<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<rss version="2.0"
	xmlns:content="http://purl.org/rss/1.0/modules/content/"
	xmlns:wfw="http://wellformedweb.org/CommentAPI/"
	xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/"
	xmlns:atom="http://www.w3.org/2005/Atom"
	xmlns:sy="http://purl.org/rss/1.0/modules/syndication/"
	xmlns:slash="http://purl.org/rss/1.0/modules/slash/"
	>

<channel>
	<title>rezensionen:kommunikation:medien &#187; Öffentlichkeit</title>
	<atom:link href="http://www.rkm-journal.de/archives/tag/offentlichkeit/feed" rel="self" type="application/rss+xml" />
	<link>http://www.rkm-journal.de</link>
	<description>Rezensionen aus den Bereichen Kommunikation und Medien</description>
	<lastBuildDate>Fri, 03 Feb 2012 21:39:14 +0000</lastBuildDate>
	<language>en</language>
	<sy:updatePeriod>hourly</sy:updatePeriod>
	<sy:updateFrequency>1</sy:updateFrequency>
	<generator>http://wordpress.org/?v=3.3.1</generator>
		<item>
		<title>Thomas Roessing: Öffentliche Meinung</title>
		<link>http://www.rkm-journal.de/archives/6979</link>
		<comments>http://www.rkm-journal.de/archives/6979#comments</comments>
		<pubDate>Mon, 12 Dec 2011 08:40:38 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Redaktion</dc:creator>
				<category><![CDATA[Einzelrezension]]></category>
		<category><![CDATA[19. Jahrhundert]]></category>
		<category><![CDATA[Öffentlichkeit]]></category>
		<category><![CDATA[Empirie]]></category>
		<category><![CDATA[Meinungsforschung]]></category>
		<category><![CDATA[Noelle-Neumann]]></category>
		<category><![CDATA[Schweigespirale]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.rkm-journal.de/?p=6979</guid>
		<description><![CDATA[<em>Rezensiert von Brigitte Huber</em>

<img class="alignnone size-full wp-image-6981" title="Rössing" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2011/10/Rössing.jpg" alt="" width="160" height="245" />1989 wurde <a href="http://www.noelle-neumann.de/" target="_blank">Elisabeth Noelle-Neumanns</a> Buch mit dem Titel <em>Öffentliche Meinung: die Entdeckung der Schweigespirale</em> veröffentlicht. 20 Jahre später erscheint ein Buch mit fast identem Titel, lediglich die Entdeckung wurde durch die Erforschung ersetzt. Dieser Titel ist sehr passend, handelt es sich hierbei um eine von Noelle-Neumann angeregte und betreute Dissertation, welche die Forschung zu ihrer Theorie der öffentlichen Meinung zum Thema hat. Die Arbeit von Thomas Roessing, die er unter dem Titel <em>Methoden und Analysestrategien für Untersuchungen zur sozialpsychologischen Theorie der öffentlichen Meinung</em> im Jahr 2007 an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz vorgelegt hat, versucht nicht weniger zu klären als, "wie weit die empirische Forschung zur Theorie der öffentlichen Meinung seit 1974 gediehen ist, und welchen Nutzen künftige Forschung aus den bereits entwickelten Ansätzen, Analysestrategien und empirischen Methoden ziehen kann." <a href="http://www.rkm-journal.de/archives/6979">[Mehr]</a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Rezensiert von Brigitte Huber</em></p>
<p><img class="alignnone size-full wp-image-6981" title="Rössing" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2011/10/Rössing.jpg" alt="" width="160" height="245" />1989 wurde <a href="http://www.noelle-neumann.de/" target="_blank">Elisabeth Noelle-Neumanns</a> Buch mit dem Titel <em>Öffentliche Meinung: die Entdeckung der Schweigespirale</em> veröffentlicht. 20 Jahre später erscheint ein Buch mit fast identem Titel, lediglich die Entdeckung wurde durch die Erforschung ersetzt. Dieser Titel ist sehr passend, handelt es sich hierbei um eine von Noelle-Neumann angeregte und betreute Dissertation, welche die Forschung zu ihrer Theorie der öffentlichen Meinung zum Thema hat. Die Arbeit von Thomas Roessing, die er unter dem Titel <em>Methoden und Analysestrategien für Untersuchungen zur sozialpsychologischen Theorie der öffentlichen Meinung</em> im Jahr 2007 an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz vorgelegt hat, versucht nicht weniger zu klären als, &#8220;wie weit die empirische Forschung zur Theorie der öffentlichen Meinung seit 1974 gediehen ist, und welchen Nutzen künftige Forschung aus den bereits entwickelten Ansätzen, Analysestrategien und empirischen Methoden ziehen kann.&#8221; (5)</p>
<p>Dieses Vorhaben ist angesichts der Tatsache, dass die Theorie der Schweigespirale international stark und auch kontrovers rezipiert wurde und entsprechend eine große Anzahl an empirischen Untersuchungen dazu vorliegt, ein durchaus ehrgeiziges. Dabei muss allerdings erwähnt werden, dass Roessing – wie er auch selbst einräumt – nicht der erste ist, der sich dieser Aufgabe annimmt, denn es liegen bereits &#8220;mehrere Überblickswerke über den Stand der Forschung&#8221; (16) vor.</p>
<p>Was bisherigen Überblickswerken laut Roessing u. a. fehlt und eine erneute Anstrengung in diese Richtung erstrebenswert macht: &#8220;Wissenschaftstheoretische Grundlagen fehlen nicht nur in vielen empirischen Studien zur Theorie der öffentlichen Meinung, sie werden auch in Überblicksdarstellungen kaum diskutiert oder verkürzt und teilweise falsch dargestellt&#8221; (18). Roessing beschäftigt sich daher zu Beginn dieser Arbeit nach einem einführenden Kapitel zur Geschichte der Theorie der Schweigespirale und ihren zentralen Hypothesen entsprechend ausführlich damit und widmet der Wissenschaftstheorie empirischer Sozialforschung ein umfangreiches Kapitel.</p>
<p>Dabei hervorzuheben sind sowohl der präzise Umgang mit den wissenschaftstheoretischen Begrifflichkeiten als auch die gut nachvollziehbaren Darlegungen bezüglich Relevanz der Ausführungen als Basis für das weitere Vorhaben. Dieses besteht darin, die methodischen Vorgehensweisen von in internationalen Fachzeitschriften publizierten empirischen Studien zur Theorie der Schweigespirale zu analysieren. Roessing zerlegt dazu die Theorie in ihre Einzelkomponenten und zeigt auf, wie diese in bisherigen Studien untersucht wurden. Äußerst kritisch nimmt er die einzelnen Studien unter die Lupe und vergleicht die unterschiedlichen Vorgehensweisen. Er kommt auch zu konkreten Vorschlägen und Empfehlungen, welche der verwendeten Vorgehensweisen und Operationalisierungen sich eignen und welche weniger.</p>
<p>Dabei beginnt er in Kapitel 4 mit den Voraussetzungen für das Auftreten von Schweigespiralen, die bei entsprechenden empirischen Untersuchungen unbedingt berücksichtigt werden müssen. Neben den &#8220;relativ unproblematischen Bedingungen&#8221; Aktualität der Thematik, Vorhandensein einer Kontroverse mit mindestens zwei Lagern und Dynamik geht er in diesem Kapitel besonders detailliert auf die &#8220;moralische Ladung bzw. das emotionale Potential&#8221; (77) des Themas als notwendige Voraussetzung ein. Auch wenn in der Arbeit insgesamt erwartungsgemäß kaum Kritik an Noelle-Neumanns Theorie der Schweigespirale zu lesen ist, weist Roessing an dieser Stelle darauf hin, dass &#8220;bei sehr vielen Studien – auch einigen von Noelle-Neumann selbst vorgelegten&#8221; (95) eine empirische Überprüfung der moralischen Ladung fehlt. Auf die grundsätzliche Notwendigkeit einer solchen Überprüfung wird hingewiesen und verschiedene Erhebungsmodelle für emotionales Potential werden diskutiert.</p>
<p>Nach der Auseinandersetzung mit den Rahmenbedingungen, die bei empirischen Untersuchungen zur Theorie der Schweigespirale berücksichtigt werden müssen, widmen sich die nächsten beiden Kapitel der Messung von Meinungsklimawahrnehmung und unterschiedlichen Tests und Fragemodellen zu Redebereitschaft und Schweigetendenz, wobei gut herausgearbeitet wird, dass eine Eins-zu-Eins-Übernahme bestimmter Fragemodelle von Noelle-Neumann nicht für alle Untersuchungen sinnvoll ist: Anhand von Beispielen wird die Notwendigkeit verdeutlicht, Frageformulierungen entsprechend der kulturellen Gegebenheiten des jeweiligen Landes zu modifizieren.</p>
<p>Während sich das nächste Kapitel dem Problem des soziologischen und des psychologischen Analysemodells widmet, wird im achten Kapitel schließlich ein zentrales Thema, nämlich die Rolle der Medien für die öffentliche Meinung, die bereits im vierten Kapitel bei den Voraussetzungen angesprochen wurde, ausführlich behandelt. Abschließend hält Roessing fest: &#8220;Ziel dieser Arbeit war es ausschließlich nicht, festzustellen, ob die Theorie zutrifft oder nicht.&#8221; (272) Das kann auch nicht Ziel dieser Rezension sein. Viel mehr stellt sich abschließend die Frage: &#8220;Worauf müsste ein Forscher achten, der es unternimmt, die Theorie der öffentlichen Meinung an einem konkreten Fall durchzutesten?&#8221; (247) Das Buch liefert viele wichtige Anhaltspunkte. Eine endgültige Antwort kann es aber nicht liefern – jedoch ist dies nicht etwa auf die mangelhafte Vorgehensweise des Autors zurückzuführen, sondern auf die Theorie selbst, die sich immer noch in Entwicklung befindet.</p>
<p>Fazit: Das Buch liefert sowohl einen detaillierten Überblick über die Forschung zur Theorie der öffentlichen Meinung als auch konkrete Ratschläge und Empfehlungen für die Vorgehensweise bei künftigen Forschungsvorhaben zur Theorie der Schweigespirale. Damit ist es sowohl für WissenschafterInnen relevant, die zur öffentlichen Meinung arbeiten als auch für Studierende und Interessierte, die sich mit Gegenstand und &#8220;Tücken&#8221; der Theorie der Schweigespirale vertraut machen möchten.</p>
<p><em>Links:</em></p>
<ul>
<li><a href="http://www.nomos-shop.de/Roessing-%C3%96ffentliche-Meinung-Erforschung-Schweigespirale/productview.aspx?product=10005" target="_blank">Verlagsinformationen zum Buch</a></li>
<li><a href="http://www.ifp.uni-mainz.de/index.php?article_id=131&amp;clang=0" target="_blank">Webpräsenz von Thomas Roessing an der Universität Mainz</a></li>
<li><a href="http://www.univie.ac.at/Publizistik/Huber.htm" target="_blank">Webpräsenz von Brigitte Huber an der Universität Wien</a></li>
</ul>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.rkm-journal.de/archives/6979/feed</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Projekt Wikileaks</title>
		<link>http://www.rkm-journal.de/archives/5804</link>
		<comments>http://www.rkm-journal.de/archives/5804#comments</comments>
		<pubDate>Sat, 23 Jul 2011 08:15:17 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Redaktion</dc:creator>
				<category><![CDATA[Sammelrezension]]></category>
		<category><![CDATA[Assange]]></category>
		<category><![CDATA[Öffentlichkeit]]></category>
		<category><![CDATA[Datenschutz]]></category>
		<category><![CDATA[Internet]]></category>
		<category><![CDATA[Journalismus]]></category>
		<category><![CDATA[Wikileaks]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.rkm-journal.de/?p=5804</guid>
		<description><![CDATA[<em>Rezensiert von Martin Welker</em>

<a href="http://www.rkm-journal.de/archives/5804"><img class="alignleft size-full wp-image-5843" title="Rosenbach, Stark" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2011/06/Rosenbach-Stark3.jpg" alt="" width="160" height="255" /></a>Zwei Bücher – ein Thema. Beide Werke sind etwa zur gleichen Zeit erschienen, etwa gleich umfangreich (ca. 300 Seiten) und liegen im Preis in einer ähnlichen Kategorie (15 bis 20 Euro). Beide Bände konzentrieren sich v. a. auf die Ereignisse ab dem Jahr 2007. Und doch sind die Bücher diametral verschieden. Denn während die Spiegel-Journalisten <a href="http://www.randomhouse.de/author/author.jsp?per=416065" target="_blank">Rosenbach</a> und <a href="http://www.randomhouse.de/author/author.jsp?per=416065" target="_blank">Stark</a> intensiv recherchiert haben und damit aus einer geordneten und unabhängigen Warte über Wikileaks berichten können, erzählt <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Daniel_Domscheit-Berg" target="_blank">Domscheit-Berg</a> aus einer Art emotionalen Insider-Perspektive über seine Arbeit beim <a href="http://www.wikileaks.org/" target="_blank">Wikileaks-Projekt</a>. Rosenbach und Stark objektivieren, Domscheit-Berg subjektiviert. Erstere weisen ihre Quellen in zahlreichen Fußnoten aus, letzterer schildert seine Erfahrung auf seine Erinnerungen gestützt aus der Ich-Perspektive. Erstere haben das Buch selbst geschrieben, Domscheit-Berg hatte mit <a href="http://www.ullsteinbuchverlage.de/econ/autor.php?id=12397&#38;page=buchaz&#38;sort=&#38;auswahl=A&#38;pagenum=1" target="_blank">Tina Klopp</a> eine versierte Journalistin und Ghostwriterin an seiner Seite. Dennoch präsentiert sich der Text von Domscheit-Berg umgangssprachlicher als das Spiegel-Buch. Erst die Lektüre beider Texte ergibt ein facettenreiches Gesamtbild im Hinblick auf Wikileaks, insbesondere zu <a href="http://en.wikipedia.org/wiki/Julian_Assange" target="_blank">Julian Assange</a>. In Bezug auf die Diskussion relevanter gesellschaftlich-politischer Fragen ist das Spiegel-Buch das gelungenere. <a href="http://www.rkm-journal.de/archives/5804">[Mehr]</a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Rezensiert von Martin Welker</em></p>
<p><a href="http://www.rkm-journal.de/archives/5804"><img class="alignleft size-full wp-image-5843" title="Rosenbach, Stark" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2011/06/Rosenbach-Stark3.jpg" alt="" width="160" height="255" /></a>Zwei Bücher – ein Thema. Beide Werke sind etwa zur gleichen Zeit erschienen, etwa gleich umfangreich (ca. 300 Seiten) und liegen im Preis in einer ähnlichen Kategorie (15 bis 20 Euro). Beide Bände konzentrieren sich v. a. auf die Ereignisse ab dem Jahr 2007. Und doch sind die Bücher diametral verschieden. Denn während die Spiegel-Journalisten <a href="http://www.randomhouse.de/author/author.jsp?per=416065" target="_blank">Rosenbach</a> und <a href="http://www.randomhouse.de/author/author.jsp?per=416065" target="_blank">Stark</a> intensiv recherchiert haben und damit aus einer geordneten und unabhängigen Warte über Wikileaks berichten können, erzählt <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Daniel_Domscheit-Berg" target="_blank">Domscheit-Berg</a> aus einer Art emotionalen Insider-Perspektive über seine Arbeit beim <a href="http://www.wikileaks.org/" target="_blank">Wikileaks-Projekt</a>. Rosenbach und Stark objektivieren, Domscheit-Berg subjektiviert. Erstere weisen ihre Quellen in zahlreichen Fußnoten aus, letzterer schildert seine Erfahrung auf seine Erinnerungen gestützt aus der Ich-Perspektive. Erstere haben das Buch selbst geschrieben, Domscheit-Berg hatte mit <a href="http://www.ullsteinbuchverlage.de/econ/autor.php?id=12397&amp;page=buchaz&amp;sort=&amp;auswahl=A&amp;pagenum=1" target="_blank">Tina Klopp</a> eine versierte Journalistin und Ghostwriterin an seiner Seite. Dennoch präsentiert sich der Text von Domscheit-Berg umgangssprachlicher als das Spiegel-Buch. Erst die Lektüre beider Texte ergibt ein facettenreiches Gesamtbild im Hinblick auf Wikileaks, insbesondere zu <a href="http://en.wikipedia.org/wiki/Julian_Assange" target="_blank">Julian Assange</a>. In Bezug auf die Diskussion relevanter gesellschaftlich-politischer Fragen ist das Spiegel-Buch das gelungenere.</p>
<p>Für Medien- und Kommunikationswissenschaftler, insbesondere für Journalistik-Versierte, mag das Buch von Rosenbach und Stark somit das Interessantere sein. Es enthält zahlreiche aufschlussreiche Passagen zur journalistischen Valenz von Wikeleaks und zur Frage der Veränderung von klassischem Journalismus durch die neuartige Enthüllungsplattform. Macht Wikileaks Journalismus? Ist die Plattform überhaupt ein Medium? Wie können neue Technologien eingesetzt werden, um staatliche Überwachung und Kontrollwahn einzugrenzen? Wie verändert sich das Verhältnis von Öffentlichkeit und Nicht-Öffentlichkeit? Diese sind die Kernfragen, die bei Rosenbach und Stark explizit und intensiv diskutiert werden. Die Person Assange wird dabei nur als spannender Einstieg genutzt, als Reizfigur, welche die Vorgeschichte besser verstehbar macht. Die profunderen Abschnitte des Buches finden sich dann überwiegend im letzten Viertel des Textes.</p>
<p>Die erste Frage, ob Wikileaks Journalismus mache, wird dabei mit &#8220;nein&#8221; beantwortet: &#8220;Der entscheidende Unterschied, der Wikileaks von klassischem Journalismus abhebt, ist der Anspruch, jede Art von Dokumenten zu veröffentlichen, die eingesendet wird. Guter Journalismus versucht, einen gesellschaftlich relevanten Vorgang zu beschreiben, Missständen auf den Grund zu gehen. (…) Wikileaks hat dagegen das Versprechen gegeben, alles zu veröffentlichen, was den Weg zu ihnen findet, wenn es nur einen Test auf Authentizität besteht&#8221; (Rosenbach/Stark 2011: 295). Eine Relevanzbewertung, wie sie der Journalismus tagtäglich vornimmt, ist nicht zu erkennen. Und mehr noch: Wikileaks ist noch nicht einmal als klassisches Medium, sondern eher als ein Zwitter aus Medium und Internetplattform zu werten (dies.: 304). &#8220;In autoritären Regimen könnten solche Plattformen die Rolle übernehmen, die eine freie Presse in Demokratien spielt&#8221;. Davon sei Wikileaks allerdings noch weit entfernt, sind sich Rosenbach und Stark sicher. Vielmehr sei die Plattform ein &#8220;öffentliches Archiv des vormals Nicht-Öffentlichen&#8221; (dies.: 205). Damit leiste Wikileaks aber einen Dienst an der Demokratie, so die Argumentation der Autoren. Denn &#8220;die Regierungen von heute sind konspirativer als ehedem, sie produzieren mehr Staatsgeheimnisse und betreiben einen immensen Aufwand, sie zu schützen&#8221; (dies.: 310).</p>
<p><a href="http://www.rkm-journal.de/archives/5804"><img class="alignleft size-full wp-image-5836" title="domscheit-berg" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2011/06/domscheit-berg.jpg" alt="" width="160" height="244" /></a>Wie aber reagierten Journalisten, insbesondere die Redaktionen, die nicht an der großen Veröffentlichungssause von <a href="http://www.spiegel.de/" target="_blank">Spiegel</a>, <a href="http://www.nytimes.com/" target="_blank">New York Times</a> oder <a href="http://www.guardian.co.uk/" target="_blank">Guardian</a> teilhaben konnten? Auch dazu finden sich Aussagen: &#8220;Reduziert auf den argumentativen Kern lassen sich die Reaktionen vieler Journalisten so zusammenfassen: Sie ergreifen Partei für die Exekutive, weil sie um die Stabilität des Systems fürchten. Das Bemerkenswerte daran ist, dass dies nicht der Rolle der Medien in einer demokratischen Gesellschaft entspricht. Die Rolle der Öffentlichkeit ist Teil eines Systems von Checks and Balances: Die Medien überprüfen, ob das Handeln der Regierenden mit den proklamierten Zielen und Maßstäben in Einklang steht&#8221; (dies.: 288). Genau diese Überprüfung – den dann letzten nötigen Schritt – kann Wikileaks aber nicht leisten, da die Plattform selbst keine detaillierte Überprüfung und Einordnung der Informationen vornimmt. Die Zahl der veröffentlichten Dokumente ist dafür schlicht zu hoch. Wikileaks ist aber ein bedeutender Schritt hin zur Kritik und Kontrolle von Mächtigen und insofern wichtig – nur eben nicht aufgrund journalistischer Leistung. Das Buch von Rosenbach und Stark argumentiert in dieser Beziehung klar und stringent, basierend auf solider Recherche.</p>
<p>Wikileaks als Organisation folgte bisher eher einer Hackerethik, nicht journalistischen Maximen. Assange ist auch kein Journalist, sondern vielmehr der Organisator eines medien- und journalismuskritischen Projekts (vgl. Rosenbach/Stark 2011: 301/302). Deshalb braucht Wikileaks Journalismus. Ohne auf die solide Arbeit von Spiegel, Guardian oder New York Times zurückzugreifen, hätte Wikileaks die letzten großen Enthüllungen nicht leisten können und insbesondere nicht diese öffentliche Wirkung erzielt. Das Buch von Rosenbach und Stark zeigt aber, wie sich die Arbeit in modernen Redaktionen verändert und welche große Rolle dem Fact-Checking zufällt.</p>
<p>Wissenschaftliche Theorien oder auch nur forschungsmäßige Thesen sollte der kommunikationswissenschaftlich instruierte Leser in beiden Büchern nicht erwarten. Die Bände sind keine wissenschaftlichen Werke, sondern politische Bücher, das Spiegel-Buch ausgeprägter, das Ullstein-Buch weniger stark, da es durchgängig subjektiv angelegt ist. Auch stilistisch ist der Text von Domscheit-Berg stellenweises holprig. Der Leser merkt dem Text an, dass er aus gesprochener Sprache gefertigt wurde. Geschliffener und zugleich spannend liest sich das Buch von Rosenbach und Stark, das allerdings in Auszügen schon im Nachrichtenmagazin Spiegel zu lesen war.</p>
<p>Wer sich für Fragen wie &#8220;Öffentlichkeit und Privatheit&#8221;, &#8220;Neue Tendenzen im Journalismus&#8221; oder &#8220;Staatliche Überwachung versus Datenschutz&#8221; interessiert, findet in beiden Büchern aktuelle Einsichten. Im Falle des Spiegel-Buchs werden diese auf einem abstrakteren Niveau diskutiert, im Falle von Domscheit-Berg aus eigener Erfahrung und persönlichen Erlebnissen, die stellenweise auch technikzentriert ausfallen. Beide Bücher sind politische Begleitliteratur, können Wissenschaftler aber durchaus zu neuer Forschung anregen.</p>
<p><em>Links:</em></p>
<ul>
<li><a href="http://www.randomhouse.de/book/edition.jsp?edi=372750" target="_blank">Verlagsinformationen zum Buch &#8220;Staatsfeind Wikileaks&#8221;</a></li>
<li><a href="http://www.ullsteinbuchverlage.de/econ/buch.php?id=17737" target="_blank">Verlagsinformationen zum Buch &#8220;Inside Wikileaks&#8221;</a></li>
<li><a href="http://www.martin-welker.de/" target="_blank">Private Homepage von Martin Welker</a></li>
</ul>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.rkm-journal.de/archives/5804/feed</wfw:commentRss>
		<slash:comments>2</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Daniel Müller; Annemone Ligensa; Peter Gendolla (Hrsg.): Leitmedien</title>
		<link>http://www.rkm-journal.de/archives/4056</link>
		<comments>http://www.rkm-journal.de/archives/4056#comments</comments>
		<pubDate>Wed, 01 Jun 2011 09:00:38 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Redaktion</dc:creator>
				<category><![CDATA[Sammelrezension]]></category>
		<category><![CDATA[Öffentlichkeit]]></category>
		<category><![CDATA[Journalismus]]></category>
		<category><![CDATA[Leitmedien]]></category>
		<category><![CDATA[Medieninnovationen]]></category>
		<category><![CDATA[Medienumbrüche]]></category>
		<category><![CDATA[Medienwissenschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Medium]]></category>
		<category><![CDATA[Publikum]]></category>
		<category><![CDATA[Qualitätsmedien]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.rkm-journal.de/?p=4056</guid>
		<description><![CDATA[<em>Rezensiert von Manuel Wendelin</em>

<a href="http://www.rkm-journal.de/archives/4056 "><img class="alignleft size-full wp-image-4906" title="UMS1028muMueller.indd" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2010/10/müller-et-al..jpg" alt="" width="160" height="243" /></a>Dass schon 'Medium' ein Begriff ist, über dessen Definition man wunderbar streiten kann, ist bekannt. Dieses Schicksal teilt der Terminus mit anderen Grundbegriffen wie dem der 'Kommunikation' oder dem der 'Öffentlichkeit'. Im alltäglichen (wissenschaftlichen) Gebrauch werden solche Differenzen meist problemlos umschifft. Diese Praxis der Umgehung von unüberbrückbaren Klüften ist notwendig, um diesseits des endlosen Nachdenkens über sprachliche Grundlagen überhaupt sinnvoll arbeiten zu können. Hin und wieder kommt es aber vor, dass bewusste Entscheidungen für die Verwendung eines bestimmten Medienbegriffs getroffen und begründet werden müssen. Spätestens in solchen Situationen ist man dankbar für die in der Literatur vorhandenen Systematisierungen. Das ist nicht anders, wenn es um die Forschung zu Leitmedien geht. Im Unterschied zum Medienbegriff sind tiefer gehende begriffliche Auseinandersetzungen hier aber kaum vorhanden. Gleiches gilt für die Systematisierung des Forschungsstands. Vor dem Hintergrund der offensichtlich immer häufiger werdenden Verwendung des Wortes "Leitmedien", ist dieser Befund das zentrale Relevanzargument für den von Daniel Müller, Annemone Ligensa und Peter Gendolla herausgegebenen Zweibänder. <a href="http://www.rkm-journal.de/archives/4056">[Mehr]</a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Rezensiert von Manuel Wendelin</em></p>
<p><a href="http://www.rkm-journal.de/archives/4056 "><img class="alignleft size-full wp-image-4906" title="UMS1028muMueller.indd" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2010/10/müller-et-al..jpg" alt="" width="160" height="243" /></a>Dass schon &#8216;Medium&#8217; ein Begriff ist, über dessen Definition man wunderbar streiten kann, ist bekannt. Dieses Schicksal teilt der Terminus mit anderen Grundbegriffen wie dem der &#8216;Kommunikation&#8217; oder dem der &#8216;Öffentlichkeit&#8217;. Im alltäglichen (wissenschaftlichen) Gebrauch werden solche Differenzen meist problemlos umschifft. Diese Praxis der Umgehung von unüberbrückbaren Klüften ist notwendig, um diesseits des endlosen Nachdenkens über sprachliche Grundlagen überhaupt sinnvoll arbeiten zu können. Hin und wieder kommt es aber vor, dass bewusste Entscheidungen für die Verwendung eines bestimmten Medienbegriffs getroffen und begründet werden müssen. Spätestens in solchen Situationen ist man dankbar für die in der Literatur vorhandenen Systematisierungen (Mock 2006; Pross 1972). Das ist nicht anders, wenn es um die Forschung zu Leitmedien geht. Im Unterschied zum Medienbegriff sind tiefer gehende begriffliche Auseinandersetzungen hier aber kaum vorhanden. Gleiches gilt für die Systematisierung des Forschungsstands. Vor dem Hintergrund der offensichtlich immer häufiger werdenden Verwendung des Wortes &#8220;Leitmedien&#8221;, ist dieser Befund das zentrale Relevanzargument für den von Daniel Müller, Annemone Ligensa und Peter Gendolla herausgegebenen Zweibänder.</p>
<p>Das Buch ist im Kontext der 2007 veranstalteten Jahrestagung des Forschungskollegs (SFB/ FK) 615 &#8220;Medienumbrüche&#8221; entstanden und hat es sich zum Ziel gesetzt, &#8220;möglichst viele relevant scheinende Positionen und Aspekte zum Thema zu versammeln&#8221; (Band 1, 9). Im Vordergrund steht dabei die &#8220;sehr wichtige Dichotomie&#8221; von kulturwissenschaftlich orientierten Sichtweisen aus Medien- und Literaturwissenschaft sowie Philosophie auf der einen und sozialwissenschaftlichen Perspektiven aus Kommunikations- und Politikwissenschaft sowie Soziologie auf der anderen Seite (Band 1, 14). Während es in den kulturwissenschaftlichen Arbeiten eher um Medienumbrüche gehe, die dadurch definiert sind, dass ein vormals dominantes Medium von einem neuen Medium abgelöst wird und somit Veränderungen in der etablierten Hierarchie auftreten (Zeitung, Fernsehen, Internet), würden sozialwissenschaftliche Arbeiten eher auf einzelne Medien fokussieren und diese auf ihre meinungsbildende oder –führende Rolle hinterfragen (<a href="http://www.bild.de/" target="_blank">Bild</a>, <a href="http://www.tagesschau.de/" target="_blank">Tagesschau</a>, <a href="http://www.spiegel.de/" target="_blank">Spiegel Online</a>). Solche Unterscheidungen sind aber idealtypisch zu verstehen – schon unter den einzelnen Beiträgen im Buch gibt es empirische Gegenbeispiele. Dennoch liefert genau diese Dichotomie ein weiteres, ein fachtheoretisches Argument für die Relevanz einer Beschäftigung mit dem Thema Leitmedien. Hier bietet sich die Gelegenheit, Gemeinsamkeiten und Unterschiede der &#8220;gegensätzlichen Forschungstraditionen&#8221; herauszuarbeiten und zu diskutieren. Diese Gelegenheit haben die Herausgeber leider kaum genutzt.</p>
<p>Es wird dem Leser überlassen, die verschiedenen Zugangsweisen &#8220;produktiv aufeinander zu beziehen&#8221;. Obwohl die Herausgeber kommunikations- und medienwissenschaftliche Sichtweisen nicht &#8220;streng&#8221; trennen wollten, haben sie im ersten Band die eher kommunikationswissenschaftlichen und im zweiten Band die eher medienwissenschaftlichen Beiträge zusammengefasst und ohne eine weitere Unterteilung vorzunehmen, nacheinander abgedruckt. Im Sinne einer besseren Nachvollziehbarkeit der &#8220;scharfen Widersprüche&#8221; und &#8220;Berührungspunkte&#8221; wäre es besser gewesen, sich um eine thematische Gliederung zu bemühen (Band 1, 16-17). Obwohl oder gerade weil es wegen der institutionellen Klüfte und der Komplexität des Themas schwierig bis unmöglich sein mag, eine übergreifende Synthese zu finden, wäre der Versuch einer stärkeren Systematisierung der Diskussion allemal lohnend gewesen. Das Buch beinhaltet sehr spannende konzeptionelle Ideen, historische Interpretationen und Forschungsergebnisse aus den Perspektiven beider Seiten der Dichotomie.</p>
<p>Ausgangspunkt ist ein Beitrag von Jürgen Wilke, der sich schon knapp zehn Jahre vor seinem Eröffnungsvortrag auf der Jahrestagung des SFB/ FK 615 mit dem Thema befasst hat (Wilke 1998). Wilke unterscheidet mehrere Dimensionen des Leitmedienbegriffs und bespricht Kriterien, mit denen Leitmedien bestimmt werden können. Leitmedien sind demnach Medien, die als &#8220;Meinungsführermedien&#8221; eine Führungs- oder Leitungsfunktion wahrnehmen können. Diese Meinungsführung bezieht sich entweder direkt auf das Publikum der Massenmedien oder als Intermedia Agenda-Setting auf andere Medien. Leitmedien haben im ersten Fall eine hohe Verbreitung und Reichweite insbesondere unter den gesellschaftlichen Eliten. Auch eine hohe subjektive Bindung an ein Medium kann Indikator für seine Führungsposition sein.</p>
<p>Im zweiten Fall sind Leitmedien vor allem solche Medien, die eine hohe Reichweite unter Journalisten haben, die von Experten als Leitmedien etikettiert und häufig von anderen Medien zitiert werden. Wichtig zur Bestimmung und Einordnung von Leitmedien sind Randbedingungen, wie das politische System und das Mediensystem. Außerdem muss im Hinblick auf Zielgruppen und Medienfunktionen differenziert werden. In einem liberal-demokratischen System hat der Begriff &#8220;Leitmedium&#8221; beispielsweise eine andere Bedeutung, Funktion und Wirkung als im Dritten Reich. Gleiches gilt auch für den Unterschied zwischen überregionalen Tageszeitungen und der Parteipresse. Hinsichtlich eines möglichen Leitmediencharakters von Internetangeboten hat Wilke 2007 zurückhaltend argumentiert. Zumindest in Bezug auf Intermedia Agenda-Setting und mit Blick auf die Rolle von <a href="http://www.spiegel.de/" target="_blank">Spiegel Online</a> ist diese Frage mittlerweile zu bejahen.</p>
<p>Die weiteren Beiträge im ersten Band schließen häufig explizit oder implizit an Wilkes Text an. Während Henning Groscurth, Gebhard Rusch und Gregor Schwering beispielsweise anhand der Webcam-Kolumne der <a href="http://www.faz.net/s/homepage.html" target="_blank">Frankfurter Allgemeinen Zeitung</a> ergänzen, dass auch die Übernahme von technischen Medieninnovationen durch etablierte Einzelmedien ein Kriterium für die Klassifikation als Leitmedium sein kann, gehen Benjamin Krämer, Thorsten Schroll und Gregor Daschmann den Funktionen der Koorientierung für den Journalismus nach. Die Komplexitäts- und Kostenreduktionsfunktion sowie die Legitimationsfunktion tragen demnach dazu bei, die Rolle von Leitmedien für andere Medien zu erklären. Lars Rinsdorf greift dagegen das Verhältnis von Leitmedien und dem Publikum auf. Dabei wird über ein &#8220;angemessenes&#8221; Publikumsverständnis nachgedacht und nach Leitmedien unter verschiedenen Mediengattungen und im Bezug auf Medienmarken gefragt. Glaubwürdigkeit ist demnach ein entscheidendes Charakteristikum von Leitmedien aus Publikumssicht.</p>
<p><a href="http://www.rkm-journal.de/archives/4056 "><img class="alignleft size-full wp-image-4907" title="UMS1029muMueller.indd" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2010/10/müller-et-al.-bd.-2.jpg" alt="" width="160" height="243" /></a>Michael Giesecke eröffnet den zweiten Band des Buchs. Sein medien- wissenschaftlicher Text könnte als theoretische Abstraktion aber durchaus auf die kommunikationswissenschaft- lichen Arbeiten im ersten Band bezogen werden. Giesecke stellt solche Bezüge zur Kommunikationswissenschaft an mehreren Stellen des Beitrags selbst her, wenn auch meist als Abgrenzung. Das stark normative Plädoyer für eine medienökologische Konzeption ist teilweise sicher irritierend – wenn zum Beispiel damit argumentiert wird, dass sich Forschung nicht damit begnügen solle, das Alltagswissen zu verdoppeln (festzustellen, was ist) sondern sich darum bemühen müsse, alternative Sichtweisen zur Verfügung zu stellen (&#8220;Beschäftigung mit der Struktur und Funktionsweise von Sollwerten&#8221;; Band 2, 22). Trotzdem kann die triadische Denkweise aber auch für Sozialwissenschaftler theoretisch anregend sein und sich zumindest bei historischen Untersuchungen als empirisch fruchtbar erweisen. Dann würde es allerdings nicht darum gehen, Hierarchien zu vermeiden oder grenzenlose Pluralität zu ermöglichen, sondern um eine ergebnisoffene Durchführung von kulturellen Vergleichen. Die Beschreibung eines &#8220;triadischen Kräftefeldes&#8221; auf der Grundlage einer &#8220;Prämierungsanalyse&#8221; würde dabei helfen, unterschiedliche Konstellationen von Leitmedien – im kommunikationswissenschaft- lichen Sinn – theoretisch einzuordnen und zu erklären (Band 2; 25).</p>
<p>Auf dieser interdisziplinären Ebene rückt auch das Verhältnis von Leitmedien und Öffentlichkeit in den Blick. Um dabei Unterhaltungsöffentlichkeiten und insbesondere Kino-Öffentlichkeiten einbeziehen zu können, brechen Corinna Müller und Harro Segeberg die in Öffentlichkeitstheorien übliche Beschränkung auf politische Öffentlichkeit auf und weisen auf die normativen Strukturen der Kategorie hin. Ohne eine solche Ausweitung bleiben Öffentlichkeitskonzepte zwar letztlich immer unvollständig, umgekehrt kann Öffentlichkeit aber ebenfalls kaum hinreichend erfasst werden, wenn dabei auf die politischen Funktionen verzichtet wird, die ihr seit der Aufklärung zugeschrieben werden. Auf diese politischen Funktionen konzentriert sich wiederum der Beitrag von Otfried Jarren und Martina Vogel. Vor dem Hintergrund des eben Gesagten, wirkt hier die Verortung von Leitmedien als Teil der Qualitätsmedien als zu eng. Leitmedien können zwar sicher auch &#8220;Leuchttürme&#8221; im gesellschaftlichen Diskurs sein, aber sie sind eben nicht nur das (Band 1, 83, 89). Inwiefern und wann auch die Medien von Teilöffentlichkeiten Leitmediencharakter haben können, ist bislang weitgehend unerforscht. Diesen Schluss lässt zumindest die sehr breite und theoretisch fundierte Metaanalyse zum &#8220;Leitpotential&#8221; von Gegenöffentlichkeiten zu, die Jeffrey Wimmer durchgeführt hat.</p>
<p>Insgesamt bietet das Buch einen umfassenden, spannenden und exklusiven Einblick in die unterschiedlichsten Möglichkeiten mit dem Thema Leitmedien wissenschaftlich umzugehen. Allerdings beschränkt sich die abgebildete Diskussion weitgehend auf den deutschsprachigen Raum. Internationale Sichtweisen werden verhältnismäßig selten in die Argumentationen einbezogen. Es ist ein Einblick in ein sehr heterogenes Themenfeld, in dem sich noch viel bewegen kann. Eine perspektivenübergreifende Systematisierung steht aber weiter aus.</p>
<p><em>Literatur:</em></p>
<ul>
<li>Thomas Mock: <em>Was ist ein Medium?</em> In: Publizistik, 2006, 51. Jg., H. 2, S. 183-200.</li>
<li>Harry Pross: <em>Medienforschung</em>. Darmstadt [Habel] 1972.</li>
<li>Jürgen Wilke: <em>Leitmedien und Zielgruppenorgane</em>. In: Wilke, Jürgen (Hrsg.): <em>Mediengeschichte der Bundesrepublik Deutschland</em>. Köln [Böhlau] 1999, S. 302-329.</li>
</ul>
<p><em>Links:</em></p>
<ul>
<li><a href="http://www.transcript-verlag.de/ts1028/ts1028.php" target="_blank">Verlagsinformationen zum Buch</a></li>
<li><a href="http://www.graduiertenprogramm.12-16.tu-dortmund.de/cms/de/06_Beratung/06-2-Zur_Person/index.html" target="_blank">Webpräsenz von Daniel Müller an der TU Dortmund</a></li>
<li><a href="http://uk-online.uni-koeln.de/cgi-bin/show.pl/page?uni=1&amp;i_nr=70&amp;f_nr=4&amp;id=1053" target="_blank">Webpräsenz von Annemone Ligensa an der Universität Köln</a></li>
<li><a href="http://www.fk615.uni-siegen.de/de/projektleiter.php?pl=27" target="_blank">Webpräsenz von Peter Gendolla an der Universität Siegen</a></li>
<li><a href="http://www.ifkw.uni-muenchen.de/personen/mitarbeiter/wendelin_manuel/index.html" target="_blank">Webpräsenz von Manuel Wendelin an der Universität München</a></li>
</ul>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.rkm-journal.de/archives/4056/feed</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Ellen Dietzsch: Europas Verfassung und die Medien</title>
		<link>http://www.rkm-journal.de/archives/2406</link>
		<comments>http://www.rkm-journal.de/archives/2406#comments</comments>
		<pubDate>Tue, 29 Mar 2011 08:30:16 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Redaktion</dc:creator>
				<category><![CDATA[Einzelrezension]]></category>
		<category><![CDATA[Öffentlichkeit]]></category>
		<category><![CDATA[Berichterstattung]]></category>
		<category><![CDATA[EU-Verfassung]]></category>
		<category><![CDATA[Europa]]></category>
		<category><![CDATA[Europäische Union]]></category>
		<category><![CDATA[Massenmedien]]></category>
		<category><![CDATA[Masterarbeit]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.rkm-journal.de/?p=2406</guid>
		<description><![CDATA[<em>Rezensiert von Hans-Jörg Trenz</em>

<a href="http://www.rkm-journal.de/archives/2406"><img class="alignleft size-full wp-image-4722" title="dietzsch" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2010/02/dietzsch.jpg" alt="" width="160" height="228" /></a>Im deutschen Verlagswesen finden sich neuerdings auffallend viele Veröffentlichungen studentischer Qualifikationsarbeiten, die, wie im vorliegenden Fall, als wissenschaftliche Beiträge angepriesen werden, ohne auf die Eigenart dieser Publikationen hinzuweisen. Dabei muss Kalkulation unterstellt werden. Verleger rechnen mit der Vielzahl von Neuerscheinungen und nicht mit der Auflage. Für die Autoren bietet sich die Möglichkeit, gute Examensnoten mit einer Buchpublikation zu verbinden und vielleicht auch noch über Google und Amazon öffentlich sichtbar zu werden. Die Investition in Druckkostenzuschüsse mag sich dann auch für eine außeruniversitäre Karriereplanung schon einmal auszahlen. Lediglich die akademische Gemeinschaft kann von dieser Aufblähung des wissenschaftlichen Buchmarkts kaum profitieren und auch die Bibliotheken sind oftmals die Verlierer, wenn sie als potentielle Käufer ihre begrenzten Budgets für die Anschaffung dieser Werke zur Verfügung stellen. <a href="http://www.rkm-journal.de/archives/2406">[Mehr]</a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Rezensiert von Hans-Jörg Trenz</em></p>
<p><a href="http://www.rkm-journal.de/archives/2406"><img class="alignleft size-full wp-image-4722" title="dietzsch" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2010/02/dietzsch.jpg" alt="" width="160" height="228" /></a>Im deutschen Verlagswesen finden sich neuerdings auffallend viele Veröffentlichungen studentischer Qualifikationsarbeiten, die, wie im vorliegenden Fall, als wissenschaftliche Beiträge angepriesen werden, ohne auf die Eigenart dieser Publikationen hinzuweisen. Dabei muss Kalkulation unterstellt werden. Verleger rechnen mit der Vielzahl von Neuerscheinungen und nicht mit der Auflage. Für die Autoren bietet sich die Möglichkeit, gute Examensnoten mit einer Buchpublikation zu verbinden und vielleicht auch noch über Google und Amazon öffentlich sichtbar zu werden. Die Investition in Druckkostenzuschüsse mag sich dann auch für eine außeruniversitäre Karriereplanung schon einmal auszahlen. Lediglich die akademische Gemeinschaft kann von dieser Aufblähung des wissenschaftlichen Buchmarkts kaum profitieren und auch die Bibliotheken sind oftmals die Verlierer, wenn sie als potentielle Käufer ihre begrenzten Budgets für die Anschaffung dieser Werke zur Verfügung stellen.</p>
<p>Über diese kleine, eigenständige von Ellen Dietzsch vorgelegte Studie sei deshalb nur so viel gesagt, dass sie den Qualifikationskriterien einer Masterarbeit vollauf genügt. Die Arbeit ist von ihren Prüfern offensichtlich wohlwollend aufgenommen worden, und dieses Urteil soll hier auch gar nicht erst in Frage gestellt werden. Der Autorin ist Sorgfalt und Fleiß in der Abfassung ihrer Studie zu bescheinigen und das anspruchsvolle Forschungsdesign zeugt von einem ernsthaften wissenschaftlichen Bemühen. Auch das Thema der Arbeit ist ansprechend.</p>
<p>Die Massenmedien haben für die Politikvermittlung und Generierung von Legitimität des europäischen Integrationsprozesses an Bedeutung gewonnen. Insbesondere in der Ratifizierung des europäischen Verfassungsvertrags sind die Wirkungszusamenhänge und Dynamiken massenmedialer Öffentlichkeit in Erscheinung getreten. Frankreich und Deutschland bieten sich dabei als Vergleichsstudien an, um unterschiedliche an institutionelle Gelegenheitsstrukturen und Verfahren (Referendum und parlamentarische Ratifizierung) geknüpfte Dynamiken der medialen Vermittlung aufzuzeigen. Die Autorin stützt dabei ihre Bewertung der Berichterstattung auf ein breites Set von Qualitätskriterien medialer Politikvermittlung (Informationsmenge, Relevanz, Vielfalt, Ausgewogenheit, Abgrenzung journalistischer Meinungsbildung), die an den Prozess der Europäisierung angepasst werden.  Damit kann auf das begrenzte Potential der Massenmedien in der Förderung einer europäischen Demokratie und als Katalysator einer europäischen Öffentlichkeit verwiesen werden.</p>
<p>Der Anspruch der Autorin, mit dieser Studie ein Forschungsdefizit aufzugreifen und wichtige Impulse für die vergleichende Medienforschung zu geben, sollte allerdings in wichtigen Punkten relativiert werden. Die Frage nach den Möglichkeitsbedingungen von Öffentlichkeit jenseits des Nationalstaats ist sehr wohl in einer Reihe von Vergleichsstudien behandelt worden, an welche die vorliegende Studie weder konzeptionell noch methodologisch heranreichen kann. Der Umstand, dass sich das Thema nun wachsender Beliebtheit in Masterarbeiten erfreuen darf, zeugt von der Existenz einer soliden Forschungsbasis, die auch in der Lehre zugrundegelegt werden kann. Gerade das Thema der Europäisierung politischer Nachrichtenberichterstattung ist erschöpfend behandelt worden und in der Tat kann die Autorin dem Stand der Forschung kaum neue Erkenntnisse hinzufügen. Hier liegen dann auch die Defizite der Arbeit begründet. Es zeigt sich, dass auch qualifizierte Masterarbeiten eben nur bedingt als wissenschaftliche Publikationen gelten können und auch für eine allgemeine Leserschaft nur schwer zugänglich sind.</p>
<p>Die Ambition der Autorin, einen eigenständigen wissenschaftlichen Beitrag zu leisten, wird durch die notwendiger Weise geringe Reichweite der Studie ausgebremst. Die Diskrepanz zwischen dem anspruchsvollen methodologischen Design der Studie und der geringen Ernte an explikativen Aussagen und theoretischer Erkenntnis ist überdeutlich. Eine sechswöchige Erhebung von Qualitätszeitungen schafft keine solide empirische Grundlage, um die Vergleichbarbeit und Verallgemeinbarkeit der Befunde begründen zu können. Leider ist auch der Forschungsstand nur unzureichend wiedergegeben. Gerade wichtige Vergleichsstudien zum Thema der Europäisierung der Nachrichtenberichterstattung und der massenmedialen Vermittlung des europäischen Verfassungsgebungsprozesses werden nicht rezipiert und überhaupt bleibt die aktuelle Literatur in  dieser im Jahre 2009 publizierten Arbeit weitgehend unberücksichtigt. Eine Kontextualisierung der Befunde ist deshalb schwierig, und die Arbeit ist für das wissenschaftliche Fachpublikum nur von geringem Interesse.</p>
<p><em>Links:</em></p>
<ul>
<li><a href="http://www.tectum-verlag.de/9982_Ellen_Dietzsch_Europas_Verfassung_und_die_Medien_Deutschland_und_Frankreich_im_Vergleich.html" target="_blank">Verlagsinformationen zum Buch </a></li>
<li><a href="http://www.sv.uio.no/arena/english/people/aca/hansjurt/index.html" target="_blank">Webpräsenz von Hans-Jörg Trenz am Arena Centre for European Studies</a></li>
</ul>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.rkm-journal.de/archives/2406/feed</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Frank Bösch; Lucian Hölscher (Hrsg.): Kirchen &#8211; Medien &#8211; Öffentlichkeit</title>
		<link>http://www.rkm-journal.de/archives/2593</link>
		<comments>http://www.rkm-journal.de/archives/2593#comments</comments>
		<pubDate>Fri, 10 Dec 2010 08:00:45 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Redaktion</dc:creator>
				<category><![CDATA[Einzelrezension]]></category>
		<category><![CDATA[Öffentlichkeit]]></category>
		<category><![CDATA[Christentum]]></category>
		<category><![CDATA[Film]]></category>
		<category><![CDATA[Kino]]></category>
		<category><![CDATA[Kirche]]></category>
		<category><![CDATA[Massenmedien]]></category>
		<category><![CDATA[Religion]]></category>
		<category><![CDATA[Religionswissenschaft]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.rkm-journal.de/?p=2593</guid>
		<description><![CDATA[<em>Rezensiert von Daria Pezzoli-Olgiati</em>

<a href="http://www.rkm-journal.de/archives/2593"><img class="alignleft size-full wp-image-4263" title="Ho?lscher_Bo?sch_lay4:0" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2010/03/Bösch-et-al.jpg" alt="" width="160" height="253" /></a>Dieses Buch fokussiert ein Thema, das sowohl aus historischer als auch zeitgenössischer Perspektive bedeutsam ist. Es geht um die Präsenz von religiösen Institutionen in der Öffentlichkeit im Spiegel der Medien. Die Wechselwirkung zwischen Kirchen, Medien und Öffentlichkeit wird in diachroner Perspektive anhand von acht soliden Beiträgen und einer vertieften Einführung untersucht. Die Artikel, die vor allem – aber nicht nur – die Situation in Deutschland seit der Nachkriegszeit untersuchen, sind in drei Teile aufgeteilt. Im Teil I, <em>Mediale Interaktionen zwischen Kirche und Welt</em>, wird das Verhältnis zwischen Kirchen und Medien im Lichte der radikalen Transformationen beleuchtet, die die späten Fünfzigerjahre charakterisieren. Die ausgewählten Studien befassen sich mit dem Verhältnis zwischen journalistischer Berichterstattung und Kirchen in Deutschland (N. Hannig) und mit den berühmten evangelikalen <em>crusades</em> des Billy Grahams in den USA etwa zur gleichen Zeit (U. A. Balbier). <a href="http://www.rkm-journal.de/archives/2593">[Mehr]</a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Rezensiert von Daria Pezzoli-Olgiati</em></p>
<p><a href="http://www.rkm-journal.de/archives/2593"><img class="alignleft size-full wp-image-4263" title="Ho?lscher_Bo?sch_lay4:0" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2010/03/Bösch-et-al.jpg" alt="" width="160" height="253" /></a>Dieses Buch fokussiert ein Thema, das sowohl aus historischer als auch zeitgenössischer Perspektive bedeutsam ist. Es geht um die Präsenz von religiösen Institutionen in der Öffentlichkeit im Spiegel der Medien. Die Wechselwirkung zwischen Kirchen, Medien und Öffentlichkeit wird in diachroner Perspektive anhand von acht soliden Beiträgen und einer vertieften Einführung untersucht. Die Artikel, die vor allem – aber nicht nur – die Situation in Deutschland seit der Nachkriegszeit untersuchen, sind in drei Teile aufgeteilt.</p>
<p>Im Teil I, <em>Mediale Interaktionen zwischen Kirche und Welt</em>, wird das Verhältnis zwischen Kirchen und Medien im Lichte der radikalen Transformationen beleuchtet, die die späten Fünfzigerjahre charakterisieren. Die ausgewählten Studien befassen sich mit dem Verhältnis zwischen journalistischer Berichterstattung und Kirchen in Deutschland (N. Hannig) und mit den berühmten evangelikalen <em>crusades</em> des Billy Grahams in den USA etwa zur gleichen Zeit (U. A. Balbier).</p>
<p>Teil II, <em>Visuelle Entwürfe von Kirche und Religion,</em> untersucht die intensiven, dichten Auseinandersetzungen zwischen Kino und Kirche und die Transformationen, die die bewegten Bilder in der öffentlichen Darstellung von Religiösem und Kirchlichem bewirkt haben. Dieser Teil vermag die Leserin besonders zu überzeugen. Das Visuelle wird hier mit dem Film identifiziert; die Engführung korrespondiert mit einer vielschichtigen Betrachtung der Interaktion zwischen Visuellem und Religion am Beispiel eines religiösen Motivs im Film (B. Städter), mit einer besonderen Form der Filmrezeption – der Zensur und ihrer Wirkung – (J. Kniep) und schließlich mit einer ausgezeichneten Gesamtsicht auf die filmische Produktion der Sechzigerjahre und deren provokative Verweise auf christliche Traditionen und Moralvorstellungen (R. Zwick).</p>
<p>Im Teil III, <em>Semantiken kirchlicher Medien und Öffentlichkeit</em>, werden einerseits wieder Printmedien in der Gestalt von kirchlichen Zeitschriften (S.-D. Gettys), andererseits evangelische und katholische Akademien (T. Mittmann, S. Böhm) thematisiert. Auch hier gilt die Aufmerksamkeit der Rolle, Wirkung und Präsenz von Medien und Institutionen in der Öffentlichkeit. Die Auswahl der Beiträge unterstützt einen weiterführenden Vergleich zwischen der ehemaligen BDR und DDR.</p>
<p>Die Einführung bettet diese unterschiedlichen Einblicke in Aspekte der komplexen Wechselwirkung zwischen Medien, Kirchen und Öffentlichkeit ein (F. Bösch/L. Hölscher). Die Herangehensweise an die Thematik ist differenziert; Transformationsprozesse in den Medien, in den kirchlichen Institutionen und im kulturellen Umfeld werden auf ihre gegenseitigen Einflüsse hinterfragt: &#8220;Insofern geht der Band der Leitfrage nach, welche Deutungen die öffentliche Kommunikation insbesondere in den &#8216;langen sechziger Jahren&#8217; über die Kirchen und die Religion aufbrachten und wie die Kirchen auf den Wandel der Öffentlichkeit reagierten&#8221; (11).</p>
<p>Dieser Sammelband leistet einen originellen und gut strukturierten Einblick in die Thematik. Auf einer theoretischen Ebene leistet er einen überzeugenden Beitrag zu einer kulturwissenschaftlichen Annäherung an Religion am Beispiel der christlichen Kirchen als Systeme, die eng mit anderen gesellschaftlichen Bereichen interagieren, indem auf eine schematische Trennung zwischen &#8216;Medien&#8217; und &#8216;Religion&#8217; verzichtet wird. Beispielsweise wird Kirche sowohl als Institution als auch als breiteres soziales Umfeld sowie als Element der Öffentlichkeit betrachtet. Methodisch bringt die Beschränkung auf eine Definition von Medien als Massenmedien Klarheit.</p>
<p>Die Herausgeber und ihre Autorinnen und Autoren präsentieren ein lesenswertes, dichtes Werk, das dazu beiträgt, die historischen Voraussetzungen der aktuellen Debatte um die Präsenz der Religion in der Öffentlichkeit und die damit verbundenen Konfliktpotentiale anhand von zentralen Fallsbeispielen zu verstehen.</p>
<p><em>Links:</em></p>
<ul>
<li><a href="http://www.wallstein-verlag.de/9783835305045.html" target="_blank">Verlagsinformationen zum Buch</a></li>
<li><a href="http://www.uni-giessen.de/cms/fbz/fb04/institute/geschichte/fachjournalistik/personen/-1p-4hi-5fj-8p-p45-" target="_blank">Webpräsenz von Frank Bösch an der Universität Gießen</a></li>
<li><a href="http://www.ruhr-uni-bochum.de/lehrstuhl-ng3/" target="_blank">Webpräsenz von Lucian Hölscher an der Universität Bochum</a></li>
<li><a href="http://www.religionswissenschaft.uzh.ch/medien/pezzoli.htm" target="_blank">Webpräsenz von Daria Pezzoli-Olgiati an der Universität Zürich</a></li>
<li><a href="http://www.zrwp.ch/" target="_blank">ZRWP &#8211; Zentrum für Religion, Wirtschaft und Politik</a></li>
</ul>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.rkm-journal.de/archives/2593/feed</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Christoph Meißelbach: Web 2.0 &#8211; Demokratie 3.0?</title>
		<link>http://www.rkm-journal.de/archives/2395</link>
		<comments>http://www.rkm-journal.de/archives/2395#comments</comments>
		<pubDate>Tue, 17 Aug 2010 10:11:35 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Redaktion</dc:creator>
				<category><![CDATA[Einzelrezension]]></category>
		<category><![CDATA[Öffentlichkeit]]></category>
		<category><![CDATA[Demokratie]]></category>
		<category><![CDATA[Digitale Demokratie]]></category>
		<category><![CDATA[Digitalisierung]]></category>
		<category><![CDATA[Information]]></category>
		<category><![CDATA[Internet]]></category>
		<category><![CDATA[Kommunikationswissenschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>
		<category><![CDATA[Soziologie]]></category>
		<category><![CDATA[Web 2.0]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.rkm-journal.de/?p=2395</guid>
		<description><![CDATA[ <em>Rezensiert von Christoph Bieber</em>

<a href="http://www.rkm-journal.de/archives/2395"><img class="alignleft size-full wp-image-3494" title="Meißelbach2009" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2010/02/Meißelbach20091.jpg" alt="" width="160" height="222" /></a>

Der Ende 2009 erschienene Band mit dem zahlenspielerischen Titel <em>Web 2.0 – Demokratie 3.0?</em> versucht sich an einer schwierigen Aufgabe. Auf gerade mal 126 Seiten (zuzüglich eines 20-seitigen Literaturverzeichnisses) setzt sich der Autor mit demokratischen Potenzialen des Internets auseinander, stellt dabei die technologischen Grundlagen der "GKI" (der Globalen Kommunikations-Infrastruktur) vor, strukturiert den Gegenstand entlang politik- wissenschaftlicher  und soziologischer Großtheorien, evaluiert Theorie und Empirie der digitalen Demokratie und wagt unter der etwas bemüht klingenden Überschrift "Politische Software – Es sind Updates verfügbar!" auch noch einen Ausblick in die Zukunft der politschen Online-Nutzung. <a href="http://www.rkm-journal.de/archives/2395">[Mehr]</a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Rezensiert von Christoph Bieber</em></p>
<p><em><a href="http://www.rkm-journal.de/archives/2395"><img class="alignleft size-full wp-image-3494" title="Meißelbach2009" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2010/02/Meißelbach20091.jpg" alt="" width="160" height="222" /></a></em></p>
<p>Der Ende 2009 erschienene Band mit dem zahlenspielerischen Titel <em>Web 2.0 – Demokratie 3.0?</em> versucht sich an einer schwierigen Aufgabe. Auf gerade mal 126 Seiten (zuzüglich eines 20-seitigen Literaturverzeichnisses) setzt sich der Autor mit demokratischen Potenzialen des Internets auseinander, stellt dabei die technologischen Grundlagen der &#8220;GKI&#8221; (der Globalen Kommunikations-Infrastruktur) vor (Kap. 3), strukturiert den Gegenstand entlang politik- wissenschaftlicher (7. Kap.) und soziologischer (8. Kap.) Großtheorien, evaluiert Theorie und Empirie der digitalen Demokratie und wagt unter der etwas bemüht klingenden Überschrift &#8220;Politische Software – Es sind Updates verfügbar!&#8221; auch noch einen Ausblick in die Zukunft der politschen Online-Nutzung.</p>
<p>Angesichts dieses Tableaus scheint ein <em>agenda overload</em> unvermeidlich, und tatsächlich dürften sich die informierteren Leser fragen, ob die ausführliche Darstellung von &#8220;Diensten und Anwendungen&#8221; oder &#8220;basale Merkmale netzbasierter Kommunikation&#8221; notwendig waren, beziehungsweise wann denn nun neue Ideen, Quellen oder Einschätzungen und Modellierungen folgen mögen. Die Gliederung deutet auf die umständlichen Gene einer Qualifikationsarbeit hin und daher sollte man gar nicht so sehr den Autor als vielmehr den (oder die) Betreuer dafür kritisieren, dass die technologisch und kommunikations- wissenschaftlichen Deskriptionen (Kap. 3 bis 5) den durchaus spannenden Versuchen einer (demokratie)theoretischen Modellierung den Platz wegnehmen.</p>
<p>Dabei ist der Autor sehr wohl in der Lage, angesichts dieser Herkulesaufgabe in einem in den vergangenen Jahren zwar randständig, aber eben doch auch produktiv bearbeiteten Arbeitsbereich den Überblick zu behalten. Er pendelt zwischen der sich ständig selbst überholenden technologischen Empirie und dem ungleich haltbareren Katalog demokratie- und gesellschaftstheoretischer Entwürfe, insbesondere die zahlreichen Schaubilder sorgen für Klärung, da sie an verschiedenen Stellen synoptische Funktionen übernehmen.</p>
<p>Einen wichtigen Schlüssel für die Auseinandersetzung mit den Implikationen kompetitiver, pluralistischer und partizipatorischer Demokratietheorien liefert Meißelbach mit Hilfe der vier &#8220;Informationsfluss-Muster&#8221; Allokution, Konsultation, Registration und Konversation (45ff.). Dabei greift er auf zahlreiche Vorarbeiter zurück, die bereits vor fünf bis zehn Jahren festgestellt haben, dass die Neukonfiguration gesellschaftlicher Kommunikations- ströme auch die Verfassung demokratischer Systeme beeinflussen könnte. Insofern geht die Betrachtung zwar über &#8220;bislang verfügbare ad hoc-Argumentationen hinaus&#8221; (Klappentext), doch fügt sie der Debatte nur bedingt neue Impulse hinzu.</p>
<p>Dabei ließe sich die Diskussion um theoretische und empirische Implikationen der Digitalisierung durchaus anreichern, auch ohne eigenes empirisches Material zu erheben. So hätte es genügt, der eher theorie- und potenzialorientierten &#8220;europäischen&#8221; Linie den eher praxisorientierten US-amerikanischen Spiegel vorzuhalten – etwa so, wie es Howard Rheingold während seines in der deutschsprachigen Fachdebatte leider nicht angekommenen &#8220;Stanforder Disputs&#8221; mit Jürgen Habermas versucht hatte. So resultiert schließlich eine zwar anerkennenswerte Zusammenschau diverser demokratietheoretischer Zugriffe auf das Feld der digitalen Demokratie, deren Praxisferne sich jedoch schon im Schlusskapitel offenbart.</p>
<p>Der ausblickende Abschnitt zur &#8220;Politischen Software&#8221; und besonders das darin skizzierte &#8220;Bürgerportal&#8221; als (verwaltungsgebundenes) Rückgrat erscheint leider wenig realistisch – hier macht sich bemerkbar, dass aufgrund der Fokussierung auf die Kopplung des &#8220;GKI&#8221; mit den sozialwissenschaftlichen Groß-Theorien eine aktuelle Bestandsaufnahme mit der empirischen Dimension der digitalen Demokratie nicht hat stattfinden können. Denn längst sind die von Meißelbach modellierten Flussmuster in zahlreichen Prozessen, Strukturen und mit der Entstehung des neuen Politikfeldes &#8220;Digitale Bürgerrechte&#8221; auch auf der Inhaltsebene manifest geworden – ein solcher &#8216;reality check&#8217; wäre ein natürlicher Anschluss für die hier vorgelegte Basisarbeit, der von den Zwängen des Formats erheblicher Gestaltungsraum genommen wurde.</p>
<p><em>Links:</em></p>
<ul>
<li><a href="http://www.nomos-shop.de/productview.aspx?product=11965" target="_blank">Verlagsinformationen zum Buch</a></li>
<li><a href="http://tu-dresden.de/Members/christoph.meisselbach" target="_blank">Webpräsenz von Christoph Meißelbach an der TU Dresden</a></li>
<li><a href="http://www.uni-giessen.de/cms/fbz/fb03/institute/institut-fur-politikwissenschaft/Personen/bieber" target="_blank">Webpräsenz von Christoph Bieber an der Universität Gießen</a></li>
</ul>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.rkm-journal.de/archives/2395/feed</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Hannelore Bublitz: Im Beichtstuhl der Medien</title>
		<link>http://www.rkm-journal.de/archives/3585</link>
		<comments>http://www.rkm-journal.de/archives/3585#comments</comments>
		<pubDate>Fri, 30 Jul 2010 09:43:40 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Redaktion</dc:creator>
				<category><![CDATA[Einzelrezension]]></category>
		<category><![CDATA[Authentizität]]></category>
		<category><![CDATA[Öffentlichkeit]]></category>
		<category><![CDATA[Goffman]]></category>
		<category><![CDATA[Mediensoziologie]]></category>
		<category><![CDATA[Simmel]]></category>
		<category><![CDATA[Subjekttheorie]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.rkm-journal.de/?p=3585</guid>
		<description><![CDATA[<em>Rezensiert von Claudia Schirrmeister</em>

<a href="http://www.rkm-journal.de/archives/3585"><img class="alignleft size-full wp-image-3586" title="Bublitz" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2010/07/Bublitz.jpg" alt="" width="160" height="267" /></a><em>Im Beichtstuhl der Medien</em> lautet der Titel des von der Paderborner Soziologie-Professorin Hannelore Bublitz vorgelegten Bandes – um sogleich die Erwartungen des Lesers in die Irre zu führen, wäre da nicht der Untertitel <em>Die Produktion des Selbst im öffentlichen Bekenntnis</em>. Der Beichtstuhl steht gemeinhin für aufrichtige und inhaltlich ernste Selbstthematisierungen, eingebettet in einen institutionell vorgegebenen, jahrhundertealten Rahmen – ein sozialer und juristischer Schutzraum, formal vergleichbar mit der Praxis eines Psychologen oder der Kanzlei eines Anwalts. Auch wenn Hannelore Bublitz den Beichtstuhl als "mediale Apparatur" bezeichnet, stellt sich die Frage, ob der Besprechungstisch eine ebensolche darstellt – gilt ihr Augenmerk doch den elektronischen Medien, vor allem dem Fernsehen und, eher am Rande, dem Internet. Diese Medien hingegen scheinen einen Kontrast zur Situation in einem Beichtstuhl zu liefern, wie er krasser kaum ausfallen kann, widerspricht doch die geheimnisgeschützte religiöse Beichte der ostentativen Öffentlichkeit einer Fernsehsendung. <a href="http://www.rkm-journal.de/archives/3585">[Mehr]</a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Rezensiert von Claudia Schirrmeister</em></p>
<p><a href="http://www.rkm-journal.de/archives/3585"><img class="alignleft size-full wp-image-3586" title="Bublitz" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2010/07/Bublitz.jpg" alt="" width="160" height="267" /></a><em>Im Beichtstuhl der Medien</em> lautet der Titel des von der Paderborner Soziologie-Professorin Hannelore Bublitz vorgelegten Bandes – um sogleich die Erwartungen des Lesers in die Irre zu führen, wäre da nicht der Untertitel <em>Die Produktion des Selbst im öffentlichen Bekenntnis</em>. Der Beichtstuhl steht gemeinhin für aufrichtige und inhaltlich ernste Selbstthematisierungen, eingebettet in einen institutionell vorgegebenen, jahrhundertealten Rahmen – ein sozialer und juristischer Schutzraum, formal vergleichbar mit der Praxis eines Psychologen oder der Kanzlei eines Anwalts. Auch wenn Hannelore Bublitz den Beichtstuhl als &#8220;mediale Apparatur&#8221; (66) bezeichnet, stellt sich die Frage, ob der Besprechungstisch eine ebensolche darstellt – gilt ihr Augenmerk doch den elektronischen Medien, vor allem dem Fernsehen und, eher am Rande, dem Internet. Diese Medien hingegen scheinen einen Kontrast zur Situation in einem Beichtstuhl zu liefern, wie er krasser kaum ausfallen kann, widerspricht doch die geheimnisgeschützte religiöse Beichte der ostentativen Öffentlichkeit einer Fernsehsendung.</p>
<p>Der Autorin geht es nicht erster Linie darum, zu untersuchen,<em> was</em> in welchem Kontext offenbart wird, sondern – siehe Untertitel – <em>wie</em> sich die Person selbstthematisiert und darstellt, um die Konstruktion bzw. Konstitution des Selbst, man kann sagen: mit Hilfe der elektronischen Medien, voranzutreiben.</p>
<p>Mit anderen Menschen (über sich) sprechen, in sozialen Situationen handeln und sich verbal wie nonverbal äußern, erzeugt Identität und Selbst-Bewusstsein; man betrachtet und klassifiziert sich im Auge des Betrachters, so das zugrunde gelegte Axiom. Wird man nicht gesehen, ist man (sozial) nicht existent (196) – bislang hauptsächlich als leidiges Prominentenschicksal bekannt. Diese Selbstkonstruktion ist typisch menschlich, wenngleich in der Kontingenz der Postmoderne die Urteile und Bewertungskategorien bei weitem nicht mehr derart feststehen bzw. leicht abgerufen werden können wie in der Vergangenheit, wo mitunter allein die Kleidung verlässliche Hinweise auf die soziale Einbindung und die Eigenschaften einer Person gab. Damit macht sich in der Gegenwart Unsicherheit auch hinsichtlich der eigenen Identität breit. Das vermehrte Aufkommen von Selbsterfahrungskursen und -gruppen sind eindeutige Zeichen dafür.</p>
<p>Bublitz nun zeigt mit Jacques Lacan, dass die Herstellung von Selbst-Bewusstsein ebenso in den Medien gegenüber einer anonymen Masse und gegenüber den TV-Akteuren, mit denen es der Medienkandidat aus dem Volk im direkten Gespräch zu tun hat, gelingt. Sie möchte darauf hinaus, dass bei einem Sich-Darstellen im Fernsehen die Entwicklung eines von den Anderen als positiv bewerteten Selbst, welches sich dann auf den Darsteller übertragt (der <em>looking-glass-effect</em> nach Cooley), möglich ist. Die Zuschreibung des begehrten positiven Urteils bedingt jedoch einerseits ein systemkonformes Verhalten des Darstellers, andererseits aber gleichzeitig ein flexibles und einfallsreiches Verhalten. Diese &#8220;Persönlichkeiten&#8221; (216) sind gewünscht und werden gefördert, sie können aus ihrem Auftritt soziales und ökonomisches Kapital schlagen. Im Prinzip ist diese Kombination keine medienspezifische Vorgabe: Flexibilität bei gleichzeitiger Anpassung verlangt auch die postmoderne Gesellschaft vom Erfolgstrebenden, wie dies schon Richard Sennett Ende der 1990er Jahre dargelegt hat.</p>
<p>Es handelt sich also keineswegs um publikumsgeile dumme Trottel, die sich öffentlich präsentieren, womit sich Bublitz scharf gegen Umberto Eco und die feuilletonistische Pathologisierung dieser Personen wendet, vielmehr sind sie clevere und kreative Menschen, die versuchen, für sich über andere an Wert zu gewinnen und eine – wenn nur kurzfristige – soziale Verortung ihrer selbst zu erreichen. Das potenzielle &#8220;Selbstopfer&#8221; kann zur &#8220;lohnenden Investition&#8221; werden (217), wobei man sich fragen muss, was denn eigentlich &#8216;geopfert&#8217; wird? Authentizität, so die Soziologin, ist dabei nicht gefragt und wird ebenfalls von niemandem erwartet: Die Präsentation muss lediglich <em>echt wirken</em>. Die Enthüllung als &#8220;Biographiegenerator&#8221; im Sinne Alois Hahns hat in dieser Flüchtigkeit natürlich ausgedient.</p>
<p>Der Mensch als medienrezipientengerechter Simulant – ist das so neu?</p>
<p>Abhebend von der historisch gewachsenen Trennung zwischen Privatheit und Öffentlichkeit, welche sich laut Bublitz in der Postmoderne auflöst, der Bedeutung von Selbstthematisierungen und Fremdbeobachtungen an sich – die Autorin verweist hier auf das von Michel Foucault aufgegriffene Bentham&#8217;sche Panopticon – und der Entwicklung von Selbststrategien am Beispiel des Flaneurs, dokumentiert sie gesellschaftliche Grenzverschiebungen, die sich schließlich im geforderten Verhalten einer selbstbewussten, sozial erfolgreichen Person spiegeln, sie beeinflussen und letztlich bestimmen. Die Suche in der Unsicherheit der Welt nach einer – was ist das eigentlich? – fixen (?) Identität, nach einer eigenen &#8220;Marke&#8221;, womit man soziale Unikate bereits in der Vergangenheit noch ganz ohne ökonomische Gedanken bezeichnete, treibt die postmoderne Person um und lässt sie im historischen Vergleich zu unkonventionellen Mitteln ihrer Selbstpräsentation greifen. Die Konstruktion des Selbst liegt mehr denn je, so scheint es mit Bublitz, in der jeweils eigenen Hand – und der der anderen. Hält die von Hannelore Bublitz in Kapitel V eingehend und besonders in der Analyse des Verhaltens des Moderators bzw. des institutionell legitimierten Gesprächspartners Jürgen Domian gewinnbringend untersuchte Talkshow <a href="http://www.einslive.de/sendungen/domian/" target="_blank">Domian</a> noch die kommunikative Grundstruktur der traditionellen Beichtsituation mit einem &#8216;Happy End&#8217; aufrecht, wobei sich das per Telefon zugeschaltete Beichtkind systemgerecht und natürlich &#8216;echt&#8217; verhalten muss, so ist in mancher Casting-Show alle gezeigte Konformität und Kreativität vergebens – wenn sie denn eben nicht echt, echt genug wirkt.</p>
<p>Nochmals: Ist dieses Prinzip der Selbstkreation so neu, wie die Lektüre vermuten lässt? Das Selbst des Menschen verkörpert sich in vielen sozialen Rollen, die Vorgabe von Authentizität war in vielen Belangen schon in früheren Zeiten ausreichend für das Gelingen eines tragfähigen Miteinanders und das Aufrechterhalten einer in der Rolle stimmigen, wenn gleich sich im Ganzen womöglich teilweise widersprechenden Identität. Die Vorder- und Hinterbühnenmetaphorik, die Bublitz benutzt, das Agieren in Rollen, das nicht immer authentisch sein, aber echt erscheinen muss, hat Erving Goffman auch für den Alltagsmenschen anschaulich postuliert. In ihrer Argumentation verweist Bublitz auf dessen Arbeiten jedoch nicht. Ebenso wenig auf Georg Simmel, der die Zurückhaltung authentischen Verhaltens zugunsten einer distanzierten, aufrichtig erscheinenden Selbstdarstellung als erworbene Eigenschaft des sozial tauglichen Alltagsmenschen in der Moderne beschreibt. Der Mensch hat zur Selbstdarstellung also immer schon Theater gespielt; in der postmodernen Gesellschaft weiß man offenbar darum und erwartet keine authentische Präsentation mehr, sondern ist mit guter Darstellung derselben bestens zufrieden. Die Person wird zur &#8220;personae&#8221; (220f.); diese Wandlung beschreibt die Autorin sehr überzeugend. Die paradoxerweise gewünschte Persönlichkeit vergeht, auch weil so viele Reflexionsmöglichkeiten, so viele Spiegel existieren; sie muss also gespielt werden – so ließe sich Bublitz&#8217; These zusammenfassen.</p>
<p>Es gibt allerdings immer noch Situationen, in denen authentisches Verhalten verlangt wird – so zumindest die Hoffnung der Rezensentin. Wie wohl der in den Medien soziales Kapital erworbene Held damit zurechtkommt? Lernt er vielleicht in der psychotherapeutischen Praxis eine weitere Rolle?</p>
<p><em>Links</em>:</p>
<ul>
<li><a href="http://www.transcript-verlag.de/ts1371/ts1371.php" target="_blank">Verlagsinformationen zum Buch</a></li>
<li><a href="http://kw.uni-paderborn.de/institute-einrichtungen/institut-fuer-humanwissenschaften/soziologie/personal/bublitz/" target="_blank">Webpräsenz von Hannelore Bublitz an der Universität Paderborn</a></li>
<li><a href="http://www.uni-due.de/geisteswissenschaften/mitarbeiter_schirrmeister_index.shtml" target="_blank">Webpräsenz von Claudia Schirrmeister an der Universität Duisburg-Essen</a></li>
</ul>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.rkm-journal.de/archives/3585/feed</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Cass R. Sunstein: Infotopia</title>
		<link>http://www.rkm-journal.de/archives/646</link>
		<comments>http://www.rkm-journal.de/archives/646#comments</comments>
		<pubDate>Fri, 12 Feb 2010 10:32:51 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Redaktion</dc:creator>
				<category><![CDATA[Einzelrezension]]></category>
		<category><![CDATA[Öffentlichkeit]]></category>
		<category><![CDATA[Ökonomie]]></category>
		<category><![CDATA[Deliberation]]></category>
		<category><![CDATA[Information]]></category>
		<category><![CDATA[Internet]]></category>
		<category><![CDATA[Open Source]]></category>
		<category><![CDATA[Recht]]></category>
		<category><![CDATA[Wikis]]></category>
		<category><![CDATA[Wissensgesellschaft]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.rkm-journal.de/?p=646</guid>
		<description><![CDATA[<em>Rezensiert von Rainer Kuhlen</em>

<a href="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2009/06/sunnstein2009.jpg"><img class="alignleft size-full wp-image-2076" title="sunnstein2009" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2009/06/sunnstein2009.jpg" alt="" width="160" height="266" /></a>Von den richtigen Leuten zitiert zu werden, ist eine Freude für Autoren. Dass James Boyle in seinem Buch <em>The Public Domain</em> das Kapitel 8 zur "verteilten Kreativität" mit dem Hinweis auf Yochai Benklers <em>The Wealth of Networks</em> beginnt, ist recht und und billig. Benklers Grundzüge einer "commons-based economy", in der sich über "peer production" neuen Formen verteilter Kreativität entfalten können, ist in der Tat das Standardwerk zu diesem Thema. Aber gleich im nächsten Absatz heißt es: "Benkler's work is hardly the only resource however. Other fine works covering some of the same themes include: Cass R. Sunstein, <em>Infotopia: How Many Minds Produce Knowledge</em> (New York: Oxford University Press, 2006)". Das hat Cass R. Sunstein bestimmt gefreut. Sein Buch liegt jetzt mit dem gleichen Titel und dem Untertitel "Wie viele Köpfe Wissen produzieren" im Suhrkamp-Verlag vor, aus dem Amerikanischen flüssig und ohne erkennbare Einbuße übersetzt von Robin Celikates und Eva Engels. <a href="http://www.rkm-journal.de/archives/646">[Mehr]</a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Rezensiert von Rainer Kuhlen</em></p>
<p><a href="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2009/06/sunnstein2009.jpg"><img class="alignleft size-full wp-image-2076" title="sunnstein2009" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2009/06/sunnstein2009.jpg" alt="" width="160" height="266" /></a>Von den richtigen Leuten zitiert zu werden, ist eine Freude für Autoren. Dass James Boyle in seinem Buch <em>The Public Domain</em> (2008) das Kapitel 8 zur &#8220;verteilten Kreativität&#8221; mit dem Hinweis auf Yochai Benklers <em>The Wealth of Networks</em> (2006) beginnt, ist recht und und billig. Benklers Grundzüge einer &#8220;commons-based economy&#8221;, in der sich über &#8220;peer production&#8221; neuen Formen verteilter Kreativität entfalten können, ist in der Tat das Standardwerk zu diesem Thema. Aber gleich im nächsten Absatz (286) heißt es: &#8220;Benkler&#8217;s work is hardly the only resource however. Other fine works covering some of the same themes include: Cass R. Sunstein, <em>Infotopia: How Many Minds Produce Knowledge</em> (New York: Oxford University Press, 2006)&#8221;. Das hat Cass R. Sunstein bestimmt gefreut. Sein Buch liegt jetzt mit dem gleichen Titel und dem Untertitel &#8220;Wie viele Köpfe Wissen produzieren&#8221; im Suhrkamp-Verlag vor, aus dem Amerikanischen flüssig und ohne erkennbare Einbuße übersetzt von Robin Celikates und Eva Engels.</p>
<p>Dass Sunstein sich im Vorwort besonders für die Unterstützung von Lawrence Lessig bedankt, schließt den Kreis. Gleich Boyle, Benkler, Lessig (und vielen anderen), geht es Sunstein darum, die Potenziale von Deliberation (&#8220;eine altehrwürdige Form der Interaktion&#8221;) im Kontext des Internet neu zu überprüfen. Für &#8220;Deliberation&#8221; hat sich in den letzten Jahren auch der Ausdruck &#8220;Kollaboration&#8221; durchgesetzt – in Deutschland, sicher auch in Frankreich, hat man sich damit etwas schwerer getan, weil das Wort sofort die Assoziation zu den &#8220;Kollaborateuren&#8221; (den Vaterlandsverrätern im Vichy-Regime) weckte. Es geht aber darum, die These zu belegen, dass in kollaborativ arbeitenden, deliberativen Gruppen &#8220;ein Ergebnis mit einiger Wahrscheinlichkeit viel besser ist, wenn Informationen auf die richtige Weise von vielen verschiedenen Personen aggregiert werden&#8221; (10).</p>
<p>In der Kollaborationstheorie des E-Learning, worauf Sunstein aber nicht explizit eingeht, wird das &#8220;aggregiert&#8221; oft noch offensiver verstanden, und zwar in dem Sinne, dass das in deliberativen Gruppen erzeugte Wissen mehr ist als die Summe des Wissens der einzelnen Personen in diesen Gruppen. Wie auch immer, auch eine gute Aggregation wäre schon ein gutes Ergebnis. Die Übersetzer haben übrigens gezögert, &#8220;deliberating groups&#8221; direkt als &#8220;deliberative Gruppen&#8221; stehen zu lassen. Anders als das Substantiv sei das Adjektiv bislang nicht eingeführt. Allerdings deckt die vorgeschlagene Übersetzung &#8220;diskutierende Gruppen&#8221; den Mehrwert von deliberativen Prozessen nicht vollständig ab. Es geht ja nicht primär ums Diskutieren oder um Kommunikationsprozesse (Sunstein rekurriert hier etwas verkürzt auf Jürgen Habermas), sondern um den aggregierten oder sogar gesteigerten Wissenszuwachs durch informationelle Austauschprozesse.</p>
<p>Sunstein ist von der Richtigkeit der These überzeugt, die von ihm ursprünglich aus dem ökonomischen Bereich der Marktprognosen entwickelt und in <em>Infotopia</em> verallgemeinert wurde: Der Zugang zu verstreuten Informationen kann &#8220;letztlich zu vernünftigeren Entscheidungen sowohl auf Märkten als auch in der Politik&#8221; führen (10). Aber Sunstein weiß auch, dass deliberative Prozesse, wenn unzulänglich durchgeführt, zu suboptimalen, oft sogar fatalen Resultaten führen können. Nicht umsonst hat Sunstein mit dem Hinweis auf &#8220;die richtige Weise&#8221; der Deliberation gleich den Riegel vor zu optimistischen Erwartungen vorgeschoben.</p>
<p>Das Buch ist voll von diesen Beispielen des &#8220;überraschenden Versagens deliberativer Gruppen&#8221; (Kapitel 2 und 3) – theoretisch zum Beispiel fundiert in der Auseinandersetzung mit den empirischen Ergebnissen der von Irving Janos initiierten &#8220;groupthink-theory&#8221; (&#8220;Gruppendenken-Theorie&#8221;), durch die nachgewiesen werden konnte, dass unter sozialem Druck oft genug &#8220;gedankenlose Einhelligkeit und gefährliche Selbstzensur&#8221; gefördert wird (24). Das bekannteste negative Beispiel sind die der Schweinebucht-Initiative vorangehenden &#8220;Deliberationen&#8221; im Kennedy-Zirkel – positiv dann wohl die Deliberationen, ebenfalls im Kennedy-Zirkel, im Zusammenhang der anderen, noch dramatischeren Kuba-/Raketen-Krise. Sunstein verwendet als Gegenpol zu den produktiven deliberativen Gruppen die Bezeichnung &#8220;Informationskokons&#8221;, die er in vielen Unternehmen vorgefunden hat. Das sind für ihn ebenfalls kommunikative Welten, aber solche, in denen wir nur das an Information aufnehmen, was uns beruhigt und zusagt – also nur das, was an sich schon Vorhandenes lediglich fortspinnt.</p>
<p>Sunsteins Buch ist also keineswegs eine bedingungslose Verteidigung der Überlegenheit von deliberativen Prozessen. Zu oft wird die &#8220;richtige Weise&#8221; nicht gefunden. Als zentrale Quellen des Versagens deliberativer Prozesse macht Sunstein aus, dass zum einen viele Menschen nicht in der Lage oder nicht willens sind, ihre eigene Position, auch wenn sie sie an sich für richtig halten, gegenüber der Mehrheitsmeinung oder der Meinung einer Autoritätsperson geltend zu machen. Oft wird auch nichts gesagt, wenn das Sagen keinen eigenen Vorteil verspricht. Die andere Quelle ist die Furcht vor Sanktionen, wovon der Ausschluss aus der Gruppe noch die geringste ist. Entsprechend haben deliberative Gruppen nach Sunstein vier große Probleme: 1) Gruppen verstärken die Fehler ihrer Mitglieder. 2) Informationen, die die Mitglieder an sich haben, werden in der Gruppe nicht offengelegt und so nicht bekannt. 3) Kaskadeneffekte: Blinde weisen anderen Blinden den Weg. 4) Gruppen neigen zur Polarisierung und kommen so zu extremen Ergebnissen.</p>
<p>Je weiter man in Sunsteins Buch voranschreitet, umso klarer wird, dass für ihn das Vorbild für erfolgreiche deliberative Prozesse die Prognosemärkte in der Wirtschaft sind (also die Aggregation privater Informationen), die wesentlich erfolgreicher abschneiden als die auch schon erstaunlich treffsicheren Mittelwerte von Umfragen in gar nicht mal so großen Gruppen. Intuitiv sträuben sich dabei die Haare, wenn empirisch gut nachgewiesen wird, das zum Beispiel Gerichts- beziehungsweise Jury-Entscheidungen (man denke an den Fall Michael Jackson) fast immer identisch mit den entsprechenden Ergebnissen der Prognosemärkte sind – was natürlich auch Sunstein nicht daran zweifeln lässt, dass die juristische Beweisaufnahme dennoch weiter unverzichtbar ist.</p>
<p>Das Buch gewinnt dann aber seine Attraktivität (und Sunstein betritt dabei auch für ihn durchaus noch wenig exploriertes Gelände), wenn Sunstein sich in Kapitel 5 die &#8220;Arbeit vieler Köpfe&#8221; am Beispiel der Wikis, Open-Source-Software und Blogs vornimmt. Das fängt mit dem kollaborativen Filtern an, wie es etwa bei <a href="http://www.amazon.de" target="_blank">Amazon</a> mit Buchempfehlungen auf der Grundlage des Verhaltens vieler Käufer erfolgreich ist: Kaufe ich ein Buch &#8220;a&#8221;, das viele Leute neben einem Buch &#8220;b&#8221; ebenfalls gekauft haben, so ist es oft ein guter, tatsächlich ein fast schon immer unheimlich guter Tipp, auch mir das Buch &#8220;b&#8221; anzubieten.</p>
<p>Musterbeispiel für Netzdeliberationen ist hier natürlich die Online-Enzyklopädie <a href="http://www.wikipedia.de" target="_blank">Wikipedia</a>, deren Erfolg auch schon der Gründer Jimmy Wales mit Gedanken von Hayek zur Preistheorie beziehungsweise zu Preissystemen erklärt hatte. In Sunsteins Worten: &#8220;Wenn Informationen weit verstreut sind und wenn es keinen einzelnen &#8216;Planer&#8217; gibt, der Zugang zu dem hat, was gewusst wird, dann sprechen für die Arbeitsweise von Wikipedia generell die gleichen Gründe wie für das Preissystem&#8221; (190f.). Für den Ökonomen ist es dann gewiss eine große Versuchung, den Erfolg von Wikis auf den Unternehmensbereich zu übertragen. Hier werden positive und gescheiterte Ansätze angeführt. Es zeigt sich allerdings, wie auch bei Sunsteins folgendem Beispiel zur Open-Source-Software, dass eben das nicht Sunsteins genuine Welt ist, sodass er hier auch nicht mit gut begründeten Theorien (beispielsweise für Anreiz- und Belohnungssysteme) aufwarten kann, geschweigen denn mit repräsentativen Ergebnissen empirischer Studien zum Einsatz von Wikis oder Blogs in Unternehmen.</p>
<p>Aber das tut dem gesamten Unternehmen kaum einen Abbruch. Zu oft gelingen ihm gute Beobachtungen mit treffenden Feststellungen. So etwa, wenn er für die Open-Source-Software die &#8220;Kultur der Gabe&#8221; (<em>gift economy</em>) gegenüber der &#8220;Kultur des Austauschs&#8221; oder gar der &#8220;Warengesellschaft&#8221; herausstellt. Man wünschte sich, Sunstein hätte dabei mehr zu Innovationen fördernden Regelungen im Urheberrecht ausgeführt, als er es auf knapp anderthalb Seiten in Kapitel 5 getan hat, die zudem mehr auf Creative-Commons-Lizenzen eingehen als auf einschränkende (starke) oder öffnende (schwache) Urheberrechtsregulierungen.</p>
<p>Verteilte Informationen können in Gruppen nur zusammenkommen und offengelegt und dann genutzt werden, wenn die Mitglieder nicht befürchten müssen, dass Offenlegung und öffentliche Zugänglichmachung von Informationen für sie keine urheber- bzw. strafrechtlichen Sanktionen nach sich ziehen werden. Das und viele andere den Erfolg der Deliberation einschränkende Argumente halten Sunstein aber nicht davon ab, als Resümee &#8220;eine optimistische Sichtweise&#8221; einzunehmen:<br />
<small>&#8220;Wie niemals zuvor verfügt die Menschheit heute über vielversprechende Methoden, weitverstreute Quellen des Wissens und der Kreativität in einem Strom zusammenzuführen, dessen Produktivität erstaunlich ist. Der Wert dieser Methoden hängt letztlich natürlich davon ab, wie wir sie verwenden. Wenn wir aber wetten wollen, ist es sicher sinnvoll, eine Wette auf den Optimismus abzuschließen.&#8221;</small><br />
Auf längere Sicht wird Sunstein hoffentlich recht behalten. Gegenwärtig hängt aber der Erfolg in vielen Situationen kollaborativer deliberativer Prozesse nicht in erster Linie davon ab, &#8220;wie&#8221; wir Methoden und Informationen verwenden, sondern &#8220;ob&#8221; uns die benötigten Informationen überhaupt zu fairen Bedingungen zugänglich, geschweige denn frei zugänglich sind. Das ist das andere Paradox, auf das Sunstein kaum eingeht: In der Tat ist heute wie noch nie in der Menschheitsgeschichte so viel an Information im Prinzip frei zugänglich, aber auch noch nie waren die Verknappungsformen (sei es über das Recht, die Preispolitik oder die Schutztechnik) so umfassend wie heute. Aber das mag ein Übergangsproblem sein. Setzen wir auf Sunstein!</p>
<p><em>Literatur</em>:</p>
<ul>
<li>Boyle, J.: <em>The Public Domain. Enclosing the Commons of Mind.</em> New Haven, London [Yale University Press] 2008.</li>
<li>Benkler, Y.: <em>The Wealth of Networks. How Social Production Transforms Markets and Freedom.</em> New Haven, London [Yale University Press] 2006.</li>
</ul>
<p><em>Links</em>:</p>
<ul>
<li><a href="http://www.suhrkamp.de/buecher/infotopia-cass_r_sunstein_58521.html" target="_blank">Verlagsinformationen zum Buch</a></li>
<li><a href="http://www.law.harvard.edu/faculty/directory/index.html?id=552" target="_blank">Webpräsenz von Cass R. Sunstein an der <em>Harvard Law School</em></a></li>
<li><a href="http://www.kuhlen.name/" target="_blank">Webpräsenz von Rainer Kuhlen an der Universität Konstanz</a></li>
</ul>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.rkm-journal.de/archives/646/feed</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Benjamin Fretwurst: Nachrichten im Interesse der Zuschauer</title>
		<link>http://www.rkm-journal.de/archives/550</link>
		<comments>http://www.rkm-journal.de/archives/550#comments</comments>
		<pubDate>Thu, 28 Jan 2010 09:00:58 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Redaktion</dc:creator>
				<category><![CDATA[Einzelrezension]]></category>
		<category><![CDATA[Öffentlichkeit]]></category>
		<category><![CDATA[Journalismus]]></category>
		<category><![CDATA[Nachrichten]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.rkm-journal.de/?p=550</guid>
		<description><![CDATA[<em>Rezensiert von Roland Göbbel</em>

<a href="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2009/05/fretwurst20097.jpg"><img class="alignleft size-full wp-image-2002" title="fretwurst2009" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2009/05/fretwurst20097.jpg" alt="" width="160" height="240" /></a>Benjamin Fretwurst verfolgt mit seiner Dissertationsstudie das ehrgeizige Vorhaben, die in der Kommunikationswissenschaft etablierte Nachrichtenwerttheorie konzeptionell und empirisch neu zu bestimmen. Konkret geht er dabei der Frage nach, ob Fernsehnachrichten als Ergebnis des journalistischen Selektionsprozesses den Interessen und Relevanzzuschreibungen ihrer Zuschauer entsprechen. In der Einleitung bedient sich Fretwurst zunächst eines unkonventionellen dramaturgischen Kniffes: einer Ergebnisvorschau, die die Tendenz der Resultate bereits vorwegnimmt. Dies erweist sich für die weitere Lektüre als vorteilhaft, da die "schwimmenden Konfidenzintervalle" als Modus der Ergebnisdarstellung eingeführt und die grundlegenden Ziele der Studie greifbar gemacht werden. <a href="http://www.rkm-journal.de/archives/550">[Mehr]</a> ]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Rezensiert von Roland Göbbel</em></p>
<p><img class="alignleft size-full wp-image-2002" title="fretwurst2009" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2009/05/fretwurst20097.jpg" alt="" width="160" height="240" />Benjamin Fretwurst verfolgt mit seiner Dissertationsstudie das ehrgeizige Vorhaben, die in der Kommunikationswissenschaft etablierte Nachrichtenwerttheorie konzeptionell und empirisch neu zu bestimmen. Konkret geht er dabei der Frage nach, ob Fernsehnachrichten als Ergebnis des journalistischen Selektionsprozesses den Interessen und Relevanzzuschreibungen ihrer Zuschauer entsprechen (3). In der Einleitung bedient sich Fretwurst zunächst eines unkonventionellen dramaturgischen Kniffes: einer Ergebnisvorschau, die die Tendenz der Resultate bereits vorwegnimmt. Dies erweist sich für die weitere Lektüre als vorteilhaft, da die &#8220;schwimmenden Konfidenzintervalle&#8221; als Modus der Ergebnisdarstellung eingeführt und die grundlegenden Ziele der Studie greifbar gemacht werden.</p>
<p>Nach den für eine &#8220;Neubestimmung&#8221; notwendigen Begriffsfestlegungen behandelt der Autor umfassend die Entstehung und Entwicklung der Nachrichtenwerttheorie. Ausgehend von der ersten konkreten Formulierung des Konzepts durch Lippmann (1922) zeichnet er die Grundsteinlegung durch Östgaard (1965) und Galtung/Ruge (1965) nach. Die Weiterentwicklung der bis dahin nur auf Kommunikatorebene und für Auslandsberichterstattung angewandten Theorie wird anschließend anhand der Integration der Rezeptionsebene (Sande 1971) und der Inlandsberichterstattung (Schulz 1976) veranschaulicht.</p>
<p>Nach einer kritischen Auseinandersetzung mit dem Ende der 1980er Jahre erfolgten &#8220;Richtungswechsel&#8221; (45) durch die Theorie der instrumentellen Aktualisierung und das &#8220;Finalmodell&#8221; von Staab (1990) widmet sich Fretwurst dem Erklärungsziel Rezeption, das insbesondere in den einschlägigen Studien von Donsbach (1991), Eilders (1997) und Ruhrmann et al. (2003) in den Blick genommen wird. Zum Abschluss des Kapitels rekurriert er auf die international vergleichende Studie von Shoemaker/Cohen (2006) und kritisiert dabei die empirisch schwer zugängliche Herleitung evolutionär bedingter Nachrichtenfaktoren.</p>
<p>Das zweite Theoriekapitel führt die bisher behandelten Theoriestränge überzeugend zusammen. Nach einem Rückgriff auf kognitionspsychologische Konzepte zu Wahrnehmung, Verarbeitung und Erinnerung legt Fretwurst die Grundbausteine der Nachrichtenwerttheorie folgendermaßen fest: Im Sinne des Kausalmodells stellt der Nachrichtenwert eines Ereignisses oder Themas die Ursache dar, während sowohl die Auswahl der Ereignisse oder Themen durch Journalisten als auch die Wahrnehmung der Rezipienten als Wirkung angesehen werden. Somit behandelt die Studie den Vergleich der Wirkungsweise von Nachrichtenfaktoren auf Journalisten gegenüber der auf Rezipienten.</p>
<p>Ein besonderes Verdienst der Arbeit liegt in der hierarchischen Systematisierung der bisher vorliegenden Nachrichtenfaktorenkataloge (113). Fretwurst teilt hierfür die Nachrichtenfaktoren in drei Gruppen ein: &#8220;Ereignisfaktoren&#8221;, &#8220;Darstellungsfaktoren&#8221; und allgemeine &#8220;Indikatoren&#8221; für Relevanz. Dabei unterscheidet er Relevanz auf gesellschaftlicher und individueller Ebene und ordnet die einzelnen Nachrichtenfaktoren den jeweiligen Gruppen und Ebenen zu. Weiterhin leitet er aus den Vorgängerstudien die plausible Annahme ab, dass Nachrichtenfaktoren nicht unabhängig voneinander, sondern gebündelt auftreten. Die Ergebnisse seiner theoretischen Überlegungen fasst der Autor schließlich in einer &#8220;Nachrichtenwertfunktion&#8221; (144) zusammen, in die neben den einzelnen Nachrichtenfaktoren und ihren ereignisspezifischen Intensitäten auch ein generell zuordenbares Gewicht für jeden Faktor sowie der gesonderte Neuigkeitswert einer Nachricht eingehen.</p>
<p>Der Überprüfung der Wirkungsweise von Nachrichtenfaktoren gemäß der Nachrichtenwertfunktion geht Fretwurst im empirischen Teil seiner Studie nach. Hierfür verknüpft er eine Inhaltsanalyse von 677 Fernsehnachrichtenbeiträgen aus einem zehntägigen Zeitraum Ende 2005 mit einer speziellen Form der Online-Befragung zur Erinnerung und Einschätzung dieser Nachrichten bei 1584 Rezipienten.</p>
<p>Die anschließenden statistischen Datenanalysen erfolgen auf höchstem Niveau und sind umfassend dokumentiert. Sukzessive baut der Autor sein Erklärungsmodell aus: Zur Erklärung journalistischer Selektion und Beachtung erfolgen zunächst Zusammenhangsanalysen zwischen den Nachrichtenfaktoren auf der einen und Selektion, Platzierung und Beitragsdauer auf der anderen Seite. Anschließend werden sechs &#8220;Nachrichtenfaktorenbündel&#8221; (198) ermittelt, wodurch die Annahme der fehlenden Unabhängigkeit einzelner Nachrichtenfaktoren untermauert wird.</p>
<p>Danach integriert Fretwurst die Ergebnisse der Inhaltsanalyse und der Befragung in einem komplexen Strukturgleichungsmodell. Unter allen latenten Konstrukten besitzt hierbei das Faktorenbündel &#8220;Kontroverse&#8221; für die journalistische Beachtung die meiste Erklärungskraft, während die journalistische Beachtung ihrerseits die Rezipientenbeachtung beeinflusst. Bei der abschließenden Einordnung der Ergebnisse greift der Autor wiederum auf schwimmende Konfidenzintervalle zurück, um seine Befunde zu einzelnen Nachrichtenfaktoren mit denen bisheriger Studien vergleichbar zu machen – was ihm auf nachvollziehbare Weise gelingt.</p>
<p>Benjamin Fretwurst hat eine innovative Studie zur Nachrichtenwerttheorie vorgelegt, die ihr ambitioniertes Ziel nicht verfehlt. Seine Arbeit zeichnet sich durch eine umfassende Recherche und hohe methodologische Reflexionsfähigkeit aus: So werden die theoretischen Überlegungen seiner Vorgänger nicht nur gekonnt miteinander verbunden, sondern auch vor dem Hintergrund methodischer Fortschritte und verbesserungswürdiger Operationalisierungen fundiert diskutiert.</p>
<p>Auch wenn zwischendurch ein zusammenfassender Überblick über alle untersuchten Hypothesen fehlt und sich die Arbeit auf Grund der unheimlichen Fülle an Ergebnissen und ihres statistischen Voraussetzungsreichtums bisweilen in Details verliert, überwiegt ein überzeugender Gesamteindruck. Dieser ist dem hohen Niveau der theoretischen Ausführungen sowie der umfänglichen Dokumentation aller Analyseschritte und Ergebnisse geschuldet.<br />
Damit richtet sich die Arbeit an zwei Zielgruppen: Während sich interessierte ‚Neulinge‘ im Theorieteil einen fundierten Überblick über die Nachrichtenwerttheorie verschaffen können, birgt vor allem der Empirieteil für arrivierte Nachrichtenforscher mit entsprechenden statistischen Vorkenntnissen viel Inspiration.</p>
<p><em>Links</em></p>
<ul>
<li><a href="http://www.uvk.de/buch.asp?ISBN=9783867641241" target="_blank"> Verlagsinformationen zum Buch</a></li>
<li><a href="http://sites.google.com/site/bfretwurst/" target="_blank">persönliche Homepage von Benjamin Fretwurst</a></li>
<li><a href="http://www.ifkw.uni-jena.de/grundlagen-und-medienwirkung/roland-goebbel-ma-lebenslauf" target="_blank"> </a><a href="http://www.ifkw.uni-jena.de/grundlagen-und-medienwirkung/roland-goebbel-ma-lebenslauf">Webpräsenz von Roland Göbbel an der Universität Jena</a></li>
</ul>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.rkm-journal.de/archives/550/feed</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Wolfgang Duchkowitsch; Fritz Hausjell; Horst Pöttker; Bernd Semrad (Hrsg.): Journalistische Persönlichkeit</title>
		<link>http://www.rkm-journal.de/archives/800</link>
		<comments>http://www.rkm-journal.de/archives/800#comments</comments>
		<pubDate>Tue, 12 Jan 2010 22:11:03 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Redaktion</dc:creator>
				<category><![CDATA[Einzelrezension]]></category>
		<category><![CDATA[Öffentlichkeit]]></category>
		<category><![CDATA[Biografie]]></category>
		<category><![CDATA[Fachgeschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Festschrift]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Handlungstheorie]]></category>
		<category><![CDATA[Journalismus]]></category>
		<category><![CDATA[Kanon]]></category>
		<category><![CDATA[Kommunikationswissenschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Persönlichkeit]]></category>
		<category><![CDATA[Porträt]]></category>
		<category><![CDATA[Systemtheorie]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.rkm-journal.de/?p=800</guid>
		<description><![CDATA[<em>Rezensiert von Carsten Brosda</em>

<a href="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2010/01/duchkowitschetal2009.jpg"><img class="alignleft size-full wp-image-1978" title="duchkowitschetal2009" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2010/01/duchkowitschetal2009.jpg" alt="" width="160" height="240" /></a>Festschriften sind bisweilen eine schwierige Sache. Im schlechten Fall gleichen sie dem Gemischtwarenangebot eines durchschnittlichen bundesdeutschen Kaufhauses, ohne eigenes Profil und damit auch ohne nötige Prägnanz. Ganz anders dagegen der Band <em>Journalistische Persönlichkeit. Fall und Aufstieg eines Phänomens</em>, den Wolfgang Duchkowitsch, Fritz Hausjell, Horst Pöttker und Bernd Semrad anlässlich der Emeritierung von Wolfgang R. Langenbucher vorgelegt haben. Genauso wie der Jubilar hat auch dieser Band ein Programm: die Rehabilitierung der Kategorie der Persönlichkeit in der Journalismusforschung, nicht zuletzt mit dem Ziel, auch historische und kulturelle Dimensionen journalistischer Kommunikation sichtbar zu machen. <a href="http://www.rkm-journal.de/archives/800">[Mehr]</a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Rezensiert von Carsten Brosda</em></p>
<p><a href="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2010/01/duchkowitschetal2009.jpg"><img class="alignleft size-full wp-image-1978" title="duchkowitschetal2009" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2010/01/duchkowitschetal2009.jpg" alt="" width="160" height="240" /></a>Festschriften sind bisweilen eine schwierige Sache. Im schlechten Fall gleichen sie dem Gemischtwarenangebot eines durchschnittlichen bundesdeutschen Kaufhauses, ohne eigenes Profil und damit auch ohne nötige Prägnanz. Ganz anders dagegen der Band <em>Journalistische Persönlichkeit. Fall und Aufstieg eines Phänomens</em>, den Wolfgang Duchkowitsch, Fritz Hausjell, Horst Pöttker und Bernd Semrad anlässlich der Emeritierung von Wolfgang R. Langenbucher vorgelegt haben. Genauso wie der Jubilar hat auch dieser Band ein Programm: die Rehabilitierung der Kategorie der Persönlichkeit in der Journalismusforschung, nicht zuletzt mit dem Ziel, auch historische und kulturelle Dimensionen journalistischer Kommunikation sichtbar zu machen.</p>
<p>Nach der empirischen und erst recht nach der systemtheoretischen Wende der Kommunikationswissenschaft ist die Erörterung von Persönlichkeitskonzepten jahrzehntelang als unwissenschaftlich diskreditiert worden – zu schwer schien der Ballast der Dovifat&#8217;schen Ideologie, zu komplex die berufliche Wirklichkeit, um sie lediglich durch das Prisma des Einzelnen zu brechen. Stattdessen dominiert die nüchterne Sprache funktionalistischer Systemanalyse. Bestes Beispiel ist die zweite Auflage des Diskussionsbandes <a href="http://www.vs-verlag.de/Buch/978-3-531-33341-0/Theorien-des-Journalismus.html" target="_blank"><em>Theorien des Journalismus</em></a>, die Martin Löffelholz vor wenigen Jahren vorgelegt hat. Die aktuelle Langenbucher-Festschrift liest sich nun wie eine streitbare Ergänzung dieser theoretischen Engführung. Mit Verve plädieren die Herausgeber dafür, den Einzelnen und seine Leistungen nicht aus dem Blick zu verlieren. Ihr Ausgangspunkt ist &#8220;die Einsicht, dass alle sozio-kulturelle Realität, auch die des Journalismus, letztlich aus subjektiv sinnhaften Handlungsweisen besteht, die sich zum Beispiel durch Vorbilder beeinflussen lassen&#8221;, schreiben Horst Pöttker und Bernd Semrad in der Einleitung (11).</p>
<p>Von dieser Überzeugung hat sich auch Wolfgang R. Langenbucher Zeit seines akademischen Lebens leiten lassen. Ob in der Mediator-Konzeption seiner Habilitationsschrift, in seinem Einsatz für die Diplom-Journalistik, in seinen Kanonisierungsvorschlägen journalistischer Leistungen oder in zahlreichen Plädoyers für Qualitätsjournalismus – immer richtete er sich in aufklärerischer Absicht an den handelnden Journalisten. An dieser Perspektive, der Ulrich Saxer in seinem Beitrag ein &#8220;erhebliches Anregungs- und auch Irritationspotenzial&#8221; (23) attestiert, arbeiten sich die Autorinnen und Autoren des Bandes ab. Hannes Haas sieht in seinem für das Buch zentralen Beitrag in der theoretischen Wiederbelebung einer auch individuell sensiblen Forschungsperspektive zu Recht die Chance, der allgemein konstatierten Medien- und Journalismuskrise eine Perspektive entgegenzusetzen, die zumindest Potenziale journalistischer Kommunikation nach wie vor zu benennen vermag.</p>
<p>Die meisten Autorinnen und Autoren begreifen das Persönlichkeitskonzept als notwendigen Beitrag zu einer Diversifizierung der Journalismusforschung und nähern sich seinen Fragestellungen vor sehr unterschiedlichen theoretischen Hintergründen. Ulrich Saxer plädiert dafür, den Persönlichkeitsansatz gerade vor dem Hintergrund des Individualisierungs- und Differenzierungstrends moderner Gesellschaften zu rehabilitieren. Walter Hömberg sieht vor allem in der Suche nach Vorbildern sowie in den entsprechenden biographischen Anstrengungen die notwendigen Voraussetzungen seiner Renaissance. Und Horst Pöttker spürt den handlungstheoretischen Grundlagen im Werk Otto Groths nach und übersetzt diese produktiv in Anforderungen an die heutige Journalistik.</p>
<p>Nach diesen einführenden fachhistorischen und -systematischen Texten folgen Artikel, die sich dem Konzept der journalistischen Persönlichkeit aus einem je spezifischen aktuellen Theorieblickwinkel nähern. Es würde den Rahmen sprengen, intensiver auf sie einzugehen, deswegen müssen kursorische Hinweise genügen: Thomas A. Bauer knüpft direkt an persönlichkeitstheoretische Erwägungen an, die zwischen einer individuellen, einer sozialen und einer kulturellen Dimension differenzieren. Irene Neverla und Wiebke Schoon sowie Roman Hummel bemühen jeweils die Soziologie Pierre Bourdieus, um Macht- respektive Reputationsfragen im Journalismus zu diskutieren. Petra Herczeg spürt der Bedeutung der journalistischen Persönlichkeit induktiv auf dem Weg der auch von Langenbucher so geschätzten Kanonbildung nach.</p>
<p>Einen weiteren Schwerpunkt bilden Auseinandersetzungen mit dem spezifischen Potenzial kommunikationsbiographischer Ansätze. Bedenkenswert ist neben der umfassenden Einführung durch Markus Behmer und Susanne Kinnebrock das rasante Plädoyer Christian Schwarzeneggers, der daran erinnert, dass sich eine biographische Journalismusforschung nicht bloß in exemplarischen Höhen aufhalten dürfe, sondern sich auch mit der Mühsal alltäglicher journalistischer Ebenen zu befassen habe. Er greift damit eine Hauptkritik am Persönlichkeitskonzept offensiv auf und schreibt sie ins Pflichtenheft einer persönlichkeitsorientierten Journalismusforschung.</p>
<p>Empirische Hinweise wiederum geben einige andere Aufsätze: Wolfgang R. Langenbucher plädiert dafür, journalistische Autobiographien in der Forschung stärker zu berücksichtigen; Barbara Pfetsch entdeckt insbesondere in den Kommentarspalten konservativer Tageszeitungen die Werke selbstbewusster journalistischer Persönlichkeiten, und Gunter Reus stellt in einer Befragung von Chefredakteuren fest, dass niemand von der Persönlichkeitskategorie lassen will, sondern alle sehr konkrete auch persönliche Erwartungen an ihre Redakteure haben.</p>
<p>Auch in den Porträts großer Journalistinnen und Journalisten finden sich konkrete empirische Anwendungen des Analyseansatzes: Wolfgang Duchkowitsch schreibt über die Macher eines Wiener Meinungsmagazins aus dem frühen 18. Jahrhundert, Susanne Kinnebrock über Anita Augspurg, Frank Stern über Ludwig Börne, Verena Blaum über Martha Gellhorn und Edgar Lersch über Hans Bausch. Darüber hinaus nehmen sich aus je unterschiedlichem Blickwinkel Julia Wippersberg und Klaus Siebenhaar die heutigen prominenten Alpha-Journalisten vor. Sie liefern lesenswerte Auseinandersetzungen mit der Prominenzfixierung und den Narzissmen des aktuellen Politikjournalismus. Alle diese Analysen zeigen eindringlich, dass eine kulturwissenschaftliche Beschäftigung mit dem Journalismus gegenüber der Praxis und ihren Problemen nicht nur sensibler, sondern auch hilfreicher und konkreter zu sein vermag. Bernd Semrad porträtiert Wolfgang R. Langenbucher folgerichtig ebenfalls als journalistische Persönlichkeit und entwirft an diesem Exempel die Grundzüge einer intellektualisierten Kommunikatorrolle, die auch für Wissenschaftler exemplarisch sein kann, die in den aktuellen Diskurs einzusteigen gedenken.</p>
<p>Den Abschluss des Bandes bildet eine performativ-praktische Plausibilisierung der zuvor theoretisch und empirisch beschriebenen Potenziale: Die Beiträge der bisherigen Inhaber der Theodor-Herzl-Dozentur (Herbert Riehl-Heyse, Margit Sprecher, Peter Huemer, Klaus Harpprecht, Luc Jochimsen und Sibylle Haman) für eine Poetik des Journalismus zeigen, zu welch reflexiven Leistungen über ihren eigenen Berufsstand journalistische Persönlichkeiten in der Lage sein können.</p>
<p>Nicht nur aufgrund dieser fulminanten Texte ist man nach der Lektüre des insgesamt lesenswerten und sorgfältig editierten Bandes geneigt, gemeinsam mit den Herausgebern nach dem Fall des Konzepts seinen neuerlichen Aufstieg nicht nur zu erwarten, sondern auch zu erhoffen. Barbara Pfetsch hat Recht, wenn sie resümiert: &#8220;Die Wiederbelebung eines altmodischen Gedankens trägt also zu einer höchst akuten Selbstbeobachtung und Selbstaufklärung der Gegenwartsgesellschaft bei.&#8221; (263) Voraussetzung dafür ist allerdings, dass das Konzept der journalistischen Persönlichkeit nicht bloß restauriert, sondern theoretisch auf der Höhe der Zeit rekonstruiert wird. Die Richtung, in die eine innovative Journalistik weiter zu denken hätte, weist dieser Sammelband.</p>
<p><em>Links:</em></p>
<ul>
<li><a href="http://halemverlag.lookingintomedia.com/shop/product_info.php/products_id/163/XTCsid/da21c160f555ca559cc3e43350bb1659" target="_blank">Verlagsinformationen zum Buch</a></li>
<li><a href="http://www.univie.ac.at/publizistik/Duchkowitsch.htm" target="_blank">Webpräsenz von Wolfgang Duchkowitsch an der Universität Wien</a></li>
<li><a href="http://www.univie.ac.at/publizistik/Hausjell.htm" target="_blank">Webpräsenz von Fritz Hausjell an der Universität Wien</a></li>
<li><a href="http://www.journalistik-dortmund.de/prof.-dr.-phil.-horst-pottker.html" target="_blank">Webpräsenz von Horst Pöttker an der TU Dortmund</a></li>
<li><a href="http://www.univie.ac.at/publizistik/Semrad.htm" target="_blank">Webpräsenz von Bernd Semrad an der Universität Wien</a></li>
</ul>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.rkm-journal.de/archives/800/feed</wfw:commentRss>
		<slash:comments>1</slash:comments>
		</item>
	</channel>
</rss>

