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	<title>rezensionen:kommunikation:medien &#187; Semiotik</title>
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	<description>Rezensionen aus den Bereich Kommunikation und Medien</description>
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		<title>Winfried Nöth; Peter Seibert: Bilder beSchreiben</title>
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		<pubDate>Thu, 19 Aug 2010 04:47:58 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Redaktion</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Ästhetik]]></category>
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		<description><![CDATA[<em>Rezensiert von Martin Siefkes</em>

<em> </em><a href="http://www.rkm-journal.de/archives/3628"><img class="alignleft size-full wp-image-3628" title="Nöth" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2010/07/Nöth.jpg" alt="" width="160" height="228" /></a>In der Kunstwissenschaft und anderen Bereichen der Ästhetik hat in den letzten Jahren eine dezidiert antisemiotische Bewegung an Einfluss gewonnen, die sich mit Namen wie Gernot Böhme, Horst Bredekamp, Hans Belting oder Dieter Mersch schmücken kann und die Ansicht vertritt, Kunstwerken könne man mit zeichentheoretischen Mitteln nicht beikommen. Dabei wird allerdings, wie Mark Halawa gezeigt hat, mit einer verkürzten Auffassung von Semiotik gearbeitet, die man – in der Art eines "Strohmann-Arguments" – dann bequem zurückweisen kann. Während die geäußerte Kritik auf manche Semiotiker der Saussure'schen Tradition, die sich auf Codes konzentrierten und solche konventionellen Zeichensysteme überall am Werk sahen, zutrifft, gilt sie nicht für die Peirce'sche Semiotik, durch die sich auch unmittelbare Erfahrungen, direkte Eindrücke aller Sinnesmodalitäten, von Materialien ausgehende Wirkungen usw. beschreiben lassen. <a href="http://www.rkm-journal.de/archives/3625">[Mehr]</a>


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</ol>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Rezensiert von Martin Siefkes</em></p>
<p><em> </em><a href="http://www.rkm-journal.de/archives/3628"><img class="alignleft size-full wp-image-3628" title="Nöth" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2010/07/Nöth.jpg" alt="" width="160" height="228" /></a>In der Kunstwissenschaft und anderen Bereichen der Ästhetik hat in den letzten Jahren eine dezidiert antisemiotische Bewegung an Einfluss gewonnen, die sich mit Namen wie Gernot Böhme, Horst Bredekamp, Hans Belting oder Dieter Mersch schmücken kann und die Ansicht vertritt, Kunstwerken könne man mit zeichentheoretischen Mitteln nicht beikommen. Dabei wird allerdings, wie Mark Halawa gezeigt hat, mit einer verkürzten Auffassung von Semiotik gearbeitet, die man – in der Art eines &#8220;Strohmann-Arguments&#8221; – dann bequem zurückweisen kann (vgl. Halawa 2009). Während die geäußerte Kritik auf manche Semiotiker der Saussure&#8217;schen Tradition, die sich auf Codes konzentrierten und solche konventionellen Zeichensysteme überall am Werk sahen, zutrifft, gilt sie nicht für die Peirce&#8217;sche Semiotik, durch die sich auch unmittelbare Erfahrungen, direkte Eindrücke aller Sinnesmodalitäten, von Materialien ausgehende Wirkungen usw. beschreiben lassen (ebd.: 17ff.).</p>
<p>Die Bezugnahme auf Topoi wie &#8220;Materialität&#8221;, &#8220;Anschauung&#8221;, &#8220;Präsenz&#8221; und &#8220;Ereignishaftigkeit&#8221; des Kunstwerks und des Bildes, mit deren Hilfe die Semiotik heute &#8211; aber auch während des gesamten 20. Jahrhunderts die analytisch orientierten Schulen der Ästhetik (wie etwa Strukturalismus und Formalismus) &#8211; kritisiert werden, bleibt zumindest im Fall von semiotisch versierten Philosophen wie Dieter Mersch unverständlich. Dies umso mehr, als die semiotischen &#8216;Allmachtsphantasien&#8217; früherer Zeiten längst durch eine genaue Prüfung der Relation der Semiotik zu den Einzelwissenschaften ersetzt wurden, in denen diese eine Rolle spielt (vgl. Posner 2003). Es entsteht daher der Eindruck, dass die faktisch stattfindende Verdrängung der Semiotik aus den Universitäten (als Beispiel sei die Abschaffung des Semiotik-Studiengangs an der <a href="http://www.tu-berlin.de/" target="_blank">Technischen Universität Berlin</a> und der dortige Wegfall der Lehrstuhls von Roland Posner genannt) durch eine ideelle Verdrängung aus den Disziplinen, in die sie in den letzten vier Jahrzehnten – nicht immer zur Begeisterung der Fachwissenschaftler – eingegriffen hat, ergänzt werden soll.</p>
<p>Vor diesem Hintergrund ist es zu begrüßen, dass die wenigen Semiotiker, die hierzulande noch an Universitäten arbeiten können, sich weiter der Bildwissenschaft widmen. Ein Beispiel dafür ist der vorliegende Sammelband <em>Bilder beSchreiben. Intersemiotische Transformationen</em> von Winfried Nöth – als Verfasser des <em>Handbuch der Semiotik</em> (Nöth 2000) sicher einer der bekanntesten deutschen Semiotiker – und Peter Seibert. Er geht auf ein Kolloquium zurück, das im Juli 2007 an der <a href="http://cms.uni-kassel.de/unicms/" target="_blank">Universität Kassel</a> stattfand, also im Kontext der <em><a href="http://www.documenta.de/" target="_blank">documenta</a> 12</em>, und widmet sich dem Thema, wie Bilder, aber auch Filme, Internetpräsenzen, Musikstücke usw. mit (vor allem sprachlichen) Beschreibungen interagieren.</p>
<p>Einer kurzen Einführung der Herausgeber folgt eine Reihe von Einzelanalysen, von denen hier nur eine Auswahl vorgestellt werden kann: Winfried Nöth widmet sich der Selbstreferenzialität in Bildern, einem Lieblingsthema der Postmoderne, das in letzter Zeit eine Renaissance erfuhr (erwähnt sei die Großausstellung &#8220;Une image peut en cacher une autre&#8221; im Pariser <a href="http://www.grandpalais.fr/fr/Accueil/p-93-Accueil.htm" target="_blank">Grand Palais</a>, 2009). Peter Seibert untersucht anhand von Bertolt Brechts <em>Kriegsfibel</em> die spannungsreichen Bezüge zwischen Bildern und Bildbeschreibungen in der Literatur, die später in Rolf Dieter Brinkmanns <em>Rom, Blicke</em> und bei W. G. Sebald neu verhandelt wurden. Sharon Morris wendet die Peirce&#8217;sche Kategorienlehre in einem Husarenritt von Freud über Marinetti und den unvermeidlichen Benjamin bis zur &#8220;e-art&#8221; auf die Möglichkeiten der Text-Bild-Beziehung an, wobei vor allem die Analysen zeitgenössischer Kunstwerke hervorzuheben sind.</p>
<p>Elise Bisanz erklärt die Besonderheiten filmischer Narrationsstrukturen und leitet daraus Eigenschaften der Beschreibung von Filmbildern ab, während Kai-Uwe Hemken Andy Warhols Kunst gerade darin charakterisiert sieht, dass sie keine Beschreibung erfordert und dadurch die auf Interpretationsbedürftigkeit gerichtete &#8216;hohe Kunst&#8217; unterwandert (nebenbei bemerkt fand gleichzeitig mit der oben genannten Ausstellung im Grand Palais auch eine große Andy Warhol-Schau statt; der Band widmet sich also einigen Themen, die in seinem Erscheinungsjahr gewissermaßen in der Luft lagen). Lucia Leão zeigt, wie Schrift und Bild in der zeitgenössischen Kunst füreinander eintreten können. Claudia Brinker-von der Heyde schließlich nimmt eine kultursemiotische Perspektive ein, wenn sie die Darstellungen der bildverzierten Haube des Bauernsohns Helmbrecht im gleichnamigen Werk Wernher der Gartenæres im kulturellen Gedächtnis des Adels verortet: Die Beschreibung des unerhörten Kopfschmucks in mehr als 120 Versen durchbricht den Erzählfluss ebenso wie die Missachtung der Ständegrenze (der Bauer möchte Ritter sein) die mittelalterliche Ständeordnung – ein Fall von Ikonismus zwischen Ausdrucks- und Inhaltsebene.</p>
<p>Insgesamt kann der Band nicht vollständig überzeugen. Die gebotenen Einzelanalysen sind aufschlussreich, und der Kontext des Kolloquiums (die <em><a href="http://www.documenta.de/" target="_blank">documenta</a></em>) spiegelt sich in einigen Beiträgen wider, die aktuelle Künstler und Entwicklungen reflektieren. Doch werden die gewonnenen Erkenntnisse nicht in eine Gesamtschau eingebettet, die die Interaktionsmöglichkeiten von Bildern mit Schrift und anderen Medien systematisiert. Dies wäre umso wünschenswerter, als in der Semiotik inzwischen Begrifflichkeiten zur Verfügung stehen, mit deren Hilfe sich solche Interaktionen beschreiben lassen (vgl. Hess-Lüttich/Schmauks 2004). Mit ihrer Hilfe könnte versucht werden, die Bedingungen der Intermedialität in der Produktion, Präsentation und Rezeption von Bildern zu klären.</p>
<p>Zum Abschluss sei daher auf einige Forschungsrichtungen verwiesen, die sich auf den Weg einer Klärung der Zeichenprozesse im Zusammenhang mit Bildern gemacht haben. Dazu gehört zunächst die Schule von Klaus Sachs-Hombach (vgl. Sachs-Hombach 2003, Sachs-Hombach/Rehkämper 2001). Eine Richtung, die sich vorwiegend auf Peirce und Goodman beruft, sieht Bilder als semiotisch fundiert an, betont aber gleichzeitig die phänomenlogischen Aspekte der Bildwahrnehmung (vgl. hier besonders Halawa 2008 sowie für eine an Goodman orientierte Bildtheorie Scholz 2004). Zu erwähnen ist ferner die strukturalistisch geprägte Schule (vgl. Groupe μ 1992, Sonesson 1989), die Bilder in der Tradition Saussures als Zeichensysteme analysiert; diese Tradition ist auch mit der analytischen Philosophie verbunden worden (vgl. Blanke 2003, Posner 2010). Dem Thema „Intermedialität“ in semiotischer Perspektive widmet sich ein Sonderheft der Zeitschrift <em>Kodikas/Code</em> (vgl. Hess-Lüttich/Wenz 2006). Die Erwähnung dieser Forschungsrichtungen soll nicht als Einladung zur einseitig semiotisch orientierten Bildwissenschaft verstanden werden, sondern vielmehr als Aufforderung zu einer Diskussion, die die Möglichkeiten der Semiotik ernst nimmt, ohne Bilder auf ihren Zeichenaspekt zu reduzieren.</p>
<p><em>Literatur</em><strong>:</strong></p>
<ul>
<li>Blanke, B.: <em>Vom Bild zum Sinn. Das ikonische Zeichen zwischen Semiotik und analytischer Philosophie.</em> Wiesbaden [Deutscher Universitäts-Verlag] 2003.</li>
<li>Groupe μ:<em> Traité du signe visuel. Pour une rhétorique de l&#8217;image.</em> Paris [Éditions Le Seuil] 1992.</li>
<li>Halawa, M.A.: <em>Wie sind Bilder möglich? Argumente für eine semiotische Fundierung des Bildbegriffs.</em> Köln [Herbert von Halem Verlag] 2008.</li>
<li>Halawa, M. A.: &#8220;Widerständigkeit als Quellpunkt der Semiose. Materialität, Präsenz und Ereignis in der Semiotik von C.S. Peirce&#8221;. In: <em>Kodikas/Code. Ars Semeiotica. An International Journal of Semiotics </em>32 (2009), Nr. 1-2, S. 11-24.</li>
<li>Hess-Lüttich, E.W.B.; Schmauks, D.: &#8220;Multimediale Kommunikation&#8221;. In: Posner, R.; Robering, K.; Sebeok, T. A. (Hrsg.): <em>Semiotik: Ein Handbuch zu den zeichentheoretischen Grundlagen von Natur und Kultur. </em>Band 4. Berlin u. a. [de Gruyter] 2004, S. 3487-3503.</li>
<li>Hess-Lüttich, E.W.B.; Wenz, K. (Hrsg.): <em>Stile des Intermedialen. Zur Semiotik des Übergangs.</em> (= <em>Kodikas/Code. Ars Semeiotica</em> 29, 1-3). Tübingen [Gunter Narr] 2006.</li>
<li>Nöth, W.: <em>Handbuch der Semiotik. </em>Vollständig neu bearbeitete und erweiterte Auflage. Stuttgart, Weimar [Verlag J. B. Metzler] 2000.</li>
<li>Posner, R.: &#8220;Semiotik und Einzelwissenschaften&#8221;. In: Posner, R.; Robering, K.; Sebeok, T. A. (Hrsg.): <em>Semiotik: Ein Handbuch zu den zeichentheoretischen Grundlagen von Natur und Kultur. </em>Band 3. Berlin u. a. [de Gruyter] 2003, S. 2562-2569.</li>
<li>Posner, R.: &#8220;Die Wahrnehmung von Bildern als Zeichenprozess&#8221;. In: Maurer, D.; Riboni, C. (Hrsg.): <em>Bild und Bildgenese</em>. Bern u. a. [Peter Lang] 2010, S. 139-184.</li>
<li>Sachs-Hombach, K.: <em>Das Bild als kommunikatives Medium. Elemente einer allgemeinen Bildwissenschaft.</em> Köln [Herbert von Halem Verlag] 2003.</li>
<li>Sachs-Hombach, K.; Rehkämper, K. (Hrsg.): <em>Bildhandeln. Interdisziplinäre Forschungen zur Pragmatik bildhafter Darstellungsformen.</em> Magdeburg [Scriptum] 2001.</li>
<li>Scholz, O.R.: &#8220;Bild&#8221;. In: Barck, K. et al.  (Hrsg.): <em>Ästhetische Grundbegriffe</em>. Band 1. Stuttgart, Weimar [Verlag J. B. Metzler] 2000, S. 618-668.</li>
<li>Scholz, O.R.: <em>Bild, Darstellung, Zeichen. Philosophische Theorien bildlicher Darstellung.</em> 2., vollst. überarb. Aufl. Frankfurt am Main [Klostermann] 2004.</li>
<li>Sonesson, G.: <em>Pictorial Concepts. Inquiries into the Semiotic Heritage and its Relevance to the Interpretation of the Visual World.</em> Lund [Lund University Press] 1989.</li>
</ul>
<p><em>Links</em>:</p>
<ul>
<li><a href="http://www.upress.uni-kassel.de/publi/abstract.php?978-3-89958-710-4" target="_blank">Verlagsinformationen zum Buch</a></li>
<li><a href="http://www.uni-kassel.de/~noeth/" target="_blank">Webpräsenz von Winfried Nöth an der Universität Kassel</a></li>
<li><a href="http://cms.uni-kassel.de/unicms/index.php?id=6529" target="_blank">Webpräsenz von Peter Seibert an der Universität Kassel</a></li>
<li><a href="http://www.semiotik.tu-berlin.de/menue/mitarbeiter/martin_siefkes_ma/" target="_blank">Webpräsenz von Martin Siefkes an der Technischen Universität Berlin</a></li>
</ul>


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		<title>Thomas Friedrich; Gerhard Schweppenhäuser: Bildsemiotik</title>
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		<pubDate>Thu, 01 Jul 2010 11:08:29 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Redaktion</dc:creator>
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		<description><![CDATA[<em>Rezensiert von Doris Mosbach</em>

<em></em><a href="http://www.rkm-journal.de/archives/1799"><img class="alignleft size-full wp-image-3392" title="Friedrich&#38;Schweppenhäuser" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2009/12/FriedrichSchweppenhäuser.jpg" alt="" width="160" height="247" /></a>Das Lehrbuch <i>Bildsemiotik</i> von den Design- und Kommunikations-wissenschaftlern Thomas Friedrich und Gerhard Schweppenhäuser ist eine Ausarbeitung von Vorlesungsmaterial und richtet sich explizit an Studierende und in der Gestaltung arbeitende Praktiker und Lehrende. Die Autoren haben das Buch als ein "übersichtliches Kompendium" konzipiert, in dem "bewährte" bildsemiotische Analysemethoden vorgestellt und vorgeführt werden. Aus der Sicht von Kommunikationsgestaltern betonen Friedrich und Schweppenhäuser zunächst die kommunikative Einheit von Text und Bild, deren pragmatische Faktoren (wie etwa Kontextabhängigkeit) sie gleich zu Beginn anhand von prägnanten Beispielen deutlich machen. <a href="http://www.rkm-journal.de/archives/1799">[Mehr]</a>


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</ol>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Rezensiert von Doris Mosbach</em></p>
<p><em></em><a href="http://www.rkm-journal.de/archives/1799"><img class="alignleft size-full wp-image-3392" title="Friedrich&amp;Schweppenhäuser" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2009/12/FriedrichSchweppenhäuser.jpg" alt="" width="160" height="247" /></a>Das Lehrbuch <em>Bildsemiotik</em> von den Design- und Kommunikations-wissenschaftlern Thomas Friedrich und Gerhard Schweppenhäuser ist eine Ausarbeitung von Vorlesungsmaterial und richtet sich explizit an Studierende und in der Gestaltung arbeitende Praktiker und Lehrende (6). Die Autoren haben das Buch als ein &#8220;übersichtliches Kompendium&#8221; konzipiert, in dem &#8220;bewährte&#8221; bildsemiotische Analysemethoden vorgestellt und vorgeführt werden (ebd.).</p>
<p>Aus der Sicht von Kommunikationsgestaltern betonen Friedrich und Schweppenhäuser zunächst die kommunikative Einheit von Text und Bild, deren pragmatische Faktoren (wie etwa Kontextabhängigkeit) sie gleich zu Beginn anhand von prägnanten Beispielen deutlich machen (19ff.). Die darauf folgende Einführung in semiotische Grundbegriffe beschränkt sich auf die wenigen Konzepte, die als semiotisches Allgemeingut gelten dürfen: den integrativen Begriff des Zeichens als etwas, das für etwas anderes steht, den strukturalistischen Zeichenbegriff nach Saussure bzw. Barthes, die Dimensionen der Semiotik (Semantik, Syntaktik, Pragmatik) im Sinne von Morris sowie die triadischen Zeichenrelationen nach Peirce, allen voran die eingängige Trichotomie des Objektbezugs (Ikon, Index, Symbol). Dabei werden Gegensätze (etwa des Ansatzes von Peirce im Vergleich zu Saussure) bewusst ausgeblendet. Stattdessen folgen Analysen verschiedenartiger visueller Zeichen (Firmenlogos, Plakate, Titelbilder, Piktogramme, Emoticons), in denen die eingeführten Grundbegriffe ertragreich angewendet werden (36ff.).</p>
<p>Die nachfolgenden Kapitel thematisieren die Rhetorik des Visuellen. Die Autoren resümieren den antiken Bestand rhetorischer Mittel und spüren diese – ursprünglich nur für die Sprache konzipierten – Stilelemente in Werbeanzeigen auf. Unverständlich bleibt dabei, dass sowohl die frühen Arbeiten von Durand, der schon ab dem Ende der 1960er Jahre zu genau dieser Palette bildrhetorischer Mittel gearbeitet hat (vgl. z. B. Durand 1970, 1987) sowie auch die umfangreichen neueren Arbeiten von Stöckl (z. B. 2004) völlig unerwähnt und unzitiert bleiben, obwohl gerade letztere sowohl methodologisches Rüstzeug zur Verfeinerung der Text-Bild-Analyse als auch gleichfalls reichhaltige Beispiele geliefert haben.</p>
<p>Ausführlicher widmen sich Friedrich und Schweppenhäuser dem Analyseschema von Roland Barthes, das dieser in seinem Aufsatz &#8220;Rhetorik des Bildes&#8221; (vgl. Barthes 1969) skizziert hat, dem wohl bekanntesten (aber auch meist kritisierten) Aufsatz der Bildsemiotik überhaupt. Barthes nimmt darin für jeden Text-Bild-Komplex drei Arten von &#8220;Nachrichten&#8221; an (die linguistische, die nicht kodierte ikonische sowie die kodierte ikonische Nachricht) und ermittelt diese in einer exemplarischen Analyse einer Spagetti-Werbung. Um bildsemiotische Fragestellungen in der Lehre zu erarbeiten, ist Barthes&#8217; Aufsatz in der Aufarbeitung von Friedrich und Schweppenhäuser außerordentlich gut geeignet, wobei allerdings Problematisierungen und Präzisierungen wünschenswert wären. So weisen die Autoren zwar zurecht auf Schwächen bei Barthes hin (80) und ergänzen ihn um seine Rezeption und Adaption durch Eco (1972), trennen in den nachfolgenden Beispielanalysen aber genauso wenig wie Barthes die rein bildlichen Konnotationen (hervorgerufen durch Mittel wie Unterperspektive, Schwarz-Weiß, Anschnitt von Motiven) von den Konnotationen der ausgewählten (und inszenierten) Bildinhalte (Kleidung der Personen, Landschaftshintergrund).</p>
<p>Schwächen zeigen die Autoren des Buchs auch an Stellen, wo sie dem eigenen Anspruch, verständlich zu schreiben, ohne zu simplifizieren, dann doch nicht gerecht werden. Die Diskussion über die definitorische Frage, was ein Bild sei (21ff.), hätte entweder noch reduzierter und entschiedener oder eben ausführlicher geführt werden müssen. So verbleibt nach der Lektüre des mit Kurzzitaten gespickten (fast beiläufig eingefügten) Abschnitts eher der Eindruck, dass der Begriff zwar hoch kompliziert und vor allem uneindeutig ist, dass es aber einer genaueren Klärung nicht wirklich bedarf. Die Literaturauswahl ist insgesamt sparsam und beschränkt sich weitgehend auf die klassischen Texte, wodurch etwas der Eindruck entsteht, die Bildsemiotik sei in den 1970er Jahren stehen geblieben. So hätte auf ebenfalls rhetorisch orientierte Ansätze wie den von Groupe µ (1992) zumindest irgendwo hingewiesen werden sollen.</p>
<p>Das Buch besticht aber letztlich, ganz wie von den Autoren beabsichtigt, durch seine angewandte Ausrichtung. Beispiele finden sich eben nicht nur vereinzelt, sondern in großer Zahl und Ausführlichkeit. Sage und schreibe acht vollständige und detaillierte Werbebildanalysen nach dem (leicht modifizierten) Muster von Barthes sind beigefügt, was sicherlich dazu führen wird, dass besonders Studierende das Buch zu schätzen wissen werden. Das Buch wird insofern seiner Zielgruppe und Zielsetzung vollkommen gerecht.</p>
<p>Die ansprechende Typografie des Buchs verrät den eigenen hohen Anspruch an das  Kommunikationsdesign, geht aber teilweise zu Lasten der doch so gewünschten Übersichtlichkeit. So sind die Großkapitel kaum sichtbar voneinander getrennt und deren Titel – zumindest in dem mir vorliegenden Exemplar – am Blattrand so weit angeschnitten, dass sie gar nicht mehr lesbar sind.</p>
<p><em>Literatur</em>:</p>
<ul>
<li>Barthes, R.: &#8220;Rhetorik des Bildes&#8221;. In: Schiwy, G. (Hrsg.): <em>Der französische Strukturalismus. </em>Reinbek bei Hamburg [Rowohlt Verlag] 1969, S. 158-166.</li>
<li>Durand, J.: &#8220;Rhétorique et image publicitaire&#8221;. In: <em>Communications</em> 15 (1970), S. 70-95.</li>
<li>Durand, J.: &#8220;Rhetorical Figures in the Advertising Image&#8221;. In: Umiker-Sebeok, J. (Hrsg.): <em>Marketing and Semiotics. </em>Berlin u. a. [Mouton de Gruyter] 1987, S. 295-318.</li>
<li>Eco, U.: <em>Einführung in die Semiotik</em>.<em> </em>München [Wilhelm Fink Verlag] 1972.</li>
<li>Groupe µ: <em>Traité du signe visuel. </em>Paris [du Seuil] 1992.</li>
<li>Stöckl, H.: <em>Die Sprache im Bild – das Bild in der Sprache: Zur Verknüpfung von Sprache und Bild im massenmedialen Text. </em>Berlin [Mouton de Gruyter] 2004.</li>
</ul>
<p><em>Links</em>:</p>
<ul>
<li><a href="http://www.springer.com/birkhauser/architecture+%26+design/book/978-3-0346-0111-5?changeHeader" target="_blank">Verlagsinformationen zum Buch</a></li>
</ul>


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</ol></p>]]></content:encoded>
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		</item>
		<item>
		<title>Marcel Danesi; Andrea Rocci: Global Linguistics</title>
		<link>http://www.rkm-journal.de/archives/2521</link>
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		<pubDate>Fri, 14 May 2010 11:48:49 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Redaktion</dc:creator>
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		<description><![CDATA[<em>Rezensiert von Anna Osterhus</em>

<a href="http://www.rkm-journal.de/archives/2521"><img class="alignleft size-full wp-image-2521" title="Danesi&#38;Rocci" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2010/03/DanesiRocci2.jpg" alt="" width="160" height="236" /></a>"Global Village", "Global Language", "Global Koiné","Global Linguistics" – Der kürzlich bei Mouton de Gruyter in der Reihe "Approaches to Applied Semiotics" erschienene Band geizt nicht mit weitreichenden Begriffen. So beginnt auch der im Vorwort als Einführungslektüre vor allem für Studierende und den universitären Basisunterricht vorgestellte Band mit keinem geringeren Thema als der Entstehung und Entwicklung des <em>homo sapiens</em>. Kommunikation und Sprache werden beinahe überdeutlich als wesentliche Entwicklungsmerkmale des Menschen "as a species dependent on culture (and not just nature)" eingeführt und sogleich mit der für das Buch zentralen Vorstellung eines durch Massentechnologien ermöglichten <em>Global Village</em> – sprachlich geprägt durch die <em>Global Koiné</em> Englisch – verbunden. Die Etablierung des neuen Forschungsbereichs <em>Global Linguistics</em> als das erklärte Ziel der Autoren droht vor allem anfänglich zu einem Mammutprojekt anzuwachsen, dem ein knapp 270 Seiten umfassender Band nicht gerecht zu werden scheint. <a href="http://www.rkm-journal.de/archives/2521">[Mehr]</a>


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			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Rezensiert von Anna Osterhus</em></p>
<p><a href="http://www.rkm-journal.de/archives/2521"><img class="alignleft size-full wp-image-2521" title="Danesi&amp;Rocci" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2010/03/DanesiRocci2.jpg" alt="" width="160" height="236" /></a>&#8220;Global Village&#8221;, &#8220;Global Language&#8221;, &#8220;Global Koiné&#8221;,&#8221;Global Linguistics&#8221; – Der kürzlich bei Mouton de Gruyter in der Reihe &#8220;Approaches to Applied Semiotics&#8221; erschienene Band geizt nicht mit weitreichenden Begriffen. So beginnt auch der im Vorwort als Einführungslektüre vor allem für Studierende und den universitären Basisunterricht vorgestellte Band mit keinem geringeren Thema als der Entstehung und Entwicklung des <em>homo sapiens</em> (1). Kommunikation und Sprache werden beinahe überdeutlich als wesentliche Entwicklungsmerkmale des Menschen &#8220;as a species dependent on culture (and not just nature)&#8221; (ebd.) eingeführt und sogleich mit der für das Buch zentralen Vorstellung eines durch Massentechnologien ermöglichten <em>Global Village</em> – sprachlich geprägt durch die <em>Global Koiné</em> Englisch – verbunden. Die Etablierung des neuen Forschungsbereichs <em>Global Linguistics</em> als das erklärte Ziel der Autoren droht vor allem anfänglich zu einem Mammutprojekt anzuwachsen, dem ein knapp 270 Seiten umfassender Band nicht gerecht zu werden scheint.</p>
<p>Dieser erste Eindruck wird jedoch mit weitergehender Lektüre relativiert. In präziser Strukturierung bearbeiten die Autoren die anfangs aufgetürmten Begriffsbereiche, wobei sie – einem Lehrbuch durchaus gemäß – die Kapitel jeweils in eine allgemeine Einführung sowie in darauf folgende Unterpunkte gliedern. Der neu zu etablierende Forschungsbereich <em>Global Linguistics</em> wird dabei unter dem Hauptbezugs- und Interessensschwerpunkt der interkulturellen Kommunikation in eine pragmatische und eine logisch-semantische Dimension differenziert (8), die sich wiederum in verschiedene linguistische Analysebereiche aufgliedert. Zentral ist für die Autoren die Analyse von Interferenzschemata, deren Phänomene interkulturelle Kommunikationssituationen wesentlich prägen (41).</p>
<p>Theoretische Grundverankerung findet der gesamte Band vor allem in den Studien Benjamin L. Whorfs und Edward Sapirs zum Sprachrelativismus sowie in Hans Boas&#8217; Studien zur Relativität der Kulturen, vor deren Hintergrund die anderen Ansätze diskutiert werden. Als Analyseobjekte wählen die Autoren Situationen des Sprachgebrauchs zwischen Sprechern verschiedener Sprachen im internationalen Kontakt, die sich der so genannten <em>Global Koiné</em> (hauptsächlich Englisch) bedienen. Dabei gehen sie mit Bezug auf Wittgenstein (&#8220;Die Welt ist alles, was der Fall ist&#8221;, Wittgenstein 1963: 9) von der Existenz eines so genannten <em>Common</em> <em>Ground</em> (vgl. Stalnacker 1973/2001 u. a.) sowohl in kommunikativer als auch in kultureller Hinsicht aus (Kapitel 2 und 3).</p>
<p>Kapitel 2 (&#8220;Speech&#8221;) befasst sich hauptsächlich unter semantischen Gesichtspunkten mit der Frage nach der Funktionsweise von Dialogen und den so genannten kognitiven Grundstrukturen wie beispielsweise &#8220;knowledge of grammar, of discourse strategies [...], of word meanings and connotation [...], [...] cultural shaped metaphors&#8221; (124) usw. Unter den Gesichtspunkten &#8220;Human communication&#8221;, &#8220;Action and its representation in language&#8221;, &#8220;Interaction and verbal communication&#8221; in Kapitel 3 (&#8220;Communication&#8221;) wird dann der pragmatische Aspekt unter Einbeziehung verschiedener kommunikationswissenschaftlicher Interaktionstheorien weiter beleuchtet.</p>
<p>Kapitel 4 (&#8220;Culture&#8221;) und Kapitel 5 (&#8220;Argumentation&#8221;) skizzieren mit starkem Bezug auf die vorhergehenden Kapitel sowohl Kulturkonzepte als auch Argumentationsschemata, die in der interkulturellen Kommunikation eine wesentliche Rolle spielen. Das Abschlusskapitel &#8220;Global Linguistics&#8221; schließt dann überzeugend die Erläuterungen ab, wobei noch einmal eingehend die zentralen Konzepte Boas&#8217;, Whorfs und Sapirs im Zusammenhang erläutert werden. Nicht zuletzt wird hier auch noch einmal der Fokus auf die Rolle des Forschungsbereichs gelegt: <em>Global Linguistics</em> &#8220;shows that diversity is the norm, but that diversity only reflects differentiated attempts to solve similar problems across the world.&#8221; (249)</p>
<p>Trotz der anfänglich aufscheinenden Startschwierigkeiten ist es den Autoren gelungen, ihr Ziel – nämlich den Anstoß zur Etablierung eines Forschungsbereichs <em>Global Linguistics </em>– mehr als zu erreichen. Die Autoren beschreiben nicht nur grundlegende Phänomene im Bereich der interkulturellen Kommunikation, sondern bieten eine gute Einführung in wichtige linguistische Theorien, die sowohl für Linguisten als auch für Kommunikationswissenschaftler eine wesentliche Grundlage ihres Studiums darstellen sollten. Dabei eignet sich der Band insbesondere durch die gute Strukturierung der Kapitel nicht nur hervorragend für den universitären Unterricht, sondern auch für das Selbststudium.</p>
<p><em>Literatur</em>:</p>
<ul>
<li>Stalnaker, R.: &#8220;Presuppositions.&#8221; In: <em>Journal of Philosophical Logic</em>, 2 (1973), S. 447-457.</li>
<li>Stalnaker, R.: &#8220;Common Ground.&#8221; In: <em>Linguistic and Philosophy</em>, 25 (2001), S. 701-721.</li>
<li>Wittgenstein, L.: <em>Tractatus logico-philosophicus</em>. Frankfurt am Main [Suhrkamp Verlag] 1963.</li>
</ul>
<p><em>Links</em>:</p>
<ul>
<li><a href="http://www.degruyter.de/cont/fb/sk/detail.cfm?id=IS-9783110214055-1" target="_blank">Verlagsinformationen zum Buch</a></li>
<li><a href="http://www.utoronto.ca/semiotics/html/danesi.html" target="_blank">Webpräsenz von Marcel Danesi an der Universität Toronto</a></li>
<li><a href="http://www.usi.ch/en/personal-info.htm?id=341" target="_blank">Webpräsenz von Andrea Rozzi an der Universität Lugano</a></li>
</ul>


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		<title>Søren Kjørup: Semiotik</title>
		<link>http://www.rkm-journal.de/archives/1532</link>
		<comments>http://www.rkm-journal.de/archives/1532#comments</comments>
		<pubDate>Fri, 09 Apr 2010 08:34:34 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Redaktion</dc:creator>
				<category><![CDATA[Einzelrezension]]></category>
		<category><![CDATA[Bild]]></category>
		<category><![CDATA[Einführung]]></category>
		<category><![CDATA[Nöth]]></category>
		<category><![CDATA[Peirce]]></category>
		<category><![CDATA[Semiotik]]></category>
		<category><![CDATA[Sprache]]></category>
		<category><![CDATA[Sprechakttheorie]]></category>
		<category><![CDATA[Strukturalismus]]></category>
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		<category><![CDATA[Zeichen]]></category>

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		<description><![CDATA[<em>Rezensiert von Guido Ipsen</em>

<a href="http://www.rkm-journal.de/archives/1532"><img class="alignleft size-full wp-image-2566" title="Kjörup2009" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2009/10/Kjörup2009.jpg" alt="" width="160" height="247" /></a>Die Semiotik als Wissenschaft, Institution und philosophische Tradition verfügt über eine nicht unerhebliche Einführungs- und Übersichtsliteratur. Einige hervorstechende (im Sinne der Bedeutung) wie auch – seltener – hervorragende (im Sinne der Qualität) Werke gehören dazu. Im deutschsprachigen Raum dürfte das <em>Handbuch der Semiotik</em> von Winfried Nöth heute die wichtigste und qualitativ beste Einführung präsentieren. Vor dem Hintergrund der langen Entwicklungs-geschichte der Semiotik erscheint <em>Semiotik</em> von Søren Kjørup. 66 Textseiten, gefolgt von einem Glossar von 60 Begriffen und 30 Titeln Bibliografie sowie einem dreiseitigen Index, machen das Buch aus. Was kann man davon erwarten? <a href="http://www.rkm-journal.de/archives/1532">[Mehr]</a>


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<li><a href='http://www.rkm-journal.de/archives/1799' rel='bookmark' title='Permanent Link: Thomas Friedrich; Gerhard Schweppenhäuser: Bildsemiotik'>Thomas Friedrich; Gerhard Schweppenhäuser: Bildsemiotik</a></li>
<li><a href='http://www.rkm-journal.de/archives/1835' rel='bookmark' title='Permanent Link: Silvia Seja: Handlungstheorien des Bildes'>Silvia Seja: Handlungstheorien des Bildes</a></li>
</ol>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Rezensiert von Guido Ipsen</em></p>
<p><a href="http://www.rkm-journal.de/archives/1532"><img class="alignleft size-full wp-image-2566" title="Kjörup2009" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2009/10/Kjörup2009.jpg" alt="" width="160" height="247" /></a>Die Semiotik als Wissenschaft, Institution und philosophische Tradition verfügt über eine nicht unerhebliche Einführungs- und Übersichtsliteratur. Einige hervorstechende (im Sinne der Bedeutung) wie auch – seltener – hervorragende (im Sinne der Qualität) Werke gehören dazu (vgl. Eco 1972). Im deutschsprachigen Raum dürfte das <em>Handbuch der Semiotik</em> von Winfried Nöth (2000) heute die wichtigste und qualitativ beste Einführung präsentieren. Vor dem Hintergrund der langen Entwicklungs-geschichte der Semiotik erscheint <em>Semiotik</em> von Søren Kjørup. 66 Textseiten, gefolgt von einem Glossar von 60 Begriffen und 30 Titeln Bibliografie sowie einem dreiseitigen Index, machen das Buch aus. Was kann man davon erwarten?</p>
<p>Nicht viel. Der Verlag hätte das Buch anders benennen oder aber mehrere Bände konzipieren sollen. Außerdem hätte das Buch in der gegebenen Kürze inhaltlich vollständig anders aufgebaut werden müssen. Die Tatsache, dass es sich um eine Übersetzung aus dem Dänischen handelt (das Original erschien 2002), bietet dafür keine Entschuldigung. Generalisierungen, Verkürzungen, ein Verbiegen von Theorien und nicht zuletzt die fast ausschließliche Orientierung am strukturalistischen Paradigma sorgen für eine Serie von Schwächen, die für das Semiotikverständnis des mit der Thematik unvertrauten Lesers erhebliche Konsequenzen haben dürften.</p>
<p>Das Buch gliedert sich in ein einleitendes Kapitel (7-10), danach kommt der Hauptteil (11-66), der sich nicht etwa in Betrachtungen der Zeichentheorie und der Protagonisten der Semiotik gliedert, sondern in die Unterkapitel &#8220;Sprache&#8221;, &#8220;Sprachliche Systeme&#8221;, &#8220;Spuren und Dinge&#8221; sowie &#8220;Bilder&#8221;. Ein kurzer vergleichender Blick in das <em>Handbuch der Semiotik</em> reicht, um darüber aufzuklären, dass es sich bei <em>Semiotik</em> nicht um einen adäquaten Überblick handelt. Im Hinblick auf die Tatsache, dass sich der eine Einführung wünschende Leser natürlicherweise durch Inhaltsverzeichnis und Gliederung bereits thematisch orientiert, ist es grob fahrlässig, lediglich &#8220;Sprache&#8221; und &#8220;Bilder&#8221; als aussagekräftige Topoi in den Vordergrund zu stellen. Selbstverständlich kann von einer Miniübersicht nicht erwartet werden, dass sie einen so profunden Einblick gewährt wie das Handbuch von Nöth. Allerdings sollte sich auch eine kurze Einführung am Wesentlichen orientieren und nicht bereits beim Einstieg Teilbereiche als Fundamente darstellen. Das grenzt an Irreführung des Lesers – Semiotik ist mehr und kann mehr, als Kjørups Buch zu zeigen verspricht.</p>
<p>Bei inhaltlichen Aussagen verwundert Kjørup fortwährend. Um einige Beispiele zu nennen: Nein, der Begriff &#8220;Semiotik&#8221; wurde nicht &#8220;von […] John Locke […] eingeführt&#8221; (7; vgl. dazu Deely 2004), die Semiotik teilt Zeichen nicht in &#8220;zwei Arten&#8221; ein, nämlich &#8220;indexikalische&#8221; und &#8220;kommunikative&#8221; (8). Nicht &#8220;alle kommunikativen Zeichen beruhen auf Konvention&#8221; (14), und Peirces Definition des Zeichens &#8220;in Richtung der strukturalistischen oder sprechhandlungsorientierten Auffassungen&#8221; (19) zu deuten, stellt eine grobe Verzerrung dar – abgesehen davon, dass die Sprechakttheorie nicht strukturalistischen Ursprungs ist. Wir haben es also mit doppelter Verkürzung zu tun. Warum sich ein Band mit dem Titel <em>Semiotik</em> sodann exklusiv der Sprache und dem Bild widmen kann, bleibt schleierhaft. Gelegentliche Einsprengsel Peircescher Philosophie (z. B. Abduktion) machen das thematische Manko des Buches nicht wett. Wie im Inhalt, so überzeugt das Buch auch im Anhang nicht. Wesentliche Semiotiker wie Greimas fehlen; hinzu kommt, dass die Literatur vor allem andere einführende Werke umfassen könnte.</p>
<p>Gerade für Studierende ist dieses Buch als Einführung nicht empfehlenswert. Es ist tendenziell, vermittelt nur Ausschnitte und keinen echten Überblick. Obendrein verführt es zur Vervielfältigung verkürzter Aussagen. Von UTB hätte man mehr erwarten können. Es ist dem Verlag zu wünschen, dass er bei einer Neuauflage ein vollständig überarbeitetes Konzept mit einem anderen Autor präsentieren kann.</p>
<p><em>Literatur</em>:</p>
<ul>
<li>Deely, J.: <em>Why Semiotics</em>. Ottawa [Legas] 2004.</li>
<li> Eco, U.: <em>Einführung in die Semiotik</em>. München [Wilhelm Fink Verlag] 1972.</li>
<li> Nöth, W.: <em>Handbuch der Semiotik</em>. Stuttgart [Metzler] 2000.</li>
</ul>
<p><em>Links</em>:</p>
<ul>
<li><a href="http://www.utb-shop.de/details.php?catp=&amp;p_id=97511" target="_blank">Verlagsinformationen zum Buch</a></li>
<li><a href="http://magenta.ruc.dk/komm/Ansatte/vip/sk/" target="_blank">Webpräsenz von Søren Kjørup an der Universität Roskilde</a></li>
</ul>


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<li><a href='http://www.rkm-journal.de/archives/1799' rel='bookmark' title='Permanent Link: Thomas Friedrich; Gerhard Schweppenhäuser: Bildsemiotik'>Thomas Friedrich; Gerhard Schweppenhäuser: Bildsemiotik</a></li>
<li><a href='http://www.rkm-journal.de/archives/1835' rel='bookmark' title='Permanent Link: Silvia Seja: Handlungstheorien des Bildes'>Silvia Seja: Handlungstheorien des Bildes</a></li>
</ol></p>]]></content:encoded>
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		<title>Ursula Amrein (Hrsg.): Das Authentische</title>
		<link>http://www.rkm-journal.de/archives/1525</link>
		<comments>http://www.rkm-journal.de/archives/1525#comments</comments>
		<pubDate>Fri, 26 Feb 2010 08:55:23 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Redaktion</dc:creator>
				<category><![CDATA[Einzelrezension]]></category>
		<category><![CDATA[Authentizität]]></category>
		<category><![CDATA[Echtheit]]></category>
		<category><![CDATA[Kunst]]></category>
		<category><![CDATA[Literaturwissenschaft]]></category>
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		<category><![CDATA[Originalität]]></category>
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		<category><![CDATA[Semiotik]]></category>
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		<guid isPermaLink="false">http://www.rkm-journal.de/?p=1525</guid>
		<description><![CDATA[<em>Rezensiert von Susanne Knaller</em>

<a href="http://www.rkm-journal.de/archives/1525"><img class="alignleft size-full wp-image-2374" title="Amrein2009_neu" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2010/03/Amrein2009_neu.jpeg" alt="" width="160" height="239" /></a>Der von der Zürcher Germanistin Ursula Amrein herausgegebene Sammelband <em>Das Authentische. Referenzen und Repräsentationen</em> geht zurück auf eine im April 2006 im <a href="http://www.csf.ethz.ch/index_DE" target="_blank">Centro Stefano Franscini</a> auf dem Monte Verità bei Ascona veranstaltete Tagung unter dem Titel "Das Authentische. Zur Konstruktion von Wahrheit in der säkularen Welt". Der Tagungsband bietet einen neuen Untertitel. Mit den Begriffen "Referenz" und "Repräsentation" ist dem ontologisch aufgeladenen Haupttitel ein semiotisches Moment an die Seite gestellt, das die dem Problemfeld "authentisch/Authentizität" inhärente Ambivalenz zwischen Konstruktivität und Transzendenz betont. Die einzelnen Artikel aus den Bereichen Philosophie, Kunst, Literaturwissenschaft, Medienwissenschaft, Soziologie, Theologie, Psychoanalyse, Neurologie, Übersetzungs- und Editionswissenschaft sind unterschiedlich positioniert. Dabei fällt auf, dass der titelgebende Begriff "das Authentische" in der Regel durch "Authentizität" ersetzt wird. <a href="http://www.rkm-journal.de/archives/1525">[Mehr]</a>


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</ol>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Rezensiert von Susanne Knaller</em></p>
<p><a href="http://www.rkm-journal.de/archives/1525"><img class="alignleft size-full wp-image-2374" title="Amrein2009_neu" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2010/03/Amrein2009_neu.jpeg" alt="" width="160" height="239" /></a>Der von der Zürcher Germanistin Ursula Amrein herausgegebene Sammelband <em>Das Authentische. Referenzen und Repräsentationen</em> geht zurück auf eine im April 2006 im <a href="http://www.csf.ethz.ch/index_DE" target="_blank">Centro Stefano Franscini</a> auf dem Monte Verità bei Ascona veranstaltete Tagung unter dem Titel &#8220;Das Authentische. Zur Konstruktion von Wahrheit in der säkularen Welt&#8221;. Der Tagungsband bietet einen neuen Untertitel. Mit den Begriffen &#8220;Referenz&#8221; und &#8220;Repräsentation&#8221; ist dem ontologisch aufgeladenen Haupttitel ein semiotisches Moment an die Seite gestellt, das die dem Problemfeld &#8220;authentisch/Authentizität&#8221; inhärente Ambivalenz zwischen Konstruktivität und Transzendenz betont. Die einzelnen Artikel aus den Bereichen Philosophie, Kunst, Literaturwissenschaft, Medienwissenschaft, Soziologie, Theologie, Psychoanalyse, Neurologie, Übersetzungs- und Editionswissenschaft sind unterschiedlich positioniert. Dabei fällt auf, dass der titelgebende Begriff &#8220;das Authentische&#8221; in der Regel durch &#8220;Authentizität&#8221; ersetzt wird.</p>
<p>Sehr anschaulich zeigt Peter Sprengel in seinem Beitrag &#8220;Der Authentizitätsdiskurs der literarischen Moderne. Von Heinrich Heine bis Hubert Fichte, mit einem einleitenden Diskurs zum &#8216;Literarischen Quartett&#8217;&#8221;, dass Authentizität vielfach als ein nicht weiter erläuterungsbedürftiger Argumentationsstoppbegriff verwendet wird. Nicht zwischen referenzieller  Bezugnahme und ästhetischer Wertzuschreibung unterschieden, verliert der Begriff jede Analysekraft.</p>
<p>Den begrifflichen Klärungsversuchen von Peter Sprengel stehen Beiträge gegenüber, die jene Facetten von Authentizität, die erst im 20. Jahrhundert entwickelt worden sind, retrospektiv auf das 18. und 19. Jahrhundert übertragen. Erklären lässt sich dieser häufig anzutreffende Ansatz damit, dass die gegenwärtig konstanten Bedeutungen von &#8220;authentisch/Authentizität&#8221; – wahrhaftig, eigentlich, unvermittelt, unverstellt, unverfälscht, verbürgt, verbindlich – als Zusammenspiel zweier Entwicklungen begriffen werden müssen: Zum einen handelt es sich um eine Synonymisierung von &#8220;authentisch/Authentizität&#8221; mit Begrifflichkeiten aus der Philosophie und Ästhetik des 18. und 19. Jahrhunderts (<em>sincerité</em>, <em>naivité</em>, <em>vrai</em> etc.), zum anderen um eine Metaphorisierung oder Abstrahierung der Bedeutungsfacetten aus juridischen und theologischen Diskursen (&#8220;auf einen Urheber bezogen&#8221;, &#8220;beglaubigt&#8221;). In diesem Komplex sind Realitäts- und Subjektkonzepte enthalten, die es schließlich im 20. Jahrhundert ermöglichen, mit Authentizität einen Geltungs- und Wertbegriff zu installieren, der als Vermittlungsbegriff zwischen Empirischem, Form und Transzendenz fungieren kann (vgl. Knaller 2007: 19f.).</p>
<p>So postuliert auch die Herausgeberin zunächst Echtheit als entscheidende semantische Facette: &#8220;Was als authentisch qualifiziert wird, trägt das Siegel der Wahrheit, gilt als echt, steht ein für eine nicht hintergehbare Realität&#8221; (9). Dass der Begriff weit darüber hinausgeht, wird wenig später eingestanden, wenn von nahezu uneingeschränkter Anwendbarkeit die Rede ist (10).</p>
<p>Authentizität lässt sich deshalb auch auf die Bilder der neuen Medien beziehen, wie der Beitrag Villö Huszais anhand der künstlerischen Arbeiten von Monica Studer und Christoph van der Berg zeigt. Die im Zusammenhang mit der Originalitätsfrage oftmals diskutierte <em>Appropriation Art</em> und das changierende Verhältnis zwischen Original und Kopie, Echtheit und Fälschung/Reproduktion analysiert Kornelia Imesch unter anderem am Beispiel von Urs Lühti, Sherrie Levine und Richard Prince. Kunst würde trotz ihrer Ambiguitäten auch hier einen Wahrheitscharakter und Beglaubigungsvorgang voraussetzen, der sich schon in den mittelalterlichen Verwendungsweisen finden lässt. Tatsächlich meint in der mittelalterlichen Theologie &#8220;Echtheit&#8221; im Sinne von &#8220;authenticus&#8221; nicht &#8220;original&#8221;, sondern einfach &#8220;wahr&#8221;, &#8220;autoritativ beglaubigt&#8221;. Zu fragen wäre allerdings, aus welcher Beglaubigungsperspektive die Arbeiten von Cindy Sherman oder Richard Prince zu authentischen im Sinne von wahrhaftig künstlerischen/auratischen werden. Anders ausgedrückt: Offen bleibt, <em>wer</em> bzw. <em>welche</em> Institution <em>wie</em> Authentizität zuspricht.</p>
<p>Das Transzendenzpotenzial  des Begriffs diskutiert ebenfalls der Beitrag von Cornelia Herberich &#8220;Ereignis und Wahrheit. Authentisierungsstrategien inspirierter Rede in Mechthilds von Magdeburg &#8216;Das fließende Licht der Gottheit&#8217;&#8221;. Auf überzeugende Weise kann die Verfasserin demonstrieren, dass die Beglaubigungsinstanzen Schrift und Gott in der mystischen Literatur auf eine stark performative Form zurückgreifen müssen, um den Rezeptionsvorgang zur Beglaubigungsinstanz werden zu lassen. Auf diese Weise wird einerseits die Nachträglichkeit der Darstellung in Präsenz überführt, andererseits die Verschriftlichung transzendiert, indem das Ereignis der Schauung wiedererfahrbar wird.</p>
<p>Generell lässt sich feststellen, dass authentisch in mehrfacher Weise als realistisch verstanden werden kann: im referenziellen Sinn, indem der Begriff auf eine vorgängige Sache verweist. Unmittelbarkeit und Präsenz drückt er in Verfahren eines &#8220;effet de réel&#8221; (in realistischen Formen etwa), als manipulativ einsetzbarer Persuasionsakt (in den Medien), als &#8216;autonomer&#8217; Erfahrungsakt (in der Kunst) aus. Diese realistischen Authentizitätsstrategien sind in der Kunst ebenso wie in den Medien zu finden.</p>
<p>Der Beitrag von Martin Lunginbühl schildert die Entwicklung von Authentizitätsstrategien in den Fernsehnachrichten der USA und in Europa. Dabei führt er aus, inwieweit innerhalb der neueren Nachrichtenformate durch die Instanz des Augenzeugen oder das Mittel des Vor-Ort-Seins Präsenzeffekte erzeugt werden, die ein wesentliches Beglaubigungsmoment darstellen.</p>
<p>Diesem semiotischen Ansatz entgegengesetzt, erkennt Ursula Amrein in ihrem Beitrag eine &#8220;Wiederkehr des Realen&#8221; (349). Über Botho Strauss&#8217; Vorstellung einer sich in der Literatur ereignenden Wahrheit, die gleich der Kraft eines Blitzes Präsenz garantiere, findet sich Authentizität als sakrale Figur wieder, mithilfe der es gelingen soll, einer Zeit entgegenzuwirken, die das Sakrale, den Mythos und die Nation preisgegeben habe (348). Der Gefahr dieses Modells, nämlich unverkennbar &#8220;antidemokratischen, voraufklärerischen und sakralen Denkfiguren einer aus der Moderne gegen die Moderne gerichteten Kulturkritik verpflichtet&#8221; zu sein (ebd.), entgeht in der Auffassung der Verfasserin der Text, indem er sich als Dokument einer verdrängten Tradition zu erkennen gebe. Die im Modus der Autobiografie präsentierte Erzählung greife zurück &#8220;auf das Archiv einer sich um 1900 ausdifferenzierenden Kulturkritik sowie der vormodernen Idyllendichtung&#8221; und stelle sich &#8220;im Gestus der Konservativen Revolution gegen ihre Zeit&#8221; (349). Damit werden im Kontext der sich abzeichnenden Konjunktur der Rede vom Authentischen und der Wiederkehr des Realen Bilder einer anderen und besseren Welt erzeugt, die in ihrem Verheißungsanspruch selbst nach kritischer Befragung verlangen (ebd.).</p>
<p>Nun stehen diesem kulturkonservativen utopischen Ansatz viele Hindernisse im Wege – Diskurse der Moderne selbst, kulturelle, wissenschaftliche und philosophische Leistungen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, die medialen Entwicklungen seit den 1980er Jahren. Das zeigt Hugo Aust, indem er versucht, Realitätsbegriffe auf unterschiedliche Bild- und Kunstarbeiten zu beziehen.</p>
<p>Trotz interessanter Artikel, die unter den Kapiteln &#8220;Wirklichkeiten&#8221;, &#8220;Autorschaft&#8221;, &#8220;Glaubwürdigkeit&#8221;, &#8220;Schrift und Offenbarung&#8221; sowie &#8220;Kulturkritik&#8221; geordnet sind, bleiben Desiderata bestehen. So verzichtet die Herausgeberin auf jegliche Diskussion der Forschungssituation. An keinem Punkt findet eine explizite Auseinandersetzung mit klassischen (Lionel Trilling, Charles Taylor) wie neuen Texten der Authentizitätsforschung (Jan Berg, Susanne Knaller, Harro Müller, Eberhard Ostermann, Michael Wetzel und andere) statt, auch werden Übernahmen von Konzepten nur sehr unzulänglich vermerkt, wie überhaupt nur wenige Arbeiten genannt werden. Texte, die nach 2006 erschienen sind, wurden nicht mehr zur Kenntnis genommen. Insofern ist auch die Feststellung, man würde sich mit der Frage nach Referenzen und Repräsentationen zwei Aspekten widmen, die in der Forschung noch nicht als Kategorien reflektiert worden seien, eine pure Behauptung und angesichts der Forschungslage schlichtweg falsch.</p>
<p>Ärgerlich ist, dass sich ein Sammelband, der sich einer Begriffsdiskussion verschreibt, diese an keiner einzigen Stelle der Einleitung ernsthaft betreibt: &#8220;Das Authentische&#8221; wird umstandslos mit &#8220;Authentizität&#8221; synonym gesetzt. Weder wird die Differenz zwischen &#8220;das Authentische&#8221; und &#8220;Authentizität&#8221; bestimmt noch der Begriff &#8220;Authentizität&#8221; einer genauen Begriffsanalyse unterzogen. Überraschend ist auch die Tatsache, dass gerade die stark eingeforderte kulturkritische Frage nur oberflächlich behandelt wird. Auch dazu liegen einige wichtige Schlüsseltexte vor, die nicht genannt, geschweige denn diskutiert werden (etwa Theodor W. Adorno, Christopher Lasch, Richard Sennett, Daniel Bell, Jürgen Habermas oder Alessandro Ferrara)<em>.</em></p>
<p><em></em><em>Literatur</em>:</p>
<ul>
<li>Knaller, S.: <em>Ein Wort aus der Fremde. Geschichte und Theorie des Begriffs Authentizität</em>. Heidelberg [Universitätsverlag Winter] 2007.</li>
</ul>
<p><em>Links</em>:</p>
<ul>
<li><a href="http://www.chronos-verlag.ch/php/book_latest-new.php?book=978-3-0340-0850-1&amp;type=Kurztext&amp;access=Liste" target="_blank">Verlagsinformationen zum Buch</a></li>
<li><a href="http://www.ds.uzh.ch/Institut/Mitarbeitende/index.php?detail=4" target="_blank">Webpräsenz von Ursula Amrein an der Universität Zürich</a></li>
<li><a href="http://www.uni-graz.at/~knaller/site.php?show=1" target="_blank">Webpräsenz von Susanne Knaller an der Universität Graz</a></li>
</ul>


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</ol></p>]]></content:encoded>
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		<title>Reiner Matzker: Ästhetik der Medialität</title>
		<link>http://www.rkm-journal.de/archives/733</link>
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		<pubDate>Tue, 02 Feb 2010 22:30:16 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Redaktion</dc:creator>
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		<description><![CDATA[<em>Rezensiert von Markus Rautzenberg</em>

<a href="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2010/02/matzker2008.jpg"><img src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2010/02/matzker2008.jpg" alt="" title="matzker2008" width="160" height="242" class="alignleft size-full wp-image-2340" /></a>Die in der renommierten Reihe "Rowohlts Enzyklopädie" erschienene <em>Ästhetik der Medialität</em> des Bremer Kulturwissenschaftlers Reiner Matzker verspricht eine historische und systematische Beschreibung der "Vermittlung von künstlerischen Welten und ästhetischen Theorien" mithilfe des Begriffs des "Medialen" zu leisten. Der historische Zeitraum, der dabei durchmessen wird, reicht von der Aufklärung bis zum postmodernen Medienzeitalter und behandelt "Fernsehen und Kitsch" ebenso wie das Verhältnis von "Expressionismus und Phänomenologie" oder die vom Autor behauptete "Medialisierung des Subjekts" in der Romantik. Es entsteht der durchaus sympathische Eindruck, hier würde eine kulturtheoretische und ideengeschichtliche "Theory of Everything" geboten, die auf 238 Seiten in Aussicht stellt, im Rahmen der Künste gesellschaftliche Umwälzungen zu erforschen, um diese zugleich mit philosophischen und ästhetischen Theorien und schließlich der gesamten Sphäre des "Medialen" in Beziehung zu setzen. <a href="http://www.rkm-journal.de/archives/733">[Mehr]</a>


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<li><a href='http://www.rkm-journal.de/archives/2200' rel='bookmark' title='Permanent Link: Sybille Krämer: Medium, Bote, Übertragung'>Sybille Krämer: Medium, Bote, Übertragung</a></li>
<li><a href='http://www.rkm-journal.de/archives/1835' rel='bookmark' title='Permanent Link: Silvia Seja: Handlungstheorien des Bildes'>Silvia Seja: Handlungstheorien des Bildes</a></li>
</ol>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Rezensiert von Markus Rautzenberg</em></p>
<p><a href="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2010/02/matzker2008.jpg"><img src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2010/02/matzker2008.jpg" alt="" title="matzker2008" width="160" height="242" class="alignleft size-full wp-image-2340" /></a>Die in der renommierten Reihe &#8220;Rowohlts Enzyklopädie&#8221; erschienene <em>Ästhetik der Medialität</em> des Bremer Kulturwissenschaftlers Reiner Matzker verspricht, eine historische und systematische Beschreibung der &#8220;Vermittlung von künstlerischen Welten und ästhetischen Theorien&#8221; mithilfe des Begriffs des &#8220;Medialen&#8221; zu leisten. Der historische Zeitraum, der dabei durchmessen wird, reicht von der Aufklärung bis zum postmodernen Medienzeitalter und behandelt &#8220;Fernsehen und Kitsch&#8221; ebenso wie das Verhältnis von &#8220;Expressionismus und Phänomenologie&#8221; oder die vom Autor behauptete &#8220;Medialisierung des Subjekts&#8221; in der Romantik. Es entsteht der durchaus sympathische Eindruck, hier würde eine kulturtheoretische und ideengeschichtliche &#8220;Theory of Everything&#8221; geboten, die auf 238 Seiten in Aussicht stellt, im Rahmen der Künste gesellschaftliche Umwälzungen zu erforschen, um diese zugleich mit philosophischen und ästhetischen Theorien und schließlich der gesamten Sphäre des &#8220;Medialen&#8221; in Beziehung zu setzen.</p>
<p>Die dabei zu Wort kommenden Theoretiker und Künstler sind infolgedessen sehr zahlreich. Es ist für den Leser jedoch bei derartiger Detail- und Stofffülle wenig hilfreich, dass auf einen Fußnotenapparat gänzlich verzichtet wird und die Kürze der Bibliografie am Ende des Buches zum Umfang der behandelten Themenfelder in keinem Verhältnis steht. Viele gewichtige Ideen der Geistesgeschichte werden in einem Satz oder Absatz abgehakt und mit den entsprechenden Namen in Klammern versehen, was eine kritische Überprüfung der einzelnen Thesen für den philosophischen Laien sehr erschwert. Kann man dies aufgrund der eher essayistischen Anlage des Textes noch verzeihen, wiegt die ein wenig willkürlich wirkende Gliederung schon schwerer.</p>
<p>Es fehlt Matzkers Buch an einer erkennbaren Systematik, was letztlich auch dem Umstand geschuldet ist, dass der zur Anwendung kommende Medienbegriff weitgehend diffus bleibt. Dies würde kein Problem darstellen, sofern denn diese begriffliche Unsicherheit mitreflektiert würde. &#8220;Medialität&#8221; sei &#8220;der im jeweiligen Medium und durch die jeweilige Darstellungsform vermittelte Inhalt&#8221;, während &#8220;Medien&#8221; als jene Techniken oder Entitäten zu gelten hätten, welche diese Inhalte (wie auch immer) ermöglichen. Beschrieben ist damit nun im Grunde nichts anderes als die Rückübersetzung des Saussurschen Zeichenbegriffs in die Terminologie der Medientheorie: &#8220;Medium&#8221; statt Signifikant und &#8220;Medialität&#8221; statt Signifikat.</p>
<p>Mit der sehr umfangreichen wissenschaftlichen Diskussion zum Thema &#8220;Medien&#8221; und &#8220;Medialität&#8221;, die insbesondere in Deutschland seit Mitte der 1980er Jahre  mit großer Vehemenz und äußerst divers geführt wird, ist eine solche Definition nur sehr schwer zu vereinbaren. Umso bedauerlicher ist, dass diese Diskussion in Matzkers Buch mit keinem Satz erwähnt wird. Der Preis, der im Zuge dessen zu entrichten ist, besteht darin, dass immer dann, wenn in Matzkers <em>Ästhetik der Medialität</em> von &#8220;Medien&#8221; gesprochen wird, eigentlich &#8220;Zeichen&#8221; gemeint sind, während einer der wenigen Punkte, auf den sich die auf&#8217;s fruchtbarste zerstrittene Medientheorie von Friedrich Kittler bis Sybille Krämer einigen kann, gerade darin besteht, dass Medien eben nicht umstandslos mit Zeichen gleichzusetzen sind.  Unter&#8217;m Strich bleibt so eine streckenweise zwar sehr inspirierende, begrifflich jedoch eher unscharfe Geschichte der Ästhetik, die über dem interessierten Laien ein Füllhorn an Ideen zum Thema Kunst und Ästhetik ausschüttet, ohne diese jedoch systematisch aufzubereiten.</p>
<p><em>Links</em>:</p>
<ul>
<li><a href="http://www.rowohlt.de/buch/Reiner_Matzker_Aesthetik_der_Medialitaet.28012010.2680104.html" target="_blank">Verlagsinformationen zum Buch</a></li>
<li><a href="http://www.kultur.uni-bremen.de/personen/privatdozenten-und-ausserplanmaessige-professoren.html?tx_jshuniversity_pi2[showUid]=96&amp;cHash=a4e5290270" target="_blank">Webpräsenz von Reiner Matzker an der Universität Bremen</a></li>
</ul>


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<li><a href='http://www.rkm-journal.de/archives/1835' rel='bookmark' title='Permanent Link: Silvia Seja: Handlungstheorien des Bildes'>Silvia Seja: Handlungstheorien des Bildes</a></li>
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		<title>Silvia Seja: Handlungstheorien des Bildes</title>
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		<pubDate>Thu, 17 Dec 2009 11:30:25 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Redaktion</dc:creator>
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		<description><![CDATA[<em>Rezensiert von Nicolas Romanacci</em>

<img class="alignleft size-medium wp-image-1838" title="seja2" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2009/12/seja2-200x300.gif" alt="seja2" width="160" height="240" />Im Folgenden soll zuerst ein Überblick gegeben werden über die von Silvia Seja entwickelte Systematik unterschiedlicher Handlungstheorien des Bildes. Daran anschließend möchte ich – als möglichen Referenzpunkt für eine kritische Lektüre – einige grundlegende Aspekte hinsichtlich der von der Autorin vollzogenen Gegenüberstellung und Bewertung phänomenologischer und zeichen-philosophischer Ansätze thematisieren. Aus der Differenzierung vier bildtheoretischer Paradigmen – des Bildspieles, des Bildaktes, der Werkzeuge und der Probehandlungen mit interaktiven Bildern – gewinnt Silvia Seja die Einsicht, dass "zwei völlig divergierende Zugänge zum Verhältnis von Bild und Handlung existieren". <a href="http://www.rkm-journal.de/archives/1835">[Mehr]</a> 


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<li><a href='http://www.rkm-journal.de/archives/1796' rel='bookmark' title='Permanent Link: Gottfried Boehm; Horst Bredekamp (Hrsg.): Ikonologie der Gegenwart'>Gottfried Boehm; Horst Bredekamp (Hrsg.): Ikonologie der Gegenwart</a></li>
<li><a href='http://www.rkm-journal.de/archives/1532' rel='bookmark' title='Permanent Link: Søren Kjørup: Semiotik'>Søren Kjørup: Semiotik</a></li>
</ol>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Rezensiert von Nicolas Romanacci</em></p>
<p><img class="alignleft size-medium wp-image-1838" title="seja2" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2009/12/seja2-200x300.gif" alt="seja2" width="160" height="240" />Im Folgenden soll zuerst ein Überblick gegeben werden über die von Silvia Seja entwickelte Systematik unterschiedlicher Handlungstheorien des Bildes. Daran anschließend möchte ich – als möglichen Referenzpunkt für eine kritische Lektüre – einige grundlegende Aspekte hinsichtlich der von der Autorin vollzogenen Gegenüberstellung und Bewertung phänomenologischer und zeichen-philosophischer Ansätze thematisieren.</p>
<p>Aus der Differenzierung vier bildtheoretischer Paradigmen – des Bildspieles, des Bildaktes, der Werkzeuge und der Probehandlungen mit interaktiven Bildern – gewinnt Silvia Seja die Einsicht, dass &#8220;zwei völlig divergierende Zugänge zum Verhältnis von Bild und Handlung existieren&#8221; (11). Die beiden Zugänge werden unterschieden mit den Etiketten &#8220;pragmatisch&#8221; beziehungsweise &#8220;pragmatistisch&#8221;. Für einen &#8220;pragmatischen&#8221; Zugang wäre dabei etwa (mit Ausnahmen) charakteristisch: die Orientierung an der Sprachphilosophie und die Auffassung, dass zuallererst ein Bildhandeln dem Bild seinen Bildstatus verleiht. Entsprechende Konzeptionen wären einmal die des Bildspieles, wobei sich der Bildstatus aus der jeweiligen Rolle des Bildes im Bildspiel ergäbe. Die zweite &#8220;pragmatische&#8221; Position wäre jene des Bildaktes, wobei sich der Bildstatus aus dem Vollzug eines kognitiven Aktes ergäbe.</p>
<p>Als an der Konzeption des Bildspieles orientierte Autoren nennt Seja Kendall Walton, Norman Bryson, Oliver Scholz und Manfred Muckenhaupt. Seja beginnt bei Ihrer Vorstellung der jeweiligen Konzeptionen mit dem aus ihrer Sicht am wenigsten überzeugenden Autor. Einer kurzen Vorstellung folgt jeweils eine Nennung der Schwachpunkte. Mit dem jeweils nachfolgenden Autor wird meist eine Verbesserung bezüglich der zuerst genannten Schwachpunkte thematisiert, um dann wiederum kritische Punkte hervorzuheben. So kritisiert die Autorin etwa Kendall Waltons Konzeption des &#8220;pictorial game&#8221;, da hier durch den erforderlichen Einsatz der Imagination eine Einschränkung vollzogen würde – im Widerspruch zu Wittgensteins Sprachspielbegriff, worauf Walton ursprünglich Bezug nimmt. Zusammenfassend billigt Seja dieser Konzeption nur einen Vorläuferstatus zu. Ebenso der im Anschluss daran aufgeführten Position Norman Brysons, die zwar Vorzüge gegenüber Waltons Konzeption aufweise, aus Sicht von Seja aber dennoch unbefriedigend bleibt. Ähnlich verfährt die Autorin hinsichtlich der Aufzählung von positiven und negativen Aspekten im Vergleich mit den Konzeptionen von Oliver Scholz und Manfred Muckenhaupt, um abschließend keine der behandelten Konzeptionen zum Bildspiel als überzeugend gelten zu lassen. Nach demselben Muster und mit ebenfalls negativer Gesamtbewertung behandelt die Autorin die an der Sprechakttheorie orientierten Bildtheorien. Genannt werden Autoren wie Sören Kjörup, David Novitz, Klaus Sachs-Hombach und Eva Schürmann.</p>
<p>Im zweiten Teil des Buches und somit in den Kapiteln 3 und 4 stellt Silvia Seja die von ihr als &#8220;pragmatistisch-phänomenologisch&#8221; bezeichneten Konzeptionen vor. Behandelt werden Paradigmen des Werkzeuges und der Probehandlungen mit interaktiven Bildern. Aus Sicht der Autorin wären diese Positionen den zuvor thematisierten &#8220;pragmatisch-sprachphilosophischen&#8221; vorzuziehen, da die erstgenannten den sichtbaren Eigenschaften der Bilder besser gerecht werden könnten.</p>
<p>Die von Silvia Seja vollzogene phänomenologische Positionierung mit der damit verbundenen grundlegenden Kritik an zeichenphilosophischen Ansätzen möchte ich weder generell noch im Detail bewerten. Vielmehr möchte ich als möglichen Bezugspunkt für eine kritische Lektüre im Folgenden einige Aspekte vorstellen, die dieses Problemfeld in der philosophischen und bildtheoretischen Literatur thematisieren. Die Autorin kritisiert an den &#8220;pragmatischen&#8221; Positionen zum einen deren grundlegende Orientierung an der Sprachphilosophie und zum anderen deren mangelnde Berücksichtigung der sichtbaren Eigenschaften der Bilder. Zu diesen Vorwürfen möchte ich zuerst exemplarisch einige Argumente von Klaus Sachs-Hombach nennen, den Seja auch als an der Sprachphilosophie orientierten Autoren vorstellt. Gerade Klaus Sachs-Hombach hat mehrfach darauf hingewiesen, dass erstens der Zeichenbegriff, auf den sich semiotische Bildtheorien beziehen sollten, als ein möglichst allgemeiner zu verstehen sei. Von der semiotischen Terminologie sei daher auf jeden Fall etwa die linguistische zu unterscheiden: &#8220;Ein gutes Beispiel ist die Sprechakttheorie, die zwar innerhalb der Linguistik als eine auf Sprache bezogene Theorie entwickelt wurde, die aber vom sprachlichen Kontext ganz abgelöst auf Bilder angewandt werden kann, ohne dass in irgendeiner Weise die Eigenständigkeit der Bilder angezweifelt würde.&#8221; (Sachs-Hombach 2006: 77f.) Des Weiteren definiert Sachs-Hombach Bilder generell als &#8220;wahrnehmungsnahe Zeichen&#8221; (vgl. ebd.: 73-99), wodurch von einer mangelnden Berücksichtigung der sichtbaren Eigenschaften gerade nicht gesprochen werden kann.</p>
<p>Auch ein Autor wie etwa Oliver Scholz zeigt alleine durch seine Bezugnahme auf Nelson Goodman, dass ihm in keiner Weise an einer Gleichsetzung von Sprache und Bild gelegen sein kann, da ja im Besonderen Goodman mit seiner allgemeinen Symboltheorie (vgl. Goodman 1968) ein anerkannt praktikables Mittel entwickelt hat, um sprachliche und visuelle Symbolsysteme äußerst präzise zu unterscheiden und zu analysieren. Als das &#8220;Programm des Pragmatismus auf den Punkt&#8221; bringend, zitiert Seja (12) Sybille Krämer: &#8220;Was &#8216;von Bedeutung&#8217; ist, liegt nicht hinter der Erscheinung, ist keine unsichtbare Tiefenstruktur, welche jenseits der Oberfläche des Wahrnehmbaren durch Verfahren der Interpretation zu erschließen wäre&#8221; (Krämer 2004: 20). Hier wäre also eine essentialistische Position als grundlegend vorausgesetzt, die den Mythos eines unschuldigen Auges und die Existenz intrinsischer, festgelegter Eigenschaften von Bildern aufrechtzuerhalten versucht oder – anders gesagt – die Möglichkeit einer nicht-interpretierten, sozusagen neutralen Wahrnehmung propagiert. Dazu exemplarisch ein Zitat von Günter Abel: &#8220;Das Auge spiegelt nicht einfach passiv etwas fertig Vorhandenes. Vielmehr organisiert es überaus aktiv sein Material. [...] Der Mythos des unschuldigen Auges lässt sich nicht aufrechterhalten, und ein rein passives Auge wäre ebenso blind wie ein fixiertes.&#8221; (Abel 2004: 192)</p>
<p>Zusammenfassend ergibt sich aus den aufgeführten Anmerkungen folgendes Bild: Silvia Seja bietet durch ihre klar, originell und sinnvoll strukturierte Arbeit eine sehr gut nachvollziehbare Argumentationslinie und einen notwendigen und begrüßenswerten Überblick über die von ihr gewählten Konzeptionen. Auch wenn man ihrer phänomenologischen Positionierung und der damit verbundenen äußerst diskussionswürdigen allgemeinen Charakterisierung zeichenphilosophischer Theorien hinsichtlich der genannten (und weiteren möglichen, innerhalb der Bildphilosophie als bekannt voraussetzbaren) Gegenargumente nicht folgen möchte, bleibt Sejas Buch ein äußerst gewinnbringender, wichtiger und sehr gut lesbarer Beitrag zur Bildphilosophie. Es wäre sehr zu begrüßen, wenn dieses Buch seinen Lesern als Anregung dazu dient, eine differenziertere Beurteilung zeichenphilosophischer Positionen zu konzipieren, beziehungsweise dazu animiert, die Einsichten phänomenologischer Untersuchungen in zeichentheoretische Ansätze einzubinden, ohne die vermeintlich grundlegende Unvereinbarkeit beider philosophischer Positionen aufrechtzuerhalten.</p>
<p><em>Literatur</em>:</p>
<ul>
<li>Abel, G.: <em>Zeichen der Wirklichkeit. </em>Frankfurt am Main [Suhrkamp Verlag] 2004.</li>
<li> Goodman, N.: <em>Languages of Art: An Approach to a Theory of Symbols. </em>Indianapolis [Hacket] 1968 (dt.: <em>Sprachen der Kunst. Entwurf einer Symboltheorie</em>. Frankfurt am Main [Suhrkamp Verlag] 1997).</li>
<li>Krämer, S.: &#8220;Was haben &#8216;Performativität&#8217; und &#8216;Medialität&#8217; miteinander zu tun? Plädoyer für eine in der &#8216;Aisthetisierung&#8217; gründende Konzeption des Performativen&#8221;. In: Dies. (Hrsg.): <em>Performativität und Medialität</em>. München [Wilhelm Fink Verlag] 2004, S. 13-32.</li>
<li>Sachs-Hombach, K.: <em>Das Bild als kommunikatives Medium</em>. Köln [Herbert von Halem Verlag], zweite Auflage 2006.</li>
</ul>
<p><em>Links</em>:</p>
<ul>
<li><a href="http://halemverlag.lookingintomedia.com/shop/product_info.php/products_id/186/XTCsid/6c45ce0d70522d9b1db0bea4b1c63e3a" target="_blank">Verlagsinformationen zum Buch</a></li>
<li><a href="http://www.educational-turn.org/" target="_blank">persönliche Homepage von Nicolas Romanacci</a></li>
</ul>


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<li><a href='http://www.rkm-journal.de/archives/1796' rel='bookmark' title='Permanent Link: Gottfried Boehm; Horst Bredekamp (Hrsg.): Ikonologie der Gegenwart'>Gottfried Boehm; Horst Bredekamp (Hrsg.): Ikonologie der Gegenwart</a></li>
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</ol></p>]]></content:encoded>
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		<title>Charles S. Peirce: The Logic of Interdisciplinarity</title>
		<link>http://www.rkm-journal.de/archives/1490</link>
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		<pubDate>Thu, 12 Nov 2009 22:40:14 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Redaktion</dc:creator>
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		<description><![CDATA[<em>Rezensiert von Mark A. Halawa</em>

<em> </em><img class="alignleft size-full wp-image-1514" title="peirce2009" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2009/10/peirce2009.jpg" alt="peirce2009" width="160" height="226" />Charles Sanders Peirce (1839-1914) war einer der letzten Universalgelehrten. Er betätigte sich unter anderem als Lexikograph, Wissenschaftshistoriker, Spektroskopist, Chemiker und Ingenieur. Auf dem Gebiet der Biologie, der Physik und vor allem der Mathematik verfügte er über herausragende Kenntnisse. Zudem machte er sich als Geodät, als der er die meiste Zeit seines Berufslebens sein Geld verdiente, international einen Namen. Zu größter Berühmtheit kam Peirce allerdings erst posthum durch sein Wirken als Philosoph, Logiker und Semiotiker: Als Begründer des Pragmatismus formulierte er eines der erfolgreichsten philosophischen Programme des 20. Jahrhunderts, zu dessen Vertretern (wenn auch bisweilen in einem von Peirce erheblich abweichenden Sinne) neben William James, John Dewey und George Herbert Mead auch Hilary Putnam, Richard Rorty oder Robert Brandom zählen. <a href="http://www.rkm-journal.de/archives/1490">[Mehr]</a>


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<li><a href='http://www.rkm-journal.de/archives/1532' rel='bookmark' title='Permanent Link: Søren Kjørup: Semiotik'>Søren Kjørup: Semiotik</a></li>
<li><a href='http://www.rkm-journal.de/archives/1411' rel='bookmark' title='Permanent Link: Barbara Merker (Hrsg.): Verstehen nach Heidegger und Brandom'>Barbara Merker (Hrsg.): Verstehen nach Heidegger und Brandom</a></li>
</ol>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Rezensiert von Mark A. Halawa</em></p>
<p><em> </em><img class="alignleft size-full wp-image-1514" title="peirce2009" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2009/10/peirce2009.jpg" alt="peirce2009" width="160" height="226" />Charles Sanders Peirce (1839-1914) war einer der letzten Universalgelehrten. Er betätigte sich unter anderem als Lexikograph, Wissenschaftshistoriker, Spektroskopist, Chemiker und Ingenieur. Auf dem Gebiet der Biologie, der Physik und vor allem der Mathematik verfügte er über herausragende Kenntnisse. Zudem machte er sich als Geodät, als der er die meiste Zeit seines Berufslebens sein Geld verdiente, international einen Namen (vgl. Fisch 1982: 15). Zu größter Berühmtheit kam Peirce allerdings erst posthum durch sein Wirken als Philosoph, Logiker und Semiotiker: Als Begründer des Pragmatismus formulierte er eines der erfolgreichsten philosophischen Programme des 20. Jahrhunderts, zu dessen Vertretern (wenn auch bisweilen in einem von Peirce erheblich abweichenden Sinne) neben William James, John Dewey und George Herbert Mead auch Hilary Putnam, Richard Rorty oder Robert Brandom zählen. Darüber hinaus wird er gemeinsam mit dem Schweizer Linguisten Ferdinand de Saussure (1857-1913) als Vater der modernen Semiotik gewürdigt. Keine Einführung in die Semiotik kann es sich leisten, auf eine Erörterung der Peirce&#8217;schen Zeichentheorie zu verzichten. Ebenso undenkbar ist es, Peirces Namen in einem um Vollständigkeit bemühten Lexikon zur Geschichte der Philosophie zu übergehen. Kurzum: In der Geschichte des Denkens nimmt Charles Sanders Peirce einen bedeutenden Platz ein.</p>
<p>Die Anerkennung, die dem Peirce&#8217;schen Œuvre seit der Mitte des 20. Jahrhunderts in großem Stil gezollt wird, steht mit dem äußerst geringen Ansehen, das Peirce über weite Strecken seines Lebens genossen hat, in deutlichem Widerspruch. Sieht man von einem kurzen Intermezzo an der <a href="http://www.jhu.edu/" target="_blank">Johns Hopkins Universität</a> ab, wo er zwischen 1879 und 1884 als Dozent für Logik unterrichtete, gelang es Peirce niemals, eine dauerhafte Anstellung an einer Universität zu erlangen. Zwar galt Peirce schon früh als ein genialer Denker, dem – nicht zuletzt durch die Unterstützung seines Vaters Benjamin Peirce (1809-1880), einem der renommiertesten Mathematiker seiner Zeit und ein einflussreicher <a href="http://www.harvard.edu/" target="_blank">Harvard</a>-Professor – eine große Zukunft vorausgesagt wurde. Dass jedoch alles ganz anders kam, hängt hauptsächlich damit zusammen, dass sich der gutbetuchte Professorenzögling immer wieder selbst im Weg gestanden hat: Peirce wusste um seine außergewöhnliche Begabung, was er seine Umgebung bisweilen derart unverblümt spüren ließ, dass er schon in jungen Jahren als überaus eitler und arroganter Zeitgenosse verschrien war. Zudem führte er ein ausgesprochen extravagantes Leben, das auf viele seiner Mitmenschen äußerst verstörend wirkte und oftmals nur deshalb zähneknirschend toleriert worden ist, weil die Peirces zu den angesehensten Familien der amerikanischen Ostküste gehörten. Als Peirce 1883 nur zwei Tage nach der Scheidung von seiner ersten Frau erneut den Bund der Ehe schloss, konnte ihm indes noch nicht einmal sein elitärer familiärer Hintergrund aus der Patsche helfen: Er verlor seine Stelle in Johns Hopkins und bekam auch außerhalb des universitären Betriebes kaum noch einen Fuß in die Tür. Auf einen Vater, der seine schützende Hand über seinen Sohn hält, konnte Peirce zum damaligen Zeitpunkt nicht mehr setzen (vgl. Brent 1993).</p>
<p>Die vielen Rückschläge, die Peirce im Laufe seines Lebens verkraften musste, lassen sich allerdings nicht alleine mit Blick auf seinen schwierigen Charakter erklären. Verantwortlich für den ausbleibenden akademischen Erfolg war in ebenso starkem Maße die hohe Komplexität seines Denkens. Dass Peirce von vielen als extrem gescheiter Geist geachtet wie gefürchtet wurde, bedeutet noch lange nicht, dass ihm seine Freunde, Kollegen und Leser problemlos folgen konnten. Das genaue Gegenteil war der Fall: William James – Peirces wohl treuester Freund – fand den Argumentationsstil seines philosophischen Kameraden mitunter dermaßen unverständlich, dass er im Vorfeld einer Vorlesungsreihe, die er für Peirce organisieren konnte, inständig darum bat, „Deine Vorlesungen so unmathematisch [zu halten], wie es Dir möglich ist“ (zitiert nach Ketner/Putnam 2002: 44).</p>
<p>Warum Peirce für den Großteil seiner Zeitgenossen ein Rätsel blieb, lässt sich wunderbar in der von Elize Bisanz herausgegebenen Aufsatzsammlung <em>The Logic of Interdisciplinarity</em> nachvollziehen. Diese versammelt zum ersten Mal in einem Band sämtliche Texte, die Peirce zwischen 1891 und 1909 in der Zeitschrift <a href="http://monist.buffalo.edu/" target="_blank"><em>The Monist</em></a> veröffentlichte beziehungsweise für die Publikation in dieser vorsah. Dass der <em>Monist</em>-Reihe durch eine gesonderte Veröffentlichung besondere Aufmerksamkeit geschenkt wird, hängt nicht alleine damit zusammen, dass Bisanz einen wichtigen, in bisherigen Peirce-Editionen verstreut vorliegenden Textkorpus aus Peirces philosophischer Spätphase einer breiteren Öffentlichkeit zur Verfügung stellen möchte. Vielmehr geht es der Herausgeberin darum, jene &#8220;genuine Interdisziplinarität des Peirceschen Denkens&#8221; (13) herauszustellen, die – wie Bisanz zu Recht feststellt – in den <em>Monist</em>-Texten besonders deutlich durchscheint.</p>
<p>Bisanz verspricht den Lesern ihres Vorworts gewiss nicht zu viel. Bestechend an den einzelnen Beiträgen der <em>Monist</em>-Reihe ist dabei aber weniger ihre thematische Vielseitigkeit, die sich in ähnlicher Form bereits in anderen Peirce-Editionen feststellen lässt (neben den Grundlagen des Pragmatismus erörtert Peirce ebenfalls allgemeine Fragen der Logik sowie wissenschaftstheoretische, religionsphilosophische oder metaphysische Problemkomplexe); faszinierend ist vielmehr das Ausmaß, in dem Peirce hier – stärker noch als in anderen Phasen seines Schaffens – seine Philosophie auf einem interdisziplinären Fundament baut.</p>
<p>Für diejenigen Leser, die mit Peirces Philosophie noch nicht vertraut sind, bringt dieser Umstand freilich zahlreiche Schwierigkeiten mit sich, die sich aller Wahrscheinlichkeit nach nicht merklich von denen seiner Zeitgenossen unterscheiden. Immer wieder unterbricht Peirce seine Ausführungen (etwa die über das Wesen des Denkens), um seine ohnehin schon komplizierte Argumentationsführung durch lange und nicht minder komplizierte mathematische Beispiele zu stärken. Ebenso häufig verweist er auf biologische, physikalische oder physiologische Zusammenhänge, um beispielsweise unter Beweis zu stellen, dass zwischen den Gesetzen der Logik und den Gesetzen der Natur ein interner Zusammenhang besteht.</p>
<p>Was damals wie heute auf den ersten Blick wie ein bunter (und vor allem: verwirrender) Themenmix erscheint, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als ausgedehnte Spielwiese eines unermüdlichen und immer aufs Ganze abzielenden Geistes, dessen Genialität vor allem darin bestanden hat, zu beeindruckenden interdisziplinären Verknüpfungsleistungen in der Lage gewesen zu sein. Peirce war nicht einfach nur ein Mann, der sich für eine Vielzahl von Disziplinen interessierte; er war ein Denker, der es verstand, sämtliche Themengebiete, die ihn faszinieren, sinnvoll miteinander zu verbinden, um im Anschluss daran ein weitverzweigtes philosophisches System vorweisen zu können, das – ganz in der Tradition Kants stehend – über eine klar umrissene &#8220;Architektonik&#8221; verfügt (58-69). Das interdisziplinäre Forschungsideal, das in der heutigen Wissenschaftslandschaft oft und gerne gefordert, in der Praxis hingegen nur selten oder nur überaus halbherzig in die Tat umgesetzt wird, findet sich in Peirces <em>Monist</em>-Arbeiten ferner in einer fast schon idealtypischen Weise vorgelebt.</p>
<p>Was in der <em>Monist</em>-Reihe pointiert zur Darstellung gebracht wird, lässt sich zu großen Teilen biographisch zurückverfolgen. Peirce wuchs – wie er gerne betonte – &#8220;in einem Kreis von Physikern und Naturwissenschaftlern&#8221; (Peirce 1904: 64) auf. Hinzu kommt, dass er nach einer Ausbildung zum Chemiker über weite Strecken seines Berufslebens selbst an zahlreichen naturwissenschaftlichen Experimenten teilgenommen hat. In einer für seine Zeit überaus unüblichen Weise wollte er diese Erfahrungen nicht von seinen philosophischen Interessen geschieden wissen. Ganz im Gegenteil: Stets war er darum bemüht, das Instrumentarium der exakten Wissenschaften in die Philosophie zu integrieren. So wie ein Chemiker &#8220;den Verstand mit ins Laboratorium&#8221; (Peirce 1877: 295) nimmt, soll – so eine der wesentlichsten Prämissen des Peirce&#8217;schen Pragmatismus – der Logiker das Laboratorium mit der Vernunft vermählen. Das berühmteste Resultat dieser Zusammenführung ist die so genannte <em>pragmatische Maxime</em>, die zur Klärung eines Begriffs den von der wissenschaftlichen Forschungsmethodik entlehnten Ratschlag gibt, sich im Rahmen eines Gedankenexperiments sämtliche &#8220;denkbaren Wirkungen&#8221; vorzustellen, die eben jener Begriff &#8220;denkbarerweise&#8221; hervorbringen würde (vgl. Peirce 1878: 339).</p>
<p>Der wohl größte Wert der <em>Monist</em>-Reihe besteht nun darin, dass in ihr die logisch-semiotische Reflexion auf das Wesen des Denkens und Erkennens insbesondere um zwei Begriffe erweitert wird, die auch über den Bereich der Logik hinaus universale Gültigkeit besitzen sollen. Die Rede ist vom Konzept des <em>Synechismus</em> einerseits und dem des <em>Tychismus</em> andererseits. Während Peirce mit dem zuerst genannten Begriff zum Ausdruck bringen möchte, dass alles Denken kontinuierlich auf eine Zunahme von Gesetzmäßigkeit hinarbeitet, verbindet er mit dem zuletzt genannten Begriff das Anliegen, auf das Element des Zufalls aufmerksam zu machen, das einer endgültigen Erfassung des Denkens durch das Streben nach Kontinuität entgegenarbeitet. Nichts lässt sich in seiner Totalität begrifflich erfassen, weil ein evolutionäres Zufallsprinzip den epistemologischen Erfahrungsraum des Menschen bevölkert. Da das gesamte Universum im Zuge des Tychismus dem Heraklitischen Gesetz des Werdens untersteht, kann das synechistische Kontinuitätsprinzip niemals an ein Ende gelangen.</p>
<p>Von besonderem Interesse sind diese Ausführungen unter anderem deshalb, weil sie dabei behilflich sein können, die Einwände derjenigen Kritiker zu entkräften, die der Semiotik eine prinzipielle Rationalitätsversessenheit vorwerfen (vgl. Gumbrecht 2004, Mersch 2002). Dass die <em>Semiose </em>(das heißt: der Prozess der erkenntnisstiftenden Zeichenbildung) kontinuierlich fortgesetzt wird, hängt <em>nicht </em>– wie behauptet wird – mit einem <em>radikalen Bestimmungsstreben </em>zusammen, welches dem Zeichenbegriff inhärent ist; vielmehr trägt das ebenso berühmte wie viel gescholtene <em>Prinzip der unendlichen Semiose </em>dem Umstand Rechnung, dass die zeichenvermittelte Ordnung der Dinge durch die stetige Evolution des epistemologischen Erfahrungsfeldes fortwährend korrigiert und reformuliert werden muss. Genau aus diesem Grund formulierte Peirce im Rahmen der <em>Cambridge Conferences </em>– jenem Vorlesungszyklus, den William James so unmathematisch wie möglich gehalten sehen wollte – mit der <em>Ersten Regel der Logik </em>(&#8220;Behindere nicht den Gang der Forschung&#8221; [Peirce 2002: 241]) einen Grundsatz, der für Philosophen wie Naturwissenschaftler gleichermaßen zu gelten hat. Ein Wissenschaftler, der akzeptiert, dass nicht nur der Geist, sondern auch die Welt stets im Fluss ist, wird – so hofft Peirce – davon absehen, hartnäckig an etablierten Theorien festzuhalten, und sein Denken für neue Erklärungssätze öffnen. Wer die Geduld aufbringt, sich durch <em>The Logic of Interdisciplinarity</em> durchzuarbeiten, kann beobachten, wie Peirce diesen wissenschaftstheoretischen Imperativ in einem beeindruckend großen interdisziplinären Rahmen ausbreitet.</p>
<p>Schade nur, dass Elize Bisanz der <em>Monist</em>-Reihe lediglich ein Personenregister, nicht aber einen Sachindex beigefügt hat, sodass das Auffinden von Passagen, die sich mit einschlägigen Termini (Synechismus, Tychismus, Agapismus usw.) befassen, erheblich erschwert wird. Ebenso bedauerlich ist, dass die Herausgeberin die &#8220;pulsierende […] Aktualität&#8221;, die das Peirce&#8217;sche Denken insbesondere &#8220;in der bildwissenschaftlichen, der kulturwissenschaftlichen Forschung, der Forschung der Kognition und der Logik&#8221; (13) fraglos besitzt, leidglich konstatiert, nicht aber ausführlich darlegt. Größere Klarheit vermitteln demgegenüber die einleitenden Ausführungen Kenneth Laine Ketners, der am <a href="http://www.pragmaticism.net/" target="_blank">Institute for Studies in Pragmaticism </a>der <a href="http://www.ttu.edu/" target="_blank">Texas Tech University</a> tätig ist und zu den profiliertesten Kennern der Peirce&#8217;schen Philosophie zählt.</p>
<p>Erfreulich ist, dass die Herausgeberin zahlreiche biographische und bibliographische Informationen in Form von kurzen Anmerkungen in den originalen Text eingefügt hat. <em>The Logic of Interdisciplinarity</em> wird damit den Ansprüchen einer kritischen Edition im Großen und Ganzen gerecht. Dass der Band als Studienausgabe genutzt und in Peirce-Seminaren reihenweise auf den Tischen liegen wird, darf allerdings bezweifelt werden. Auch wenn die Lektüre der <em>Monist</em>-Reihe nicht nur Studierenden der Philosophie wärmstens empfohlen werden kann, ist zu erwarten, dass all jene, die einen ersten Einblick in Peirces Philosophie erhalten möchten, zu preisgünstigeren Peirce-Editionen greifen werden.</p>
<p><em>Literatur</em>:</p>
<ul>
<li>Brent, J.: <em>Charles Sanders Peirce: a life</em>. Bloomington, Indianapolis [Indiana University Press] 1993.</li>
<li>Fisch, Max: &#8220;Vorwort&#8221;. In: Sebeok, T.; Umiker-Sebeok, J.:<em> &#8220;Du kennst meine Methode.&#8221; Charles Sanders Peirce und Sherlock Holmes</em>. Aus dem Amerikanischen von Achim Eschbach. Frankfurt am Main [Suhrkamp Verlag] 1982, S. 15-23.</li>
<li>Gumbrecht, H.U.: <em>Diesseits der Hermeneutik. Die Produktion von Präsenz</em>. Übersetzt von Joachim Schulte. Frankfurt am Main [Suhrkamp Verlag] 2004.</li>
<li>Ketner, K.L.; Putnam, H.: &#8220;Einleitung: Konsequenzen der Mathematik&#8221;. In: Peirce, C.S.: <em>Das Denken und die Logik des Universums. Die Vorlesungen der Cambridge Conferences von 1898</em>. Mit einem Anhang unveröffentlichter Manuskripte. Herausgegeben von Kenneth Laine Ketner. Einleitung und Kommentar von Hilary Putnam und Kenneth Laine Ketner. Deutsche Übersetzung und Herausgabe des Anhangs von Helmut Pape. Frankfurt am Main [Suhrkamp Verlag] 2002, S. 16-78.</li>
<li>Mersch, D.: <em>Was sich zeigt. Materialität, Präsenz, Ereignis</em>. München [Wilhelm Fink Verlag] 2002.</li>
<li>Peirce, C.S.: &#8220;Die Festlegung einer Überzeugung (1877)&#8221;. In: ders.: <em>Schriften I: Zur Entstehung des Pragmatismus</em>. Mit einer Einführung herausgegeben von Karl-Otto Apel. Frankfurt am Main [Suhrkamp Verlag] 1967, S. 293-325.</li>
<li>Peirce, C.S.: &#8220;Wie unsere Ideen zu klären sind (1878)&#8221;. In: ders.: <em>Schriften I: Zur Entstehung des Pragmatismus</em>. Mit einer Einführung herausgegeben von Karl-Otto Apel. Frankfurt am Main [Suhrkamp Verlag] 1967, S. 326-358.</li>
<li>Peirce, C.S.: &#8220;Charles S. Peirce. Eine intellektuelle Autobiographie (1904)&#8221;. In: ders.: <em>Semiotische Schriften</em>, Band 1. Herausgegeben und übersetzt von Christian J.W. Kloesel und Helmut Pape. Frankfurt am Main [Suhrkamp Verlag] 2000, S. 64-75.</li>
<li>Peirce, C.S.: <em>Das Denken und die Logik des Universums. Die Vorlesungen der Cambridge Conferences von 1898</em>. Mit einem Anhang unveröffentlichter Manuskripte. Herausgegeben von Kenneth Laine Ketner. Einleitung und Kommentar von Hilary Putnam und Kenneth Laine Ketner. Deutsche Übersetzung und Herausgabe des Anhangs von Helmut Pape. Frankfurt am Main [Suhrkamp Verlag] 2002.</li>
</ul>
<p><em>Links</em>:</p>
<ul>
<li><a href="http://www.akademie-verlag.de/olb/de/1.c.1329851.de" target="_blank">Verlagsinformationen zum Buch</a></li>
<li><a href="http://www.leuphana.de/elize-bisanz.html" target="_blank">Webpräsenz von Elize Bisanz an der Leuphana Universität Lüneburg</a></li>
</ul>


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</ol></p>]]></content:encoded>
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		<title>Metasprache oder Metabilder? W. J. T. Mitchell zu den Medien der Bildtheorie</title>
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		<pubDate>Fri, 07 Aug 2009 12:42:55 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Redaktion</dc:creator>
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		<description><![CDATA[<em>Rezensiert von Arno Schubbach</em>

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Die Frage nach dem Bild hat seit der Proklamation des "pictorial" oder "iconic turn" durch W. J. T. Mitchell und Gottfried Boehm einiges Aufsehen erregt. Trotz der Prominenz von Mitchells Formulierung waren im Deutschen bislang nur einige wenige Aufsätze und keines der einflussreichen Bücher des in Chicago lehrenden Literatur- und Kunstwissenschaftlers verfügbar. Zwei Bände aus dem Jahre 2008 schaffen nun Abhilfe: die von Gustav Frank bei Suhrkamp herausgegebene <em>Bildtheorie </em>sowie der von C. H. Beck verlegte Band <em>Das Leben der Bilder. Eine Theorie der visuellen Kultur</em>. <a href="http://www.rkm-journal.de/archives/128">[Mehr]</a>


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			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Rezensiert von Arno Schubbach</em></p>
<p><img class="size-full wp-image-993 aligncenter" title="mitchell" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2009/08/mitchell.jpg" alt="mitchell" width="450" height="226" /></p>
<p>Die Frage nach dem Bild hat seit der Proklamation des &#8220;pictorial&#8221; oder &#8220;iconic turn&#8221; durch W. J. T. Mitchell und Gottfried Boehm einiges Aufsehen erregt (Bildtheorie: 101ff.; Boehm 1994: 13f.). Trotz der Prominenz von Mitchells Formulierung waren im Deutschen bislang nur einige wenige Aufsätze und keines der einflussreichen Bücher des in Chicago lehrenden Literatur- und Kunstwissenschaftlers verfügbar. Zwei Bände aus dem Jahre 2008 schaffen nun Abhilfe: die von Gustav Frank bei Suhrkamp herausgegebene <em>Bildtheorie </em>sowie der von C. H. Beck verlegte Band <em>Das Leben der Bilder. Eine Theorie der visuellen Kultur</em>.</p>
<p>Dem deutschsprachigen Publikum liegen damit Texte zur eingehenderen Kenntnisnahme vor, in denen die Frage des Bildes – trotz zahlreicher Theoriereferenzen auf die deutsche und französische Diskussion – auf amerikanische Weise artikuliert wird (vgl. Mitchell 2007; Boehm 2007). Die Präsentation der beiden Bände ist allerdings unverkennbar geprägt von der deutschen Diskurslage, denn sie lässt einen Theorieanspruch erkennen, den die Texte Mitchells kaum zu befriedigen gewillt sind. Statt – wie gelegentlich Mitchell – am &#8220;Vorteil, pittoresker zu sein&#8221; (Leben: 174), Geschmack zu finden und den Titel der Textsammlung <em>What Do Pictures Want? The Lives and Loves of Images</em> von 2005 direkt zu übertragen, haben der Verlag und die Übersetzer Achim Eschbach, Anna-Victoria Eschbach und Mark Halawa ein unverbindlicheres <em>Das Leben der Bilder</em> gewählt und eine <em>Theorie der visuellen Kultur</em> versprochen. Gustav Frank ist nur scheinbar einen direkteren Weg gegangen, erweckt der Titel <em>Bildtheorie</em> doch den Eindruck, es liege die deutsche Übersetzung von Mitchells <em>Picture Theory</em> aus dem Jahre 1994 vor. Jedoch wird diese Erwartung enttäuscht: Es finden sich Texte verschiedensten Typs aus 20 Jahren versammelt, von theoretischen und konzeptionellen Beiträgen, über eher universitätspolitische und zeitdiagnostische Überlegungen bis hin zu einem vertrauten Gespräch mit Edward W. Said. Der Band suggeriert so einen kohärenten bildtheoretischen Entwurf – und unterminiert diesen zugleich, weil die zusammengestellten Texte selbst dann kaum eine &#8220;Bildtheorie&#8221; ergeben hätten, wenn Mitchell nicht der ebenso neugierige wie innovationsfreudige, der produktive und bewegliche Denker wäre, der er tatsächlich ist.</p>
<p><img class="alignleft size-full wp-image-872" title="mitchell2008a" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2009/05/mitchell2008a.jpg" alt="mitchell2008a" width="160" height="266" />Der erste Text beispielsweise stellt &#8220;dieses Buch&#8221; (Bildtheorie: 9) vor, womit jedoch – wie man der Fußnote entnehmen kann – <em>Iconology. Image, Text, Ideology</em> von 1986 gemeint ist, dem diese Einleitung entnommen wurde und das anders als der vorliegende Band das angekündigte Vorgehen tatsächlich verfolgt. Der Titel bürdet den Texten so die uneinlösbare Bringschuld auf, eine Theorie zu liefern, von der wohl angenommen wird, dass die deutschsprachigen Leser sie sehnlichst erwarten und die bildwissenschaftliche Diskussion sie dringend nötig hat (vgl. zum Beispiel Stock 2008: 24f., 41). Statt einer Bildtheorie erwartet den Leser aber ein anregender, facettenreicher und lesenswerter Überblick über Mitchells Denken, der gut und gerne, ja, besser &#8220;W. J. T. Mitchell Reader&#8221; hätte heißen können.</p>
<p>Den Verheißungen einer Bildtheorie begegnen die vorliegenden Texte mit Skepsis. Statt voreilig auf die Versprechungen von &#8220;totalisierenden Theorie-Ambitionen&#8221; (Bildtheorie: 279; vgl. ebd.: 117) zu vertrauen, befragt Mitchell das Verhältnis zwischen Bild und Theorie. Denn Bilder können nach Mitchell keineswegs schlicht Gegenstände einer Theorie sein, da eine solche Theorie einer &#8220;Metasprache&#8221; bedürfte, die gegenüber ihren Gegenständen neutral wäre. Diese Prämisse bestreitet Mitchell aufgrund der &#8220;Heterogenität repräsentierender Strukturen innerhalb des Felds des Sichtbaren und des Lesbaren&#8221; (Bildtheorie: 144), um insbesondere die Tauglichkeit der Semiotik in Frage zu stellen, die Mieke Bal und Norman Bryson der Kunstgeschichte angetragen haben (Bildtheorie: 142; Bal/Bryson 1991; dagegen Elkins 1995). Dieses Beharren auf der Eigenständigkeit bildlicher Darstellung verbindet Mitchell jedoch mit seiner entschlossenen Ablehnung jeder vermeintlichen Reinheit von Bildern. Er argumentiert, Bilder seien nicht getrennt von Sprache zu fassen, aber ebenso wenig Sprache – und insbesondere die Sprache der Theorie – unabhängig von ihrer Bildlichkeit (Bildtheorie: 136f., 142-146), wobei er stets einen weiten Bildbegriff voraussetzt, der von materiellen Artefakten über sprachliche Bilder bis hin zu mentalen Vorstellungen alles umfassen kann, was wir alltäglich als Bild bezeichnen (Bildtheorie: 20ff.). Mitchell polemisiert deshalb gegen kunsttheoretische Positionen wie die von Clement Greenberg, um die unentwirrbaren Bezüge von Bild und Wort ins Zentrum seines Denkens zu stellen (Bildtheorie: 154-158), und wendet sich ebenso gegen die Rede von &#8220;visuellen Medien&#8221; in den Medienwissenschaften, um die &#8220;mixed media&#8221; zum Paradigma für alle Medien zu erklären (Bildtheorie: 152, 327f.; vgl. Leben: 181). Die Verknüpfung zwischen bildlichen und sprachlichen Darstellungsformen ist ein Leitmotiv von Mitchells Denken seit seinem ersten Aufsatz zum Verhältnis poetischer und bildlicher Imagination bei William Blake (Mitchell 1969) und motiviert bis heute seine kritische Nachfrage nach dem konkreten, niemals neutralen oder gar unabhängigen &#8220;Medium der Theorie selbst&#8221; (Leben: 174).</p>
<p>Bilder können somit nicht einfach Gegenstand einer Theorie sein – sie sollen jedoch selbst &#8220;zeigen, was ein Bild ist&#8221; (Bildtheorie: 172). Mitchell will &#8220;prüfen, ob Bilder ihre eigene Metasprache mit sich führen&#8221; (Bildtheorie: 176), und gelangt zu einem positiven Befund. Solche &#8220;Metabilder&#8221; wären somit nur insofern Gegenstände einer Bildtheorie, als sie zur Theorie ihrer selbst beitragen und aktiv Anteil nehmen an der Theoriebildung: &#8220;Sie zeigen uns, was Sehen ist, und bilden selbst Theorie&#8221; (Bildtheorie: 200). Sie &#8220;inszenieren die &#8216;Selbsterkenntnis&#8217; der Bilder&#8221; (Bildtheorie: 187), die allerdings den Bezug zum Beobachter nicht aus-, sondern einschließt, der unter diesen Vorzeichen aber gut daran zu tun scheint, sich in einer gewissen &#8220;Rezeptivität&#8221; oder &#8220;Passivität&#8221; zu üben (Bildtheorie: 204). Mitchell geht damit von der bildlichen &#8220;Reflexion auf sich selbst&#8221; (Bildtheorie: 176) aus, die in der Bildtheorie unter Stichworten wie &#8220;visueller Reflexion des Bildnerischen&#8221; (Boehm 1994: 326), &#8220;Selbstreflexion&#8221; (Lüdeking 2006: 19), &#8220;reflexives Bild&#8221; (Böhme 2007: 331) oder &#8220;Bewußtwerdung des Bildes als Bild&#8221; (Stoichita 1998: 110) verhandelt wird. Er spitzt diesen Ansatz aber zu, indem er Bilder nicht nur als &#8220;theoretische Objekte&#8221; (Marin 2004: 19-24; Stoichita 1998: 15; vgl. auch Konersmann 1997: 32f.; Rosen/Krüger/Preimesberger 2003: 7, 10) begreift, sondern gleichsam als &#8220;Subjekte&#8221; der Theoriebildung – was ein willkommener Anlass zur Diskussion auch des bislang Selbstverständlichen sein sollte.</p>
<p>Eine solche &#8220;Bildtheorie&#8221; mit und in Bildern muss aber stets als &#8220;eine immanente lokale, keine transdisziplinäre Theorie&#8221; (Bildtheorie: 161) verstanden werden. Mitchell hält daher nicht nur zur Semiotik, sondern ebenso zur Psychoanalyse (Leben: 91-96) und jüngst zu Luhmanns Systemtheorie (vgl. Leben: 171-175) wie auch allen anderen Großtheorien kritische Distanz – worin nicht zuletzt eine Herausforderung des Programms einer &#8220;allgemeinen Bildwissenschaft&#8221; (Sachs-Hombach/Rehkämper 1998: 9) zu sehen ist. Die &#8220;Bildtheorie&#8221; Mitchells verweigert sich der Flughöhe einer solchen &#8220;Wissenschaft&#8221;, die ihre Gegenstände aus sicherem Abstand in den Blick nimmt, und orientiert sich dagegen an einer &#8220;Ideologiekritik&#8221;, die &#8220;interveniert und [...] selbst der Intervention durch ihren Gegenstand unterworfen&#8221; (Bildtheorie: 130) ist. Es ist daher von einer gewissen Konsequenz, wenn Mitchell – der selbst eine der zentralen Figuren in der intellektuellen wie institutionellen Etablierung der <em>visual studies </em>in den USA ist – die besten Momente der Untersuchungen der visuellen Kultur nicht in ihrer methodischen Strenge, sondern in ihrer &#8220;Undisziplin&#8221; sieht (Bildtheorie: 270), die er auch in seinen eigenen Untersuchungen des Öfteren selbst unter Beweis stellt. Zugleich will er nicht vorrangig auf eine formale Theorie des Bildes hinaus, sondern auf deren Öffnung auf konkrete historische Orte und Funktionen von Bildern, weshalb er sich gerade auch für die Rolle von Bildern in sozialen Konflikten interessiert (vgl. z. B. Leben: 27-37).</p>
<p>Es ist jedoch die Pflicht des Rezensenten anzumerken, dass Mitchells Bildtheorie mitunter auch hinsichtlich theoretischer Präzision an Flughöhe missen lässt. Die Stärke der versammelten Texte ist weder die scharfe Definition von Begriffen noch die fein ziselierte Argumentation. Sie liegt vielmehr in einem risikofreudigen und lustvollen Denken, das sich an aktuellen politischen, gesellschaftlichen oder technologischen Entwicklungen entzündet und zugleich großzügig in Kultur- und Geistesgeschichte zurückgreift, das immer wieder neu ansetzt und bereits verfolgte Fragen nochmals aufgreift. Mitchell inszeniert konzeptionelle Experimente, ohne sich vor abenteuerlich wirkenden Fragen oder vor Widersprüchen zu alten Texten zu scheuen.</p>
<p><img class="size-full wp-image-873 alignright" title="mitchell2008b" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2009/05/mitchell2008b.jpg" alt="mitchell2008b" width="160" height="245" />Beispielhaft hierfür ist die – im Englischen titelgebende – Frage &#8220;Was Bilder wollen?&#8221;, die im Zentrum des zweiten Bandes steht. Mitchell ist vollkommen &#8220;bewusst, dass es eine bizarre, vielleicht sogar anstößige Frage ist&#8221; (Leben: 47; vgl. ebd.: 21-27; Bildtheorie: 398f.), aber er sieht in ihr die Möglichkeit, &#8220;die Relationalität von Bild und Betrachter&#8221; (Leben: 69) dahingehend zu untersuchen, dass Bilder nicht nur etwas darstellen und bedeuten, sondern uns auch affektiv berühren und Ansprüche zu erheben scheinen. Mitchell unterzieht so die Frage &#8220;Was ist ein Bild?&#8221; – die er in seinen früheren Texten selbst verfolgt hat und die der einschlägige Sammelband von Gottfried Boehm im Titel trägt (Bildtheorie: 9, 15f.; Boehm 1994) – einem Perspektivwechsel, der mit George Didi-Hubermans <em>Was wir sehen blickt uns an</em> von 1999 zu verknüpfen wäre. Wir scheinen Bildern mitunter zu unterstellen, sie seien lebendig und handelnd: &#8220;Wenn wir über Bilder reden, neigen wir unverbesserlich dazu, in vitalistische und animistische Sprechweisen zu verfallen.&#8221; (Leben: 18) Unser Umgang mit Bildern sei daher von &#8220;magischen, vormodernen Haltungen&#8221; (Leben: 49) durchzogen, so dass Mitchell gegen jeden vermeintlichen Bruch der Moderne (Bildtheorie: 371-373, v. a. mit Bezug auf Freedberg 1989 und Belting 1990) zur Beschreibung unserer heutigen Bildpraxis auf Begriffe zurückgreift, die so genannte vormoderne Gesellschaften charakterisieren sollen (v. a. auf den Begriff des Totemismus, vgl. Leben: 150ff. und Bildtheorie: 299ff.). Mitchells Zustimmung zu Bruno Latours These &#8220;Wir sind nie modern gewesen&#8221; (Latour 2008; vgl. Leben: 44; Bildtheorie 310f.) hält ihn aber nicht von konzeptionellen Anleihen bei der Biologie und Naturgeschichte oder auch der Physik ab (vgl. Bildtheorie: 285-293; Mitchell 2009: 98-105), die das &#8220;Leben der Bilder&#8221; zu verstehen helfen sollen.</p>
<p>Mitchells Analysen der &#8220;Idee vom lebendigen Bild&#8221; als &#8220;unverbesserliche, unvermeidbare Metapher&#8221; (Leben: 75) scheinen in den jüngsten Texten in die Konzeption einer historischen Koevolution von Mensch, Bild und Wort hinauszulaufen, die in der &#8220;Konstituiertheit des menschlichen Subjekts durch sowohl Sprache als auch bildliche Darstellung&#8221; (Bildtheorie: 121; vgl. auch ebd.: 373) gründet. Bilder sind demnach ein integrales Element der sozialen und materiellen Praxis, die stets auch den Umgang mit Medien einschließt (vgl. Leben: 167f., 179f.) und sich in &#8220;Medienpraktiken&#8221; (Leben: 175) entfaltet. Bilder finden so im größeren Zusammenhang von Blickbeziehungen, Sichtbarkeiten und im Feld der &#8220;Visualität&#8221; (Bildtheorie: 342) ihren Ort, wo sie zugleich &#8220;als Modelle und konstitutive Schemata für den Prozess des Visuellen&#8221; (Leben: 97) fungieren. An diesem Punkt geht Mitchells &#8220;Bildtheorie&#8221; über in Ansätze zu einer &#8220;Theorie der visuellen Kultur&#8221;, die den Bezug zwischen Mensch und Bild in die enge Verknüpfung von Sozialität und Visualität überführt: &#8220;Nicht nur sehen wir, wie wir sehen, weil wir soziale Tiere sind, sondern unsere sozialen Übereinkünfte nehmen die Form, die sie haben, auch an, weil wir sehende Tiere sind.&#8221; (Bildtheorie: 325f.) Diese wechselseitige Bedingtheit von Sozialität und Visualität ist Mitchell zufolge aber wiederum zu komplex, um eine Metasprache und einen umgreifenden Theorierahmen zu ermöglichen (vgl. Leben: 181). Sie charakterisiert vielmehr den &#8220;Ort, an dem die Theorie als etwas immanent Alltägliches erscheint, als etwas, das eng mit der Praxis verknüpft ist, während es von innen heraus auf diese reflektiert&#8221; (Leben: 189).</p>
<p>Die beiden Bände legen daher weniger eine Theorie vor, als sie eine &#8220;Einladung zur Eröffnung eines Gesprächs oder zu einer Improvisation&#8221; (Leben: 68) aussprechen. Es ist diese Einladung, wegen derer die Texte für Leser aus zahlreichen Disziplinen, aber auch für ein breites Publikum lesenswert sind. Es lohnt sich, die begrifflichen Improvisationen Mitchells aufzunehmen und sie ins Gespräch zu bringen mit den angespielten bildtheoretischen Ansätzen und nicht zuletzt mit dem eigenen Denken.</p>
<p><em>Literatur:</em></p>
<ul>
<li>Bal, M.; N. Bryson: &#8220;Semiotics and Art History&#8221;. In: <em>The Art Bulletin</em>, 73, 1991, S. 174-208.</li>
<li>Belting, H.: <em>Bild und Kult. Eine Geschichte des Bildes vor dem Zeitalter der Kunst</em>. München [C.H. Beck] 1990.</li>
<li>Boehm, G.: &#8220;Die Wiederkehr der Bilder&#8221;. In: ders. (Hrsg.): <em>Was ist ein Bild?</em> München [Wilhelm Fink Verlag] 1994, S. 11-38.</li>
<li>Boehm, G.: &#8220;Die Bilderfrage&#8221;. In: ders. (Hrsg.): <em>Was ist ein Bild?</em> München [Wilhelm Fink Verlag] 1994, S. 325-343.</li>
<li>Boehm, G.: &#8220;Iconic Turn. Ein Brief&#8221;. In: Belting, H. (Hrsg.): <em>Bilderfragen. Die Bildwissenschaften im Aufbruch</em>. München [Wilhelm Fink Verlag] 2007, S. 27-36.</li>
<li>Böhme, H.: &#8220;Das reflexive Bild. Licht, Evidenz und Reflexion in der Bildkunst&#8221;. In: Wimböck, G.; Leonhard, K.; Friedrich, M. (Hrsg.): <em>Evidentia. Reichweiten visueller Wahrnehmung in der Frühen Neuzeit</em>. Münster [Lit-Verlag] 2007, S. 331-365.</li>
<li>Didi-Huberman, G.: <em>Was wir sehen blickt uns an. Zur Metapsychologie des Bildes</em>. München [Wilhelm Fink Verlag] 1999.</li>
<li>Elkins, J.: &#8220;Marks, Traces, Traits, Contours, Orli, and Splendores: Nonsemiotic Elements in Pictures&#8221;. In: <em>Critical Inquiry</em>, 21, 1995, S. 822-860.</li>
<li>Freedberg, D.: <em>The Power of Images. Studies in the History and Theory of Response</em>. Chicago, London [University of Chicago Press] 1989.</li>
<li>Konersmann, R.: &#8220;Die Augen der Philosophen. Zur historischen Semantik und Kritik des Sehens&#8221;. In: ders. (Hrsg.): <em>Kritik des Sehens</em>. Leipzig [Reclam] 1997, S. 9-47.</li>
<li>Latour, B.: <em>Wir sind nie modern gewesen. Versuch einer symmetrischen Anthropologie</em>. Frankfurt am Main [Suhrkamp Verlag] 2008.</li>
<li>Lüdeking, K.: &#8220;Vierzehn Beispiele fotografischer Selbstreflexion&#8221;. In: ders.: <em>Grenzen des Sichtbaren. </em>München [Wilhelm Fink Verlag] 2006, S. 19-38.</li>
<li>Marin, L.: <em>Das Opake in der Malerei. Zur Repräsentation im Quattrocento</em>. Berlin [Diaphanes] 2004.</li>
<li>Mitchell, W. J. T.: &#8220;Poetic and Pictorial Imagination in Blake&#8217;s <em>The Book of Urizen</em>&#8220;. In: <em>Eighteenth-Century Studies</em>, 3, 1969, S. 83-107.</li>
<li>Mitchell, W. J. T.: <em>Iconology. Image, Text, Ideology</em>. Chicago, London [University of Chicago Press] 1986.</li>
<li>Mitchell, W. J. T.: <em>Picture Theory</em>. Chicago, London [University of Chicago Press] 1994.</li>
<li>Mitchell, W. J. T.: <em>What Do Pictures Want? The Lives and Loves of Images</em>. Chicago, London [University of Chicago Press] 2005.</li>
<li>Mitchell, W. J. T.: &#8220;Pictorial Turn. Eine Antwort&#8221;. In: Belting, H. (Hrsg.): <em>Bilderfragen. Die Bildwissenschaften im Aufbruch</em>. München [Wilhelm Fink Verlag] 2007, S. 37-46.</li>
<li>Mitchell, W. J. T.: &#8220;Bildwissenschaft&#8221;. In: Hüppauf, B.; Weingart, P. (Hrsg.): <em>Frosch und Frankenstein. Bilder als Medium der Popularisierung von Wissenschaft</em>. Bielefeld [Transcript Verlag] 2009, S. 91-106.</li>
<li>Rosen, V. von; Krüger, K.; Preimesberger, R. (Hrsg.): <em>Der stumme Diskurs der Bilder. Reflexionsformen des Ästhetischen in der Kunst der Frühen Neuzeit</em>. München, Berlin [Deutscher Kunstverlag] 2003.</li>
<li>Sachs-Hombach, K.; Rehkämper, K. (Hrsg.): <em>Bildgrammatik. Interdisziplinäre Forschungen zur Syntax bildlicher Darstellungsformen</em>. Magdeburg [Scriptum Verlag] 1998.</li>
<li>Stock, Wiebke-Marie: &#8220;Eine fortdauernde Verwirrung. Bildwissenschaftliche Zwischenbilanz&#8221;. In: <em>Philosophische Rundschau</em>, 55, 2008, S. 24-41.</li>
<li>Stoichita, V. I.: <em>Das selbstbewußte Bild. Vom Ursprung der Metamalerei</em>. München [Wilhelm Fink Verlag] 1998.</li>
</ul>
<p><em>Links:</em></p>
<ul>
<li><a href="http://www.chbeck.de/productview.aspx?product=24033" target="_blank">Verlagsinformationen zu <em>Das Leben der Bilder</em></a></li>
<li><a href="http://www.suhrkamp.de/buecher/bildtheorie-w_j_t_mitchell_58494.html" target="_blank">Verlagsinformationen zu <em>Bildtheorie</em></a></li>
<li><a href="http://humanities.uchicago.edu/faculty/mitchell/home.htm" target="_blank">Homepage von W. J. T. Mitchell an der University of Chicago</a></li>
<li><a href="http://www.eikones.ch" target="_blank">Homepage des NFS Bildkritik</a></li>
</ul>
<p><em>Foto W. J. T. Mitchell: Domenico Aronica</em></p>


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