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	<title>rezensionen:kommunikation:medien &#187; Kommunikation</title>
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	<description>Rezensionen aus den Bereich Kommunikation und Medien</description>
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		<title>Christoph Meißelbach: Web 2.0 &#8211; Demokratie 3.0?</title>
		<link>http://www.rkm-journal.de/archives/2395</link>
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		<pubDate>Tue, 17 Aug 2010 10:11:35 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Redaktion</dc:creator>
				<category><![CDATA[Einzelrezension]]></category>
		<category><![CDATA[Öffentlichkeit]]></category>
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		<description><![CDATA[ <em>Rezensiert von Christoph Bieber</em>

<a href="http://www.rkm-journal.de/archives/2395"><img class="alignleft size-full wp-image-3494" title="Meißelbach2009" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2010/02/Meißelbach20091.jpg" alt="" width="160" height="222" /></a>

Der Ende 2009 erschienene Band mit dem zahlenspielerischen Titel <em>Web 2.0 – Demokratie 3.0?</em> versucht sich an einer schwierigen Aufgabe. Auf gerade mal 126 Seiten (zuzüglich eines 20-seitigen Literaturverzeichnisses) setzt sich der Autor mit demokratischen Potenzialen des Internets auseinander, stellt dabei die technologischen Grundlagen der "GKI" (der Globalen Kommunikations-Infrastruktur) vor, strukturiert den Gegenstand entlang politik- wissenschaftlicher  und soziologischer Großtheorien, evaluiert Theorie und Empirie der digitalen Demokratie und wagt unter der etwas bemüht klingenden Überschrift "Politische Software – Es sind Updates verfügbar!" auch noch einen Ausblick in die Zukunft der politschen Online-Nutzung. <a href="http://www.rkm-journal.de/archives/2395">[Mehr]</a>


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<li><a href='http://www.rkm-journal.de/archives/646' rel='bookmark' title='Permanent Link: Cass R. Sunstein: Infotopia'>Cass R. Sunstein: Infotopia</a></li>
</ol>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Rezensiert von Christoph Bieber</em></p>
<p><em><a href="http://www.rkm-journal.de/archives/2395"><img class="alignleft size-full wp-image-3494" title="Meißelbach2009" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2010/02/Meißelbach20091.jpg" alt="" width="160" height="222" /></a></em></p>
<p>Der Ende 2009 erschienene Band mit dem zahlenspielerischen Titel <em>Web 2.0 – Demokratie 3.0?</em> versucht sich an einer schwierigen Aufgabe. Auf gerade mal 126 Seiten (zuzüglich eines 20-seitigen Literaturverzeichnisses) setzt sich der Autor mit demokratischen Potenzialen des Internets auseinander, stellt dabei die technologischen Grundlagen der &#8220;GKI&#8221; (der Globalen Kommunikations-Infrastruktur) vor (Kap. 3), strukturiert den Gegenstand entlang politik- wissenschaftlicher (7. Kap.) und soziologischer (8. Kap.) Großtheorien, evaluiert Theorie und Empirie der digitalen Demokratie und wagt unter der etwas bemüht klingenden Überschrift &#8220;Politische Software – Es sind Updates verfügbar!&#8221; auch noch einen Ausblick in die Zukunft der politschen Online-Nutzung.</p>
<p>Angesichts dieses Tableaus scheint ein <em>agenda overload</em> unvermeidlich, und tatsächlich dürften sich die informierteren Leser fragen, ob die ausführliche Darstellung von &#8220;Diensten und Anwendungen&#8221; oder &#8220;basale Merkmale netzbasierter Kommunikation&#8221; notwendig waren, beziehungsweise wann denn nun neue Ideen, Quellen oder Einschätzungen und Modellierungen folgen mögen. Die Gliederung deutet auf die umständlichen Gene einer Qualifikationsarbeit hin und daher sollte man gar nicht so sehr den Autor als vielmehr den (oder die) Betreuer dafür kritisieren, dass die technologisch und kommunikations- wissenschaftlichen Deskriptionen (Kap. 3 bis 5) den durchaus spannenden Versuchen einer (demokratie)theoretischen Modellierung den Platz wegnehmen.</p>
<p>Dabei ist der Autor sehr wohl in der Lage, angesichts dieser Herkulesaufgabe in einem in den vergangenen Jahren zwar randständig, aber eben doch auch produktiv bearbeiteten Arbeitsbereich den Überblick zu behalten. Er pendelt zwischen der sich ständig selbst überholenden technologischen Empirie und dem ungleich haltbareren Katalog demokratie- und gesellschaftstheoretischer Entwürfe, insbesondere die zahlreichen Schaubilder sorgen für Klärung, da sie an verschiedenen Stellen synoptische Funktionen übernehmen.</p>
<p>Einen wichtigen Schlüssel für die Auseinandersetzung mit den Implikationen kompetitiver, pluralistischer und partizipatorischer Demokratietheorien liefert Meißelbach mit Hilfe der vier &#8220;Informationsfluss-Muster&#8221; Allokution, Konsultation, Registration und Konversation (45ff.). Dabei greift er auf zahlreiche Vorarbeiter zurück, die bereits vor fünf bis zehn Jahren festgestellt haben, dass die Neukonfiguration gesellschaftlicher Kommunikations- ströme auch die Verfassung demokratischer Systeme beeinflussen könnte. Insofern geht die Betrachtung zwar über &#8220;bislang verfügbare ad hoc-Argumentationen hinaus&#8221; (Klappentext), doch fügt sie der Debatte nur bedingt neue Impulse hinzu.</p>
<p>Dabei ließe sich die Diskussion um theoretische und empirische Implikationen der Digitalisierung durchaus anreichern, auch ohne eigenes empirisches Material zu erheben. So hätte es genügt, der eher theorie- und potenzialorientierten &#8220;europäischen&#8221; Linie den eher praxisorientierten US-amerikanischen Spiegel vorzuhalten – etwa so, wie es Howard Rheingold während seines in der deutschsprachigen Fachdebatte leider nicht angekommenen &#8220;Stanforder Disputs&#8221; mit Jürgen Habermas versucht hatte. So resultiert schließlich eine zwar anerkennenswerte Zusammenschau diverser demokratietheoretischer Zugriffe auf das Feld der digitalen Demokratie, deren Praxisferne sich jedoch schon im Schlusskapitel offenbart.</p>
<p>Der ausblickende Abschnitt zur &#8220;Politischen Software&#8221; und besonders das darin skizzierte &#8220;Bürgerportal&#8221; als (verwaltungsgebundenes) Rückgrat erscheint leider wenig realistisch – hier macht sich bemerkbar, dass aufgrund der Fokussierung auf die Kopplung des &#8220;GKI&#8221; mit den sozialwissenschaftlichen Groß-Theorien eine aktuelle Bestandsaufnahme mit der empirischen Dimension der digitalen Demokratie nicht hat stattfinden können. Denn längst sind die von Meißelbach modellierten Flussmuster in zahlreichen Prozessen, Strukturen und mit der Entstehung des neuen Politikfeldes &#8220;Digitale Bürgerrechte&#8221; auch auf der Inhaltsebene manifest geworden – ein solcher &#8216;reality check&#8217; wäre ein natürlicher Anschluss für die hier vorgelegte Basisarbeit, der von den Zwängen des Formats erheblicher Gestaltungsraum genommen wurde.</p>
<p><em>Links:</em></p>
<ul>
<li><a href="http://www.nomos-shop.de/productview.aspx?product=11965" target="_blank">Verlagsinformationen zum Buch</a></li>
<li><a href="http://tu-dresden.de/Members/christoph.meisselbach" target="_blank">Webpräsenz von Christoph Meißelbach an der TU Dresden</a></li>
<li><a href="http://www.uni-giessen.de/cms/fbz/fb03/institute/institut-fur-politikwissenschaft/Personen/bieber" target="_blank">Webpräsenz von Christoph Bieber an der Universität Gießen</a></li>
</ul>


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		<title>Johann Gustav Droysen &#8211; Ein Historiker als Klassiker der Kommunikations- und Medienwissenschaften</title>
		<link>http://www.rkm-journal.de/archives/3233</link>
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		<pubDate>Fri, 09 Jul 2010 12:18:31 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Redaktion</dc:creator>
				<category><![CDATA[Klassiker]]></category>
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		<category><![CDATA[Vorlesung]]></category>

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		<description><![CDATA[<span style="font-size: 13.2px;"><em>Wiedergelesen von Horst Pöttker</em></span>

<span style="font-size: 13.2px;"><em> </em></span><a href="http://www.rkm-journal.de/archives/3278"><img class="alignleft size-full wp-image-3278" title="Droysen" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2010/06/Droysen.jpg" alt="" width="160" height="231" /></a>Wer es sich leisten kann und eine gut ausgestattete geschichtswissen- schaftliche Bibliothek sein Eigen nennen möchte, erwirbt drei 2007 und 2008 erschienene Teilergebnisse eines in jeder Beziehung außergewöhnlichen Editionsprojekts. Es ist dem wichtigsten Werk eines nicht weniger außergewöhn-lichen Gelehrten des 19. Jahrhunderts gewidmet, welcher auch für die Kommunikations- und Medienwissen-schaften als Klassiker gelten kann. Den gilt es freilich noch zu entdecken. Johann Gustav Droysen (1808–1884), Geschichtsprofessor an den Universitäten Kiel, Jena und Berlin, hat seine Historik-Vorlesung zwischen dem Sommersemester 1857 und dem Wintersemester 1882/83 insgesamt 17 Mal gehalten, wobei er das von ihm selbst nur in Form eines Grundrisses publizierte Manuskript immer wieder überarbeitet hat. <a href="http://www.rkm-journal.de/archives/3233">[Mehr]</a>


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			<content:encoded><![CDATA[<p><span style="font-size: 13.2px;"><em>Wiedergelesen von Horst Pöttker</em></span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;"><em> </em></span><a href="http://www.rkm-journal.de/archives/3278"><img class="alignleft size-full wp-image-3278" title="Droysen" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2010/06/Droysen.jpg" alt="" width="160" height="231" /></a>Wer es sich leisten kann und eine gut ausgestattete geschichtswissen- schaftliche Bibliothek sein Eigen nennen möchte, erwirbt drei 2007 und 2008 erschienene Teilergebnisse eines in jeder Beziehung außergewöhnlichen Editionsprojekts. Es ist dem wichtigsten Werk eines nicht weniger außergewöhn-lichen Gelehrten des 19. Jahrhunderts gewidmet, welcher auch für die Kommunikations- und Medienwissen-schaften als Klassiker gelten kann. Den gilt es freilich noch zu entdecken.</p>
<p><span style="font-size: 13.2px;"> </span><span style="font-size: 13.2px;"><strong>1. Vergessener Klassiker: Johann Gustav Droysens Historik</strong></span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;">Johann Gustav Droysen (1808–1884), Geschichtsprofessor an den Universitäten Kiel, Jena und Berlin, hat seine Historik-Vorlesung zwischen dem Sommersemester 1857 und dem Wintersemester 1882/83 insgesamt 17 Mal gehalten, wobei er das von ihm selbst nur in Form eines Grundrisses publizierte Manuskript immer wieder überarbeitet hat. Sinn und Zweck der von Jörn Rüsen initiierten, von Peter Leyh 1977 mit einem ersten Band begonnenen und von Horst Walter Blanke nach drei Jahrzehnten nun fortgesetzten historisch-kritischen Ausgabe von Droysens Historik ist es – so der Klappentext – &#8220;die über sechs Jahrzehnte (1826–1883) vollzogene Entwicklung von Droysens expliziter Theorie der historischen Wissenschaften und seines darin beschlossenen Konzepts der historisch-politischen Bildung&#8221; zu rekonstruieren.</span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;">Für die Kommunikations- und Medienwissenschaften ist diese Rekonstruktion in dreierlei Hinsicht von Bedeutung: erstens, weil die von Droysen im Kontrast zur Naturwissenschaft konzipierte geschichtswissenschaftliche Methodik als <em>konstitutiv für alle Geistes- und Kulturwissenschaften </em>gelten kann, also auch für die Disziplinen, denen <a href="http://www.rkm-journal.de" target="_blank">r:k:m</a> als Besprechungsraum dient, sofern sie sich als Kulturwissenschaften verstehen; zweitens, weil die Historik eine Systematik der historischen Quellen und ein Konzept des historischen Erzählens enthält, die für den <em>Geschichtsjournalismus</em> von hohem Interesse sind; und drittens, weil die <em>Vorlesung </em>selbst eine akademische <em>Kommunikationsform</em> ist, von der gerade in Zeiten eines Medienumbruchs, durch den Mündlichkeit und Visualität wachsende Bedeutung gewinnen, gelernt werden kann. Deshalb begnügen wir uns gerade bei dieser Rezension nicht mit einem schriftlichen Text, sondern nutzen auch die Audio-Potenziale des Online-Mediums.</span></p>
<p><a href="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2010/06/Warum-vergessener-Klassiker2.mp3" target="_blank">Audio: Horst Pöttker im Interview &#8211; Warum ist Droysen ein &#8220;vergessener Klassiker&#8221;?</a></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;"><strong>2. Geschichtlichkeit: Der Wert der Historik für die Kulturwissenschaften</strong></span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;"><strong> </strong></span><span style="font-size: 13.2px;"><a href="http://www.rkm-journal.de/archives/3282"><img class="alignleft size-full wp-image-3282" title="Droysen1" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2010/06/Droysen1.jpg" alt="" width="160" height="225" /></a>Beginnen wir mit der Historik als Quelle, um etwas über die konstitutive Besonderheit der Geistes- und Kulturwissenschaften – das methodologische Proprium – zu erfahren, das diese Disziplinen von den Natur- und Technikwissenschaften unterscheidet und auf ihr gesellschaftliches Erkenntnisinteresse hinweist. Aus dem speist sich, wenn sie es erfüllen, ihre Legitimität und letztlich ihre Existenz. Worin liegt für Droysen das Konstitutive der Geschichtswissenschaft? Als Kind des deutschen Idealismus nennt er es das Wesen der Geschichte. In der von Peter Leyh in Band 1 dokumentierten Historik-Vorlesung hat Droysen vom kulturellen Gewordensein und der Veränderbarkeit der Phänomene gesprochen, mit denen sich die Geschichtswissenschaft befasst – im Unterschied zur Naturwissenschaft, deren Gegenstände zwar ebenfalls geworden und veränderbar sind, aber auf ganz andere Weise und in ganz anderen zeitlichen Dimensionen.</span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;">Ziel und Methode der Geschichtswissenschaft sei nicht das Erklären, sondern das <em>Verstehen</em>. In Band 2, in dem Horst Walter Blanke &#8220;Texte im Umkreis der Historik&#8221; und ihrer Entstehungsgeschichte versammelt hat, liest man in Droysens Einleitung zu seinen Vorlesungen &#8220;Ueber den öffentlichen Zustand Deutschlands&#8221; von 1845:</span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;"><small>&#8220;Allerdings das Wesen der Geschichte ist, daß eben alles flüssig ist. Aber man hat eben nicht zu besorgen, daß in diesem Strom irgend etwas Wahrhaftes und Wesentliches verlorengehe. Jede der Ausprägungen des geistigen Daseins, welche die Geschichte gebracht hat, ist nach ihrem wahren Bestand unverloren; und eben darum ist die Geschichte zu betrachten lehrreich und erhebend, weil sie in mächtiger Continuität, in grandiosester Selbstkritik und im Kampf um gegenseitige Anerkennung und Beschränkung alle diejenigen Motive zeigt, welche endlich die Gegenwart erfüllen, zum Theil noch in heftigen Reibungen, zum Theil in ruhiger und beglückender Zuständlichkeit. Die Geschichte ist so eine Interpretation (…) der Gegenwart.&#8221; (Band 2.1, 314).</small></span><small></small></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;">Und in der Einleitung in seine Vorlesungen über &#8220;Deutsche Culturgeschichte vom Anfang des 18. Jahrhunderts&#8221; im Jahre 1841 hat Droysen über Sinn und Zweck der Geschichtswissenschaft gesagt:</span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;"><small>&#8220;Die Entwickelung der Menschheit zu erforschen ist ihre Aufgabe; je tiefer sie dieselbe durchdringt, desto mehr erkennt sie, daß die geschichtliche Erscheinung eben nur der Ausdruck und die Verkörperung von Gedanken (…) ist, in deren endlicher Erscheinung das Moment der Unzulänglichkeit, die Nothwendigkeit des Wechsels gegeben ist. Bei dieser tieferen Fassung der Geschichte ist es unmöglich, sich bei den äußeren Erscheinungen der sog. politischen Geschichte zu beruhigen, ist es ungenügend, wenn man die sog. Culturgeschichte als ein Anhängsel zu derselben betrachtet, etwa um das Kostüm der Zeit kennen zu lernen. (…) Sucht die Philosophie alle Sphären der Wirklichkeit zu subsumiren unter die ewigen Gesetze des Geistes und seiner logischen Entfaltung, betrachtet sie das Seiende gleichsam vom Himmel herab, aus der Vogelperspektive d[es]<strong> </strong>Begriffs, so geht die Geschichte daran, sich in diese Wirklichkeiten selbst zu versenken, in ihnen selbst die Momente ihres Wechsels zu finden, ihr ewiges Werden zu betrachten, zu sehen, wie sie von dem festen Grund des Seienden und Gegebenen aus sich höher u[nd] höher<strong> </strong>emporarbeiten. Sie umfaßt alle Richtungen des menschlichen Daseins, und erst in dieser Gesammtfülle der Betrachtung ist sie ihres Thuns gewiß.&#8221; (Bd. 2.1, 278f.)</small></span><small></small></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;">Sieht man davon ab, dass Droysen in der Geschichte selbst, also dem <em>Objekt</em> der Geschichtswissenschaft, eine Entwicklung voraussetzt, die die Vernunft auf immer höheren Stufen sich entfalten lässt – zieht man also das für seine Zeit typische, von Kant, Hegel und Marx geprägte objektivierend-teleologische Moment ab, das der Postmoderne spätestens seit dem Zusammenbruch der sich auf geschichtsphilosophische Utopien berufenden sozialistischen Diktaturen fremd geworden ist –, so leitet sich aus Droysens Historik eine erkenntnistheoretische Position zur Begründung der Kulturwissenschaften ab, die sich folgendermaßen umreißen lässt: Im Unterschied zu den Gegenständen der Naturwissenschaften, eben der Natur, die der Mensch vorfindet, bringt er die Gegenstände der Kulturwissenschaften, eben die Kultur, selbst hervor. Anders als Natur- sind Kulturphänomene daher nicht aus allgemeinen und unveränderlichen Gesetzmäßigkeiten zu erklären, sondern sie unterliegen einem permanenten Wandel und weisen auch – daran denkt der mehr an der Zeitdimension interessierte Historiker Droysen weniger – zwischen den menschlichen &#8220;Kulturen&#8221; (ein anderer Kulturbegriff!) mannigfache Unterschiede auf. Zu diesen Phänomenen zählen nicht nur materielle Schöpfungen wie Gebäude, Verkehrswege, Maschinen, Kleidung, Speisen, Gemälde, literarische Texte oder (technische) Medien, sondern auch die immaterielle Kultur, d. h. Religionen, Mythen, Ausdeutungen, Werte, Bräuche, Sitten- und Rechtsnormen, Arbeitstechniken und andere professionelle Standards, die Menschen fortwährend hervorbringen, indem sie handeln und dadurch die von ihnen vorgefundene Kultur verändern. Es ist das <em>hervorbringende Subjekt </em>mit seiner begrenzten, aber eben doch vorhandenen Freiheit und Verantwortlichkeit, das alle Kulturwissenschaften – anders als die Natur- und Technikwissenschaften – nicht übersehen dürfen.</span></p>
<p><a href="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2010/06/Horst-Pöttker-über-die-Unterschiede-zwischen-Phänomenen-der-Kultur-und-Naturwissenschaften9.mp3" target="_blank">Audio: Über die Unterschiede zwischen Kultur- und Naturwissenschaften</a><span style="font-size: 13.2px;"><br />
</span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;">Trotz der schier unerschöpflichen temporellen, kulturellen und auch positionellen Variabilität anthropogener Phänomene, die &#8220;Kulturwelten&#8221; bilden, ist es nicht nur möglich, sondern liegt im Interesse jeder Gesellschaft, Kulturwelten und ihre einzelnen Phänomene wissenschaftlich zu erforschen und dadurch zwar nicht kausal zu erklären und vorhersehbar zu machen, aber doch auszudeuten, zu interpretieren und insofern <em>intersubjektiv verständlich </em>werden zu lassen. Denn zumal in modernen, stark differenzierten Gesellschaften werden sich deren Handlungssubjekte erst auf der Grundlage rationaler und deshalb gemeinsam nachvollziehbarer Interpretationen über den Sinn von Kulturprodukten einig, weshalb Kulturwissenschaften für die Integration komplexer Sozialgebilde von entscheidender Bedeutung sind (vgl. Pöttker 2005). Jürgen Habermas hat diesen gesellschaftlichen Nutzen in seiner berühmten Frankfurter Antrittsvorlesung vom 28. Juni 1965 das &#8220;praktische Erkenntnisinteresse an Verständigung&#8221;<em> </em>genannt, dessen Befriedigung den von ihm treffenderweise so genannten historisch-hermeneutischen Wissenschaften obliegt (vgl. Habermas 1965).</span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;">Mit dieser Bezeichnung deutet Habermas in der Tradition Droysens an, dass die Geschichtswissenschaft, indem sie sich auf die konstitutive Eigenschaft der Gewordenheit, der temporellen Variabilität von Kulturphänomenen konzentriert, für die Geisteswissenschaften eine ähnlich zentrale Rolle spielt wie die Mathematik für die Naturwissenschaften. Nicht zufällig versammeln sich die Geistes- und Kulturwissenschaften in traditionsbewussten Universitäten der Schweiz noch heute in &#8220;philosophisch-historischen&#8221; Fakultäten, denen die weiteren Fächer der in der Neuzeit – im Zuge zunehmender Autonomie und Praxisferne des europäischen Wissenschaftssystems – aufgeblähten Philosophischen Fakultät des Mittelalters mit der Sammelbezeichnung &#8220;philosophisch-naturwissenschaftlich&#8221; oder &#8220;philosophisch-mathematisch&#8221; gegenüberstehen.</span></p>
<p><a href="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2010/06/Habermas-und-das-Erkenntnisinteresse-Bedeutung-der-historisch-hermeneutischen-Fächer-Bogenschlag-zur-Situation-heute-Folgen-der-Vernachlässigung-dieser-Fächer-Abmischung.mp3" target="_blank">Audio: Habermas und das Erkenntnisinteresse &#8211; die Bedeutung der historisch-hermeneutischen Wissenschaften<span style="font-size: 13.2px;"><br />
</span></a></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;">Bedenkt man die vergangenen viereinhalb Jahrzehnte Wissenschaftsentwicklung, die der Verfasser dieses Textes am eigenen Leib erfahren hat, drängt sich die These auf, dass das praktische Interesse an Verständigung zwischen den beiden anderen von Habermas 1965 genannten Erkenntnisinteressen – dem technischen an Effektivierung von Arbeit und dem emanzipatorischen an Mäßigung von Herrschaft – zerrieben wird. Auch weil nicht einmal die Geistes- und Kulturwissenschaften selbst sich ihrer gesellschaftlichen Bedeutung hinreichend bewusst sind, wird der sichtliche, teilweise eklatante Zerfall der Sozialintegration nur selten mit der ebenfalls sichtlichen, teilweise eklatanten Vernachlässigung der gern als &#8220;philosophisch&#8221; abgetanen Fächer in Zusammenhang gebracht.</span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;">Wenn sie dieser Misere entgegenwirken wollen, täten die Kommunikations- und Medienwissenschaften gut daran, sich an Droysen zu erinnern und weder die Methode des deutenden Verstehens noch die Teildisziplin der Kommunikations- und Mediengeschichte verkümmern zu lassen, die beide viel zur Verständigung über die gegenwärtige Medienwelt und gegenwärtige Kommunikationsverfassungen (etwa den prekären Zustand des Journalistenberufs) sowie Problemlösungen, die aus solcher Verständigung hervorwachsen können, beizutragen hätten. Das setzt freilich voraus, dass sich die Kommunikations- und Medienwissenschaften überhaupt noch als historisch-hermeneutische Disziplinen verstehen und im Bewusstsein behalten, was aus dem anthropogenen Charakter ihrer Gegenstände für ihre Methoden folgt. Zweifel daran erheben sich angesichts der Dominanz eines quantitativ-nomologischen Paradigmas, das in der Kommunikationswissenschaft mehr an Ökonomie und Organisationswissenschaften, in der Medienwissenschaft mehr an die Naturwissenschaften angelehnt ist. Eine Dominanz, die Gerhard Maletzke schon Mitte der 1990er Jahre festgestellt hat und die seitdem gewiss nicht verschwunden ist (vgl. Maletzke 1997: 115, 118).</span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;"><a href="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2010/06/Bedeutung-der-Geschichtswissenschaft-für-die-Kulturwissenschaft.mp3" target="_blank">Audio: Über die Bedeutung der Geschichtswissenschaft für die Kulturwissenschaft</a></span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;"><br />
</span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;"><strong>3. Lebensdienlichkeit: Der Wert der Historik für den Geschichtsjournalismus</strong></span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;"><strong> </strong></span><span style="font-size: 13.2px;">Kommen wir zu den für den Geschichtsjournalismus interessanten Aspekten von Droysens Werk. Seine Systematik der historischen Quellen, mit der sich eine – nicht zuletzt für Qualitätsjournalismus charakteristische – quellenkritische Haltung begründen und differenzieren lässt, ist Droysens bis heute am stärksten beachtete Leistung. Er unterscheidet &#8220;Überreste&#8221; der Vergangenheit, d. h. authentische Verhaltensspuren, zu deren Fülle auch immaterielle menschliche Hervorbringungen wie Werte und Normen oder Sprache gehören können, von &#8220;Denkmälern&#8221;, bei deren Hervorbringung bereits die Absicht bestand, dauernde Erinnerungen zu ermöglichen, und schließlich &#8220;Quellen&#8221;, durch die Erinnertes überliefert wird (Bd. 1, 400f.).</span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;">Raul Hilberg hat sich in seiner didaktisch und journalistisch besonders brauchbaren, durch zahlreiche Beispiele veranschaulichten Analyse der Quellen für die Erforschung des nationalsozialistischen Völkermords an den Juden im Wesentlichen an Droysens Typologie gehalten, für ähnliche Begriffe nur andere Bezeichnungen gewählt (vgl. Hilberg 2002). &#8220;Überreste&#8221; heißen bei ihm &#8220;Dokumente&#8221;, und wo Droysen – heute missverständlich – in der von ihm gemeinten engeren Bedeutung &#8220;Quellen&#8221; sagte, spricht Hilberg von &#8220;Zeugnissen&#8221; oder &#8220;(Lebens-)Erinnerungen&#8221; (vgl. ebd.: 50). Aber schon in Droysens handschriftlichem Konzept von 1857/58 steht in § 20 unter dem Rubrum &#8220;Quellen&#8221; der bemerkenswerte Satz: &#8220;Jede Erinnerung, solange sie nicht äußerlich fixiert ist, lebt und wandelt sich mit dem Vorstellungskreise derer, die sie pflegen.&#8221; (Bd. 1, 401) Das sollte sich hinter die Ohren schreiben, wer &#8211; was Journalisten besonders gerne tun &#8211; an die besondere Authentizität von Zeitzeugen und &#8220;oral history&#8221; glaubt.</span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;">Zur journalistischen Frage, wie sich &#8220;Geschichte&#8221;, genauer: die Ergebnisse historischer Forschung, in Medien so darstellen lassen, dass es beim Publikum ankommt, fällt an dem von Peter Leyh vor über drei Jahrzehnten herausgegebenen, die Entwicklung der Historik-Vorlesung rekonstruierenden Band 1 zunächst auf, dass Droysen die Frage der <em>Präsentation </em>von geschichtswissenschaftlichen Einsichten keineswegs für nebensächlich hielt, sondern in wachsendem Maße für ein geradezu konstitutives Moment seines Faches. Das ist schon daran zu erkennen, dass er diese Frage in den ersten Fassungen von 1857/58 unter den Überschriften &#8220;Die Apodeixis&#8221; oder &#8220;Die Darstellung&#8221; in einem Unterabschnitt der &#8220;Methodik&#8221; behandelte, während er ihr in der letzten, 1882 als &#8220;Grundriß der Historik&#8221; gedruckten Fassung neben der &#8220;Methodik&#8221; und der &#8220;Systematik&#8221; einen dritten Hauptabschnitt unter dem Titel &#8220;Die Topik&#8221; widmete (Bd. 1, 445–450). Auf diesen Text bezieht sich das Folgende.</span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;">Am Anfang des Hauptabschnitts nennt Droysen den <em>Grund</em>, warum auch die Frage nach der Art und Weise, wie ihre Ergebnisse dargestellt werden, für die Forschung der Geisteswissenschaften, zumal der Geschichtswissenschaft, grundlegend ist: &#8220;§ 87 Wie alles, was unseren Geist bewegt, den entsprechenden Ausdruck fordert, in dem er es sich gestalte, so bedarf auch das historisch Erforschte Formen der Darlegung (…), damit sich an ihnen die Forschung gleichsam Rechenschaft gebe von dem, was sie gewollt und erreicht hat.&#8221; (Bd. 1, 445) Indem sie der historisch-hermeneutischen Forschung den Spiegel vorhält, in dem sich diese selbstkritisch betrachten und überprüfen kann, wird die Darstellungsweise selbst zu einem unverzichtbaren Teil der Forschung. Das Gelingen jedes auf Verstehen angelegten Interpretierens bemisst sich in einem intersubjektiven Prozess, steht und fällt also mit der <em>kommunikativen Qualität der Darstellung</em>. Unter Geistes- und Kulturwissenschaftlern ist es fast banal, dass Forschung sich erst im Vollzug der Formulierung und der Diskussion des Formulierten vollzieht.</span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;">Deshalb und weil das Erkenntnisinteresse an Verständigung sich nur über kommunikative Prozesse der Auseinandersetzung mit und Aneignung von Erkenntnissen erfüllen lässt, gilt für die historisch-hermeneutischen Disziplinen in besonderer Weise, dass <em>Forschung und Lehre zusammengehören</em>. Forschung ist hier Lehre und Lehre Forschung; der gesellschaftliche Nutzen dieser Fächer, die kulturelle Verständigung, ist an die Qualität ihrer Lehre und ihrer Präsenz in der – vor allem durch Journalismus herzustellenden – Öffentlichkeit auch über die Hochschulen hinaus gebunden. Das gilt nicht zuletzt für die Kommunikations- und Medienwissenschaften, die die bissige Bemerkung, gerade ihnen mangele es oft an der kommunikativen Qualität ihrer Sprache, nicht auf die leichte Schulter nehmen sollten.</span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;">Droysens zweiter grundlegender Gedanke betont, dass die historische Darstellung – und damit eben auch die Geschichtswissenschaft selbst, wenn sie das Publikum interessieren und so ihren gesellschaftlichen Nutzen, ihre Lebensdienlichkeit verwirklichen soll – Vergangenheit(en) nicht für sich zu betrachten, sondern mit der Gegenwart in Verbindung zu bringen habe:</span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;"><small>&#8220;§ 88 (…) Denn die Forschung, die von der Gegenwart aus und aus gewissen in ihr vorhandenen Elementen, die sie als historisches Material benutzt, Vorstellungen von Vorgängen und Zuständen der Vergangenheiten zu gewinnen weiß, ist beides zugleich: Bereicherung und Vertiefung der Gegenwart durch Aufklärung ihrer Vergangenheiten, und Aufklärung über die Vergangenheiten durch Erschließung und Entfaltung dessen, was davon oft latent genug noch in der Gegenwart vorhanden ist.&#8221; (Bd. 1, 445)</small></span><small></small></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;">Droysen könnte damit der Urheber der Idee von der Lebensdienlichkeit der Geschichte durch Gegenwartsbezug sein, die im 19. Jahrhundert Friedrich Nietzsche in seiner zweiten Unzeitgemäßen Betrachtung (vgl. Nietzsche 1937) und in unseren Tagen einige Theoretiker des historischen Erzählens ausgebaut haben, allen voran Jörn Rüsen, für den der erste, 1977 erschienene Band eine wohl für die ganze Historik-Ausgabe gedachte Widmung trägt. Es ist naheliegend, dass diese Idee besonders für Geschichtsjournalisten attraktiv ist, die ja wie alle Journalisten – im Unterschied zu Wissenschaftlern, auch Historikern – unter der Forderung ihres professionellen Gebots zur <em>Aktualität </em>stehen. Um dieses Qualitätsgebot zu erfüllen, gibt es für Geschichtsjournalisten trotz unterschiedlich großer zeitlicher Distanzen zu ihrem Objektbereich ein probates Mittel: Auswahl historischer Themen <em>nach Maßgabe aktueller Probleme</em> und – in der Darstellung – <em>Verknüpfung </em>dieser Themen mit gegenwärtigem Geschehen (vgl. Pöttker 1997).</span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;">Droysen denkt an der zitierten Stelle an einen genetischen Modus solcher Verknüpfung, bei dem die Gegenwart als etwas <em>aus der Vergangenheit Hervorgegangenes</em> betrachtet wird. Seine Nachfolger in der Kritik des positivistischen, auf Historisierung pochenden Paradigmas kennen noch andere Wege, um den lebensdienlichen Gegenwartsbezug herzustellen. Der traditionale, historische Momente mythologisierende kommt weder für den an das Wahrheitskriterium gebundenen Geschichtsjournalismus noch für die moderne Geschichtswissenschaft infrage. Aber Nietzsche nennt noch den monumentalischen, Rüsen den exemplarischen oder analogischen Typus (vgl. Rüsen 1990: 172), bei dem Ähnlichkeiten zwischen Gegenwart und Vergangenheit als ihr verbindendes Moment fungieren. Und Nietzsche wie Rüsen kennen die von beiden so genannte &#8220;kritische&#8221; Variante, bei der Gegenwart und Vergangenheit durch Kontrastbildung zueinander in Beziehung gesetzt werden.</span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;"><a href="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2010/06/Was-können-Geschichtsjournalisten-von-Droysen-lernen.mp3" target="_blank">Audio: Was Geschichtsjournalisten von Droysen lernen können</a><br />
</span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;">Alle drei Modalitäten, Vergangenheit aktuell zu machen, die <em>genetische</em> wie die <em>analogische </em>und die <em>kritische</em>, stehen Geschichtsjournalisten offen. Nur sollten sie sich beim einzelnen Produkt für eine von ihnen entscheiden und dies für das Publikum auch erkennbar machen, um den per se falschen Anspruch zu vermeiden, ihre Darstellung sei objektiv. Dafür gewinnt sie an Prägnanz. Droysen, der übrigens in etlichen seiner Schriften &#8220;im Umkreis der Historik&#8221; Sympathien für das Prinzip Öffentlichkeit (&#8220;Publicität&#8221;) und die dafür zuständige Presse bekundet, der er sogar Ratschläge gibt (vgl. z. B. Bd. 2.1, 274), womit er sich auch als Kind der Aufklärung erweist, hat die <em>Kritik an (be)trügerischer Objektivierung</em>, also am Positivismus, im Abschnitt zur Darstellungsweise (&#8220;Die Topik&#8221;) so formuliert:</span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;"><small>&#8220;(…) immer, welche Form auch für die Darstellung der gewonnenen Ergebnisse der Forschung gewählt werden mag, diese Darstellung wird dem Sein der Dinge, wie es in ihrer Gegenwart und den damals Lebenden und Handelnden erschien, nur zum Teil, in gewisser Weise, nach gewissen Gesichtspunkten entsprechen können und wollen (darin kartographischen Darstellungen analog). (…) Lange hat sich die historische Darstellung damit begnügt, die in mündlichen und schriftlichen Quellen vorhandenen Auffassungen in mehr oder weniger neuer Auffassung wieder zu erzählen; und die so gewonnene Illusion von überlieferten Tatsachen hat dann dafür gegolten, die Geschichte zu sein (…). Erst seit man auch die Denkmäler und Überreste als historisches Material erkannt und methodisch zu benutzen begonnen hat, ist die Erforschung der Vergangenheiten tiefer eingedrungen und sicher begründet. Und mit der Erkenntnis der unermeßlichen Lücken unseres historischen Wissens, welche die Forschung noch nicht oder nicht mehr auszufüllen vermag, erschließen sich immer weitere Weiten der Bereiche, mit denen sie zu tun hat (…). Die Darlegung des Erforschten wird in dem Maße richtiger sein, als sie sich ebenso dessen bewußt ist, was sie nicht weiß, als dessen, was sie weiß (…).&#8221; (Bd. 1, 445f.)</small></span><small></small></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;">Droysen setzt auf die für Geschichtswissenschaft wie Geschichtsjournalismus gleichermaßen wichtige Einsicht, dass Objektivität oder, emphatisch ausgedrückt, Wahrheit<em> mit der einzelnen Darstellung </em>nicht zu realisieren ist, weil sich über Lücken, über das Nicht-Erkannte und Nicht-Kommunizierte im Verhältnis zum Erkannten und Kommunizierten schlechterdings nichts aussagen lässt; gleichzeitig hält er aber auch einen auf Wahrheit gerichteten intersubjektiven, auf Öffentlichkeit angewiesenen Erkenntnis<em>prozess</em> für möglich und nötig, der sich dadurch stimulieren lässt, dass man in der einzelnen Darstellung die subjektive Selektivität des Ausgesagten und die dahinter steckenden Auswahlkriterien, also die Darstellungsweise, zu erkennen gibt.</span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;">Durch das Festhalten an der Idee eines durch Subjektivitätseingeständnisse in Gang zu haltenden Erkenntnisfortschritts distanziert Droysen sich von dem in Beliebigkeit ausartenden Relativismus, der paradoxerweise sowohl für radikal positivistische wie radikal konstruktivistische Positionen charakteristisch ist. In der von Leyh aus den Handschriften rekonstruierten ersten vollständigen Fassung der Historik-Vorlesung von 1857 gibt Droysen seine Antwort auf die Frage, was die Geschichtswissenschaft leisten kann und was nicht:</span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;"><small>&#8220;Sie ist darin empirisch, daß Seiendes und Gegebenes das Material ihrer Forschung ist; sie ist darin exakt, daß sie aus diesem Material in richtigen Syllogismen ihre Ergebnisse gewinnt, nicht aus hypothesierten Anfängen ableitet, daß sie das, was sie empirisch vor sich hat, nicht aus ersten Keimen oder Ursprüngen, die sie <em>nicht </em>empirisch vor sich hat, zu erklären unternimmt.&#8221; (Bd. 1, 162)</small></span><small></small></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;">Und an anderer Stelle desselben Textes heißt es:</span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;"><small>&#8220;Kein Forschender wird sich erdreisten zu sagen, daß er diese unermeßliche Fülle von Dingen umspanne. Aber er muß sich klarmachen, daß er im Zusammenhange einer unermeßlichen Arbeit steht, und daß er wie jeder in dieser langen Kette langsam vorrückender Arbeiter seine Stelle, seinen pflichtmäßigen Posten hat, daß andere sich auf ihn verlassen, wie er sich auf andere verlassen muß. Wer eines einzelnen Mannes Leben, eine einzelne Institution, ein Zeitalter usw. zu seinem Studium ausersehen, – er erinnere sich, daß er ein Teilchen einer großen Arbeit macht, und daß auch dies Teilchen nur in solchem Zusammenhang seinen Wert, seine Wahrheit hat.&#8221; (Bd. 1, 63)</small></span><small></small></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;">Mir scheint es nicht übertrieben, Droysen als Vorläufer der Methodologie des Kritischen Rationalismus in der Geschichtswissenschaft zu bezeichnen, als einen Historiker, der Karl R. Poppers Kritik am Historismus (vgl. Popper 1965) bereits im 19. Jahrhundert antizipiert hat, indem er wie dieser die Möglichkeit ausgeschlossen hat, mit dem Schiff der kultur- und sozialwissenschaftlichen Erkenntnis jemals in einen sicheren Hafen gelangen zu können. Wohl aber sah er die Möglichkeit, dieses Schiff auf Kurs in Richtung wahrer, realitätsadäquater Erkenntnis zu halten, indem man es fortwährend auf hoher See repariert und umbaut (vgl. Popper 1966).</span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;">Anders als nach ihm Nietzsche und Rüsen, deren Typologien der Gegenwartsbezüge sich am Kriterium von deren <em>inhaltlicher </em>Struktur orientieren, unterscheidet Droysen vier Modelle der Präsentation historischer Erkenntnis nach deren <em>Vorgehensweise</em>:</span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;"><span style="font-size: 13.2px;">a) Die<em> untersuchende Darstellung</em>, die einen Forschungsvorgang abbildet, um dessen Resultat publikumsattraktiv mitzuteilen und deren kommunikative Qualität auf dem Aufbau von Spannung beruht. Dabei muss es sich nicht um den tatsächlich abgelaufenen Forschungsprozess handeln. &#8220;Sie ist nicht ein Referat oder Protokoll von dem Verlauf der wirklichen Untersuchung mit Einschluss ihrer Fehlgriffe, Verirrungen und Erfolglosigkeiten [das erinnert wieder an Popper!], sondern sie verfährt, als sei das in der Untersuchung endlich Gefundene noch erst zu finden oder zu suchen. Sie ist eine Mimesis des Suchens oder Findens (…).&#8221; (Bd. 1, 446)</span></span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;">b) Die<em> erzählende Darstellung</em>, die den Entstehungsprozess des Forschungsgegenstandes abbildet: &#8220;Nur scheinbar sprechen hier die &#8216;Tatsachen&#8217; selbst, allein, ausschließlich, &#8216;objektiv&#8217;. Sie wären stumm ohne den Erzähler, der sie sprechen läßt. Nicht die &#8216;Objektivität&#8217; ist der beste Ruhm des Historikers. Seine Gerechtigkeit ist, daß er zu verstehen sucht.&#8221; (Bd. 1, 446f.) Da dies das zentrale, weil die konstitutive Eigenschaft der Gewordenheit von Kulturphänomenen betonende Modell ist, fächert Droysen diesen &#8220;erzählenden&#8221; Typus weiter auf in eine &#8220;pragmatische&#8221;, eine &#8220;monographische&#8221;, eine &#8220;biographische&#8221; und schließlich eine &#8220;katastrophische&#8221; Darstellungsweise (vgl. Bd. 1, 447).</span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;">c) Die <em>didaktische Darstellung</em>, die das Erforschte gemäß dem von Droysen bevorzugten Typus des genetischen Gegenwartsbezugs in eine geschichtliche Kontinuität stellt und dadurch Lernstoff für die Gegenwart bereitstellt, dass sie deren Ursprünge in der Vergangenheit zeigt: &#8220;Lehrhaft ist die Geschichte nicht, weil sie Muster zur Nachahmung oder Regeln für die Wiederanwendung gibt, sondern dadurch, daß man sie im Geiste durchlebt und nachlebt&#8221; (Bd. 1, 447).</span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;">d) Die <em>diskussive Darstellung</em>, die eine Fülle erforschter historischer Aspekte auf eine aktuelle politische Frage fokussiert, um deren Diskussion anzureichern und vor Dogmatisierung zu schützen: &#8220;Jeder Staat hat seine Politik, innere wie äußere. Die Diskussion – auch in der Presse, im Staatsrat, im Parlament – ist um so zuverlässiger, je historischer sie ist, um so verderblicher, je mehr sie sich auf Doktrinen, auf idola theatri, fori, specus, tribus gründet.&#8221; (Bd. 1, 449)</span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;">Droysen war mit den ideologiekritischen Schriften Francis Bacons vertraut (vgl. Bacon 1990 sowie Krohn 2006). Wie sehr es ihm darauf ankam, dass auch die Geschichtswissenschaft und im weiteren Sinne alle historisch-hermeneutischen Geistes- und Kulturwissenschaften auf ihren sozialen Nutzen achten und dass sie diesen gegenüber der Gesellschaft, die ihn zu Recht einfordern kann, nachzuweisen verpflichtet sind, geht aus der Nachbemerkung hervor, die ihm zu der diskussiven Präsentationsweise einfällt:</span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;"><small>&#8220;Mit der letztgenannten Darstellungsform tritt unsere Wissenschaft in die weiten Gebiete ein, in denen sie nicht unterlassen darf, auch ihre Kompetenz zu begründen, – in gleicher Weise wie die Naturwissenschaften kein Bedenken tragen, ihre Geltung so weit zu betätigen, wie ihre Methoden sich verwendbar zeigen. (…) erst die ganze Fülle von Durchlebungen und Steigerungen, die sich in der Kontinuität der Geschichte summiert hat, gibt den da forschenden Geistern die Höhe und den Umfang ihrer Anschauungen und Gedanken, um so zu beobachten und zur Frage zu stellen, so zu kombinieren und zu schließen.&#8221; (Bd. 1, 449)</small></span><small></small></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;">Im Grunde ist Droysen mit seiner Typologie von <em>Darstellungsweisen </em>näher am Geschichtsjournalismus als später Nietzsche und heute Rüsen mit ihren an der <em>Struktur des Gegenwartsbezugs </em>orientierten Unterscheidungen von historischen Erzählweisen. Denn Droysen macht <em>kommunikative Prinzipien</em>, die unter Umständen auch ohne das Zwischenglied der Aktualität das Ankommen des Dargestellten beim Publikum erleichtern und die wir auch sonst als konstitutive Momente journalistischer Darstellungsweisen kennen, zu Kriterien seiner Unterscheidungen: Bei der untersuchenden Darstellung die <em>Spannung</em>, bei der biografisch-erzählenden Darstellung die <em>Personalisierung</em>, bei der diskussiven Darstellung die <em>Attraktivität der Interaktion</em> usw.</span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;"><br />
</span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;"><strong>4. Eine Vorlesung: Der Wert der Historik für Wissenschafts-kommunikation und Kommunikationswissenschaft</strong></span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;"><strong> </strong></span><span style="font-size: 13.2px;"><a href="http://www.rkm-journal.de/archives/3284"><img class="alignleft size-full wp-image-3284" title="Droysen2" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2010/06/Droysen2.jpg" alt="" width="160" height="226" /></a>Schließlich ist die Historik für die Kommunikations- und Medienwissenschaften aktuell, weil Droysen sie nicht als (Lehr-)Buch konzipiert und realisiert hat, was im 19. Jahrhundert durchaus möglich gewesen wäre, sondern als <em>Vorlesung</em>, d. h. als akademische Kommunikationsform, bei der <em>Anwesenheit</em> und <em>Mündlichkeit </em>als medialer Humus von Interaktivität, Spontaneität und Authentizität wirken und die Variabilität in der Zeitdimension, die Gewordenheit und Veränderbarkeit, die für alle Kulturproduktion charakteristisch ist, in besonderer Weise zum Ausdruck gebracht wird. Auch wenn Droysen Abrisse seiner Erkenntnistheorie der Geschichts- und darüber hinaus der ganzen Kulturwissenschaft zwischendurch und am Ende in Druck gebracht hat: es ist gut möglich, dass er die Form der Vorlesung wegen ihrer didaktischen und kommunikativen Vorteile bewusst gepflegt und absichtlich darauf verzichtet hat, seine Theorie jemals in ihrer ganzen Konkretion durch Details und Beispiele in Buchform festzuhalten. Leyh musste die erste vollständige Fassung im Band 1 mühsam aus den überlieferten handschriftlichen Manuskripten rekonstruieren, und Blanke steht mit den späteren Veränderungen für den noch nicht erschienenen, die Ausgabe in Zukunft krönenden Band 3 Ähnliches bevor.</span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;">In Droysens Gesamtwerk finden sich Passagen, in denen er sich nahezu emphatisch gegen die Vorstellung wendet, Historiker hätten nur gelehrte Bücher zu verfassen, und in denen er der Wissenschaft Respekt vor den Kommunikationsbedürfnissen des großen Publikums empfiehlt:</span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;"><small>&#8220;Ein Kollege riß neulich Nase und Mund auf, als er hörte, daß ich in der Historik auch der publizistischen Tätigkeit ihre Stelle anweise; er meinte mit Gervinus, daß man Historie nur studiere, um historische Bücher zu schreiben. Ich meine das gar nicht.&#8221; (Bd. 2.2, 397f.)</small></span><small></small></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;">Und an anderer Stelle, an der er sich ausdrücklich mit dem akademischen Genre der Vorlesung befasst, preist er dessen Verbindung mit praktischen Übungen, weil erst die konkrete Auseinandersetzung mit den Studierenden den (Geschichts-)Professor vor dogmatischer Erstarrung bewahre und dazu bringe, den in der Vorlesung dargebotenen Stoff den Bedürfnissen der Hörer anzupassen. Durch die Übungen gewinne</span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;"><small>&#8220;der Vortragende selbst (…) für seine Vorträge ein anderes Maaß; er wird es unthunlich finden, heut wie vor zwei, vier, sechs Jahren dieselben Sachen in denselben Formen vorzutragen; er wird die Freude und das Bedürfniß sehen, für die ihm so Entgegenkommenden – denn er kennt sie und ihr Arbeiten von den Uebungen her – das jedesmal Angemessene und bald für diesen, bald für jenen etwas, das ihm gerade förderlich sein kann, gelegentlich zu sagen. Er wird in den Uebungen mit den einzelnen verkehrend eine stete Controlle seiner academischen Vorträge und ihrer Wirkungen haben; und indem in den Uebungen von den Lernenden gleichsam die Initiative ausgeht, wird er sich ihnen gegenüber ohne den Nimbus seiner academischen Würde und die Unfehlbarkeit des Katheders mit seinen Stärken und auch seinen Schwächen im Wissen nur um so lebendiger mitbetheiligt fühlen. Und so ergiebt sich das wahre Verhältniß[,] das (…) zwischen dem Lehrer und dem Lernenden sein muß. Er arbeitet gemeinsam mit seinen jüngeren Freunden. Sie anregend wird er von ihnen nicht mindere Anregung empfangen; er wird mit ihnen und für sie weiter lernen. Und nur so lange man weiter lernt, kann man lehren.&#8221; (Bd. 2.2, 501)</small></span><small></small></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;">Indem Droysen Unmittelbarkeit und Wechselseitigkeit als entscheidende Vorteile des Seminars und der Vorlesung gegenüber dem Buch, der Mündlichkeit gegenüber der Schriftlichkeit in der Wissenschaftskommunikation hervorhebt, erweist sich seine Praxis der akademischen Lehre, die die Ausgabe von Leyh und Blanke als gedrucktes Surrogat zwangsläufig nur unvollkommen zu rekonstruieren vermag, gerade für die Kommunikations- und Medienwissenschaften als lehrreiches wissenschaftsgeschichtliches Modell. Werden doch von diesen Fächern unter dem modischen, aber ungenauen Rubrum &#8220;Web 2.0&#8243; neue Potenziale der Interaktivität und Spontaneität in der Massen- und Individualkommunikation</span> als signifikante Merkmale der digitalen Revolution erkannt.</p>
<p><a href="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2010/06/Bedeutung-der-Vorlesung-in-der-Wissenschaft.mp3" target="_blank">Audio: Die Bedeutung der Vorlesung als akademische Kommunikationsform</a></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;">Neu sind diese Potenziale freilich nur in der Fernkommunikation zwischen Abwesenden. Zwischen Anwesenden sind, wie eben das klassische Genre der akademischen Vorlesung zeigt, Dynamik und Variabilität, Unmittelbarkeit und Wechselseitigkeit der Kommunikation schon immer möglich gewesen. Die scharfe Trennung von privater und öffentlicher, Individual- und Massen-Kommunikation hat es hier nie gegeben. Es erscheint deshalb obsolet, ja schädlich, in der Hochschuldidaktik auf die intensive Verwendung digitaler Medien zu setzen, solange Anwesenheit von Lehrenden und Lernenden vorausgesetzt werden kann. Weil Vermittlung durch technische Medien, so viel neue Interaktivität und Spontaneität diese auch erlauben mögen, stets mit einem <em>relativen Mangel</em> an den von Droysen in Theorie und Praxis der akademischen Lehre akzentuierten Qualitäten behaftet bleibt, lohnt es sich gerade in den Geistes- und Kulturwissenschaften, deren gesellschaftlicher Nutzen von der Qualität ihrer Lehre abhängt, für das von defizitären öffentlichen Ressourcen bedrohte Prinzip der <em>Anwesenheit</em> in der Hochschuldidaktik zu kämpfen.</span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;">Andererseits ist nicht absehbar, auch in den Kommunikations- und Medienwissenschaften nicht, dass der Typus der durch Druck oder auf digitale Weise fixierten <em>Schriftpublikation</em> seine Bedeutung als <em>dominierendes Medium der Forschungskommunikation </em>und akademischen Qualifikation einbüßt. Im Gegenteil, die Flut schriftlicher Veröffentlichungen scheint auf der technischen Plattform Internet weiter anzuschwellen. Diese Praxis könnte durch die neuen audio-visuellen Medienpotenziale erweitert werden. Droysens Vorlesung, die von der Mündlichkeit des Vortrags gelebt hat, ließ sich nur durch Manuskripte überliefern und kann nur aus diesen schriftlichen &#8220;Überresten&#8221; wiederum schriftlich rekonstruiert und in Druckform für die geschichtstheoretische Forschung aufgearbeitet werden. Im 20. Jahrhundert sind Schrift und Druck durch neue Medien ergänzt worden, die Töne und bewegte Bilder speichern und übertragen und heute auf einer digitalen Grundlage stehen. Damit haben sich die Darstellungs-, Rezeptions- und Speicherungspotenziale auch in der Wissenschaft erheblich erweitert, was gerade von den historisch-hermeneutischen Fächern noch zu wenig genutzt wird.</span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;">Heute wäre es möglich, die 17 Varianten von Droysens Historik-Vorlesung digital aufzuzeichnen und zu überliefern, um ihre Entwicklung auch anhand der nicht schriftlich fixierten und sogar nonverbalen Anteile rekonstruierbar zu halten; und diese Rekonstruktion selbst könnte nicht schriftlich fixierte und sogar nonverbale Komponenten enthalten, die sich wiederum festhalten und tradieren ließen.</span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;">Die Zeit-&#8221;Schrift&#8221; <a href="http://www.rkm-journal.de" target="_blank">r:k:m</a> unternimmt mit Audiokommentaren wie bei dieser Klassikerrezension den Versuch, in Ergänzung zu den schriftlichen Buchbesprechungen auch die audio-visuellen Potenziale der Medienplattform Internet für die Wissenschaftskommunikation zu nutzen.</span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;"><strong>5. Theorie oder Philologie? Zur Ausgabe von Leyh und Blanke</strong></span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;"><strong> </strong></span><span style="font-size: 13.2px;">Was die Edition betrifft, ist zunächst der Mut des Verlags zu bewundern, das Projekt nach einer Unterbrechung von drei Jahrzehnten mit einem anderen Bearbeiter wieder aufzugreifen. In dieser langen Zeit haben nicht nur der digitale Medienumbruch, sondern auch (zumindest relativ) schrumpfende Erwerbungsetats das (akademische) Bibliothekswesen umgepflügt, hat neben anderen historisch-hermeneutischen Disziplinen auch die Geschichtswissenschaft (weiter) kulturelles Terrain verloren. Gepolstert wird das Wagnis des Verlags, erneut mit der akribischen Rekonstruktion des erkenntnistheoretischen Hauptwerks eines weithin vergessenen Historikers des 19. Jahrhunderts herauszukommen, allenfalls durch den Umstand, dass – jedenfalls gegenwärtig – keine wohlfeile Ausgabe der Historik im Buchhandel erhältlich ist.</span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;">Jörn Rüsen, der schon seine Dissertation in den 1960er Jahren der Geschichtstheorie Droysens gewidmet hatte, konnte hier als Spiritus rector wirken. Seiner  Beharrlichkeit ist die Fortsetzung der historisch-kritischen Ausgabe der Historik zu verdanken. Fraglich ist freilich, ob Rüsen in einem Vorwort ähnlich wie Leyh 1977 und Blanke heute darauf verzichten würde, die wissenschaftspolitische und gesellschaftliche Relevanz der Historik-Ausgabe zu reflektieren. Angesichts des Umstands, dass Droysens wie Rüsens Konzeption die Überzeugung zugrunde liegt, Geschichtswissenschaft müsse lebensdienlich sein, mutet diese Abstinenz befremdlich an.</span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;">Leyh hat 1977 immerhin erwähnt, dass Günter Birtsch 1972 in einer gemeinsam mit Rüsen veranstalteten Ausgabe von Droysen-Texten den Wunsch nach einer historisch-kritischen Gesamtausgabe der Historik geäußert hatte, &#8220;dem diese Edition nun Rechnung tragen soll.&#8221; (Bd. 1, XVI) Aus Leyhs umfangreichem Vorwort scheint mehr inhaltliche Partizipation an Droysens Gedankenwelt hervorzugehen als aus Blankes etwas frugalem, auf die Editionstechnik beschränktem Vorwort, wo die theoretische Verortung der edierten Texte auf die Zukunft und in eine Anmerkung verschoben wird, in der der Autor eigene Arbeiten zu anderen Geschichtstheoretikern des 18. und 19. Jahrhunderts aufführt. Dadurch erscheint diese &#8220;Verortung&#8221; mehr als eine textkritisch-philologische Forschermühe zur Geschichte der Geschichtsdidaktik als eine intellektuelle Aufgabe.</span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;"><a href="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2010/06/Entstehung-der-Bände-Unterschiede.mp3" target="_blank">Audio: Über die Entstehung der Historik-Bände</a><br />
</span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;">Kein Buch, auch keine historisch-kritische Ausgabe, ist völlig frei von dem, was früher &#8220;Druckfehler&#8221; genannt wurde. Das gilt zumal in Zeiten der elektronisch gestützten Literaturproduktion. Hier sind es bemerkenswert wenige, und sie sind von geringer Bedeutung. Was aber bei der Lektüre gelegentlich stört, sind heute falsch erscheinende, teilweise sogar sinnentstellende Schreibungen, die beide Herausgeber, Blanke wie Leyh, mit der philologischen Pedanterie, zu der eine historisch-kritische Ausgabe verpflichtet ist, aus Droysens Handschriften übernommen haben.</span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;">Dass der seit 2007 in zwei Teilbänden vorliegende Band 2 sich von einer positivistischen Arbeitsweise weniger fernhält als der 1977 erschienene Band 1, worin möglicherweise Zeittypisches zum Ausdruck kommt, zeigt sich auch an der Auswahl der Texte. Wenn in Teilband 2.1 frühe Gedichte und private Briefe Droysens, bei denen der Herausgeber selbst eine zu großzügige Auswahl für möglich hält (vgl. Bd. 2.1, XV), dennoch der Publikation für Wert befunden werden, zeugt das ähnlich wie die ausführlichen schreibtechnischen Erläuterungen zu den fünf Handschriften-Faksimiles mehr von Affinität zu Materialreichtum und von Akribie als von theoretischem Interesse.</span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;">Eine gewisse, in dieselbe Richtung weisende Divergenz zwischen den beiden diachron voneinander getrennten Herausgebern zeigt sich auch daran, dass Leyh mit Band 1 den Schwerpunkt auf die handschriftliche Fassung der Vorlesung von 1857 gelegt hat, die die systematisch-geschichtsphilosophischen Anteile, welche im Zuge der zunehmenden Anpassung an die Lehrpraxis später ausgedünnt wurden, vollständig enthält, während Leyh nach einem zweiten Band &#8220;Materialien zur Entwicklungsgeschichte von Droysens Theorie der Geschichtswissenschaft&#8221;, den Blanke in &#8220;Texte im Umkreis der Historik&#8221; umbenannt hat, in Band 3 nur noch einen philologischen Apparat bieten wollte. Blanke dagegen will in seinem geplanten, vom Verlag angekündigten dritten Band, wiederum in zwei Teilbänden, nun auch noch eine vollständige &#8220;Historik letzter Hand&#8221; aus &#8220;den spätesten auto- und apographischen  Überlieferungen der <em>Historik</em>-Vorlesungen&#8221; (Klappentext zu Bd. 2.1) rekonstruieren, darunter wohl auch einer Mit- oder Nachschrift des Studenten Friedrich Meinecke.</span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;">Leyh hat die Rekonstruktion einer &#8220;Historik letzter Hand&#8221; 1977 ausdrücklich abgelehnt, hauptsächlich mit dem Argument, die &#8220;Systematik&#8221; sei &#8220;im Kolleg von 1882/83 sehr stiefmütterlich behandelt&#8221; worden:</span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;"><small>&#8220;Es gilt (…), an der eigentlichen Intention Droysens, wie sie im &#8216;Grundriß&#8217; ausgestaltet ist, gegen seine Konzessionen an den Lehrbetrieb festzuhalten, anders gesagt, die Wissenschaftskonzeption Droysens in ihrer fortdauernden wissenschaftsgeschichtlichen Bedeutung gegen die ephemere hochschuldidaktische Praxis zu behaupten, die zwar wissenschaftshistorisch aufschlußreich ist, aber erst vom wissenschaftstheoretischen Interesse an der &#8216;Historik&#8217; aus in den Blick kommt.&#8221; (Bd. 1, XVIIf.)</small></span><small></small></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;">In der Fortsetzung der Ausgabe durch Blanke hat, so scheint mir, nun der fachgeschichtliche Aspekt die Oberhand gewonnen, der für die Kommunikations- und Medienwissenschaften wie für die Kulturwissenschaften im Allgemeinen nur von geringem Interesse ist. Gut, dass auch Leyhs erster Band noch erhältlich ist, sodass die drei kulturtheoretischen Aspekte, die oben erläutert wurden, in der gesamten Ausgabe noch hinreichend greifbar sind. Auch das mag das Risiko des Verlags verringern, wenn man bei Frommann-Holzboog nicht bewusst auf die weitere Ausdifferenzierung und (Über-)Spezialisierung im Wissenschaftssystem setzt, die heute überall zu beobachten ist. Wenn nicht ökonomisch, so hat sich das Wagnis des Verlags jedenfalls heuristisch gelohnt, kann die Ausgabe doch als Anschauungsmaterial für eine allgemeine Entwicklung betrachtet werden, die einem Denken in der Tradition Droysens nicht unbedingt Freude machen muss.</span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;"><a href="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2010/06/Die-Unterschiede-der-Bände.mp3" target="_blank">Audio: Die prägnantesten Unterschiede zwischen den Ausgaben</a><br />
</span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;">Detailtreue und Akribie haben aber auch ihr Gutes. Dass Blanke die von Leyh ursprünglich wohl nur auf drei Bände angelegte Ausgabe um ein Supplement erweitert hat, das zu Lebzeiten erschienene Werke Droysens, mehrere (Teil-)Nachlässe und sonstige Autografen, Bildnisse Droysens sowie ausgewählte Sekundärliteratur zu Person und Werk dieses – jedenfalls für die geschichts- und kulturwissenschaftliche Erkenntnistheorie – wichtigsten Historikers des 19. Jahrhunderts verzeichnet, ist nicht nur für weitere fachgeschichtliche Forschungen, sondern auch für den zukünftigen <em>geschichtstheoretischen Diskurs</em> außerordentlich nützlich. Auch wenn es Blanke offensichtlich mehr auf Vollständigkeit als auf Überblick, mehr auf Richtigkeit als auf Relevanz ankommt, hat er mit der Fortsetzung der historisch-kritischen Historik-Ausgabe dem dürftig gewordenen Nachdenken über Sinn und Zweck der Geschichtswissenschaft einen wichtigen Dienst erwiesen. Hoffen wir, dass dieses Nachdenken weitergeht oder, wo nötig, wieder in Gang kommt.</span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;"><em>Literatur</em>:</span></p>
<ul>
<li>Bacon, F.: <em>Neues Organon</em>. Herausgegeben vom Wolfgang Krohn, 2 Bände. Hamburg [Felix Meiner Verlag] 1990.</li>
<li>Habermas, J.: „Erkenntnis und Interesse“. In: <em>Merkur</em> 213, S. 1139-1153.</li>
<li>Hilberg, R.: <em>Die Quellen des Holocaust</em>. Frankfurt am Main [S. Fischer] 2002.</li>
<li>Krohn, W.: <em>Francis Bacon</em>. München [Verlag C. H. Beck] 2. Aufl. 2006.</li>
<li>Maletzke, G.: „Erlebte Kommunikationswissenschaft im Rückblick“. In: Kutsch, A.; Pöttker, H. (Hrsg.): <em>Kommunikationswissenschaft – autobiographisch</em>.  (= <em>Publizistik</em>, Sonderheft 1) Opladen [Westdeutscher Verlag]  1997, S. 110-119.</li>
<li>Nietzsche, F.: <em>Vom Nutzen und Nachteil die Historie für das Leben.</em> Mit einem Nachwort von Hans Freyer. Leipzig [Insel] 1937.</li>
<li>Popper, K. R.: <em>Logik der Forschung</em>. Wien [Springer] 1934.</li>
<li>Popper, K. R.: <em>Das Elend des Historizismus</em>. Tübingen [Mohr Siebeck] 1965.</li>
<li>Pöttker, H.: „Aktualität und Vergangenheit. Zur Qualität von Geschichtsjournalismus“. In: Bentele, G.; Haller, M. (Hrsg.): <em>Aktuelle Entstehung von Öffentlichkeit. </em>Schriftenreihe der DGPuK, Band 24. Konstanz [UVK] 1997, S. 335-346.</li>
<li>Pöttker, H.: „Soziale Integration“. In: Geißler, R; Pöttker, H. (Hrsg.): <em>Massenmedien und die Integration ethnischer Minderheiten in Deutschland</em>. Bielefeld [Transcript Verlag] 2005, S. 25-43.</li>
<li>Rüsen, J.: <em>Zeit und Sinn. Strategien historischen Denkens.</em> Frankfurt am Main [S. Fischer] 1990.</li>
<li>Spinner, H. F.: „Zur Soziologie des Rezensionswesens“. In: <em>Soziologie. Mitteilungsblatt der Deutschen Gesellschaft für Soziologie</em> 1, S. 49-78.</li>
</ul>
<p><em>Links</em>:</p>
<ul>
<li><a href="http://www.frommann-holzboog.de/site/index_autoren_az.php" target="_blank">Verlagsinformationen zu den Historik-Ausgaben</a></li>
<li><a href="http://www.kulturwissenschaften.de/home/profil-hblanke.html" target="_blank">Webpräsenz von Horst Walter Blanke am Kulturwissenschaftlichen Institut Essen</a></li>
<li><a href="http://www.journalistik-dortmund.de/prof.-dr.-phil.-horst-pottker.html" target="_blank">Webpräsenz von Horst Pöttker an der Technischen Universität Dortmund</a></li>
</ul>


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		<title>Annely Rothkegel: Technikkommunikation</title>
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		<pubDate>Tue, 06 Jul 2010 09:05:43 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Redaktion</dc:creator>
				<category><![CDATA[Einzelrezension]]></category>
		<category><![CDATA[Handlungslogik]]></category>
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		<description><![CDATA[<em>Rezensiert von Eva-Maria Jakobs</em>

<a href="http://www.rkm-journal.de/archives/2276"><img class="alignleft size-full wp-image-3194" title="rothkegel2010" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2010/02/rothkegel2010.jpg" alt="" width="160" height="229" /></a>Der UTB-Band ist laut Klappentext als Einführung in das Themenfeld Technikkommunikation konzipiert. Er richtet sich an Zielgruppen mit stark differierenden Vorkenntnissen – Studierende der Sprach- und Ingenieurwissenschaft, der Journalistik und Fachjournalisten. Ziel ist die Einführung in linguistische Grundlagen des professionellen Sprechens und Schreibens über Technik und Technikgebrauch. Im Vordergrund stehen jedoch schriftbasierte Kommunikate, der mündliche Bereich wird nur gestreift. Das Gleiche gilt für Icons und andere Darstellungsmittel (z.B. Animation). Die Sicht auf den Gegenstand basiert auf Grundannahmen der linguistischen Handlungstheorie und der Handlungslogik, ergänzt durch Ansätze der Textlinguistik. Vor allem Kapitel zwei und drei zeigen Bezüge zu den computerlinguistischen Wurzeln der Autorin. <a href="http://www.rkm-journal.de/archives/2276">[Mehr]</a>


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</ol>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Rezensiert von Eva-Maria Jakobs</em></p>
<p><a href="http://www.rkm-journal.de/archives/2276"><img class="alignleft size-full wp-image-3194" title="rothkegel2010" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2010/02/rothkegel2010.jpg" alt="" width="160" height="229" /></a>Der UTB-Band ist laut Klappentext als Einführung in das Themenfeld Technikkommunikation konzipiert. Er richtet sich an Zielgruppen mit stark differierenden Vorkenntnissen – Studierende der Sprach- und Ingenieurwissenschaft, der Journalistik und Fachjournalisten. Ziel ist die Einführung in linguistische Grundlagen des professionellen Sprechens und Schreibens über Technik und Technikgebrauch. Im Vordergrund stehen jedoch schriftbasierte Kommunikate, der mündliche Bereich wird nur gestreift. Das Gleiche gilt für Icons und andere Darstellungsmittel (z.B. Animation). Die Sicht auf den Gegenstand basiert auf Grundannahmen der linguistischen Handlungstheorie und der Handlungslogik, ergänzt durch Ansätze der Textlinguistik. Vor allem Kapitel zwei und drei zeigen Bezüge zu den computerlinguistischen Wurzeln der Autorin.</p>
<p>In fünf Kapiteln wird ein weiter Betrachtungsbogen zu Kommunikation über Technik gespannt, der sich auf einen reichen Erfahrungsschatz der Autorin stützt. Nach einer kurzen Einführung werden in Kapitel zwei und drei semantische und pragmatische Aspekte des Kommunizierens über Technik (wie Begriff, Wortfeld, Ontologie, Proposition, Sprechakt, Sprachhandlungsmuster) behandelt. Kapitel vier und fünf sind prozessorientiert ausgewählten Aspekten der Textanalyse und -produktion gewidmet. Der Textbereich wird durch Ausführungen zu Hypertext und Mensch-Maschine-Interaktion ergänzt, die vergleichsweise knapp ausfallen.</p>
<p>Das Buch ist solide gemacht. Es vermittelt auf einem Basislevel wichtige Begriffe für das Themenfeld Technikkommunikation. Zu den Nachteilen des Bandes gehört, dass er der Komplexität des vielgestaltigen, medial ausdifferenzierten Bereichs nur in Ansätzen gerecht wird. Bezogen auf aktuelle und zukünftige Berufsfelder wäre ein einführendes oder abschließendes Kapitel wünschenswert gewesen, das die Vielfalt und die Attraktivität dieses schnell wachsenden Forschungs- und Tätigkeitsbereichs skizziert. Dazu gehören Themen wie kommunikative Usability elektronisch gestützter Kommunikations-, Interaktions- und Informationsmittel, das Zusammenspiel semiotischer Codes (etwa in Augmented-Reality-Anwendungen für den technischen Wartungsbereich), Mensch-Maschine-Kommunikation in der Robotik oder Mensch-Computer-Mensch-Kommunikation in AAL-Umgebungen (Stichwort: eHealth), Trends wie Medienkonvergenz und Multi-Channeling oder Fragen der journalistischen Darstellung von Technik.</p>
<p>Die Lektüre ist nicht immer einfach. Dies mag an dem Versuch liegen, eine beeindruckende Fülle linguistischen Wissens in knappster Form bezogen auf den Gegenstand zu vermitteln. Hier zeigt sich der Ertrag einer langen Periode der fachwissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Gegenstand. Bezogen auf sprachferne Zielgruppen wie die Ingenieurwissenschaften stellt sich allerdings die Frage, ob die Abhandlung von Phänomenen wie Synonymie und Meronymie in zwei, drei Sätzen für ein grundlegendes Verständnis reicht. Bezogen auf technikferne Zielgruppen wie Linguisten und Fachjournalisten stellt sich die gleiche Frage bei Phänomenen wie affizierten und effizierten Objekten oder technikbezogenen Taxonomien. Die Darstellung wechselt zwischen hoch abstrakt und sehr anschaulich, mitunter von Satz zu Satz. Die meisten Kapitel enthalten Beispiele und Musteranalysen. Das – wahrscheinlich drucktechnisch bedingte – partielle Auseinanderreißen von besprechendem Text und Beispiel oder Abbildung erschwert den Lese- und Verarbeitungsprozess. Für den Einsatz in der Lehre wären Aufgaben sowie weiterführende Literaturangaben zu den oben genannten Feldern wünschenswert gewesen.</p>
<p>Fazit: Der Band bietet viel Wissen auf wenig Raum, ist aber nicht immer leicht konsumierbar. Er ist eher ein Kompendium als eine Einführung, zweifellos aber ein Buch, das eine wichtige Lücke am Markt füllt.</p>
<p><em>Links:</em></p>
<ul>
<li><a href="http://www.utb-shop.de/details.php?p_id=97897" target="_blank">Verlagsinformationen zum Buch</a></li>
<li><a href="http://www.tu-chemnitz.de/phil/ifgk/tk/CMS/tk_rothkegel.html" target="_blank">Webpräsenz von Annely Rothkegel an der Universität Chemnitz</a></li>
<li><a href="http://www.tl.rwth-aachen.de/team/leitung/index.html" target="_blank">Webpräsenz von Eva-Maria Jakobs an der RWTH Aachen</a></li>
</ul>


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		<title>Christian Wirrwitz: Kernbedeutung und Verstehen</title>
		<link>http://www.rkm-journal.de/archives/3196</link>
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		<pubDate>Tue, 22 Jun 2010 08:53:39 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Redaktion</dc:creator>
				<category><![CDATA[Einzelrezension]]></category>
		<category><![CDATA[Bedeutung]]></category>
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		<category><![CDATA[Verstehensproblem]]></category>

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		<description><![CDATA[<em>Rezensiert von Tim Loppe</em>

<em><span style="font-style: normal;"><a href="http://www.rkm-journal.de/archives/3198"><img class="alignleft size-full wp-image-3198" title="Wirrwitz2009" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2010/06/Wirrwitz2009.jpg" alt="" width="160" height="241" /></a>Die menschliche Kommunikation ist für die Philosophie seit jeher ein Faszinosum: Worin liegt die Bedeutung eines Ausdrucks? Was heißt es, eine Äußerung zu verstehen? Und unter welchen Bedingungen kommt dieses Verstehen zustande? Mit seiner Dissertation <em>Kernbedeutung und Verstehen</em> setzt Christian Wirrwitz die schier endlose Reihe an Auseinandersetzungen mit den Kernbegriffen der Sprachphilosophie fort. Dass seine Arbeit einige der stark verzweigten Diskussionen auf diesem Gebiet bereichern kann, hat mehrere Gründe: Erstens ist sie sehr gut durchdacht, zweitens klar strukturiert und drittens – dies ist ebenfalls keine geringe Leistung – verständlich geschrieben.</span></em> <a href="http://www.rkm-journal.de/archives/3196">[Mehr]</a>


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</ol>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Rezensiert von Tim Loppe</em></p>
<p><em><span style="font-style: normal;"><a href="http://www.rkm-journal.de/archives/3198"><img class="alignleft size-full wp-image-3198" title="Wirrwitz2009" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2010/06/Wirrwitz2009.jpg" alt="" width="160" height="241" /></a>Die menschliche Kommunikation ist für die Philosophie seit jeher ein Faszinosum: Worin liegt die Bedeutung eines Ausdrucks? Was heißt es, eine Äußerung zu verstehen? Und unter welchen Bedingungen kommt dieses Verstehen zustande? Mit seiner Dissertation <em>Kernbedeutung und Verstehen</em> setzt Christian Wirrwitz die schier endlose Reihe an Auseinandersetzungen mit den Kernbegriffen der Sprachphilosophie fort. Dass seine Arbeit einige der stark verzweigten Diskussionen auf diesem Gebiet bereichern kann, hat mehrere Gründe: Erstens ist sie sehr gut durchdacht, zweitens klar strukturiert und drittens – dies ist ebenfalls keine geringe Leistung – verständlich geschrieben.</span></em></p>
<p>Den Ausgangspunkt seiner Überlegungen bezeichnet der Autor als das &#8220;Verstehensproblem&#8221;. Beobachtungen alltäglicher Kommunikation zeigten demnach, dass wir die Bedeutung vieler Ausdrücke, die in normalen, flüssigen Gesprächen verwendet werden, nicht genau kennen. Diese Intuition ist allerdings inkompatibel mit den Annahmen, dass eine flüssige Kommunikation ohne Verstehen sowie ein Verstehen von Ausdrücken ohne die Kenntnis von deren Bedeutung nicht möglich sind. Da Wirrwitz diese beiden Annahmen akzeptiert, bleibt ihm zur Auflösung des Widerspruchs nur ein Ausweg: Er muss zeigen, dass wir entgegen der genannten Intuition die Bedeutung von Ausdrücken in der alltäglichen Kommunikation kennen.</p>
<p>Um dies zu leisten, führt Wirrwitz die Unterscheidung von <em>vollständiger Bedeutung</em> und <em>Kernbedeutung</em> ein. Vollständige Bedeutung definiert er wie folgt: &#8220;Die Bedeutung eines Ausdrucks ist von allen Meinungen des Sprechers abhängig, die zusammen die notwendigen und hinreichenden Bedingungen für die Anwendung des Ausdrucks erfassen.&#8221; (85) Die These lautet nun: Wird der Begriff der vollständigen Bedeutung zugrundegelegt, ist an der Intuition nicht zu rütteln. Der Widerspruch wird also nicht aufgelöst. In diesem Sinne scheitern laut Wirrwitz die geläufigen Sprachtheorien, die allesamt der vollständigen Bedeutung verhaftet seien, am Verstehensproblem.</p>
<p>Die Lösung des Verstehensproblems verspricht der Begriff der Kernbedeutung. Mit Leben füllt Wirrwitz diesen Begriff durch die Prototypentheorie in ihrer klassischen Version sowie durch den von Hilary Putnam in <em>The meaning of &#8220;meaning&#8221;</em> geprägten Stereotypenbegriff (vgl. Putnam 1975). In den meisten Fällen besteht die Kernbedeutung eines Ausdrucks aus dem Prototyp sowie einer Reihe von Stereotypen, die auf diesen Prototyp Bezug nehmen. Je nach Funktionsweise eines Ausdrucks kann dessen Kernbedeutung aber auch auf einige Stereotypen reduziert sein. Während Wirrwitz den Prototypen auf der Ebene der Extension ansiedelt, rückt er Stereotypen in die Nähe der Intension. Unter Stereotypen versteht er &#8220;diejenigen Aussagen einer Menge von Aussagen über einen Gegenstand, die für typisch oder charakteristisch gehalten werden.&#8221; (135) Im Extremfall kann also ein Stereotyp mit der Definition des Ausdrucks zusammenfallen.</p>
<p>In der Hinführung geht Wirrwitz außerordentlich akribisch vor. Breiten Raum nimmt die Entwicklung einer Typologie der unterschiedlichen Funktionen von Ausdrücken ein. Und auch der Frage, ob die vollständige Bedeutung in der Kommunikation zugänglich ist, wird ausführlich nachgegangen. Beiden Themenbereichen ist jeweils ein Kapitel gewidmet. Auch wenn dies absolut angemessen ist: Verglichen mit diesen detaillierten und sehr sorgfältigen Vorarbeiten fällt die Auseinandersetzung mit der Prototypentheorie im dritten Kapitel relativ knapp aus. Das ist schade, schließlich sieht Wirrwitz im Rückgriff auf die Prototypentheorie, die &#8220;innerhalb der Sprachphilosophie vernachlässigt&#8221; (11) werde, das kreative Moment seiner Arbeit.</p>
<p>Besonders deutlich wird dieses Versäumnis, wenn es um die Definition des Prototypen geht. Denn laut Wirrwitz sind Prototypen &#8220;als typische Exemplare notwendigerweise Bestandteile der Extension.&#8221; (137) In dieser Ansicht offenbart sich ein Verständnis der Prototypentheorie, das geprägt ist von den ersten Thesen Eleanor Roschs zum zentralen Status des Prototypen Mitte der 1970er Jahre. Mittlerweile wurden diese Thesen jedoch einer grundlegenden Revision unterzogen, weder in der linguistischen Semantik noch in der kognitiven Psychologie werden sie heutzutage in vollem Umfang vertreten. Zentrale Arbeiten zur revidierten Fassung der Prototypentheorie – beispielsweise von George Lakoff – erwähnt Wirrwitz zwar vereinzelt. Eine Erklärung dazu, warum er deren Argumente und Einsichten unberücksichtigt lässt, fehlt jedoch.</p>
<p>Dieser Schwäche zum Trotz kann <em>Kernbedeutung und Verstehen</em> als gelungener Beitrag zur semantischen Grundlagendiskussion betrachtet werden. Von einer klaren Problemstellung ausgehend, entwickelt Wirrwitz sein Konzept der Kernbedeutung in kleinen und klar definierten Schritten. Im direkten Anschluss an die Vorstellung seiner zentralen Gedanken zeigt er im dritten Kapitel auf, dass sich mithilfe des Begriffs der Kernbedeutung der im Verstehensproblem formulierte Widerspruch auflösen lässt: Zwar kennen wir nicht die vollständige Bedeutung der in der alltäglichen Kommunikation verwendeten Ausdrücke, ihre Kernbedeutung ist uns jedoch zugänglich. Das vierte Kapitel richtet noch einmal den Blick nach hinten: Die Erkenntnis des zweiten Kapitels, dass alle dem Begriff der vollständigen Bedeutung verbundenen Theorien am Verstehensproblem scheitern, wird hier am Beispiel wahrheitsfunktionaler Semantiken sowie kontextualistischer Sprachkonzeptionen überprüft. Im fünften und letzten Kapitel reißt Wirrwitz die Konsequenzen seiner Gedanken für die Sprachphilosophie sowie offene Fragen an. Diesbezüglich hält er fest, dass die Kenntnis der Kernbedeutung zum Verstehen einer Äußerung zwar notwenig, in manchen Fällen aber nicht hinreichend ist.</p>
<p>Welche Impulse von <em>Kernbedeutung und Verstehen</em> ausgehen werden, bleibt abzuwarten. Es ist zu hoffen, dass entgegen der Einschätzung von Wirrwitz die Mehrheit der Sprachphilosophen die Prototypentheorie bereits vor Erscheinen dieses Buchs zur Kenntnis genommen hat. In jedem Fall jedoch stellt <em>Kernbedeutung und Verstehen</em> neue Bezugspunkte zwischen kognitivistischen und wahrheitsfunktionalen Sprach- und Bedeutungstheorien her.</p>
<p><em>Literatur</em>:</p>
<ul>
<li>Putnam, H.: &#8220;The Meaning of &#8216;Meaning&#8217;&#8221;. In: Ders.: <em>Mind, Language, and Reality.</em> <em>Philosophical Papers, Vol. 2.</em> Cambridge [Cambridge University Press] 1975, S. 215-271.</li>
</ul>
<p><em>Links</em>:</p>
<ul>
<li><a href="http://www.mentis.de/index.php?id=00000034&amp;article_id=00000028&amp;category=&amp;author_id=00000441&amp;key=wirrwitz" target="_blank">Verlagsinformationen zum Buch</a></li>
</ul>


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</ol></p>]]></content:encoded>
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		</item>
		<item>
		<title>Marcel Danesi; Andrea Rocci: Global Linguistics</title>
		<link>http://www.rkm-journal.de/archives/2521</link>
		<comments>http://www.rkm-journal.de/archives/2521#comments</comments>
		<pubDate>Fri, 14 May 2010 11:48:49 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Redaktion</dc:creator>
				<category><![CDATA[Einzelrezension]]></category>
		<category><![CDATA[Boas]]></category>
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		<description><![CDATA[<em>Rezensiert von Anna Osterhus</em>

<a href="http://www.rkm-journal.de/archives/2521"><img class="alignleft size-full wp-image-2521" title="Danesi&#38;Rocci" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2010/03/DanesiRocci2.jpg" alt="" width="160" height="236" /></a>"Global Village", "Global Language", "Global Koiné","Global Linguistics" – Der kürzlich bei Mouton de Gruyter in der Reihe "Approaches to Applied Semiotics" erschienene Band geizt nicht mit weitreichenden Begriffen. So beginnt auch der im Vorwort als Einführungslektüre vor allem für Studierende und den universitären Basisunterricht vorgestellte Band mit keinem geringeren Thema als der Entstehung und Entwicklung des <em>homo sapiens</em>. Kommunikation und Sprache werden beinahe überdeutlich als wesentliche Entwicklungsmerkmale des Menschen "as a species dependent on culture (and not just nature)" eingeführt und sogleich mit der für das Buch zentralen Vorstellung eines durch Massentechnologien ermöglichten <em>Global Village</em> – sprachlich geprägt durch die <em>Global Koiné</em> Englisch – verbunden. Die Etablierung des neuen Forschungsbereichs <em>Global Linguistics</em> als das erklärte Ziel der Autoren droht vor allem anfänglich zu einem Mammutprojekt anzuwachsen, dem ein knapp 270 Seiten umfassender Band nicht gerecht zu werden scheint. <a href="http://www.rkm-journal.de/archives/2521">[Mehr]</a>


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			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Rezensiert von Anna Osterhus</em></p>
<p><a href="http://www.rkm-journal.de/archives/2521"><img class="alignleft size-full wp-image-2521" title="Danesi&amp;Rocci" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2010/03/DanesiRocci2.jpg" alt="" width="160" height="236" /></a>&#8220;Global Village&#8221;, &#8220;Global Language&#8221;, &#8220;Global Koiné&#8221;,&#8221;Global Linguistics&#8221; – Der kürzlich bei Mouton de Gruyter in der Reihe &#8220;Approaches to Applied Semiotics&#8221; erschienene Band geizt nicht mit weitreichenden Begriffen. So beginnt auch der im Vorwort als Einführungslektüre vor allem für Studierende und den universitären Basisunterricht vorgestellte Band mit keinem geringeren Thema als der Entstehung und Entwicklung des <em>homo sapiens</em> (1). Kommunikation und Sprache werden beinahe überdeutlich als wesentliche Entwicklungsmerkmale des Menschen &#8220;as a species dependent on culture (and not just nature)&#8221; (ebd.) eingeführt und sogleich mit der für das Buch zentralen Vorstellung eines durch Massentechnologien ermöglichten <em>Global Village</em> – sprachlich geprägt durch die <em>Global Koiné</em> Englisch – verbunden. Die Etablierung des neuen Forschungsbereichs <em>Global Linguistics</em> als das erklärte Ziel der Autoren droht vor allem anfänglich zu einem Mammutprojekt anzuwachsen, dem ein knapp 270 Seiten umfassender Band nicht gerecht zu werden scheint.</p>
<p>Dieser erste Eindruck wird jedoch mit weitergehender Lektüre relativiert. In präziser Strukturierung bearbeiten die Autoren die anfangs aufgetürmten Begriffsbereiche, wobei sie – einem Lehrbuch durchaus gemäß – die Kapitel jeweils in eine allgemeine Einführung sowie in darauf folgende Unterpunkte gliedern. Der neu zu etablierende Forschungsbereich <em>Global Linguistics</em> wird dabei unter dem Hauptbezugs- und Interessensschwerpunkt der interkulturellen Kommunikation in eine pragmatische und eine logisch-semantische Dimension differenziert (8), die sich wiederum in verschiedene linguistische Analysebereiche aufgliedert. Zentral ist für die Autoren die Analyse von Interferenzschemata, deren Phänomene interkulturelle Kommunikationssituationen wesentlich prägen (41).</p>
<p>Theoretische Grundverankerung findet der gesamte Band vor allem in den Studien Benjamin L. Whorfs und Edward Sapirs zum Sprachrelativismus sowie in Hans Boas&#8217; Studien zur Relativität der Kulturen, vor deren Hintergrund die anderen Ansätze diskutiert werden. Als Analyseobjekte wählen die Autoren Situationen des Sprachgebrauchs zwischen Sprechern verschiedener Sprachen im internationalen Kontakt, die sich der so genannten <em>Global Koiné</em> (hauptsächlich Englisch) bedienen. Dabei gehen sie mit Bezug auf Wittgenstein (&#8220;Die Welt ist alles, was der Fall ist&#8221;, Wittgenstein 1963: 9) von der Existenz eines so genannten <em>Common</em> <em>Ground</em> (vgl. Stalnacker 1973/2001 u. a.) sowohl in kommunikativer als auch in kultureller Hinsicht aus (Kapitel 2 und 3).</p>
<p>Kapitel 2 (&#8220;Speech&#8221;) befasst sich hauptsächlich unter semantischen Gesichtspunkten mit der Frage nach der Funktionsweise von Dialogen und den so genannten kognitiven Grundstrukturen wie beispielsweise &#8220;knowledge of grammar, of discourse strategies [...], of word meanings and connotation [...], [...] cultural shaped metaphors&#8221; (124) usw. Unter den Gesichtspunkten &#8220;Human communication&#8221;, &#8220;Action and its representation in language&#8221;, &#8220;Interaction and verbal communication&#8221; in Kapitel 3 (&#8220;Communication&#8221;) wird dann der pragmatische Aspekt unter Einbeziehung verschiedener kommunikationswissenschaftlicher Interaktionstheorien weiter beleuchtet.</p>
<p>Kapitel 4 (&#8220;Culture&#8221;) und Kapitel 5 (&#8220;Argumentation&#8221;) skizzieren mit starkem Bezug auf die vorhergehenden Kapitel sowohl Kulturkonzepte als auch Argumentationsschemata, die in der interkulturellen Kommunikation eine wesentliche Rolle spielen. Das Abschlusskapitel &#8220;Global Linguistics&#8221; schließt dann überzeugend die Erläuterungen ab, wobei noch einmal eingehend die zentralen Konzepte Boas&#8217;, Whorfs und Sapirs im Zusammenhang erläutert werden. Nicht zuletzt wird hier auch noch einmal der Fokus auf die Rolle des Forschungsbereichs gelegt: <em>Global Linguistics</em> &#8220;shows that diversity is the norm, but that diversity only reflects differentiated attempts to solve similar problems across the world.&#8221; (249)</p>
<p>Trotz der anfänglich aufscheinenden Startschwierigkeiten ist es den Autoren gelungen, ihr Ziel – nämlich den Anstoß zur Etablierung eines Forschungsbereichs <em>Global Linguistics </em>– mehr als zu erreichen. Die Autoren beschreiben nicht nur grundlegende Phänomene im Bereich der interkulturellen Kommunikation, sondern bieten eine gute Einführung in wichtige linguistische Theorien, die sowohl für Linguisten als auch für Kommunikationswissenschaftler eine wesentliche Grundlage ihres Studiums darstellen sollten. Dabei eignet sich der Band insbesondere durch die gute Strukturierung der Kapitel nicht nur hervorragend für den universitären Unterricht, sondern auch für das Selbststudium.</p>
<p><em>Literatur</em>:</p>
<ul>
<li>Stalnaker, R.: &#8220;Presuppositions.&#8221; In: <em>Journal of Philosophical Logic</em>, 2 (1973), S. 447-457.</li>
<li>Stalnaker, R.: &#8220;Common Ground.&#8221; In: <em>Linguistic and Philosophy</em>, 25 (2001), S. 701-721.</li>
<li>Wittgenstein, L.: <em>Tractatus logico-philosophicus</em>. Frankfurt am Main [Suhrkamp Verlag] 1963.</li>
</ul>
<p><em>Links</em>:</p>
<ul>
<li><a href="http://www.degruyter.de/cont/fb/sk/detail.cfm?id=IS-9783110214055-1" target="_blank">Verlagsinformationen zum Buch</a></li>
<li><a href="http://www.utoronto.ca/semiotics/html/danesi.html" target="_blank">Webpräsenz von Marcel Danesi an der Universität Toronto</a></li>
<li><a href="http://www.usi.ch/en/personal-info.htm?id=341" target="_blank">Webpräsenz von Andrea Rozzi an der Universität Lugano</a></li>
</ul>


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		</item>
		<item>
		<title>Carina Jasmin Englert; Michael Roslon: Design (be)deutet die Welt</title>
		<link>http://www.rkm-journal.de/archives/2883</link>
		<comments>http://www.rkm-journal.de/archives/2883#comments</comments>
		<pubDate>Wed, 12 May 2010 09:00:01 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Redaktion</dc:creator>
				<category><![CDATA[Einzelrezension]]></category>
		<category><![CDATA[Desgin]]></category>
		<category><![CDATA[Design-Studierende]]></category>
		<category><![CDATA[Designtheorie]]></category>
		<category><![CDATA[Kommunikation]]></category>
		<category><![CDATA[Kommunikationstheorie]]></category>
		<category><![CDATA[Kommunikationswissenschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Lehrbuch]]></category>

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		<description><![CDATA[<em>Rezensiert von Michael Erlhoff</em>

<a href="http://www.rkm-journal.de/archives/2883"><img class="alignleft size-full wp-image-2886" title="Englert&#38;roslon2010" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2010/05/Englertroslon20101.jpeg" alt="" width="160" height="252" /></a>An und für sich basiert dieses Buch auf einigen ganz klugen Gedanken: Es versteht sich als 'Lehrbuch', und das macht Sinn im Design, wo es noch nicht so viele solcher Bücher gibt. Gleichwohl wäre im Vorwort zumindest der Hinweis darauf wichtig gewesen, die grundsätzliche Dimension solcher Lehrbücher zu erläutern, dass es nämlich auch für Studierende keineswegs ausreicht, nur diese zu lesen. Sodann ist klug an diesem Buch, dass es die wichtigen theoretischen Diskurse der Kommunikationswissenschaft und deren Nutzen für das Design aufzeigen möchte, und dass hier ein breiter Begriff von Kommunikation zu Grunde gelegt ist, der eben auch Objekte und soziale Prozesse und dergleichen einbezieht. <a href="http://www.rkm-journal.de/archives/2883">[Mehr]</a>


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<li><a href='http://www.rkm-journal.de/archives/3443' rel='bookmark' title='Permanent Link: Hartwig Kalverkämper; Larisa Schippel (Hrsg.): Translation zwischen Text und Welt'>Hartwig Kalverkämper; Larisa Schippel (Hrsg.): Translation zwischen Text und Welt</a></li>
<li><a href='http://www.rkm-journal.de/archives/3126' rel='bookmark' title='Permanent Link: Oliver Fahle; Michael Hanke; Andreas Ziemann (Hrsg.): Technobilder und Kommunikologie'>Oliver Fahle; Michael Hanke; Andreas Ziemann (Hrsg.): Technobilder und Kommunikologie</a></li>
</ol>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Rezensiert von Michael Erlhoff</em></p>
<p><a href="http://www.rkm-journal.de/archives/2883"><img class="alignleft size-full wp-image-2886" title="Englert&amp;roslon2010" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2010/05/Englertroslon20101.jpeg" alt="" width="160" height="252" /></a>An und für sich basiert dieses Buch auf einigen ganz klugen Gedanken: Es versteht sich als &#8216;Lehrbuch&#8217;, und das macht Sinn im Design, wo es noch nicht so viele solcher Bücher gibt. Gleichwohl wäre im Vorwort zumindest der Hinweis darauf wichtig gewesen, die grundsätzliche Dimension solcher Lehrbücher zu erläutern, dass es nämlich auch für Studierende keineswegs ausreicht, nur diese zu lesen. Sodann ist klug an diesem Buch, dass es die wichtigen theoretischen Diskurse der Kommunikationswissenschaft und deren Nutzen für das Design aufzeigen möchte, und dass hier ein breiter Begriff von Kommunikation zu Grunde gelegt ist, der eben auch Objekte und soziale Prozesse und dergleichen einbezieht.</p>
<p>Drittens ist an sich eben jene Absicht lobenswert, als allgemein gefestigt verhandelte Theorien jeweils darzustellen und dabei deren Gehalt für die Diskussion im Design zu überprüfen. Das tun die Autorin und der Autor hier, und sie erläutern das etwa im Rahmen von Denkweisen von Arnold Gehlen, Umberto Eco, Charles S. Peirce, George Herbert Mead und einigen anderen: Die werden jeweils auf 2 bis 4 Seiten vorgestellt, dann folgt eine &#8216;Anmerkung&#8217; mit gelegentlich (und jeweils sehr kurz formulierten) Einwendungen und schließlich ein &#8216;Kommentar&#8217; mit (allemal etwas oberflächlichen) Hinweisen darauf, was Design-Studierende der jeweiligen Theorie abringen könnten. Zugegeben, diese Form wird in ihrer strikten ständigen Wiederholung mit der Zeit etwas langweilig, aber das wäre nicht so tragisch.</p>
<p>Nun kommen aber schon die großen Probleme dieses Buchs: Wenn man – und das ist gewiss unausweichlich – eine Auswahl vorstellt, dann muss man diese Auswahl begründen, sonst wird sie beliebig. Als Grund geben die Autorin und der Autor allerdings lediglich an: &#8220;unser Verständnis von Kommunikationswissenschaft&#8221; – was jedoch ausdrücklich ebenso wenig erklärt wird wie die Auswahl selber und die dafür denkbaren Kriterien. De facto wird noch nicht einmal explizit darauf hingewiesen, dass dies bloß eine willkürliche Auswahl ist – und das ist katastrophal. So fragt man sich, warum zum Beispiel Immanuel Kant oder der &#8220;Wiener Kreis&#8221; mitsamt Wittgenstein oder die Psychoanalyse, Walter Benjamin, die Kritische Theorie und so vieles andere in diesem Buch nicht erwähnt sind. So, wie es hier stattfindet, ist das nur ideologisch.</p>
<p>Noch schlimmer fast ist die zumindest in den wichtigen Kontexten mangelnde Kritikfähigkeit. Am heftigsten und gleich am Anfang erweist sich dies im Zusammenhang mit Arnold Gehlen: Kein Wort steht in diesem Buch über dessen tiefe Verstrickung im Nationalsozialismus, die selbstverständlich nicht allein seine Person und seine akademische Karriere, sondern ebenso und unausweichlich seine Theorie betrifft. So, wie er und seine Theorien hier vorgestellt werden, verdummt man die Leserinnen und Leser – sicherlich nicht bösartig, sondern und umso trostloser aus Mangel an Kritik.</p>
<p>An anderen Stellen des Buchs oder auch insgesamt hätte man sich einen etwas entspannteren Umgang oder weniger beflissene Befangenheit gewünscht. Beispielsweise hätte man so sinnvoll Peirce mit Sherlock Holmes vergleichen oder sich doch auch an Roland Barthes schreibend ein wenig orientieren können. So, wie es geschrieben ist, wirkt alles nur recht emsig und eher wie eine studentische Arbeit.</p>
<p>Dies wird verstärkt durch so dubiose Formulierungen wie &#8220;unsere Studierenden&#8221;, als seien die der Besitz von Autorin und Autor. Auch der Verwaltungsakt beider, in einer Anmerkung zu erklären, dass nunmehr immer, wenn irgendwo die männliche Form stehe, auch die weibliche Form gelte (genauso fand man dies vor Jahren noch in allen offiziellen Papieren und Urkunden der Landesregierung Nordrhein-Westfalen), beflügelt die Lektüre dieses Buches keineswegs.</p>
<p>Dementsprechend findet sich an keiner Stelle in dieser Schrift die Reflektion des grundlegenden Problems von Kommunikation, nämlich a priori ausgrenzend zu sein und eben nicht integrativ. Wozu womöglich ebenso das Problem gehört, dass offenbar ausgerechnet jene, die über Kommunikation schreiben und in der Kommunikation professionell tätig sind, am wenigsten fähig sind zum offenen Diskurs. Schade drum und um diese Publikation.</p>
<p><em>Links:</em></p>
<ul>
<li><a href="https://www.uni-due.de/kowi/CEnglert.shtml" target="_blank">Webpräsenz von Carina Jasmin Englert an der Universität Duisburg-Essen</a></li>
<li><a href="http://www.uni-due.de/kowi/MRoslon.shtml" target="_blank">Webpräsenz von Michael Roslon an der Universität Duisburg-Essen</a></li>
<li><a href="http://kisd.de/erlhoff.html" target="_blank">Webpräsenz von Michael Erlhoff an der Köln International School of Design</a></li>
</ul>


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</ol></p>]]></content:encoded>
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		<item>
		<title>Werner Faulstich (Hrsg.): Das Alltagsmedium Blatt</title>
		<link>http://www.rkm-journal.de/archives/739</link>
		<comments>http://www.rkm-journal.de/archives/739#comments</comments>
		<pubDate>Mon, 03 May 2010 21:34:06 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Redaktion</dc:creator>
				<category><![CDATA[Einzelrezension]]></category>
		<category><![CDATA[angewandte Medienforschung]]></category>
		<category><![CDATA[Blatt]]></category>
		<category><![CDATA[Kommunikation]]></category>
		<category><![CDATA[Medienwissenschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Medium]]></category>
		<category><![CDATA[Pilotstudie]]></category>

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		<description><![CDATA[<em>Rezensiert von Rea Köppel</em>

<em><span style="font-style: normal;"><a href="http://www.rkm-journal.de/archives/739"><img class="alignleft size-full wp-image-2853" title="Faulstich2008" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2009/07/Faulstich2008.jpg" alt="" width="160" height="237" /></a>"Das Medium Blatt ist das mit Abstand am meisten vernachlässigte Kommunikations-medium unserer Zeit", beginnt Werner Faulstich seine Einleitung zum Band <em>Das Alltagsmedium Blatt</em>. Da zwar in vielen Fachrichtungen Einzelstudien zu Blättern im Plural vorliegen, das Blatt im Allgemeinen und Besonderen aber bisher kaum untersucht wurde, leuchtet das von Faulstich angesprochene Forschungs- desiderat unmittelbar ein. Umso mehr machen der Buchtitel und der erste, einleitende Satz neugierig; sie wecken die Erwartung, zu erfahren, was genau hier unter den Begriffen 'Blatt', 'Kommunikation' und 'Medium' zu verstehen sei.</span></em> <a href="http://www.rkm-journal.de/archives/739">[Mehr]</a>


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			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Rezensiert von Rea Köppel</em></p>
<p><a href="http://www.rkm-journal.de/archives/739"><img class="alignleft size-full wp-image-2853" title="Faulstich2008" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2009/07/Faulstich2008.jpg" alt="" width="160" height="237" /></a>&#8220;Das Medium Blatt ist das mit Abstand am meisten vernachlässigte Kommunikations-medium unserer Zeit&#8221;, beginnt Werner Faulstich seine Einleitung zum Band <em>Das Alltagsmedium Blatt</em> (7). Da zwar in vielen Fachrichtungen Einzelstudien zu Blättern im Plural vorliegen, das Blatt im Allgemeinen und Besonderen aber bisher kaum untersucht wurde, leuchtet das von Faulstich angesprochene Forschungs- desiderat unmittelbar ein. Umso mehr machen der Buchtitel und der erste, einleitende Satz neugierig; sie wecken die Erwartung, zu erfahren, was genau hier unter den Begriffen &#8216;Blatt&#8217;, &#8216;Kommunikation&#8217; und &#8216;Medium&#8217; zu verstehen sei.</p>
<p>Eine Definition dessen, was im Alltag selbstverständlich als &#8216;Blatt&#8217; gilt, ist tatsächlich ein schwieriges Unterfangen. Man fühlt sich jedoch keineswegs wohler bei der Sache, wenn man Faulstichs Argumentation folgt, die methodisch ziemlich fragwürdig ist. So wird ohne genauere Begründung postuliert, bei der Recherche ließen sich &#8220;etwa 40 verschiedene Arten und Formen des Mediums Blatt unterscheiden&#8221; (8), die zwar teils deckungsgleich oder überlappend seien, aber dennoch in einer Liste (der ersten von vielen in diesem Buch) aufgeführt werden. Dass Bezeichnungen wie &#8220;Abziehbild&#8221;, &#8220;Bierdeckel&#8221;, &#8220;Folie&#8221;, &#8220;Kontoauszug&#8221;, &#8220;Papier&#8221;, &#8220;Preisschild&#8221;, &#8220;Schriftstück&#8221; und &#8220;Spottblatt&#8221; (9) dabei keineswegs auf derselben Ebene angesiedelt sind, wird nicht näher thematisiert. Faulstichs Medienbegriff ist (trotz der Vermischung verschiedener Kategorien) eigentlich ein funktionaler: er unterscheidet nach Informationsfunktion, Belegfunktion, Spiel- und Unterhaltungsfunktion, Bezahlfunktion, Speicherfunktion und Werbefunktion des Blattes. Ob dieses überhaupt ein Medium sei, bejaht Faulstich im Rückgriff auf seine eigene Erweiterung von Saxers Mediendefinition sehr kursorisch (vgl. Faulstich 2004); zusätzlich führt er die Kategorie der <em>Alltagsmedien</em> ein, deren Benutzung – wie es heißt – selbstverständlich geworden sei, sodass Medienhandeln nicht mehr als solches bewusst werde (22).</p>
<p>So bleiben bereits nach der Lektüre der Einleitung viele Fragen offen. Etwa die, woher der Autor weiß, dass es sich bei der von ihm gesammelten Fülle heterogener, funktionell und operativ-alltagssprachlich bestimmter Bezeichnungen um eine zwar erstaunlich große, &#8220;numerisch aber endliche&#8221; (8) Zahl handle. Ob diese Listen und Aufzählungen – auch vorausgesetzt, sie ließen sich nicht historisch und hierarchisch unendlich weiter differenzieren – als methodische Grundlage taugen, bleibt fraglich; die der Einleitung folgenden 15 Texte verlassen sich jedoch voll und ganz auf diese Basis.</p>
<p>In dem Band wird &#8220;eine Reihe von Pilotstudien vorgestellt, die in den letzten beiden Jahren am <a href="http://www.leuphana.de/institute/ifam.html" target="_blank">IfAM-Institut für Angewandte Medienforschung</a> der <a href="http://www.leuphana.de/" target="_blank">Universität Lüneburg</a> angefertigt wurden&#8221; (23). Über die einzelnen Autorinnen und Autoren ist leider nirgends mehr zu erfahren. Aller Wahrscheinlichkeit nach bezieht sich diese verklausulierte Beschreibung jedoch auf studentische Arbeiten. Es fällt schwer, die mit spürbarem Eifer erstellten &#8220;Pilotstudien&#8221;, die in zwei Themenkomplexe (&#8220;Versionen des Blatts im Alltag&#8221; und &#8220;Bedeutungen und Funktionen des Blatts in kommunikativen Binnenräumen&#8221;) unterteilt sind, angemessen zu würdigen und weiterführend zu besprechen. Ihre empirische Basis ist stets so schmal, die daraus gezogenen Schlüsse sind so wenig gesichert, dass sich viele der Texte unglücklicherweise an der Grenze zur Wissenschaftsparodie bewegen.</p>
<p>Einige Beispiele: Medizinische Beipackzettel werden anhand von 54 zufällig gesammelten Exemplaren aus dem eigenen sowie aus bekannten Haushalten untersucht – daraus entstehen dann volle zehn Tabellen, die Papierqualität, Schriftgröße oder Fachwörteranteil zählen und messen. Der Umgang von 9 Personen mit Kochrezepten oder von 94 Supermarktbesuchern mit ihrem Einkaufszettel wird durch eine Befragung analysiert, und die Speisekarten von 20 Hamburger Gastronomiebetrieben geben Anlass für spekulative Argumentationsketten. Die persönliche Beteiligung der Autorinnen und Autoren wird in diesen Zusammenhängen überdeutlich, wenn etwa bei der Untersuchung des &#8220;Kommunikationsraums Schule&#8221; während einer Hospitation Interviewaussagen der Lehrerinnen und Lehrer zu ihrem Umgang mit Notizzetteln gesammelt werden oder das Blatt im studentischen Alltag untersucht wird. Methodisch akzeptabler, wenn auch nicht inspirierender, sind die historischen Abrisse, die auf wenigen Seiten vorhandene Literatur zu Spielkarten, Visitenkarten oder Flugblättern bündeln und auf eigene Datenerhebung verzichten.</p>
<p>Fazit: Man fragt sich, wer aus diesem Buch einen Nutzen ziehen soll. Hat die angewandte Medienforschung wirklich ein Interesse daran, den mit dem Lineal millimetergenau ermittelten Platz, den &#8220;negative Angaben&#8221; wie Wechselwirkungen etc. auf den untersuchten 54 Beipackzetteln einnehmen, in einer großen Tabelle aufgeführt zu sehen? Aus einem Säulendiagramm zu erschließen, ob mehr Männer oder Frauen bei einer Umfrage unter einigen Restaurantgästen (eine Gesamtzahl der Befragten fehlt) in ihren Speisekarten eine &#8220;Unterhaltung im Sinne von Kunstobjekt&#8221; sahen? Zu wissen, dass an einem nicht näher benannten Kulturinstitut an Montagen durchschnittlich 385,2 Blätter verwendet wurden, an Mittwochen hingegen nur 50,33? Die Unschärfe der Kategorien und die empirisch irrelevanten Zufallserhebungen kontrastieren – nicht ohne unfreiwillige Komik – mit der Scheinevidenz all der kleinen, sorgfältig ausgearbeiteten Tabellen und Diagramme. Es ist den emsig bemühten (zukünftigen?) Medienforschern zu wünschen, dass sie im Verlauf ihres beruflichen Werdegangs die Möglichkeit erhalten, die hier geübten Verfahren wenigstens an relevanteren Datenmengen zu erproben und dabei auch offene Fragestellungen zu entwickeln, statt nur Vorgaben zu bestätigen.</p>
<p>Das historisch aufgezogene Schlusswort Werner Faulstichs spricht einige wichtige Punkte an (die Mobilität und Speicherfunktion des Blatts, seine Übersichtlichkeit, Formenvielfalt und gesellschaftliche Ubiquität), versucht diese jedoch in einem Parforceritt durch alle historischen Epochen seit den Anfängen der Menschheit zu begründen. Ungleichzeitigkeiten und Brüche in der Schrift- und Mediengeschichte werden unterschlagen, stattdessen entsteht das Bild einer doppelten Einbahnstraße von den Sumerern bis ins Computerzeitalter: die Nutzer beherrschen dabei einseitig die Medien und werden nicht von ihnen geprägt, gelenkt oder angeregt; und die Entwicklung verläuft kontinuierlich hin zu immer mehr Medienkompetenz und medialer Ausdifferenzierung. Ein Ansatz, der die komplexen Verflechtungen von Menschen in medialen Kontexten fokussiert und statt auf Eindeutigkeit eher auf genaue Analyse solcher Komplexität zielt, wäre hier vorzuziehen gewesen.</p>
<p>Faulstichs Fazit verstärkt den Eindruck, dass das gesamte Buch als ein Zirkel funktioniert. Wenn er in der Einführung von einer langen Liste von Formen des Blatts ausgeht, so ist es wenig erstaunlich, dass im Fazit dessen Formenvielfalt eines der Ergebnisse ist. Wenn er von einer ausdifferenzierten funktionalen Definition des Blattes ausgeht, liegt die Multifunktionalität als ein weiteres Ergebnis nahe. Wenn er &#8220;andere Medien&#8221; wie den Brief, das Plakat, die Broschüre ausschließt, so sind Kleinräumigkeit und individuelle Verfügbarkeit – auch diese werden als Ergebnisse des Bandes präsentiert – kaum mehr erstaunlich. Und wenn er erstens Medien (an Saxer angelehnt) als organisierte Kommunikationskanäle versteht, über die autonome Subjekte in einem sozialen Raum frei verfügen, und das Blatt zweitens als ein Medium definiert, so versteht sich die &#8220;universelle[…] Medienkompetenz seiner Nutzer&#8221; (207) wohl von selbst und ist kaum ein durchschlagender Forschungserfolg.</p>
<p>Die Frage, was genau ein Blatt ist, bleibt folglich unbeantwortet. Ein Verdienst des Buches ist jedenfalls, das Blatt umso deutlicher als Forschungsdesiderat wie als Faszinosum zu zeigen. Die schiere Vielfalt von Blättern (die Faulstich auch deutlich herausstellt), ihre Materialität, ihre grundlegende Zweiseitigkeit, die verhindert, dass <em>recto</em> und <em>verso</em> zugleich in den Blick genommen werden können, ihre Begrenztheit, die (in den meisten Fällen) einen blitzartigen Überblick über die Fläche ebenso wie ein langes Starren im Sinne einer wilden Semiose (Assmann 1988) ermöglichen: all dies sind mögliche Zutaten zu dem, was ein Blatt ausmacht, jedoch keine hinreichenden &#8211; ebenso wenig wie die Erwartungen an einen interessanten Buchtitel und die (Schein)Evidenzen der Tabellen hinreichend sind für ein erhellendes Leseerlebnis. Schade darum.</p>
<p><em>Literatur</em>:</p>
<ul>
<li>Assmann, A.: &#8220;Die Sprache der Dinge. Der lange Blick und die wilde Semiose.&#8221; In: Gumbrecht, H. U.; Pfeiffer, K. L. (Hrsg.): <em>Materialität der Kommunikation.</em> Frankfurt am Main [Suhrkamp Verlag] 1988, S. 237-251.</li>
<li>Faulstich, W: <em>Medienwissenschaft</em>. Paderborn [Wilhelm Fink Verlag] 2004.</li>
</ul>
<p><em>Links</em>:</p>
<ul>
<li><a href="http://www.fink.de/katalog/titel/978-3-7705-4648-0.html" target="_blank">Verlagsinformationen zum Buch</a></li>
<li><a href="http://www.leuphana.de/werner-faulstich.html" target="_blank">Webpräsenz von Werner Faulstich an der Leuphana Universität Lüneburg</a></li>
<li><a href="http://www.geisteswissenschaften.fu-berlin.de/v/schriftbildlichkeit/mitglieder/doktoranden/koeppel.html" target="_blank">Webpräsenz von Rea Köppel an der Freien Universität Berlin</a></li>
</ul>


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		</item>
		<item>
		<title>Marco Iacoboni: Woher wir wissen, was andere denken und fühlen</title>
		<link>http://www.rkm-journal.de/archives/1649</link>
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		<pubDate>Mon, 15 Mar 2010 08:47:04 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Redaktion</dc:creator>
				<category><![CDATA[Einzelrezension]]></category>
		<category><![CDATA[Biologie]]></category>
		<category><![CDATA[Empathie]]></category>
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		<category><![CDATA[Intersubjektivität]]></category>
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		<category><![CDATA[Spiegelneurone]]></category>
		<category><![CDATA[Verstehen]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.rkm-journal.de/?p=1649</guid>
		<description><![CDATA[<em>Rezensiert von Nadia Zaboura</em>

<a href="http://www.rkm-journal.de/archives/1649"><img class="alignleft size-full wp-image-2469" title="iacoboni2009" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2009/11/iacoboni2009.jpg" alt="" width="160" height="255" /></a>Eine der letzten ungestürmten Bastionen der <em>conditio humana</em> ist der Andere: Was in unseren Freunden oder Feinden – also außerhalb unserer eigenen Gedanken- und Gefühlswelt – passiert, kann nur angenommen und mal mehr, mal weniger treffsicher antizipiert werden. Trotzdem sind unsere Annahmen über das Innenleben des Gegenübers nicht rein spekulativ: Mit oft erstaunlicher Präzision erkennen wir intuitiv und unmittelbar, aus welchen Motiven heraus der Andere handelt und welche Aktion er als nächstes ausführen wird. Zur Deutung dieser Präzision wurden in den 1990er Jahren mit der Entdeckung besonderer Nervenzellen – der so genannten Spiegelneurone – erstmals auch biologische Mechanismen herangezogen. Seitdem bringen diese speziellen Nervenzellen eine neue Dynamik in die Diskussion um zwischenmenschliche Einfühlung, Perspektivübernahme und Handlungsantizipation. Und damit befeuern sie zeitgleich die Debatte, ob und wie mentale Phänomene auf biologische Gehirnvorgänge rückführbar oder sogar: reduzierbar sind. <a href="http://www.rkm-journal.de/archives/1649">[Mehr]</a>


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</ol>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Rezensiert von Nadia Zaboura</em></p>
<p><a href="http://www.rkm-journal.de/archives/1649"><img class="alignleft size-full wp-image-2469" title="iacoboni2009" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2009/11/iacoboni2009.jpg" alt="" width="160" height="255" /></a>Eine der letzten ungestürmten Bastionen der <em>conditio humana</em> ist der Andere: Was in unseren Freunden oder Feinden – also außerhalb unserer eigenen Gedanken- und Gefühlswelt – passiert, kann nur angenommen und mal mehr, mal weniger treffsicher antizipiert werden. Trotzdem sind unsere Annahmen über das Innenleben des Gegenübers nicht rein spekulativ: Mit oft erstaunlicher Präzision erkennen wir intuitiv und unmittelbar, aus welchen Motiven heraus der Andere handelt und welche Aktion er als nächstes ausführen wird. Zur Deutung dieser Präzision wurden in den 1990er Jahren mit der Entdeckung besonderer Nervenzellen – der so genannten Spiegelneurone – erstmals auch biologische Mechanismen herangezogen. Seitdem bringen diese speziellen Nervenzellen eine neue Dynamik in die Diskussion um zwischenmenschliche Einfühlung, Perspektivübernahme und Handlungsantizipation. Und damit befeuern sie zeitgleich die Debatte, ob und wie mentale Phänomene auf biologische Gehirnvorgänge rückführbar oder sogar: reduzierbar sind.</p>
<p>Früh in der neuen Publikation <em>Woher wir wissen, was andere denken und fühlen. Die neue Wissenschaft der Spiegelneurone</em> des Neurowissenschaftlers Marco Iacoboni wird diese dualistische Betrachtungsweise menschlicher Eigenschaften offenbar: Bereits der Klappentext des Buchs macht deutlich, dass Iacoboni mentale Prozesse durch naturwissenschaftliche Studien erklären will. Schließlich, so heißt es, &#8220;scheint es [nun] möglich, solche und andere ganz selbstverständliche menschliche Fähigkeiten biologisch zu erklären&#8221;. Mit diesem Credo zielt der Autor darauf ab, die gängige Theorie der Mentalisierung, also des bewussten Einfühlens in ein Gegenüber, durch eine rein neuronale Betrachtungsweise zu ersetzen.</p>
<p>Nach den ersten Kapiteln – einer sprachlich bilderreichen Schilderung und Zusammenfassung der vergangenen wie gegenwärtigen Forschung sowie themennahen Exkursen (Imitationslernen, Sprachentstehung, Selbsterkenntnis, Empathie) – bettet der Autor die spiegelneuronale Aktivität in größere Zusammenhänge ein und widmet sich Themen wie Neuromarketing, Neuropolitik, medial vermittelter Gewalt und dem freien Willen.</p>
<p>Die Komplexität der insbesondere letztgenannten Themen führt zu einer teils knappen, flachen Darstellung, die vor allem aus neuroreduktionistischer Sichtweise argumentiert. Exemplarisch degradiert Iacoboni den vernunftbegabten Mensch zum Opfer seiner Spiegelneurone, die &#8220;automatisch imitatorische Reaktionen hervor[rufen], deren wir uns großenteils nicht bewusst sind, und die unsere Autonomie mittels machtvoller Einflüsse auf unser Sozialverhalten beträchtlich einschränken&#8221; (220).</p>
<p>Zur Verdeutlichung dieser Annahme führt Iacoboni beispielsweise Gewaltdarstellungen in den Medien an. Diese verleiteten Menschen unbewusst zu der Überzeugung, dass Gewalt ein probates Mittel zur Lösung sozialer Probleme sei (222). Eine Beweisführung dieser Hypothese sowie einen einzigen Verweis auf den sozialen Kontext, in dem Gewalt sich unterschiedlich entwickeln kann, bleibt Iacoboni dabei – wie auch in den weiteren komplexen Themenfeldern – schuldig.</p>
<p>Auch sind Menschen als Konsumenten nicht die steuerbaren Marionetten, als die sie der Autor im neunten Kapitel gerne sähe. Denn: Verrät Neuromarketing tatsächlich, &#8220;was Menschen wirklich mögen&#8221; (234)? Vermögen bildgebende Verfahren die Komplexität von Kaufentscheidungen abzubilden? Oder liefern sie nicht eher grundlegende Hinweise, die in eine Marketing-Gesamtstrategie mit diversen weiteren Komponenten – wie Marktsegmentierung, Zielgruppe, Kommunikationsmaßnahmen etc. – eingebettet werden müssen?</p>
<p>Auffällig ist, wie explizit Iacoboni dem &#8220;Vater&#8221; der Spiegelneurone, Giacomo Rizzolatti<sup class='footnote'><a href='#fn-1649-1' id='fnref-1649-1'>1</a></sup>, für dessen Disziplinen übergreifendes Interesse Kredit zollt. Dabei versäumt Iacoboni selbst die Chance, sein Buch über die genannte Themenvielfalt hinaus auch in der wissenschaftlichen Herangehensweise grundlegend interdisziplinär auszurichten. Das gilt im Besonderen für die Kapitel 8 bis 10, die sich neben den bereits beschriebenen sozialen Phänomenen auch mit gesellschaftlich Institutionalisiertem (wie Sport und Politik) beschäftigen. Hier hätte dem Buch wie auch dem Leser eine Disziplinen übergreifende, holistischere Analyse gut getan, die neben der reinen Biologie auch die soziale Einbettung und den symbolischen Sprachgebrauch des Menschen thematisiert.</p>
<p>Zusätzlich verdeutlicht die Sprache Iacobonis einmal mehr, dass sich nicht alle geisteswissenschaftlichen und psychologischen Termini passgenau auf biologische Vorgänge übertragen lassen. Beispielsweise kann der Mensch seine Spiegelneurone nicht selbst aktiv steuern und feuern lassen, wie Iacoboni immer wieder formuliert. Schließlich handelt es sich – wie vom Autor selbst betont – um instantane, sub-bewusste und unvermittelte Prozesse. So birgt das Buch einige sprachliche Unschärfen, die die Tendenz aufweisen, Spiegelneurone zu anthropomorphisieren – so zum Beispiel in folgender Frage Iacobonis: &#8220;[…] wie sagen Spiegelneurone die Handlung, die der beobachteten folgen wird, denn nun eigentlich voraus?&#8221; (87).</p>
<p>Dank des leicht verständlichen, erzählenden Sprachgestus ist anzunehmen, dass Iacobonis Publikation neben Joachim Bauers <em>Warum ich fühle, was Du fühlst: Intuitive Kommunikation und das Geheimnis der Spiegelneurone</em> gerade im populärwissenschaftlichen Segment einen Absatzerfolg erzielen wird. Der praktische Nutzwert für die Wissenschaftsgemeinde liegt vor allem in der breiten Sammlung und eingängigen Beschreibung der relevanten Forschungsergebnisse rund um Spiegelneurone. Gleiches gilt für Iacobonis Blick über den neurowissenschaftlichen Tellerrand hin zu komplexeren Zusammenhängen. Schließlich lebt die Spiegelneuronen-Forschung vom diskursiven Brückenschlag zwischen den beiden Bastionen Natur- und Geisteswissenschaft.</p>
<p><em>Literatur</em>:</p>
<ul>
<li>Bauer, J.: <em>Warum ich fühle, was du fühlst: Intuitive Kommunikation und das Geheimnis der Spiegelneurone</em>. Hamburg [Hoffmann und Campe] 1995.</li>
<li>Rizzolatti, G. et al.: <em>Empathie und Spiegelneurone: Die biologische Basis des Mitgefühls</em>. Frankfurt am Main [Suhrkamp Verlag] 2009.</li>
</ul>
<p><em>Links</em>:</p>
<ul>
<li><a href="http://www.randomhouse.de/author/author.jsp?per=174810" target="_blank">Verlagsinformationen zum Buch</a></li>
<li><a href="http://faculty.bri.ucla.edu/institution/personnel?personnel_id=46207" target="_blank">Webpräsenz von Marco Iacoboni an der University of California in Los Angeles</a></li>
<li><a href="http://www.das-empathische-gehirn.de/blog/" target="_blank">persönliche Homepage von Nadia Zaboura</a></li>
</ul>
<div class='footnotes'>
<div class='footnotedivider'></div>
<ol>
<li id='fn-1649-1'>Rizzolattis Publikation <em>Empathie und Spiegelneurone. Die biologische Basis des Mitgefühls</em> (vgl. Rizzolatti 2009) fokussiert sich dabei auf die biologischen Gegebenheiten und ist als grundlegendes naturwissenschaftliches Werk zu den Spiegelneuronen ein wichtiger Literaturtipp. <span class='footnotereverse'><a href='#fnref-1649-1'>&#8617;</a></span></li>
</ol>
</div>


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		<title>Petra Grimm; Rafael Capurro (Hrsg.): Informations- und Kommunikationsutopien</title>
		<link>http://www.rkm-journal.de/archives/666</link>
		<comments>http://www.rkm-journal.de/archives/666#comments</comments>
		<pubDate>Mon, 01 Mar 2010 08:53:26 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Redaktion</dc:creator>
				<category><![CDATA[Einzelrezension]]></category>
		<category><![CDATA[Film]]></category>
		<category><![CDATA[Information]]></category>
		<category><![CDATA[Kommunikation]]></category>
		<category><![CDATA[Kommunikationsutopien]]></category>
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		<category><![CDATA[semantic web]]></category>
		<category><![CDATA[Utopie]]></category>
		<category><![CDATA[Verständigung]]></category>

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		<description><![CDATA[<em>Rezensiert von Barbara Thomaß</em>

<a href="http://www.rkm-journal.de/archives/666"><img class="alignleft size-full wp-image-2392" title="Grimm&#38;Capurro2008" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2009/06/GrimmCapurro2008.jpg" alt="" width="160" height="225" /></a>Utopien können eine träumerisch-eskapistische Tendenz haben – dann stellen sie entrückte Gegenentwürfe zu zeitgenössischen Lebenserfahrungen dar; oder eine vorwärtsstrebende – dann suchen sie nach Möglichkeiten, Unbilden des Gegenwärtigen durch Alternativen zu überwinden, die erst unter zu erwartenden oder zu erhoffenden zukünftigen Bedingungen zu verwirklichen sind. Ebenso verhält es sich mit Kommunikationsutopien, die an den jeweils gegenwärtigen kommunikativen Bedingungen und Erfahrungen anknüpfen und dann über sie hinaus reichen. Insofern sind Kommunikationsutopien zeitabhängig. Sie verweisen auf Defizite, die Menschen in ihrer aktuellen kommunikativen Vernetzung erfahren. So können Kommunikationsutopien ein Schlüssel zum Verständnis von empfundenen Mängeln aktueller Verständigungsprozesse sein. <a href="http://www.rkm-journal.de/archives/666">[Mehr]</a>


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			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Rezensiert von Barbara Thomaß</em></p>
<p><a href="http://www.rkm-journal.de/archives/666"><img class="alignleft size-full wp-image-2392" title="Grimm&amp;Capurro2008" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2009/06/GrimmCapurro2008.jpg" alt="" width="160" height="225" /></a>Utopien können eine träumerisch-eskapistische Tendenz haben – dann stellen sie entrückte Gegenentwürfe zu zeitgenössischen Lebenserfahrungen dar; oder eine vorwärtsstrebende – dann suchen sie nach Möglichkeiten, Unbilden des Gegenwärtigen durch Alternativen zu überwinden, die erst unter zu erwartenden oder zu erhoffenden zukünftigen Bedingungen zu verwirklichen sind. Ebenso verhält es sich mit Kommunikationsutopien, die an den jeweils gegenwärtigen kommunikativen Bedingungen und Erfahrungen anknüpfen und dann über sie hinaus reichen. Insofern sind Kommunikationsutopien zeitabhängig. Sie verweisen auf Defizite, die Menschen in ihrer aktuellen kommunikativen Vernetzung erfahren. So können Kommunikationsutopien ein Schlüssel zum Verständnis von empfundenen Mängeln aktueller Verständigungsprozesse sein.</p>
<p>Ähnlich leitet Rafael Capurro den von ihm und Petra Grimm herausgegebenen Band 7 der Schriftenreihe &#8220;Medienethik&#8221; ein: Demnach können Utopien als positive Modelle zukünftigen sozialen Lebens verstanden werden oder als rückwärts gewandte oder auch impraktikable Vorstellungen. Angesichts der Tatsachen, dass gegenwärtige medientechnologische Entwicklungen immer schon die Zukunft kommunikativer Praktiken in sich bergen und dass sich angesichts solcher Zukunftsvorstellungen die Frage nach dem Gewinn und Verlust von Lebensqualität aufdrängt, macht die Einleitung neugierig. Es wird die Lust geweckt, auf essenzielle Fragen des heutigen und zukünftigen medialen Daseins einschließlich ihrer ethischen Implikationen, die doch häufig so alltagsnah sind, Antworten und theoretische Reflexionen zu finden. Doch um die Bewertung der Aufsätze vorweg zu nehmen: Diese Neugier wird nur sehr eingeschränkt befriedigt, weil die Autoren weniger Aufschluss über Defizite und Mängel aktueller und vergangener Kommunikationsverhältnisse und der darauf aufbauenden alternativen Möglichkeiten bereit stellen,  sondern vielmehr sehr subjektive Ein- und Ansichten zu oft wenig anregenden Nischenthemen geben.</p>
<p>Klaus Wiegerlings Darstellung zum <em>ubiquitous computing</em> mag noch eine aufschlussreiche Erörterung der Verheißungen und Gefahren einer Technologie sein, die alle Poren der Lebenswelt durchdringen könnte, weil er am Ende fordert, dass zu klären wäre, unter welchen Bedingungen <em>ubiquitous computing</em> Akzeptanz finden könnte. Doch dieser reizvolle Ansatz, aus Kommunikationsutopien Handlungsoptionen zu gewinnen, geht in den weiteren Aufsätzen verloren. Tassilo Pelligrini befragt das <em>semantic web</em> daraufhin, wie die Herstellung von Verständigung von Maschinensystemen im <em>semantic Web</em> als sozialer Prozess organisiert wird beziehungsweise  werden kann. Doch bleibt die ausgefeilte Darstellung der technischen Möglichkeiten des <em>semantic web</em> aufgrund der viel zu kurzen Behandlung des sozio-politischen Kontextes schwer vorstellbar und damit letztlich unergiebig.</p>
<p>Falko Blank gelingt es in seiner Gegenüberstellung vom &#8220;Mythos Medien&#8221; und &#8220;Medienmythen&#8221; nicht überzeugend, den Bezug zum Konzept der Utopie herzustellen. Darüber hinaus arbeitet er mit einem schwer fassbaren Mythenbegriff. Infolgedessen sind die Behauptungen und Andeutungen, in denen sich die Darstellung ergeht, schwer einer rationalen Überprüfung zu unterziehen.</p>
<p>In Filmen werden gerne Zeitreisen unternommen und Utopien ausgebreitet, und insofern lohnt es sich, eine Betrachtung dieses Mediums in einen Band über Kommunikationsutopien aufzunehmen. Doch Hans Krah betrachtet einen Filmkorpus mit Blick auf Endzeitwelten, dessen Auswahl sich dem cineastisch nicht Versierten überhaupt nicht erschließt. Zudem endet dieser in seiner Chronologie zu früh, als dass er dem vom Herausgeber angestrebten Ziel nahe käme. Uwe Jochums Überlegungen zur &#8220;digitalen Inversion des Karfreitagszaubers&#8221; und Thomas Nissmüllers &#8220;cybergnostischer Imperativ&#8221; sind Konzepte, die so hermetisch formuliert sind, dass – vor dem Hintergrund der eingangs formulierten Erwartungshaltung – nur Hilflosigkeit übrig bleibt.</p>
<p>Es ist überhaupt eine Schwäche der Mehrheit der Aufsätze, dass sie sich von ihrem utopischen Gegenstand so sehr gefangen nehmen lassen, dass es ihnen nicht gelingt, eine für Uneingeweihte nachvollziehbare Gegenstandsbeschreibung zu geben. Nun mag es das Wesen der Utopie als solcher sein, dass sie im Heute (noch) nicht fassbar ist. Doch für die eingangs genannte Fragestellung nach Gewinn und Verlust an Lebensqualität durch Kommunikation wäre eine präzise Fassung der gedachten utopischen Verhältnisse und Bedingungen schon notwendig gewesen.</p>
<p>Der Aufsatz von Manfred Lang lässt am Ende doch noch einiges von dem erkennen, was ein Band mit dieser Thematik hätte leisten können. Sein Abriss über die Geschichte informationspolitischer Utopien endet mit dem Plädoyer, dass informationspolitische Überlegungen einen Beitrag zu einer besseren Welt leisten mögen. Bei aller Relativierung, die dieser Autor seinen Überlegungen anfügt – dem ist nichts hinzuzufügen.</p>
<p>Vielleicht hat die Rezensentin eine zu enge Nützlichkeitsvorstellung von der Leistungsfähigkeit von Kommunikationsutopien. Daran ist, wie eingangs bemerkt, der Herausgeber nicht ganz unschuldig. Vielleicht wäre auch nur eine um mehr Klarheit bemühte Darstellung hilfreich gewesen, den faszinierenden Gegenstand überzeugender zu gestalten.</p>
<p><em>Links</em>:</p>
<ul>
<li><a href="http://www.steiner-verlag.de/titel/56861.html" target="_blank">Verlagsinformationen zum Buch</a></li>
<li><a href="http://www.hdm-stuttgart.de/grimm" target="_blank">Webpräsenz von Petra Grimm an der &#8220;Hochschule der Medien&#8221; Stuttgart</a></li>
<li><a href="http://www.capurro.de/" target="_blank">persönliche Homepage von Rafael Capurro</a></li>
<li><a href="http://www.ruhr-uni-bochum.de/ifm/seiten/03institut/mitarbeiter/thomass.htm" target="_blank">Webpräsenz von Barbara Thomaß an der Ruhr-Universität Bochum</a></li>
</ul>


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		<title>Annette Siemes: Zahlen in Medienangeboten</title>
		<link>http://www.rkm-journal.de/archives/1591</link>
		<comments>http://www.rkm-journal.de/archives/1591#comments</comments>
		<pubDate>Thu, 18 Feb 2010 09:00:45 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Redaktion</dc:creator>
				<category><![CDATA[Einzelrezension]]></category>
		<category><![CDATA[Kommunikation]]></category>
		<category><![CDATA[Medienangebote]]></category>
		<category><![CDATA[Systemtheorie]]></category>
		<category><![CDATA[Zahlen]]></category>
		<category><![CDATA[Zahlensysteme]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.rkm-journal.de/?p=1591</guid>
		<description><![CDATA[<em>Rezensiert von Wiebke Loosen</em>

<a href="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2009/10/siemes20091.jpg"><img class="alignleft size-full wp-image-2298" title="siemes2009" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2009/10/siemes20091.jpg" alt="" width="160" height="237" /></a>Zahlen in Medienangeboten sind aus der journalistischen Berichterstattung nicht wegzudenken und spielen unter anderem eine zentrale Rolle bei der Darstellung von Umfrageergebnissen, Wirtschaftsdaten und Grafiken. Auf derart anwendungsorientierte Beispiele zielt die Arbeit von Annette Siemes, die 2008 an der TU Chemnitz als Dissertation angenommen wurde, allerdings nicht unmittelbar ab. Ihr geht es sehr viel grundlegender und in theoretischer und empirischer Hinsicht um die Funktion von Zahlen bei der Konstruktion von Wirklichkeit sowie um die Muster des Umgangs mit Zahlen in Kommunikationen, welche sie anhand von Medienangeboten analysiert. Bei diesem Vorhaben geht die Autorin in allen Teilen ihrer über 350 Seiten umfassenden Arbeit sehr genau, fast schon akribisch zu Werke. <a href="http://www.rkm-journal.de/archives/1591">[Mehr]</a>


Keine verwandten Artikel]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Rezensiert von Wiebke Loosen</em></p>
<p><a href="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2009/10/siemes20091.jpg"><img class="alignleft size-full wp-image-2298" title="siemes2009" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2009/10/siemes20091.jpg" alt="" width="160" height="237" /></a>Zahlen in Medienangeboten sind aus der journalistischen Berichterstattung nicht wegzudenken und spielen unter anderem eine zentrale Rolle bei der Darstellung von Umfrageergebnissen, Wirtschaftsdaten und Grafiken. Auf derart anwendungsorientierte Beispiele zielt die Arbeit von Annette Siemes, die 2008 an der <a href="http://www.tu-chemnitz.de/" target="_blank">TU Chemnitz</a> als Dissertation angenommen wurde, allerdings nicht unmittelbar ab. Ihr geht es sehr viel grundlegender und in theoretischer und empirischer Hinsicht um die Funktion von Zahlen bei der Konstruktion von Wirklichkeit sowie um die Muster des Umgangs mit Zahlen in Kommunikationen, welche sie anhand von Medienangeboten analysiert (148). Bei diesem Vorhaben geht die Autorin in allen Teilen ihrer über 350 Seiten umfassenden Arbeit sehr genau, fast schon akribisch zu Werke.</p>
<p>Der theoretische Teil setzt sich aus insgesamt drei Kapiteln zusammen: Im ersten nimmt Annette Siemes eine konstruktivistisch-systemtheoretische Einordnung von Kommunikation und Medienkommunikation vor, welche sie als &#8220;Grundperspektive&#8221; (9) ihrer Arbeit versteht. Das gut 60 Seiten umfassende zweite Kapitel &#8220;Konzepte des Zählens und Messens&#8221; fasst schwerpunktmäßig Arbeiten zu kognitiven Grundlagen der Mengen­wahr­nehmung sowie zu Zahlensystemen und Zahlschriften zusammen. Im dritten Theoriekapitel werden diese Ausführungen schließlich zusammengeführt zu Beschreibungs- und Erklärungsansätzen in Bezug auf Zahlen in Kommunikationen. Hierbei geht es der Verfasserin vor allem darum zu verdeutlichen, dass Zahlen in Kommunikationen nicht gleichgesetzt werden können mit Zahlen im mathematischen Sinn. Vielmehr kämen ihnen durch ihre Anwendungen im Kommunikationsprozess verschiedene kommunikative Funktionen zu, welche sie u. a. über die theoretische Differenzierung des Zahlkonzepts auf der Ebene der Sprache verdeutlicht (111ff.).</p>
<p>Für die bis zu dieser Stelle über 140 Seiten brauchen Leser und Leserin einen langen Atem und die Bereitschaft, sich in bisweilen kommunikationswissenschaftlich verhältnismäßig ferne Bereiche einzudenken. Zwar ist es durchaus nachvollziehbar, dass ein in der Kommunikationswissenschaft derart wenig beackertes Thema einen entsprechenden theoretischen Vorlauf, viele Quellen und Bezüge braucht. Dies scheint über weite Strecken insbesondere aber auch dem Tribut an die Textform Dissertation geschuldet: Der vorliegenden Veröffentlichung hätte es sicher gutgetan, diese Passagen etwas kompakter zu gestalten.</p>
<p>Mit Kapitel 4 kommt Annette Siemes schließlich zur Konzeption ihrer Untersuchung. Sehr transparent macht sie hierbei die Spezifika ihrer qualitativ orientierten Grundperspektive (149ff.) und die Vorgehensweise bei der Inhaltsanalyse. Das Untersuchungsmaterial speist sich aus Texten aus dem Nachrichtenmagazin &#8220;<a href="http://www.spiegel.de/" target="_blank">Der Spiegel</a>&#8221; aus dem Jahre 1998. Die Auswahl dieses Titels folgt vor allem praktischen Erwägungen (154f.), das Untersuchungsjahr wurde bewusst als nicht allzu aktuell gewählt, um &#8220;eine neutrale Betrachtung zu ermöglichen&#8221; (155). Grundlage der Auswertung sind insgesamt 187 Artikel (s. Tab. 1, 162), aus denen wiederum 2.914 Zahlbelege (einzelne Zahlangaben, Tab. 3, 169) extrahiert und analysiert wurden.</p>
<p>Für die Ergebnisdarstellung nährt sich die Verfasserin der &#8220;Welt der Zahlen&#8221; (167) in einem ersten quantifizierenden Analyseschritt über die Strukturierung verschiedener &#8220;Wirklichkeitsbereiche&#8221; (Kapitel 5). Auf der Suche nach Regelmäßigkeiten und Mustern werden hierfür die Bereiche <em>Zeit</em>, <em>Personen</em>, <em>Geld/Wirtschaft</em>, <em>Sonstige Mengen</em> und <em>Raum</em> unterschieden; zu allen werden weitere Untergruppen gebildet. Als besonders relevant für die Medienkommunikation erweist sich hierbei der Bereich <em>Zeit</em>; fast die Hälfte der verwendeten Zahlen in den analysierten Artikeln ist zeitbezogen und bezieht sich zu einem Großteil auf kalendarische Daten und Jahreszahlen (169). Aus diesem für journalistische Medienangebote nicht gerade überraschenden Befund entwickelt die Autorin im weiteren Verlauf der Darstellung u. a. einige sehr luzide Überlegungen zum Konstrukt Aktualität, die durchaus auch anschlussfähig sind an die Journalismusforschung.</p>
<p>Mit dem zweiten Analyseschritt (Kapitel 6) verzichtet Annette Siemes auf Quantifizierung und geht eher explikativ vor, indem sie die verschiedenen Muster der Verwendung von Zahlen in den analysierten &#8220;Spiegel&#8221;-Artikeln zusammenfassend beschreibt und mit vielen Textbeispielen erläutert. Hierbei arbeitet sie z. B. verschiedene Formen von Relationierungen, als zahlengestützte In-Bezug-Setzungen z. B. durch Prozent- und Anteilsangaben (242ff.), und Zahlen als Teil von Wörtern und Wendungen, z. B. &#8216;zweite Reihe&#8217;, &#8216;obere Zehntausend&#8217;, (253ff.) heraus. Derartige Muster erlauben es, so eine zusammenfassende Deutung der Verfasserin, &#8220;bei vergleichsweise geringem Aufwand viel Kontext zu produzieren&#8221; (304). Die am Ende dieses Kapitels insgesamt drei vorgestellten – nicht zwingend zahlenspezifischen – &#8220;Formen der Funktionalisierung&#8221; (verkürzt: Relevanzmarkierung, Anschlussfähigkeit/Anschlussmöglichkeiten, Normalisierung), (267ff.), versteht sie als Synthese der bis zu dieser Stelle gewonnenen Ergebnisse. Etwas verwirrend sind in diesem Teil die Übergänge zwischen der Beschreibung von Mustern, Verfahren, Formen und Funktionen von Zahlen. Im Kern wird hier aber herausgearbeitet, wie, d. h. durch welche Verfahren, aus Zahlen in Medienangeboten <em>funktionalisierte Kommunikations­zahlen </em>werden, die als solche Funktionen erfüllen, die über Messen und Zählen hinausgehen.</p>
<p>Insgesamt ist der Ergebnisteil ein gutes Beispiel dafür, wie fruchtbar die Kombination qualitativer und quantitativer (Auswertungs-)Methoden eingesetzt werden kann: Die Darstellung enthält viele aufschlussreiche quantifizierende Befunde und Tabellen (und einige kreative Abbildungen) ebenso wie detaillierte, vertiefende Beispiele. Die Interpretation dieser vielfältigen Befunde ist aufschlussreich, wenn auch teilweise wenig lesefreundlich formuliert und immer wieder mit dem theoretischen Teil verknüpft. Auf diese Weise wird der sehr umfangreiche – und bisweilen etwas zähe Theorieteil – gewinnbringend genutzt. In Fazit und Ausblick entwickelt die Autorin noch interessante Ideen für weiterführende Untersuchungen zum Thema, etwa medien- oder ressortspezifische Vergleiche zum Einsatz von Zahlen.</p>
<p>Annette Siemes hat eine ambitioniere Arbeit mit (zu) viel Liebe zum Detail vorgelegt; für (sehr) einschlägig Interessierte ist sie eine wahre Fundgrube. Allen anderen wird ein selektiver Zugriff nicht gerade leicht gemacht – hierzu trägt auch eine zum Teil unnötig verklausulierte Ausdrucksweise bei.</p>
<p><em>Links:</em></p>
<ul>
<li><a href="http://www.athena-verlag.de/364.htm" target="_blank">Verlagsinformationen zum Buch</a></li>
<li><a href="http://www.wiso.uni-hamburg.de/institute/ijk/personal/wiss-mitarbeiterinnen/dr-wiebke-loosen/" target="_blank">Webpräsenz von Wiebke Loosen an der Universität Hamburg</a></li>
</ul>


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