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	<title>rezensionen:kommunikation:medien &#187; Medien</title>
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	<description>Rezensionen aus den Bereich Kommunikation und Medien</description>
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		<title>Laura Heuer: Die Bilder der Killer-Spieler</title>
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		<pubDate>Thu, 02 Sep 2010 07:58:11 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Redaktion</dc:creator>
				<category><![CDATA[Einzelrezension]]></category>
		<category><![CDATA[Computerspiele]]></category>
		<category><![CDATA[Game Studies]]></category>
		<category><![CDATA[Gaming Culture]]></category>
		<category><![CDATA[Hybrid-Debatte]]></category>
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		<description><![CDATA[<em>Rezensiert von Rolf F. Nohr</em>

<a href="http://www.rkm-journal.de/archives/2154"><img class="alignleft size-full wp-image-3750" title="Heuer2009" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2010/01/Heuer2009.jpg" alt="" width="160" height="230" /></a>Machinima gehören sicherlich zu den spannendsten Phänomenen, die die <em>gaming culture</em> in den letzten Jahren hervorgebracht hat. Was aber ist Machinima? Friedrich Kirschner, ein pronocierter Aktivist der Szene, definiert wie folgt: "Shooting film (Cameras record the action going on) in a realtime 3d (the time needed for the computer to transform the abstract data into a 3-dimensional visible representation is so little that you do not notice it. […]) virtual environment (the actors aren't human, but virtual Avatars or Objects, controlled by user input or scripting and act in a virtual world that is simulated using a computer game). Thus, machinima is a mix of three ways to produce moving images: machine * animation * cinema.". <a href="http://www.rkm-journal.de/archives/2154">[Mehr]</a>


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</ol>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Rezensiert von Rolf F. Nohr</em></p>
<p><a href="http://www.rkm-journal.de/archives/2154"><img class="alignleft size-full wp-image-3750" title="Heuer2009" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2010/01/Heuer2009.jpg" alt="" width="160" height="230" /></a>Machinima gehören sicherlich zu den spannendsten Phänomenen, die die <em>gaming culture</em> in den letzten Jahren hervorgebracht hat. Was aber ist Machinima? Friedrich Kirschner, ein pronocierter Aktivist der Szene, definiert wie folgt: &#8220;Shooting film (Cameras record the action going on) in a realtime 3d (the time needed for the computer to transform the abstract data into a 3-dimensional visible representation is so little that you do not notice it. […]) virtual environment (the actors aren&#8217;t human, but virtual Avatars or Objects, controlled by user input or scripting and act in a virtual world that is simulated using a computer game). Thus, machinima is a mix of three ways to produce moving images: machine * animation * cinema.&#8221; (<a href="http://www.machinimag.com/" target="_blank">http://www.machinimag.com/</a>).</p>
<p>Im Machinima-Movement laufen also medienwissenschaftlich hochinteressante Stränge zusammen: beispielsweise die Verschmelzung unterschiedlicher Apparatesysteme, eine DIY-Produktionsstrategie oder die Aneignung von Produktionsmitteln. Ob man nun aber den 26.10.1996, das Entstehungsdatum von <em>Diary of a Camper</em>, oder den Januar 2000, in dem Hugh Hancock die Webseite <a href="http://www.machinima.com" target="_blank">machinima.com</a> veröffentlichte, als &#8216;Geburtsmoment&#8217; ansetzt – das Phänomen ist nicht gerade brandneu und zwischenzeitlich liegen auch bereits einige interessante und lesenswerte (vorrangig englische) Veröffentlichungen vor.<sup class='footnote'><a href='#fn-2154-1' id='fnref-2154-1'>1</a></sup> In diesem Zusammenhang also ist das Erscheinen einer deutschsprachigen Publikation zum Thema zwar durchaus interessant – die Erwartungen sind aber auch etwas höher gesteckt. Eine schlichte Einführung ins Thema und eine Definition des Materialkorpus scheint mehr als 10 Jahre nach dem Beginn der Machinima-Bewegung für den wissenschaftlichen Fachdiskurs nicht mehr angezeigt.</p>
<p>Um es vorweg zu nehmen: Das Buch Laura Heuers kann diese Erwartungen nur zum Teil befriedigen. Dies liegt vorrangig an drei Problemen. Zum einen operiert das Buch mehr oder weniger mit der (dann aber nicht sinnig umgesetzten) operativen These, dass mit dem Phänomen Machinima eine Nobilitierung und Legitimation des Computerspielens gegen seine kulturkonservativen Kritiker betrieben werden kann; zum anderen begreift die Verfasserin das Phänomen aus einem zu undifferenzierten Begriff der Fankultur heraus, um einen medienwissenschaftlich produktiven Diskussionsbeitrag zu leisten. Als verständliches, reflektierend-deskriptives Buch für eine interessierte Öffentlichkeit wiederum nimmt der Fachdiskurs einen zu umfangreichen Raum ein. Auch der Materialkorpus der Mikroanalyse ist dafür wiederum zu schmal – gerade einmal eine Machinima-Serie und ein Einzelwerk werden ausführlich bearbeitet.</p>
<p>Dem vorliegenden Buch ist seine Entstehung als Magisterarbeit zu sehr anzumerken. Viele theoretische Ausführungen sind erkennbar unterkomplex und zielen zu stark auf das operative Interesse der Nobilitierungsgeste. So konstatiert die Verfasserin die Praxis des Machinima-Erstellens zu forciert als eine dissidente und widerständige Praxis im Geiste der Fankulturforschung der<em> cultural studies</em> (13ff.) oder des Jenkin&#8217;schen <em>prosuming</em>-Begriffs (16f.). An und für sich ist dies eine hochinteressante Argumentationsfigur, die aber nicht nur auf eine politisch relativ unscharf gefasst Geste der Appropriation der Produktionsmittel zusammengefasst werden kann. Hier hat sich die Diskussion (auch im Bezug auf die <em>gaming culture</em>) weiter bewegt – zu sehr ist hier eben auch die &#8216;Kraft&#8217; des kulturindustriellen Komplexes spürbar, um sich &#8216;nur&#8217; auf eine Figur der Partizipation/Interaktion (19) zu konzentrieren. Gerade die auch in den <em>cultural studies</em> diskutierte Frage nach den Bedingungen kultureller Ökonomien würde sich an den Machinima wie an vielen andern Feldern der <em>gaming culture</em> (<em>hacking</em>, <em>modding</em>, <em>trickjumping</em> usf.) sinnvoll entfalten lassen.</p>
<p>Laura Heuer aber konzentriert sich zu sehr darauf, Phänomenlagen, die jenseits des reinen &#8216;Produkts Spiel&#8217; liegen, zu einer Geste des Widerstandes (siehe etwa 22f., 52) und politischen Aktivismus zu überformen (55f.) und zu Teilen der <em>convergence culture</em> zu deklinieren, sodass sie wesentliche Ambivalenzen des Phänomens übersieht. Dies wird beispielsweise in der Auseinandersetzung mit dem &#8216;medialen Status&#8217; des Machinima deutlich. Heuer bemüht hier die Hybrid-Diskussion (65ff.), um den Status des Machinima als &#8220;Hybrid aus Computerspiel und Film&#8221; (71) zu charakterisieren – ohne jedoch auf den medientheoretischen Mehrwert des gewählten Konzeptes bzw. der verworfenen Konzepte einzugehen. Warum sollte das Machinima als Hybride gefasst werden und nicht als Remediatisierung beispielsweise im Sinne Bolters und Grusins? Warum nicht als intermediales Phänomen? Machinima als Hybride zu begreifen, setzt auf den progressiven Zug, der mit McLuhan in die Hybriddebatte einzieht; diese Vorgehensweise vernachlässigt aber die Frage, warum beispielsweise das ästhetische Repertoire oder die narrativen Konturen vieler Machinimas hier eindeutig als Remedialisierungen begriffen werden müssen, die Formen und Figuren etablierter medialer Strukturen und Narrationen schlicht nachvollziehen. Machinima als &#8216;billige&#8217; und technisch niederschwellige Möglichkeit zu fassen, an (kritikabel veranschlagten) Medienartikulationen teilhaben zu können, unterläuft aber das der Verfasserin vor Augen stehende Widerstandspotenzial der Machinima.</p>
<p>Man muss aber gar nicht weitschweifig argumentieren, um das Problem des hier vorgeschlagenen Widerstandsbegriffs zu benennen: es tritt in einem prominent gesetzten Zitat (77) offen zu Tage. Hier verweisen die Macher der für die Szene signifikanten <em>Red vs. Blue</em>-Reihe darauf, dass ihre Machinimas nur durch wohlwollende Billigung des Microsoft-Konzerns fortbestehen und ihre Öffentlichkeit finden konnte. Denn nicht zuletzt ist <em>Red vs. Blue</em> eine nicht zu unterschätzende Imagekampagne und Werbemaßnahme für den Microsoft-Shooter <em>Halo</em>. Wie widerständig aber sind medial distribuierte Artikulationen, die mit Billigung eines Konzerns und mithilfe der Bereitstellung der Produktionsmittel durch den Konzern entstehen?</p>
<p><em>Links</em>:</p>
<ul>
<li><a href="http://www.tectum-verlag.de/9783828899759" target="_blank">Verlagsinformationen zum Buch</a></li>
<li><a href="http://www.hbk-bs.de/hochschule/personen/rolf-f-nohr/" target="_blank">Webpräsenz von Rolf F. Nohr an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig</a></li>
<li><a href="http://lauraheuer.wordpress.com/" target="_blank">persönliche Webpräsenz von Laura Heuer</a></li>
</ul>
<div class='footnotes'>
<div class='footnotedivider'></div>
<ol>
<li id='fn-2154-1'>Alleine das Portal der <em>Digital Games Research Association</em> (DiGRA) listet knapp 30 Artikel zum Thema auf (<a href="http://www.digra.org">www.digra.org</a>). <span class='footnotereverse'><a href='#fnref-2154-1'>&#8617;</a></span></li>
</ol>
</div>


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</ol></p>]]></content:encoded>
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		<item>
		<title>Hannelore Bublitz: Im Beichtstuhl der Medien</title>
		<link>http://www.rkm-journal.de/archives/3585</link>
		<comments>http://www.rkm-journal.de/archives/3585#comments</comments>
		<pubDate>Fri, 30 Jul 2010 09:43:40 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Redaktion</dc:creator>
				<category><![CDATA[Einzelrezension]]></category>
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		<category><![CDATA[Medien]]></category>
		<category><![CDATA[Mediensoziologie]]></category>
		<category><![CDATA[Selbsttechnologien]]></category>
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		<category><![CDATA[Subjekttheorie]]></category>

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		<description><![CDATA[<em>Rezensiert von Claudia Schirrmeister</em>

<a href="http://www.rkm-journal.de/archives/3586"><img class="alignleft size-full wp-image-3586" title="Bublitz" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2010/07/Bublitz.jpg" alt="" width="160" height="267" /></a><em>Im Beichtstuhl der Medien</em> lautet der Titel des von der Paderborner Soziologie-Professorin Hannelore Bublitz vorgelegten Bandes – um sogleich die Erwartungen des Lesers in die Irre zu führen, wäre da nicht der Untertitel <em>Die Produktion des Selbst im öffentlichen Bekenntnis</em>. Der Beichtstuhl steht gemeinhin für aufrichtige und inhaltlich ernste Selbstthematisierungen, eingebettet in einen institutionell vorgegebenen, jahrhundertealten Rahmen – ein sozialer und juristischer Schutzraum, formal vergleichbar mit der Praxis eines Psychologen oder der Kanzlei eines Anwalts. Auch wenn Hannelore Bublitz den Beichtstuhl als "mediale Apparatur" bezeichnet, stellt sich die Frage, ob der Besprechungstisch eine ebensolche darstellt – gilt ihr Augenmerk doch den elektronischen Medien, vor allem dem Fernsehen und, eher am Rande, dem Internet. Diese Medien hingegen scheinen einen Kontrast zur Situation in einem Beichtstuhl zu liefern, wie er krasser kaum ausfallen kann, widerspricht doch die geheimnisgeschützte religiöse Beichte der ostentativen Öffentlichkeit einer Fernsehsendung. <a href="http://www.rkm-journal.de/archives/3585">[Mehr]</a>


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<li><a href='http://www.rkm-journal.de/archives/1536' rel='bookmark' title='Permanent Link: Holger Schramm (Hrsg.): Handbuch Musik und Medien'>Holger Schramm (Hrsg.): Handbuch Musik und Medien</a></li>
</ol>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Rezensiert von Claudia Schirrmeister</em></p>
<p><a href="http://www.rkm-journal.de/archives/3586"><img class="alignleft size-full wp-image-3586" title="Bublitz" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2010/07/Bublitz.jpg" alt="" width="160" height="267" /></a><em>Im Beichtstuhl der Medien</em> lautet der Titel des von der Paderborner Soziologie-Professorin Hannelore Bublitz vorgelegten Bandes – um sogleich die Erwartungen des Lesers in die Irre zu führen, wäre da nicht der Untertitel <em>Die Produktion des Selbst im öffentlichen Bekenntnis</em>. Der Beichtstuhl steht gemeinhin für aufrichtige und inhaltlich ernste Selbstthematisierungen, eingebettet in einen institutionell vorgegebenen, jahrhundertealten Rahmen – ein sozialer und juristischer Schutzraum, formal vergleichbar mit der Praxis eines Psychologen oder der Kanzlei eines Anwalts. Auch wenn Hannelore Bublitz den Beichtstuhl als &#8220;mediale Apparatur&#8221; (66) bezeichnet, stellt sich die Frage, ob der Besprechungstisch eine ebensolche darstellt – gilt ihr Augenmerk doch den elektronischen Medien, vor allem dem Fernsehen und, eher am Rande, dem Internet. Diese Medien hingegen scheinen einen Kontrast zur Situation in einem Beichtstuhl zu liefern, wie er krasser kaum ausfallen kann, widerspricht doch die geheimnisgeschützte religiöse Beichte der ostentativen Öffentlichkeit einer Fernsehsendung.</p>
<p>Der Autorin geht es nicht erster Linie darum, zu untersuchen,<em> was</em> in welchem Kontext offenbart wird, sondern – siehe Untertitel – <em>wie</em> sich die Person selbstthematisiert und darstellt, um die Konstruktion bzw. Konstitution des Selbst, man kann sagen: mit Hilfe der elektronischen Medien, voranzutreiben.</p>
<p>Mit anderen Menschen (über sich) sprechen, in sozialen Situationen handeln und sich verbal wie nonverbal äußern, erzeugt Identität und Selbst-Bewusstsein; man betrachtet und klassifiziert sich im Auge des Betrachters, so das zugrunde gelegte Axiom. Wird man nicht gesehen, ist man (sozial) nicht existent (196) – bislang hauptsächlich als leidiges Prominentenschicksal bekannt. Diese Selbstkonstruktion ist typisch menschlich, wenngleich in der Kontingenz der Postmoderne die Urteile und Bewertungskategorien bei weitem nicht mehr derart feststehen bzw. leicht abgerufen werden können wie in der Vergangenheit, wo mitunter allein die Kleidung verlässliche Hinweise auf die soziale Einbindung und die Eigenschaften einer Person gab. Damit macht sich in der Gegenwart Unsicherheit auch hinsichtlich der eigenen Identität breit. Das vermehrte Aufkommen von Selbsterfahrungskursen und -gruppen sind eindeutige Zeichen dafür.</p>
<p>Bublitz nun zeigt mit Jacques Lacan, dass die Herstellung von Selbst-Bewusstsein ebenso in den Medien gegenüber einer anonymen Masse und gegenüber den TV-Akteuren, mit denen es der Medienkandidat aus dem Volk im direkten Gespräch zu tun hat, gelingt. Sie möchte darauf hinaus, dass bei einem Sich-Darstellen im Fernsehen die Entwicklung eines von den Anderen als positiv bewerteten Selbst, welches sich dann auf den Darsteller übertragt (der <em>looking-glass-effect</em> nach Cooley), möglich ist. Die Zuschreibung des begehrten positiven Urteils bedingt jedoch einerseits ein systemkonformes Verhalten des Darstellers, andererseits aber gleichzeitig ein flexibles und einfallsreiches Verhalten. Diese &#8220;Persönlichkeiten&#8221; (216) sind gewünscht und werden gefördert, sie können aus ihrem Auftritt soziales und ökonomisches Kapital schlagen. Im Prinzip ist diese Kombination keine medienspezifische Vorgabe: Flexibilität bei gleichzeitiger Anpassung verlangt auch die postmoderne Gesellschaft vom Erfolgstrebenden, wie dies schon Richard Sennett Ende der 1990er Jahre dargelegt hat.</p>
<p>Es handelt sich also keineswegs um publikumsgeile dumme Trottel, die sich öffentlich präsentieren, womit sich Bublitz scharf gegen Umberto Eco und die feuilletonistische Pathologisierung dieser Personen wendet, vielmehr sind sie clevere und kreative Menschen, die versuchen, für sich über andere an Wert zu gewinnen und eine – wenn nur kurzfristige – soziale Verortung ihrer selbst zu erreichen. Das potenzielle &#8220;Selbstopfer&#8221; kann zur &#8220;lohnenden Investition&#8221; werden (217), wobei man sich fragen muss, was denn eigentlich &#8216;geopfert&#8217; wird? Authentizität, so die Soziologin, ist dabei nicht gefragt und wird ebenfalls von niemandem erwartet: Die Präsentation muss lediglich <em>echt wirken</em>. Die Enthüllung als &#8220;Biographiegenerator&#8221; im Sinne Alois Hahns hat in dieser Flüchtigkeit natürlich ausgedient.</p>
<p>Der Mensch als medienrezipientengerechter Simulant – ist das so neu?</p>
<p>Abhebend von der historisch gewachsenen Trennung zwischen Privatheit und Öffentlichkeit, welche sich laut Bublitz in der Postmoderne auflöst, der Bedeutung von Selbstthematisierungen und Fremdbeobachtungen an sich – die Autorin verweist hier auf das von Michel Foucault aufgegriffene Bentham&#8217;sche Panopticon – und der Entwicklung von Selbststrategien am Beispiel des Flaneurs, dokumentiert sie gesellschaftliche Grenzverschiebungen, die sich schließlich im geforderten Verhalten einer selbstbewussten, sozial erfolgreichen Person spiegeln, sie beeinflussen und letztlich bestimmen. Die Suche in der Unsicherheit der Welt nach einer – was ist das eigentlich? – fixen (?) Identität, nach einer eigenen &#8220;Marke&#8221;, womit man soziale Unikate bereits in der Vergangenheit noch ganz ohne ökonomische Gedanken bezeichnete, treibt die postmoderne Person um und lässt sie im historischen Vergleich zu unkonventionellen Mitteln ihrer Selbstpräsentation greifen. Die Konstruktion des Selbst liegt mehr denn je, so scheint es mit Bublitz, in der jeweils eigenen Hand – und der der anderen. Hält die von Hannelore Bublitz in Kapitel V eingehend und besonders in der Analyse des Verhaltens des Moderators bzw. des institutionell legitimierten Gesprächspartners Jürgen Domian gewinnbringend untersuchte Talkshow <a href="http://www.einslive.de/sendungen/domian/" target="_blank">Domian</a> noch die kommunikative Grundstruktur der traditionellen Beichtsituation mit einem &#8216;Happy End&#8217; aufrecht, wobei sich das per Telefon zugeschaltete Beichtkind systemgerecht und natürlich &#8216;echt&#8217; verhalten muss, so ist in mancher Casting-Show alle gezeigte Konformität und Kreativität vergebens – wenn sie denn eben nicht echt, echt genug wirkt.</p>
<p>Nochmals: Ist dieses Prinzip der Selbstkreation so neu, wie die Lektüre vermuten lässt? Das Selbst des Menschen verkörpert sich in vielen sozialen Rollen, die Vorgabe von Authentizität war in vielen Belangen schon in früheren Zeiten ausreichend für das Gelingen eines tragfähigen Miteinanders und das Aufrechterhalten einer in der Rolle stimmigen, wenn gleich sich im Ganzen womöglich teilweise widersprechenden Identität. Die Vorder- und Hinterbühnenmetaphorik, die Bublitz benutzt, das Agieren in Rollen, das nicht immer authentisch sein, aber echt erscheinen muss, hat Erving Goffman auch für den Alltagsmenschen anschaulich postuliert. In ihrer Argumentation verweist Bublitz auf dessen Arbeiten jedoch nicht. Ebenso wenig auf Georg Simmel, der die Zurückhaltung authentischen Verhaltens zugunsten einer distanzierten, aufrichtig erscheinenden Selbstdarstellung als erworbene Eigenschaft des sozial tauglichen Alltagsmenschen in der Moderne beschreibt. Der Mensch hat zur Selbstdarstellung also immer schon Theater gespielt; in der postmodernen Gesellschaft weiß man offenbar darum und erwartet keine authentische Präsentation mehr, sondern ist mit guter Darstellung derselben bestens zufrieden. Die Person wird zur &#8220;personae&#8221; (220f.); diese Wandlung beschreibt die Autorin sehr überzeugend. Die paradoxerweise gewünschte Persönlichkeit vergeht, auch weil so viele Reflexionsmöglichkeiten, so viele Spiegel existieren; sie muss also gespielt werden – so ließe sich Bublitz&#8217; These zusammenfassen.</p>
<p>Es gibt allerdings immer noch Situationen, in denen authentisches Verhalten verlangt wird – so zumindest die Hoffnung der Rezensentin. Wie wohl der in den Medien soziales Kapital erworbene Held damit zurechtkommt? Lernt er vielleicht in der psychotherapeutischen Praxis eine weitere Rolle?</p>
<p><em>Links</em>:</p>
<ul>
<li><a href="http://www.transcript-verlag.de/ts1371/ts1371.php" target="_blank">Verlagsinformationen zum Buch</a></li>
<li><a href="http://kw.uni-paderborn.de/institute-einrichtungen/institut-fuer-humanwissenschaften/soziologie/personal/bublitz/" target="_blank">Webpräsenz von Hannelore Bublitz an der Universität Paderborn</a></li>
<li><a href="http://www.uni-due.de/geisteswissenschaften/mitarbeiter_schirrmeister_index.shtml" target="_blank">Webpräsenz von Claudia Schirrmeister an der Universität Duisburg-Essen</a></li>
</ul>


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<li><a href='http://www.rkm-journal.de/archives/1536' rel='bookmark' title='Permanent Link: Holger Schramm (Hrsg.): Handbuch Musik und Medien'>Holger Schramm (Hrsg.): Handbuch Musik und Medien</a></li>
</ol></p>]]></content:encoded>
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		<title>Nina Trentmann: Barack Obama gegen John McCain</title>
		<link>http://www.rkm-journal.de/archives/2314</link>
		<comments>http://www.rkm-journal.de/archives/2314#comments</comments>
		<pubDate>Wed, 19 May 2010 11:54:45 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Redaktion</dc:creator>
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		<description><![CDATA[<em>Rezensiert von Yvonne Kuhn</em>

<a href="http://www.rkm-journal.de/archives/2314"><img class="alignleft size-full wp-image-2975" title="Trentmann2009" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2010/02/Trentmann20091.jpg" alt="" width="160" height="223" /></a>Der Blick auf amerikanische Wahlkämpfe scheint für deutsche Politik- und Medienwissenschaftler von besonderem Reiz zu sein – wird doch immer wieder eine Adaption amerikanischer Strategien durch deutsche Parteien unterstellt. Eine Analyse der Strategien im Wahlkampf Barack Obama versus John McCain als "nie da gewesenes Ereignis" hat nun Nina Trentmann vorgelegt und verspricht, die "wichtigsten strategischen Neuerungen" vorzustellen. Ihre Ergebnisse stützen sich neben einer umfangreichen Beachtung des Forschungsstands auf eigens durchgeführten Interviews mit Wahlkampfmitarbeitern und -experten. Die Informations- und Materialfülle ist beachtlich, wenngleich die Beschäftigung mit der Kampagne Barack Obamas deutlich intensiver ausfällt als die mit seinem Konkurrenten John McCain. <a href="http://www.rkm-journal.de/archives/2314">[Mehr]</a>


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</ol>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Rezensiert von Yvonne Kuhn</em></p>
<p><a href="http://www.rkm-journal.de/archives/2314"><img class="alignleft size-full wp-image-2975" title="Trentmann2009" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2010/02/Trentmann20091.jpg" alt="" width="160" height="223" /></a>Der Blick auf amerikanische Wahlkämpfe scheint für deutsche Politik- und Medienwissenschaftler von besonderem Reiz zu sein – wird doch immer wieder eine Adaption amerikanischer Strategien durch deutsche Parteien unterstellt. Eine Analyse der Strategien im Wahlkampf Barack Obama versus John McCain als &#8220;nie da gewesenes Ereignis&#8221; (7) hat nun Nina Trentmann vorgelegt und verspricht, die &#8220;wichtigsten strategischen Neuerungen&#8221; (8) vorzustellen. Ihre Ergebnisse stützen sich neben einer umfangreichen Beachtung des Forschungsstands auf eigens durchgeführten Interviews mit Wahlkampfmitarbeitern und -experten. Die Informations- und Materialfülle ist beachtlich, wenngleich die Beschäftigung mit der Kampagne Barack Obamas deutlich intensiver ausfällt als die mit seinem Konkurrenten John McCain.</p>
<p>Obamas Sieg gründete sich vor allem auf der &#8220;Change&#8221;-Strategie und der intensiven Nutzung des Internets, das nicht nur als Werbemedium, sondern im hohem Maße als Mobilisierungs- und Fundraising-Instrument eingesetzt wurde. Einen Hauptteil der Magisterarbeit nimmt die detaillierte Darlegung des Internet-Einsatzes und der diesbezüglichen Unterschiede zwischen Obama und McCain ein. Trentmann belegt die enorme, sich erst in den letzten Jahren dynamisierende Entwicklung des Internets zum essenziellen Wahlkampfmedium: &#8220;Die Webseite ist nicht nur eine Informationsquelle – sie ist gleichzeitig das Informationsmittel der Kampagne, das Vehikel zum Mitmachen, ein Souvenirladen im World Wide Web und der Ort, wo Barack Obama einen Großteil seiner Spenden akquiriert.&#8221; (39)</p>
<p>Der Obama-Wahlkampf war in besonderer Weise von einer durch die Kampagnenleitung initiierten, sich dann jedoch verselbständigenden Unterstützung freiwilliger Wahlkampfhelfer gekennzeichnet. Entscheidend war jedoch nicht die Freiwilligen-Unterstützung selbst, sondern der &#8220;Versuch, die Kampagne als Grassroots-Bewegung zu porträtieren&#8221; (46), also das Grassroots-<em>Image</em>, vor allem für die Ansprache junger Wähler zwischen 18 und 24 (85f.). Die Kampagnen beider Kandidaten waren aber durchaus auch von herkömmlichen Wahlkampfinstrumenten wie die persönliche Wähleransprache an Haustür, via Post und Telefon geprägt.</p>
<p>Abgesehen von der erhöhten Internetpräsenz und -nutzung, die der technischen Entwicklung dieses Mediums, seiner Verbreitung und Eignung für den Einsatz wahlkampfrelevanter Methoden entspricht, ist, wie Trentmann überzeugend darlegt, nichts wirklich Neues im amerikanischen Wahlkampf zu entdecken. Insbesondere die Taktik der Demokraten, den Wechsel zu thematisieren und mit ihrem Kandidaten zu verbinden und dem Gegner politischen Stillstand zuzuschreiben, ist eine altbekannte und beliebte Wahlwerbung (18f.).</p>
<p>Trentmann stellt fest: Das Neue besteht lediglich in neuen Instrumenten und Technologien, es gibt keine grundsätzlich neuen Strategien. Damit bleibt der Erkenntnisgewinn begrenzt und die Relevanz der Untersuchung beeinträchtigt, denn Trentmann lässt unklar, wer denn eigentlich von einer Neuartigkeit des Wahlkampfes ausgeht. Die Politikwissenschaft zumindest nicht. Vielmehr schient es sich hier um ein Journalistenurteil zu handeln, das allerdings durchaus revisionsbedürftig ist.</p>
<p>Interessanter wäre es gewesen, zu zeigen, warum der Obama-Wahlkampf und sein Kandidat auch hierzulande ein ungewöhnlich hohes öffentliches Interesse erregte: Deutet es vielleicht trotz der unterschiedlichen politischen Kultur auf ein hier wie dort vorhandenes Sehnen nach charismatischen, scheinbar eindeutig einzuordnenden Politikerpersönlichkeiten hin?</p>
<p>Die Darstellung der Rahmenbedingungen und Wirkung von Wahlkämpfen sowie der Erreichbarkeit der Wähler nimmt die Autorin schulbuchmäßig vor, es fehlen jedoch eine theoretische Grundlegung der Bedeutung und Funktionen von Wahlkampf im politischen System sowie Aussagen über Politikvermittlung, die Rolle und das Verhalten der Medien. Der Arbeit mangelt es schließlich an einer kritischen Perspektive &#8211; auch im Fazit, in dem Trentmann lediglich auf die mögliche Übernahme amerikanischer Methoden für deutsche Parteien eingeht. Die Untersuchung ist außerdem streckenweise überfrachtet mit Zitaten, deren Einsatz nicht immer ersichtlich ist.</p>
<p><em>Literatur</em>:</p>
<ul>
<li>Jung, M.: &#8220;Vom Obama lernen heißt siegen lernen? Rahmenbedingungen für Wahlkämpfe in Deutschland&#8221;, in: Picot, A.; Freyberg, A. (Hrsg.): <em>Media Reloaded. Mediennutzung im globalen Zeitalter</em>, Heidelberg 2010, S. 95-102.</li>
</ul>
<p><em>Links</em>:</p>
<ul>
<li><a href="http://www.tectum-verlag.de/9978_Nina_Trentmann_Barack_Obama_gegen_John_McCain_Neue_Strategien_im_amerikanischen_Pr&amp;%2365533;sidentschaftswahlkampf_2008_USA_Wahlkampf_Experteninterviews.html" target="_blank">Verlagsinformationen zum Buch</a></li>
<li><a href="http://www.hsu-hh.de/hartmann/index_0SZHbncSJsgnn95c.html" target="_blank">Webpräsenz von Yvonne Kuhn an der Helmut-Schmidt-Universität Hamburg </a></li>
</ul>


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<li><a href='http://www.rkm-journal.de/archives/1932' rel='bookmark' title='Permanent Link: Ralf Hering; Bernd Schuppener; Nina Schuppener: Kommunikation in der Krise'>Ralf Hering; Bernd Schuppener; Nina Schuppener: Kommunikation in der Krise</a></li>
<li><a href='http://www.rkm-journal.de/archives/461' rel='bookmark' title='Permanent Link: Moritz Ballensiefen: Bilder machen Sieger – Sieger machen Bilder'>Moritz Ballensiefen: Bilder machen Sieger – Sieger machen Bilder</a></li>
</ol></p>]]></content:encoded>
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		<title>Nicole Labitzke: Ordnungsfiktionen</title>
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		<pubDate>Fri, 16 Apr 2010 06:30:45 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Redaktion</dc:creator>
				<category><![CDATA[Einzelrezension]]></category>
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		<description><![CDATA[<em>Rezensiert von Peter-Harald Kust</em>

<a href="http://www.rkm-journal.de/archives/82"><img class="alignleft size-full wp-image-2703" title="labitzke2009" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2009/05/labitzke20091.jpg" alt="" width="160" height="243" /></a>Nicole Labitzke befasst sich in ihrer Dissertation "mit den Mechanismen und Funktionsweisen des medialen Ordnungsprozesses, der als grundlegendes Muster in das Tagesprogramm von RTL, Sat.1 und ProSieben eingelassen ist". Sie interessiert sich dafür, welche Ordnungsstrukturen mittels Sprache (diskursive Kompetenzen der TV-Akteure) und "raumzeitlicher Organisation des medial vermittelten Textes" (Studioaufbau) hergestellt werden. Ihre Ausgangsthese ist, dass sich mit der "Ablösung des klassischen Talkshow-Formates zwischen 2000 und 2005 […] das private Fernsehen […] sukzessive zu einer normalisierenden Ordnungsinstanz entwickelt [hat], die für alle Probleme der privaten/intimen Lebenswelt eine Lösung bereithält". <a href="http://www.rkm-journal.de/archives/82">[Mehr]</a>


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			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Rezensiert von Peter-Harald Kust</em></p>
<p><a href="http://www.rkm-journal.de/archives/82"><img class="alignleft size-full wp-image-2703" title="labitzke2009" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2009/05/labitzke20091.jpg" alt="" width="160" height="243" /></a>Nicole Labitzke befasst sich in ihrer Dissertation &#8220;mit den Mechanismen und Funktionsweisen des medialen Ordnungsprozesses, der als grundlegendes Muster in das Tagesprogramm von <a href="http://www.rtl.de/cms/index.html" target="_blank">RTL</a>, <a href="http://www.sat1.de/" target="_blank">Sat.1</a> und <a href="http://www.prosieben.de/" target="_blank">ProSieben</a> eingelassen ist&#8221; (19). Sie interessiert sich dafür, welche Ordnungsstrukturen mittels Sprache (diskursive Kompetenzen der TV-Akteure) und &#8220;raumzeitlicher Organisation des medial vermittelten Textes&#8221; (Studioaufbau) hergestellt werden (21). Ihre Ausgangsthese ist, dass sich mit der &#8220;Ablösung des klassischen Talkshow-Formates zwischen 2000 und 2005 […] das private Fernsehen […] sukzessive zu einer normalisierenden Ordnungsinstanz entwickelt [hat], die für alle Probleme der privaten/intimen Lebenswelt eine Lösung bereithält&#8221; (16).</p>
<p>Labitzke zieht Parallelen zwischen der sozio-ökonomischen Entwicklung Deutschlands des Jahres 2005 (Stichwort Hartz IV) und der Veränderung des Tagesprogramms der privaten Anbieter. Die Autorin vermutet einen Wandel der Formate von gesprächsbasierten, offenen Talkshows hin zu gescripteten, also vorgezeichneten Gerichtsshows (16). Diese sollen eine soziale Ordnung medial in Form &#8220;einer konkreten Entscheidung oder eines richterlichen Urteils&#8221; (16) reproduzieren. Die Studie sieht sich an der &#8220;Schnittstelle zwischen Kommunikations- und Medienwissenschaft&#8221; (Umschlagtext).</p>
<p>Die Arbeit lässt sich in zwei thematische Blöcke unterteilen: In den Kapiteln 1-3 führt die Autorin zur Fragestellung hin, befasst sich mit Besonderheiten des Tagesprogramms der untersuchten Sender und stellt die Struktur der untersuchten Formate sowie Forschungsresultate dazu vor. Die Kapitel 4, 5 und 6 beschäftigen sich mit dem theoretischen Hintergrund. Hier werden auch die Methode vorgestellt sowie die Ergebnisse präsentiert, zusammengefasst und diskutiert.</p>
<p>Untersucht wurde das Tagesprogramm der Sender zwischen 10 und 18 Uhr, dies Montag bis Freitag vom 12. bis 16 September 2005. Die Autorin ordnet die untersuchten Sendungen zwei Subgruppen zu: Zum &#8216;Sprechfernsehen&#8217; zählt sie Talkshows wie &#8216;Vera am Mittag&#8217; bzw. Gerichtsshows wie Richterin Barbara Salesch und Studiosendungen wie &#8216;Zwei bei Kallwass&#8217;. Die zweite Subgruppe sind &#8216;Filme&#8217; wie Makeover-Shows (&#8216;Einsatz in vier Wänden&#8217;) und Ermittler-Soaps wie Lenβen und Partner&#8217;. Auch Doku-Soaps wie &#8216;Unsere Klinik – Ärzte im Einsatz&#8217;  und die Telenovela &#8216;Verliebt in Berlin&#8217; zählt sie hierzu (47). Die Analyse des Materials erfolgt anhand von Einstellungs- und Sequenzprotokollen sowie Transkripten, die &#8220;strukturale Erzähltheorie bildet […] den methodischen Hintergrund für eine narratologisch-semiotische Analyse der Erzählungen im Tagesprogramm&#8221; (87). Dies ist auch die theoretische Basis, da &#8220;erzähltextliche Weltentwürfe eng an die Organisation der materiellen topographischen Struktur (z. B. das Fernsehstudio) gekoppelt sind&#8221; (23).</p>
<p>Labitzke unterscheidet die TV-Akteure in passive PatientInnen (ursprünglich nicht-mediale Figuren, &#8220;Verursacher von Ordnungsverletzungen&#8221;: 142) und aktive AgentInnen (&#8220;jene Figurengruppe […], die im kommunikativen Innenraum […] über uneingeschränkte Handlungsmacht verfügt&#8221;: 122). Die Verfasserin schliesst mit der Erkenntnis, &#8220;dass die Anordnung der vorhandenen Sprecherpositionen und -instanzen ein hiercharchisiertes Sprechersystem hervorbringt. […] Der Einsatz geschriebener oder gesprochener Sprache als Textinsert oder Off-Text etabliert normative Ordnungen und führt in vielen Fällen die charakteristische narrative Geschlossenheit der Erzählung, z. B. durch ein Urteil, erst herbei. […] Die objektive bzw. subjektive Semantik korreliert auf signifikante Weise mit unterschiedlichen Sprechakten&#8221; (300). Damit sieht sie ihre Ausgangsthese bestätigt, dass die untersuchten Programme Ordnungsstrukturen repräsentieren.</p>
<p>Die Studie ist durchaus von Interesse für die Kommunikationswissenschaft: Sie lenkt den Blick auf Strukturen in Formaten, bei denen &#8220;in der empirischen Kommunikationswissenschaft […] das Interesse an der Nutzung sowie den damit einhergehenden Wirkungen […] im Vordergrund&#8221; steht (80). Die Idee, dass TV-Formate Ordnungsstrukturen beinhalten, die mit aktuellen politisch-ökonomischen Entwicklungen in Gesellschaften korrespondieren bzw. als Reaktion zu verstehen sind, ist befruchtend und originell. Hier ließen sich Folgestudien anschließen, die sich mit der Sicht der Rezipienten solcher Formate unter dem Ordnungsaspekt befassen. Auch bietet die Arbeit einen Überblick über die Entwicklung der Programme bzw. Formate sowie die Strategien der privaten Anbieter. Daneben hat sie einen anderen theoretisch/methodischen Zugang zu TV-Angeboten als die sozialwissenschaftlich ausgerichtete Forschung. Erfreulich sind die Zusammenfassungen der wichtigsten Aussagen am Ende der Kapitel.</p>
<p>Eine kommunikationswissenschaftliche Lesart wirft aber auch Fragen auf. Deren Perspektive wird knapp auf rund 23 Seiten diskutiert, aber dann nicht mehr theoretisch bzw. methodisch weiterverfolgt. Somit lässt sich die angekündigte Schnittstellenfunktion zwischen Kommunikations- und Medienwissenschaft nicht erkennen. Dazu hätte sich vor allem der Ansatz des Agenda Setting angeboten. Hier gibt es frühe Untersuchungen zur Darstellung von Konflikten in den Medien (Weiß 1989). Das durch den medialen Text erzeugte &#8220;Modell von Wirklichkeit&#8221; (83) hätte sich an die Betrachtung medialer Wirklichkeitskonstruktion der &#8220;gesellschaftlichen Konstruktion der Wirklichkeit&#8221; nach Berger/Luckmann anschließen lassen (Keppler 2005: 94), Prozesse der Interaktion zwischen den Fernsehakteuren ließen sich mit dem Symbolischen Interaktionismus erklären (Krotz 1997). Die aus der Soziologie entlehnte soziale Ordnung wird nicht diskutiert oder belegt (20). Hier wäre ein Exkurs in die Soziologie und deren Grundverständnis von Ordnung durchaus interessant gewesen, dies vor allem unter dem Aspekt der &#8220;Akteurskonstellationen&#8221; (Esser 2000: 47). Denn gerade das Spannungsverhältnis zwischen individuellem Handeln in Form des Verstoßes gegen Normen und Regeln und die Wiederherstellung der Ordnung durch die untersuchten Formate ist das Thema der Arbeit. Warum nur kurz in einer Fußnote auf ähnliche öffentlich-rechtliche Formate eingegangen wird, erschließt sich nicht (39). Immerhin wurden die ersten Gerichtsshows in der <a href="http://www.ard.de/" target="_blank">ARD</a> (&#8216;Das Fernsehgericht tagt&#8217;, 1961-1978) und im <a href="http://www.zdf.de/" target="_blank">ZDF</a> (&#8216;Wie würden Sie entscheiden&#8217;, 1974-2000) ausgestrahlt, &#8216;Fliege – Die Talkshow&#8217; war 1994-2005 im Ersten zu sehen.</p>
<p>Kaum begründet ist die Annahme der Autorin, die untersuchten privaten Anbieter sähen sich selbst als Ersatz für das Versagen der Politik: &#8220;Die privaten Anbieter haben, basierend auf einer durch die Politik verursachten Leerstelle, einen [sic] offensichtlich vorhandenes Bedürfnis des potenziellen Publikums nach Orientierung, Klarheit und Gerechtigkeit identifiziert und generieren Angebote, die diesen Bedarf bedienen&#8221; (19). Die Autorin stützt ihre Vermutung lediglich auf eine Studie von Karstens/Schütte aus dem Jahr 1999. Hier hätten sich Experteninterviews mit Programmverantwortlichen angeboten. Die Begründung der Auswahl des Untersuchungsmaterials lässt auf eine hypothesenprüfende Studie schließen: &#8220;Den […] Schwerpunkt […] bilden jene Formate, die das Tagesprogramm am stärksten bestimmen […]. Die Durchsetzung einer (sozialen) Ordnung ist ein übergreifendes Motiv, das sowohl im Kontext des Sprechfernsehens, d. h. der Studiosendungen, als auch bei filmischen Darstellungen vorherrschend ist&#8221; (48). Allerdings hätte dann eine andere Methode angewandt und hätten die Ergebnisse statistisch ausgewertet werden müssen.</p>
<p>Das Vorgehen bei der Auswertung der Transkripte wird nicht erläutert. Leider stellt die Autorin ihre Ergebnisse nicht graphisch in Übersichten dar, also welche Strukturen in welchen Formaten und Sendern nun konkret im Sprechfernsehen oder in Filmen zu finden sind oder wie sich AgentInnen und PatientInnen verteilen. Lediglich an einer kleinen Tabelle sind Genres/Sujettypen und ihre Dominanz erkennbar (291). Dort erfährt man, dass die Ordnungsthemen &#8216;Recht&#8217; in der Gerichtsshow, &#8216;Moral&#8217; im Daily Talk und &#8216;Ästhetik&#8217; in der Makeover-Show behandelt werden. Unklar ist, welche Sendungen konkret untersucht wurden. Vermutlich stellt Tabelle 1 neben den Reichweiten auch die Untersuchungseinheiten dar, es könnten aber auch die Tabellen 17 bzw. 18 im Anhang sein. Die Autorin befasst sich mit Veränderungen in den Jahren zwischen 2000 und 2005 (45) bzw. 2007 (34), ausgewertet wurde nur eine Woche im September 2005. Die möglichen Veränderungen stellt sie mit dem Vergleich der Programmschemata fest (34). Hier hätten Messungen mit der gleichen methodischen Vorgehensweise zu mehreren Zeitpunkten erfolgen müssen. Anhand der vorliegenden Daten Veränderungen zu diskutieren, erscheint doch etwas gewagt. Die Ergebnisse werden schliesslich nur für die Jahre 2000-2005 präsentiert (299).</p>
<p>Die Untersuchung möglicher Ordnungsstrukturen in den diskutierten Formaten ist eine interessante Fragestellung. Ein sozialwissenschaftlicher Forschungsprozess lässt sich aber nur mit Mühe erkennen, eine überblicksartige Lesart der Ergebnisse ist kaum möglich. Aus kommunikationswissenschaftlicher Sicht bleiben nach der Lektüre somit wesentlich mehr Fragen, als Antworten gegeben würden.</p>
<p><em>Literatur:</em></p>
<ul>
<li>Esser, H.: <i>Soziologie. Spezielle Grundlagen. Band 2: Die Konstruktion der Gesellschaft</i>. Frankfurt/New York [Campus Verlag] 2000.</li>
<li>Keppler, A.: &#8220;Medien und soziale Wirklichkeit&#8221;. In: Jäckel, M. (Hrsg.): <i>Mediensoziologie. Grundlagen und Forschungsfelder</i>. Wiesbaden [VS Verlag] 2005, S. 91-106.</li>
<li>Krotz, F.: &#8220;Kontexte des Verstehens audiovisueller Kommunikate. Das sozial positionierte Subjekt der Cultural Studies und die kommunikativ konstruierte Identität des Symbolischen Interaktionismus&#8221;. In: Charlton, M.; Schneider, S. (Hrsg.): <i>Rezeptionsforschung. Theorien und Untersuchungen zum Umgang mit Massenmedien</i>. Opladen [VS Verlag] 1997, S. 73-89.</li>
<li>Weiß, H.-J.; Trebbe, J.: &#8220;Öffentliche Streitfragen und massenmediale Argumentationsstrukturen. Ein Ansatz zur Analyse der inhaltlichen Dimension im Agenda Setting-Prozeß&#8221;. In: Kaase, M.; Schulz, W. (Hrsg.): <i>Massenkommunikation. Theorien, Methoden, Befunde</i>. Opladen [VS Verlag] 1989, S. 473-489.</li>
</ul>
<p><em>Lesetipps:</em></p>
<ul>
<li><a href="http://www.medienheft.ch/kritik/bibliothek/k09_BaehlerRegula_02.html" target="_blank">Bähler, R. (2009): &#8220;TV als Hersteller sozialer Ordnung? Ordnungsfiktionen auf RTL, Sat.1 und ProSieben&#8221;. Online-Rezension auf Medienheft.ch (09.04.2010).</a></li>
<li><a href="http://www.medienheft.ch/kritik/bibliothek/k19_MeierOliver.html" target="_blank">Meier, O. (2003): &#8220;Im Namen des Publikums. Gerichtssendungen zwischen Fiktionalität und Authentizität&#8221;. Online-Kritik auf Medienheft.ch (09.04.2010).</a></li>
</ul>
<p><em>Links:</em></p>
<ul>
<li><a href="http://www.uvk.de/buch.asp?ISBN=9783867641319" target="_blank">Verlagsinformationen zum Buch</a></li>
</ul>


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		<title>Peter Brummund: Die Entwicklung des Funktionsrabatts im Presse-Grosso</title>
		<link>http://www.rkm-journal.de/archives/491</link>
		<comments>http://www.rkm-journal.de/archives/491#comments</comments>
		<pubDate>Fri, 19 Mar 2010 09:00:52 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Redaktion</dc:creator>
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		<description><![CDATA[<em>Rezensiert von Bernd Klammer</em>

<a href="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2010/01/brummund2009.jpg"><img class="alignleft size-full wp-image-1967" title="brummund2009" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2010/01/brummund2009.jpg" alt="" width="160" height="237" /></a>Brummunds Fazit ist ebenso klar wie ernüchternd, zumindest aus Sicht kleiner und mittelständischer Verlage, die Auftraggeber der von ihm vorgelegten Studie sind: Das bestehende Vertriebssystem von Zeitungen und Zeitschriften über das Presse-Grosso wäre ohne die großen Verlage nicht zu finanzieren. Änderungen bei den Kriterien für die Festlegung des Funktionsrabatts sind entweder nicht praxistauglich oder gegen den Widerstand der anderen Handelspartner nicht durchzusetzen. Deshalb müssen die mittelständischen Verlage weiterhin wirtschaftliche Nachteile in Kauf nehmen, um aus eigenem Interesse das Fortbestehen des letztlich allseits akzeptierten Vertriebssystems über den Absatzweg Groß- und Einzelhandel zu sichern. <a href="http://www.rkm-journal.de/archives/491">[Mehr]</a>


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<li><a href='http://www.rkm-journal.de/archives/459' rel='bookmark' title='Permanent Link: Peter J. Schulz; Uwe Hartung; Simone Keller (Hrsg.): Identität und Vielfalt der Kommunikationswissenschaft'>Peter J. Schulz; Uwe Hartung; Simone Keller (Hrsg.): Identität und Vielfalt der Kommunikationswissenschaft</a></li>
<li><a href='http://www.rkm-journal.de/archives/815' rel='bookmark' title='Permanent Link: Peter Schumacher: Rezeption als Interaktion'>Peter Schumacher: Rezeption als Interaktion</a></li>
</ol>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Rezensiert von Bernd Klammer</em></p>
<p><a href="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2010/01/brummund2009.jpg"><img class="alignleft size-full wp-image-1967" title="brummund2009" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2010/01/brummund2009.jpg" alt="" width="160" height="237" /></a>Brummunds Fazit ist ebenso klar wie ernüchternd, zumindest aus Sicht kleiner und mittelständischer Verlage, die Auftraggeber der von ihm vorgelegten Studie sind: Das bestehende Vertriebssystem von Zeitungen und Zeitschriften über das Presse-Grosso wäre ohne die großen Verlage nicht zu finanzieren. Änderungen bei den Kriterien für die Festlegung des Funktionsrabatts sind entweder nicht praxistauglich oder gegen den Widerstand der anderen Handelspartner nicht durchzusetzen. Deshalb müssen die mittelständischen Verlage weiterhin wirtschaftliche Nachteile in Kauf nehmen, um aus eigenem Interesse das Fortbestehen des letztlich allseits akzeptierten Vertriebssystems über den Absatzweg Groß- und Einzelhandel zu sichern.</p>
<p>Welche Nachteile das sind, dies arbeitet Brummund in seiner Analyse zur Entwicklung des Funktionsrabatts im Presse-Grosso im Auftrag des Arbeitskreises Mittelständischer Verlage (AMV), einem Zusammenschluss von Verlagen und Nationalvertrieben mittelauflagiger Zeitschriften, heraus. Anlass der Untersuchung waren die mit dem Auslaufen der bislang gültigen Rabattkonditionen zu Ende Februar 2009 anstehenden neuen Verhandlungsrunden zwischen Verlagen und Grosso als Handelspartnern. Die Studie sollte Antworten auf die Frage geben, welche Argumente die kleinen und mittelständischen Verlage in die Verhandlungen einbringen können, um sich zwischen den marktmächtigen Großverlagen auf der einen Seite und den nachfragestarken Großhändlern mit ihren Gebietsmonopolen auf der anderen Seite zu positionieren.</p>
<p>Brummund, ausgewiesener Vertriebsexperte mit langjähriger Berufserfahrung in diesem Feld, baut seine Untersuchung so auf, dass er sich zunächst theoretisch mit den Grundlagen des Funktionsrabatts und dessen Bedeutung speziell im Pressevertrieb beschäftigt. Anschließend stellt er detailliert dar, wie sich der Funktionsrabatt im Pressegroßhandel historisch entwickelt hat, von objektgruppenbezogenen und zum Teil auch je Grossisten individuell ausgehandelten Rabattkonditionen hin zu einer an der Verkaufsauflage und den Umsätzen der Einzelobjekte bemessenen Rabattierung einheitlich für alle Grossisten. Ausführlich werden die vielfältigen Anpassungen der Rabattkonditionen beschrieben, die zwischen den Handelspartnern u. a. auch durch geänderte Rahmenbedingungen wie die Einführung der Mehrwertsteuer 1968 verhandelt werden mussten. In einem weiteren Kapitel analysiert und bewertet der Autor die verschiedenen Regelungen und Gepflogenheiten in den Konditionenverhandlungen, die Einfluss auf das Ergebnis des Funktionsrabatts haben, insbesondere im Hinblick auf ihre Wirkungen für die kleinen und mittelständischen Verlage. Daraus leitet er schließlich alternative Rabattmodelle ab, deren Für und Wider er jeweils erörtert. Die Studie endet mit einer Zusammenfassung der Ergebnisse, bei der er seine analyseleitenden Fragen nochmals explizit darstellt und sie auf die wesentlichen Erkenntnisse fokussiert beantwortet.</p>
<p>Neben der überschaubaren Zahl veröffentlichter Bücher und Rechtsgutachten zum Pressevertrieb greift Brummund bei seiner Analyse auch auf nicht veröffentlichte Quellen zurück, die ihm als Nicht-Insider sicherlich verschlossen geblieben wären. Es wäre allerdings wünschenswert gewesen, einige der zitierten zentralen Quellen, z. B. die Vereinbarung zum Koordinierten Vertriebs-Marketing, in einen Anhang mit aufzunehmen.</p>
<p>Aber auch so erlaubt Brummund selbst dem nicht sachkundigen Leser einen sehr guten Einblick sowohl in die Struktur des Vertriebssystems mit ihren Akteuren und gegenseitigen Abhängigkeiten als auch in die Gepflogenheiten der Branche. Da sind zum einen die Großverlage, allen voran Bauer und Springer, die sich immer wieder unzufrieden mit den Leistungen des Presse-Grossos zeigen. Vor dem Hintergrund, dass sie die umsatzstärksten Titel im Programm haben und mit diesen indirekt kleinere Objekte subventionieren, fordern sie vom Grosso, ihre Titel im Einzelhandel stärker zu berücksichtigen. Sie plädieren abgestimmt für Fusionen im Presse-Großhandel und drohen latent mit einem stärkeren Einstieg in den Zwischenhandel oder gar dem Aufbau einer eigenen Vertriebsorganisation. Dies fürchtet das verlagsunabhängige Presse-Grosso, das auf die umsatzstarken Titel angewiesen ist. Sein z. T. erzwungenes Entgegenkommen gegenüber den Forderungen der Großverlage nach einem größeren Anteil an der Wertschöpfung kompensiert es durch das Festhalten an den Rabattkonditionen für die kleineren Objekte und dem Hinweis auf mögliche Leistungskürzungen und Zusatzentgelte, von denen ebenfalls klein- und mittelauflagige Titel besonders betroffen wären. Die kleinen und mittelständischen Verlage schließlich, die auf einen diskriminierungsfreien Großhandel angewiesen sind, wünschen sich Kriterien für die Berechnung des Funktionsrabatts, die ihre Titel angemessen berücksichtigen.</p>
<p>Dieses Konfliktfeld bildet für Brummund den Rahmen bei den Verhandlungen über den Funktionsrabatt. Es ist daher nur stringent, dass er sie in seiner Analyse als einen horizontalen und vertikalen Verteilungskonflikt um die Anteile an der Wertschöpfungskette charakterisiert. Brummund schreibt seinen Auftraggebern durchaus kritisch ins Stammbuch, dass sie in der Vergangenheit keine eigene Position in die Verhandlungen eingebracht, sondern sich stattdessen darauf beschränkt hätten, die Ergebnisse der Großverlage zu übernehmen, in dem Glauben, deren Interessen deckten sich mit den eigenen bei den Objekten mit kleinen und mittleren Auflagen. Aus seiner Analyse, die nur einen geringen Verhandlungsspielraum für die kleinen und mittelständischen Verlage ergibt, leitet Brummund den Vorschlag ab, die Zahl der eingeschalteten Presseeinzelhändler als weiteres Kriterium für die Bemessung des Funktionsrabatts mit aufzunehmen. Damit würde ein die verlagsindividuellen Vertriebsziele betreffender Faktor berücksichtigt, der die Kosten unmittelbar beeinflusst.</p>
<p><em>Link:</em></p>
<ul>
<li><a href="http://www.nomos-shop.de/productview.aspx?product=10968" target="_blank">Verlagsinformationen zum Buch</a></li>
</ul>


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</ol></p>]]></content:encoded>
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		<title>Saskia Ziegelmaier: Visuelles Framing von Alter</title>
		<link>http://www.rkm-journal.de/archives/1557</link>
		<comments>http://www.rkm-journal.de/archives/1557#comments</comments>
		<pubDate>Fri, 12 Mar 2010 09:00:57 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Redaktion</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Rahmenanalyse]]></category>

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		<description><![CDATA[<em>Rezensiert von York Kautt</em>

<a rel="attachment wp-att-2438" href="http://www.rkm-journal.de/archives/1557/"><img class="alignleft size-full wp-image-2438" title="ziegelmaier2009" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2009/10/ziegelmaier20092.jpg" alt="" width="160" height="225" /></a>Die Arbeit von Saskia Ziegelmaier fokussiert die Inszenierungen des Alters und der Alten im Kontext eines bestimmten Bereichs der Massenmedien, nämlich der journalistischen Berichterstattung – mithin ein spezifisches Segment des weiten Themenhorizonts, den der Titel der Monographie aufspannt. Die Studie ist zweigeteilt: Während in einem ersten Abschnitt die benötigten Begriffe und Konzepte erläutert werden (Kap. 2-4), präsentiert die Autorin im zweiten Teil eine empirische Studie, die sich mit den Altersdarstellungen in aktuellen journalistischen Formaten und deren Rezeption beschäftigt (Kap. 5 und 6). Das in der Einleitung formulierte Ziel des theoretischen Abschnitts, nämlich "den Framing-Ansatz aus Perspektive der visuellen Kommunikationsforschung zu beleuchten" und dabei einen "Entwurf für ein 'visuelles Framing-Konzept'" vorzustellen, "der das grundsätzliche Defizit der Bildbetrachtung im kommunikationswissenschaftlichen Framing-Ansatz aufgreift" (12) bleibt wie die entsprechenden Ausführungen hierzu etwas unklar. <a href="http://www.rkm-journal.de/archives/1557">[Mehr]</a>


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			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Rezensiert von York Kautt</em></p>
<p><a rel="attachment wp-att-2438" href="http://www.rkm-journal.de/archives/1557/ziegelmaier2009-3"><img class="alignleft size-full wp-image-2438" title="ziegelmaier2009" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2009/10/ziegelmaier20092.jpg" alt="" width="160" height="225" /></a>Die Arbeit von Saskia Ziegelmaier fokussiert die Inszenierungen des Alters und der Alten im Kontext eines bestimmten Bereichs der Massenmedien, nämlich der journalistischen Berichterstattung – mithin ein spezifisches Segment des weiten Themenhorizonts, den der Titel der Monographie aufspannt. Die Studie ist zweigeteilt: Während in einem ersten Abschnitt die benötigten Begriffe und Konzepte erläutert werden (Kap. 2-4), präsentiert die Autorin im zweiten Teil eine empirische Studie, die sich mit den Altersdarstellungen in aktuellen journalistischen Formaten und deren Rezeption beschäftigt (Kap. 5 und 6). Das in der Einleitung formulierte Ziel des theoretischen Abschnitts, nämlich &#8220;den Framing-Ansatz aus Perspektive der visuellen Kommunikationsforschung zu beleuchten&#8221; und dabei einen &#8220;Entwurf für ein &#8216;visuelles Framing-Konzept&#8217;&#8221; vorzustellen, &#8220;der das grundsätzliche Defizit der Bildbetrachtung im kommunikationswissenschaftlichen Framing-Ansatz aufgreift&#8221; (12) bleibt wie die entsprechenden Ausführungen hierzu etwas unklar. Das sinnvolle Unterfangen, die Rahmen-Konzepte verschiedener Fachwissenschaften zu berücksichtigen, gibt nur bedingt eine theoretische Perspektive zu erkennen, die die Anschlussmöglichkeiten und Komplementaritäten der vorgestellten Rahmen-Konzepte und deren Stellenwert für die Untersuchung deutlich macht.</p>
<p>Vor allem drängt sich im theoretischen Teil des Buches immer wieder die Frage auf, inwiefern, inwieweit und mit welchen Argumenten Rahmen als <em>soziale</em> (kulturelle, gesellschaftliche) und/oder <em>mentale/kognitive</em> Konstruktionen verstanden werden. Dies geschieht schon deshalb, weil die Autorin Frames zwar im Wesentlichen als kognitive Schemata auffasst, mit ihren Gegenständen (Bildern, Texten) aber Kommunikationen in den Mittelpunkt stellt – also <em>soziale </em>Tatbestände. Man hätte sich jedenfalls eine vertiefte Auseinandersetzung mit soziologischen Rahmen-Konzepten und deren Abgrenzung zu psychologischen Rahmenbegriffen gewünscht, um den Zugriff auf das Thema besser verstehen zu können.</p>
<p>Die kursorische Darstellung von Goffmans Rahmentheorie leistet dies nicht, indem sie Goffmans Konzept psychologisch umdeutet. Rahmen sind für Goffman ja gerade nicht &#8220;subjektive Situationsdefinitionen&#8221; (15), sondern soziale Konstruktionen, die als intersubjektive &#8216;Deutungsmuster&#8217; nicht über Objekte (z. B. Dinge, Menschen), sondern über sozial typisierte Vorstellungen von Objekten definiert werden (vgl. Goffman 1974). Dass Vorstellungen von Alter, von Altern und von Alten im Sinne sozialer Rahmen einer sozial konstruierten Wirklichkeit (Kosmologie) zugehören, die kognitiven Frames prinzipiell vorausgeht bzw. an deren Ausbildung immer schon beteiligt ist, ließe sich mit Goffmans Rahmentheorie, die sich auch ausführlich mit Bildern und &#8220;Bilder-Rahmen&#8221; beschäftigt (vgl. Goffman 1977) gut darstellen. Demgegenüber setzen die Ausführungen von Ziegelmaier die kognitiven Frames, z. B. die der Journalisten, immer wieder an den Anfang der massenmedialen Thematisierung von Alter (vgl. z. B. 62), während die soziale Konstruktion von Alter zwar auf einigen Seiten abgehandelt, aber nicht theoretisch in das Rahmenkonzept integriert wird.</p>
<p>Im Bereich der empirischen Untersuchung ist zunächst die Gegenüberstellung einer Rahmenanalyse der Medienprodukte mit den Framing-Prozessen der Rezipienten positiv hervorzuheben (letztere werden mit dem kognitionspsychologischen Sorting Task-Verfahren fokussiert). Der empirischen Untersuchung liegen die Daten einer Vollerhebung der mit Alter befassten journalistischen Text- und Bildbeiträge der Jahre 2000-2005 der großen Publikumszeitschriften &#8220;<a href="http://www.focus.de/" target="_blank">Focus</a>&#8220;, &#8220;<a href="http://www.stern.de/" target="_blank">Stern</a>&#8220;, &#8220;<a href="http://www.zeit.de/index" target="_blank">Die Zeit</a>&#8221; und der &#8220;<a href="http://www.spiegel.de/" target="_blank">Spiegel</a>&#8221; zu Grunde – d. h. ein Materialkorpus, den man im Kontext Nachrichten und Berichte als durchaus repräsentativ für die aktuelle (deutsche) Medienlandschaft betrachten kann. Indem Ziegelmaier die Produkte im Rahmen eines qualitativen und quantitativen Forschungsdesigns untersucht, gewinnen ihre Befunde umso mehr an Relevanz. Auf der Ebene der Analyse der Medien-Inhalte und -Darstellungsformen überrascht ggf. das Ergebnis, dass positiv wertende Altersdarstellungen negative Beurteilungen deutlich überwiegen und das, obwohl die Themen Sozialpolitik und Pflege die mit dieser Altersklasse verknüpften Medienberichterstattungen quantitativ deutlich dominieren.</p>
<p>Auf der Ebene der Rezeptionsanalyse macht Ziegelmaier überzeugend deutlich, dass die Sinnkonstruktionen der (visuellen) Medientexte von den Bildbetrachtern durchaus im intentionierten Sinne wahrgenommen und emotional/kognitiv bewertet bzw. interpretiert werden, wobei sich die Einschätzungen der Befragten trotz großer Altersunterschiede (zusammengefasst werden die Gruppen der 29- bis 49-Jährigen und 65+-Jährigen) hinsichtlich der meisten (Bild-)Inszenierungen weitgehend entsprechen. Das Vorurteil bzw. die alltagstheoretische Annahme, dass Alter (auch) in den journalistischen Formaten vorwiegend negativ thematisiert wird – eine Einschätzung, die nicht zuletzt in der Medienberichterstattung selbst wiederholt formuliert wird – kann von der Autorin auf einer soliden Datenbasis entkräftet und durch ein differenziertes Bild des Medienthemas Alter auf der Seite der Produktion wie auf der Seite der Rezeption ersetzt werden.</p>
<p>Den mit Alter befassten und an empirischen Analysen im Kontext der journalistischen Berichterstattung interessierten Medien-, Kommunikations- und SozialwissenschaftlerInnen kann Ziegelmaiers Buch empfohlen werden, weil es einen guten Überblick über die gegenwärtigen Inszenierungs- und Rezeptionsformen zu diesem Zusammenhang gibt.</p>
<p><em> Literatur:</em></p>
<ul>
<li>Goffman, E.: <em>Frame-Analysis. An Essay on the Organisation of Experience.</em> New York 1974.</li>
<li>Goffman, E.: <em>Gender Advertisements.</em> New York 1977.</li>
</ul>
<p><em>Links:</em></p>
<ul>
<li><a href="http://www.peterlang.com/Index.cfm?vID=58646&amp;vHR=1&amp;vUR=2&amp;vUUR=3&amp;vLang=E" target="_blank">Verlagsinformationen zum Buch</a></li>
<li><a href="http://www.uni-giessen.de/cms/fbz/fb03/institute/ifs/perso/kaut" target="_blank">Webpräsenz von York Kautt an der Universität Gießen</a></li>
</ul>


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		<title>Anja Johanning: Kompetenzentwicklung im Internet</title>
		<link>http://www.rkm-journal.de/archives/1612</link>
		<comments>http://www.rkm-journal.de/archives/1612#comments</comments>
		<pubDate>Wed, 24 Feb 2010 09:00:22 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Redaktion</dc:creator>
				<category><![CDATA[Einzelrezension]]></category>
		<category><![CDATA[Community]]></category>
		<category><![CDATA[Internet]]></category>
		<category><![CDATA[Internetforum]]></category>
		<category><![CDATA[Kommunikationswissenschaft]]></category>
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		<description><![CDATA[<em>Rezensiert von Matthias Berg</em>

<a href="http://www.rkm-journal.de/archives/1612/"><img class="alignleft size-full wp-image-2531" title="Johanning2009" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2010/02/Johanning20091.jpg" alt="" width="160" height="226" /></a>Mit <em>Kompetenzentwicklung im Internet</em> präsentiert Anja Johanning die Ergebnisse ihres Dissertationsprojektes, in dem sie sich mit organisationsübergreifenden<em> Online-Communities of Practice</em> auseinandergesetzt hat. Diese werden definiert als "informelle, berufsbezogene Personengruppen, die ein gemeinsames Anliegen in Form von ähnlichen Problemstellungen oder einer gemeinsamen Leidenschaft für spezifische Themen aus dem Arbeitsalltag teilen" und sich darüber im Internet austauschen (83). Ziel der Studie ist die Klärung der übergeordneten Forschungsfrage nach der Rolle, die eben jene internetbasierten Praxisgemeinschaften bei der Entwicklung individueller Kompetenzen ihrer Mitglieder einnehmen. Dieser Zielsetzung geht Johanning mittels einer im Mehrmethodendesign angelegten Fallstudie zu <a href="http://www.sekretaria.de/" target="_blank"><em>sekretaria.de</em></a>, einem Internetforum (überwiegend) für Sekretärinnen, nach. Dabei nimmt sie eine kommunikationswissenschaftliche Perspektive ein, die sie um Ansätze aus den Bereichen der Tätigkeitspsychologie und (Berufs-)Pädagogik erweitert. <a href="http://www.rkm-journal.de/archives/1612">[Mehr]</a>


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</ol>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Rezensiert von Matthias Berg</em></p>
<p><a href="http://www.rkm-journal.de/archives/1612/"><img class="alignleft size-full wp-image-2531" title="Johanning2009" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2010/02/Johanning20091.jpg" alt="" width="160" height="226" /></a>Mit <em>Kompetenzentwicklung im Internet</em> präsentiert Anja Johanning die Ergebnisse ihres Dissertationsprojektes, in dem sie sich mit organisationsübergreifenden<em> Online-Communities of Practice</em> auseinandergesetzt hat. Diese werden definiert als &#8220;informelle, berufsbezogene Personengruppen, die ein gemeinsames Anliegen in Form von ähnlichen Problemstellungen oder einer gemeinsamen Leidenschaft für spezifische Themen aus dem Arbeitsalltag teilen&#8221; und sich darüber im Internet austauschen (83). Ziel der Studie ist die Klärung der übergeordneten Forschungsfrage nach der Rolle, die eben jene internetbasierten Praxisgemeinschaften bei der Entwicklung individueller Kompetenzen ihrer Mitglieder einnehmen. Dieser Zielsetzung geht Johanning mittels einer im Mehrmethodendesign angelegten Fallstudie zu <a href="http://www.sekretaria.de/" target="_blank"><em>sekretaria.de</em></a>, einem Internetforum (überwiegend) für Sekretärinnen, nach. Dabei nimmt sie eine kommunikationswissenschaftliche Perspektive ein, die sie um Ansätze aus den Bereichen der Tätigkeitspsychologie und (Berufs-)Pädagogik erweitert.</p>
<p>Nach einer einleitenden Hinführung zum Thema vertieft die Autorin im zweiten Teil der Arbeit die grundlegenden Konzepte <em>Kompetenz,</em> bzw. der Entwicklung selbiger in Lernprozessen, und <em>Community of Practice</em> sowie deren (kommunikative) Eigenschaften in ihrer Erscheinungsform als Online-Vergemeinschaftung. So sind unter Kompetenzen &#8220;Selbstorganisationsdispositionen&#8221; zu fassen (26), deren personale, methodisch-fachliche und sozial-kommunikative Ausprägungen bezogen auf individuelle Handlungskontexte betrachtet werden sollen (vgl. 44f.).</p>
<p>Den Kern der Publikation bildet die Darstellung der empirischen Arbeit. Ausgiebig legt Johanning dabei ihr Untersuchungsdesign und das methodische Vorgehen dar, angefangen bei einer strukturierten Erhebung von 59 organisationsübergreifenden Online-Communities of Practice (vgl. Kapitel 12), aus denen sich <em>sekretaria.de</em> auf nachvollziehbare Art und Weise als &#8220;idealtypisches&#8221; Fallbeispiel (164) herauskristallisiert – unter anderem wegen der Berufsgruppenspezifik und des dort aktiv stattfindenden Austauschs mittels asynchroner Forums-Kommunikation. Im nächsten Schritt erschließt Johanning den groben Rahmen der Angebotsstruktur von <em>sekretaria.de</em>, bevor sie sich einer Auswahl von Forums-Threads quantitativ inhaltsanalytisch widmet. Das zentrale Moment bilden aber 13 problemzentrierte und leitfadengestützte Telefoninterviews mit Nutzerinnen der Plattform, die vor allem Gründe für die Zuwendung sowie Aspekte längerfristiger Effekte auf die individuelle Kompetenzentwicklung der Befragten thematisieren.</p>
<p>Als Gründe für die Zuwendung zu <em>sekretaria.de</em> werden unter anderem die Suche nach Unterstützung bei nicht selbstständig lösbaren Problemen im Arbeitsalltag, aber auch private Anliegen herausgearbeitet (vgl. 212ff.), solange die Thematiken als nicht zu vertraulich empfunden werden (vgl. 216ff.). Abschließend stellt Johanning heraus, dass <em>sekretaria.de</em> als Online-Community of Practice von den Nutzerinnen vor allem für die Entwicklung von personalen (z. B. mit Unsicherheiten umgehen, berufliche Reflexion, Selbstbestätigung) und fachlich-methodischen (z. B. optimiertes Fachwissen, Situationsbeurteilung, Aktualität) Kompetenzen und wegen der  Möglichkeit individuellen Kompetenzmanagements geschätzt wird (vgl. 255ff.). Leider vergisst die Autorin über die sehr detaillierte, aber auch recht fragmentarisch anmutende Darstellung ihrer Ergebnisse, die in ein uses &amp; gratification-orientiertes Kommunikationsprozessmodell münden (vgl. 270), die Gewichtung selbiger. Eine reflektierende Abschlussdiskussion mit Rückbezug auf den sorgfältig konstruierten Theorieteil bleibt sie dem Leser schuldig.</p>
<p>Insgesamt besteht der Hauptverdienst der vorliegenden Publikation einerseits in der Aufbereitung eines pädagogisch fundierten Kompetenzkonzeptes – das nicht einfach bei einer verkürzten Medienkompetenz-Diskussion stehen bleibt – und andererseits in dessen kommunikationswissenschaftlicher Operationalisierung im Rahmen einer soliden Empiriearbeit, auch wenn sich hierbei einige Unsauberkeiten ergeben. So stellt sich die Frage nach der Tragfähigkeit einer strikten Unterteilung von Nutzungssituationen in &#8220;Instrumentelle&#8221; und &#8220;Ritualisierte Zuwendung&#8221; (212f. und passim; vgl. hierzu Schweiger 2007: 108) oder des Bezugs auf die Zahl von über 20.000 Mitgliedern (i. e. registrierte User), für die die Community etwas pauschal &#8220;ein integraler Bestandteil des privaten und beruflichen Alltags&#8221; sei (192). Abschließend bilanziert Johanning aber korrekt den kommunikativen Wandel im Rahmen der Web 2.0-Diskussion, wobei sie mit ihrer Untersuchung durchaus zeigen kann, dass das Web auch vor O’Reilly schon &#8216;social&#8217; war (vgl. hierzu auch Schmidt 2009).</p>
<p><em>Literatur:</em></p>
<ul>
<li>Schmidt, J.: <em>Das neue Netz. Merkmale, Praktiken und Folgen des Web 2.0</em>. Konstanz [UVK] 2009.</li>
<li>Schweiger, W.: <em>Theorien der Mediennutzung. Eine Einführung.</em> Wiesbaden [VS] 2007.</li>
</ul>
<p><em>Links:</em></p>
<ul>
<li><a href="http://www.nomos-shop.de/trefferListe.aspx?action=author&amp;author=10334" target="_blank">Verlagsinformationen zum Buch</a></li>
<li><a href="http://ifbm.fernuni-hagen.de/lehrgebiete/embifo/team/dr-anja-johanning" target="_blank">Webpräsenz von Anja Johanning an der Fernuniversität Hagen</a></li>
<li><a href="http://www.imki.uni-bremen.de/deutsch/mitglieder/alphabetische-liste.html?tx_jshuniversity_pi2[showUid]=493&amp;cHash=d3625213dc" target="_blank">Webpräsenz von Matthias Berg an der Universität Bremen</a></li>
</ul>


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		<title>Christian Papsdorf: Wie Surfen zu Arbeit wird</title>
		<link>http://www.rkm-journal.de/archives/1539</link>
		<comments>http://www.rkm-journal.de/archives/1539#comments</comments>
		<pubDate>Sun, 21 Feb 2010 09:00:11 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Redaktion</dc:creator>
				<category><![CDATA[Einzelrezension]]></category>
		<category><![CDATA[Crowdsourcing]]></category>
		<category><![CDATA[Hermeneutik]]></category>
		<category><![CDATA[Internet]]></category>
		<category><![CDATA[Medien]]></category>
		<category><![CDATA[Open Source]]></category>
		<category><![CDATA[Software]]></category>

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		<description><![CDATA[<em>Rezensiert von Christian Pentzold</em>

<a href="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2009/10/papsdorf2009.jpg"><img class="alignleft size-full wp-image-2248" title="Papsdorf-4.indd" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2009/10/papsdorf2009.jpg" alt="" width="160" height="244" /></a>Will man sich einen Überblick über die internetbasierten Beziehungen zwischen Unternehmen und Kunden machen, so trifft man auf eine Reihe von Ausdrücken wie etwa "mass collaboration", "open innovation" oder "mass customization", deren konzeptionelle Tragfähigkeit und empirische Relevanz zunächst fraglich ist. Eine diesbezügliche Klärung verspricht die 2009 veröffentlichte Diplomarbeit von Christian Papsdorf. Der Fokus des Buches liegt dabei auf dem Phänomen des Crowdsourcing. Die Arbeit gliedert sich im Groben in zwei Teile entsprechend der beiden verfolgten Fragestellungen. Der erste Teil hat zum Ziel, eine Definition von Crowdsourcing zu entwickeln (Kap. 2) und es dementsprechend theoretisch zu verorten (Kap. 3). Hierzu unternimmt der Autor zuerst eine qualitativ-explorative Untersuchung von exemplarischen Fällen, welche anschließend zu fünf Modi kategorisiert werden. <a href="http://www.rkm-journal.de/archives/1539">[Mehr]</a>


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</ol>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Rezensiert von Christian Pentzold</em></p>
<p><a href="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2009/10/papsdorf2009.jpg"><img class="alignleft size-full wp-image-2248" title="Papsdorf-4.indd" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2009/10/papsdorf2009.jpg" alt="" width="160" height="244" /></a>Will man sich einen Überblick über die internetbasierten Beziehungen zwischen Unternehmen und Kunden machen, so trifft man auf eine Reihe von Ausdrücken wie etwa &#8220;mass collaboration&#8221;, &#8220;open innovation&#8221; oder &#8220;mass customization&#8221;, deren konzeptionelle Tragfähigkeit und empirische Relevanz zunächst fraglich ist. Eine diesbezügliche Klärung verspricht die 2009 veröffentlichte Diplomarbeit von Christian Papsdorf. Der Fokus des Buches liegt dabei auf dem Phänomen des Crowdsourcing. Die Arbeit gliedert sich im Groben in zwei Teile entsprechend der beiden verfolgten Fragestellungen. Der erste Teil hat zum Ziel, eine Definition von Crowdsourcing zu entwickeln (Kap. 2) und es dementsprechend theoretisch zu verorten (Kap. 3). Hierzu unternimmt der Autor zuerst eine qualitativ-explorative Untersuchung von exemplarischen Fällen, welche anschließend zu fünf Modi kategorisiert werden.</p>
<p>Daraus leitet Papsdorf eine Definition des Phänomens ab. Er bestimmt es als &#8220;Strategie des Auslagerns einer üblicherweise entgeltlich erbrachten Leistung durch eine Organisation oder Privatperson mittels eines offenen Aufrufs an eine Masse von unbekannten Akteuren&#8221;, wobei die Organisationen bzw. Privatpersonen und/oder die User stets &#8220;frei verwertbare und direkte wirtschaftliche Vorteile&#8221; (69) erlangen sollen.</p>
<p>Vorteil einer solchen Definition ist zum einen, durch die Betonung der kommerziellen Verfasstheit der Externalisierung von Leistungen das Crowdsourcing von anderen Formen netzbasierter Kooperation abzugrenzen, welche nicht auf die Erringung eines ökonomischen Vorteils fokussieren. Zum anderen beschränkt die Definition das Phänomen nicht auf den Online-Bereich, sondern sieht auch andere Wege der Ansprache und Auslagerung. Darüber hinaus umgeht die Definition eine einseitige Verengung auf gewinnorientierte Interessen von Wirtschaftsunternehmen, welche durch Auslagerung von Tätigkeiten ihre Kosten reduzieren und Erträge steigern wollen. Dagegen vermeidet diese Begriffsbestimmung ein zu enges Verständnis des Phänomens als Ausbeutung, sondern hält die Möglichkeit offen, dass auch die freiwillig teilnehmenden User wirtschaftliche Interessen verfolgen.</p>
<p>Ebenfalls plausibel ist Papsdorfs Typologisierung verschiedener Ausprägungen des Crowdsourcing. So unterscheidet er den Modus des offenen Ideenwettbewerbs, ergebnisorientierte virtuelle Microjobs, userdesignbasierte Massenfertigung, userbetriebene Ideenplattformen und die indirekte Vernutzung von Usercontent.</p>
<p>Die Wahl einer an Oevermanns objektiven Hermeneutik angelegten Exploration und Kategorisierung ist vor dem Hintergrund des zunächst unklaren Phänomenbereichs überzeugend, doch hätte das methodische Vorgehen hierbei weiter ausgeführt werden können. So ist nicht klar, ob die fünf detailliert vorgestellten und den fünf Typen entsprechenden Fälle (Dell Idea Storm, InnoCentive, Spreadshirt, Crowdspirit, BILD Leserreporter) den Ausgangspunkt für die Interpretation bildeten, oder nur als besonders exponierte Beispiele zu Darstellungszwecken ausgewählt wurden. Auch hätte man gern mehr über die 40 Crowdsourcing-Beispiele erfahren, auf welchen die Analyse beruht. Hier belässt es die Arbeit bei dem Hinweis, dass auf Grundlage einer ausführlichen Webrecherche eine Vielzahl an Fällen identifiziert und über das Vorgehen der minimalen/maximalen Variation einbezogen wurden.</p>
<p>Im sich an die Definition anschließenden Teil verortet Papsdorf das Crowdsourcing zunächst gesellschaftstheoretisch hinsichtlich des Wandels von der Industrie- zur Informationsgesellschaft und der von Castells postulierten netzwerkartigen Produktionsprozesses. Besonders aufschlussreich sind überdies die von ihm vorgestellten komplementären Interpretationen des Crowdsourcing aus Sicht der Unternehmen und der User. Papsdorf kann hier zeigen, dass das Phänomen, konzentriert man sich auf die Initiatoren, als Spielart einer systemischen Rationalisierungsstrategie gedeutet werden kann. Hinsichtlich der User nutzt Papsdorf die These des &#8220;Arbeitenden Kunden&#8221;, wonach konsumtive Tätigkeiten zunehmend gebrauchswertschaffend sind. Plausibel kann Papsdorf hier aus der von ihm gelieferten Definition eine Erweiterung des Modells herleiten: Im Crowdsourcing sind Nutzer nicht nur arbeitende Kunden, welche durch ihre Produktionsleistung Kostenersparnisse für Unternehmen erbringen, sondern die Beziehung zwischen Unternehmen oder Organisationen und Usern wird zum Teil völlig vom konkreten Konsumakt entkoppelt. Gerade indem User nicht Kunden sein müssen, entfaltet Crowdsourcing sein Potential, die arbeitsinhaltliche Dimension zu expandieren.</p>
<p>Der zweite Teil der Arbeit hat das Ziel, die Motivation der arbeitenden User zu klären (Kap. 4). Anders als diese Frage überlicherweise angegangen wird, greift Papsdorf hier nicht auf eine Befragung zurück. Stattdessen nimmt er an, die Tätigkeit erfolge vor einem Horizont geteilter Werte und Normen. Die in der Selbstdarstellungen von Crowdsourcing-Projekten häufig angesprochenen Ideale Autonomie, Kreativität und Selbstverwirklichung interpretiert er im Sinne von Boltanski/Chiapellos neuen Geist des Kapitalismus als rhetorisches Instrument, um zum freiwilligen Engagement in einer häufig gewinnorientierten Unternehmung zu motivieren. Kann man dies noch anhand der von ihm gelieferten Beispiele nachvollziehen, so ist die von ihm weiterhin gemachte Verknüpfung mit einer spezifischen Kultur des Internets nicht einsichtig. Zwar geht er auf verschiedene Kontexte der Entstehung von Idealen wie Offenheit, Freiheit und Antikommerzialität ein, doch gerät er damit in Widerspruch zur von ihm vorlegten Definition des Crowdsourcings als stets auf ökonomischen Vorteil ausgerichtet. Die Arbeit löst das Problem, indem sie behauptet, die Initiatoren würden die Werte womöglich nicht selbst praktizieren, sondern mimikrieren, um User anzusprechen.</p>
<p>Auf diesem Weg aber wird die in der Definition geöffnete Perspektive hin zu Usern als ebenfalls gewinnorientiert Handelnde jedoch wiederum verkürzt auf die Dichotomie zwischen kapitalistischen Unternehmen und idealistischen Freiwilligen, denen der ökonomische Charakter umdefiniert oder verschleiert werden muss. Zwar verweist Papsdorf auf die Möglichkeit der Bezahlung von Userarbeit, doch scheint die Konstrastierung mit der Free/Open Source Szene als zu stark. Gerade die Komplexität der Produktion freier Software, welche nicht nur antikapitalistisch erfolgt, zeigt auf, dass netzbasiertes Zusammenwirken nicht auf einem homogenen Wertefundament basiert.</p>
<p>Ingesamt gesehen ist die Arbeit trotz dieser offenen Fragen als wichtige und konstruktive Bestimmung des Feldes zu empfehlen. Ihr zentraler Wert liegt in der Systematisierung und soziologischen Einordnung des Phänomens Crowdsourcing.</p>
<p><em>Links:</em></p>
<ul>
<li><a href="http://www.campus.de/wissenschaft/soziologie/Wie+Surfen+zu+Arbeit+wird.85984.html" target="_blank">Verlagsinformationen zum Buch</a></li>
<li><a href="http://www.papsdorf.net/" target="_blank">persönliche Homepage von Christian Papsdorf</a></li>
<li><a href="http://christianpentzold.de/?p=10045" target="_blank">persönliche Homepage von Christian Pentzold</a></li>
</ul>


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		<title>Cass R. Sunstein: Infotopia</title>
		<link>http://www.rkm-journal.de/archives/646</link>
		<comments>http://www.rkm-journal.de/archives/646#comments</comments>
		<pubDate>Fri, 12 Feb 2010 10:32:51 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Redaktion</dc:creator>
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		<description><![CDATA[<em>Rezensiert von Rainer Kuhlen</em>

<a href="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2009/06/sunnstein2009.jpg"><img class="alignleft size-full wp-image-2076" title="sunnstein2009" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2009/06/sunnstein2009.jpg" alt="" width="160" height="266" /></a>Von den richtigen Leuten zitiert zu werden, ist eine Freude für Autoren. Dass James Boyle in seinem Buch <em>The Public Domain</em> das Kapitel 8 zur "verteilten Kreativität" mit dem Hinweis auf Yochai Benklers <em>The Wealth of Networks</em> beginnt, ist recht und und billig. Benklers Grundzüge einer "commons-based economy", in der sich über "peer production" neuen Formen verteilter Kreativität entfalten können, ist in der Tat das Standardwerk zu diesem Thema. Aber gleich im nächsten Absatz heißt es: "Benkler's work is hardly the only resource however. Other fine works covering some of the same themes include: Cass R. Sunstein, <em>Infotopia: How Many Minds Produce Knowledge</em> (New York: Oxford University Press, 2006)". Das hat Cass R. Sunstein bestimmt gefreut. Sein Buch liegt jetzt mit dem gleichen Titel und dem Untertitel "Wie viele Köpfe Wissen produzieren" im Suhrkamp-Verlag vor, aus dem Amerikanischen flüssig und ohne erkennbare Einbuße übersetzt von Robin Celikates und Eva Engels. <a href="http://www.rkm-journal.de/archives/646">[Mehr]</a>


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</ol>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Rezensiert von Rainer Kuhlen</em></p>
<p><a href="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2009/06/sunnstein2009.jpg"><img class="alignleft size-full wp-image-2076" title="sunnstein2009" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2009/06/sunnstein2009.jpg" alt="" width="160" height="266" /></a>Von den richtigen Leuten zitiert zu werden, ist eine Freude für Autoren. Dass James Boyle in seinem Buch <em>The Public Domain</em> (2008) das Kapitel 8 zur &#8220;verteilten Kreativität&#8221; mit dem Hinweis auf Yochai Benklers <em>The Wealth of Networks</em> (2006) beginnt, ist recht und und billig. Benklers Grundzüge einer &#8220;commons-based economy&#8221;, in der sich über &#8220;peer production&#8221; neuen Formen verteilter Kreativität entfalten können, ist in der Tat das Standardwerk zu diesem Thema. Aber gleich im nächsten Absatz (286) heißt es: &#8220;Benkler&#8217;s work is hardly the only resource however. Other fine works covering some of the same themes include: Cass R. Sunstein, <em>Infotopia: How Many Minds Produce Knowledge</em> (New York: Oxford University Press, 2006)&#8221;. Das hat Cass R. Sunstein bestimmt gefreut. Sein Buch liegt jetzt mit dem gleichen Titel und dem Untertitel &#8220;Wie viele Köpfe Wissen produzieren&#8221; im Suhrkamp-Verlag vor, aus dem Amerikanischen flüssig und ohne erkennbare Einbuße übersetzt von Robin Celikates und Eva Engels.</p>
<p>Dass Sunstein sich im Vorwort besonders für die Unterstützung von Lawrence Lessig bedankt, schließt den Kreis. Gleich Boyle, Benkler, Lessig (und vielen anderen), geht es Sunstein darum, die Potenziale von Deliberation (&#8220;eine altehrwürdige Form der Interaktion&#8221;) im Kontext des Internet neu zu überprüfen. Für &#8220;Deliberation&#8221; hat sich in den letzten Jahren auch der Ausdruck &#8220;Kollaboration&#8221; durchgesetzt – in Deutschland, sicher auch in Frankreich, hat man sich damit etwas schwerer getan, weil das Wort sofort die Assoziation zu den &#8220;Kollaborateuren&#8221; (den Vaterlandsverrätern im Vichy-Regime) weckte. Es geht aber darum, die These zu belegen, dass in kollaborativ arbeitenden, deliberativen Gruppen &#8220;ein Ergebnis mit einiger Wahrscheinlichkeit viel besser ist, wenn Informationen auf die richtige Weise von vielen verschiedenen Personen aggregiert werden&#8221; (10).</p>
<p>In der Kollaborationstheorie des E-Learning, worauf Sunstein aber nicht explizit eingeht, wird das &#8220;aggregiert&#8221; oft noch offensiver verstanden, und zwar in dem Sinne, dass das in deliberativen Gruppen erzeugte Wissen mehr ist als die Summe des Wissens der einzelnen Personen in diesen Gruppen. Wie auch immer, auch eine gute Aggregation wäre schon ein gutes Ergebnis. Die Übersetzer haben übrigens gezögert, &#8220;deliberating groups&#8221; direkt als &#8220;deliberative Gruppen&#8221; stehen zu lassen. Anders als das Substantiv sei das Adjektiv bislang nicht eingeführt. Allerdings deckt die vorgeschlagene Übersetzung &#8220;diskutierende Gruppen&#8221; den Mehrwert von deliberativen Prozessen nicht vollständig ab. Es geht ja nicht primär ums Diskutieren oder um Kommunikationsprozesse (Sunstein rekurriert hier etwas verkürzt auf Jürgen Habermas), sondern um den aggregierten oder sogar gesteigerten Wissenszuwachs durch informationelle Austauschprozesse.</p>
<p>Sunstein ist von der Richtigkeit der These überzeugt, die von ihm ursprünglich aus dem ökonomischen Bereich der Marktprognosen entwickelt und in <em>Infotopia</em> verallgemeinert wurde: Der Zugang zu verstreuten Informationen kann &#8220;letztlich zu vernünftigeren Entscheidungen sowohl auf Märkten als auch in der Politik&#8221; führen (10). Aber Sunstein weiß auch, dass deliberative Prozesse, wenn unzulänglich durchgeführt, zu suboptimalen, oft sogar fatalen Resultaten führen können. Nicht umsonst hat Sunstein mit dem Hinweis auf &#8220;die richtige Weise&#8221; der Deliberation gleich den Riegel vor zu optimistischen Erwartungen vorgeschoben.</p>
<p>Das Buch ist voll von diesen Beispielen des &#8220;überraschenden Versagens deliberativer Gruppen&#8221; (Kapitel 2 und 3) – theoretisch zum Beispiel fundiert in der Auseinandersetzung mit den empirischen Ergebnissen der von Irving Janos initiierten &#8220;groupthink-theory&#8221; (&#8220;Gruppendenken-Theorie&#8221;), durch die nachgewiesen werden konnte, dass unter sozialem Druck oft genug &#8220;gedankenlose Einhelligkeit und gefährliche Selbstzensur&#8221; gefördert wird (24). Das bekannteste negative Beispiel sind die der Schweinebucht-Initiative vorangehenden &#8220;Deliberationen&#8221; im Kennedy-Zirkel – positiv dann wohl die Deliberationen, ebenfalls im Kennedy-Zirkel, im Zusammenhang der anderen, noch dramatischeren Kuba-/Raketen-Krise. Sunstein verwendet als Gegenpol zu den produktiven deliberativen Gruppen die Bezeichnung &#8220;Informationskokons&#8221;, die er in vielen Unternehmen vorgefunden hat. Das sind für ihn ebenfalls kommunikative Welten, aber solche, in denen wir nur das an Information aufnehmen, was uns beruhigt und zusagt – also nur das, was an sich schon Vorhandenes lediglich fortspinnt.</p>
<p>Sunsteins Buch ist also keineswegs eine bedingungslose Verteidigung der Überlegenheit von deliberativen Prozessen. Zu oft wird die &#8220;richtige Weise&#8221; nicht gefunden. Als zentrale Quellen des Versagens deliberativer Prozesse macht Sunstein aus, dass zum einen viele Menschen nicht in der Lage oder nicht willens sind, ihre eigene Position, auch wenn sie sie an sich für richtig halten, gegenüber der Mehrheitsmeinung oder der Meinung einer Autoritätsperson geltend zu machen. Oft wird auch nichts gesagt, wenn das Sagen keinen eigenen Vorteil verspricht. Die andere Quelle ist die Furcht vor Sanktionen, wovon der Ausschluss aus der Gruppe noch die geringste ist. Entsprechend haben deliberative Gruppen nach Sunstein vier große Probleme: 1) Gruppen verstärken die Fehler ihrer Mitglieder. 2) Informationen, die die Mitglieder an sich haben, werden in der Gruppe nicht offengelegt und so nicht bekannt. 3) Kaskadeneffekte: Blinde weisen anderen Blinden den Weg. 4) Gruppen neigen zur Polarisierung und kommen so zu extremen Ergebnissen.</p>
<p>Je weiter man in Sunsteins Buch voranschreitet, umso klarer wird, dass für ihn das Vorbild für erfolgreiche deliberative Prozesse die Prognosemärkte in der Wirtschaft sind (also die Aggregation privater Informationen), die wesentlich erfolgreicher abschneiden als die auch schon erstaunlich treffsicheren Mittelwerte von Umfragen in gar nicht mal so großen Gruppen. Intuitiv sträuben sich dabei die Haare, wenn empirisch gut nachgewiesen wird, das zum Beispiel Gerichts- beziehungsweise Jury-Entscheidungen (man denke an den Fall Michael Jackson) fast immer identisch mit den entsprechenden Ergebnissen der Prognosemärkte sind – was natürlich auch Sunstein nicht daran zweifeln lässt, dass die juristische Beweisaufnahme dennoch weiter unverzichtbar ist.</p>
<p>Das Buch gewinnt dann aber seine Attraktivität (und Sunstein betritt dabei auch für ihn durchaus noch wenig exploriertes Gelände), wenn Sunstein sich in Kapitel 5 die &#8220;Arbeit vieler Köpfe&#8221; am Beispiel der Wikis, Open-Source-Software und Blogs vornimmt. Das fängt mit dem kollaborativen Filtern an, wie es etwa bei <a href="http://www.amazon.de" target="_blank">Amazon</a> mit Buchempfehlungen auf der Grundlage des Verhaltens vieler Käufer erfolgreich ist: Kaufe ich ein Buch &#8220;a&#8221;, das viele Leute neben einem Buch &#8220;b&#8221; ebenfalls gekauft haben, so ist es oft ein guter, tatsächlich ein fast schon immer unheimlich guter Tipp, auch mir das Buch &#8220;b&#8221; anzubieten.</p>
<p>Musterbeispiel für Netzdeliberationen ist hier natürlich die Online-Enzyklopädie <a href="http://www.wikipedia.de" target="_blank">Wikipedia</a>, deren Erfolg auch schon der Gründer Jimmy Wales mit Gedanken von Hayek zur Preistheorie beziehungsweise zu Preissystemen erklärt hatte. In Sunsteins Worten: &#8220;Wenn Informationen weit verstreut sind und wenn es keinen einzelnen &#8216;Planer&#8217; gibt, der Zugang zu dem hat, was gewusst wird, dann sprechen für die Arbeitsweise von Wikipedia generell die gleichen Gründe wie für das Preissystem&#8221; (190f.). Für den Ökonomen ist es dann gewiss eine große Versuchung, den Erfolg von Wikis auf den Unternehmensbereich zu übertragen. Hier werden positive und gescheiterte Ansätze angeführt. Es zeigt sich allerdings, wie auch bei Sunsteins folgendem Beispiel zur Open-Source-Software, dass eben das nicht Sunsteins genuine Welt ist, sodass er hier auch nicht mit gut begründeten Theorien (beispielsweise für Anreiz- und Belohnungssysteme) aufwarten kann, geschweigen denn mit repräsentativen Ergebnissen empirischer Studien zum Einsatz von Wikis oder Blogs in Unternehmen.</p>
<p>Aber das tut dem gesamten Unternehmen kaum einen Abbruch. Zu oft gelingen ihm gute Beobachtungen mit treffenden Feststellungen. So etwa, wenn er für die Open-Source-Software die &#8220;Kultur der Gabe&#8221; (<em>gift economy</em>) gegenüber der &#8220;Kultur des Austauschs&#8221; oder gar der &#8220;Warengesellschaft&#8221; herausstellt. Man wünschte sich, Sunstein hätte dabei mehr zu Innovationen fördernden Regelungen im Urheberrecht ausgeführt, als er es auf knapp anderthalb Seiten in Kapitel 5 getan hat, die zudem mehr auf Creative-Commons-Lizenzen eingehen als auf einschränkende (starke) oder öffnende (schwache) Urheberrechtsregulierungen.</p>
<p>Verteilte Informationen können in Gruppen nur zusammenkommen und offengelegt und dann genutzt werden, wenn die Mitglieder nicht befürchten müssen, dass Offenlegung und öffentliche Zugänglichmachung von Informationen für sie keine urheber- bzw. strafrechtlichen Sanktionen nach sich ziehen werden. Das und viele andere den Erfolg der Deliberation einschränkende Argumente halten Sunstein aber nicht davon ab, als Resümee &#8220;eine optimistische Sichtweise&#8221; einzunehmen:<br />
<small>&#8220;Wie niemals zuvor verfügt die Menschheit heute über vielversprechende Methoden, weitverstreute Quellen des Wissens und der Kreativität in einem Strom zusammenzuführen, dessen Produktivität erstaunlich ist. Der Wert dieser Methoden hängt letztlich natürlich davon ab, wie wir sie verwenden. Wenn wir aber wetten wollen, ist es sicher sinnvoll, eine Wette auf den Optimismus abzuschließen.&#8221;</small><br />
Auf längere Sicht wird Sunstein hoffentlich recht behalten. Gegenwärtig hängt aber der Erfolg in vielen Situationen kollaborativer deliberativer Prozesse nicht in erster Linie davon ab, &#8220;wie&#8221; wir Methoden und Informationen verwenden, sondern &#8220;ob&#8221; uns die benötigten Informationen überhaupt zu fairen Bedingungen zugänglich, geschweige denn frei zugänglich sind. Das ist das andere Paradox, auf das Sunstein kaum eingeht: In der Tat ist heute wie noch nie in der Menschheitsgeschichte so viel an Information im Prinzip frei zugänglich, aber auch noch nie waren die Verknappungsformen (sei es über das Recht, die Preispolitik oder die Schutztechnik) so umfassend wie heute. Aber das mag ein Übergangsproblem sein. Setzen wir auf Sunstein!</p>
<p><em>Literatur</em>:</p>
<ul>
<li>Boyle, J.: <em>The Public Domain. Enclosing the Commons of Mind.</em> New Haven, London [Yale University Press] 2008.</li>
<li>Benkler, Y.: <em>The Wealth of Networks. How Social Production Transforms Markets and Freedom.</em> New Haven, London [Yale University Press] 2006.</li>
</ul>
<p><em>Links</em>:</p>
<ul>
<li><a href="http://www.suhrkamp.de/buecher/infotopia-cass_r_sunstein_58521.html" target="_blank">Verlagsinformationen zum Buch</a></li>
<li><a href="http://www.law.harvard.edu/faculty/directory/index.html?id=552" target="_blank">Webpräsenz von Cass R. Sunstein an der <em>Harvard Law School</em></a></li>
<li><a href="http://www.kuhlen.name/" target="_blank">Webpräsenz von Rainer Kuhlen an der Universität Konstanz</a></li>
</ul>


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		<title>Michael Meyen; Claudia Riesmeyer: Diktatur des Publikums</title>
		<link>http://www.rkm-journal.de/archives/831</link>
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		<pubDate>Wed, 10 Feb 2010 09:00:27 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Redaktion</dc:creator>
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		<description><![CDATA[<p style="text-align: justify;"><em>Rezensiert von Johannes Raabe</em></p>
<p style="text-align: justify;"><a href="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2009/09/meyenriesmeyer2009.jpg"><img class="alignleft size-full wp-image-2161" title="meyen&#38;riesmeyer2009" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2009/09/meyenriesmeyer2009.jpg" alt="" width="160" height="258" /></a>Michael Meyen, in der Vergangenheit vor allem mit Studien zu den DDR-Medien, zur Mediennutzung und mit Veröffentlichungen zur Geschichte der Disziplin an die Fachöffentlichkeit getreten, hat sich in den letzten Jahren dem Feld der Journalismusforschung zugewandt und 2009 zwei Journalistenstudien vorgelegt: gemeinsam mit Nina Springer eine Untersuchung über freie Journalisten in Deutschland (<a href="http://www.rkm-journal.de/archives/134#hide" target="_blank">siehe r:k:m-Rezension von Siegfried Weischenberg vom September 2009</a>) und kurz darauf mit seiner Mitarbeiterin Claudia Riesmeyer die hier angezeigte Veröffentlichung einer Untersuchung über Journalisten in Deutschland. Ausgangspunkt der Studie ist eine knappe, pauschalkritische Auseinandersetzung mit klassischen Arbeiten der Journalismusforschung von Kepplinger, Köcher und Donsbach einerseits, Weischenberg und Mitarbeitern andererseits. Sie dient der Legitimation des eigenen Vorhabens und der Begründung für ein alternatives methodisches Vorgehen. <a href="http://www.rkm-journal.de/archives/831">[Mehr]</a>


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</ol>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify;"><em>Rezensiert von Johannes Raabe</em></p>
<p style="text-align: justify;"><a href="http://www.rkm-journal.de/archives/831"><img class="alignleft size-full wp-image-2161" title="meyen&amp;riesmeyer2009" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2009/09/meyenriesmeyer2009.jpg" alt="" width="160" height="258" /></a>Michael Meyen, in der Vergangenheit vor allem mit Studien zu den DDR-Medien, zur Mediennutzung und mit Veröffentlichungen zur Geschichte der Disziplin an die Fachöffentlichkeit getreten, hat sich in den letzten Jahren dem Feld der Journalismusforschung zugewandt und 2009 zwei Journalistenstudien vorgelegt: gemeinsam mit Nina Springer eine Untersuchung über freie Journalisten in Deutschland (<a href="http://www.rkm-journal.de/archives/134#hide" target="_blank">siehe r:k:m-Rezension von Siegfried Weischenberg vom September 2009</a>) und kurz darauf mit seiner Mitarbeiterin Claudia Riesmeyer die hier angezeigte Veröffentlichung einer Untersuchung über Journalisten in Deutschland. Ausgangspunkt der Studie ist eine knappe, pauschalkritische Auseinandersetzung mit klassischen Arbeiten der Journalismusforschung von Kepplinger, Köcher und Donsbach einerseits, Weischenberg und Mitarbeitern andererseits. Sie dient der Legitimation des eigenen Vorhabens und der Begründung für ein alternatives methodisches Vorgehen.</p>
<p style="text-align: justify;">Und in der Tat: Will man wie Meyen und Riesmeyer Genaueres über Herkunft, Ausbildung und Karriere von Journalisten erfahren, über Arbeitsbedingungen und Berufsalltag, das Klima unter Kollegen sowie &#8220;über das, was ihnen wichtig im Leben ist und was sie im Beruf erreichen wollen&#8221; (17), dann ist es sinnvoll auf quantitative Erhebungen zu verzichten und die erforderlichen Daten mittels ausführlicherer Interviews zutage zu fördern – zumal Meyen aufgrund früherer Arbeiten mit biographischen Leitfadengesprächen über reichlich Interview-Erfahrung verfügt. Mit einem solchen eher qualitativen Vorgehen korrespondiert das von den Autoren propagierte Auswahlverfahren nach dem Prinzip der theoretischen Sättigung (49ff.), das für die Journalismusforschung eine brauchbare Alternative zu Zufallsstichproben bildet, zumal wenn keine ausreichenden Kenntnisse über die Grundgesamtheit vorliegen.</p>
<p style="text-align: justify;">Doch die Studie will mehr: Unter Rekurs auf die Theoriestücke <em>Feld,</em> <em>Kapital</em> und <em>Habitus </em>aus der Soziologie Pierre Bourdieus soll das journalistische Feld in Deutschland und die Logik des Feldes (bzw. seiner Unterfelder) untersucht werden. Das schließt Fragen nach den Machtpolen und Hierarchien im Feld und nach dessen Autonomie mit ein. Hinsichtlich der Journalisten dient das Konzept des Habitus als einem erfahrungsgenerierten und zugleich praxisgenerierenden Dispositionssystem der Akteure (<em>opus operatum</em> und <em>modus operandi</em>) der Bestimmung ihrer spezifischen Wahrnehmung des Feldes (und der eigenen Position darin) sowie ihres <em>praktischen Sinns</em> – was in den Interviews herausgearbeitet werden soll. Zudem habe der Rekurs auf Bourdieu den Vorteil, dass die eigene &#8220;Untersuchung […] in einer der großen, systematischen Gesellschaftstheorien verortet [wird]&#8221; (28).</p>
<p style="text-align: justify;">Von einer gesellschaftstheoretischen Fundierung der Arbeit kann freilich keine Rede sein; es bleibt beim zitierten Verweis. Feld-, Kapital- und Habitus-Konzept werden von den Autoren als Heuristik für das eigene Forschungsvorhaben genutzt, der Soziologie Bourdieus gerecht werden sie dabei nicht. Das gilt nicht nur für den Begriff der Dispositionen, der praktische Denk-, Wahrnehmungs- und Handlungsschemata meint, hier aber als &#8220;Geschlecht&#8221;, &#8220;Alter&#8221;, &#8220;Körpergröße&#8221; und &#8220;Aussehen&#8221; [!] missverstanden (45) und in der Erhebung im Teil der geschlossenen Kategorien abgefragt wird (63).</p>
<p style="text-align: justify;">Auch warnt Bourdieu beim Habitus-Konzept vor einer Trennung von opus operatum und modus operandi, die hier zur Grundlage der Untersuchungsanlage wird (44f.). Und wenn man die professionelle Orientierung von Journalisten an Lesern, Hörern, Zuschauern (114ff.) und die Bedeutung von Informanten aus dem politischen Feld (144) für einen Ausweis mangelnder Autonomie des Feldes hält, hat das mit der Feld-Konzeption Bourdieus nichts zu tun – besteht doch die Autonomie des journalistischen Feldes darin, solche Informationen nach journalistisch-redaktionellen und nicht etwa nach politischen Kriterien auszuwählen und aufzubereiten. Auch erscheint es allzu pragmatisch, bei der Auswahl der Befragten Bourdieus Kriterium der Zugehörigkeit zum Feld (Interesse und Involviertsein hinsichtlich der Einsätze, um die es im jeweiligen Feld geht) gleichzusetzen mit der Bereitschaft, &#8220;sich zum Arbeitsalltag und zum Selbstverständnis von Journalisten befragen&#8221; zu lassen (52).</p>
<p style="text-align: justify;">Ähnlich pragmatisch wirkt auch die Umsetzung des Auswahlverfahrens, wenn man liest, dass ein Sportressortleiter &#8220;nur deshalb interviewt wurde, weil eine Studentin das Protokoll für einen Seminarschein brauchte&#8221; (51), dass Journalisten während des Interviews merkten, dass sie für die Studie schon einmal befragt worden waren (48f.) und dass drei Jahre nach den ersten Befragungen zusätzlich Teilstudien zu investigativen Reportern, Israel-, China- und Parlamentskorrespondenten u.a. hinzukamen, weil Studierende noch Themen für Haus- oder Abschlussarbeiten brauchten, so dass &#8220;(meist studentische) Interviewer&#8221; bzw. &#8220;rund 60 Studierende&#8221; Daten zu der Studie erhoben haben (55, 61f.). Dabei erfolgte die Interviewer-Schulung mal in einem Vorbereitungsseminar zu der Studie, mal in Methodenübungen, mal im Examenskolloquium.</p>
<p style="text-align: justify;">Meyen und Riesmeyer sprechen von 501 &#8220;Tiefeninterviews&#8221; – ein anspruchsvolles qualitatives Erhebungsverfahren, mit dem sich latente, auch der Alltagsreflexion der Befragten unzugängliche  <em>Tiefenstrukturen</em> ermitteln lassen und das für die Rekonstruktion des praktischen Sinns journalistischer Akteure und der impliziten Denk-, Wahrnehmungs- und Handlungsschemata ihrer Habitus geeignet wäre. Nur handelt es sich hier nicht um Tiefeninterviews, sondern um teilstrukturierte Leitfadengespräche, und die Durchführung in der genannten Zahl wäre nicht nur vom Aufwand her praktisch kaum zu bewältigen, sondern widerspräche auch der Logik der qualitativen Forschungsmethode. Wichtiger als hohe Fallzahlen wären allemal eine theoriegeleitete und methodisch kontrollierte Aufbereitung und Interpretation der Daten gewesen, über die man als Leser zudem gern mehr erfahren hätte.</p>
<p style="text-align: justify;">Stattdessen erhält man eine flüssig geschriebene und durchaus mit Gewinn zu lesende Deskription der Antworten zu Berufs- und Karriereerfahrungen, zu Arbeitsalltag und Selbstverständnis von Journalisten in verschiedenen Ressorts und unterschiedlichen Teilfeldern des Journalismus; durchsetzt mit oft aufschlussreichen, mitunter witzigen Zitaten aus den Interviews. Dass solche qualitativen Studien fast unvermeidlich in entsprechende Typenbildungen münden, ist nicht weiter schlimm; dass diese Typenbildung aufgrund einer falsch gedeuteten Publikumsorientierung (siehe weiter unten) wenig überzeugt, dagegen schade.</p>
<p style="text-align: justify;">Zentrales Ergebnis der Untersuchung: Weder &#8220;angepasste Außenseiter&#8221; (Kepplinger), politisch eher linke &#8220;Missionare&#8221;  (Köcher) oder &#8220;konservative Stimmungsmacher&#8221; (Hachmeister) noch &#8220;Alpha-Journalisten&#8221; (Weichert/Zabel), &#8220;Wichtigtuer&#8221; (Bruns) oder bloße &#8220;Souffleure&#8221; (Weischenberg) seien kennzeichnend für den Journalismus in Deutschland, sondern – infolge eines durch Ökonomisierung und Digitalisierung hervorgerufenen &#8220;Professionalisierungsschubs&#8221; – &#8220;Informationsprofis, die ihr Handwerk beherrschen und die Bedürfnisse des Publikums zum zentralen Maßstab ihrer Arbeit gemacht haben&#8221; (253f.).</p>
<p style="text-align: justify;">Wer eine solche Diagnose akzeptiert, muss der Argumentation von der &#8220;Diktatur des Publikums&#8221; noch lange nicht folgen. Im Gegenteil. Dieses Schlagwort, das die gesamte Abhandlung durchzieht, ist nicht einfach arg überspitzt, sondern oft falsch und mitunter ärgerlich: Man muss wahrlich kein eingefleischter Systemtheoretiker sein, um den Unterschied zwischen der (Autonomie stärkenden) Differenz von Selbst- und Fremdbeobachtung einerseits und Fremdeinflüssen andererseits zu kennen – oder zumindest die problemlösende Funktion der Publikumsbeobachtung für den Journalismus. Haben nicht Ralf Hohlfelds Forschungsarbeiten bereits vor Jahren Journalisten eine weitgehende Akzeptanz der Publikumsforschung und prinzipielle Aufgeschlossenheit und Interesse gegenüber ihren Publika bescheinigt? Mit Fremdbestimmung oder gar Diktat hat das erstmal nichts zu tun. Subsumiert wird unter dem Schlagwort dann aber sogar die rein ökonomisch motivierte Quotenfixierung: Ökonomie-Diktat = Publikums-Diktatur? Was haben Leser für ein Interesse an Auflagen, was Hörer und Zuschauer an Quoten?</p>
<p style="text-align: justify;">Noch bedenklicher wird diese Gleichsetzung, wenn sie mit den Worten kommentiert wird, dies sei nur dann &#8220;ein Problem […], wenn man sich über die Kaufentscheidungen und Qualitätsurteile des Publikums erhaben fühlt und […] besser zu wissen glaubt, welche Medienangebote und welchen Journalismus&#8221; unsere Gesellschaft brauche (14). Solche Formulierungen erinnern an ungebrochen affirmative Medienbewertungen aus der Blütezeit des Uses-and-Gratifications-Approach in den 1970er Jahren in den USA. Verwundert reibt sich der Leser die Augen. Hat man die Autoren komplett missverstanden? War es gar nicht so gemeint? Bis man zum Schlusssatz der Abhandlung kommt. Dort heißt es: Man stelle sich doch &#8220;einfach das Gegenstück zu einer ‚Diktatur des Publikums‘ vor: einen Journalismus, der auf Schnelligkeit, permanente Kontrolle und die Weisheit der Vielen pfeift und an den Bedürfnissen der Nutzer vorbeischreibt und -sendet&#8221; (256). Pardon, aber eine solche Logik ist, wie wenn man Glotz und Langenbucher unterstellen würde, sie hätten vor vierzig Jahren &#8220;Der missachtete Leser&#8221; als ein Plädoyer zur Schwächung der Autonomie des Journalismus geschrieben.</p>
<p style="text-align: justify;">Eine Nebenbemerkung zum Schluss: Es gibt gute Gründe (zumal in wissenschaftlichen Publikationen) mit der Verwendung des Begriffs der <em>Diktatur</em> vorsichtig umzugehen – nicht zuletzt angesichts der historischen Erfahrungen Deutschlands im vergangenen Jahrhundert.</p>
<p style="text-align: justify;"><em>Links</em>:</p>
<ul>
<li><a href="http://www.uvk.de/buch.asp?ISBN=9783867641708&amp;WKorbUID=6679571&amp;TITZIF=2299&amp;be=jo" target="_blank">Verlagsinformationen zum Buch</a></li>
<li><a href="http://home.ifkw.lmu.de/~mmeyen/personen/meyen.html" target="_blank">Webpräsenz von Michael Meyen an der Universität München</a></li>
<li><a href="http://www.ifkw.lmu.de/personen/mitarbeiter/riesmeyer_claudia/" target="_blank">Webpräsenz von Claudia Riesmeyer an der Universität München</a></li>
<li><a href="http://www.uni-bamberg.de/kowi/personen_einrichtungen/johannes_raabe/" target="_blank">Webpräsenz von Johannes Raabe an der Universität Bamberg</a></li>
</ul>
<p style="text-align: justify;">


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<li><a href='http://www.rkm-journal.de/archives/620' rel='bookmark' title='Permanent Link: Michael Steinbrecher: Olympische Spiele und Fernsehen'>Michael Steinbrecher: Olympische Spiele und Fernsehen</a></li>
</ol></p>]]></content:encoded>
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