder Abstrahierung der Bedeutungsfacetten aus juridischen und theologischen Diskursen (&#8220;auf einen Urheber bezogen&#8221;, &#8220;beglaubigt&#8221;). In diesem Komplex sind Realitäts- und Subjektkonzepte enthalten, die es schließlich im 20. Jahrhundert ermöglichen, mit Authentizität einen Geltungs- und Wertbegriff zu installieren, der als Vermittlungsbegriff zwischen Empirischem, Form und Transzendenz fungieren kann (vgl. Knaller 2007: 19f.).</p>
<p>So postuliert auch die Herausgeberin zunächst Echtheit als entscheidende semantische Facette: &#8220;Was als authentisch qualifiziert wird, trägt das Siegel der Wahrheit, gilt als echt, steht ein für eine nicht hintergehbare Realität&#8221; (9). Dass der Begriff weit darüber hinausgeht, wird wenig später eingestanden, wenn von nahezu uneingeschränkter Anwendbarkeit die Rede ist (10).</p>
<p>Authentizität lässt sich deshalb auch auf die Bilder der neuen Medien beziehen, wie der Beitrag Villö Huszais anhand der künstlerischen Arbeiten von Monica Studer und Christoph van der Berg zeigt. Die im Zusammenhang mit der Originalitätsfrage oftmals diskutierte <em>Appropriation Art</em> und das changierende Verhältnis zwischen Original und Kopie, Echtheit und Fälschung/Reproduktion analysiert Kornelia Imesch unter anderem am Beispiel von Urs Lühti, Sherrie Levine und Richard Prince. Kunst würde trotz ihrer Ambiguitäten auch hier einen Wahrheitscharakter und Beglaubigungsvorgang voraussetzen, der sich schon in den mittelalterlichen Verwendungsweisen finden lässt. Tatsächlich meint in der mittelalterlichen Theologie &#8220;Echtheit&#8221; im Sinne von &#8220;authenticus&#8221; nicht &#8220;original&#8221;, sondern einfach &#8220;wahr&#8221;, &#8220;autoritativ beglaubigt&#8221;. Zu fragen wäre allerdings, aus welcher Beglaubigungsperspektive die Arbeiten von Cindy Sherman oder Richard Prince zu authentischen im Sinne von wahrhaftig künstlerischen/auratischen werden. Anders ausgedrückt: Offen bleibt, <em>wer</em> bzw. <em>welche</em> Institution <em>wie</em> Authentizität zuspricht.</p>
<p>Das Transzendenzpotenzial  des Begriffs diskutiert ebenfalls der Beitrag von Cornelia Herberich &#8220;Ereignis und Wahrheit. Authentisierungsstrategien inspirierter Rede in Mechthilds von Magdeburg &#8216;Das fließende Licht der Gottheit&#8217;&#8221;. Auf überzeugende Weise kann die Verfasserin demonstrieren, dass die Beglaubigungsinstanzen Schrift und Gott in der mystischen Literatur auf eine stark performative Form zurückgreifen müssen, um den Rezeptionsvorgang zur Beglaubigungsinstanz werden zu lassen. Auf diese Weise wird einerseits die Nachträglichkeit der Darstellung in Präsenz überführt, andererseits die Verschriftlichung transzendiert, indem das Ereignis der Schauung wiedererfahrbar wird.</p>
<p>Generell lässt sich feststellen, dass authentisch in mehrfacher Weise als realistisch verstanden werden kann: im referenziellen Sinn, indem der Begriff auf eine vorgängige Sache verweist. Unmittelbarkeit und Präsenz drückt er in Verfahren eines &#8220;effet de réel&#8221; (in realistischen Formen etwa), als manipulativ einsetzbarer Persuasionsakt (in den Medien), als &#8216;autonomer&#8217; Erfahrungsakt (in der Kunst) aus. Diese realistischen Authentizitätsstrategien sind in der Kunst ebenso wie in den Medien zu finden.</p>
<p>Der Beitrag von Martin Lunginbühl schildert die Entwicklung von Authentizitätsstrategien in den Fernsehnachrichten der USA und in Europa. Dabei führt er aus, inwieweit innerhalb der neueren Nachrichtenformate durch die Instanz des Augenzeugen oder das Mittel des Vor-Ort-Seins Präsenzeffekte erzeugt werden, die ein wesentliches Beglaubigungsmoment darstellen.</p>
<p>Diesem semiotischen Ansatz entgegengesetzt, erkennt Ursula Amrein in ihrem Beitrag eine &#8220;Wiederkehr des Realen&#8221; (349). Über Botho Strauss&#8217; Vorstellung einer sich in der Literatur ereignenden Wahrheit, die gleich der Kraft eines Blitzes Präsenz garantiere, findet sich Authentizität als sakrale Figur wieder, mithilfe der es gelingen soll, einer Zeit entgegenzuwirken, die das Sakrale, den Mythos und die Nation preisgegeben habe (348). Der Gefahr dieses Modells, nämlich unverkennbar &#8220;antidemokratischen, voraufklärerischen und sakralen Denkfiguren einer aus der Moderne gegen die Moderne gerichteten Kulturkritik verpflichtet&#8221; zu sein (ebd.), entgeht in der Auffassung der Verfasserin der Text, indem er sich als Dokument einer verdrängten Tradition zu erkennen gebe. Die im Modus der Autobiografie präsentierte Erzählung greife zurück &#8220;auf das Archiv einer sich um 1900 ausdifferenzierenden Kulturkritik sowie der vormodernen Idyllendichtung&#8221; und stelle sich &#8220;im Gestus der Konservativen Revolution gegen ihre Zeit&#8221; (349). Damit werden im Kontext der sich abzeichnenden Konjunktur der Rede vom Authentischen und der Wiederkehr des Realen Bilder einer anderen und besseren Welt erzeugt, die in ihrem Verheißungsanspruch selbst nach kritischer Befragung verlangen (ebd.).</p>
<p>Nun stehen diesem kulturkonservativen utopischen Ansatz viele Hindernisse im Wege – Diskurse der Moderne selbst, kulturelle, wissenschaftliche und philosophische Leistungen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, die medialen Entwicklungen seit den 1980er Jahren. Das zeigt Hugo Aust, indem er versucht, Realitätsbegriffe auf unterschiedliche Bild- und Kunstarbeiten zu beziehen.</p>
<p>Trotz interessanter Artikel, die unter den Kapiteln &#8220;Wirklichkeiten&#8221;, &#8220;Autorschaft&#8221;, &#8220;Glaubwürdigkeit&#8221;, &#8220;Schrift und Offenbarung&#8221; sowie &#8220;Kulturkritik&#8221; geordnet sind, bleiben Desiderata bestehen. So verzichtet die Herausgeberin auf jegliche Diskussion der Forschungssituation. An keinem Punkt findet eine explizite Auseinandersetzung mit klassischen (Lionel Trilling, Charles Taylor) wie neuen Texten der Authentizitätsforschung (Jan Berg, Susanne Knaller, Harro Müller, Eberhard Ostermann, Michael Wetzel und andere) statt, auch werden Übernahmen von Konzepten nur sehr unzulänglich vermerkt, wie überhaupt nur wenige Arbeiten genannt werden. Texte, die nach 2006 erschienen sind, wurden nicht mehr zur Kenntnis genommen. Insofern ist auch die Feststellung, man würde sich mit der Frage nach Referenzen und Repräsentationen zwei Aspekten widmen, die in der Forschung noch nicht als Kategorien reflektiert worden seien, eine pure Behauptung und angesichts der Forschungslage schlichtweg falsch.</p>
<p>Ärgerlich ist, dass sich ein Sammelband, der sich einer Begriffsdiskussion verschreibt, diese an keiner einzigen Stelle der Einleitung ernsthaft betreibt: &#8220;Das Authentische&#8221; wird umstandslos mit &#8220;Authentizität&#8221; synonym gesetzt. Weder wird die Differenz zwischen &#8220;das Authentische&#8221; und &#8220;Authentizität&#8221; bestimmt noch der Begriff &#8220;Authentizität&#8221; einer genauen Begriffsanalyse unterzogen. Überraschend ist auch die Tatsache, dass gerade die stark eingeforderte kulturkritische Frage nur oberflächlich behandelt wird. Auch dazu liegen einige wichtige Schlüsseltexte vor, die nicht genannt, geschweige denn diskutiert werden (etwa Theodor W. Adorno, Christopher Lasch, Richard Sennett, Daniel Bell, Jürgen Habermas oder Alessandro Ferrara)<em>.</em></p>
<p><em></em><em>Literatur</em>:</p>
<ul>
<li>Knaller, S.: <em>Ein Wort aus der Fremde. Geschichte und Theorie des Begriffs Authentizität</em>. Heidelberg [Universitätsverlag Winter] 2007.</li>
</ul>
<p><em>Links</em>:</p>
<ul>
<li><a href="http://www.chronos-verlag.ch/php/book_latest-new.php?book=978-3-0340-0850-1&amp;type=Kurztext&amp;access=Liste" target="_blank">Verlagsinformationen zum Buch</a></li>
<li><a href="http://www.ds.uzh.ch/Institut/Mitarbeitende/index.php?detail=4" target="_blank">Webpräsenz von Ursula Amrein an der Universität Zürich</a></li>
<li><a href="http://www.uni-graz.at/~knaller/site.php?show=1" target="_blank">Webpräsenz von Susanne Knaller an der Universität Graz</a></li>
</ul>


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		<title>Anja Johanning: Kompetenzentwicklung im Internet</title>
		<link>http://www.rkm-journal.de/archives/1612</link>
		<comments>http://www.rkm-journal.de/archives/1612#comments</comments>
		<pubDate>Wed, 24 Feb 2010 09:00:22 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Redaktion</dc:creator>
				<category><![CDATA[Einzelrezension]]></category>
		<category><![CDATA[Community]]></category>
		<category><![CDATA[Internet]]></category>
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		<description><![CDATA[<em>Rezensiert von Matthias Berg</em>

<a href="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2009/10/Johanning2009.jpg"><img class="alignleft size-full wp-image-2342" title="Johanning2009" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2009/10/Johanning2009.jpg" alt="" width="160" height="226" /></a>Mit <em>Kompetenzentwicklung im Internet</em> präsentiert Anja Johanning die Ergebnisse ihres Dissertationsprojektes, in dem sie sich mit organisationsübergreifenden<em> Online-Communities of Practice</em> auseinandergesetzt hat. Diese werden definiert als "informelle, berufsbezogene Personengruppen, die ein gemeinsames Anliegen in Form von ähnlichen Problemstellungen oder einer gemeinsamen Leidenschaft für spezifische Themen aus dem Arbeitsalltag teilen" und sich darüber im Internet austauschen (83). Ziel der Studie ist die Klärung der übergeordneten Forschungsfrage nach der Rolle, die eben jene internetbasierten Praxisgemeinschaften bei der Entwicklung individueller Kompetenzen ihrer Mitglieder einnehmen. Dieser Zielsetzung geht Johanning mittels einer im Mehrmethodendesign angelegten Fallstudie zu <em>sekretaria.de</em>, einem Internetforum (überwiegend) für Sekretärinnen, nach. Dabei nimmt sie eine kommunikationswissenschaftliche Perspektive ein, die sie um Ansätze aus den Bereichen der Tätigkeitspsychologie und (Berufs-)Pädagogik erweitert. <a href="http://www.rkm-journal.de/archives/1612">[Mehr]</a>


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			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Rezensiert von Matthias Berg</em></p>
<p><a href="http://www.rkm-journal.de/archives/1612"><img class="alignleft size-full wp-image-2342" title="Johanning2009" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2009/10/Johanning2009.jpg" alt="" width="160" height="226" /></a>Mit <em>Kompetenzentwicklung im Internet</em> präsentiert Anja Johanning die Ergebnisse ihres Dissertationsprojektes, in dem sie sich mit organisationsübergreifenden<em> Online-Communities of Practice</em> auseinandergesetzt hat. Diese werden definiert als &#8220;informelle, berufsbezogene Personengruppen, die ein gemeinsames Anliegen in Form von ähnlichen Problemstellungen oder einer gemeinsamen Leidenschaft für spezifische Themen aus dem Arbeitsalltag teilen&#8221; und sich darüber im Internet austauschen (83). Ziel der Studie ist die Klärung der übergeordneten Forschungsfrage nach der Rolle, die eben jene internetbasierten Praxisgemeinschaften bei der Entwicklung individueller Kompetenzen ihrer Mitglieder einnehmen. Dieser Zielsetzung geht Johanning mittels einer im Mehrmethodendesign angelegten Fallstudie zu <a href="http://www.sekretaria.de/" target="_blank"><em>sekretaria.de</em></a>, einem Internetforum (überwiegend) für Sekretärinnen, nach. Dabei nimmt sie eine kommunikationswissenschaftliche Perspektive ein, die sie um Ansätze aus den Bereichen der Tätigkeitspsychologie und (Berufs-)Pädagogik erweitert.</p>
<p>Nach einer einleitenden Hinführung zum Thema vertieft die Autorin im zweiten Teil der Arbeit die grundlegenden Konzepte <em>Kompetenz,</em> bzw. der Entwicklung selbiger in Lernprozessen, und <em>Community of Practice</em> sowie deren (kommunikative) Eigenschaften in ihrer Erscheinungsform als Online-Vergemeinschaftung. So sind unter Kompetenzen &#8220;Selbstorganisationsdispositionen&#8221; zu fassen (26), deren personale, methodisch-fachliche und sozial-kommunikative Ausprägungen bezogen auf individuelle Handlungskontexte betrachtet werden sollen (vgl. 44f.).</p>
<p>Den Kern der Publikation bildet die Darstellung der empirischen Arbeit. Ausgiebig legt Johanning dabei ihr Untersuchungsdesign und das methodische Vorgehen dar, angefangen bei einer strukturierten Erhebung von 59 organisationsübergreifenden Online-Communities of Practice (vgl. Kapitel 12), aus denen sich <em>sekretaria.de</em> auf nachvollziehbare Art und Weise als &#8220;idealtypisches&#8221; Fallbeispiel (164) herauskristallisiert – unter anderem wegen der Berufsgruppenspezifik und des dort aktiv stattfindenden Austauschs mittels asynchroner Forums-Kommunikation. Im nächsten Schritt erschließt Johanning den groben Rahmen der Angebotsstruktur von <em>sekretaria.de</em>, bevor sie sich einer Auswahl von Forums-Threads quantitativ inhaltsanalytisch widmet. Das zentrale Moment bilden aber 13 problemzentrierte und leitfadengestützte Telefoninterviews mit Nutzerinnen der Plattform, die vor allem Gründe für die Zuwendung sowie Aspekte längerfristiger Effekte auf die individuelle Kompetenzentwicklung der Befragten thematisieren.</p>
<p>Als Gründe für die Zuwendung zu <em>sekretaria.de</em> werden unter anderem die Suche nach Unterstützung bei nicht selbstständig lösbaren Problemen im Arbeitsalltag, aber auch private Anliegen herausgearbeitet (vgl. 212ff.), solange die Thematiken als nicht zu vertraulich empfunden werden (vgl. 216ff.). Abschließend stellt Johanning heraus, dass <em>sekretaria.de</em> als Online-Community of Practice von den Nutzerinnen vor allem für die Entwicklung von personalen (z. B. mit Unsicherheiten umgehen, berufliche Reflexion, Selbstbestätigung) und fachlich-methodischen (z. B. optimiertes Fachwissen, Situationsbeurteilung, Aktualität) Kompetenzen und wegen der  Möglichkeit individuellen Kompetenzmanagements geschätzt wird (vgl. 255ff.). Leider vergisst die Autorin über die sehr detaillierte, aber auch recht fragmentarisch anmutende Darstellung ihrer Ergebnisse, die in ein uses &amp; gratification-orientiertes Kommunikationsprozessmodell münden (vgl. 270), die Gewichtung selbiger. Eine reflektierende Abschlussdiskussion mit Rückbezug auf den sorgfältig konstruierten Theorieteil bleibt sie dem Leser schuldig.</p>
<p>Insgesamt besteht der Hauptverdienst der vorliegenden Publikation einerseits in der Aufbereitung eines pädagogisch fundierten Kompetenzkonzeptes – das nicht einfach bei einer verkürzten Medienkompetenz-Diskussion stehen bleibt – und andererseits in dessen kommunikationswissenschaftlicher Operationalisierung im Rahmen einer soliden Empiriearbeit, auch wenn sich hierbei einige Unsauberkeiten ergeben. So stellt sich die Frage nach der Tragfähigkeit einer strikten Unterteilung von Nutzungssituationen in &#8220;Instrumentelle&#8221; und &#8220;Ritualisierte Zuwendung&#8221; (212f. und passim; vgl. hierzu Schweiger 2007: 108) oder des Bezugs auf die Zahl von über 20.000 Mitgliedern (i. e. registrierte User), für die die Community etwas pauschal &#8220;ein integraler Bestandteil des privaten und beruflichen Alltags&#8221; sei (192). Abschließend bilanziert Johanning aber korrekt den kommunikativen Wandel im Rahmen der Web 2.0-Diskussion, wobei sie mit ihrer Untersuchung durchaus zeigen kann, dass das Web auch vor O’Reilly schon &#8217;social&#8217; war (vgl. hierzu auch Schmidt 2009).</p>
<p><em>Literatur:</em></p>
<ul>
<li>Schmidt, J.: <em>Das neue Netz. Merkmale, Praktiken und Folgen des Web 2.0</em>. Konstanz [UVK] 2009.</li>
<li>Schweiger, W.: <em>Theorien der Mediennutzung. Eine Einführung.</em> Wiesbaden [VS] 2007.</li>
</ul>
<p><em>Links:</em></p>
<ul>
<li><a href="http://www.nomos-shop.de/trefferListe.aspx?action=author&amp;author=10334" target="_blank">Verlagsinformationen zum Buch</a></li>
<li><a href="http://ifbm.fernuni-hagen.de/lehrgebiete/embifo/team/dr-anja-johanning" target="_blank">Webpräsenz von Anja Johanning an der Fernuniversität Hagen</a></li>
<li><a href="http://www.imki.uni-bremen.de/deutsch/mitglieder/alphabetische-liste.html?tx_jshuniversity_pi2[showUid]=493&amp;cHash=d3625213dc" target="_blank">Webpräsenz von Matthias Berg an der Universität Bremen</a></li>
</ul>


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		<title>Christian Papsdorf: Wie Surfen zu Arbeit wird</title>
		<link>http://www.rkm-journal.de/archives/1539</link>
		<comments>http://www.rkm-journal.de/archives/1539#comments</comments>
		<pubDate>Sun, 21 Feb 2010 09:00:11 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Redaktion</dc:creator>
				<category><![CDATA[Einzelrezension]]></category>
		<category><![CDATA[Crowdsourcing]]></category>
		<category><![CDATA[Hermeneutik]]></category>
		<category><![CDATA[Internet]]></category>
		<category><![CDATA[Medien]]></category>
		<category><![CDATA[Open Source]]></category>
		<category><![CDATA[Software]]></category>

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		<description><![CDATA[<em>Rezensiert von Christian Pentzold</em>

<a href="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2009/10/papsdorf2009.jpg"><img class="alignleft size-full wp-image-2248" title="Papsdorf-4.indd" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2009/10/papsdorf2009.jpg" alt="" width="160" height="244" /></a>Will man sich einen Überblick über die internetbasierten Beziehungen zwischen Unternehmen und Kunden machen, so trifft man auf eine Reihe von Ausdrücken wie etwa "mass collaboration", "open innovation" oder "mass customization", deren konzeptionelle Tragfähigkeit und empirische Relevanz zunächst fraglich ist. Eine diesbezügliche Klärung verspricht die 2009 veröffentlichte Diplomarbeit von Christian Papsdorf. Der Fokus des Buches liegt dabei auf dem Phänomen des Crowdsourcing. Die Arbeit gliedert sich im Groben in zwei Teile entsprechend der beiden verfolgten Fragestellungen. Der erste Teil hat zum Ziel, eine Definition von Crowdsourcing zu entwickeln (Kap. 2) und es dementsprechend theoretisch zu verorten (Kap. 3). Hierzu unternimmt der Autor zuerst eine qualitativ-explorative Untersuchung von exemplarischen Fällen, welche anschließend zu fünf Modi kategorisiert werden. <a href="http://www.rkm-journal.de/archives/1539">[Mehr]</a>


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			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Rezensiert von Christian Pentzold</em></p>
<p><a href="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2009/10/papsdorf2009.jpg"><img class="alignleft size-full wp-image-2248" title="Papsdorf-4.indd" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2009/10/papsdorf2009.jpg" alt="" width="160" height="244" /></a>Will man sich einen Überblick über die internetbasierten Beziehungen zwischen Unternehmen und Kunden machen, so trifft man auf eine Reihe von Ausdrücken wie etwa &#8220;mass collaboration&#8221;, &#8220;open innovation&#8221; oder &#8220;mass customization&#8221;, deren konzeptionelle Tragfähigkeit und empirische Relevanz zunächst fraglich ist. Eine diesbezügliche Klärung verspricht die 2009 veröffentlichte Diplomarbeit von Christian Papsdorf. Der Fokus des Buches liegt dabei auf dem Phänomen des Crowdsourcing. Die Arbeit gliedert sich im Groben in zwei Teile entsprechend der beiden verfolgten Fragestellungen. Der erste Teil hat zum Ziel, eine Definition von Crowdsourcing zu entwickeln (Kap. 2) und es dementsprechend theoretisch zu verorten (Kap. 3). Hierzu unternimmt der Autor zuerst eine qualitativ-explorative Untersuchung von exemplarischen Fällen, welche anschließend zu fünf Modi kategorisiert werden.</p>
<p>Daraus leitet Papsdorf eine Definition des Phänomens ab. Er bestimmt es als &#8220;Strategie des Auslagerns einer üblicherweise entgeltlich erbrachten Leistung durch eine Organisation oder Privatperson mittels eines offenen Aufrufs an eine Masse von unbekannten Akteuren&#8221;, wobei die Organisationen bzw. Privatpersonen und/oder die User stets &#8220;frei verwertbare und direkte wirtschaftliche Vorteile&#8221; (69) erlangen sollen.</p>
<p>Vorteil einer solchen Definition ist zum einen, durch die Betonung der kommerziellen Verfasstheit der Externalisierung von Leistungen das Crowdsourcing von anderen Formen netzbasierter Kooperation abzugrenzen, welche nicht auf die Erringung eines ökonomischen Vorteils fokussieren. Zum anderen beschränkt die Definition das Phänomen nicht auf den Online-Bereich, sondern sieht auch andere Wege der Ansprache und Auslagerung. Darüber hinaus umgeht die Definition eine einseitige Verengung auf gewinnorientierte Interessen von Wirtschaftsunternehmen, welche durch Auslagerung von Tätigkeiten ihre Kosten reduzieren und Erträge steigern wollen. Dagegen vermeidet diese Begriffsbestimmung ein zu enges Verständnis des Phänomens als Ausbeutung, sondern hält die Möglichkeit offen, dass auch die freiwillig teilnehmenden User wirtschaftliche Interessen verfolgen.</p>
<p>Ebenfalls plausibel ist Papsdorfs Typologisierung verschiedener Ausprägungen des Crowdsourcing. So unterscheidet er den Modus des offenen Ideenwettbewerbs, ergebnisorientierte virtuelle Microjobs, userdesignbasierte Massenfertigung, userbetriebene Ideenplattformen und die indirekte Vernutzung von Usercontent.</p>
<p>Die Wahl einer an Oevermanns objektiven Hermeneutik angelegten Exploration und Kategorisierung ist vor dem Hintergrund des zunächst unklaren Phänomenbereichs überzeugend, doch hätte das methodische Vorgehen hierbei weiter ausgeführt werden können. So ist nicht klar, ob die fünf detailliert vorgestellten und den fünf Typen entsprechenden Fälle (Dell Idea Storm, InnoCentive, Spreadshirt, Crowdspirit, BILD Leserreporter) den Ausgangspunkt für die Interpretation bildeten, oder nur als besonders exponierte Beispiele zu Darstellungszwecken ausgewählt wurden. Auch hätte man gern mehr über die 40 Crowdsourcing-Beispiele erfahren, auf welchen die Analyse beruht. Hier belässt es die Arbeit bei dem Hinweis, dass auf Grundlage einer ausführlichen Webrecherche eine Vielzahl an Fällen identifiziert und über das Vorgehen der minimalen/maximalen Variation einbezogen wurden.</p>
<p>Im sich an die Definition anschließenden Teil verortet Papsdorf das Crowdsourcing zunächst gesellschaftstheoretisch hinsichtlich des Wandels von der Industrie- zur Informationsgesellschaft und der von Castells postulierten netzwerkartigen Produktionsprozesses. Besonders aufschlussreich sind überdies die von ihm vorgestellten komplementären Interpretationen des Crowdsourcing aus Sicht der Unternehmen und der User. Papsdorf kann hier zeigen, dass das Phänomen, konzentriert man sich auf die Initiatoren, als Spielart einer systemischen Rationalisierungsstrategie gedeutet werden kann. Hinsichtlich der User nutzt Papsdorf die These des &#8220;Arbeitenden Kunden&#8221;, wonach konsumtive Tätigkeiten zunehmend gebrauchswertschaffend sind. Plausibel kann Papsdorf hier aus der von ihm gelieferten Definition eine Erweiterung des Modells herleiten: Im Crowdsourcing sind Nutzer nicht nur arbeitende Kunden, welche durch ihre Produktionsleistung Kostenersparnisse für Unternehmen erbringen, sondern die Beziehung zwischen Unternehmen oder Organisationen und Usern wird zum Teil völlig vom konkreten Konsumakt entkoppelt. Gerade indem User nicht Kunden sein müssen, entfaltet Crowdsourcing sein Potential, die arbeitsinhaltliche Dimension zu expandieren.</p>
<p>Der zweite Teil der Arbeit hat das Ziel, die Motivation der arbeitenden User zu klären (Kap. 4). Anders als diese Frage überlicherweise angegangen wird, greift Papsdorf hier nicht auf eine Befragung zurück. Stattdessen nimmt er an, die Tätigkeit erfolge vor einem Horizont geteilter Werte und Normen. Die in der Selbstdarstellungen von Crowdsourcing-Projekten häufig angesprochenen Ideale Autonomie, Kreativität und Selbstverwirklichung interpretiert er im Sinne von Boltanski/Chiapellos neuen Geist des Kapitalismus als rhetorisches Instrument, um zum freiwilligen Engagement in einer häufig gewinnorientierten Unternehmung zu motivieren. Kann man dies noch anhand der von ihm gelieferten Beispiele nachvollziehen, so ist die von ihm weiterhin gemachte Verknüpfung mit einer spezifischen Kultur des Internets nicht einsichtig. Zwar geht er auf verschiedene Kontexte der Entstehung von Idealen wie Offenheit, Freiheit und Antikommerzialität ein, doch gerät er damit in Widerspruch zur von ihm vorlegten Definition des Crowdsourcings als stets auf ökonomischen Vorteil ausgerichtet. Die Arbeit löst das Problem, indem sie behauptet, die Initiatoren würden die Werte womöglich nicht selbst praktizieren, sondern mimikrieren, um User anzusprechen.</p>
<p>Auf diesem Weg aber wird die in der Definition geöffnete Perspektive hin zu Usern als ebenfalls gewinnorientiert Handelnde jedoch wiederum verkürzt auf die Dichotomie zwischen kapitalistischen Unternehmen und idealistischen Freiwilligen, denen der ökonomische Charakter umdefiniert oder verschleiert werden muss. Zwar verweist Papsdorf auf die Möglichkeit der Bezahlung von Userarbeit, doch scheint die Konstrastierung mit der Free/Open Source Szene als zu stark. Gerade die Komplexität der Produktion freier Software, welche nicht nur antikapitalistisch erfolgt, zeigt auf, dass netzbasiertes Zusammenwirken nicht auf einem homogenen Wertefundament basiert.</p>
<p>Ingesamt gesehen ist die Arbeit trotz dieser offenen Fragen als wichtige und konstruktive Bestimmung des Feldes zu empfehlen. Ihr zentraler Wert liegt in der Systematisierung und soziologischen Einordnung des Phänomens Crowdsourcing.</p>
<p><em>Links:</em></p>
<ul>
<li><a href="http://www.campus.de/wissenschaft/soziologie/Wie+Surfen+zu+Arbeit+wird.85984.html" target="_blank">Verlagsinformationen zum Buch</a></li>
<li><a href="http://www.papsdorf.net/" target="_blank">persönliche Homepage von Christian Papsdorf</a></li>
<li><a href="http://christianpentzold.de/?p=10045" target="_blank">persönliche Homepage von Christian Pentzold</a></li>
</ul>


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		<title>Annette Siemes: Zahlen in Medienangeboten</title>
		<link>http://www.rkm-journal.de/archives/1591</link>
		<comments>http://www.rkm-journal.de/archives/1591#comments</comments>
		<pubDate>Thu, 18 Feb 2010 09:00:45 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Redaktion</dc:creator>
				<category><![CDATA[Einzelrezension]]></category>
		<category><![CDATA[Kommunikation]]></category>
		<category><![CDATA[Medienangebote]]></category>
		<category><![CDATA[Systemtheorie]]></category>
		<category><![CDATA[Zahlen]]></category>
		<category><![CDATA[Zahlensysteme]]></category>

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		<description><![CDATA[<em>Rezensiert von Wiebke Loosen</em>

<a href="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2009/10/siemes20091.jpg"><img class="alignleft size-full wp-image-2298" title="siemes2009" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2009/10/siemes20091.jpg" alt="" width="160" height="237" /></a>Zahlen in Medienangeboten sind aus der journalistischen Berichterstattung nicht wegzudenken und spielen unter anderem eine zentrale Rolle bei der Darstellung von Umfrageergebnissen, Wirtschaftsdaten und Grafiken. Auf derart anwendungsorientierte Beispiele zielt die Arbeit von Annette Siemes, die 2008 an der TU Chemnitz als Dissertation angenommen wurde, allerdings nicht unmittelbar ab. Ihr geht es sehr viel grundlegender und in theoretischer und empirischer Hinsicht um die Funktion von Zahlen bei der Konstruktion von Wirklichkeit sowie um die Muster des Umgangs mit Zahlen in Kommunikationen, welche sie anhand von Medienangeboten analysiert. Bei diesem Vorhaben geht die Autorin in allen Teilen ihrer über 350 Seiten umfassenden Arbeit sehr genau, fast schon akribisch zu Werke. <a href="http://www.rkm-journal.de/archives/1591">[Mehr]</a>


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			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Rezensiert von Wiebke Loosen</em></p>
<p><a href="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2009/10/siemes20091.jpg"><img class="alignleft size-full wp-image-2298" title="siemes2009" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2009/10/siemes20091.jpg" alt="" width="160" height="237" /></a>Zahlen in Medienangeboten sind aus der journalistischen Berichterstattung nicht wegzudenken und spielen unter anderem eine zentrale Rolle bei der Darstellung von Umfrageergebnissen, Wirtschaftsdaten und Grafiken. Auf derart anwendungsorientierte Beispiele zielt die Arbeit von Annette Siemes, die 2008 an der <a href="http://www.tu-chemnitz.de/" target="_blank">TU Chemnitz</a> als Dissertation angenommen wurde, allerdings nicht unmittelbar ab. Ihr geht es sehr viel grundlegender und in theoretischer und empirischer Hinsicht um die Funktion von Zahlen bei der Konstruktion von Wirklichkeit sowie um die Muster des Umgangs mit Zahlen in Kommunikationen, welche sie anhand von Medienangeboten analysiert (148). Bei diesem Vorhaben geht die Autorin in allen Teilen ihrer über 350 Seiten umfassenden Arbeit sehr genau, fast schon akribisch zu Werke.</p>
<p>Der theoretische Teil setzt sich aus insgesamt drei Kapiteln zusammen: Im ersten nimmt Annette Siemes eine konstruktivistisch-systemtheoretische Einordnung von Kommunikation und Medienkommunikation vor, welche sie als &#8220;Grundperspektive&#8221; (9) ihrer Arbeit versteht. Das gut 60 Seiten umfassende zweite Kapitel &#8220;Konzepte des Zählens und Messens&#8221; fasst schwerpunktmäßig Arbeiten zu kognitiven Grundlagen der Mengen­wahr­nehmung sowie zu Zahlensystemen und Zahlschriften zusammen. Im dritten Theoriekapitel werden diese Ausführungen schließlich zusammengeführt zu Beschreibungs- und Erklärungsansätzen in Bezug auf Zahlen in Kommunikationen. Hierbei geht es der Verfasserin vor allem darum zu verdeutlichen, dass Zahlen in Kommunikationen nicht gleichgesetzt werden können mit Zahlen im mathematischen Sinn. Vielmehr kämen ihnen durch ihre Anwendungen im Kommunikationsprozess verschiedene kommunikative Funktionen zu, welche sie u. a. über die theoretische Differenzierung des Zahlkonzepts auf der Ebene der Sprache verdeutlicht (111ff.).</p>
<p>Für die bis zu dieser Stelle über 140 Seiten brauchen Leser und Leserin einen langen Atem und die Bereitschaft, sich in bisweilen kommunikationswissenschaftlich verhältnismäßig ferne Bereiche einzudenken. Zwar ist es durchaus nachvollziehbar, dass ein in der Kommunikationswissenschaft derart wenig beackertes Thema einen entsprechenden theoretischen Vorlauf, viele Quellen und Bezüge braucht. Dies scheint über weite Strecken insbesondere aber auch dem Tribut an die Textform Dissertation geschuldet: Der vorliegenden Veröffentlichung hätte es sicher gutgetan, diese Passagen etwas kompakter zu gestalten.</p>
<p>Mit Kapitel 4 kommt Annette Siemes schließlich zur Konzeption ihrer Untersuchung. Sehr transparent macht sie hierbei die Spezifika ihrer qualitativ orientierten Grundperspektive (149ff.) und die Vorgehensweise bei der Inhaltsanalyse. Das Untersuchungsmaterial speist sich aus Texten aus dem Nachrichtenmagazin &#8220;<a href="http://www.spiegel.de/" target="_blank">Der Spiegel</a>&#8221; aus dem Jahre 1998. Die Auswahl dieses Titels folgt vor allem praktischen Erwägungen (154f.), das Untersuchungsjahr wurde bewusst als nicht allzu aktuell gewählt, um &#8220;eine neutrale Betrachtung zu ermöglichen&#8221; (155). Grundlage der Auswertung sind insgesamt 187 Artikel (s. Tab. 1, 162), aus denen wiederum 2.914 Zahlbelege (einzelne Zahlangaben, Tab. 3, 169) extrahiert und analysiert wurden.</p>
<p>Für die Ergebnisdarstellung nährt sich die Verfasserin der &#8220;Welt der Zahlen&#8221; (167) in einem ersten quantifizierenden Analyseschritt über die Strukturierung verschiedener &#8220;Wirklichkeitsbereiche&#8221; (Kapitel 5). Auf der Suche nach Regelmäßigkeiten und Mustern werden hierfür die Bereiche <em>Zeit</em>, <em>Personen</em>, <em>Geld/Wirtschaft</em>, <em>Sonstige Mengen</em> und <em>Raum</em> unterschieden; zu allen werden weitere Untergruppen gebildet. Als besonders relevant für die Medienkommunikation erweist sich hierbei der Bereich <em>Zeit</em>; fast die Hälfte der verwendeten Zahlen in den analysierten Artikeln ist zeitbezogen und bezieht sich zu einem Großteil auf kalendarische Daten und Jahreszahlen (169). Aus diesem für journalistische Medienangebote nicht gerade überraschenden Befund entwickelt die Autorin im weiteren Verlauf der Darstellung u. a. einige sehr luzide Überlegungen zum Konstrukt Aktualität, die durchaus auch anschlussfähig sind an die Journalismusforschung.</p>
<p>Mit dem zweiten Analyseschritt (Kapitel 6) verzichtet Annette Siemes auf Quantifizierung und geht eher explikativ vor, indem sie die verschiedenen Muster der Verwendung von Zahlen in den analysierten &#8220;Spiegel&#8221;-Artikeln zusammenfassend beschreibt und mit vielen Textbeispielen erläutert. Hierbei arbeitet sie z. B. verschiedene Formen von Relationierungen, als zahlengestützte In-Bezug-Setzungen z. B. durch Prozent- und Anteilsangaben (242ff.), und Zahlen als Teil von Wörtern und Wendungen, z. B. &#8216;zweite Reihe&#8217;, &#8216;obere Zehntausend&#8217;, (253ff.) heraus. Derartige Muster erlauben es, so eine zusammenfassende Deutung der Verfasserin, &#8220;bei vergleichsweise geringem Aufwand viel Kontext zu produzieren&#8221; (304). Die am Ende dieses Kapitels insgesamt drei vorgestellten – nicht zwingend zahlenspezifischen – &#8220;Formen der Funktionalisierung&#8221; (verkürzt: Relevanzmarkierung, Anschlussfähigkeit/Anschlussmöglichkeiten, Normalisierung), (267ff.), versteht sie als Synthese der bis zu dieser Stelle gewonnenen Ergebnisse. Etwas verwirrend sind in diesem Teil die Übergänge zwischen der Beschreibung von Mustern, Verfahren, Formen und Funktionen von Zahlen. Im Kern wird hier aber herausgearbeitet, wie, d. h. durch welche Verfahren, aus Zahlen in Medienangeboten <em>funktionalisierte Kommunikations­zahlen </em>werden, die als solche Funktionen erfüllen, die über Messen und Zählen hinausgehen.</p>
<p>Insgesamt ist der Ergebnisteil ein gutes Beispiel dafür, wie fruchtbar die Kombination qualitativer und quantitativer (Auswertungs-)Methoden eingesetzt werden kann: Die Darstellung enthält viele aufschlussreiche quantifizierende Befunde und Tabellen (und einige kreative Abbildungen) ebenso wie detaillierte, vertiefende Beispiele. Die Interpretation dieser vielfältigen Befunde ist aufschlussreich, wenn auch teilweise wenig lesefreundlich formuliert und immer wieder mit dem theoretischen Teil verknüpft. Auf diese Weise wird der sehr umfangreiche – und bisweilen etwas zähe Theorieteil – gewinnbringend genutzt. In Fazit und Ausblick entwickelt die Autorin noch interessante Ideen für weiterführende Untersuchungen zum Thema, etwa medien- oder ressortspezifische Vergleiche zum Einsatz von Zahlen.</p>
<p>Annette Siemes hat eine ambitioniere Arbeit mit (zu) viel Liebe zum Detail vorgelegt; für (sehr) einschlägig Interessierte ist sie eine wahre Fundgrube. Allen anderen wird ein selektiver Zugriff nicht gerade leicht gemacht – hierzu trägt auch eine zum Teil unnötig verklausulierte Ausdrucksweise bei.</p>
<p><em>Links:</em></p>
<ul>
<li><a href="http://www.athena-verlag.de/364.htm" target="_blank">Verlagsinformationen zum Buch</a></li>
<li><a href="http://www.wiso.uni-hamburg.de/institute/ijk/personal/wiss-mitarbeiterinnen/dr-wiebke-loosen/" target="_blank">Webpräsenz von Wiebke Loosen an der Universität Hamburg</a></li>
</ul>


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		<title>&#8220;Nur dem, der das Glück verachtet, wird Erkenntnis&#8221;</title>
		<link>http://www.rkm-journal.de/archives/1865</link>
		<comments>http://www.rkm-journal.de/archives/1865#comments</comments>
		<pubDate>Tue, 16 Feb 2010 09:51:44 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Redaktion</dc:creator>
				<category><![CDATA[Klassiker]]></category>
		<category><![CDATA[Entropie]]></category>
		<category><![CDATA[Humankommunikation]]></category>
		<category><![CDATA[Information]]></category>
		<category><![CDATA[Informationstheorie]]></category>
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		<category><![CDATA[Nachricht]]></category>
		<category><![CDATA[Nachrichtentechnik]]></category>
		<category><![CDATA[Sender-Empfänger-Modell]]></category>
		<category><![CDATA[Shannon]]></category>
		<category><![CDATA[Weaver]]></category>

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		<description><![CDATA[<em>Wiedergelesen von Jens Loenhoff</em>

<a href="http://www.rkm-journal.de/archives/1865"><img class="alignleft size-full wp-image-2168" title="shannon&#38;weaver1949" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2010/01/shannonweaver1949.jpg" alt="" width="160" height="240" /></a>Was von Georg Trakl ernst gemeint aufs Leben bezogen, schien für Kommunikations- und Sprachwissenschaft lange nicht zu gelten, leistete diese sich doch das Glück der Entlastung vom Komplexen. Dazu verhalf ein Buch, das wie kaum ein anderes in den zuständigen Disziplinen Geschichte machte: <em>The Mathematical Theory of Communication</em> von Claude E. Shannon und Warren Weaver. An keiner naturwissenschaftlichen Theorie haben sich die Sozialwissenschaften nach dem zweiten Weltkrieg so stark orientiert, keine Theorie ist so sehr auf beliebige Gegenstände verallgemeinert und so ausgiebig popularisiert worden. Noch in einem 1956 erschienenen Artikel bekräftigt Claude E. Shannon seine Warnung, den Informationsbegriff nicht auf interpersonelle Kommunikation zu übertragen, doch diese Mahnung verhallte, wie wir heute wissen, ungehört – auch und gerade dort, wo man es hätte besser wissen können. <a href="http://www.rkm-journal.de/archives/1865">[Mehr]</a>


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			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Wiedergelesen von Jens Loenhoff</em></p>
<p><a href="http://www.rkm-journal.de/archives/1865"><img class="alignleft size-full wp-image-2168" title="shannon&amp;weaver1949" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2010/01/shannonweaver1949.jpg" alt="" width="160" height="240" /></a>Was von Georg Trakl ernst gemeint aufs Leben bezogen, schien für Kommunikations- und Sprachwissenschaft lange nicht zu gelten, leistete diese sich doch das Glück der Entlastung vom Komplexen. Dazu verhalf ein Buch, das wie kaum ein anderes in den zuständigen Disziplinen Geschichte machte: <em>The Mathematical Theory of Communication</em> von Claude E. Shannon und Warren Weaver. An keiner naturwissenschaftlichen Theorie haben sich die Sozialwissenschaften nach dem zweiten Weltkrieg so stark orientiert, keine Theorie ist so sehr auf beliebige Gegenstände verallgemeinert und so ausgiebig popularisiert worden. Noch in einem 1956 erschienenen Artikel bekräftigt Claude E. Shannon seine Warnung, den Informationsbegriff nicht auf interpersonelle Kommunikation zu übertragen, doch diese Mahnung verhallte, wie wir heute wissen, ungehört – auch und gerade dort, wo man es hätte besser wissen können.</p>
<p><strong>Vorgeschichten</strong></p>
<p>Die Ur- und Frühgeschichte der Informationstheorie steht in engem Zusammenhang mit der Entwicklung der kinetischen Gastheorie und der damit verbundenen Wärmelehre. James C. Maxwell (1831-1879) sieht sich als erster Wissenschaftler genötigt, statistische Begriffe in die Physik einzuführen, da sich die Eigenschaften von Gasen aufgrund der starken Bewegung ihrer Moleküle nur stochastisch, das heißt durch Angabe von Wahrscheinlichkeiten mathematisch darstellen lassen. So kann die statistische Verteilung die vollständige Kenntnis des jeweiligen Ortes der Gasmoleküle ersetzen. Etwa zeitgleich formuliert Rudolf Clausius (1822-1888) im Kontext seiner mechanischen Wärmetheorie den 2. Hauptsatz der Thermodynamik und prägt den Terminus &#8220;Entropie&#8221; als Maß für die Unzugänglichkeit von Energie. Ludwig Boltzmann (1844-1906), der einige der Vorhersagen Maxwells experimentell hatte bestätigen können, gibt dann den zeitasymmetrischen kinetischen Gleichungen mit der &#8220;H-Funktion&#8221; eine wahrscheinlichkeitstheoretische Grundlage. Die die Thermodynamik bestimmenden beiden Hauptsätze, auf die sich fortan alle diesbezüglichen Beiträge beziehen, lauten schließlich: 1) &#8220;In jedem geschlossenen System bleibt die Energiemenge bewahrt&#8221;; und 2) &#8220;In jedem geschlossenen System bleibt die Entropie konstant oder verändert sich&#8221;. Minimale Entropie bedeutet folglich einen minimalen Grad von Unordnung (beziehungsweise einen maximalen Grad von Ordnung) und damit schließlich maximale Information über die Gruppierung der einzelnen Moleküle im System. Maximale Entropie bedeutet demgegenüber einen maximalen Grad von Unordnung (beziehungsweise einen minimalen Grad von Ordnung) und damit schließlich minimale Information über die Gruppierung der einzelnen Moleküle im System. Für den Zustand eines Gases bedeutet maximale Entropie folglich, dass überall die gleiche Wahrscheinlichkeit des Vorkommens bestimmter Moleküle besteht und keine Umkehr dieses Zustandes in ungleiche Wahrscheinlichkeiten möglich ist. Bereits hier drängt sich die Analogie auf: Wenn in den statistischen Gleichungen der Thermodynamik Entropie eine Wahrscheinlichkeitsfunktion der Partikel eines Gases ist, könnte dieser Ausdruck in der Kommunikationstheorie als Terminus für eine Wahrscheinlichkeitsfunktion der Zustände einer Nachrichtenquelle eingeführt werden.</p>
<p><strong>Shannons Theorie und ihr Anspruch </strong></p>
<p>Den ersten nachrichtentechnisch motivierten Ansatz zu einer mathematisch-statistischen Kommunikationstheorie unternahm Ralph V.L. Hartley (1888-1951). 1928 publiziert er eine Arbeit über die statistische Interpretation einer Nachricht als einer aufeinanderfolgenden Selektion aus einem festgelegten Signalvorrat.<sup class='footnote'><a href='#fn-1865-1' id='fnref-1865-1'>1</a></sup>  Zwar nimmt er Wesentliches der späteren Theorie vorweg, doch stellt sich aufgrund fehlender Rezeptions-bedingungen über sein nachrichten-technisches Umfeld hinaus keine Resonanz ein. Zehn Jahre später veröffentlicht der noch unbekannte Claude E. Shannon (1916-2001), ein Schüler Norbert Wieners (1894-1964) am <a href="http://mit.edu/" target="_blank">Massachusetts Institute of Technology</a> (MIT), in den <em>Transactions of the American Institute of Electronic Engineers </em>einen Beitrag über Möglichkeiten der Digitalisierbarkeit logischer Terme (vgl. Shannon 1938). Im Juli und Oktober 1948 folgen dann zwei Aufsätze im <em>Bell System Technical Journal </em>mit dem Titel &#8220;A Mathematical Theory of Communication&#8221;, in denen Shannon neben zahlreichen anderen Ableitungen eine mathematische Formel präsentiert, mit der sich die minimale Anzahl binärer Operationen zur Identifikation eines Elementes innerhalb eines stets von Elementen einer bekannten Verteilung genau berechnen lässt. Doch erst als ein Jahr nach Erscheinen von Shannons Aufsatz die <a href="http://www.press.uillinois.edu/" target="_blank">University of Illinois Press</a> eine erweiterte Fassung zusammen mit Warren Weavers (1894-1978) ungleich kürzerem, aber um so folgenreicherem Teil &#8220;Recent Contributions to the Mathematical Theory of Communication&#8221; herausbrachte, beginnt deren Erfolgsgeschichte.<sup class='footnote'><a href='#fn-1865-2' id='fnref-1865-2'>2</a></sup></p>
<p>Shannons primäre Absicht war es zunächst, die Verhältnisse von statistischen Charakteristika eines Codes und dem Grad der Wahrscheinlichkeit, mit der Signale einen Kanal durchlaufen, genau zu bestimmen. Das mathematisch zu lösende Problem liegt in der Frage, wie durch Kenntnis der statistischen Eigenschaften der Quelle die Codierung von Nachrichten so optimiert werden kann, dass die benötigte Kanalkapazität reduziert werden kann (Shannon 1949: 10ff.). Folgende Aussagen bilden zunächst den systematischen Gehalt der Theorie Shannons:</p>
<ol>
<li>Es besteht eine endliche Zahl von (unterscheidbaren) Signalen, wobei jedem Signal eine mathematisch präzisierte Wahrscheinlichkeit seines Auftretens (beziehungsweise Gesendetwerdens) zugewiesen ist.</li>
<li>Dem Empfänger ist die gesamte Menge der übertragbaren Signale einschließlich der Sendewahrscheinlichkeiten bekannt.</li>
<li>Da eine vollkommen störungsfreie Übertragung der Signale technisch unmöglich ist, kann der Empfänger – abhängig von der Störanfälligkeit des Kanals (&#8220;noise&#8221;) – andere Signale als die gesendeten empfangen.</li>
<li>Es lässt sich berechnen, wie sich Signale so codieren lassen, dass Störungen in einem Übertragungskanal auf ein Minimum reduziert bleiben. Alle definierten Informationsmaße sind auf Sendewahrscheinlichkeiten und diese Störungsminimierung bezogen.</li>
<li>Es besteht ein inverses Verhältnis von Unsicherheit und Sendewahrscheinlichkeit, das heißt ein Signal hat einen umso größeren Informationswert, je kleiner die Wahrscheinlichkeit ist, dass es zu einem bestimmten Zeitpunkt gesendet wird.</li>
</ol>
<p>Es sind also insgesamt drei Kernprobleme der Signalübertragung, die von der mathematischen Theorie der Kommunikation aufeinander bezogen und befriedigend gelöst werden sollten, nämlich 1) das Problem der Codierung, 2) das Problem der Kanalkapazität und schließlich 3) das Problem des &#8220;Rauschens&#8221;. Die Codierung legt als Zuordnung von Elementen nach einer entsprechenden Zuordnungsregel alle überhaupt möglichen Kombinationen fest. &#8220;Noise&#8221; beziehungsweise &#8220;Rauschen&#8221; kann dadurch die Signalübertragung beeinträchtigen, dass Elemente bei der Übertragung verloren gehen oder in andere Elemente transformiert werden. &#8220;Noise&#8221; entsteht immer nur dann, wenn die Fehler nicht systematisch und deshalb unvorhersagbar sind. Der Terminus &#8220;noise&#8221; bezieht sich ausschließlich auf zufällige Veränderungen des Signals. Rauschen erhöht zwar die Ungewissheit eines Beobachters hinsichtlich der Frage, welche Botschaft gesendet wird, hat aber keinen Effekt auf die Entropie (<em>H</em>) als der Verteilung der Elemente des Codes, aus denen sich die Botschaft zusammensetzt, und der mit diesem spezifischen Sachverhalt verbundenen <em>statistischen </em>Unsicherheit. Die mit den statistischen Eigenschaften des Codes verbundene Unsicherheit betrifft das erwartete Maß der Verteilung der Elemente in einer typisch codierten Nachricht. Die mit dem Rauschen im Übertragungskanal verbundene Unsicherheit betrifft hingegen die Wahrscheinlichkeit, mit der ein empfangenes Element einer Nachricht mit dem gesendeten identisch ist. Dies sind, wie unschwer zu erkennen ist, zwei vollkommen verschiedene Sachverhalte. Und was hinsichtlich der Rezeption von Shannons Theorie noch viel bedeutsamer ist: Bei dem, was informationstheoretisch &#8220;Unsicherheit&#8221; heißt, handelt es sich um die mathematisch-statistische Wahrscheinlichkeit des empfängerseitigen Auftretens von Signalen. Dies hat nichts zu tun mit Wissen, Erwartung, Hoffnung eines personalen Empfängers, dass gerade ein bestimmtes Signal empfangen wird.</p>
<p>Die bisher formulierten Aussagen gelten zunächst nur unter der Annahme der gleichen Auftretenswahrscheinlichkeit von Signalen. Diese kann allerdings differieren und vom Auftreten eines vorhergehenden Signals abhängen, sodass die entsprechenden Übergangswahrscheinlichkeiten (&#8220;transition probabilities <em>p<sub>i </sub></em>(<em>j</em>)&#8221;) in die stochastische Berechnung des Informationsgehaltes einer Nachricht eingehen müssen. In der Telegrafie betrifft dies etwa Buchstabenfolgen, die schon deshalb nicht vollkommen zufällig auftreten, weil die Wahrscheinlichkeit, dass zum Beispiel in einer germanischen oder romanischen Sprache auf den Buchstaben V ein X oder ein Z folgt, geringer ist als die, dass ein Vokal folgt. Diesen Überlegungen ist schließlich die so genannte &#8220;Entropieformel&#8221; geschuldet, die auf der Basis einer logarithmischen Operation und anhand der Zahl der &#8220;bits&#8221; (<em>H</em>) die durchschnittliche Auftretenswahrscheinlichkeit eines Elementes aus dem Set angibt.<sup class='footnote'><a href='#fn-1865-3' id='fnref-1865-3'>3</a></sup>  Shannon definiert Entropie wie folgt:</p>
<blockquote><p><small>&#8220;Quantities of the form <em>H</em> = &#8211; ∑ <em>p<sub>i</sub></em> log <em>p<sub>i</sub></em> (…) play a central role in information theory as measures of information, choice and uncertainty. The form <em>H</em> will be recognized as that of entropy as defined in certain formulations in statistical mechanics where <em>p<sub>i</sub></em> is the probability of a system being in cell <em><sub>i</sub></em> of its phase space.<em> H</em> is then, for example, the <em>H</em> in Boltzmann’s famous<em> H</em> theorem. We shall call <em>H</em> = &#8211; ∑ <em>p<sub>i</sub> </em>log <em>p<sub>i</sub></em> the entropy of the set of probabilities <em>p<sub>i</sub></em> ּּּ, <em>p<sub>n</sub></em> (…). The quantity <em>H</em> has a number of interesting properties which further substantiate it as a reasonable measure of choice or information.&#8221; (Shannon 1949: 20)<sup class='footnote'><a href='#fn-1865-4' id='fnref-1865-4'>4</a></sup></small></p></blockquote>
<p><small></small><br />
Informationsmaße betreffen mithin Wahrscheinlichkeitswerte des Eintretens spezifischer Ereignisse. Daraus ergibt sich zunächst, dass einer geringen Auftretenswahrscheinlichkeit ein hoher Informationswert und umgekehrt einer hohen Auftretenswahrscheinlichkeit ein geringer Informationswert zukommt. Der Informationsgehalt einer Nachricht entspricht folglich dem Maß für denjenigen Aufwand, der zur Klassifizierung der gesendeten Zeichen auf der Grundlage der Binärentscheidung (&#8220;ja/nein&#8221; beziehungsweise &#8220;an/aus&#8221;) erforderlich ist. Negative Entropie oder auch &#8220;Negentropie&#8221; bestimmt sich als Abstand von der aktuellen zur potenziell maximalen in einem geschlossenen System erreichbaren Entropie (-<em>H</em> =  ∑ <em>p<sub>i</sub> </em>log <em>p<sub>i</sub></em>).<sup class='footnote'><a href='#fn-1865-5' id='fnref-1865-5'>5</a></sup></p>
<p>Ob allerdings Entropie überhaupt als Maß für den Grad an Ordnung (statt entropischer Unordnung) interpretiert werden kann, ist zunächst ausgesprochen fraglich. Die Ur- und Frühgeschichte der Vermutung einer Beziehung zwischen Entropie, Information und Wissen ist verschlungener, als große Teile der Sekundärliteratur in ihrer leichtfertigen Relationierung beider Größen suggerieren. Die übliche simplifizierende Gleichsetzung lautet zunächst wie folgt: Minimale Entropie bedeutet maximale Information. Ihr kognitives Korrelat auf Seiten des Beobachters ist als Wissen beziehungsweise Kenntnis bestimmbar. Maximale Entropie hingegen bedeutet minimale Information, ihr kognitives Korrelat auf Seiten eines Beobachters demgegenüber Unkenntnis beziehungsweise Unwissen. Was also vom Standpunkt des Beobachters als erhöhte Unkenntnis über Unterschiede erscheint, ist eine Wirkung der Zunahme von Entropie. Bereits im Kontext des Maxwell&#8217;schen Dämons war es zu einer Konfundierung von Entropie und Nichtwissen gekommen:</p>
<blockquote><p><small>&#8220;The suggestion is that if only our senses were sharp enough, we would be able to watch the individual motions of molecules (ignoring the problems this raises in quantum theory) and thereby testify to the true reversibility of all processes on this microscopic level. This quickly leads to the notion of entropy as a measure of our ignorance of the precise details of a process, an idea that has been developed.&#8221; (Coveney/Highfield 1990: 177)</small></p></blockquote>
<p><small></small><br />
Im Zuge seiner Popularisierung erscheint das Konzept der Entropie, das sich ursprünglich auf die Unzugänglichkeit von Energie bezog, als a) Information beziehungsweise Unwahrscheinlichkeit des Eintretens eines Ereignisses, b) Nichtwissen und schließlich c) Komplexität. Vor allem ist der Begriff der Entropie nur von scheinbarer Einfachheit. Deskriptiv als Maß für Unordnung sei er, wie bereits Cherry anmerkt, als &#8220;negative&#8221; Entropie mit dem der Information lediglich vergleichbar:</p>
<blockquote><p><small>&#8220;(…) the concept of entropy is one of considerable difficulty and a deceptively apparent simplicity. It is essentially a mathematical concept and the rules of its application are clearly laid down. (…) Information, then, is said to be &#8216;like&#8217; negative entropy. But any likeness that exists, exists between the mathematical descriptions which have been set up; between formulae and method.&#8221; (Cherry 1966: 216)<sup class='footnote'><a href='#fn-1865-6' id='fnref-1865-6'>6</a></sup></small></p></blockquote>
<p><small></small><br />
In der Tat kann Entropie (<em>H</em>) sehr Verschiedenes bedeuten. Sicher ist nur, dass ihr Wert mit der Zahl der Elemente zunimmt und am größten ist, wenn die Auftretenswahrscheinlichkeit eines jeden Elementes gleich groß ist, was zu verschiedenen Interpretationen von <em>H</em> als &#8220;Varianz&#8221;, &#8220;Information&#8221;, &#8220;Unvorhersagbarkeit&#8221;, &#8220;Bedeutung&#8221; bis hin zu &#8220;Komplexität&#8221; Anlass gegeben hat. Ordnung und Struktur verändern die Auftretenswahrscheinlichkeit. Insofern <em>kann </em>Entropie natürlich auch als ein Maß für Unordnung betrachtet werden, denn je organisierter das System, desto geringer wird der Wert von <em>H</em>. Entsprechend kommt Ritchie zu der Bewertung:</p>
<blockquote><p><small>&#8220;The greatest successes have been achieved in projects in which H does not necessarily have anything to do with information (…). At the very least, more extensive discussion of information and wider use of H in communication research have been discouraged by the continuing expectation that information and H should be somehow connected to each other, as they are in signal transmission theory&#8221; (Ritchie 1991: 8).<sup class='footnote'><a href='#fn-1865-7' id='fnref-1865-7'>7</a></sup></small></p></blockquote>
<p><small></small><br />
Wie immer man den Zusammenhang der Formalisierungen mathematisch interpretiert, ausschließlicher Bezugspunkt der Theorie Shannons ist die sukzessive Auswahl bestimmter Signale aus einem zuvor definierten (!) Signalvorrat. Die Abstinenz der Informationstheorie von der semantischen Ebene des Kommunikationsprozesses wird von Shannon denn auch explizit thematisiert:</p>
<blockquote><p><small>&#8220;The fundamental problem of communication is that of reproducing at one point either exactly or approximately a message selected at another point. Frequently the messages have <em>meaning</em>; that is they refer to or are correlated according to some system with certain physical or conceptual entities. These semantic aspects of communication are irrelevant to the engineering problem. The significant aspect is that the actual message is one <em>selected from a set</em> of possible messages.&#8221; (Shannon 1949: 3)</small></p></blockquote>
<p><small></small><br />
<strong>Weavers Kommentar </strong></p>
<p>Ein Jahr nach Erscheinen der beiden Artikel von Shannon veröffentlicht Warren Weaver in <em>Scientific American </em>eine kürzere Fassung des kurz darauf in die gemeinsame Publikation mit Shannon eingehenden Beitrages. Unter dem Titel &#8220;The Mathematics of Communication&#8221; weitet er den Anwendungsbereich der Informationstheorie über den nachrichtentechnischen Bereich so weit aus, dass damit der Anspruch erhoben wird, die Beschreibung weitgehend aller Formen symbolischer Prozesse mit informationstheoretischen Mitteln bewältigen zu können. Diese betreffen das Problem der Bedeutung der Information für Sender und Empfänger, also semantische Fragen im weitesten Sinn, und schließlich das Problem der Wirkungen der Information auf das Verhalten des Empfängers, also die pragmatische Dimension des Kommunikationsprozesses. Bereits hier liegt die Quelle aller späteren Missverständnisse und Fehldeutungen, denen die mathematische Theorie der Kommunikation in ihrer Interpretation als Theorie zwischenmenschlicher Kommunikation ausgesetzt gewesen ist. Aber lassen wir Weaver zunächst selbst zu Wort kommen:</p>
<blockquote><p><small>&#8220;The word <em>communication </em>will be used here in a very broad sense to include all of the procedures by which one mind may affect another. This, of course, involves not only written and oral speech, but also music, the pictorial arts, the theatre, the ballet, and in fact all human behavior.&#8221; (Weaver 1949b: 95)</small></p></blockquote>
<p><small></small><br />
Auf dieser Grundlage ordnet Weaver den Erklärungsanspruch der Theorie drei Ebenen zu, nämlich der Ebene A, die das technische Übertragungsproblem betrifft und die Frage aufwirft, wie genau Zeichen übertragen werden können; der Ebene B, die das semantische Problem betrifft und die Frage aufwirft, wie genau die übertragenen Zeichen der gewünschten Bedeutung entsprechen; und schließlich der Ebene C, die das Effektivitätsproblem betrifft und die Frage aufwirft, wie effektiv eine empfangene Nachricht das Verhalten in der (vom Sender) gewünschten Weise beeinflusst. Weaver weist darauf hin, dass sich Shannon nur auf das Problem der Ebene A beziehe, er aber noch ganz andere Zusammenhänge sehe:</p>
<blockquote><p><small>&#8220;Part of the significance of the new theory comes from the fact that levels B and C, above, can make use only of those signal accuracies which turn out to be possible when analyzed at Level A. Thus any limitations discovered in the theory at Level A necessarily apply to Levels B and C. But a larger part of the significance comes from the fact that the analysis at Level A discloses that this level overlaps the other levels more than one could possibly naively suspect. <em>Thus the theory of Level A is, at least to a significant degree, also a theory of Levels B and C.</em>&#8221; (Weaver 1949b: 95f. ; Hervorhebung von mir, J.L.)</small></p></blockquote>
<p><small></small><br />
Mit der expliziten Übertragung des Modells auf den Bereich kommunikativer Sinnerzeugung erhebt Weaver schließlich den Anspruch, eine Theorie zwischenmenschlicher Kommunikation formuliert zu haben. Dazu wird das Modell von Shannon so erweitert, dass die Informationsquelle mit dem Gehirn eines Sprechers identifiziert wird, der &#8220;transmitter&#8221; mit den Sprechorganen, der Übertragungskanal mit dem Medium Luft, der Empfänger mit dem auditiven Wahrnehmungssystem beziehungsweise dem Ohr eines Hörers und schließlich &#8220;destination&#8221; mit dessen Gehirn.<sup class='footnote'><a href='#fn-1865-8' id='fnref-1865-8'>8</a></sup>  Zwei weitere Ergänzungen sind hinsichtlich der Veränderung des Informationsbegriffs noch von entscheidender Bedeutung, nämlich die Einführung der senderseitigen Größe &#8220;semantic noise&#8221; sowie die des empfängerseitigen &#8220;semantic receiver&#8221;, der die Nachricht einer zweiten Decodierung unterwirft, durch die diese dann ihre Bedeutung erlangt:</p>
<blockquote><p><small>&#8220;This semantic receiver subjects the message to a second decoding, the demand on this one being that it must match the statistical <em>semantic </em>characteristics of the message to the statistical semantic capacities of the totality of receivers, or of that subset of receivers which constitute the audience one wishes to affect.&#8221; (Weaver 1949b: 115)</small></p></blockquote>
<p><small></small><br />
Zwar betont Weaver, diese Veränderungen stellten lediglich eine minimale Modifikation und keine wirkliche Korrektur der Modells dar, doch bedeuten sie die Überdehnung des Informationsbegriffs zu zwei unterschiedlichen Kategorien, da Weaver anhand der von ihm eingeführten Differenzierung zwischen &#8220;signal symbol&#8221; und &#8220;message symbol&#8221; (ebd. 1949b: 110ff.) es auch mit zwei Kategorien von Unwahrscheinlichkeit zu tun bekommt, von denen letztere auf den Prozess der Sinnverarbeitung bezogen ist. Hatte Shannon noch betont: &#8220;The concept of information developed in this theory […] has nothing to do with meaning&#8221; (Shannon 1949: 27), zeigt sich Weaver von dieser Beschränkung vollkommen unbeeindruckt und bemerkt hinsichtlich der explikativen Reichweite der Theorie euphorisch: &#8220;(&#8230;) one should say (&#8230;) that one is now, perhaps for the first time, ready for a real theory of meaning.&#8221; (Weaver 1949b: 116)</p>
<p>Vor allem leistet Weaver in seinem Kommentar der folgenreichen Interpretation statistischer Unwahrscheinlichkeit als kognitiver Ungewissheit Vorschub, indem er die statistische Varianz des Codes einfach mit der statistischen Varianz der Botschaft gleichsetzt und den Terminus &#8220;uncertainty&#8221; doppeldeutig verwendet:</p>
<blockquote><p><small>&#8220;It is generally true that when there is noise, the received signal exhibits greater information – or better, the received signal is selected out of a more varied set than is the transmitted signal. This is a situation which beautifully illustrates the semantic trap into which one can fall if he does not remember that ‘information’ is used here with a special meaning that measures freedom of choice and hence uncertainty as to what choice has been made. It is therefore possible for the word information to have either good or bad connotations. Uncertainty which arises by virtue of freedom of choice on the part of the sender is desirable uncertainty. Uncertainty which arises because of errors or because of the influence of noise, is undesirable uncertainty.&#8221; (Weaver 1949b: 109)</small></p></blockquote>
<p><small></small><br />
<strong>Zur Kritik an Weavers Modifikationen </strong></p>
<p>Aus systematischer Perspektive ist die von Weaver vorgenommene Übertragung des informationstheoretischen Modells auf den Prozess der zwischenmenschlichen Kommunikation zunächst wie folgt zu kritisieren:</p>
<ol>
<li>Die Theorie argumentiert durchgehend vom Standpunkt eines externen Beobachters. Einerseits wird die empirische Basis der Theorie auf extern beobachtbare und messbare Phänomene eingeschränkt, andererseits bleibt der geltungstheoretisch relevante Unterschied zwischen Beobachter- und Teilnehmerperspektive völlig unreflektiert.<sup class='footnote'><a href='#fn-1865-9' id='fnref-1865-9'>9</a></sup></li>
<li>Die empirischen Adäquatheitsbedingungen des Modells würden nur für den Fall gelten, in dem genau angegeben werden könnte, a) über welche Anzahl verschiedener Elemente ein Sprecher &#8220;verfügt&#8221; und b) welche Auftretenswahrscheinlichkeiten diesen Elementen jeweils zukommen. Gleiches müsste für den Hörer gelten.</li>
<li>Das Modell ignoriert die Rekursivität des Kommunikationsprozesses, das heißt der wechselseitigen und gleichzeitigen Verhaltenssteuerung von Sprecher und Hörer; es ist ein eindimensionales und lineares, die Aktivitäten des Hörers und die Möglichkeit des Sprecherwechsels ausklammerndes Ausdrucksmodell. Die Information hängt ausschließlich von der Sendewahrscheinlichkeit ab, Entropie ist stets Quellenentropie.</li>
<li> So wenig, wie die H-Funktion der Thermodynamik sich auf ein einziges Gasmolekül bezieht, sondern stets auf eine <em>Menge von Daten</em>, so wenig referiert die Entropieformel der Informationstheorie auf eine einzige Nachricht, sondern auf die Gesamtverteilung der Elemente des Codes und nicht auf die Verteilung in einer bestimmten Botschaft.</li>
<li>Das Modell vernachlässigt den situativen Kontext und seine Relevanzstruktur als einer für den Mitteilungsprozess konstitutiven Größe. Von dieser Relevanz hängt ab, welche Ereignisse für die Beteiligten überhaupt Informationswert haben.</li>
<li>Das Modell abstrahiert von der Zeit als einer für alle Kommunikation knappen Ressource und den damit verbundenen Steuerungs- und Strukturierungseffekten. Spezifische temporale Strukturen des Prozesses bleiben unerkannt, da die Informationstheorie suggeriert, die Zeit stünde still.</li>
<li>Das Modell verfehlt die mit der prinzipiellen Interpretationsoffenheit symbolischer Ausdrücke verbundenen Charakteristika des Kommunikationsprozesses. Die diesbezüglich motivierte Einführung von &#8220;semantic noise&#8221; und &#8220;semantic receiver&#8221; hat in dieser Hinsicht keinen Aussagewert. Informationstheoretisch modellierte Kommunikationssysteme können sich nicht auf sinnverarbeitende Systeme und ihre konnotativ-selbstbezüglichen Strukturen beziehen.</li>
<li>Durch die mangelnde Differenzierung zwischen fundierendem Signalprozess und emergierender Sinnebene beziehungsweise zwischen &#8220;Träger- und Hauptinformation&#8221; (Ungeheuer 1972) wird suggeriert, mit den Signalen könne auch semantische Information transportiert werden. Auftretenswahrscheinlichkeiten von Signalen und Auftretenswahrscheinlichkeiten von Bedeutungen werden unzulässig konfundiert. Dadurch wird auf der Ebene kommunikativer Sinnverarbeitung Information mit Reduktion von kognitiver (!) Unsicherheit auf Seiten des Empfängers identifiziert. Die hier entscheidende Frage nach dem supervenienten Verhältnis von Signal und Botschaft beziehungsweise von Signalverarbeitung und Sinnverarbeitung kann im Kontext der Informationstheorie nicht einmal formuliert, geschweige denn beantwortet werden.</li>
<li>Durch seine Indifferenz gegenüber den semiotischen Spezifika der Kommunikationsmittel übersieht das Modell die mit der Materialität der Kommunikation verbundenen Varianzquellen.</li>
</ol>
<p><strong>Rezeption der Informationstheorie in der Kommunikationsforschung</strong></p>
<p>Trotz Shannons gut begründeter Vorbehalte haben Weavers Ergänzungen zu zahlreichen Versuchen geführt, den Informationsbegriff als Fundamentalbegriff der Kommunikationstheorie im engeren Sinn zu gewinnen. Dazu dürfte vor allem auch der Umstand beigetragen haben, dass die meisten Sozialwissenschaftler die Informationstheorie überhaupt nur in ihrer Kommentierung durch Weaver zur Kenntnis genommen haben.<sup class='footnote'><a href='#fn-1865-10' id='fnref-1865-10'>10</a></sup>  Die Ausweitung der Informationstheorie über ihren konkreten Anwendungsbereich hinaus begann bereits mit einer folgenschweren Unklarheit durch Hartley, der sich zwar im Zusammenhang mit seinen statistischen Informationsmaßen von semantischen Konnotationen absetzen wollte, aber mit der Verwendung des Terminus &#8220;Informationsgehalt&#8221; den Eindruck entstehen ließ, es ginge um mitgeteilte Aussagen über reale Prozesse. Angesichts des Umstandes, dass der Informationsbegriff von Shannon, wie er in den Publikationen von 1948 und 1949 entfaltet wird, explizit die restriktiven Voraussetzungen seiner Anwendbarkeit benennt, ist die Popularität des informationstheoretischen Sender-Empfänger-Modells weniger der Effekt terminologischer Nachlässigkeit als vielmehr einer im Dienst programmatisch-theoriepolitischer Interessen stehenden &#8220;theoretischen Generalisierung&#8221;, wie Müller (1996) präzise herausgearbeitet hat. Gestützt auf ein Netz von Institutionen und eine spezifische Strategie begrifflicher Verallgemeinerungen konnte die Informationstheorie allerdings nur deshalb so stark an Bedeutung gewinnen, weil sie von den grundbegrifflichen und methodischen Verknüpfungsmöglichkeiten mit der Kybernetik und der allgemeinen Systemtheorie profitierte. Mithilfe der Informationstheorie konnte sich der Systembegriff überhaupt erst von den materialen Analogien der Biologie emanzipieren und seine Generalisierung betreiben. Umgekehrt erlaubte erst die Kybernetik eine Bezugnahme des mathematisch definierten Informationsbegriffs auf komplexere Formen von Kausalität, womit sie einen Anspruch als realwissenschaftliche Methodologie erheben konnte. Treffend formuliert denn auch Müller:</p>
<blockquote><p><small>&#8220;Der Informationsbegriff wird hier nicht mehr im präzisen Sinn seiner Anwendungsbedingungen, sondern als metaphorisch überdehntes Konzept verwendet, von dem man sich interdisziplinäre ‚Abstraktionsgewinne’ erhofft, ohne noch die disziplinären – und das heißt wohl auch: die Disziplin theoretischer Vorleistungen aufbringen zu wollen.&#8221; (Müller 1996: 121)</small></p></blockquote>
<p><small></small><br />
Die Wirkungen der Informationstheorie vor allem auf den sprach- und kommunikationstheoretischen Diskurs sind kaum zu überschätzen, selbst wenn in der zeitgenössischen Forschung weitgehend Einigkeit über ihre mangelnde Leistungsfähigkeit für den Bereich zwischenmenschlicher Verständigung überwiegt. Zwar ist dem Potenzial der Resonanzerzeugung weitgehende Skepsis gefolgt (vgl. zum Beispiel Reddy 1979, Krippendorf 1994), doch fungiert das Sender-Empfänger-Modell Shannons immer noch als attraktivere Referenzgröße kommunikationstheoretischer Positionierungen als andere, der Beschreibung des Kommunikationsprozesses wesentlich angemessenere S-E-Modelle (etwa bei Bühler 1978).<sup class='footnote'><a href='#fn-1865-11' id='fnref-1865-11'>11</a></sup>  Andererseits folgt dem allenthalben verkündeten Credo, sich gegenüber dem informationstheoretischen Transportmodell abzugrenzen, seine nachgerade besinnungslose terminologische Ausbeutung. Diese ambivalente Haltung kennzeichnet sowohl die Rezeption bei Bateson (1963) oder Flusser (1992), den Radikalen Konstruktivismus und insbesondere die metaphorische Strapazierung informationstheoretischer Kategorien durch die Theorie sozialer Systeme und ihre Vertreter (Luhmann 1984; Baecker 1999).<sup class='footnote'><a href='#fn-1865-12' id='fnref-1865-12'>12</a></sup>  Neben die weitverbreitete vorbehaltlose Akzeptanz und ihre Artikulation durch zahlreiche Kongresse, die eine Art informationstheoretisches Delirium auslösten, gesellte sich denn auch Kritik. Vor allem angesehene Theoretiker wie Cherry (1955, 1961, 1966), Bar-Hillel (1953, 1955) oder MacKay (1969) zeigen sich nach anfänglicher Begeisterung skeptisch; im deutschen Sprachraum kritisiert Meyer-Eppler (1959) die Anwendung des Informationsbegriffs außerhalb mathematischer Zusammenhänge. Vor allem Ungeheuer führt in zahlreichen Aufsätzen die Informationstheorie als einen kommunikationstheoretisch insuffizienten Ansatz vor (vgl. Ungeheuer 1972, 1974, 1977, 2004). Wer unter Verweis auf naturwissenschaftliche Erklärungsprogramme die Dignität eigener Daten und Erkenntnisse ableiten will, muss in seinem Gegenstandsbereich auch entsprechende Kriterien von Eindeutigkeit, Lückenlosigkeit und Widerspruchsfreiheit garantieren können. Und er muss jene formalen Bedingungen erfüllen, die es überhaupt erlauben, ein Problem als informationstheoretisch lösbar auszuweisen. Daran mangelt es bei nahezu allen Beiträgen, die im weitesten Sinne sozialwissenschaftliche Erklärungsansprüche erheben. Dass insbesondere die empirischen Verwirklichungsbedingungen von Kommunikation und die Bestimmung ihrer funktionalen Merkmale sich auf diesem Wege würden erledigen lassen, wäre in der Tat ein Glück gewesen. Dem, der wenigstens die oberflächliche Lektüre verachtet, wird denn auch Erkenntnis.</p>
<p><em>Literatur</em>:</p>
<ul>
<li>Auer, P.: <em>Sprachliche Interaktion. Eine Einführung anhand von 22 Klassikern</em>. Tübingen [Niemeyer] 1999.</li>
<li>Baecker, D.: &#8220;Kommunikation im Medium der Information&#8221;. In: Maresch, R.; Werber, N. (Hrsg.): <em>Kommunikation, Medien, Macht.</em> Frankfurt am Main [Suhrkamp Verlag] 1999, S. 174-191.</li>
<li>Bar-Hillel, Y.: &#8220;An Examination of Information Theory&#8221;. In: <em>Philosophy of Science</em> 22 (1955), S. 86-105.</li>
<li>Bar-Hillel, Y.; Carnap, R.: &#8220;Semantic Information&#8221;. In: <em>British Journal of the Philosophy of Science</em> 4 (1953), S. 147-157.</li>
<li>Bateson, G.: &#8220;Exchange of Information about Patterns of Behavior&#8221;. In: Fields, W.S.; Abbott, W. (Hrsg.): <em>Information Storage and Neural Control</em>. Springfield [Thomas] 1963, S. 181ff.</li>
<li>Bühler, K.: <em>Die Krise der Psychologie</em>. Frankfurt am Main [Ullstein] 1927/1978.</li>
<li>Cherry, E.C. (Hrsg.): <em>Information Theory: Proceedings of the Third London Symposium</em>. London [Butterworths] 1955.</li>
<li>Cherry, E.C.: <em>On Human Communication. A Review, a Survey, and a Criticism</em>, Zweite Auflage. Cambridge/Mass. [MIT Press] 1966.</li>
<li>Cherry, E.C. (Hrsg.): <em>Information Theory: Proceedings of the Fourth London Symposium</em>. London [Butterworths] 1961.</li>
<li>Coveney, P.V.; Highfield, R.: <em>The Arrow of Time: A Voyage through Science to Solve Time’s Greatest Mystery</em>. Foreword by Ilya Prigogine, London [Allen] 1990.</li>
<li>Denbigh, K.G.; Denbigh, J.S.: <em>Entropy in Relation to Incomplete Knowledge</em>. Cambridge [Cambridge University Press] 1985.</li>
<li>Flusser, Vilém: <em>Die Schrift. Hat Schreiben Zukunft?</em> Frankfurt am Main [Fischer Verlag] 1992.</li>
<li>Hartley, R.V.L: &#8220;Transmission of Information&#8221;. In: <em>Bell Systems Technical Journal</em> 7 (1928), S. 535-563.</li>
<li>Krippendorf, K.: &#8220;Der verschwundene Bote: Metaphern und Modelle der Kommunikation&#8221;. In: Merten, K.; Schmidt, S.J. (Hrsg.): <em>Die Wirklichkeit der Medien: Eine Einführung in die Kommunikationswissenschaft</em>. Opladen [Westdeutscher Verlag] 1994, S. 79-113.</li>
<li>Luhmann, N.: <em>Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie</em>. Frankfurt am Main [Suhrkamp Verlag] 1984.</li>
<li>MacKay, D.M.: <em>Information, Mechanism and Meaning.</em> Cambridge/Mass. [MIT Press] 1969.</li>
<li>Meyer-Eppler, W.: <em>Grundlagen und Anwendungen der Informationstheorie</em>. Berlin, Göttingen, Heidelberg [Springer] 1959.</li>
<li>Müller, K.: <em>Allgemeine Systemtheorie. Geschichte, Methodologie und sozialwissenschaftliche Heuristik eines Wissenschaftsprogramms</em>. Opladen [Westdeutscher Verlag] 1996.</li>
<li>Reddy, M.: &#8220;The Conduit Metapher. A Case of Frame Conflict in Our Language about Language&#8221;. In: Ortony, A. (Hrsg.): <em>Metaphor and Thought</em>. Cambridge, London [Cambridge University Press] 1979, S. 284-324.</li>
<li>Ritchie, L.D.: Information. London [Sage] 1991.</li>
<li>Shannon, C.E.: &#8220;A Symbolic Analysis of Relay and Switching Circuits&#8221;. In: <em>Transactions of the American Institute of Electronic Engineers</em> 57 (1938), S. 1-11.</li>
<li>Shannon, C.E.: &#8220;A Mathematical Theory of Communication&#8221;. In: <em>Bell System Technical Journal</em> 27 (1948), S. 379-423 und S. 623-656.</li>
<li>Shannon, C.E.: &#8220;The Mathematical Theory of Communication&#8221;. In: Ders.; Weaver, W.: <em>The Mathematical Theory of Communication</em>. Urbana [University of Illinois Press] 1949, S. 31-125.</li>
<li>Shannon, C.E.; Weaver, W.: &#8220;Preface&#8221;. In: Dies.: <em>The Mathematical Theory of Communication</em>. Urbana [University of Illinois Press] 1949, S. v.</li>
<li>Ungeheuer, G.: &#8220;Grundriß einer Kommunikationswissenschaft&#8221;. In: Ders.: <em>Sprache und Kommunikation</em>. 2., erweiterte Auflage. Forschungsberichte des Instituts für Kommunikationsforschung und Phonetik 13. Hamburg [Buske] 1972, S. 213-271.</li>
<li>Ungeheuer, G.: &#8220;Der axiomatische Aufbau der Informationstheorie: eine vorläufige Übersicht&#8221;. In: Ders.: <em>Kommunikationsforschung und Phonetik</em>. Festschrift zum fünfzigjährigen Bestehen der IKP der Universität Bonn. Forschungsberichte des Instituts für Kommunikationsforschung und Phonetik 50. Hamburg [Buske] 1974, S. 165-182.</li>
<li>Ungeheuer, G.: &#8220;Einführung in die Informationstheorie unter Berücksichtigung phonetischer Prozesse&#8221;. In: Ders.: <em>Sprache und Signal</em>. Forschungsberichte des Instituts für Kommunikationsforschung und Phonetik 40, Hamburg [Buske] 1977, S. 7-18.</li>
<li>Ungeheuer, G.: &#8220;Sprache als Informationsträger&#8221;. In: Ders.: <em>Sprache und Kommunikation</em>. 3., erweiterte und völlig neu eingerichtete Auflage, hrsg. und eingeleitet von Karin Kolb und H. Walter Schmitz, Münster [Nodus] 2004, S. 13-21.</li>
<li>Weaver, W.: &#8220;Science and Complexity&#8221;. In: <em>American Scientist</em> 36 (1948), S. 536-544.</li>
<li>Weaver, W.: &#8220;The Mathematics of Communication&#8221;. In: <em>Scientific American</em> 181 (1949a), S. 11-15.</li>
<li>Weaver, W.: &#8220;Recent Contributions to the Mathematical Theory of Communication&#8221;. In: Shannon, C.E.; Weaver, W.: <em>The Mathematical Theory of Communication</em>. Urbana [University of Illinois Press] 1949b, S. 1-28.</li>
</ul>
<p><em>Links</em>:</p>
<ul>
<li><a href="http://www.press.uillinois.edu/books/catalog/67qhn3ym9780252725463.html" target="_blank">Verlagsinformationen zum Buch</a></li>
<li><a href="http://www.uni-due.de/kowi/JLoenhoff.shtml" target="_blank">Webpräsenz von Jens Loenhoff an der Universität Duisburg-Essen</a></li>
</ul>
<div class='footnotes'>
<div class='footnotedivider'></div>
<ol>
<li id='fn-1865-1'>Im Zusammenhang mit der Signalanalyse und Problemen der Frequenzmodulation sowie der Bandbreite von Kommunikationstechnologien definiert Hartley Information als sukzessive Auswahl von Signalen aus einem feststehenden Inventar, wobei deren Bedeutung dezidiert nicht berücksichtigt werden soll. Dabei gelte, dass eine aus <em>N</em> Signalen bestehende Nachricht, die aus einem Inventar von <em>s</em> Zeichen ausgewählt wird, <em>SN</em> verschiedene Möglichkeiten hat und deshalb die Informationsmenge als Logarithmus dieser Möglichkeiten definiert werden könne (<em>H</em> = <em>N</em> log <em>S</em>). Zu weiteren historischen Quellen der Informationstheorie siehe Cherry (1966). <span class='footnotereverse'><a href='#fnref-1865-1'>&#8617;</a></span></li>
<li id='fn-1865-2'>Auch Weaver hatte eine kürzere Fassung seines Beitrages bereits im Juli 1949 im <em>Scientific American</em> publiziert, in der er schon die für die Rezeption so folgenreichen Erweiterungen der Theorie Shannons vornahm (vgl. Weaver 1949a und unten). <span class='footnotereverse'><a href='#fnref-1865-2'>&#8617;</a></span></li>
<li id='fn-1865-3'>Shannon begründet die Wahl der Maßeinhiet &#8220;bit&#8221; wie folgt: &#8220;The choice of a logarithmic base corresponds to the choice of a unit for measuring information (…). A device with two stable positions, such as a relay or a flip-flop circuit, can store one bit of information. N such devices can store N bits, since the total number of possible states is 2<sup><small>N</small></sup><small></small> and log<small><sub>2</sub></small>2<sup><small>N</small></sup><small></small> = N.&#8221; (Shannon 1949: 4) <span class='footnotereverse'><a href='#fnref-1865-3'>&#8617;</a></span></li>
<li id='fn-1865-4'>In der Tat hat die von Shannon erstellte Formel Ähnlichkeit mit derjenigen Boltzmanns für die Entropie eines idealen Gases. Diese lautet nämlich: <em>S</em> = K log <em>w</em>, wobei die Entropie von <em>S</em> als einem physikalischen System (zum Beispiel eines Gases mit gegebenem Volumen und gegebener Energie) bestimmt wird durch den Logarithmus der thermodynamischen Wahrscheinlichkeit eines Systemzustandes <em>w</em>. Mithin gibt S den Grad der Unumkehrbarkeit eines physikalischen Prozesses an, was freilich nur für geschlossene physikalische Systeme Geltung beanspruchen kann. <span class='footnotereverse'><a href='#fnref-1865-4'>&#8617;</a></span></li>
<li id='fn-1865-5'>Entsprechend definiert Shannon die Differenz zwischen &#8220;maximaler Entropie&#8221; (<em>H</em> = 1) und &#8220;relativer Entropie&#8221; als Redundanz: &#8220;The ratio of the entropy of a source to the maximum value it could have while still restricted to the same symbols will be called its <em>relative entropy</em>. This, as will later appear, is the maximum compression possible when we encode into the same alphabet. One minus the relative entropy is the <em>redundancy</em>.&#8221; (Shannon 1949: 25) <span class='footnotereverse'><a href='#fnref-1865-5'>&#8617;</a></span></li>
<li id='fn-1865-6'>Zu einer ähnlichen Einschätzung gelangen Coveney und Highfield in ihrer Rekonstruktion: &#8220;Shannon&#8217;s mathematical formula looks rather like the one for entropy in statistical mechanics. Many people have concluded that this means there is a direct relationship between the two concepts.&#8221; (Coveney/Highfield 1990: 177) <span class='footnotereverse'><a href='#fnref-1865-6'>&#8617;</a></span></li>
<li id='fn-1865-7'>Über die Hintergründe der Einführung des Entropie-Begriffs in Shannons Theorieentwurf wird folgende Anekdote berichtet: “However, the close analogies which exist between entropy and information in no sense make either concept necessarily subjective. In fact, Shannon, the pioneer of information theory, was only persuaded to introduce the word ‘entropy’ into his discussions by the mathematician John von Neumann, who is reported to have told him: ‘It will give you a great edge in debates because nobody really knows what entropy is anyway!’” (Denbigh/Denbigh 1985: 104; vgl. auch Campbell 1982: 32) <span class='footnotereverse'><a href='#fnref-1865-7'>&#8617;</a></span></li>
<li id='fn-1865-8'>Explizit bezogen auf interpersonelle Kommunikation heißt es: &#8220;In oral speech, the information source is the brain, the transmitter is the voice mechanism producing the varying sound pressure (the signal) which is transmitted through the air (the channel).&#8221; (Weaver 1949b: 98) Allerdings hatte bereits Shannon missverständlich formuliert: &#8220;5. The <em>destination </em>is the person (or thing) for whom the message is intended.&#8221; (Shannon 1949: 6) <span class='footnotereverse'><a href='#fnref-1865-8'>&#8617;</a></span></li>
<li id='fn-1865-9'>Dabei stand ganz offensichtlich der bereits bei Wiener eingeebnete erkenntnistheoretisch wichtige Unterschied zwischen <em>technisch-künstlich</em> und <em>natürlich-naturgesetzlich</em> Pate. <span class='footnotereverse'><a href='#fnref-1865-9'>&#8617;</a></span></li>
<li id='fn-1865-10'>Die Verantwortlichen der 1976 erscheinenden deutschen Fassung fühlten sich motiviert, Weavers Kommentar an den Anfang des Buches zu stellen, wodurch diesem ein ganz anderer Stellenwert gegeben wird: man liest (wenn überhaupt noch) Shannon mit Weaver und nicht umgekehrt beziehungsweise Shannons Beitrag als mathematischen Anhang zu Weavers Ausführungen. Doch haben die Autoren schon mit dem Vorwort zu ihrer ersten Auflage dieser &#8220;Kehre&#8221; Vorschub geleistet, bemerken sie doch hinsichtlich des von Weaver beigesteuerten Teils: &#8220;In part, it consists of an expository introduction to general theory and may well be read first by those desiring a panoramic view of the field before entering into the more mathematical aspects. In addition, some ideas are suggested for a broader application of the fundamental principles of communication theory.&#8221; (Shannon/Weaver 1949: v) <span class='footnotereverse'><a href='#fnref-1865-10'>&#8617;</a></span></li>
<li id='fn-1865-11'>Dies gilt beispielsweise für Auer (1999: 7ff.), der seine ausschließlich auf Weaver gestützte Rezeption damit rechtfertigt, nur diese Interpretation sei von der Linguistik zur Kenntnis genommen worden. So kann er Shannon vorwerfen, sich auf technisch-mathematische Probleme beschränkt und die Erweiterungen Weavers nicht vorweggenommen zu haben, wobei es gerade Shannon war, der sich explizit von denjenigen Erklärungsansprüchen distanziert, die Auer in seiner Interpretation bei Shannon als nicht eingelöst betrachtet. Diese Art von &#8220;Theoriegeschichte&#8221; ist bestens geeignet, eigene Kriterien wissenschaftlicher Lektüre vorzuführen. <span class='footnotereverse'><a href='#fnref-1865-11'>&#8617;</a></span></li>
<li id='fn-1865-12'>Hinsichtlich seines Kommunikationsbegriffs und der darin entfalteten Einheit der Selektionen &#8220;Information&#8221;, &#8220;Mitteilung&#8221; und &#8220;Verstehen&#8221; meint Luhmann: &#8220;Der seit Shannon und Weaver übliche Informationsbegriff macht es leicht, dies zu formulieren. Information ist nach heute geläufigem Verständnis eine Selektion aus einem (bekannten oder unbekannten) Repertoire von Möglichkeiten.&#8221; (Luhmann 1984: 195) <span class='footnotereverse'><a href='#fnref-1865-12'>&#8617;</a></span></li>
</ol>
</div>


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		<title>Cass R. Sunstein: Infotopia</title>
		<link>http://www.rkm-journal.de/archives/646</link>
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		<pubDate>Fri, 12 Feb 2010 10:32:51 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Redaktion</dc:creator>
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		<description><![CDATA[<em>Rezensiert von Rainer Kuhlen</em>

<a href="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2009/06/sunnstein2009.jpg"><img class="alignleft size-full wp-image-2076" title="sunnstein2009" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2009/06/sunnstein2009.jpg" alt="" width="160" height="266" /></a>Von den richtigen Leuten zitiert zu werden, ist eine Freude für Autoren. Dass James Boyle in seinem Buch <em>The Public Domain</em> das Kapitel 8 zur "verteilten Kreativität" mit dem Hinweis auf Yochai Benklers <em>The Wealth of Networks</em> beginnt, ist recht und und billig. Benklers Grundzüge einer "commons-based economy", in der sich über "peer production" neuen Formen verteilter Kreativität entfalten können, ist in der Tat das Standardwerk zu diesem Thema. Aber gleich im nächsten Absatz heißt es: "Benkler's work is hardly the only resource however. Other fine works covering some of the same themes include: Cass R. Sunstein, <em>Infotopia: How Many Minds Produce Knowledge</em> (New York: Oxford University Press, 2006)". Das hat Cass R. Sunstein bestimmt gefreut. Sein Buch liegt jetzt mit dem gleichen Titel und dem Untertitel "Wie viele Köpfe Wissen produzieren" im Suhrkamp-Verlag vor, aus dem Amerikanischen flüssig und ohne erkennbare Einbuße übersetzt von Robin Celikates und Eva Engels. <a href="http://www.rkm-journal.de/archives/646">[Mehr]</a>


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			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Rezensiert von Rainer Kuhlen</em></p>
<p><a href="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2009/06/sunnstein2009.jpg"><img class="alignleft size-full wp-image-2076" title="sunnstein2009" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2009/06/sunnstein2009.jpg" alt="" width="160" height="266" /></a>Von den richtigen Leuten zitiert zu werden, ist eine Freude für Autoren. Dass James Boyle in seinem Buch <em>The Public Domain</em> (2008) das Kapitel 8 zur &#8220;verteilten Kreativität&#8221; mit dem Hinweis auf Yochai Benklers <em>The Wealth of Networks</em> (2006) beginnt, ist recht und und billig. Benklers Grundzüge einer &#8220;commons-based economy&#8221;, in der sich über &#8220;peer production&#8221; neuen Formen verteilter Kreativität entfalten können, ist in der Tat das Standardwerk zu diesem Thema. Aber gleich im nächsten Absatz (286) heißt es: &#8220;Benkler&#8217;s work is hardly the only resource however. Other fine works covering some of the same themes include: Cass R. Sunstein, <em>Infotopia: How Many Minds Produce Knowledge</em> (New York: Oxford University Press, 2006)&#8221;. Das hat Cass R. Sunstein bestimmt gefreut. Sein Buch liegt jetzt mit dem gleichen Titel und dem Untertitel &#8220;Wie viele Köpfe Wissen produzieren&#8221; im Suhrkamp-Verlag vor, aus dem Amerikanischen flüssig und ohne erkennbare Einbuße übersetzt von Robin Celikates und Eva Engels.</p>
<p>Dass Sunstein sich im Vorwort besonders für die Unterstützung von Lawrence Lessig bedankt, schließt den Kreis. Gleich Boyle, Benkler, Lessig (und vielen anderen), geht es Sunstein darum, die Potenziale von Deliberation (&#8220;eine altehrwürdige Form der Interaktion&#8221;) im Kontext des Internet neu zu überprüfen. Für &#8220;Deliberation&#8221; hat sich in den letzten Jahren auch der Ausdruck &#8220;Kollaboration&#8221; durchgesetzt – in Deutschland, sicher auch in Frankreich, hat man sich damit etwas schwerer getan, weil das Wort sofort die Assoziation zu den &#8220;Kollaborateuren&#8221; (den Vaterlandsverrätern im Vichy-Regime) weckte. Es geht aber darum, die These zu belegen, dass in kollaborativ arbeitenden, deliberativen Gruppen &#8220;ein Ergebnis mit einiger Wahrscheinlichkeit viel besser ist, wenn Informationen auf die richtige Weise von vielen verschiedenen Personen aggregiert werden&#8221; (10).</p>
<p>In der Kollaborationstheorie des E-Learning, worauf Sunstein aber nicht explizit eingeht, wird das &#8220;aggregiert&#8221; oft noch offensiver verstanden, und zwar in dem Sinne, dass das in deliberativen Gruppen erzeugte Wissen mehr ist als die Summe des Wissens der einzelnen Personen in diesen Gruppen. Wie auch immer, auch eine gute Aggregation wäre schon ein gutes Ergebnis. Die Übersetzer haben übrigens gezögert, &#8220;deliberating groups&#8221; direkt als &#8220;deliberative Gruppen&#8221; stehen zu lassen. Anders als das Substantiv sei das Adjektiv bislang nicht eingeführt. Allerdings deckt die vorgeschlagene Übersetzung &#8220;diskutierende Gruppen&#8221; den Mehrwert von deliberativen Prozessen nicht vollständig ab. Es geht ja nicht primär ums Diskutieren oder um Kommunikationsprozesse (Sunstein rekurriert hier etwas verkürzt auf Jürgen Habermas), sondern um den aggregierten oder sogar gesteigerten Wissenszuwachs durch informationelle Austauschprozesse.</p>
<p>Sunstein ist von der Richtigkeit der These überzeugt, die von ihm ursprünglich aus dem ökonomischen Bereich der Marktprognosen entwickelt und in <em>Infotopia</em> verallgemeinert wurde: Der Zugang zu verstreuten Informationen kann &#8220;letztlich zu vernünftigeren Entscheidungen sowohl auf Märkten als auch in der Politik&#8221; führen (10). Aber Sunstein weiß auch, dass deliberative Prozesse, wenn unzulänglich durchgeführt, zu suboptimalen, oft sogar fatalen Resultaten führen können. Nicht umsonst hat Sunstein mit dem Hinweis auf &#8220;die richtige Weise&#8221; der Deliberation gleich den Riegel vor zu optimistischen Erwartungen vorgeschoben.</p>
<p>Das Buch ist voll von diesen Beispielen des &#8220;überraschenden Versagens deliberativer Gruppen&#8221; (Kapitel 2 und 3) – theoretisch zum Beispiel fundiert in der Auseinandersetzung mit den empirischen Ergebnissen der von Irving Janos initiierten &#8220;groupthink-theory&#8221; (&#8220;Gruppendenken-Theorie&#8221;), durch die nachgewiesen werden konnte, dass unter sozialem Druck oft genug &#8220;gedankenlose Einhelligkeit und gefährliche Selbstzensur&#8221; gefördert wird (24). Das bekannteste negative Beispiel sind die der Schweinebucht-Initiative vorangehenden &#8220;Deliberationen&#8221; im Kennedy-Zirkel – positiv dann wohl die Deliberationen, ebenfalls im Kennedy-Zirkel, im Zusammenhang der anderen, noch dramatischeren Kuba-/Raketen-Krise. Sunstein verwendet als Gegenpol zu den produktiven deliberativen Gruppen die Bezeichnung &#8220;Informationskokons&#8221;, die er in vielen Unternehmen vorgefunden hat. Das sind für ihn ebenfalls kommunikative Welten, aber solche, in denen wir nur das an Information aufnehmen, was uns beruhigt und zusagt – also nur das, was an sich schon Vorhandenes lediglich fortspinnt.</p>
<p>Sunsteins Buch ist also keineswegs eine bedingungslose Verteidigung der Überlegenheit von deliberativen Prozessen. Zu oft wird die &#8220;richtige Weise&#8221; nicht gefunden. Als zentrale Quellen des Versagens deliberativer Prozesse macht Sunstein aus, dass zum einen viele Menschen nicht in der Lage oder nicht willens sind, ihre eigene Position, auch wenn sie sie an sich für richtig halten, gegenüber der Mehrheitsmeinung oder der Meinung einer Autoritätsperson geltend zu machen. Oft wird auch nichts gesagt, wenn das Sagen keinen eigenen Vorteil verspricht. Die andere Quelle ist die Furcht vor Sanktionen, wovon der Ausschluss aus der Gruppe noch die geringste ist. Entsprechend haben deliberative Gruppen nach Sunstein vier große Probleme: 1) Gruppen verstärken die Fehler ihrer Mitglieder. 2) Informationen, die die Mitglieder an sich haben, werden in der Gruppe nicht offengelegt und so nicht bekannt. 3) Kaskadeneffekte: Blinde weisen anderen Blinden den Weg. 4) Gruppen neigen zur Polarisierung und kommen so zu extremen Ergebnissen.</p>
<p>Je weiter man in Sunsteins Buch voranschreitet, umso klarer wird, dass für ihn das Vorbild für erfolgreiche deliberative Prozesse die Prognosemärkte in der Wirtschaft sind (also die Aggregation privater Informationen), die wesentlich erfolgreicher abschneiden als die auch schon erstaunlich treffsicheren Mittelwerte von Umfragen in gar nicht mal so großen Gruppen. Intuitiv sträuben sich dabei die Haare, wenn empirisch gut nachgewiesen wird, das zum Beispiel Gerichts- beziehungsweise Jury-Entscheidungen (man denke an den Fall Michael Jackson) fast immer identisch mit den entsprechenden Ergebnissen der Prognosemärkte sind – was natürlich auch Sunstein nicht daran zweifeln lässt, dass die juristische Beweisaufnahme dennoch weiter unverzichtbar ist.</p>
<p>Das Buch gewinnt dann aber seine Attraktivität (und Sunstein betritt dabei auch für ihn durchaus noch wenig exploriertes Gelände), wenn Sunstein sich in Kapitel 5 die &#8220;Arbeit vieler Köpfe&#8221; am Beispiel der Wikis, Open-Source-Software und Blogs vornimmt. Das fängt mit dem kollaborativen Filtern an, wie es etwa bei <a href="http://www.amazon.de" target="_blank">Amazon</a> mit Buchempfehlungen auf der Grundlage des Verhaltens vieler Käufer erfolgreich ist: Kaufe ich ein Buch &#8220;a&#8221;, das viele Leute neben einem Buch &#8220;b&#8221; ebenfalls gekauft haben, so ist es oft ein guter, tatsächlich ein fast schon immer unheimlich guter Tipp, auch mir das Buch &#8220;b&#8221; anzubieten.</p>
<p>Musterbeispiel für Netzdeliberationen ist hier natürlich die Online-Enzyklopädie <a href="http://www.wikipedia.de" target="_blank">Wikipedia</a>, deren Erfolg auch schon der Gründer Jimmy Wales mit Gedanken von Hayek zur Preistheorie beziehungsweise zu Preissystemen erklärt hatte. In Sunsteins Worten: &#8220;Wenn Informationen weit verstreut sind und wenn es keinen einzelnen &#8216;Planer&#8217; gibt, der Zugang zu dem hat, was gewusst wird, dann sprechen für die Arbeitsweise von Wikipedia generell die gleichen Gründe wie für das Preissystem&#8221; (190f.). Für den Ökonomen ist es dann gewiss eine große Versuchung, den Erfolg von Wikis auf den Unternehmensbereich zu übertragen. Hier werden positive und gescheiterte Ansätze angeführt. Es zeigt sich allerdings, wie auch bei Sunsteins folgendem Beispiel zur Open-Source-Software, dass eben das nicht Sunsteins genuine Welt ist, sodass er hier auch nicht mit gut begründeten Theorien (beispielsweise für Anreiz- und Belohnungssysteme) aufwarten kann, geschweigen denn mit repräsentativen Ergebnissen empirischer Studien zum Einsatz von Wikis oder Blogs in Unternehmen.</p>
<p>Aber das tut dem gesamten Unternehmen kaum einen Abbruch. Zu oft gelingen ihm gute Beobachtungen mit treffenden Feststellungen. So etwa, wenn er für die Open-Source-Software die &#8220;Kultur der Gabe&#8221; (<em>gift economy</em>) gegenüber der &#8220;Kultur des Austauschs&#8221; oder gar der &#8220;Warengesellschaft&#8221; herausstellt. Man wünschte sich, Sunstein hätte dabei mehr zu Innovationen fördernden Regelungen im Urheberrecht ausgeführt, als er es auf knapp anderthalb Seiten in Kapitel 5 getan hat, die zudem mehr auf Creative-Commons-Lizenzen eingehen als auf einschränkende (starke) oder öffnende (schwache) Urheberrechtsregulierungen.</p>
<p>Verteilte Informationen können in Gruppen nur zusammenkommen und offengelegt und dann genutzt werden, wenn die Mitglieder nicht befürchten müssen, dass Offenlegung und öffentliche Zugänglichmachung von Informationen für sie keine urheber- bzw. strafrechtlichen Sanktionen nach sich ziehen werden. Das und viele andere den Erfolg der Deliberation einschränkende Argumente halten Sunstein aber nicht davon ab, als Resümee &#8220;eine optimistische Sichtweise&#8221; einzunehmen:<br />
<small>&#8220;Wie niemals zuvor verfügt die Menschheit heute über vielversprechende Methoden, weitverstreute Quellen des Wissens und der Kreativität in einem Strom zusammenzuführen, dessen Produktivität erstaunlich ist. Der Wert dieser Methoden hängt letztlich natürlich davon ab, wie wir sie verwenden. Wenn wir aber wetten wollen, ist es sicher sinnvoll, eine Wette auf den Optimismus abzuschließen.&#8221;</small><br />
Auf längere Sicht wird Sunstein hoffentlich recht behalten. Gegenwärtig hängt aber der Erfolg in vielen Situationen kollaborativer deliberativer Prozesse nicht in erster Linie davon ab, &#8220;wie&#8221; wir Methoden und Informationen verwenden, sondern &#8220;ob&#8221; uns die benötigten Informationen überhaupt zu fairen Bedingungen zugänglich, geschweige denn frei zugänglich sind. Das ist das andere Paradox, auf das Sunstein kaum eingeht: In der Tat ist heute wie noch nie in der Menschheitsgeschichte so viel an Information im Prinzip frei zugänglich, aber auch noch nie waren die Verknappungsformen (sei es über das Recht, die Preispolitik oder die Schutztechnik) so umfassend wie heute. Aber das mag ein Übergangsproblem sein. Setzen wir auf Sunstein!</p>
<p><em>Literatur</em>:</p>
<ul>
<li>Boyle, J.: <em>The Public Domain. Enclosing the Commons of Mind.</em> New Haven, London [Yale University Press] 2008.</li>
<li>Benkler, Y.: <em>The Wealth of Networks. How Social Production Transforms Markets and Freedom.</em> New Haven, London [Yale University Press] 2006.</li>
</ul>
<p><em>Links</em>:</p>
<ul>
<li><a href="http://www.suhrkamp.de/buecher/infotopia-cass_r_sunstein_58521.html" target="_blank">Verlagsinformationen zum Buch</a></li>
<li><a href="http://www.law.harvard.edu/faculty/directory/index.html?id=552" target="_blank">Webpräsenz von Cass R. Sunstein an der <em>Harvard Law School</em></a></li>
<li><a href="http://www.kuhlen.name/" target="_blank">Webpräsenz von Rainer Kuhlen an der Universität Konstanz</a></li>
</ul>


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		<title>Michael Meyen; Claudia Riesmeyer: Diktatur des Publikums</title>
		<link>http://www.rkm-journal.de/archives/831</link>
		<comments>http://www.rkm-journal.de/archives/831#comments</comments>
		<pubDate>Wed, 10 Feb 2010 09:00:27 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Redaktion</dc:creator>
				<category><![CDATA[Einzelrezension]]></category>
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		<description><![CDATA[<p style="text-align: justify;"><em>Rezensiert von Johannes Raabe</em></p>
<p style="text-align: justify;"><a href="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2009/09/meyenriesmeyer2009.jpg"><img class="alignleft size-full wp-image-2161" title="meyen&#38;riesmeyer2009" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2009/09/meyenriesmeyer2009.jpg" alt="" width="160" height="258" /></a>Michael Meyen, in der Vergangenheit vor allem mit Studien zu den DDR-Medien, zur Mediennutzung und mit Veröffentlichungen zur Geschichte der Disziplin an die Fachöffentlichkeit getreten, hat sich in den letzten Jahren dem Feld der Journalismusforschung zugewandt und 2009 zwei Journalistenstudien vorgelegt: gemeinsam mit Nina Springer eine Untersuchung über freie Journalisten in Deutschland (<a href="http://www.rkm-journal.de/archives/134#hide" target="_blank">siehe r:k:m-Rezension von Siegfried Weischenberg vom September 2009</a>) und kurz darauf mit seiner Mitarbeiterin Claudia Riesmeyer die hier angezeigte Veröffentlichung einer Untersuchung über Journalisten in Deutschland. Ausgangspunkt der Studie ist eine knappe, pauschalkritische Auseinandersetzung mit klassischen Arbeiten der Journalismusforschung von Kepplinger, Köcher und Donsbach einerseits, Weischenberg und Mitarbeitern andererseits. Sie dient der Legitimation des eigenen Vorhabens und der Begründung für ein alternatives methodisches Vorgehen. <a href="http://www.rkm-journal.de/archives/831">[Mehr]</a>


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			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify;"><em>Rezensiert von Johannes Raabe</em></p>
<p style="text-align: justify;"><a href="http://www.rkm-journal.de/archives/831"><img class="alignleft size-full wp-image-2161" title="meyen&amp;riesmeyer2009" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2009/09/meyenriesmeyer2009.jpg" alt="" width="160" height="258" /></a>Michael Meyen, in der Vergangenheit vor allem mit Studien zu den DDR-Medien, zur Mediennutzung und mit Veröffentlichungen zur Geschichte der Disziplin an die Fachöffentlichkeit getreten, hat sich in den letzten Jahren dem Feld der Journalismusforschung zugewandt und 2009 zwei Journalistenstudien vorgelegt: gemeinsam mit Nina Springer eine Untersuchung über freie Journalisten in Deutschland (<a href="http://www.rkm-journal.de/archives/134#hide" target="_blank">siehe r:k:m-Rezension von Siegfried Weischenberg vom September 2009</a>) und kurz darauf mit seiner Mitarbeiterin Claudia Riesmeyer die hier angezeigte Veröffentlichung einer Untersuchung über Journalisten in Deutschland. Ausgangspunkt der Studie ist eine knappe, pauschalkritische Auseinandersetzung mit klassischen Arbeiten der Journalismusforschung von Kepplinger, Köcher und Donsbach einerseits, Weischenberg und Mitarbeitern andererseits. Sie dient der Legitimation des eigenen Vorhabens und der Begründung für ein alternatives methodisches Vorgehen.</p>
<p style="text-align: justify;">Und in der Tat: Will man wie Meyen und Riesmeyer Genaueres über Herkunft, Ausbildung und Karriere von Journalisten erfahren, über Arbeitsbedingungen und Berufsalltag, das Klima unter Kollegen sowie &#8220;über das, was ihnen wichtig im Leben ist und was sie im Beruf erreichen wollen&#8221; (17), dann ist es sinnvoll auf quantitative Erhebungen zu verzichten und die erforderlichen Daten mittels ausführlicherer Interviews zutage zu fördern – zumal Meyen aufgrund früherer Arbeiten mit biographischen Leitfadengesprächen über reichlich Interview-Erfahrung verfügt. Mit einem solchen eher qualitativen Vorgehen korrespondiert das von den Autoren propagierte Auswahlverfahren nach dem Prinzip der theoretischen Sättigung (49ff.), das für die Journalismusforschung eine brauchbare Alternative zu Zufallsstichproben bildet, zumal wenn keine ausreichenden Kenntnisse über die Grundgesamtheit vorliegen.</p>
<p style="text-align: justify;">Doch die Studie will mehr: Unter Rekurs auf die Theoriestücke <em>Feld,</em> <em>Kapital</em> und <em>Habitus </em>aus der Soziologie Pierre Bourdieus soll das journalistische Feld in Deutschland und die Logik des Feldes (bzw. seiner Unterfelder) untersucht werden. Das schließt Fragen nach den Machtpolen und Hierarchien im Feld und nach dessen Autonomie mit ein. Hinsichtlich der Journalisten dient das Konzept des Habitus als einem erfahrungsgenerierten und zugleich praxisgenerierenden Dispositionssystem der Akteure (<em>opus operatum</em> und <em>modus operandi</em>) der Bestimmung ihrer spezifischen Wahrnehmung des Feldes (und der eigenen Position darin) sowie ihres <em>praktischen Sinns</em> – was in den Interviews herausgearbeitet werden soll. Zudem habe der Rekurs auf Bourdieu den Vorteil, dass die eigene &#8220;Untersuchung […] in einer der großen, systematischen Gesellschaftstheorien verortet [wird]&#8221; (28).</p>
<p style="text-align: justify;">Von einer gesellschaftstheoretischen Fundierung der Arbeit kann freilich keine Rede sein; es bleibt beim zitierten Verweis. Feld-, Kapital- und Habitus-Konzept werden von den Autoren als Heuristik für das eigene Forschungsvorhaben genutzt, der Soziologie Bourdieus gerecht werden sie dabei nicht. Das gilt nicht nur für den Begriff der Dispositionen, der praktische Denk-, Wahrnehmungs- und Handlungsschemata meint, hier aber als &#8220;Geschlecht&#8221;, &#8220;Alter&#8221;, &#8220;Körpergröße&#8221; und &#8220;Aussehen&#8221; [!] missverstanden (45) und in der Erhebung im Teil der geschlossenen Kategorien abgefragt wird (63).</p>
<p style="text-align: justify;">Auch warnt Bourdieu beim Habitus-Konzept vor einer Trennung von opus operatum und modus operandi, die hier zur Grundlage der Untersuchungsanlage wird (44f.). Und wenn man die professionelle Orientierung von Journalisten an Lesern, Hörern, Zuschauern (114ff.) und die Bedeutung von Informanten aus dem politischen Feld (144) für einen Ausweis mangelnder Autonomie des Feldes hält, hat das mit der Feld-Konzeption Bourdieus nichts zu tun – besteht doch die Autonomie des journalistischen Feldes darin, solche Informationen nach journalistisch-redaktionellen und nicht etwa nach politischen Kriterien auszuwählen und aufzubereiten. Auch erscheint es allzu pragmatisch, bei der Auswahl der Befragten Bourdieus Kriterium der Zugehörigkeit zum Feld (Interesse und Involviertsein hinsichtlich der Einsätze, um die es im jeweiligen Feld geht) gleichzusetzen mit der Bereitschaft, &#8220;sich zum Arbeitsalltag und zum Selbstverständnis von Journalisten befragen&#8221; zu lassen (52).</p>
<p style="text-align: justify;">Ähnlich pragmatisch wirkt auch die Umsetzung des Auswahlverfahrens, wenn man liest, dass ein Sportressortleiter &#8220;nur deshalb interviewt wurde, weil eine Studentin das Protokoll für einen Seminarschein brauchte&#8221; (51), dass Journalisten während des Interviews merkten, dass sie für die Studie schon einmal befragt worden waren (48f.) und dass drei Jahre nach den ersten Befragungen zusätzlich Teilstudien zu investigativen Reportern, Israel-, China- und Parlamentskorrespondenten u.a. hinzukamen, weil Studierende noch Themen für Haus- oder Abschlussarbeiten brauchten, so dass &#8220;(meist studentische) Interviewer&#8221; bzw. &#8220;rund 60 Studierende&#8221; Daten zu der Studie erhoben haben (55, 61f.). Dabei erfolgte die Interviewer-Schulung mal in einem Vorbereitungsseminar zu der Studie, mal in Methodenübungen, mal im Examenskolloquium.</p>
<p style="text-align: justify;">Meyen und Riesmeyer sprechen von 501 &#8220;Tiefeninterviews&#8221; – ein anspruchsvolles qualitatives Erhebungsverfahren, mit dem sich latente, auch der Alltagsreflexion der Befragten unzugängliche  <em>Tiefenstrukturen</em> ermitteln lassen und das für die Rekonstruktion des praktischen Sinns journalistischer Akteure und der impliziten Denk-, Wahrnehmungs- und Handlungsschemata ihrer Habitus geeignet wäre. Nur handelt es sich hier nicht um Tiefeninterviews, sondern um teilstrukturierte Leitfadengespräche, und die Durchführung in der genannten Zahl wäre nicht nur vom Aufwand her praktisch kaum zu bewältigen, sondern widerspräche auch der Logik der qualitativen Forschungsmethode. Wichtiger als hohe Fallzahlen wären allemal eine theoriegeleitete und methodisch kontrollierte Aufbereitung und Interpretation der Daten gewesen, über die man als Leser zudem gern mehr erfahren hätte.</p>
<p style="text-align: justify;">Stattdessen erhält man eine flüssig geschriebene und durchaus mit Gewinn zu lesende Deskription der Antworten zu Berufs- und Karriereerfahrungen, zu Arbeitsalltag und Selbstverständnis von Journalisten in verschiedenen Ressorts und unterschiedlichen Teilfeldern des Journalismus; durchsetzt mit oft aufschlussreichen, mitunter witzigen Zitaten aus den Interviews. Dass solche qualitativen Studien fast unvermeidlich in entsprechende Typenbildungen münden, ist nicht weiter schlimm; dass diese Typenbildung aufgrund einer falsch gedeuteten Publikumsorientierung (siehe weiter unten) wenig überzeugt, dagegen schade.</p>
<p style="text-align: justify;">Zentrales Ergebnis der Untersuchung: Weder &#8220;angepasste Außenseiter&#8221; (Kepplinger), politisch eher linke &#8220;Missionare&#8221;  (Köcher) oder &#8220;konservative Stimmungsmacher&#8221; (Hachmeister) noch &#8220;Alpha-Journalisten&#8221; (Weichert/Zabel), &#8220;Wichtigtuer&#8221; (Bruns) oder bloße &#8220;Souffleure&#8221; (Weischenberg) seien kennzeichnend für den Journalismus in Deutschland, sondern – infolge eines durch Ökonomisierung und Digitalisierung hervorgerufenen &#8220;Professionalisierungsschubs&#8221; – &#8220;Informationsprofis, die ihr Handwerk beherrschen und die Bedürfnisse des Publikums zum zentralen Maßstab ihrer Arbeit gemacht haben&#8221; (253f.).</p>
<p style="text-align: justify;">Wer eine solche Diagnose akzeptiert, muss der Argumentation von der &#8220;Diktatur des Publikums&#8221; noch lange nicht folgen. Im Gegenteil. Dieses Schlagwort, das die gesamte Abhandlung durchzieht, ist nicht einfach arg überspitzt, sondern oft falsch und mitunter ärgerlich: Man muss wahrlich kein eingefleischter Systemtheoretiker sein, um den Unterschied zwischen der (Autonomie stärkenden) Differenz von Selbst- und Fremdbeobachtung einerseits und Fremdeinflüssen andererseits zu kennen – oder zumindest die problemlösende Funktion der Publikumsbeobachtung für den Journalismus. Haben nicht Ralf Hohlfelds Forschungsarbeiten bereits vor Jahren Journalisten eine weitgehende Akzeptanz der Publikumsforschung und prinzipielle Aufgeschlossenheit und Interesse gegenüber ihren Publika bescheinigt? Mit Fremdbestimmung oder gar Diktat hat das erstmal nichts zu tun. Subsumiert wird unter dem Schlagwort dann aber sogar die rein ökonomisch motivierte Quotenfixierung: Ökonomie-Diktat = Publikums-Diktatur? Was haben Leser für ein Interesse an Auflagen, was Hörer und Zuschauer an Quoten?</p>
<p style="text-align: justify;">Noch bedenklicher wird diese Gleichsetzung, wenn sie mit den Worten kommentiert wird, dies sei nur dann &#8220;ein Problem […], wenn man sich über die Kaufentscheidungen und Qualitätsurteile des Publikums erhaben fühlt und […] besser zu wissen glaubt, welche Medienangebote und welchen Journalismus&#8221; unsere Gesellschaft brauche (14). Solche Formulierungen erinnern an ungebrochen affirmative Medienbewertungen aus der Blütezeit des Uses-and-Gratifications-Approach in den 1970er Jahren in den USA. Verwundert reibt sich der Leser die Augen. Hat man die Autoren komplett missverstanden? War es gar nicht so gemeint? Bis man zum Schlusssatz der Abhandlung kommt. Dort heißt es: Man stelle sich doch &#8220;einfach das Gegenstück zu einer ‚Diktatur des Publikums‘ vor: einen Journalismus, der auf Schnelligkeit, permanente Kontrolle und die Weisheit der Vielen pfeift und an den Bedürfnissen der Nutzer vorbeischreibt und -sendet&#8221; (256). Pardon, aber eine solche Logik ist, wie wenn man Glotz und Langenbucher unterstellen würde, sie hätten vor vierzig Jahren &#8220;Der missachtete Leser&#8221; als ein Plädoyer zur Schwächung der Autonomie des Journalismus geschrieben.</p>
<p style="text-align: justify;">Eine Nebenbemerkung zum Schluss: Es gibt gute Gründe (zumal in wissenschaftlichen Publikationen) mit der Verwendung des Begriffs der <em>Diktatur</em> vorsichtig umzugehen – nicht zuletzt angesichts der historischen Erfahrungen Deutschlands im vergangenen Jahrhundert.</p>
<p style="text-align: justify;"><em>Links</em>:</p>
<ul>
<li><a href="http://www.uvk.de/buch.asp?ISBN=9783867641708&amp;WKorbUID=6679571&amp;TITZIF=2299&amp;be=jo" target="_blank">Verlagsinformationen zum Buch</a></li>
<li><a href="http://home.ifkw.lmu.de/~mmeyen/personen/meyen.html" target="_blank">Webpräsenz von Michael Meyen an der Universität München</a></li>
<li><a href="http://www.ifkw.lmu.de/personen/mitarbeiter/riesmeyer_claudia/" target="_blank">Webpräsenz von Claudia Riesmeyer an der Universität München</a></li>
<li><a href="http://www.uni-bamberg.de/kowi/personen_einrichtungen/johannes_raabe/" target="_blank">Webpräsenz von Johannes Raabe an der Universität Bamberg</a></li>
</ul>
<p style="text-align: justify;">


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