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	<title>rezensionen:kommunikation:medien &#187; Philosophie</title>
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	<description>Rezensionen aus den Bereichen Kommunikation und Medien</description>
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		<title>Bernhard Brunnsteiner: Die Lügner-Paradoxie</title>
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		<pubDate>Thu, 16 Sep 2010 11:35:42 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Redaktion</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Aussagenlogik]]></category>
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		<description><![CDATA[<em>Rezensiert von Hellmut Winter</em>

<em> </em><a href="http://www.rkm-journal.de/archives/3773"><img class="alignleft size-full wp-image-3775" title="Brunnsteiner2009" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2010/08/Brunnsteiner20091.jpg" alt="" width="160" height="241" /></a>Bei diesem Buch, zugleich die Dissertation des Verfassers, handelt es sich weder um eine "Philosophie-Geschichte des Widerspruchs" noch um eine solche der analytischen Philosophie, wie im Vorwort behauptet wird, sondern am ehesten um einen Aufriss, der zentrale Positionen der philosophischen Debatte um Paradoxien im 20. Jahrhundert referiert. Bernhard Brunnsteiner geht vom Phänomen der Rück- bzw. Selbstbezüglichkeit aus, wodurch sowohl bestimmte Sätze und Aussagen als auch "Phänomene der realen Welt" – Dampfmaschinen, Thermostate, menschliche Handlungen usw. - gekennzeichnet seien. <a href="http://www.rkm-journal.de/archives/3773">[Mehr]</a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Rezensiert von Hellmut Winter</em></p>
<p><em> </em><a href="http://www.rkm-journal.de/archives/3773"><img class="alignleft size-full wp-image-3775" title="Brunnsteiner2009" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2010/08/Brunnsteiner20091.jpg" alt="" width="160" height="241" /></a>Bei diesem Buch, zugleich die Dissertation des Verfassers (Graz, 2008), handelt es sich weder um eine &#8220;Philosophie-Geschichte des Widerspruchs&#8221; noch um eine solche der analytischen Philosophie, wie im Vorwort behauptet wird (10), sondern am ehesten um einen Aufriss, der zentrale Positionen der philosophischen Debatte um Paradoxien im 20. Jahrhundert referiert. Bernhard Brunnsteiner geht vom Phänomen der Rück- bzw. Selbstbezüglichkeit aus, wodurch sowohl bestimmte Sätze und Aussagen als auch &#8220;Phänomene der realen Welt&#8221; (23) – Dampfmaschinen, Thermostate, menschliche Handlungen usw. &#8211; gekennzeichnet seien.</p>
<p>Was Brunnsteiner demnach interessiert, sind nicht Paradoxien im Allgemeinen, sondern &#8220;Paradoxien mit Selbstbezug&#8221; (10), die in diesem Sinne eine Unterklasse reflexiver Phänomene bilden. Anhand von Beispielen aus Mechanik, Kybernetik, Systemtheorie und Mathematik illustriert er die praktische Einsetzbarkeit und heuristische &#8220;Fruchtbarkeit&#8221; von Rückbezüglichkeiten: &#8220;Phänomene solcher Art scheinen in der Geschichte des abendländischen Denkens oftmals Problematiken zu erzeugen, welche für den Fortgang der Entwicklung des menschlichen Denkens großen Einfluss hatten.&#8221; (11)</p>
<p>Vor diesem Hintergrund wird die leitende These des Buches verständlich: Theorien der Paradoxie, so will Brunnsteiner zeigen, seien bis heute ganz überwiegend Theorien zur Vermeidung von Widersprüchlichkeit und verfehlten damit die Möglichkeit, im Umgang mit Paradoxien &#8220;den antinomischen Charakter fruchtbar auszunutzen&#8221; (102). Hierzu müssten Paradoxien bzw. Antinomien – beide Begriffe werden vom Verfasser synonym verwendet (32) – mittels einer adäquaten theoretischen Konzeption als &#8220;&#8216;natürlich&#8217; auftretende Phänomene [verstanden werden], die sich weder vermeiden lassen noch vermieden werden sollten&#8221; (160).</p>
<p>Der kommunikationstheoretischen Unterscheidung von Paul Watzlawick folgend (33), werden nacheinander logische (das heißt syntaktisch bedingte), semantische und pragmatische Paradoxien behandelt, wobei nach der Darstellung des jeweiligen Paradoxientypus klassische Lösungsversuche referiert und anschließend kritisiert werden. Für die logische Paradoxie, die der Autor anhand der Russell&#8217;schen Antinomie einführt, werden Lukasiewicz&#8217; mehrwertige Logik, das Axiomensystem von Zermelo-Fraenkel und Russells Typentheorie als Lösungsversuche diskutiert; für den titelgebenden so genannten &#8220;Lügner&#8221; ([L1] L1 ist falsch./[L2] L2 ist nicht wahr.) als Beispiel einer semantischen Paradoxie erneut die Typentheorie Russells, die Sprachstufentheorie Tarskis sowie die Wahrheitswertlückentheorie Kripkes.</p>
<p>Die Ausführungen sind erkennbar für ein nicht einschlägig vorgebildetes Publikum geschrieben. Der Verfasser räumt illustrierenden, auch literarischen Beispielen großen Raum ein und vermeidet systematische Festlegungen. So bleibt zum Beispiel die Diskussion der im deutschsprachigen Raum verbreiteten Unterscheidung zwischen antinomischen Sätzen, deren Widersprüchlichkeit sich mit Mitteln des zu Grunde liegenden Systems selbst beweisen lässt, und paradoxen Sätzen, deren Widersprüchlichkeit sich Voraussetzungen verdankt, &#8220;die wiederum selbst nicht zu den Bedingungen des zu Grunde liegenden Systems gehören müssen&#8221;(31), ausgespart – und damit auch die Frage, was überhaupt als Paradoxie gelten solle. Der Mangel an systematisch-analytischem Zugriff, der in einem unaufgelösten Spannungsverhältnis zur einleitenden thematischen Einschränkung auf selbstbezügliche Paradoxien steht, verhindert letztlich auch, dass das Buch die orientierende Funktion einer systematischen Einführung übernehmen könnte.</p>
<p>Das zeigt sich zumal in der Darstellung der pragmatischen Paradoxien. Weder spielt Selbstbezüglichkeit hier eine unmittelbar erkennbare Rolle noch wird anhand der angeführten Konzeptionen &#8211; der kommunikationstheoretischen <em>Doppelbindungstheorie</em> Gregory Batesons und den Konfliktlösungsmodellen von Gerhard Schwarz – deutlich, ob und inwieweit pragmatisch paradoxe Situationen syntaktische und semantische Widersprüchlichkeit voraussetzen. Obgleich Brunnsteiner also den systematischen Status pragmatischer Paradoxie nicht klärt, will er aus ihrer Darstellung gleichwohl Rückschlüsse auf den Umgang mit Paradoxien im Allgemeinen ziehen: &#8220;Aus der Behandlung der Aporien innerhalb des Konfliktmanagements lernt man, wie wenig sinnvoll Vermeidungsstrategien für Paradoxien sind&#8221; (117). In einem kurzen Rückgriff auf Erich Fromms <em>Die Kunst des Liebens</em> (2006) wird der von Brunnsteiner angestrebte veränderte Umgang mit Paradoxien zur Synthese von &#8220;europäisch&#8221;-widerspruchsfreiem und &#8220;asiatisch&#8221;-paradoxem Denken erhoben: &#8220;Darin besteht die Schwierigkeit: die Konstruktion eines Logikkalküls, der die asiatische Tradition der Synthese von Widersprüchen und Gegensätzen beachtet und auf Rückbezüglichkeiten eingeht.&#8221; (119)</p>
<p>Die Lösung dieser Aufgabe sieht Brunnsteiner in George Spencer-Browns <em>Laws of Form </em>(1997)<em> </em>vorgezeichnet. Konkret interessiert ihn Spencer-Browns Interpretation des &#8220;calculus of Indication&#8221; als Logikkalkül, dessen Tauglichkeit zu einer nicht-vermeidenden/verbietenden Lösung von Paradoxien Brunnsteiner im letzten Kapitel belegen will. Dadurch, dass Spencer-Brown seinen Indikationenkalkül &#8220;nicht rein syntaktisch, sondern auch semantisch&#8221; einführt (128), können Ausdrücke der klassischen Aussagenlogik – wie zum Beispiel Schlussregeln – in ihn übersetzt und ihre &#8220;Wahrheit, Falschheit bzw. Kontingenz […] auch ohne die […] Hilfe von [Wahrheitswert-]Tabellen&#8221; bewiesen werden (136).</p>
<p>Gleichzeitig aber sei das Indikationenkalkül &#8220;von allgemeinerer Natur als die Logik&#8221; (139) und anders als die Aussagenlogik daher in der Lage, auch selbstbezügliche Gleichungen <em>zweiten</em> Grades darzustellen. Nach Spencer-Brown werden solche Gleichungen widerspruchsfrei lösbar durch so genannte &#8220;imaginäre Lösungen&#8221;, die für ihn &#8220;Analoga zu den komplexen Werten in der Mathematik&#8221; bilden (146). Der imaginäre Zustand, der neben die bislang bekannten Zustände wahr, falsch oder bedeutungslos treten soll, bezeichnet &#8220;eine Oszillation zwischen den beiden Zuständen […] <em>wahr </em>und <em>falsch</em>&#8220;<em> </em>(156). Das Bivalenzprinzip, das in Aussagen vom Typ des &#8220;Lügners&#8221; zur Widersprüchlichkeit führt, würde demnach nicht aufgehoben oder eingeschränkt, sondern durch die Einführung der Zeit dynamisch gefasst, was &#8220;die paradoxe Situation in ein Nacheinander der Zustände auflöst&#8221; (156 f.). Brunnsteiner resümiert: &#8220;Es ist somit nicht mehr nötig Paradoxien zu vermeiden, da sie im Kalkül notwendig auftreten und sogar gelöst werden können.&#8221; (160)</p>
<p>Diese Verallgemeinerung, mit der Brunnsteiner die Einlösung seines Erkenntnisprogramms suggeriert, befremdet. Welche Bedeutung ein Lösungsansatz von zeitlich oszillierenden Wahrheitswerten für den Umgang mit syntaktischen, semantischen und pragmatischen Paradoxien überhaupt haben kann, ist zum Ende der Untersuchung vielmehr völlig unklar, zumal die genannte Voraussetzung für oszillierende Lösungen &#8211; Gleichungen zweiten Grades &#8211; im Bereich der Aussagenlogik ganz offensichtlich nicht zur Verfügung steht. Der Versuch, einen Bogen von der praktischen Bedeutung von Widersprüchen und Konflikten zum theoretischen Verständnis von Widersprüchlichkeit zu schlagen, verdient Interesse – dass Brunnsteiner diesen Bogen auch überzeugend zu schlagen vermag, muss hingegen bezweifelt werden.</p>
<p><em>Literatur</em>:</p>
<ul>
<li>Fromm, E.: <em>Die Kunst des Liebens.</em> Mit einem biographischen Nachwort von Rainer Funk. aus dem Amerikanischen von Liselotte und Ernst Mickel. München [Deutsche Verlags-Anstalt] 2006.</li>
<li>Spencer-Brown, G.: <em>Laws of Form &#8211; Gesetze der Form. </em>Übersetzt von Thomas Wolf. Leipzig [Bohmeier Verlag] 1997.</li>
</ul>
<p><em>Links</em>:</p>
<ul>
<li><a href="http://www.tectum-verlag.de/9888_Bernhard_Brunnsteiner_Die_L%FCgner-Paradoxie_Kleine_Philosophie-Geschichte_des_Widerspruchs.html" target="_blank">Verlagsinformationen zum Buch</a></li>
</ul>
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		<title>Sybille Krämer: Medium, Bote, Übertragung</title>
		<link>http://www.rkm-journal.de/archives/2200</link>
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		<pubDate>Mon, 01 Feb 2010 04:30:09 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Redaktion</dc:creator>
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		<description><![CDATA[<em>Rezensiert von Stephan Günzel</em>

<a href="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2010/02/Kraemer2_neu.jpg"><img src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2010/02/Kraemer2_neu.jpg" alt="" title="Kraemer2_neu" width="161" height="260" class="alignleft size-full wp-image-2263" /></a>Die an der Freien Universität Berlin lehrende Philosophieprofessorin Sybille Krämer legt mit ihrer <em>Kleinen Metaphysik der Medialität</em> von 2008 eine Bestimmung des "Medialen" vor. Im Unterschied zum Begriff des Mediums, der in erster Linie auf die Apparatur abhebt, fokussiert die Frage nach dem Medialen oder der Medialität des Mediums das Phänomen der Vermittlungsweisen und nicht deren technische Grundlagen oder Ursachen des Zustandekommens. Es geht damit um das (durchaus ältere) Thema der Kommunikation - und zwar im Sinne dessen, was Medien ermöglichen. Von hier aus erklärt sich auch, warum Krämer von "Metaphysik" spricht: Dies tut sie nicht etwa, weil sie Philosophin ist und das Übernatürliche deshalb bei ihr einen Vorrang gegenüber dem Natürlichen genießt, sondern weil das Mediale nach ihrer Ansicht <em>über</em> das physische Vorkommnis eines Mediums <em>hinausgeht</em> und daher eben "meta-physisch" ist. Ein anders gelagerter Entwurf wäre etwa Walter Seitters <em>Physik der Medien</em> von 2002, wo es ausdrücklich um "Materialien" und "Apparate" geht. <a href="http://www.rkm-journal.de/archives/2200">[Mehr]</a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Rezensiert von Stephan Günzel</em></p>
<p><a href="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2010/02/Kraemer2_neu.jpg"><img class="alignleft size-full wp-image-2263" title="Kraemer2_neu" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2010/02/Kraemer2_neu.jpg" alt="" width="161" height="260" /></a>Die an der <a href="http://www.fu-berlin.de/" target="_blank">Freien Universität Berlin </a>lehrende Philosophieprofessorin Sybille Krämer legt mit ihrer <em>Kleinen Metaphysik der Medialität</em> von 2008 eine Bestimmung des &#8220;Medialen&#8221; vor. Im Unterschied zum Begriff des Mediums, der in erster Linie auf die Apparatur abhebt, fokussiert die Frage nach dem Medialen oder der Medialität des Mediums das Phänomen der Vermittlungsweisen und nicht deren technische Grundlagen oder Ursachen des Zustandekommens. Es geht damit um das (durchaus ältere) Thema der Kommunikation &#8211; und zwar im Sinne dessen, was Medien ermöglichen. Von hier aus erklärt sich auch, warum Krämer von &#8220;Metaphysik&#8221; spricht: Dies tut sie nicht etwa, weil sie Philosophin ist und das Übernatürliche deshalb bei ihr einen Vorrang gegenüber dem Natürlichen genießt, sondern weil das Mediale nach ihrer Ansicht <em>über</em> das physische Vorkommnis eines Mediums <em>hinausgeht</em> und daher eben &#8220;meta-physisch&#8221; ist. Ein anders gelagerter Entwurf wäre etwa Walter Seitters <em>Physik der Medien</em> von 2002, wo es ausdrücklich um &#8220;Materialien&#8221; und &#8220;Apparate&#8221; geht.</p>
<p>Krämer steht daher auch nicht – wie viele der heutigen Medienwissenschaftler – in der Tradition der so genannten &#8220;Toronto School&#8221; um Marshall McLuhan, welche Kommunikation durch deren materielle Grundlagen determiniert sah. Vielmehr folgt sie einer Denkschule, die den Vermittlungsweisen eine Eigenständigkeit zuweist, welche es jedoch allererst noch zu umreißen gelte. Genau das leistet Krämers Band in einem ersten Schritt, in welchem sie Vordenker ausweist: Walter Benjamin (und seinen Hinweis auf das mediale Phänomen der Unmittelbarkeit des gesprochenen Wortes), Jean Luc Nancy (und die an Heidegger entwickelte Idee von Mediation als &#8220;Mitsein&#8221;), Michel Serres (und seine Analyse der Vermittlungsfigur des Engels sowie seiner Kehrseite, des Parasiten), Régis Debray (und sein Vorschlag, Kulturgeschichte im Sinne einer Mediologie als Transformation durch Übertragung zu rekonstruieren) sowie John Durham Peters (und sein Konzept, wonach die massenmediale Streuung den Nachrichten der Face-to-Face-Kommunikation vorausgeht). Gerade die Arbeiten des zuletzt genannten Autors – allen voran <em>Speaking into the Air</em> von 1999 – dürften von der deutschen Medientheorie noch zu entdecken sein.</p>
<p>Mit ihrem Durchgang gibt Krämer der Medialitätstheorie eine Grundlage, die sie auch sogleich vor dem Anschein in Schutz nimmt, lediglich einem hochschulpolitisch verordneten Etikett nachzugehen, mit dem eine kulturwissenschaftlich-philosophische von einer empirisch-soziologischen Medienwissenschaft unterschieden würde. Damit kommt dem Buch eine Schlüsselstellung in der gegenwärtigen Grundsatzdebatte um die Zukunft der Medienwissenschaften zu; zudem vergrößert Krämer zugleich den Bestand an Arbeiten zum Medienbegriff, welche die Seite der Wahrnehmung sowohl gegenüber dem Medieninhalt als auch gegenüber dem Medienträger stärken (zu nennen sind hier etwa Arbeiten von Boris Groys, Hans-Dieter Huber, Dieter Mersch, Matthias Vogel oder Lambert Wiesing).</p>
<p>Krämer spricht zu Anfang von zwei Vorentscheidungen, die den Lesern sozusagen die Entscheidung abnehmen, inwieweit die nachfolgenden Darstellungen für sie hilfreich sind: Sie ist es für den Fall, dass die Überzeugungen der Autorin im Hinblick auf das mediale Sein der Medien geteilt werden. Angesprochen sind in diesem Zusammenhang vor allem die Prämissen der <em>Heteronomie</em> zum einen und der <em>Nichtreziprozität </em>zum anderen: Mit der privativen Benennung der beiden Eigenschaften (&#8220;nicht&#8221; selbstbestimmt, &#8220;nicht&#8221; dialogisch) wendet sich Krämer gegen die Vorstellung, Kommunikation sei durch den Sender der Nachricht bestimmt und beziehe den Empfänger in den Kommunikationsprozess ein. Vielmehr ist Krämer der Ansicht, dass Kommunikation vornehmlich nur in eine Richtung (vom Sender zum Empfänger) weise, der Urheber der Nachricht aber zugleich keinen Einfluss mehr auf die einmal versandte Nachricht habe. In diesem Zuge rückt der Bote als etwas in den Blick, was Gilles Deleuze und Félix Guattari eine &#8220;Begriffsperson&#8221; genannt hätten: Boten kommen zwar historisch vor, <em>der Bote </em>ist aber eine Figur, die die Strukturmerkmale von Medienvorgängen verkörpert – allen voran das der Übertragung. Am Beispiel von Engel, Geld und Viren, aber auch Zeugenschaft, Übersetzung und Psychoanalyse wird deutlich gemacht, wie diese Figuren oder Schauplätze und Situationen eine strukturelle Entsprechung zum vorgeschlagenen Medienbegriff aufweisen und warum von Engeln, Geld oder Viren zurecht als Medien gesprochen werden kann; und zuletzt, warum das Nachdenken über &#8220;Spuren&#8221; medientheoretisch relevant ist, da das Medium sich letztlich in dem zeigt, was es als Boten in der Übertragung hinterlässt. Nicht der Sender und nicht der Empfänger, ja letztlich nicht einmal der Übermittler selbst rücken damit ins Zentrum, sondern die durch die medialen Vorgänge erzeugten und hinterlassenen Ordnungen.</p>
<p>Mit der Fokussierung des Boten trifft Krämer letztlich noch eine dritte Vorentscheidung, nämlich die, vom Medium als Speicher abzusehen. Eben diese Ansicht, derzufolge Medien materielle und historische Vorkommnisse seien, deren Tätigkeit vorrangig eine der Speicherung darstelle (insofern auch Übertragung nur die räumliche Verlagerung einer materiell gespeicherten Botschaft sei), sind die Grundlinien der – den Ansatz McLuhans radikalisierenden – Medientheorie von Friedrich Kittler, welche den nicht der Kommunikationswissenschaft zuzurechnenden Teil der Medientheorie in Deutschland heute zwar dominiert, aber entsprechend marginal für Krämers Darlegungen ist. Nicht unterschätzt werden kann daher die Aufgabe, die sich Krämer mit ihrer kleinen Metaphysik stellt. &#8220;Klein&#8221; an dieser <em>Metaphysik der Medialität</em> ist daher allenfalls der an sonstigen Metaphysiken gemessene Umfang von dennoch fast 400 Seiten.</p>
<p>Ein zunächst gewöhnungsbedürftiges, sodann aber hilfreiches Stilmittel ist die vorlesungsartige Ansprache der Leser durch die Autorin. Dies wird nicht zu suggestiven Zwecken eingesetzt, um Argumentation zu ersetzen, sondern um zu markieren, dass es sich um eine Position unter anderen handelt. Hier wird die Kleinheit der Metaphysik zu einem wichtigen Merkmal im Sinne der Ironikerin nach Rorty, welche im Aufstellen einer Metaphysik zugleich deren Relativität anerkennt.</p>
<p>Das vielleicht schönste und im Vergleich mit den anderen Ausführungen leider zu kurz ausgefallene Schlusskapitel ist die Anwendung der vorgeschlagenen medialen Perspektive auf Karten, aus der wohl im Fortgang eine ganze Theorie der Karten entwickelt werden könnte. Krämer deutet hier nur an, dass sich der bisherige Diskurs zwischen Karten als neutralen Abbildern der Natur und Karten als kulturellen Konstruktionen bewegt, es aber im Sinne des Medialitätsdenkens lohnenswerter scheint, nicht über die Wahrheit von Karten zu streiten, sondern vielmehr zu zeigen, in welcher Weise sie vermitteln und welche Form der Anschauung sie geben. Die Welt mit einem &#8220;apollinischen Auge&#8221; aus göttlicher Perspektive zu sehen, ist damit nicht nur <em>menschenmöglich</em>, sondern nur <em>Menschen möglich</em> – weil sie Medien haben.</p>
<p><em>Literatur</em>:</p>
<ul>
<li>Seitter, W.: <em>Physik der Medien. Materialien – Apparate – Präsentierungen</em>. Weimar [VDG Verlag] 2002.</li>
<li>Peters, J.D.: <em>Speaking into the Air. A History of the Idea of Communication</em>. Chicago, London [University of Chicago Press] 1999.</li>
</ul>
<p><em>Links</em>:</p>
<ul>
<li><a href="http://www.suhrkamp.de/buecher/medium_bote_uebertragung-sybille_kraemer_58492.html" target="_blank">Verlagsinformationen zum Buch</a></li>
<li><a href="http://www.geisteswissenschaften.fu-berlin.de/we01/arbeitsbereiche/ab_kraemer/index.html" target="_blank">Webpräsenz von Sybille Krämer an der FU Berlin</a></li>
<li><a href="http://userpage.fu-berlin.de/~sybkram/" target="_blank">persönliche Homepage von Sybille Krämer</a></li>
<li><a href="http://www.stephan-guenzel.de/" target="_blank">persönliche Homepage von Stephan Günzel</a></li>
</ul>
<p><img src="http://vg07.met.vgwort.de/na/cc54aecc5c76471191ffe3b471b6b970" width="1" height="1" alt=""><br />
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		<item>
		<title>Silvia Seja: Handlungstheorien des Bildes</title>
		<link>http://www.rkm-journal.de/archives/1835</link>
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		<pubDate>Thu, 17 Dec 2009 11:30:25 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Redaktion</dc:creator>
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		<description><![CDATA[<em>Rezensiert von Nicolas Romanacci</em>

<img class="alignleft size-medium wp-image-1838" title="seja2" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2009/12/seja2-200x300.gif" alt="seja2" width="160" height="240" />Im Folgenden soll zuerst ein Überblick gegeben werden über die von Silvia Seja entwickelte Systematik unterschiedlicher Handlungstheorien des Bildes. Daran anschließend möchte ich – als möglichen Referenzpunkt für eine kritische Lektüre – einige grundlegende Aspekte hinsichtlich der von der Autorin vollzogenen Gegenüberstellung und Bewertung phänomenologischer und zeichen-philosophischer Ansätze thematisieren. Aus der Differenzierung vier bildtheoretischer Paradigmen – des Bildspieles, des Bildaktes, der Werkzeuge und der Probehandlungen mit interaktiven Bildern – gewinnt Silvia Seja die Einsicht, dass "zwei völlig divergierende Zugänge zum Verhältnis von Bild und Handlung existieren". <a href="http://www.rkm-journal.de/archives/1835">[Mehr]</a> ]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Rezensiert von Nicolas Romanacci</em></p>
<p><img class="alignleft size-medium wp-image-1838" title="seja2" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2009/12/seja2-200x300.gif" alt="seja2" width="160" height="240" />Im Folgenden soll zuerst ein Überblick gegeben werden über die von Silvia Seja entwickelte Systematik unterschiedlicher Handlungstheorien des Bildes. Daran anschließend möchte ich – als möglichen Referenzpunkt für eine kritische Lektüre – einige grundlegende Aspekte hinsichtlich der von der Autorin vollzogenen Gegenüberstellung und Bewertung phänomenologischer und zeichen-philosophischer Ansätze thematisieren.</p>
<p>Aus der Differenzierung vier bildtheoretischer Paradigmen – des Bildspieles, des Bildaktes, der Werkzeuge und der Probehandlungen mit interaktiven Bildern – gewinnt Silvia Seja die Einsicht, dass &#8220;zwei völlig divergierende Zugänge zum Verhältnis von Bild und Handlung existieren&#8221; (11). Die beiden Zugänge werden unterschieden mit den Etiketten &#8220;pragmatisch&#8221; beziehungsweise &#8220;pragmatistisch&#8221;. Für einen &#8220;pragmatischen&#8221; Zugang wäre dabei etwa (mit Ausnahmen) charakteristisch: die Orientierung an der Sprachphilosophie und die Auffassung, dass zuallererst ein Bildhandeln dem Bild seinen Bildstatus verleiht. Entsprechende Konzeptionen wären einmal die des Bildspieles, wobei sich der Bildstatus aus der jeweiligen Rolle des Bildes im Bildspiel ergäbe. Die zweite &#8220;pragmatische&#8221; Position wäre jene des Bildaktes, wobei sich der Bildstatus aus dem Vollzug eines kognitiven Aktes ergäbe.</p>
<p>Als an der Konzeption des Bildspieles orientierte Autoren nennt Seja Kendall Walton, Norman Bryson, Oliver Scholz und Manfred Muckenhaupt. Seja beginnt bei Ihrer Vorstellung der jeweiligen Konzeptionen mit dem aus ihrer Sicht am wenigsten überzeugenden Autor. Einer kurzen Vorstellung folgt jeweils eine Nennung der Schwachpunkte. Mit dem jeweils nachfolgenden Autor wird meist eine Verbesserung bezüglich der zuerst genannten Schwachpunkte thematisiert, um dann wiederum kritische Punkte hervorzuheben. So kritisiert die Autorin etwa Kendall Waltons Konzeption des &#8220;pictorial game&#8221;, da hier durch den erforderlichen Einsatz der Imagination eine Einschränkung vollzogen würde – im Widerspruch zu Wittgensteins Sprachspielbegriff, worauf Walton ursprünglich Bezug nimmt. Zusammenfassend billigt Seja dieser Konzeption nur einen Vorläuferstatus zu. Ebenso der im Anschluss daran aufgeführten Position Norman Brysons, die zwar Vorzüge gegenüber Waltons Konzeption aufweise, aus Sicht von Seja aber dennoch unbefriedigend bleibt. Ähnlich verfährt die Autorin hinsichtlich der Aufzählung von positiven und negativen Aspekten im Vergleich mit den Konzeptionen von Oliver Scholz und Manfred Muckenhaupt, um abschließend keine der behandelten Konzeptionen zum Bildspiel als überzeugend gelten zu lassen. Nach demselben Muster und mit ebenfalls negativer Gesamtbewertung behandelt die Autorin die an der Sprechakttheorie orientierten Bildtheorien. Genannt werden Autoren wie Sören Kjörup, David Novitz, Klaus Sachs-Hombach und Eva Schürmann.</p>
<p>Im zweiten Teil des Buches und somit in den Kapiteln 3 und 4 stellt Silvia Seja die von ihr als &#8220;pragmatistisch-phänomenologisch&#8221; bezeichneten Konzeptionen vor. Behandelt werden Paradigmen des Werkzeuges und der Probehandlungen mit interaktiven Bildern. Aus Sicht der Autorin wären diese Positionen den zuvor thematisierten &#8220;pragmatisch-sprachphilosophischen&#8221; vorzuziehen, da die erstgenannten den sichtbaren Eigenschaften der Bilder besser gerecht werden könnten.</p>
<p>Die von Silvia Seja vollzogene phänomenologische Positionierung mit der damit verbundenen grundlegenden Kritik an zeichenphilosophischen Ansätzen möchte ich weder generell noch im Detail bewerten. Vielmehr möchte ich als möglichen Bezugspunkt für eine kritische Lektüre im Folgenden einige Aspekte vorstellen, die dieses Problemfeld in der philosophischen und bildtheoretischen Literatur thematisieren. Die Autorin kritisiert an den &#8220;pragmatischen&#8221; Positionen zum einen deren grundlegende Orientierung an der Sprachphilosophie und zum anderen deren mangelnde Berücksichtigung der sichtbaren Eigenschaften der Bilder. Zu diesen Vorwürfen möchte ich zuerst exemplarisch einige Argumente von Klaus Sachs-Hombach nennen, den Seja auch als an der Sprachphilosophie orientierten Autoren vorstellt. Gerade Klaus Sachs-Hombach hat mehrfach darauf hingewiesen, dass erstens der Zeichenbegriff, auf den sich semiotische Bildtheorien beziehen sollten, als ein möglichst allgemeiner zu verstehen sei. Von der semiotischen Terminologie sei daher auf jeden Fall etwa die linguistische zu unterscheiden: &#8220;Ein gutes Beispiel ist die Sprechakttheorie, die zwar innerhalb der Linguistik als eine auf Sprache bezogene Theorie entwickelt wurde, die aber vom sprachlichen Kontext ganz abgelöst auf Bilder angewandt werden kann, ohne dass in irgendeiner Weise die Eigenständigkeit der Bilder angezweifelt würde.&#8221; (Sachs-Hombach 2006: 77f.) Des Weiteren definiert Sachs-Hombach Bilder generell als &#8220;wahrnehmungsnahe Zeichen&#8221; (vgl. ebd.: 73-99), wodurch von einer mangelnden Berücksichtigung der sichtbaren Eigenschaften gerade nicht gesprochen werden kann.</p>
<p>Auch ein Autor wie etwa Oliver Scholz zeigt alleine durch seine Bezugnahme auf Nelson Goodman, dass ihm in keiner Weise an einer Gleichsetzung von Sprache und Bild gelegen sein kann, da ja im Besonderen Goodman mit seiner allgemeinen Symboltheorie (vgl. Goodman 1968) ein anerkannt praktikables Mittel entwickelt hat, um sprachliche und visuelle Symbolsysteme äußerst präzise zu unterscheiden und zu analysieren. Als das &#8220;Programm des Pragmatismus auf den Punkt&#8221; bringend, zitiert Seja (12) Sybille Krämer: &#8220;Was &#8216;von Bedeutung&#8217; ist, liegt nicht hinter der Erscheinung, ist keine unsichtbare Tiefenstruktur, welche jenseits der Oberfläche des Wahrnehmbaren durch Verfahren der Interpretation zu erschließen wäre&#8221; (Krämer 2004: 20). Hier wäre also eine essentialistische Position als grundlegend vorausgesetzt, die den Mythos eines unschuldigen Auges und die Existenz intrinsischer, festgelegter Eigenschaften von Bildern aufrechtzuerhalten versucht oder – anders gesagt – die Möglichkeit einer nicht-interpretierten, sozusagen neutralen Wahrnehmung propagiert. Dazu exemplarisch ein Zitat von Günter Abel: &#8220;Das Auge spiegelt nicht einfach passiv etwas fertig Vorhandenes. Vielmehr organisiert es überaus aktiv sein Material. [...] Der Mythos des unschuldigen Auges lässt sich nicht aufrechterhalten, und ein rein passives Auge wäre ebenso blind wie ein fixiertes.&#8221; (Abel 2004: 192)</p>
<p>Zusammenfassend ergibt sich aus den aufgeführten Anmerkungen folgendes Bild: Silvia Seja bietet durch ihre klar, originell und sinnvoll strukturierte Arbeit eine sehr gut nachvollziehbare Argumentationslinie und einen notwendigen und begrüßenswerten Überblick über die von ihr gewählten Konzeptionen. Auch wenn man ihrer phänomenologischen Positionierung und der damit verbundenen äußerst diskussionswürdigen allgemeinen Charakterisierung zeichenphilosophischer Theorien hinsichtlich der genannten (und weiteren möglichen, innerhalb der Bildphilosophie als bekannt voraussetzbaren) Gegenargumente nicht folgen möchte, bleibt Sejas Buch ein äußerst gewinnbringender, wichtiger und sehr gut lesbarer Beitrag zur Bildphilosophie. Es wäre sehr zu begrüßen, wenn dieses Buch seinen Lesern als Anregung dazu dient, eine differenziertere Beurteilung zeichenphilosophischer Positionen zu konzipieren, beziehungsweise dazu animiert, die Einsichten phänomenologischer Untersuchungen in zeichentheoretische Ansätze einzubinden, ohne die vermeintlich grundlegende Unvereinbarkeit beider philosophischer Positionen aufrechtzuerhalten.</p>
<p><em>Literatur</em>:</p>
<ul>
<li>Abel, G.: <em>Zeichen der Wirklichkeit. </em>Frankfurt am Main [Suhrkamp Verlag] 2004.</li>
<li> Goodman, N.: <em>Languages of Art: An Approach to a Theory of Symbols. </em>Indianapolis [Hacket] 1968 (dt.: <em>Sprachen der Kunst. Entwurf einer Symboltheorie</em>. Frankfurt am Main [Suhrkamp Verlag] 1997).</li>
<li>Krämer, S.: &#8220;Was haben &#8216;Performativität&#8217; und &#8216;Medialität&#8217; miteinander zu tun? Plädoyer für eine in der &#8216;Aisthetisierung&#8217; gründende Konzeption des Performativen&#8221;. In: Dies. (Hrsg.): <em>Performativität und Medialität</em>. München [Wilhelm Fink Verlag] 2004, S. 13-32.</li>
<li>Sachs-Hombach, K.: <em>Das Bild als kommunikatives Medium</em>. Köln [Herbert von Halem Verlag], zweite Auflage 2006.</li>
</ul>
<p><em>Links</em>:</p>
<ul>
<li><a href="http://halemverlag.lookingintomedia.com/shop/product_info.php/products_id/186/XTCsid/6c45ce0d70522d9b1db0bea4b1c63e3a" target="_blank">Verlagsinformationen zum Buch</a></li>
<li><a href="http://www.educational-turn.org/" target="_blank">persönliche Homepage von Nicolas Romanacci</a></li>
</ul>
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		<title>Charles S. Peirce: The Logic of Interdisciplinarity</title>
		<link>http://www.rkm-journal.de/archives/1490</link>
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		<pubDate>Thu, 12 Nov 2009 22:40:14 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Redaktion</dc:creator>
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		<description><![CDATA[<em>Rezensiert von Mark A. Halawa</em>

<em> </em><img class="alignleft size-full wp-image-1514" title="peirce2009" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2009/10/peirce2009.jpg" alt="peirce2009" width="160" height="226" />Charles Sanders Peirce (1839-1914) war einer der letzten Universalgelehrten. Er betätigte sich unter anderem als Lexikograph, Wissenschaftshistoriker, Spektroskopist, Chemiker und Ingenieur. Auf dem Gebiet der Biologie, der Physik und vor allem der Mathematik verfügte er über herausragende Kenntnisse. Zudem machte er sich als Geodät, als der er die meiste Zeit seines Berufslebens sein Geld verdiente, international einen Namen. Zu größter Berühmtheit kam Peirce allerdings erst posthum durch sein Wirken als Philosoph, Logiker und Semiotiker: Als Begründer des Pragmatismus formulierte er eines der erfolgreichsten philosophischen Programme des 20. Jahrhunderts, zu dessen Vertretern (wenn auch bisweilen in einem von Peirce erheblich abweichenden Sinne) neben William James, John Dewey und George Herbert Mead auch Hilary Putnam, Richard Rorty oder Robert Brandom zählen. <a href="http://www.rkm-journal.de/archives/1490">[Mehr]</a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Rezensiert von Mark A. Halawa</em></p>
<p><em> </em><img class="alignleft size-full wp-image-1514" title="peirce2009" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2009/10/peirce2009.jpg" alt="peirce2009" width="160" height="226" />Charles Sanders Peirce (1839-1914) war einer der letzten Universalgelehrten. Er betätigte sich unter anderem als Lexikograph, Wissenschaftshistoriker, Spektroskopist, Chemiker und Ingenieur. Auf dem Gebiet der Biologie, der Physik und vor allem der Mathematik verfügte er über herausragende Kenntnisse. Zudem machte er sich als Geodät, als der er die meiste Zeit seines Berufslebens sein Geld verdiente, international einen Namen (vgl. Fisch 1982: 15). Zu größter Berühmtheit kam Peirce allerdings erst posthum durch sein Wirken als Philosoph, Logiker und Semiotiker: Als Begründer des Pragmatismus formulierte er eines der erfolgreichsten philosophischen Programme des 20. Jahrhunderts, zu dessen Vertretern (wenn auch bisweilen in einem von Peirce erheblich abweichenden Sinne) neben William James, John Dewey und George Herbert Mead auch Hilary Putnam, Richard Rorty oder Robert Brandom zählen. Darüber hinaus wird er gemeinsam mit dem Schweizer Linguisten Ferdinand de Saussure (1857-1913) als Vater der modernen Semiotik gewürdigt. Keine Einführung in die Semiotik kann es sich leisten, auf eine Erörterung der Peirce&#8217;schen Zeichentheorie zu verzichten. Ebenso undenkbar ist es, Peirces Namen in einem um Vollständigkeit bemühten Lexikon zur Geschichte der Philosophie zu übergehen. Kurzum: In der Geschichte des Denkens nimmt Charles Sanders Peirce einen bedeutenden Platz ein.</p>
<p>Die Anerkennung, die dem Peirce&#8217;schen Œuvre seit der Mitte des 20. Jahrhunderts in großem Stil gezollt wird, steht mit dem äußerst geringen Ansehen, das Peirce über weite Strecken seines Lebens genossen hat, in deutlichem Widerspruch. Sieht man von einem kurzen Intermezzo an der <a href="http://www.jhu.edu/" target="_blank">Johns Hopkins Universität</a> ab, wo er zwischen 1879 und 1884 als Dozent für Logik unterrichtete, gelang es Peirce niemals, eine dauerhafte Anstellung an einer Universität zu erlangen. Zwar galt Peirce schon früh als ein genialer Denker, dem – nicht zuletzt durch die Unterstützung seines Vaters Benjamin Peirce (1809-1880), einem der renommiertesten Mathematiker seiner Zeit und ein einflussreicher <a href="http://www.harvard.edu/" target="_blank">Harvard</a>-Professor – eine große Zukunft vorausgesagt wurde. Dass jedoch alles ganz anders kam, hängt hauptsächlich damit zusammen, dass sich der gutbetuchte Professorenzögling immer wieder selbst im Weg gestanden hat: Peirce wusste um seine außergewöhnliche Begabung, was er seine Umgebung bisweilen derart unverblümt spüren ließ, dass er schon in jungen Jahren als überaus eitler und arroganter Zeitgenosse verschrien war. Zudem führte er ein ausgesprochen extravagantes Leben, das auf viele seiner Mitmenschen äußerst verstörend wirkte und oftmals nur deshalb zähneknirschend toleriert worden ist, weil die Peirces zu den angesehensten Familien der amerikanischen Ostküste gehörten. Als Peirce 1883 nur zwei Tage nach der Scheidung von seiner ersten Frau erneut den Bund der Ehe schloss, konnte ihm indes noch nicht einmal sein elitärer familiärer Hintergrund aus der Patsche helfen: Er verlor seine Stelle in Johns Hopkins und bekam auch außerhalb des universitären Betriebes kaum noch einen Fuß in die Tür. Auf einen Vater, der seine schützende Hand über seinen Sohn hält, konnte Peirce zum damaligen Zeitpunkt nicht mehr setzen (vgl. Brent 1993).</p>
<p>Die vielen Rückschläge, die Peirce im Laufe seines Lebens verkraften musste, lassen sich allerdings nicht alleine mit Blick auf seinen schwierigen Charakter erklären. Verantwortlich für den ausbleibenden akademischen Erfolg war in ebenso starkem Maße die hohe Komplexität seines Denkens. Dass Peirce von vielen als extrem gescheiter Geist geachtet wie gefürchtet wurde, bedeutet noch lange nicht, dass ihm seine Freunde, Kollegen und Leser problemlos folgen konnten. Das genaue Gegenteil war der Fall: William James – Peirces wohl treuester Freund – fand den Argumentationsstil seines philosophischen Kameraden mitunter dermaßen unverständlich, dass er im Vorfeld einer Vorlesungsreihe, die er für Peirce organisieren konnte, inständig darum bat, „Deine Vorlesungen so unmathematisch [zu halten], wie es Dir möglich ist“ (zitiert nach Ketner/Putnam 2002: 44).</p>
<p>Warum Peirce für den Großteil seiner Zeitgenossen ein Rätsel blieb, lässt sich wunderbar in der von Elize Bisanz herausgegebenen Aufsatzsammlung <em>The Logic of Interdisciplinarity</em> nachvollziehen. Diese versammelt zum ersten Mal in einem Band sämtliche Texte, die Peirce zwischen 1891 und 1909 in der Zeitschrift <a href="http://monist.buffalo.edu/" target="_blank"><em>The Monist</em></a> veröffentlichte beziehungsweise für die Publikation in dieser vorsah. Dass der <em>Monist</em>-Reihe durch eine gesonderte Veröffentlichung besondere Aufmerksamkeit geschenkt wird, hängt nicht alleine damit zusammen, dass Bisanz einen wichtigen, in bisherigen Peirce-Editionen verstreut vorliegenden Textkorpus aus Peirces philosophischer Spätphase einer breiteren Öffentlichkeit zur Verfügung stellen möchte. Vielmehr geht es der Herausgeberin darum, jene &#8220;genuine Interdisziplinarität des Peirceschen Denkens&#8221; (13) herauszustellen, die – wie Bisanz zu Recht feststellt – in den <em>Monist</em>-Texten besonders deutlich durchscheint.</p>
<p>Bisanz verspricht den Lesern ihres Vorworts gewiss nicht zu viel. Bestechend an den einzelnen Beiträgen der <em>Monist</em>-Reihe ist dabei aber weniger ihre thematische Vielseitigkeit, die sich in ähnlicher Form bereits in anderen Peirce-Editionen feststellen lässt (neben den Grundlagen des Pragmatismus erörtert Peirce ebenfalls allgemeine Fragen der Logik sowie wissenschaftstheoretische, religionsphilosophische oder metaphysische Problemkomplexe); faszinierend ist vielmehr das Ausmaß, in dem Peirce hier – stärker noch als in anderen Phasen seines Schaffens – seine Philosophie auf einem interdisziplinären Fundament baut.</p>
<p>Für diejenigen Leser, die mit Peirces Philosophie noch nicht vertraut sind, bringt dieser Umstand freilich zahlreiche Schwierigkeiten mit sich, die sich aller Wahrscheinlichkeit nach nicht merklich von denen seiner Zeitgenossen unterscheiden. Immer wieder unterbricht Peirce seine Ausführungen (etwa die über das Wesen des Denkens), um seine ohnehin schon komplizierte Argumentationsführung durch lange und nicht minder komplizierte mathematische Beispiele zu stärken. Ebenso häufig verweist er auf biologische, physikalische oder physiologische Zusammenhänge, um beispielsweise unter Beweis zu stellen, dass zwischen den Gesetzen der Logik und den Gesetzen der Natur ein interner Zusammenhang besteht.</p>
<p>Was damals wie heute auf den ersten Blick wie ein bunter (und vor allem: verwirrender) Themenmix erscheint, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als ausgedehnte Spielwiese eines unermüdlichen und immer aufs Ganze abzielenden Geistes, dessen Genialität vor allem darin bestanden hat, zu beeindruckenden interdisziplinären Verknüpfungsleistungen in der Lage gewesen zu sein. Peirce war nicht einfach nur ein Mann, der sich für eine Vielzahl von Disziplinen interessierte; er war ein Denker, der es verstand, sämtliche Themengebiete, die ihn faszinieren, sinnvoll miteinander zu verbinden, um im Anschluss daran ein weitverzweigtes philosophisches System vorweisen zu können, das – ganz in der Tradition Kants stehend – über eine klar umrissene &#8220;Architektonik&#8221; verfügt (58-69). Das interdisziplinäre Forschungsideal, das in der heutigen Wissenschaftslandschaft oft und gerne gefordert, in der Praxis hingegen nur selten oder nur überaus halbherzig in die Tat umgesetzt wird, findet sich in Peirces <em>Monist</em>-Arbeiten ferner in einer fast schon idealtypischen Weise vorgelebt.</p>
<p>Was in der <em>Monist</em>-Reihe pointiert zur Darstellung gebracht wird, lässt sich zu großen Teilen biographisch zurückverfolgen. Peirce wuchs – wie er gerne betonte – &#8220;in einem Kreis von Physikern und Naturwissenschaftlern&#8221; (Peirce 1904: 64) auf. Hinzu kommt, dass er nach einer Ausbildung zum Chemiker über weite Strecken seines Berufslebens selbst an zahlreichen naturwissenschaftlichen Experimenten teilgenommen hat. In einer für seine Zeit überaus unüblichen Weise wollte er diese Erfahrungen nicht von seinen philosophischen Interessen geschieden wissen. Ganz im Gegenteil: Stets war er darum bemüht, das Instrumentarium der exakten Wissenschaften in die Philosophie zu integrieren. So wie ein Chemiker &#8220;den Verstand mit ins Laboratorium&#8221; (Peirce 1877: 295) nimmt, soll – so eine der wesentlichsten Prämissen des Peirce&#8217;schen Pragmatismus – der Logiker das Laboratorium mit der Vernunft vermählen. Das berühmteste Resultat dieser Zusammenführung ist die so genannte <em>pragmatische Maxime</em>, die zur Klärung eines Begriffs den von der wissenschaftlichen Forschungsmethodik entlehnten Ratschlag gibt, sich im Rahmen eines Gedankenexperiments sämtliche &#8220;denkbaren Wirkungen&#8221; vorzustellen, die eben jener Begriff &#8220;denkbarerweise&#8221; hervorbringen würde (vgl. Peirce 1878: 339).</p>
<p>Der wohl größte Wert der <em>Monist</em>-Reihe besteht nun darin, dass in ihr die logisch-semiotische Reflexion auf das Wesen des Denkens und Erkennens insbesondere um zwei Begriffe erweitert wird, die auch über den Bereich der Logik hinaus universale Gültigkeit besitzen sollen. Die Rede ist vom Konzept des <em>Synechismus</em> einerseits und dem des <em>Tychismus</em> andererseits. Während Peirce mit dem zuerst genannten Begriff zum Ausdruck bringen möchte, dass alles Denken kontinuierlich auf eine Zunahme von Gesetzmäßigkeit hinarbeitet, verbindet er mit dem zuletzt genannten Begriff das Anliegen, auf das Element des Zufalls aufmerksam zu machen, das einer endgültigen Erfassung des Denkens durch das Streben nach Kontinuität entgegenarbeitet. Nichts lässt sich in seiner Totalität begrifflich erfassen, weil ein evolutionäres Zufallsprinzip den epistemologischen Erfahrungsraum des Menschen bevölkert. Da das gesamte Universum im Zuge des Tychismus dem Heraklitischen Gesetz des Werdens untersteht, kann das synechistische Kontinuitätsprinzip niemals an ein Ende gelangen.</p>
<p>Von besonderem Interesse sind diese Ausführungen unter anderem deshalb, weil sie dabei behilflich sein können, die Einwände derjenigen Kritiker zu entkräften, die der Semiotik eine prinzipielle Rationalitätsversessenheit vorwerfen (vgl. Gumbrecht 2004, Mersch 2002). Dass die <em>Semiose </em>(das heißt: der Prozess der erkenntnisstiftenden Zeichenbildung) kontinuierlich fortgesetzt wird, hängt <em>nicht </em>– wie behauptet wird – mit einem <em>radikalen Bestimmungsstreben </em>zusammen, welches dem Zeichenbegriff inhärent ist; vielmehr trägt das ebenso berühmte wie viel gescholtene <em>Prinzip der unendlichen Semiose </em>dem Umstand Rechnung, dass die zeichenvermittelte Ordnung der Dinge durch die stetige Evolution des epistemologischen Erfahrungsfeldes fortwährend korrigiert und reformuliert werden muss. Genau aus diesem Grund formulierte Peirce im Rahmen der <em>Cambridge Conferences </em>– jenem Vorlesungszyklus, den William James so unmathematisch wie möglich gehalten sehen wollte – mit der <em>Ersten Regel der Logik </em>(&#8220;Behindere nicht den Gang der Forschung&#8221; [Peirce 2002: 241]) einen Grundsatz, der für Philosophen wie Naturwissenschaftler gleichermaßen zu gelten hat. Ein Wissenschaftler, der akzeptiert, dass nicht nur der Geist, sondern auch die Welt stets im Fluss ist, wird – so hofft Peirce – davon absehen, hartnäckig an etablierten Theorien festzuhalten, und sein Denken für neue Erklärungssätze öffnen. Wer die Geduld aufbringt, sich durch <em>The Logic of Interdisciplinarity</em> durchzuarbeiten, kann beobachten, wie Peirce diesen wissenschaftstheoretischen Imperativ in einem beeindruckend großen interdisziplinären Rahmen ausbreitet.</p>
<p>Schade nur, dass Elize Bisanz der <em>Monist</em>-Reihe lediglich ein Personenregister, nicht aber einen Sachindex beigefügt hat, sodass das Auffinden von Passagen, die sich mit einschlägigen Termini (Synechismus, Tychismus, Agapismus usw.) befassen, erheblich erschwert wird. Ebenso bedauerlich ist, dass die Herausgeberin die &#8220;pulsierende […] Aktualität&#8221;, die das Peirce&#8217;sche Denken insbesondere &#8220;in der bildwissenschaftlichen, der kulturwissenschaftlichen Forschung, der Forschung der Kognition und der Logik&#8221; (13) fraglos besitzt, leidglich konstatiert, nicht aber ausführlich darlegt. Größere Klarheit vermitteln demgegenüber die einleitenden Ausführungen Kenneth Laine Ketners, der am <a href="http://www.pragmaticism.net/" target="_blank">Institute for Studies in Pragmaticism </a>der <a href="http://www.ttu.edu/" target="_blank">Texas Tech University</a> tätig ist und zu den profiliertesten Kennern der Peirce&#8217;schen Philosophie zählt.</p>
<p>Erfreulich ist, dass die Herausgeberin zahlreiche biographische und bibliographische Informationen in Form von kurzen Anmerkungen in den originalen Text eingefügt hat. <em>The Logic of Interdisciplinarity</em> wird damit den Ansprüchen einer kritischen Edition im Großen und Ganzen gerecht. Dass der Band als Studienausgabe genutzt und in Peirce-Seminaren reihenweise auf den Tischen liegen wird, darf allerdings bezweifelt werden. Auch wenn die Lektüre der <em>Monist</em>-Reihe nicht nur Studierenden der Philosophie wärmstens empfohlen werden kann, ist zu erwarten, dass all jene, die einen ersten Einblick in Peirces Philosophie erhalten möchten, zu preisgünstigeren Peirce-Editionen greifen werden.</p>
<p><em>Literatur</em>:</p>
<ul>
<li>Brent, J.: <em>Charles Sanders Peirce: a life</em>. Bloomington, Indianapolis [Indiana University Press] 1993.</li>
<li>Fisch, Max: &#8220;Vorwort&#8221;. In: Sebeok, T.; Umiker-Sebeok, J.:<em> &#8220;Du kennst meine Methode.&#8221; Charles Sanders Peirce und Sherlock Holmes</em>. Aus dem Amerikanischen von Achim Eschbach. Frankfurt am Main [Suhrkamp Verlag] 1982, S. 15-23.</li>
<li>Gumbrecht, H.U.: <em>Diesseits der Hermeneutik. Die Produktion von Präsenz</em>. Übersetzt von Joachim Schulte. Frankfurt am Main [Suhrkamp Verlag] 2004.</li>
<li>Ketner, K.L.; Putnam, H.: &#8220;Einleitung: Konsequenzen der Mathematik&#8221;. In: Peirce, C.S.: <em>Das Denken und die Logik des Universums. Die Vorlesungen der Cambridge Conferences von 1898</em>. Mit einem Anhang unveröffentlichter Manuskripte. Herausgegeben von Kenneth Laine Ketner. Einleitung und Kommentar von Hilary Putnam und Kenneth Laine Ketner. Deutsche Übersetzung und Herausgabe des Anhangs von Helmut Pape. Frankfurt am Main [Suhrkamp Verlag] 2002, S. 16-78.</li>
<li>Mersch, D.: <em>Was sich zeigt. Materialität, Präsenz, Ereignis</em>. München [Wilhelm Fink Verlag] 2002.</li>
<li>Peirce, C.S.: &#8220;Die Festlegung einer Überzeugung (1877)&#8221;. In: ders.: <em>Schriften I: Zur Entstehung des Pragmatismus</em>. Mit einer Einführung herausgegeben von Karl-Otto Apel. Frankfurt am Main [Suhrkamp Verlag] 1967, S. 293-325.</li>
<li>Peirce, C.S.: &#8220;Wie unsere Ideen zu klären sind (1878)&#8221;. In: ders.: <em>Schriften I: Zur Entstehung des Pragmatismus</em>. Mit einer Einführung herausgegeben von Karl-Otto Apel. Frankfurt am Main [Suhrkamp Verlag] 1967, S. 326-358.</li>
<li>Peirce, C.S.: &#8220;Charles S. Peirce. Eine intellektuelle Autobiographie (1904)&#8221;. In: ders.: <em>Semiotische Schriften</em>, Band 1. Herausgegeben und übersetzt von Christian J.W. Kloesel und Helmut Pape. Frankfurt am Main [Suhrkamp Verlag] 2000, S. 64-75.</li>
<li>Peirce, C.S.: <em>Das Denken und die Logik des Universums. Die Vorlesungen der Cambridge Conferences von 1898</em>. Mit einem Anhang unveröffentlichter Manuskripte. Herausgegeben von Kenneth Laine Ketner. Einleitung und Kommentar von Hilary Putnam und Kenneth Laine Ketner. Deutsche Übersetzung und Herausgabe des Anhangs von Helmut Pape. Frankfurt am Main [Suhrkamp Verlag] 2002.</li>
</ul>
<p><em>Links</em>:</p>
<ul>
<li><a href="http://www.akademie-verlag.de/olb/de/1.c.1329851.de" target="_blank">Verlagsinformationen zum Buch</a></li>
<li><a href="http://www.leuphana.de/elize-bisanz.html" target="_blank">Webpräsenz von Elize Bisanz an der Leuphana Universität Lüneburg</a></li>
</ul>
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		<title>Barbara Merker (Hrsg.): Verstehen nach Heidegger und Brandom</title>
		<link>http://www.rkm-journal.de/archives/1411</link>
		<comments>http://www.rkm-journal.de/archives/1411#comments</comments>
		<pubDate>Fri, 25 Sep 2009 13:28:40 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Redaktion</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Analytische Philosophie]]></category>
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		<description><![CDATA[<em>Rezensiert von David Lauer</em>

<img class="alignleft size-full wp-image-1419" title="merker" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2009/09/merker.jpg" alt="merker" width="160" height="243" />Verstehen steht als Begriff wie als Phänomen im Zentrum zweier der wichtigsten philosophischen Traditionen des 20. Jahrhunderts, der sprachanalytischen Philosophie einerseits und der philosophischen Hermeneutik andererseits. Seit den 1970er Jahren ist es zu einer zunehmenden Überwindung der lange Zeit vorherrschenden Sprachlosigkeit zwischen diesen Traditionen gekommen. Auf der einen Seite hat eine bestimmte Richtung der sprachanalytischen Philosophie – jene, die die pragmatische Wende des späten Wittgenstein mitvollzogen hat – sich für die tiefgreifenden Analogien sensibilisieren lassen, die zwischen Wittgensteins später Philosophie und derjenigen Gadamers sowie des jungen Heidegger bestehen. Auf der anderen Seite finden sich zunehmend Vertreter der Phänomenologie und Hermeneutik, die mit den Vokabularen der pragmatisch grundierten Sprachanalyse bestens vertraut und daran interessiert sind, die Schriften Wittgensteins und Davidsons, Sellars’ und Putnams als Bereicherungen eines – im weiten Sinne – hermeneutischen Philosophierens zu rezipieren. <a href="http://www.rkm-journal.de/archives/1411">[Mehr]</a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Rezensiert von David Lauer</em></p>
<p><img class="alignleft size-full wp-image-1419" title="merker" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2009/09/merker.jpg" alt="merker" width="160" height="243" />Verstehen steht als Begriff wie als Phänomen im Zentrum zweier der wichtigsten philosophischen Traditionen des 20. Jahrhunderts, der sprachanalytischen Philosophie einerseits und der philosophischen Hermeneutik andererseits. Seit den 1970er Jahren ist es zu einer zunehmenden Überwindung der lange Zeit vorherrschenden Sprachlosigkeit zwischen diesen Traditionen gekommen. Auf der einen Seite hat eine bestimmte Richtung der sprachanalytischen Philosophie – jene, die die pragmatische Wende des späten Wittgenstein mitvollzogen hat – sich für die tiefgreifenden Analogien sensibilisieren lassen, die zwischen Wittgensteins später Philosophie und derjenigen Gadamers sowie des jungen Heidegger bestehen. Auf der anderen Seite finden sich zunehmend Vertreter der Phänomenologie und Hermeneutik, die mit den Vokabularen der pragmatisch grundierten Sprachanalyse bestens vertraut und daran interessiert sind, die Schriften Wittgensteins und Davidsons, Sellars’ und Putnams als Bereicherungen eines – im weiten Sinne – hermeneutischen Philosophierens zu rezipieren.</p>
<p>Der hier anzuzeigende Band muss, was seine diskursive Einordnung angeht, im Zusammenhang dieser Entwicklung betrachtet werden. Das Buch versammelt die Vorträge einer Konferenz, die im September 2006 an der <a href="http://oldwww.uni-miskolc.hu/e_index.php" target="_blank">Universität Miskolc</a> in Ungarn unter Beteiligung von Philosophinnen und Philosophen aus Ungarn, Deutschland und der Schweiz stattfand. Es enthält dreizehn Aufsätze (darunter drei in englischer Sprache). Der Begriff des Verstehens wird hier in seiner Explikation durch zwei Autoren in den Blick genommen: Martin Heidegger und Robert Brandom. Diese Kombination ist gleichermaßen theoretisch faszinierend wie plausibel. Im ersten Hauptwerk der neuen philosophischen Hermeneutik, Heideggers <em>Sein und Zeit (</em>Heidegger 1993), wird der Gedanke artikuliert, dass die spezifische Seinsart des Daseins – das Seiende, das wir je selbst sind – in seinen Bezügen zu Sprache, Welt, zu anderem Dasein und zu sich selbst insgesamt mit dem Begriff des Verstehens gekennzeichnet werden kann. Der analytische Philosoph Robert Brandom hingegen hat mit <em>Expressive Vernunft </em>(Brandom 2000) den Aufsehen erregenden Versuch vorgelegt, den von Wittgenstein inspirierten Gedanken einer Gebrauchstheorie sprachlicher Bedeutung in strenger Weise durchzuführen und dabei die Begriffe sprachlichen Verstehens und sprachlicher Bedeutung durch Rekurs auf normative Praktiken zu explizieren. Darüber hinaus hat Brandom seine Theorie des Verstehens in zwei Aufsätzen (Brandom 1983, 1997; beide wiederabgedruckt in Brandom 2002) explizit zu Heideggers Hermeneutik in <em>Sein und Zeit </em>in Beziehung gesetzt. So erschließt das Thema &#8220;Verstehen nach Brandom und Heidegger&#8221; eine Vielzahl möglicher Anknüpfungspunkte.</p>
<p>Das von Barbara Merker herausgegebene Buch weist die mehr oder minder typischen Kennzeichen eines Tagungsbandes auf. Gewisse Diskrepanzen im Anspruch der Texte, von denen einige als vollgültige Forschungsbeiträge mit substanzieller These auftreten, während andere den eher vorläufigen und sondierenden Charakter eines Tagungsreferats nicht recht abgelegt haben, lassen sich nicht übersehen. Unvermeidlich ist auch, dass die thematische Nähe der Beiträge immer wieder in Redundanzen resultiert. Positiv hervorzuheben ist, dass die Verbindungen zwischen Brandom und Heidegger hier – soweit ich sehen kann, auch im internationalen Kontext zum ersten Mal – zum Gegenstand einer konzentrierten Explikationsanstrengung geworden sind. Bisher lagen nur vereinzelte Untersuchungen vor (vgl. zum Beispiel Gubatz 2002, Haugeland 2005). Aufgrund der insgesamt hohen Qualität der Beiträge bietet der Band wichtige und anregende Lektüre für Philosophinnen und Philosophen, die an der Weiterentwicklung einer analytisch informierten Heidegger-Deutung interessiert sind, sowie für solche, die generell zu den begrifflichen Zusammenhängen von Praxis, Welt und Sprache arbeiten.</p>
<p>Der Band enthält Beiträge, die im Wesentlichen – von kleineren kritischen Anmerkungen und thematischen Ausblicken abgesehen – geraffte Darstellungen der Grundideen jeweils eines der beiden Autoren zum Thema Verstehen geben, so etwa jene von <em>Sebastian Knell</em> über Brandom und von <em>Csaba Olay</em> über Heidegger. Ansonsten lassen sich die Texte des Bandes in drei Gruppen einteilen: (1) Arbeiten, die jeweils <em>entweder </em>Heidegger <em>oder </em>Brandom im Hinblick auf eine systematische Frage lesen; (2) Arbeiten, die Heidegger<em> und </em>Brandom im Hinblick auf eine systematische Frage miteinander vergleichen; (3) Arbeiten, die sich mit der Bezugnahme von Brandom <em>auf </em>Heidegger auseinandersetzen.</p>
<p>(1) Die drei englischsprachigen Beiträge behandeln Brandoms Werk ausschließlich im Kontext von analytischen Autoren wie Block, Putnam, Quine, McDowell und Dennett und liegen damit eher am Rande des Brandom/Heidegger-Fokusses. <em>Gábor Forrai </em>verteidigt Brandoms inferentialistische Semantik in einem dichten Aufsatz gegen folgende zwei Einwände: (A) Eine inferentialistische Semantik sei nicht in der Lage, die konstitutive Rolle zu erfassen, welche die <em>Welt</em>, in der Sprecher sich miteinander verständigen, für die Gehalte der Äußerungen dieser Sprecher spielt; (B) Brandom, dessen Ansatz auf der Annahme einer radikalen Perspektivität der Interpretation beruht, könne nicht verständlich machen, wie begriffliche Gehalte jemals zwischen Sprechern geteilt werden können. Forrai argumentiert, dass Brandoms Ansatz die Ressourcen bereitstellt, um beide Einwände zu entkräften. Einerseits skizziert er einen Begriff der Kommunikation, der ohne die Vorstellung geteilter Gehalte auskommt, andererseits verweist er auf die konstitutive Einbettung des Brandom’schen Inferentialismus in den wahrnehmenden und handelnden Umgang mit der Welt.</p>
<p>Der Aufsatz von <em>Gergely Ambrus </em>lässt sich als Fortführung dieses Punktes lesen: Er konzentriert sich auf Brandoms theoretische Explikation menschlicher Wahrnehmung. Sowohl Brandom als auch Heidegger weisen der sinnlichen Wahrnehmung und ihrer Phänomenalität keine wesentliche theoretische Rolle in der Explikation des menschlichen Weltverhältnisses zu. Ihnen erscheint die neuzeitliche Vorstellung von sinnlichen Eindrücken als vermittelnden Zwischengliedern zwischen Geist und Welt als Quelle beinahe allen metaphysischen Übels. Brandom versucht daher, Wahrnehmungen als in geeigneter Weise kausal hervorgerufene Wahrnehmungsurteile zu explizieren. Für diese theoretische Sparsamkeit ist er insbesondere von John McDowell kritisiert worden (vgl. McDowell 1996). Ambrus rekonstruiert diese Debatte minutiös, bleibt aber in seiner Positionierung letztlich (bedauerlicherweise) unentschlossen.</p>
<p><em>Tamás Demeters </em>Text über Brandom und Dennett stellt die These auf, dass beide Autoren eine robuste Konzeption von Rationalität vertreten, die zur Erklärung und Voraussage von Handlungen verwendet werden soll, diese aber nicht zufriedenstellend erläutern kann. Dagegen setzt Demeter ein schwächeres Konzept von Rationalität, die hier lediglich als die Eigenschaft der Kohärenz bestimmter psychologischer Narrationen erscheint.</p>
<p><em>Wolf-Jürgen Cramm</em> diskutiert kritisch Brandoms fundamentalpragmatischen Anspruch, Formen sprachlichen Verstehens explikativ auf basalere Formen nicht-sprachlichen Verstehens zurückzuführen (vgl. zu dieser Debatte auch Lauer 2009). Für Cramm kann bei Brandom &#8220;von einer Erklärung des Begriffs semantischer <em>Bedeutung </em>konventioneller Symbole in Begriffen praktischer<em> Bedeutsamkeit </em>von Zuhandenem keine Rede sein&#8221;, weil die begrifflichen Ebenen des Symbolischen und des Nichtsymbolischen begrifflich &#8220;zu heterogen&#8221; seien (181f.).</p>
<p>Was Heidegger betrifft, so widmet sich <em>Jasper Liptow </em>in einem ausgezeichneten Beitrag einer Exegese der Heidegger’schen Begriffe <em>Verstehen</em>, <em>Auslegung</em>, <em>Rede</em> und <em>Sprache</em>. Sehr grob gesprochen, zerfallen die Interpreten in dieser Frage in zwei Lager: Eine pragmatistische Auslegung, die in erster Linie von Hubert Dreyfus (Dreyfus 2001) und seiner Schule entwickelt worden ist, begreift Dasein als nicht wesentlich sprachlich verfasst. Sprachlichkeit ist dieser Interpretation zufolge zurückführbar auf vorsprachliche, nicht-prädikative Praktiken des Umgangs mit Zuhandenem in der Welt. Die andere Auslegung, die Liptow als die transzendentale bezeichnet, besteht darauf, dass Sprache für Heidegger konstitutiv zum Dasein gehöre. Diese Lesart ist unter anderem von Cristina Lafont vertreten worden, die Heidegger deshalb einen Sprachidealismus vorwirft (vgl. Lafont 1994). Liptow will beiden Seiten gleichermaßen zu ihrem Recht verhelfen, indem er die irreduzible Interdependenz und Gleichursprünglichkeit sprachlicher wie vorsprachlicher Praktiken für die Seinsweise des Daseins herausarbeitet. Richtig ist – im Sinne der Pragmatisten –, dass den Praktiken des Umgangs mit Zuhandenem eine konstitutive Rolle für menschliche Sprachlichkeit zukommt; richtig ist aber auch – im Sinne der Transzendentalen –, dass Sprachlichkeit ihrerseits konstitutiv dafür ist, dass das praktische Operieren eines Systems in einer Umgebung sich allererst als verstehender Umgang mit Welt – als <em>In-der-Welt-Sein </em>– explizieren lässt.</p>
<p>(2) <em>Christoph Demmerling </em>nimmt diesen Faden auf, indem er sich dem Problem widmet, das genaue Verhältnis zwischen dem implizit-praktischen und dem explizit-propositionalen Verstehen zu bestimmen. Entscheidend ist hier die Frage, ob alles, was sich in einem praktischen Sinne verstehen lässt, auch in Form propositionaler Aussagen zum Ausdruck gebracht werden kann, oder ob es Dimensionen praktischen Verstehens gibt, die sich der sprachlichen Explikation widersetzen. Laut Brandom kann prinzipiell alles Implizite propositional explizit gemacht werden (wenn dieser Prozess auch nie an ein Ende kommen kann) – und so interpretiert er auch Heidegger. Demmerling hält diese Deutung für problematisch: Verstehen sei nur dort möglich, wo es <em>auch </em>propositionale Artikulationen gibt, aber nicht jede Manifestation von Verstehen müsse eine solche propositionale Artikulation sein.</p>
<p><em>Karl Mertens </em>untersucht in seinem Beitrag das Verständnis der Kontextualität des Verstehens bei Brandom, Heidegger und Husserl. Kontextualität meint hier die notwendige Eingebundenheit jedes Verstandenen in einen verstehensermöglichenden Horizont des unthematisch Mitverstandenen. Mertens rekonstruiert eine dreistufige Erweiterung, von Husserls einseitig am Subjekt und an der Epistemologie ausgerichtetem Verstehensbegriff, über Heideggers sozialpragmatisch grundiertem Verständnis, hin zu Brandoms Explikation sprachlicher Praxis als Spiel des Gebens und Forderns von Gründen. Er arbeitet überzeugend heraus, dass Brandoms Entwurf sich in Widerspruch setzt zu Heideggers fundamentalontologischen Absichten und zu seiner Skepsis gegenüber der apophantisch-propositionalen Rede, weswegen Brandoms Versuch der Aneignung Heideggers misslingen muss. Er kritisiert Brandoms Entwurf (in einer mit Demmerling vergleichbaren Weise) als rationalistische Verengung sprachlicher Praxis.</p>
<p>(3) Brandoms Heidegger-Interpretation ist eine äußerst selektive Aneignung einiger Theoriestücke aus <em>Sein und Zeit</em>, die sich nicht zufällig als Vorwegnahme seiner eigenen Gedanken zum Zusammenhang von Praxis, Verstehen, Auslegung und Sprache interpretieren lassen. <em>Éva Gedö </em>und <em>Tibor Schwendtner </em>kritisieren diesen selektiven Zugriff Brandoms, indem sie drei Bedeutungsebenen des Verstehensbegriffs bei Heidegger und deren spannungsreiche Beziehungen zueinander untersuchen. Brandom bekomme nur einen, den pragmatischen Aspekt des Verstehens in den Blick, der sich mit seiner Konzeption einer durch implizite Normen geleiteten Praxis gut erfassen lasse. Die beiden anderen Dimensionen jedoch, das existenziale Verstehen als das Vermögen der Abstandnahme von implizit-praktischen Normen sowie das transzendental-ontologische Verstehen, entgingen Brandoms Lesart.</p>
<p>Auch <em>Barbara Merker </em>diskutiert Probleme in Brandoms Heidegger-Lektüre. Hervorzuheben ist ihre Frage, wie die berühmte &#8216;Etwas-als-Etwas-Struktur&#8217; des praktischen Weltverständnisses zu begreifen ist, mit der Brandom und Heidegger den verstehenden Umgang mit innerweltlich Begegnendem kennzeichnen. Ist das erste &#8216;Etwas&#8217; in dieser Formel – der Ausgangspunkt der praktischen Klassifikationsleistung – als ein bereits bedeutsam &#8216;Zuhandenes&#8217; oder als ein bloß &#8216;Vorhandenes&#8217; zu begreifen? Merker fragt auch, ob das Zuhandene im Sinne Heideggers generell nach Brandoms sozialpragmatischem Modell verstanden werden kann, mit dem einherzugehen scheint, das Zuhandene als eine stets implizit begrifflich strukturierte Seinsart zu begreifen.</p>
<p>Zwei weitere Aufsätze verschieben die Perspektive auf Brandoms Heidegger noch einmal auf eine interessante Weise. <em>Bernd Prien </em>nimmt hypothetisch an, dass Brandoms Heidegger-Lesart akzeptabel sei, fragt dann aber, ob es tatsächlich der Fall ist, dass Brandoms Heidegger dieselbe systematische Position wie Brandom in <em>Expressive Vernunft </em>vertritt. Wie Prien zeigt, beruht diese Selbsteinschätzung Brandoms auf der Überblendung der Differenz &#8216;zuhanden/vorhanden&#8217; mit der Differenz &#8216;normativ signifikant/nicht-normativ signifikant&#8217;, wobei dem Zuhandenem bzw. dem Normativen eine explanatorische Priorität zukommt. Aufschlussreich ist Priens Diskussion eines scheinbaren Widerspruchs zwischen dieser These und einer weiteren zentralen Festlegung Brandoms, welche die <em>Gleichursprünglichkeit </em>von normativen und deskriptiven Begriffen behauptet. Prien schlägt zur Behebung dieses Widerspruchs eine Differenzierung von &#8216;explanatorischer&#8217; und &#8216;explikativer&#8217; Sinn-Abhängigkeit vor.</p>
<p>Auch <em>Gerson Reuter </em>thematisiert nicht die Korrektheit von Brandoms Heidegger-Interpretation, sondern versucht, die Möglichkeit einer alternativen Deutung aufzuzeigen, weil er – ähnlich wie Cramm – Brandoms Projekt der Zurückführung von intentionalem und semantischem auf normatives Vokabular für zum Scheitern verurteilt hält. Reuter favorisiert einen wohl von Davidson inspirierten individualistischen, d.h. nicht-normativistischen und nicht-kollektivistischen Ansatz in der Semantik. Muss ein solcher Ansatz, der sich von Brandom distanziert, gleichermaßen auf Distanz zu Heidegger gehen? Reuter kommt zu dem Ergebnis, dass eine individualistische Lesart der Teile von <em>Sein und Zeit</em>, die Brandom im Sinne eines Sozialpragmatismus auslegt, möglich ist, wenn man sich (a) des Konzepts der &#8216;sprachlichen Arbeitsteilung&#8217; bedient und (b) die soziale Dimension sprachlicher Praxis nicht als Konstitutionsbasis sprachlicher Bedeutung, sondern lediglich als kausal relevante Bedingung interpretiert.</p>
<p><em>Literatur</em>:</p>
<ul>
<li>Brandom, R. B.: <em>Expressive Vernunft. Begründung, Repräsentation und diskursive Festlegung</em>. Übersetzt von Eva Gilmer und Hermann Vetter. Frankfurt am Main [Suhrkamp Verlag] 2000.</li>
</ul>
<ul>
<li>Brandom, R. B.: <em>Tales of the Mighty Dead. Historical Essays in the Metaphysics of Intentionality</em>. Cambridge/MA [Harvard University Press] 2002.</li>
</ul>
<ul>
<li>Brandom, R. B.: &#8220;Heidegger’s Categories in Sein und Zeit&#8221;. In: <em>The Monist</em>, 66, 1983, S. 387-409.</li>
</ul>
<ul>
<li>Brandom, R. B.: &#8220;Dasein, the Being That Thematizes.&#8221; In: <em>Epoché</em>, 5, 1997, S. 1-40.</li>
</ul>
<ul>
<li>Dreyfus, H. L.: <em>Being-in-the-world. A Commentary on Heidegger&#8217;s &#8216;Being and Time&#8217;, Division I</em>. Cambridge/MA [MIT Press] 1991.</li>
</ul>
<ul>
<li>Gubatz, T.: &#8220;Ein Philosoph namens Brandegger. Ontologische Differenzen zwischen Heidegger und Heidegger in Robert Brandoms Interpretation&#8221;. In: <em>Deutsche Zeitschrift für Philosophie</em>, 50, 2002, S. 377-391.</li>
</ul>
<ul>
<li>Haugeland, J.: &#8220;Reading Brandom Reading Heidegger&#8221;. In: <em>European Journal of Philosophy</em>, 13, 2005, S. 421-428.</li>
</ul>
<ul>
<li>Heidegger, M.: <em>Sein und Zeit</em>. 17. Auflage. Tübingen [Max Niemeyer Verlag] 1993.</li>
</ul>
<ul>
<li>Lafont, C.: <em>Sprache und Welterschließung. Zur linguistischen Wende der Hermeneutik Heideggers</em>. Frankfurt am Main [Suhrkamp Verlag] 1994.</li>
</ul>
<ul>
<li>Lauer, D.: &#8220;Genuine Normativity, Expressive Bootstrapping, and Normative Phenomenalism&#8221;. In: <em>Etica &amp; Politica / Ethics &amp; Politics</em>, XI, 2009, S. 321-350.</li>
</ul>
<ul>
<li>McDowell, J.: <em>Mind and World</em>. 2. Auflage. Cambridge/MA [Harvard University Press] 1996.</li>
</ul>
<p><em>Links</em>:</p>
<ul>
<li><a href="http://www.meiner.de/product_info.php?products_id=2996" target="_blank">Verlagsinformationen zum Buch</a></li>
<li><a href="http://www.philosophie.uni-frankfurt.de/lehrende_index/Homepage_Merker/index.html" target="_blank">Webpräsenz von Barbara Merker an der Goethe-Universität Frankfurt am Main</a></li>
<li><a href="http://www.geisteswissenschaften.fu-berlin.de/we01/mitarbeiter/dlauer/index.html" target="_blank">Webpräsenz von David Lauer an der Freien Universität Berlin</a></li>
<li><a href="http://www.pitt.edu/~rbrandom/" target="_blank">Webpräsenz von Robert Brandom an der Universität Pittsburgh</a></li>
</ul>
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