<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<rss version="2.0"
	xmlns:content="http://purl.org/rss/1.0/modules/content/"
	xmlns:wfw="http://wellformedweb.org/CommentAPI/"
	xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/"
	xmlns:atom="http://www.w3.org/2005/Atom"
	xmlns:sy="http://purl.org/rss/1.0/modules/syndication/"
	xmlns:slash="http://purl.org/rss/1.0/modules/slash/"
	>

<channel>
	<title>rezensionen:kommunikation:medien &#187; Geschichte</title>
	<atom:link href="http://www.rkm-journal.de/archives/tag/geschichte/feed" rel="self" type="application/rss+xml" />
	<link>http://www.rkm-journal.de</link>
	<description>Rezensionen aus den Bereich Kommunikation und Medien</description>
	<lastBuildDate>Thu, 09 Sep 2010 08:03:26 +0000</lastBuildDate>
	<language>en</language>
	<sy:updatePeriod>hourly</sy:updatePeriod>
	<sy:updateFrequency>1</sy:updateFrequency>
	<generator>http://wordpress.org/?v=3.0.1</generator>
		<item>
		<title>Eva Züchner: Der verschwundene Journalist</title>
		<link>http://www.rkm-journal.de/archives/3636</link>
		<comments>http://www.rkm-journal.de/archives/3636#comments</comments>
		<pubDate>Mon, 23 Aug 2010 11:19:09 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Redaktion</dc:creator>
				<category><![CDATA[Einzelrezension]]></category>
		<category><![CDATA[20. Jahrhundert]]></category>
		<category><![CDATA[Biografie]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichtsjournalismus]]></category>
		<category><![CDATA[Journalismus]]></category>
		<category><![CDATA[Mediengeschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Nationalsozialismus]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.rkm-journal.de/?p=3636</guid>
		<description><![CDATA[<em>Rezensiert von Horst Pöttker</em>

<em> </em><a href="http://www.rkm-journal.de/archives/3638"><img class="alignleft size-full wp-image-3638" title="Züchner2010" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2010/07/Züchner2010.jpg" alt="" width="160" height="255" /></a>Wie es im NS-Regime war, ist nach der für den Wiederaufbau nützlichen Verdrängung der Verbrechen in den 1950er Jahren mittlerweile gut erforscht und einigermaßen bekannt. Die peinliche Frage, wie es überhaupt möglich war, dass die Kulturnation der Deutschen den Barbaren Hitler, Goebbels und Himmler ins eigene Verderben gefolgt ist, gerät erst heute, ein Menschenleben danach, mehr und mehr in den öffentlichen Diskurs. Philipp Jenninger musste noch 1988 als Bundestagspräsident zurücktreten, weil er es gewagt hatte, bei einer hochoffiziellen Gedenkveranstaltung zur Reichskristallnacht 1938 den Motiven für das Schweigen der großen Mehrheit zum Judenpogrom nachzuspüren. <a href="http://www.rkm-journal.de/archives/3636">[Mehr]</a>


Keine verwandten Artikel]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Rezensiert von Horst Pöttker</em></p>
<p><em> </em><a href="http://www.rkm-journal.de/archives/3638"><img class="alignleft size-full wp-image-3638" title="Züchner2010" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2010/07/Züchner2010.jpg" alt="" width="160" height="255" /></a>Wie es im NS-Regime war, ist nach der für den Wiederaufbau nützlichen Verdrängung der Verbrechen in den 1950er Jahren mittlerweile gut erforscht und einigermaßen bekannt. Die peinliche Frage, wie es überhaupt möglich war, dass die Kulturnation der Deutschen den Barbaren Hitler, Goebbels und Himmler ins eigene Verderben gefolgt ist, gerät erst heute, ein Menschenleben danach, mehr und mehr in den öffentlichen Diskurs. Philipp Jenninger musste noch 1988 als Bundestagspräsident zurücktreten, weil er es gewagt hatte, bei einer hochoffiziellen Gedenkveranstaltung zur Reichskristallnacht 1938 den Motiven für das Schweigen der großen Mehrheit zum Judenpogrom nachzuspüren.</p>
<p>Eva Züchners Buch ist ein Beispiel für den gewandelten Diskurs zum Nationalsozialismus, denn sie bemüht sich, am Beispiel ihres Vaters Gerhart Weise, eines empfindsamen Intellektuellen, der sein journalistisches Können bereitwillig in den Dienst der Goebbels&#8217;schen Propaganda gestellt und dem NS-Regime sogar einen befreundeten Kollegen ans Messer geliefert hat, den &#8220;subjektiven Sinn&#8221; (Max Weber) dieser Handlungsweise zu verstehen. Dass das Bemühen scheitert und der 1913 geborene Vater immer rätselhafter und fremder wird, je mehr Fakten die 1942 geborene Autorin über ihn herausbekommt, mag auch an der Unmöglichkeit liegen, mit ihm zu sprechen. Er wurde im September 1945 von der sowjetischen Geheimpolizei GPU aus seinem Wohnhaus in Klein-Machnow bei Berlin verschleppt und ist nie wieder aufgetaucht.</p>
<p>Die Autorin, von Beruf Kunsthistorikerin, hat einen Verlag gefunden, der nicht nur von Druckkostenzuschüssen lebt, sondern sich intensiv darum kümmert, seine Bücher unter die Leute zu bringen. Das Rezensionsexemplar kam unaufgefordert mit einem langen Anschreiben aus der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit an den Rezensenten, dessen Interesse an der Thematik man offenbar wahrgenommen hatte. Vermutlich steckt System dahinter und man macht sich die Mühe, Listen interessierter Multiplikatoren zu führen. Von professioneller, auf Nachhaltigkeit und sachliche Präzision setzender Öffentlichkeitsarbeit für das Buch zeugt auch die Umschlaggestaltung. Auch wenn sie etwas übertrieben ist, hebt die Behauptung des Klappentextes, es handele sich um &#8220;eine bisher unbekannte Innenansicht der Mediengeschichte des Nationalsozialismus&#8221; durchaus das Besondere an Eva Züchners familiärer Biografie hervor. Und auch das auf dem Rückumschlag zitierte Lob von Norbert Frei trifft zu: &#8220;Diese Geschichte ist außerordentlich genug, um einen besonderen Akzent zu setzen. Zumal die Autorin eine eigene Sprache gefunden hat.&#8221;</p>
<p>Außergewöhnlich an diesem Buch sind tatsächlich Herangehensweise und Stil der Autorin, nicht der Gegenstand. Denn Vaterlosigkeit ist für die Kohorte der im Zweiten Weltkrieg Geborenen ja Normalität, auch in den glücklichen Fällen, in denen Väter Krieg und Nachkriegszeit physisch überlebt haben. Manche kamen erst spät aus der Gefangenschaft zurück, viele waren in der arbeitsintensiven Aufbauphase für ihre Kinder kaum präsent und zumal bei Fragen nach der Zeit vor dem 8. Mai 1945 extrem verschlossen. Die Suche nach den unbekannten, sich entziehenden Vätern ist für diese Jahrgänge, zu denen auch der Rezensent gehört, eine durchgängige Erfahrung von kultureller Tragweite. Die Vergeblichkeit dieser Suche mündete bei vielen in – zunächst mehr oder weniger unbewusste – Auflehnung. Schließlich handelt es sich um die 68er Kohorte.</p>
<p>Wo Väter nicht überlebt hatten und deshalb schwerer mit Vorwürfen zu konfrontieren waren, konnte wohl auch Verklärung die Folge sein, wobei Auflehnung und Verklärung zwei Seiten derselben Medaille sein mögen. Eva Züchner jedenfalls hat ihren Vater zunächst als sensiblen und kultivierten Journalisten mit literarischen Ambitionen verklärt. Dass Gerhart Weise sein Leben nicht als Soldat, sondern als Opfer eines politischen Verbrechens der sowjetischen Besatzungsmacht verloren hat, mag diese Verklärung erleichtert haben. Erst in einem Alter, in dem jugendliche Auflehnung nicht mehr infrage kommt, hat sich die Tochter bewusst und präzise auf die Suche nach dem Vater gemacht. Sie endet in Ratlosigkeit, denn in ihrem Verlauf verblasst (&#8220;verschwindet&#8221;) der sensible und kultivierte Journalist, an den die Tochter lange geglaubt hat, ohne dass ein anderes Bild deutlich wird. Am Ende wissen Autorin und Leser nicht einmal, ob es sich bei dem von Goebbels belobigten Propagandisten Gerhart Weise um einen überzeugten Nationalsozialisten (Typus &#8220;Totale Konformität&#8221;) oder um einen der vielen Opportunisten (Typus &#8220;Pragmatische Konformität&#8221;) gehandelt hat.</p>
<p>Auch wenn die kommunikationshistorische Forschung, was Fakten zu den Medien im Nationalsozialismus betrifft, einen beachtlichen Stand erreicht hat, lässt sich von dieser intensiv recherchierten Selbstverständigung einer akademischen Außenseiterin über ihren Vater sogar in dieser Hinsicht noch einiges lernen. Besonders über die sozialen Netzwerke literarisch ambitionierter NS-&#8221;Journalisten&#8221;, die sich bei der Reichspresseschule, bei den Propaganda-Kompanien und bei der von Goebbels&#8217; Propagandaministerium dirigierten Spielfilmproduktion bildeten, erfährt man Details, die man in dieser Dichte woanders oft vergeblich sucht – einschließlich mancher Informationen über die Dauerhaftigkeit dieser Netzwerke nach dem Zusammenbruch des NS-Regimes, die einen immer noch erstaunen lassen. Über Gerhart Weises Freund Hans H. Henne, den er 1935 beim zweiten Lehrgang der Reichspresseschule unter Hans Schwarz van Berk kennengelernt hatte, liest man auf Seite 254f.:</p>
<p><small>&#8220;Im August 1954 veröffentlicht <em>Die Wildente</em> in ihrer siebten Folge einen Nachruf auf den &#8216;Kameraden&#8217; Henne, der &#8216;sich durch hervorragende Darstellungen des Kampfgeschehens einen geachteten Namen als Journalist gemacht&#8217; habe (&#8230;). Das Mitteilungsblatt der ehemaligen Angehörigen der Propaganda-Kompanien erscheint in unregelmäßiger Folge von 1952 bis 1966 in Hamburg und wird von Ex-Kriegsberichter Günther Heysing herausgegeben. <em>Die Wildente</em>, durch Spenden und Anzeigen der Ehemaligen finanziert, ist denn auch ein nostalgischer Veteranentreff im DIN-A5-Format, deren Name signalisieren soll, dass dieses revanchistische Blatt nicht gewillt ist, sich die bundesrepublikanischen &#8216;Zeitungsenten&#8217; über den Nationalsozialismus zu eigen zu machen. (&#8230;) Ab 1952 verbreitet er in seinem Blatt die dann über Jahrzehnte hartnäckig verteidigte Legende, dass die Wehrmacht und deren Propagandatruppen mit den Kriegsverbrechen &#8216;der Nazis&#8217; nichts zu tun gehabt hätten. (&#8230;) In der <em>Wildente</em>, die hauptsächlich launige bis wehmütige Reminiszenzen und Anekdoten der Ehemaligen über die gute alte Zeit abdruckt, finde ich die Namen einiger PK-Angehöriger wieder, die Kollegen und Freunde meines Vaters gewesen sind.“</small></p>
<p>Es folgen dann unter anderen die Namen von Verleger Ernst Rowohlt, von Karl-Georg von Stackelberg, dem Gründer der Emnid-Institute, von Wolf Schirrmacher, bis in die 1970er Jahre Autor von <a href="http://www.zeit.de/index" target="_blank">Die Zeit</a>, <a href="http://www.fnp.de/fnp/index.htm" target="_blank">Frankfurter Neue Presse</a> oder <a href="http://www.tagesspiegel.de/" target="_blank">Der Tagesspiegel</a>, und schließlich wieder von Hans Schwarz van Berk, Gründer einer erfolgreichen Werbeagentur und Erfinder des unverwüstlichen Knoblauch-Bauern &#8220;Ilja Rogoff&#8221;, der bis heute durch die deutsche Presse geistert.</p>
<p>Immer noch erstaunen, trotz aller Forschung, die das längst herausgefunden hat, machen auch Züchners Schlaglichter auf die fast selbstmörderische Beharrlichkeit, mit der die Verantwortlichen des NS-Regimes noch mitten im militärischen Untergang nicht nur die aufwändige Vernichtung von Juden, sondern auch die aufwändige Produktion von Propagandamaterial betrieben haben. Gerhart Weise hat als Co-Autor am letzten, bis heute verschwundenen nationalsozialistischen Durchhaltefilm &#8220;Das Leben geht weiter&#8221; mitgewirkt. Züchner beschreibt in beeindruckender Anschaulichkeit die Handlung des an die Zivilbevölkerung unter dem Bombenkrieg adressierten, von Wolfgang Liebeneiner gedrehten Streifens, der noch einmal das Modell der solidarischen Volksgemeinschaft vorführte. Der Seite 207 kann man entnehmen, dass der Regisseur die Dreharbeiten mit Uk-gestellten Schauspielern und Statisten erst am 16. April 1945 abbrechen musste. Und auf Seite 210 erfährt man über die Produktion eines anderen Durchhaltefilms, bei dem sich der Propagandaminister bekanntlich eines historischen Stoffs bediente:</p>
<p><small>&#8220;Die Dreharbeiten für &#8216;Kolberg&#8217; haben, unter der Regie von Veit Harlan, von Oktober 1943 bis Anfang 1944 gedauert. (&#8230;) Für dieses Mammutunternehmen der vorletzten Stunde, das mit knapp acht Millionen Reichsmark das Budget für mindestens drei Spielfilme verschlungen hat, sollen über hundertfünfundachtzigtausend Statisten und zusätzlich, gegen den Protest des Oberbefehlshabers der Kriegsmarine Dönitz, viertausend Marinesoldaten rekrutiert worden sein.&#8221;</small></p>
<p>An einigen Stellen könnte der Text sorgfältiger sein. Die 1926 gegründete Dortmunder Einrichtung heißt Institut für Zeitungs<em>forschung</em> und nicht Zeitungs&#8221;kunde&#8221; (242), und auf Seite 178 dauern die alliierten Luftangriffe auf Hamburg Ende Juli/Anfang August 1943 zehn Tage an, dagegen währen sie auf Seite 199 nur fünf Tage. Solche Nachlässigkeiten sollen allerdings auch in wissenschaftlichen Hochschulschriften vorkommen.</p>
<p>Man könnte es bei Hans Erich Nossack nachlesen, der die Bombardierung Hamburgs bereits im Herbst 1943, noch unter dem deprimierenden Eindruck des Ereignisses, auf höchst authentische Weise geschildert hat. Der Text ist verständlicherweise erst nach 1945 – genau: 1948 im Hamburger <a href="http://www.fischerverlage.de/page/krueger" target="_blank">Wolfgang Krüger-Verlag</a> unter dem Titel <em>Der Untergang</em> – erschienen und kaum in der Öffentlichkeit wahrgenommen worden. W. G. Sebald hat in <em>Luftkrieg und Literatur</em> (1999) die Scham der Deutschen, die natürlich – Stichwort: &#8220;Coventry&#8221; – wussten, dass sie mit dem Terror gegen die wehrlose Zivilbevölkerung begonnen hatten, für das jahrzehntelange Schweigen über ihre fürchterliche Bestrafung verantwortlich gemacht.</p>
<p>Hauptsächlich lohnt die Lektüre von Eva Züchners Buch, weil die Autorin mit ihm etwas realisiert, das die einerseits auf herausragende Schlüsselpersonen, andererseits auf sozio-kulturelle Strukturen fokussierte akademische Forschung zur Kommunikationsgeschichte des Dritten Reichs bisher vernachlässigt hat und das auch die sich gegen die Verdrängung auflehnende Jugend 1968ff. nicht leisten konnte. Mit einer gründlich auf private und öffentliche Originalquellen gestützten Fallstudie geht sie den Denk- und Empfindungsweisen eines normalen, möglicherweise exemplarischen Individuums nach, das sich bei seiner Berufskarriere im Bereich der öffentlichen Kommunikation zutiefst mit dem Nationalsozialismus eingelassen hat. Die Suche bleibt letztlich ohne Ergebnis, aber das ändert nichts an der Leistung, gegen äußere und innere Widerstände intellektuelle Anstrengungen auf eine Frage zu richten, die alle Menschen und besonders wir Deutsche uns stellen müssen, wenn Ähnliches nicht wieder geschehen soll: Was haben wir, jede(r) einzelne von uns, mit dem Nationalsozialismus zu tun? Was steckt auch in uns, das die NS-Verbrechen möglich gemacht hat, deren Einzigartigkeit ja nicht für alle Zeiten gewiss ist?</p>
<p>Solchen peinlichen Fragen hat sich Eva Züchner bewusst gestellt. Auf Seite 229 schildert sie ihre Reaktion auf den Fund unbezweifelbarer Belege dafür, dass ihr Vater seinen Freund Erich Ohser, der kurz darauf verhaftet wird und sich in der Zelle erhängt, wegen &#8220;defätistischer Äußerungen&#8221; denunziert hat. Möglicherweise, so fragt sich die Tochter, um die eigene Haut zu retten oder auch nur selbst nicht in Schwierigkeiten zu geraten?</p>
<p><small>&#8220;Der Fund dieser Aktennotiz hat nicht nur die allerletzten Überbleibsel meines ursprünglichen Vaterbildes zerstört, sondern mich gleichzeitig mit der Unmöglichkeit konfrontiert, die Beweggründe für die Unterlassungen und Handlungen eines Menschen, der den Bedingungen einer mörderischen Diktatur ausgesetzt ist, überhaupt zu beurteilen. Ein Abwehrmechanismus, der die tiefsitzende Furcht verdecken soll, dass auch ich in einer anderen Zeit fähig wäre, einen Freund zu verraten? &#8216;Ihr Menschenbrüder&#8217;, lässt Jonathan Littell in seinem Roman <em>Die Wohlgesinnten </em>den SS-Offizier Max Aue sagen, &#8216;lasst mich euch erzählen, wie es gewesen ist. Wir sind nicht deine Brüder, werdet ihr antworten, und wir wollen es gar nicht wissen.&#8217;&#8221;</small></p>
<p>Wollen auch wir es nicht wissen? Das wäre nur zu verständlich – und verhängnisvoll.</p>
<p><em>Links</em>:</p>
<ul>
<li><a href="http://www.berlinverlage.de/bucher/bucherDetails.asp?isbn=9783827008961" target="_blank">Verlagsinformationen zum Buch</a></li>
<li><a href="http://www.journalistik-dortmund.de/prof.-dr.-phil.-horst-pottker.html" target="_blank">Webpräsenz von Horst Pöttker an der Technischen Universität Dortmund</a></li>
</ul>


<p>Keine verwandten Artikel</p>]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.rkm-journal.de/archives/3636/feed</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Silke Satjukow: Befreiung? Die Ostdeutschen und 1945</title>
		<link>http://www.rkm-journal.de/archives/495</link>
		<comments>http://www.rkm-journal.de/archives/495#comments</comments>
		<pubDate>Tue, 20 Jul 2010 09:05:14 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Redaktion</dc:creator>
				<category><![CDATA[Einzelrezension]]></category>
		<category><![CDATA[DDR]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Kommunismus]]></category>
		<category><![CDATA[Nationalsozialismus]]></category>
		<category><![CDATA[Ostdeutschland]]></category>
		<category><![CDATA[Propagandaanalyse]]></category>
		<category><![CDATA[SED]]></category>
		<category><![CDATA[Sowjetunion]]></category>
		<category><![CDATA[Weltkrieg]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.rkm-journal.de/?p=495</guid>
		<description><![CDATA[<em>Rezensiert von Harald Bader</em>

<a href="http://www.rkm-journal.de/archives/495"><img class="alignleft size-full wp-image-3522" title="satjukow2009" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2009/05/satjukow2009.jpg" alt="" width="160" height="234" /></a>Der Titel dieses Buches ist zunächst irreführend. Wenn man in der Nachkriegszeit von "Ostdeutschen" sprach, waren damit (in den westlichen Zonen/der Bundesrepublik) die geflohenen und vertriebenen Pommern, Ostpreußen und Schlesier (pars pro toto) gemeint. Hier geht es um die Bewohner der SBZ/DDR. Satjukow untersucht den Umgang von Sowjets und DDR-Bürgern mit der Last des Zweiten Weltkriegs, der in Osteuropa unfassbar grausam gewesen war, was anzuerkennen die Bundesdeutschen lange verweigerten. Die Scham über den Massenmord an den Juden hat lange verdrängt, was Deutsche den slawischen Völkern angetan haben, Kalter Krieg und Wehrmachtsromantik taten ihr Übriges: Der alte Feind war der neue. In der DDR sollte der alte Feind der neue Freund werden. Allerdings nicht auf Augenhöhe, die Machtfrage war in Potsdam geklärt worden. <a href="http://www.rkm-journal.de/archives/495">[Mehr]</a>


Keine verwandten Artikel]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Rezensiert von Harald Bader</em></p>
<p><a href="http://www.rkm-journal.de/archives/495"><img class="alignleft size-full wp-image-3522" title="satjukow2009" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2009/05/satjukow2009.jpg" alt="" width="160" height="234" /></a>Der Titel dieses Buches ist zunächst irreführend. Wenn man in der Nachkriegszeit von &#8220;Ostdeutschen&#8221; sprach, waren damit (in den westlichen Zonen/der Bundesrepublik) die geflohenen und vertriebenen Pommern, Ostpreußen und Schlesier (pars pro toto) gemeint. Hier geht es um die Bewohner der SBZ/DDR. Satjukow untersucht den Umgang von Sowjets und DDR-Bürgern mit der Last des Zweiten Weltkriegs, der in Osteuropa unfassbar grausam gewesen war, was anzuerkennen die Bundesdeutschen lange verweigerten. Die Scham über den Massenmord an den Juden hat lange verdrängt, was Deutsche den slawischen Völkern angetan haben, Kalter Krieg und Wehrmachtsromantik taten ihr Übriges: Der alte Feind war der neue. In der DDR sollte der alte Feind der neue Freund werden. Allerdings nicht auf Augenhöhe, die Machtfrage war in Potsdam geklärt worden.</p>
<p>Gegenstände der materialgesättigten Studie sind Überlegungen zu Schuld und Sühne, Totenkult, Schulunterricht (speziell zum ungeliebten Pflichtfach Russisch) und Medien (Presse, Film, Fernsehen). Forschungsfrage ist dabei: &#8220;Bereitete oder verstellte der beiden Seiten auferlegte Imperativ der Befreiung den Weg zu einer wirklichen Versöhnung?&#8221; (11). Leider bedient sich das sehr ordentliche, reich bebilderte Buch der falschen Methode. Aus einer Propagandaanalyse lassen sich nur unter großen Verrenkungen Rückschlüsse auf die Mentalität von Befreiern/Besatzern und Befreiten/Besiegten ziehen. Politische Mythen in Diktaturen sind eben politische Mythen in Diktaturen. Wenn man wissen will, was davon geglaubt wurde, muss man Zeitzeugen befragen, es gibt noch genug (in Ansätzen macht das auch die Autorin, was Kasernenkontakte betrifft).</p>
<p>Kommunistische Kader taugen nicht als Gewährsleute, das <a href="http://www.neues-deutschland.de/" target="_blank">Neue Deutschland</a> gab nie die Ansichten des Volkes wieder. Natürlich werden Insassen totalitärer Staaten Tag und Nacht agitiert, aber inwieweit internalisiert wurde, steht auf einem anderen Blatt. Und die Leute sind nicht doof. Die sogenannten &#8220;Umsiedler&#8221;, die vergewaltigten Frauen, die Enteigneten, die Inhaftierten, die, die in den Westen flohen, hatten gute Gründe, in der Roten Armee keine Befreier zu sehen, auch wenn sie darüber schweigen mussten. Die dem untergegangenen Hitlerregime noch immer Treuen (ob überzeugte Nazis oder eher in Sebastian Haffners Sinn &#8220;loyalen Deutschen&#8221; – oder die, die eigentlich schon immer im heimlichen Widerstand gewesen waren) hatten schlechte Gründe, in der Roten Armee keine Befreier zu sehen, auch wenn sie darüber schweigen mussten.</p>
<p>Insofern funktioniert dieses Buch einfach nicht, so schön und klug es ist. Der Antifaschismus war eine Geschäftsgrundlage des SED-Regimes, ödete die Menschen aber an. Darum ist der Schluss so schwammig: &#8220;Zwar kam es über ein halbes Jahrhundert des Zusammenlebens von Befreiern und Befreiten zu keiner wahrhaftigen und nachhaltigen Völkerversöhnung, doch bahnten sich bei den Menschen vor Ort zunehmend Versöhnungsgesten den Weg&#8221; (262). Diese zu untersuchen wäre reizvoller gewesen als die offiziellen Quellen. Davon hat es genug, und den Bemühungen der &#8220;Deutsch-Sowjetischen Freundschaft&#8221; zum Trotz: Als die letzten russischen Soldaten 1994 abzogen, ging ein erleichtertes Seufzen durchs Beitrittsgebiet. Damit hat man den Rotarmisten Unrecht getan, denn die waren nicht freiwillig hier, und dafür, dass sie sich für &#8220;Sieger der Geschichte&#8221; halten sollten, mussten sie sehr eingeschränkt leben. Vom Ruhm, Deutschland besiegt und vom Nationalsozialismus befreit zu haben, profitierten sie am geringsten. Bei allem Skrupel, den Zeitzeugen gegen den Rezensenten auszuspielen: Als meine Klasse in der Agonie der späten Achtziger sowjetische Matrosen in Stralsund besuchte, gab es gutes Essen und hübsche Geschenke, aber zu sagen hatte man sich wenig. Dabei war kein Mangel an Denkmälern, Marxismus-Leninismus und Antifaschismus. Aber man kann sich eben nichts einreden (lassen).</p>
<p><em>Links:</em></p>
<ul>
<li><a href="http://www.univerlag-leipzig.de/article.html;article_id,860" target="_blank">Verlagsinformationen zum Buch</a></li>
<li><a href="http://www.nng.uni-jena.de/silke_satjukow.html" target="_blank">Webpräsenz von Silke Satjukow an der Universität Jena</a></li>
<li><a href="http://www.mfa-dortmund.de/" target="_blank">Webpräsenz von Harald Bader beim Mikrofilmarchiv der deutschsprachigen Presse </a></li>
</ul>


<p>Keine verwandten Artikel</p>]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.rkm-journal.de/archives/495/feed</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Johann Gustav Droysen &#8211; Ein Historiker als Klassiker der Kommunikations- und Medienwissenschaften</title>
		<link>http://www.rkm-journal.de/archives/3233</link>
		<comments>http://www.rkm-journal.de/archives/3233#comments</comments>
		<pubDate>Fri, 09 Jul 2010 12:18:31 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Redaktion</dc:creator>
				<category><![CDATA[Klassiker]]></category>
		<category><![CDATA[Geisteswissenschaften]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichtsjournalismus]]></category>
		<category><![CDATA[Historik]]></category>
		<category><![CDATA[Kommunikation]]></category>
		<category><![CDATA[Kritischer Rationalismus]]></category>
		<category><![CDATA[Kulturwissenschaften]]></category>
		<category><![CDATA[Mündlichkeit]]></category>
		<category><![CDATA[Vorlesung]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.rkm-journal.de/?p=3233</guid>
		<description><![CDATA[<span style="font-size: 13.2px;"><em>Wiedergelesen von Horst Pöttker</em></span>

<span style="font-size: 13.2px;"><em> </em></span><a href="http://www.rkm-journal.de/archives/3278"><img class="alignleft size-full wp-image-3278" title="Droysen" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2010/06/Droysen.jpg" alt="" width="160" height="231" /></a>Wer es sich leisten kann und eine gut ausgestattete geschichtswissen- schaftliche Bibliothek sein Eigen nennen möchte, erwirbt drei 2007 und 2008 erschienene Teilergebnisse eines in jeder Beziehung außergewöhnlichen Editionsprojekts. Es ist dem wichtigsten Werk eines nicht weniger außergewöhn-lichen Gelehrten des 19. Jahrhunderts gewidmet, welcher auch für die Kommunikations- und Medienwissen-schaften als Klassiker gelten kann. Den gilt es freilich noch zu entdecken. Johann Gustav Droysen (1808–1884), Geschichtsprofessor an den Universitäten Kiel, Jena und Berlin, hat seine Historik-Vorlesung zwischen dem Sommersemester 1857 und dem Wintersemester 1882/83 insgesamt 17 Mal gehalten, wobei er das von ihm selbst nur in Form eines Grundrisses publizierte Manuskript immer wieder überarbeitet hat. <a href="http://www.rkm-journal.de/archives/3233">[Mehr]</a>


Keine verwandten Artikel]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span style="font-size: 13.2px;"><em>Wiedergelesen von Horst Pöttker</em></span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;"><em> </em></span><a href="http://www.rkm-journal.de/archives/3278"><img class="alignleft size-full wp-image-3278" title="Droysen" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2010/06/Droysen.jpg" alt="" width="160" height="231" /></a>Wer es sich leisten kann und eine gut ausgestattete geschichtswissen- schaftliche Bibliothek sein Eigen nennen möchte, erwirbt drei 2007 und 2008 erschienene Teilergebnisse eines in jeder Beziehung außergewöhnlichen Editionsprojekts. Es ist dem wichtigsten Werk eines nicht weniger außergewöhn-lichen Gelehrten des 19. Jahrhunderts gewidmet, welcher auch für die Kommunikations- und Medienwissen-schaften als Klassiker gelten kann. Den gilt es freilich noch zu entdecken.</p>
<p><span style="font-size: 13.2px;"> </span><span style="font-size: 13.2px;"><strong>1. Vergessener Klassiker: Johann Gustav Droysens Historik</strong></span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;">Johann Gustav Droysen (1808–1884), Geschichtsprofessor an den Universitäten Kiel, Jena und Berlin, hat seine Historik-Vorlesung zwischen dem Sommersemester 1857 und dem Wintersemester 1882/83 insgesamt 17 Mal gehalten, wobei er das von ihm selbst nur in Form eines Grundrisses publizierte Manuskript immer wieder überarbeitet hat. Sinn und Zweck der von Jörn Rüsen initiierten, von Peter Leyh 1977 mit einem ersten Band begonnenen und von Horst Walter Blanke nach drei Jahrzehnten nun fortgesetzten historisch-kritischen Ausgabe von Droysens Historik ist es – so der Klappentext – &#8220;die über sechs Jahrzehnte (1826–1883) vollzogene Entwicklung von Droysens expliziter Theorie der historischen Wissenschaften und seines darin beschlossenen Konzepts der historisch-politischen Bildung&#8221; zu rekonstruieren.</span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;">Für die Kommunikations- und Medienwissenschaften ist diese Rekonstruktion in dreierlei Hinsicht von Bedeutung: erstens, weil die von Droysen im Kontrast zur Naturwissenschaft konzipierte geschichtswissenschaftliche Methodik als <em>konstitutiv für alle Geistes- und Kulturwissenschaften </em>gelten kann, also auch für die Disziplinen, denen <a href="http://www.rkm-journal.de" target="_blank">r:k:m</a> als Besprechungsraum dient, sofern sie sich als Kulturwissenschaften verstehen; zweitens, weil die Historik eine Systematik der historischen Quellen und ein Konzept des historischen Erzählens enthält, die für den <em>Geschichtsjournalismus</em> von hohem Interesse sind; und drittens, weil die <em>Vorlesung </em>selbst eine akademische <em>Kommunikationsform</em> ist, von der gerade in Zeiten eines Medienumbruchs, durch den Mündlichkeit und Visualität wachsende Bedeutung gewinnen, gelernt werden kann. Deshalb begnügen wir uns gerade bei dieser Rezension nicht mit einem schriftlichen Text, sondern nutzen auch die Audio-Potenziale des Online-Mediums.</span></p>
<p><a href="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2010/06/Warum-vergessener-Klassiker2.mp3" target="_blank">Audio: Horst Pöttker im Interview &#8211; Warum ist Droysen ein &#8220;vergessener Klassiker&#8221;?</a></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;"><strong>2. Geschichtlichkeit: Der Wert der Historik für die Kulturwissenschaften</strong></span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;"><strong> </strong></span><span style="font-size: 13.2px;"><a href="http://www.rkm-journal.de/archives/3282"><img class="alignleft size-full wp-image-3282" title="Droysen1" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2010/06/Droysen1.jpg" alt="" width="160" height="225" /></a>Beginnen wir mit der Historik als Quelle, um etwas über die konstitutive Besonderheit der Geistes- und Kulturwissenschaften – das methodologische Proprium – zu erfahren, das diese Disziplinen von den Natur- und Technikwissenschaften unterscheidet und auf ihr gesellschaftliches Erkenntnisinteresse hinweist. Aus dem speist sich, wenn sie es erfüllen, ihre Legitimität und letztlich ihre Existenz. Worin liegt für Droysen das Konstitutive der Geschichtswissenschaft? Als Kind des deutschen Idealismus nennt er es das Wesen der Geschichte. In der von Peter Leyh in Band 1 dokumentierten Historik-Vorlesung hat Droysen vom kulturellen Gewordensein und der Veränderbarkeit der Phänomene gesprochen, mit denen sich die Geschichtswissenschaft befasst – im Unterschied zur Naturwissenschaft, deren Gegenstände zwar ebenfalls geworden und veränderbar sind, aber auf ganz andere Weise und in ganz anderen zeitlichen Dimensionen.</span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;">Ziel und Methode der Geschichtswissenschaft sei nicht das Erklären, sondern das <em>Verstehen</em>. In Band 2, in dem Horst Walter Blanke &#8220;Texte im Umkreis der Historik&#8221; und ihrer Entstehungsgeschichte versammelt hat, liest man in Droysens Einleitung zu seinen Vorlesungen &#8220;Ueber den öffentlichen Zustand Deutschlands&#8221; von 1845:</span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;"><small>&#8220;Allerdings das Wesen der Geschichte ist, daß eben alles flüssig ist. Aber man hat eben nicht zu besorgen, daß in diesem Strom irgend etwas Wahrhaftes und Wesentliches verlorengehe. Jede der Ausprägungen des geistigen Daseins, welche die Geschichte gebracht hat, ist nach ihrem wahren Bestand unverloren; und eben darum ist die Geschichte zu betrachten lehrreich und erhebend, weil sie in mächtiger Continuität, in grandiosester Selbstkritik und im Kampf um gegenseitige Anerkennung und Beschränkung alle diejenigen Motive zeigt, welche endlich die Gegenwart erfüllen, zum Theil noch in heftigen Reibungen, zum Theil in ruhiger und beglückender Zuständlichkeit. Die Geschichte ist so eine Interpretation (…) der Gegenwart.&#8221; (Band 2.1, 314).</small></span><small></small></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;">Und in der Einleitung in seine Vorlesungen über &#8220;Deutsche Culturgeschichte vom Anfang des 18. Jahrhunderts&#8221; im Jahre 1841 hat Droysen über Sinn und Zweck der Geschichtswissenschaft gesagt:</span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;"><small>&#8220;Die Entwickelung der Menschheit zu erforschen ist ihre Aufgabe; je tiefer sie dieselbe durchdringt, desto mehr erkennt sie, daß die geschichtliche Erscheinung eben nur der Ausdruck und die Verkörperung von Gedanken (…) ist, in deren endlicher Erscheinung das Moment der Unzulänglichkeit, die Nothwendigkeit des Wechsels gegeben ist. Bei dieser tieferen Fassung der Geschichte ist es unmöglich, sich bei den äußeren Erscheinungen der sog. politischen Geschichte zu beruhigen, ist es ungenügend, wenn man die sog. Culturgeschichte als ein Anhängsel zu derselben betrachtet, etwa um das Kostüm der Zeit kennen zu lernen. (…) Sucht die Philosophie alle Sphären der Wirklichkeit zu subsumiren unter die ewigen Gesetze des Geistes und seiner logischen Entfaltung, betrachtet sie das Seiende gleichsam vom Himmel herab, aus der Vogelperspektive d[es]<strong> </strong>Begriffs, so geht die Geschichte daran, sich in diese Wirklichkeiten selbst zu versenken, in ihnen selbst die Momente ihres Wechsels zu finden, ihr ewiges Werden zu betrachten, zu sehen, wie sie von dem festen Grund des Seienden und Gegebenen aus sich höher u[nd] höher<strong> </strong>emporarbeiten. Sie umfaßt alle Richtungen des menschlichen Daseins, und erst in dieser Gesammtfülle der Betrachtung ist sie ihres Thuns gewiß.&#8221; (Bd. 2.1, 278f.)</small></span><small></small></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;">Sieht man davon ab, dass Droysen in der Geschichte selbst, also dem <em>Objekt</em> der Geschichtswissenschaft, eine Entwicklung voraussetzt, die die Vernunft auf immer höheren Stufen sich entfalten lässt – zieht man also das für seine Zeit typische, von Kant, Hegel und Marx geprägte objektivierend-teleologische Moment ab, das der Postmoderne spätestens seit dem Zusammenbruch der sich auf geschichtsphilosophische Utopien berufenden sozialistischen Diktaturen fremd geworden ist –, so leitet sich aus Droysens Historik eine erkenntnistheoretische Position zur Begründung der Kulturwissenschaften ab, die sich folgendermaßen umreißen lässt: Im Unterschied zu den Gegenständen der Naturwissenschaften, eben der Natur, die der Mensch vorfindet, bringt er die Gegenstände der Kulturwissenschaften, eben die Kultur, selbst hervor. Anders als Natur- sind Kulturphänomene daher nicht aus allgemeinen und unveränderlichen Gesetzmäßigkeiten zu erklären, sondern sie unterliegen einem permanenten Wandel und weisen auch – daran denkt der mehr an der Zeitdimension interessierte Historiker Droysen weniger – zwischen den menschlichen &#8220;Kulturen&#8221; (ein anderer Kulturbegriff!) mannigfache Unterschiede auf. Zu diesen Phänomenen zählen nicht nur materielle Schöpfungen wie Gebäude, Verkehrswege, Maschinen, Kleidung, Speisen, Gemälde, literarische Texte oder (technische) Medien, sondern auch die immaterielle Kultur, d. h. Religionen, Mythen, Ausdeutungen, Werte, Bräuche, Sitten- und Rechtsnormen, Arbeitstechniken und andere professionelle Standards, die Menschen fortwährend hervorbringen, indem sie handeln und dadurch die von ihnen vorgefundene Kultur verändern. Es ist das <em>hervorbringende Subjekt </em>mit seiner begrenzten, aber eben doch vorhandenen Freiheit und Verantwortlichkeit, das alle Kulturwissenschaften – anders als die Natur- und Technikwissenschaften – nicht übersehen dürfen.</span></p>
<p><a href="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2010/06/Horst-Pöttker-über-die-Unterschiede-zwischen-Phänomenen-der-Kultur-und-Naturwissenschaften9.mp3" target="_blank">Audio: Über die Unterschiede zwischen Kultur- und Naturwissenschaften</a><span style="font-size: 13.2px;"><br />
</span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;">Trotz der schier unerschöpflichen temporellen, kulturellen und auch positionellen Variabilität anthropogener Phänomene, die &#8220;Kulturwelten&#8221; bilden, ist es nicht nur möglich, sondern liegt im Interesse jeder Gesellschaft, Kulturwelten und ihre einzelnen Phänomene wissenschaftlich zu erforschen und dadurch zwar nicht kausal zu erklären und vorhersehbar zu machen, aber doch auszudeuten, zu interpretieren und insofern <em>intersubjektiv verständlich </em>werden zu lassen. Denn zumal in modernen, stark differenzierten Gesellschaften werden sich deren Handlungssubjekte erst auf der Grundlage rationaler und deshalb gemeinsam nachvollziehbarer Interpretationen über den Sinn von Kulturprodukten einig, weshalb Kulturwissenschaften für die Integration komplexer Sozialgebilde von entscheidender Bedeutung sind (vgl. Pöttker 2005). Jürgen Habermas hat diesen gesellschaftlichen Nutzen in seiner berühmten Frankfurter Antrittsvorlesung vom 28. Juni 1965 das &#8220;praktische Erkenntnisinteresse an Verständigung&#8221;<em> </em>genannt, dessen Befriedigung den von ihm treffenderweise so genannten historisch-hermeneutischen Wissenschaften obliegt (vgl. Habermas 1965).</span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;">Mit dieser Bezeichnung deutet Habermas in der Tradition Droysens an, dass die Geschichtswissenschaft, indem sie sich auf die konstitutive Eigenschaft der Gewordenheit, der temporellen Variabilität von Kulturphänomenen konzentriert, für die Geisteswissenschaften eine ähnlich zentrale Rolle spielt wie die Mathematik für die Naturwissenschaften. Nicht zufällig versammeln sich die Geistes- und Kulturwissenschaften in traditionsbewussten Universitäten der Schweiz noch heute in &#8220;philosophisch-historischen&#8221; Fakultäten, denen die weiteren Fächer der in der Neuzeit – im Zuge zunehmender Autonomie und Praxisferne des europäischen Wissenschaftssystems – aufgeblähten Philosophischen Fakultät des Mittelalters mit der Sammelbezeichnung &#8220;philosophisch-naturwissenschaftlich&#8221; oder &#8220;philosophisch-mathematisch&#8221; gegenüberstehen.</span></p>
<p><a href="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2010/06/Habermas-und-das-Erkenntnisinteresse-Bedeutung-der-historisch-hermeneutischen-Fächer-Bogenschlag-zur-Situation-heute-Folgen-der-Vernachlässigung-dieser-Fächer-Abmischung.mp3" target="_blank">Audio: Habermas und das Erkenntnisinteresse &#8211; die Bedeutung der historisch-hermeneutischen Wissenschaften<span style="font-size: 13.2px;"><br />
</span></a></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;">Bedenkt man die vergangenen viereinhalb Jahrzehnte Wissenschaftsentwicklung, die der Verfasser dieses Textes am eigenen Leib erfahren hat, drängt sich die These auf, dass das praktische Interesse an Verständigung zwischen den beiden anderen von Habermas 1965 genannten Erkenntnisinteressen – dem technischen an Effektivierung von Arbeit und dem emanzipatorischen an Mäßigung von Herrschaft – zerrieben wird. Auch weil nicht einmal die Geistes- und Kulturwissenschaften selbst sich ihrer gesellschaftlichen Bedeutung hinreichend bewusst sind, wird der sichtliche, teilweise eklatante Zerfall der Sozialintegration nur selten mit der ebenfalls sichtlichen, teilweise eklatanten Vernachlässigung der gern als &#8220;philosophisch&#8221; abgetanen Fächer in Zusammenhang gebracht.</span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;">Wenn sie dieser Misere entgegenwirken wollen, täten die Kommunikations- und Medienwissenschaften gut daran, sich an Droysen zu erinnern und weder die Methode des deutenden Verstehens noch die Teildisziplin der Kommunikations- und Mediengeschichte verkümmern zu lassen, die beide viel zur Verständigung über die gegenwärtige Medienwelt und gegenwärtige Kommunikationsverfassungen (etwa den prekären Zustand des Journalistenberufs) sowie Problemlösungen, die aus solcher Verständigung hervorwachsen können, beizutragen hätten. Das setzt freilich voraus, dass sich die Kommunikations- und Medienwissenschaften überhaupt noch als historisch-hermeneutische Disziplinen verstehen und im Bewusstsein behalten, was aus dem anthropogenen Charakter ihrer Gegenstände für ihre Methoden folgt. Zweifel daran erheben sich angesichts der Dominanz eines quantitativ-nomologischen Paradigmas, das in der Kommunikationswissenschaft mehr an Ökonomie und Organisationswissenschaften, in der Medienwissenschaft mehr an die Naturwissenschaften angelehnt ist. Eine Dominanz, die Gerhard Maletzke schon Mitte der 1990er Jahre festgestellt hat und die seitdem gewiss nicht verschwunden ist (vgl. Maletzke 1997: 115, 118).</span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;"><a href="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2010/06/Bedeutung-der-Geschichtswissenschaft-für-die-Kulturwissenschaft.mp3" target="_blank">Audio: Über die Bedeutung der Geschichtswissenschaft für die Kulturwissenschaft</a></span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;"><br />
</span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;"><strong>3. Lebensdienlichkeit: Der Wert der Historik für den Geschichtsjournalismus</strong></span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;"><strong> </strong></span><span style="font-size: 13.2px;">Kommen wir zu den für den Geschichtsjournalismus interessanten Aspekten von Droysens Werk. Seine Systematik der historischen Quellen, mit der sich eine – nicht zuletzt für Qualitätsjournalismus charakteristische – quellenkritische Haltung begründen und differenzieren lässt, ist Droysens bis heute am stärksten beachtete Leistung. Er unterscheidet &#8220;Überreste&#8221; der Vergangenheit, d. h. authentische Verhaltensspuren, zu deren Fülle auch immaterielle menschliche Hervorbringungen wie Werte und Normen oder Sprache gehören können, von &#8220;Denkmälern&#8221;, bei deren Hervorbringung bereits die Absicht bestand, dauernde Erinnerungen zu ermöglichen, und schließlich &#8220;Quellen&#8221;, durch die Erinnertes überliefert wird (Bd. 1, 400f.).</span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;">Raul Hilberg hat sich in seiner didaktisch und journalistisch besonders brauchbaren, durch zahlreiche Beispiele veranschaulichten Analyse der Quellen für die Erforschung des nationalsozialistischen Völkermords an den Juden im Wesentlichen an Droysens Typologie gehalten, für ähnliche Begriffe nur andere Bezeichnungen gewählt (vgl. Hilberg 2002). &#8220;Überreste&#8221; heißen bei ihm &#8220;Dokumente&#8221;, und wo Droysen – heute missverständlich – in der von ihm gemeinten engeren Bedeutung &#8220;Quellen&#8221; sagte, spricht Hilberg von &#8220;Zeugnissen&#8221; oder &#8220;(Lebens-)Erinnerungen&#8221; (vgl. ebd.: 50). Aber schon in Droysens handschriftlichem Konzept von 1857/58 steht in § 20 unter dem Rubrum &#8220;Quellen&#8221; der bemerkenswerte Satz: &#8220;Jede Erinnerung, solange sie nicht äußerlich fixiert ist, lebt und wandelt sich mit dem Vorstellungskreise derer, die sie pflegen.&#8221; (Bd. 1, 401) Das sollte sich hinter die Ohren schreiben, wer &#8211; was Journalisten besonders gerne tun &#8211; an die besondere Authentizität von Zeitzeugen und &#8220;oral history&#8221; glaubt.</span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;">Zur journalistischen Frage, wie sich &#8220;Geschichte&#8221;, genauer: die Ergebnisse historischer Forschung, in Medien so darstellen lassen, dass es beim Publikum ankommt, fällt an dem von Peter Leyh vor über drei Jahrzehnten herausgegebenen, die Entwicklung der Historik-Vorlesung rekonstruierenden Band 1 zunächst auf, dass Droysen die Frage der <em>Präsentation </em>von geschichtswissenschaftlichen Einsichten keineswegs für nebensächlich hielt, sondern in wachsendem Maße für ein geradezu konstitutives Moment seines Faches. Das ist schon daran zu erkennen, dass er diese Frage in den ersten Fassungen von 1857/58 unter den Überschriften &#8220;Die Apodeixis&#8221; oder &#8220;Die Darstellung&#8221; in einem Unterabschnitt der &#8220;Methodik&#8221; behandelte, während er ihr in der letzten, 1882 als &#8220;Grundriß der Historik&#8221; gedruckten Fassung neben der &#8220;Methodik&#8221; und der &#8220;Systematik&#8221; einen dritten Hauptabschnitt unter dem Titel &#8220;Die Topik&#8221; widmete (Bd. 1, 445–450). Auf diesen Text bezieht sich das Folgende.</span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;">Am Anfang des Hauptabschnitts nennt Droysen den <em>Grund</em>, warum auch die Frage nach der Art und Weise, wie ihre Ergebnisse dargestellt werden, für die Forschung der Geisteswissenschaften, zumal der Geschichtswissenschaft, grundlegend ist: &#8220;§ 87 Wie alles, was unseren Geist bewegt, den entsprechenden Ausdruck fordert, in dem er es sich gestalte, so bedarf auch das historisch Erforschte Formen der Darlegung (…), damit sich an ihnen die Forschung gleichsam Rechenschaft gebe von dem, was sie gewollt und erreicht hat.&#8221; (Bd. 1, 445) Indem sie der historisch-hermeneutischen Forschung den Spiegel vorhält, in dem sich diese selbstkritisch betrachten und überprüfen kann, wird die Darstellungsweise selbst zu einem unverzichtbaren Teil der Forschung. Das Gelingen jedes auf Verstehen angelegten Interpretierens bemisst sich in einem intersubjektiven Prozess, steht und fällt also mit der <em>kommunikativen Qualität der Darstellung</em>. Unter Geistes- und Kulturwissenschaftlern ist es fast banal, dass Forschung sich erst im Vollzug der Formulierung und der Diskussion des Formulierten vollzieht.</span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;">Deshalb und weil das Erkenntnisinteresse an Verständigung sich nur über kommunikative Prozesse der Auseinandersetzung mit und Aneignung von Erkenntnissen erfüllen lässt, gilt für die historisch-hermeneutischen Disziplinen in besonderer Weise, dass <em>Forschung und Lehre zusammengehören</em>. Forschung ist hier Lehre und Lehre Forschung; der gesellschaftliche Nutzen dieser Fächer, die kulturelle Verständigung, ist an die Qualität ihrer Lehre und ihrer Präsenz in der – vor allem durch Journalismus herzustellenden – Öffentlichkeit auch über die Hochschulen hinaus gebunden. Das gilt nicht zuletzt für die Kommunikations- und Medienwissenschaften, die die bissige Bemerkung, gerade ihnen mangele es oft an der kommunikativen Qualität ihrer Sprache, nicht auf die leichte Schulter nehmen sollten.</span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;">Droysens zweiter grundlegender Gedanke betont, dass die historische Darstellung – und damit eben auch die Geschichtswissenschaft selbst, wenn sie das Publikum interessieren und so ihren gesellschaftlichen Nutzen, ihre Lebensdienlichkeit verwirklichen soll – Vergangenheit(en) nicht für sich zu betrachten, sondern mit der Gegenwart in Verbindung zu bringen habe:</span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;"><small>&#8220;§ 88 (…) Denn die Forschung, die von der Gegenwart aus und aus gewissen in ihr vorhandenen Elementen, die sie als historisches Material benutzt, Vorstellungen von Vorgängen und Zuständen der Vergangenheiten zu gewinnen weiß, ist beides zugleich: Bereicherung und Vertiefung der Gegenwart durch Aufklärung ihrer Vergangenheiten, und Aufklärung über die Vergangenheiten durch Erschließung und Entfaltung dessen, was davon oft latent genug noch in der Gegenwart vorhanden ist.&#8221; (Bd. 1, 445)</small></span><small></small></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;">Droysen könnte damit der Urheber der Idee von der Lebensdienlichkeit der Geschichte durch Gegenwartsbezug sein, die im 19. Jahrhundert Friedrich Nietzsche in seiner zweiten Unzeitgemäßen Betrachtung (vgl. Nietzsche 1937) und in unseren Tagen einige Theoretiker des historischen Erzählens ausgebaut haben, allen voran Jörn Rüsen, für den der erste, 1977 erschienene Band eine wohl für die ganze Historik-Ausgabe gedachte Widmung trägt. Es ist naheliegend, dass diese Idee besonders für Geschichtsjournalisten attraktiv ist, die ja wie alle Journalisten – im Unterschied zu Wissenschaftlern, auch Historikern – unter der Forderung ihres professionellen Gebots zur <em>Aktualität </em>stehen. Um dieses Qualitätsgebot zu erfüllen, gibt es für Geschichtsjournalisten trotz unterschiedlich großer zeitlicher Distanzen zu ihrem Objektbereich ein probates Mittel: Auswahl historischer Themen <em>nach Maßgabe aktueller Probleme</em> und – in der Darstellung – <em>Verknüpfung </em>dieser Themen mit gegenwärtigem Geschehen (vgl. Pöttker 1997).</span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;">Droysen denkt an der zitierten Stelle an einen genetischen Modus solcher Verknüpfung, bei dem die Gegenwart als etwas <em>aus der Vergangenheit Hervorgegangenes</em> betrachtet wird. Seine Nachfolger in der Kritik des positivistischen, auf Historisierung pochenden Paradigmas kennen noch andere Wege, um den lebensdienlichen Gegenwartsbezug herzustellen. Der traditionale, historische Momente mythologisierende kommt weder für den an das Wahrheitskriterium gebundenen Geschichtsjournalismus noch für die moderne Geschichtswissenschaft infrage. Aber Nietzsche nennt noch den monumentalischen, Rüsen den exemplarischen oder analogischen Typus (vgl. Rüsen 1990: 172), bei dem Ähnlichkeiten zwischen Gegenwart und Vergangenheit als ihr verbindendes Moment fungieren. Und Nietzsche wie Rüsen kennen die von beiden so genannte &#8220;kritische&#8221; Variante, bei der Gegenwart und Vergangenheit durch Kontrastbildung zueinander in Beziehung gesetzt werden.</span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;"><a href="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2010/06/Was-können-Geschichtsjournalisten-von-Droysen-lernen.mp3" target="_blank">Audio: Was Geschichtsjournalisten von Droysen lernen können</a><br />
</span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;">Alle drei Modalitäten, Vergangenheit aktuell zu machen, die <em>genetische</em> wie die <em>analogische </em>und die <em>kritische</em>, stehen Geschichtsjournalisten offen. Nur sollten sie sich beim einzelnen Produkt für eine von ihnen entscheiden und dies für das Publikum auch erkennbar machen, um den per se falschen Anspruch zu vermeiden, ihre Darstellung sei objektiv. Dafür gewinnt sie an Prägnanz. Droysen, der übrigens in etlichen seiner Schriften &#8220;im Umkreis der Historik&#8221; Sympathien für das Prinzip Öffentlichkeit (&#8220;Publicität&#8221;) und die dafür zuständige Presse bekundet, der er sogar Ratschläge gibt (vgl. z. B. Bd. 2.1, 274), womit er sich auch als Kind der Aufklärung erweist, hat die <em>Kritik an (be)trügerischer Objektivierung</em>, also am Positivismus, im Abschnitt zur Darstellungsweise (&#8220;Die Topik&#8221;) so formuliert:</span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;"><small>&#8220;(…) immer, welche Form auch für die Darstellung der gewonnenen Ergebnisse der Forschung gewählt werden mag, diese Darstellung wird dem Sein der Dinge, wie es in ihrer Gegenwart und den damals Lebenden und Handelnden erschien, nur zum Teil, in gewisser Weise, nach gewissen Gesichtspunkten entsprechen können und wollen (darin kartographischen Darstellungen analog). (…) Lange hat sich die historische Darstellung damit begnügt, die in mündlichen und schriftlichen Quellen vorhandenen Auffassungen in mehr oder weniger neuer Auffassung wieder zu erzählen; und die so gewonnene Illusion von überlieferten Tatsachen hat dann dafür gegolten, die Geschichte zu sein (…). Erst seit man auch die Denkmäler und Überreste als historisches Material erkannt und methodisch zu benutzen begonnen hat, ist die Erforschung der Vergangenheiten tiefer eingedrungen und sicher begründet. Und mit der Erkenntnis der unermeßlichen Lücken unseres historischen Wissens, welche die Forschung noch nicht oder nicht mehr auszufüllen vermag, erschließen sich immer weitere Weiten der Bereiche, mit denen sie zu tun hat (…). Die Darlegung des Erforschten wird in dem Maße richtiger sein, als sie sich ebenso dessen bewußt ist, was sie nicht weiß, als dessen, was sie weiß (…).&#8221; (Bd. 1, 445f.)</small></span><small></small></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;">Droysen setzt auf die für Geschichtswissenschaft wie Geschichtsjournalismus gleichermaßen wichtige Einsicht, dass Objektivität oder, emphatisch ausgedrückt, Wahrheit<em> mit der einzelnen Darstellung </em>nicht zu realisieren ist, weil sich über Lücken, über das Nicht-Erkannte und Nicht-Kommunizierte im Verhältnis zum Erkannten und Kommunizierten schlechterdings nichts aussagen lässt; gleichzeitig hält er aber auch einen auf Wahrheit gerichteten intersubjektiven, auf Öffentlichkeit angewiesenen Erkenntnis<em>prozess</em> für möglich und nötig, der sich dadurch stimulieren lässt, dass man in der einzelnen Darstellung die subjektive Selektivität des Ausgesagten und die dahinter steckenden Auswahlkriterien, also die Darstellungsweise, zu erkennen gibt.</span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;">Durch das Festhalten an der Idee eines durch Subjektivitätseingeständnisse in Gang zu haltenden Erkenntnisfortschritts distanziert Droysen sich von dem in Beliebigkeit ausartenden Relativismus, der paradoxerweise sowohl für radikal positivistische wie radikal konstruktivistische Positionen charakteristisch ist. In der von Leyh aus den Handschriften rekonstruierten ersten vollständigen Fassung der Historik-Vorlesung von 1857 gibt Droysen seine Antwort auf die Frage, was die Geschichtswissenschaft leisten kann und was nicht:</span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;"><small>&#8220;Sie ist darin empirisch, daß Seiendes und Gegebenes das Material ihrer Forschung ist; sie ist darin exakt, daß sie aus diesem Material in richtigen Syllogismen ihre Ergebnisse gewinnt, nicht aus hypothesierten Anfängen ableitet, daß sie das, was sie empirisch vor sich hat, nicht aus ersten Keimen oder Ursprüngen, die sie <em>nicht </em>empirisch vor sich hat, zu erklären unternimmt.&#8221; (Bd. 1, 162)</small></span><small></small></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;">Und an anderer Stelle desselben Textes heißt es:</span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;"><small>&#8220;Kein Forschender wird sich erdreisten zu sagen, daß er diese unermeßliche Fülle von Dingen umspanne. Aber er muß sich klarmachen, daß er im Zusammenhange einer unermeßlichen Arbeit steht, und daß er wie jeder in dieser langen Kette langsam vorrückender Arbeiter seine Stelle, seinen pflichtmäßigen Posten hat, daß andere sich auf ihn verlassen, wie er sich auf andere verlassen muß. Wer eines einzelnen Mannes Leben, eine einzelne Institution, ein Zeitalter usw. zu seinem Studium ausersehen, – er erinnere sich, daß er ein Teilchen einer großen Arbeit macht, und daß auch dies Teilchen nur in solchem Zusammenhang seinen Wert, seine Wahrheit hat.&#8221; (Bd. 1, 63)</small></span><small></small></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;">Mir scheint es nicht übertrieben, Droysen als Vorläufer der Methodologie des Kritischen Rationalismus in der Geschichtswissenschaft zu bezeichnen, als einen Historiker, der Karl R. Poppers Kritik am Historismus (vgl. Popper 1965) bereits im 19. Jahrhundert antizipiert hat, indem er wie dieser die Möglichkeit ausgeschlossen hat, mit dem Schiff der kultur- und sozialwissenschaftlichen Erkenntnis jemals in einen sicheren Hafen gelangen zu können. Wohl aber sah er die Möglichkeit, dieses Schiff auf Kurs in Richtung wahrer, realitätsadäquater Erkenntnis zu halten, indem man es fortwährend auf hoher See repariert und umbaut (vgl. Popper 1966).</span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;">Anders als nach ihm Nietzsche und Rüsen, deren Typologien der Gegenwartsbezüge sich am Kriterium von deren <em>inhaltlicher </em>Struktur orientieren, unterscheidet Droysen vier Modelle der Präsentation historischer Erkenntnis nach deren <em>Vorgehensweise</em>:</span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;"><span style="font-size: 13.2px;">a) Die<em> untersuchende Darstellung</em>, die einen Forschungsvorgang abbildet, um dessen Resultat publikumsattraktiv mitzuteilen und deren kommunikative Qualität auf dem Aufbau von Spannung beruht. Dabei muss es sich nicht um den tatsächlich abgelaufenen Forschungsprozess handeln. &#8220;Sie ist nicht ein Referat oder Protokoll von dem Verlauf der wirklichen Untersuchung mit Einschluss ihrer Fehlgriffe, Verirrungen und Erfolglosigkeiten [das erinnert wieder an Popper!], sondern sie verfährt, als sei das in der Untersuchung endlich Gefundene noch erst zu finden oder zu suchen. Sie ist eine Mimesis des Suchens oder Findens (…).&#8221; (Bd. 1, 446)</span></span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;">b) Die<em> erzählende Darstellung</em>, die den Entstehungsprozess des Forschungsgegenstandes abbildet: &#8220;Nur scheinbar sprechen hier die &#8216;Tatsachen&#8217; selbst, allein, ausschließlich, &#8216;objektiv&#8217;. Sie wären stumm ohne den Erzähler, der sie sprechen läßt. Nicht die &#8216;Objektivität&#8217; ist der beste Ruhm des Historikers. Seine Gerechtigkeit ist, daß er zu verstehen sucht.&#8221; (Bd. 1, 446f.) Da dies das zentrale, weil die konstitutive Eigenschaft der Gewordenheit von Kulturphänomenen betonende Modell ist, fächert Droysen diesen &#8220;erzählenden&#8221; Typus weiter auf in eine &#8220;pragmatische&#8221;, eine &#8220;monographische&#8221;, eine &#8220;biographische&#8221; und schließlich eine &#8220;katastrophische&#8221; Darstellungsweise (vgl. Bd. 1, 447).</span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;">c) Die <em>didaktische Darstellung</em>, die das Erforschte gemäß dem von Droysen bevorzugten Typus des genetischen Gegenwartsbezugs in eine geschichtliche Kontinuität stellt und dadurch Lernstoff für die Gegenwart bereitstellt, dass sie deren Ursprünge in der Vergangenheit zeigt: &#8220;Lehrhaft ist die Geschichte nicht, weil sie Muster zur Nachahmung oder Regeln für die Wiederanwendung gibt, sondern dadurch, daß man sie im Geiste durchlebt und nachlebt&#8221; (Bd. 1, 447).</span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;">d) Die <em>diskussive Darstellung</em>, die eine Fülle erforschter historischer Aspekte auf eine aktuelle politische Frage fokussiert, um deren Diskussion anzureichern und vor Dogmatisierung zu schützen: &#8220;Jeder Staat hat seine Politik, innere wie äußere. Die Diskussion – auch in der Presse, im Staatsrat, im Parlament – ist um so zuverlässiger, je historischer sie ist, um so verderblicher, je mehr sie sich auf Doktrinen, auf idola theatri, fori, specus, tribus gründet.&#8221; (Bd. 1, 449)</span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;">Droysen war mit den ideologiekritischen Schriften Francis Bacons vertraut (vgl. Bacon 1990 sowie Krohn 2006). Wie sehr es ihm darauf ankam, dass auch die Geschichtswissenschaft und im weiteren Sinne alle historisch-hermeneutischen Geistes- und Kulturwissenschaften auf ihren sozialen Nutzen achten und dass sie diesen gegenüber der Gesellschaft, die ihn zu Recht einfordern kann, nachzuweisen verpflichtet sind, geht aus der Nachbemerkung hervor, die ihm zu der diskussiven Präsentationsweise einfällt:</span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;"><small>&#8220;Mit der letztgenannten Darstellungsform tritt unsere Wissenschaft in die weiten Gebiete ein, in denen sie nicht unterlassen darf, auch ihre Kompetenz zu begründen, – in gleicher Weise wie die Naturwissenschaften kein Bedenken tragen, ihre Geltung so weit zu betätigen, wie ihre Methoden sich verwendbar zeigen. (…) erst die ganze Fülle von Durchlebungen und Steigerungen, die sich in der Kontinuität der Geschichte summiert hat, gibt den da forschenden Geistern die Höhe und den Umfang ihrer Anschauungen und Gedanken, um so zu beobachten und zur Frage zu stellen, so zu kombinieren und zu schließen.&#8221; (Bd. 1, 449)</small></span><small></small></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;">Im Grunde ist Droysen mit seiner Typologie von <em>Darstellungsweisen </em>näher am Geschichtsjournalismus als später Nietzsche und heute Rüsen mit ihren an der <em>Struktur des Gegenwartsbezugs </em>orientierten Unterscheidungen von historischen Erzählweisen. Denn Droysen macht <em>kommunikative Prinzipien</em>, die unter Umständen auch ohne das Zwischenglied der Aktualität das Ankommen des Dargestellten beim Publikum erleichtern und die wir auch sonst als konstitutive Momente journalistischer Darstellungsweisen kennen, zu Kriterien seiner Unterscheidungen: Bei der untersuchenden Darstellung die <em>Spannung</em>, bei der biografisch-erzählenden Darstellung die <em>Personalisierung</em>, bei der diskussiven Darstellung die <em>Attraktivität der Interaktion</em> usw.</span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;"><br />
</span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;"><strong>4. Eine Vorlesung: Der Wert der Historik für Wissenschafts-kommunikation und Kommunikationswissenschaft</strong></span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;"><strong> </strong></span><span style="font-size: 13.2px;"><a href="http://www.rkm-journal.de/archives/3284"><img class="alignleft size-full wp-image-3284" title="Droysen2" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2010/06/Droysen2.jpg" alt="" width="160" height="226" /></a>Schließlich ist die Historik für die Kommunikations- und Medienwissenschaften aktuell, weil Droysen sie nicht als (Lehr-)Buch konzipiert und realisiert hat, was im 19. Jahrhundert durchaus möglich gewesen wäre, sondern als <em>Vorlesung</em>, d. h. als akademische Kommunikationsform, bei der <em>Anwesenheit</em> und <em>Mündlichkeit </em>als medialer Humus von Interaktivität, Spontaneität und Authentizität wirken und die Variabilität in der Zeitdimension, die Gewordenheit und Veränderbarkeit, die für alle Kulturproduktion charakteristisch ist, in besonderer Weise zum Ausdruck gebracht wird. Auch wenn Droysen Abrisse seiner Erkenntnistheorie der Geschichts- und darüber hinaus der ganzen Kulturwissenschaft zwischendurch und am Ende in Druck gebracht hat: es ist gut möglich, dass er die Form der Vorlesung wegen ihrer didaktischen und kommunikativen Vorteile bewusst gepflegt und absichtlich darauf verzichtet hat, seine Theorie jemals in ihrer ganzen Konkretion durch Details und Beispiele in Buchform festzuhalten. Leyh musste die erste vollständige Fassung im Band 1 mühsam aus den überlieferten handschriftlichen Manuskripten rekonstruieren, und Blanke steht mit den späteren Veränderungen für den noch nicht erschienenen, die Ausgabe in Zukunft krönenden Band 3 Ähnliches bevor.</span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;">In Droysens Gesamtwerk finden sich Passagen, in denen er sich nahezu emphatisch gegen die Vorstellung wendet, Historiker hätten nur gelehrte Bücher zu verfassen, und in denen er der Wissenschaft Respekt vor den Kommunikationsbedürfnissen des großen Publikums empfiehlt:</span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;"><small>&#8220;Ein Kollege riß neulich Nase und Mund auf, als er hörte, daß ich in der Historik auch der publizistischen Tätigkeit ihre Stelle anweise; er meinte mit Gervinus, daß man Historie nur studiere, um historische Bücher zu schreiben. Ich meine das gar nicht.&#8221; (Bd. 2.2, 397f.)</small></span><small></small></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;">Und an anderer Stelle, an der er sich ausdrücklich mit dem akademischen Genre der Vorlesung befasst, preist er dessen Verbindung mit praktischen Übungen, weil erst die konkrete Auseinandersetzung mit den Studierenden den (Geschichts-)Professor vor dogmatischer Erstarrung bewahre und dazu bringe, den in der Vorlesung dargebotenen Stoff den Bedürfnissen der Hörer anzupassen. Durch die Übungen gewinne</span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;"><small>&#8220;der Vortragende selbst (…) für seine Vorträge ein anderes Maaß; er wird es unthunlich finden, heut wie vor zwei, vier, sechs Jahren dieselben Sachen in denselben Formen vorzutragen; er wird die Freude und das Bedürfniß sehen, für die ihm so Entgegenkommenden – denn er kennt sie und ihr Arbeiten von den Uebungen her – das jedesmal Angemessene und bald für diesen, bald für jenen etwas, das ihm gerade förderlich sein kann, gelegentlich zu sagen. Er wird in den Uebungen mit den einzelnen verkehrend eine stete Controlle seiner academischen Vorträge und ihrer Wirkungen haben; und indem in den Uebungen von den Lernenden gleichsam die Initiative ausgeht, wird er sich ihnen gegenüber ohne den Nimbus seiner academischen Würde und die Unfehlbarkeit des Katheders mit seinen Stärken und auch seinen Schwächen im Wissen nur um so lebendiger mitbetheiligt fühlen. Und so ergiebt sich das wahre Verhältniß[,] das (…) zwischen dem Lehrer und dem Lernenden sein muß. Er arbeitet gemeinsam mit seinen jüngeren Freunden. Sie anregend wird er von ihnen nicht mindere Anregung empfangen; er wird mit ihnen und für sie weiter lernen. Und nur so lange man weiter lernt, kann man lehren.&#8221; (Bd. 2.2, 501)</small></span><small></small></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;">Indem Droysen Unmittelbarkeit und Wechselseitigkeit als entscheidende Vorteile des Seminars und der Vorlesung gegenüber dem Buch, der Mündlichkeit gegenüber der Schriftlichkeit in der Wissenschaftskommunikation hervorhebt, erweist sich seine Praxis der akademischen Lehre, die die Ausgabe von Leyh und Blanke als gedrucktes Surrogat zwangsläufig nur unvollkommen zu rekonstruieren vermag, gerade für die Kommunikations- und Medienwissenschaften als lehrreiches wissenschaftsgeschichtliches Modell. Werden doch von diesen Fächern unter dem modischen, aber ungenauen Rubrum &#8220;Web 2.0&#8243; neue Potenziale der Interaktivität und Spontaneität in der Massen- und Individualkommunikation</span> als signifikante Merkmale der digitalen Revolution erkannt.</p>
<p><a href="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2010/06/Bedeutung-der-Vorlesung-in-der-Wissenschaft.mp3" target="_blank">Audio: Die Bedeutung der Vorlesung als akademische Kommunikationsform</a></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;">Neu sind diese Potenziale freilich nur in der Fernkommunikation zwischen Abwesenden. Zwischen Anwesenden sind, wie eben das klassische Genre der akademischen Vorlesung zeigt, Dynamik und Variabilität, Unmittelbarkeit und Wechselseitigkeit der Kommunikation schon immer möglich gewesen. Die scharfe Trennung von privater und öffentlicher, Individual- und Massen-Kommunikation hat es hier nie gegeben. Es erscheint deshalb obsolet, ja schädlich, in der Hochschuldidaktik auf die intensive Verwendung digitaler Medien zu setzen, solange Anwesenheit von Lehrenden und Lernenden vorausgesetzt werden kann. Weil Vermittlung durch technische Medien, so viel neue Interaktivität und Spontaneität diese auch erlauben mögen, stets mit einem <em>relativen Mangel</em> an den von Droysen in Theorie und Praxis der akademischen Lehre akzentuierten Qualitäten behaftet bleibt, lohnt es sich gerade in den Geistes- und Kulturwissenschaften, deren gesellschaftlicher Nutzen von der Qualität ihrer Lehre abhängt, für das von defizitären öffentlichen Ressourcen bedrohte Prinzip der <em>Anwesenheit</em> in der Hochschuldidaktik zu kämpfen.</span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;">Andererseits ist nicht absehbar, auch in den Kommunikations- und Medienwissenschaften nicht, dass der Typus der durch Druck oder auf digitale Weise fixierten <em>Schriftpublikation</em> seine Bedeutung als <em>dominierendes Medium der Forschungskommunikation </em>und akademischen Qualifikation einbüßt. Im Gegenteil, die Flut schriftlicher Veröffentlichungen scheint auf der technischen Plattform Internet weiter anzuschwellen. Diese Praxis könnte durch die neuen audio-visuellen Medienpotenziale erweitert werden. Droysens Vorlesung, die von der Mündlichkeit des Vortrags gelebt hat, ließ sich nur durch Manuskripte überliefern und kann nur aus diesen schriftlichen &#8220;Überresten&#8221; wiederum schriftlich rekonstruiert und in Druckform für die geschichtstheoretische Forschung aufgearbeitet werden. Im 20. Jahrhundert sind Schrift und Druck durch neue Medien ergänzt worden, die Töne und bewegte Bilder speichern und übertragen und heute auf einer digitalen Grundlage stehen. Damit haben sich die Darstellungs-, Rezeptions- und Speicherungspotenziale auch in der Wissenschaft erheblich erweitert, was gerade von den historisch-hermeneutischen Fächern noch zu wenig genutzt wird.</span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;">Heute wäre es möglich, die 17 Varianten von Droysens Historik-Vorlesung digital aufzuzeichnen und zu überliefern, um ihre Entwicklung auch anhand der nicht schriftlich fixierten und sogar nonverbalen Anteile rekonstruierbar zu halten; und diese Rekonstruktion selbst könnte nicht schriftlich fixierte und sogar nonverbale Komponenten enthalten, die sich wiederum festhalten und tradieren ließen.</span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;">Die Zeit-&#8221;Schrift&#8221; <a href="http://www.rkm-journal.de" target="_blank">r:k:m</a> unternimmt mit Audiokommentaren wie bei dieser Klassikerrezension den Versuch, in Ergänzung zu den schriftlichen Buchbesprechungen auch die audio-visuellen Potenziale der Medienplattform Internet für die Wissenschaftskommunikation zu nutzen.</span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;"><strong>5. Theorie oder Philologie? Zur Ausgabe von Leyh und Blanke</strong></span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;"><strong> </strong></span><span style="font-size: 13.2px;">Was die Edition betrifft, ist zunächst der Mut des Verlags zu bewundern, das Projekt nach einer Unterbrechung von drei Jahrzehnten mit einem anderen Bearbeiter wieder aufzugreifen. In dieser langen Zeit haben nicht nur der digitale Medienumbruch, sondern auch (zumindest relativ) schrumpfende Erwerbungsetats das (akademische) Bibliothekswesen umgepflügt, hat neben anderen historisch-hermeneutischen Disziplinen auch die Geschichtswissenschaft (weiter) kulturelles Terrain verloren. Gepolstert wird das Wagnis des Verlags, erneut mit der akribischen Rekonstruktion des erkenntnistheoretischen Hauptwerks eines weithin vergessenen Historikers des 19. Jahrhunderts herauszukommen, allenfalls durch den Umstand, dass – jedenfalls gegenwärtig – keine wohlfeile Ausgabe der Historik im Buchhandel erhältlich ist.</span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;">Jörn Rüsen, der schon seine Dissertation in den 1960er Jahren der Geschichtstheorie Droysens gewidmet hatte, konnte hier als Spiritus rector wirken. Seiner  Beharrlichkeit ist die Fortsetzung der historisch-kritischen Ausgabe der Historik zu verdanken. Fraglich ist freilich, ob Rüsen in einem Vorwort ähnlich wie Leyh 1977 und Blanke heute darauf verzichten würde, die wissenschaftspolitische und gesellschaftliche Relevanz der Historik-Ausgabe zu reflektieren. Angesichts des Umstands, dass Droysens wie Rüsens Konzeption die Überzeugung zugrunde liegt, Geschichtswissenschaft müsse lebensdienlich sein, mutet diese Abstinenz befremdlich an.</span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;">Leyh hat 1977 immerhin erwähnt, dass Günter Birtsch 1972 in einer gemeinsam mit Rüsen veranstalteten Ausgabe von Droysen-Texten den Wunsch nach einer historisch-kritischen Gesamtausgabe der Historik geäußert hatte, &#8220;dem diese Edition nun Rechnung tragen soll.&#8221; (Bd. 1, XVI) Aus Leyhs umfangreichem Vorwort scheint mehr inhaltliche Partizipation an Droysens Gedankenwelt hervorzugehen als aus Blankes etwas frugalem, auf die Editionstechnik beschränktem Vorwort, wo die theoretische Verortung der edierten Texte auf die Zukunft und in eine Anmerkung verschoben wird, in der der Autor eigene Arbeiten zu anderen Geschichtstheoretikern des 18. und 19. Jahrhunderts aufführt. Dadurch erscheint diese &#8220;Verortung&#8221; mehr als eine textkritisch-philologische Forschermühe zur Geschichte der Geschichtsdidaktik als eine intellektuelle Aufgabe.</span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;"><a href="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2010/06/Entstehung-der-Bände-Unterschiede.mp3" target="_blank">Audio: Über die Entstehung der Historik-Bände</a><br />
</span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;">Kein Buch, auch keine historisch-kritische Ausgabe, ist völlig frei von dem, was früher &#8220;Druckfehler&#8221; genannt wurde. Das gilt zumal in Zeiten der elektronisch gestützten Literaturproduktion. Hier sind es bemerkenswert wenige, und sie sind von geringer Bedeutung. Was aber bei der Lektüre gelegentlich stört, sind heute falsch erscheinende, teilweise sogar sinnentstellende Schreibungen, die beide Herausgeber, Blanke wie Leyh, mit der philologischen Pedanterie, zu der eine historisch-kritische Ausgabe verpflichtet ist, aus Droysens Handschriften übernommen haben.</span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;">Dass der seit 2007 in zwei Teilbänden vorliegende Band 2 sich von einer positivistischen Arbeitsweise weniger fernhält als der 1977 erschienene Band 1, worin möglicherweise Zeittypisches zum Ausdruck kommt, zeigt sich auch an der Auswahl der Texte. Wenn in Teilband 2.1 frühe Gedichte und private Briefe Droysens, bei denen der Herausgeber selbst eine zu großzügige Auswahl für möglich hält (vgl. Bd. 2.1, XV), dennoch der Publikation für Wert befunden werden, zeugt das ähnlich wie die ausführlichen schreibtechnischen Erläuterungen zu den fünf Handschriften-Faksimiles mehr von Affinität zu Materialreichtum und von Akribie als von theoretischem Interesse.</span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;">Eine gewisse, in dieselbe Richtung weisende Divergenz zwischen den beiden diachron voneinander getrennten Herausgebern zeigt sich auch daran, dass Leyh mit Band 1 den Schwerpunkt auf die handschriftliche Fassung der Vorlesung von 1857 gelegt hat, die die systematisch-geschichtsphilosophischen Anteile, welche im Zuge der zunehmenden Anpassung an die Lehrpraxis später ausgedünnt wurden, vollständig enthält, während Leyh nach einem zweiten Band &#8220;Materialien zur Entwicklungsgeschichte von Droysens Theorie der Geschichtswissenschaft&#8221;, den Blanke in &#8220;Texte im Umkreis der Historik&#8221; umbenannt hat, in Band 3 nur noch einen philologischen Apparat bieten wollte. Blanke dagegen will in seinem geplanten, vom Verlag angekündigten dritten Band, wiederum in zwei Teilbänden, nun auch noch eine vollständige &#8220;Historik letzter Hand&#8221; aus &#8220;den spätesten auto- und apographischen  Überlieferungen der <em>Historik</em>-Vorlesungen&#8221; (Klappentext zu Bd. 2.1) rekonstruieren, darunter wohl auch einer Mit- oder Nachschrift des Studenten Friedrich Meinecke.</span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;">Leyh hat die Rekonstruktion einer &#8220;Historik letzter Hand&#8221; 1977 ausdrücklich abgelehnt, hauptsächlich mit dem Argument, die &#8220;Systematik&#8221; sei &#8220;im Kolleg von 1882/83 sehr stiefmütterlich behandelt&#8221; worden:</span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;"><small>&#8220;Es gilt (…), an der eigentlichen Intention Droysens, wie sie im &#8216;Grundriß&#8217; ausgestaltet ist, gegen seine Konzessionen an den Lehrbetrieb festzuhalten, anders gesagt, die Wissenschaftskonzeption Droysens in ihrer fortdauernden wissenschaftsgeschichtlichen Bedeutung gegen die ephemere hochschuldidaktische Praxis zu behaupten, die zwar wissenschaftshistorisch aufschlußreich ist, aber erst vom wissenschaftstheoretischen Interesse an der &#8216;Historik&#8217; aus in den Blick kommt.&#8221; (Bd. 1, XVIIf.)</small></span><small></small></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;">In der Fortsetzung der Ausgabe durch Blanke hat, so scheint mir, nun der fachgeschichtliche Aspekt die Oberhand gewonnen, der für die Kommunikations- und Medienwissenschaften wie für die Kulturwissenschaften im Allgemeinen nur von geringem Interesse ist. Gut, dass auch Leyhs erster Band noch erhältlich ist, sodass die drei kulturtheoretischen Aspekte, die oben erläutert wurden, in der gesamten Ausgabe noch hinreichend greifbar sind. Auch das mag das Risiko des Verlags verringern, wenn man bei Frommann-Holzboog nicht bewusst auf die weitere Ausdifferenzierung und (Über-)Spezialisierung im Wissenschaftssystem setzt, die heute überall zu beobachten ist. Wenn nicht ökonomisch, so hat sich das Wagnis des Verlags jedenfalls heuristisch gelohnt, kann die Ausgabe doch als Anschauungsmaterial für eine allgemeine Entwicklung betrachtet werden, die einem Denken in der Tradition Droysens nicht unbedingt Freude machen muss.</span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;"><a href="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2010/06/Die-Unterschiede-der-Bände.mp3" target="_blank">Audio: Die prägnantesten Unterschiede zwischen den Ausgaben</a><br />
</span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;">Detailtreue und Akribie haben aber auch ihr Gutes. Dass Blanke die von Leyh ursprünglich wohl nur auf drei Bände angelegte Ausgabe um ein Supplement erweitert hat, das zu Lebzeiten erschienene Werke Droysens, mehrere (Teil-)Nachlässe und sonstige Autografen, Bildnisse Droysens sowie ausgewählte Sekundärliteratur zu Person und Werk dieses – jedenfalls für die geschichts- und kulturwissenschaftliche Erkenntnistheorie – wichtigsten Historikers des 19. Jahrhunderts verzeichnet, ist nicht nur für weitere fachgeschichtliche Forschungen, sondern auch für den zukünftigen <em>geschichtstheoretischen Diskurs</em> außerordentlich nützlich. Auch wenn es Blanke offensichtlich mehr auf Vollständigkeit als auf Überblick, mehr auf Richtigkeit als auf Relevanz ankommt, hat er mit der Fortsetzung der historisch-kritischen Historik-Ausgabe dem dürftig gewordenen Nachdenken über Sinn und Zweck der Geschichtswissenschaft einen wichtigen Dienst erwiesen. Hoffen wir, dass dieses Nachdenken weitergeht oder, wo nötig, wieder in Gang kommt.</span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;"><em>Literatur</em>:</span></p>
<ul>
<li>Bacon, F.: <em>Neues Organon</em>. Herausgegeben vom Wolfgang Krohn, 2 Bände. Hamburg [Felix Meiner Verlag] 1990.</li>
<li>Habermas, J.: „Erkenntnis und Interesse“. In: <em>Merkur</em> 213, S. 1139-1153.</li>
<li>Hilberg, R.: <em>Die Quellen des Holocaust</em>. Frankfurt am Main [S. Fischer] 2002.</li>
<li>Krohn, W.: <em>Francis Bacon</em>. München [Verlag C. H. Beck] 2. Aufl. 2006.</li>
<li>Maletzke, G.: „Erlebte Kommunikationswissenschaft im Rückblick“. In: Kutsch, A.; Pöttker, H. (Hrsg.): <em>Kommunikationswissenschaft – autobiographisch</em>.  (= <em>Publizistik</em>, Sonderheft 1) Opladen [Westdeutscher Verlag]  1997, S. 110-119.</li>
<li>Nietzsche, F.: <em>Vom Nutzen und Nachteil die Historie für das Leben.</em> Mit einem Nachwort von Hans Freyer. Leipzig [Insel] 1937.</li>
<li>Popper, K. R.: <em>Logik der Forschung</em>. Wien [Springer] 1934.</li>
<li>Popper, K. R.: <em>Das Elend des Historizismus</em>. Tübingen [Mohr Siebeck] 1965.</li>
<li>Pöttker, H.: „Aktualität und Vergangenheit. Zur Qualität von Geschichtsjournalismus“. In: Bentele, G.; Haller, M. (Hrsg.): <em>Aktuelle Entstehung von Öffentlichkeit. </em>Schriftenreihe der DGPuK, Band 24. Konstanz [UVK] 1997, S. 335-346.</li>
<li>Pöttker, H.: „Soziale Integration“. In: Geißler, R; Pöttker, H. (Hrsg.): <em>Massenmedien und die Integration ethnischer Minderheiten in Deutschland</em>. Bielefeld [Transcript Verlag] 2005, S. 25-43.</li>
<li>Rüsen, J.: <em>Zeit und Sinn. Strategien historischen Denkens.</em> Frankfurt am Main [S. Fischer] 1990.</li>
<li>Spinner, H. F.: „Zur Soziologie des Rezensionswesens“. In: <em>Soziologie. Mitteilungsblatt der Deutschen Gesellschaft für Soziologie</em> 1, S. 49-78.</li>
</ul>
<p><em>Links</em>:</p>
<ul>
<li><a href="http://www.frommann-holzboog.de/site/index_autoren_az.php" target="_blank">Verlagsinformationen zu den Historik-Ausgaben</a></li>
<li><a href="http://www.kulturwissenschaften.de/home/profil-hblanke.html" target="_blank">Webpräsenz von Horst Walter Blanke am Kulturwissenschaftlichen Institut Essen</a></li>
<li><a href="http://www.journalistik-dortmund.de/prof.-dr.-phil.-horst-pottker.html" target="_blank">Webpräsenz von Horst Pöttker an der Technischen Universität Dortmund</a></li>
</ul>


<p>Keine verwandten Artikel</p>]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.rkm-journal.de/archives/3233/feed</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
<enclosure url="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2010/06/Warum-vergessener-Klassiker2.mp3" length="3028492" type="audio/mpeg" />
<enclosure url="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2010/06/Bedeutung-der-Vorlesung-in-der-Wissenschaft.mp3" length="3075410" type="audio/mpeg" />
		</item>
		<item>
		<title>Michael Grisko (Hrsg.): Texte zur Theorie und Geschichte des Fernsehens</title>
		<link>http://www.rkm-journal.de/archives/1793</link>
		<comments>http://www.rkm-journal.de/archives/1793#comments</comments>
		<pubDate>Mon, 08 Mar 2010 12:22:59 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Redaktion</dc:creator>
				<category><![CDATA[Einzelrezension]]></category>
		<category><![CDATA[Ästhetik]]></category>
		<category><![CDATA[Fernsehen]]></category>
		<category><![CDATA[Fernsehgeschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Fernsehkritik]]></category>
		<category><![CDATA[Fernsehwissenschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Klassiker]]></category>
		<category><![CDATA[Massenmedien]]></category>
		<category><![CDATA[Mediengeschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Textsammlung]]></category>
		<category><![CDATA[Theorie]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.rkm-journal.de/?p=1793</guid>
		<description><![CDATA[<em>Rezensiert von Herbert Schwaab</em>

<a href="http://www.rkm-journal.de/archives/1793"><img class="alignleft size-full wp-image-2496" title="Grisko2009" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2009/12/Grisko2009.jpg" alt="" width="160" height="247" /></a>Angesichts der gerade zu beobachtenden Veränderungen des Fernsehens durch das Internet und der Neukonfiguration seines Publikums ist die von Michael Grisko angebotene Sammlung von Texten, die sich mit der Theorie und Geschichte des Fernsehens beschäftigen, besonders hilfreich. Der Band konzentriert sich vorwiegend auf die Wiedergabe einer in Deutschland geführten ästhetischen und gesellschaftlichen Diskussion des Fernsehens. Aus diesem Grund erklärt sich die Abwesenheit wichtiger fernsehwissenschaftlicher Beiträge, die aus dem Umfeld der Cultural Studies stammen. Diese Konzentration lässt zwar befürchten, dass die in diesem Band dokumentierte Kritik von Theodor W. Adorno oder Günther Anders am Fernsehen keine Kontrastierung findet. Aber in der Lektüre zeigt sich, dass diese Konzentration auch die Möglichkeit bietet, der Genese bestimmter fernsehwissenschaftlicher und -kritischer Positionen beizuwohnen. Vor allem die Texte aus den Jahren, in denen sich das Medium zu formieren beginnt, liefern interessante Erkenntnisse über das 'Wesen' des Fernsehens. <a href="http://www.rkm-journal.de/archives/1793">[Mehr]</a>


Related posts:<ol><li><a href='http://www.rkm-journal.de/archives/3126' rel='bookmark' title='Permanent Link: Oliver Fahle; Michael Hanke; Andreas Ziemann (Hrsg.): Technobilder und Kommunikologie'>Oliver Fahle; Michael Hanke; Andreas Ziemann (Hrsg.): Technobilder und Kommunikologie</a></li>
<li><a href='http://www.rkm-journal.de/archives/553' rel='bookmark' title='Permanent Link: Frank Bösch; Constantin Goschler (Hrsg.): Public History'>Frank Bösch; Constantin Goschler (Hrsg.): Public History</a></li>
<li><a href='http://www.rkm-journal.de/archives/459' rel='bookmark' title='Permanent Link: Peter J. Schulz; Uwe Hartung; Simone Keller (Hrsg.): Identität und Vielfalt der Kommunikationswissenschaft'>Peter J. Schulz; Uwe Hartung; Simone Keller (Hrsg.): Identität und Vielfalt der Kommunikationswissenschaft</a></li>
</ol>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Rezensiert von Herbert Schwaab</em></p>
<p><a href="http://www.rkm-journal.de/archives/1793"><img class="alignleft size-full wp-image-2496" title="Grisko2009" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2009/12/Grisko2009.jpg" alt="" width="160" height="247" /></a>Angesichts der gerade zu beobachtenden Veränderungen des Fernsehens durch das Internet und der Neukonfiguration seines Publikums ist die von Michael Grisko angebotene Sammlung von Texten, die sich mit der Theorie und Geschichte des Fernsehens beschäftigen, besonders hilfreich. Der Band konzentriert sich vorwiegend auf die Wiedergabe einer in Deutschland geführten ästhetischen und gesellschaftlichen Diskussion des Fernsehens (10). Aus diesem Grund erklärt sich die Abwesenheit wichtiger fernsehwissenschaftlicher Beiträge, die aus dem Umfeld der Cultural Studies stammen. Diese Konzentration lässt zwar befürchten, dass die in diesem Band dokumentierte Kritik von Theodor W. Adorno oder Günther Anders am Fernsehen keine Kontrastierung findet. Aber in der Lektüre zeigt sich, dass diese Konzentration auch die Möglichkeit bietet, der Genese bestimmter fernsehwissenschaftlicher und -kritischer Positionen beizuwohnen. Vor allem die Texte aus den Jahren, in denen sich das Medium zu formieren beginnt, liefern interessante Erkenntnisse über das &#8216;Wesen&#8217; des Fernsehens. Es zeigt sich dabei auch, wie bestimmte Topoi oder Begriffe der Diskussion bis heute immer wiederkehren. Durch die Auswahl der Beitragenden, die von Physikern über Programmdirektoren bis zu Philosophen und Medienwissenschaftler reicht, und durch die hilfreiche Kommentierung ihrer Biografien durch den Herausgeber ergibt sich auch die Möglichkeit einer unterschiedlichen Perspektivierung des Gegenstandes. Diese unterschiedlichen Perspektivierungen sollen hier kurz zusammengefasst werden.</p>
<p>Bereits in den 1930er Jahren beschäftigt sich der Ingenieur Rudolf Thun mit den entscheidenden Unterschieden zwischen der häuslichen Rezeption des Fernsehens und der von Film im Kino, woran er Überlegungen zu einem eigens auf diese Rezeptionssituation abgestimmten Programm des Fernsehens anschließt. Diese Eigenständigkeit einer Fernsehästhetik, die sich aus seiner Sendeform ergibt, spielt in vielen der weiteren Texte eine Rolle – für Rudolf Arnheim in seinem 1936 veröffentlichten Text (als es Fernsehen nur in sehr beschränkten Ausmaß gab) allerdings auf negative Weise. Arnheim beschreibt nicht nur die Limitationen des Fernsehens gegenüber dem Film, sondern auch gegenüber dem Radio, weil dieses stärker auf Abstraktion und Vorstellungskraft beruhe als das Fernsehen (44). Allerdings zeigt sich auch eine große Ambivalenz in den sehr tief gehenden Gedanken Arnheims zum Fernsehen, dem er zum Beispiel auch das Potenzial attestiert, den Menschen gegenüber der Welt zu positionieren und seine Selbstbezogenheit in Frage zu stellen.</p>
<p>In den 1950er Jahren zeigt sich eine Teils euphorische, Teils sehr kritische Sicht auf das Fernsehen. Gerhard Eckert, ein Pionier der Fernsehwissenschaft und -kritik, preist den  Live-Charakter des Fernsehens, weil es einer im filmischen Produktionsprozess fragmentierten Darstellung wieder einen Zusammenhang gebe (81). Werner Pleister, Intendant des ersten westdeutschen Senders NWDR, bezeichnet in seinem Text &#8220;Deutschland wird Fernsehland&#8221; Fernsehen als eine &#8220;Sache der Welt&#8221; (89), womit sehr früh eine lokale Ausrichtung des Fernsehens ausgeschlossen und ein globaler, kosmopolitischer Charakter des Fernsehens herausgestellt wird. Günther Anders bestreitet dagegen in den Textauszügen aus <em>Die Antiquiertheit des Menschen</em> nicht nur den Gedanken, dass uns das Fernsehen zur Welt hinführe, sondern beschreibt auch ein Prinzip der Prägung des Menschen durch die Form der Vermittlung und nicht durch die Form der Inhalte. Hier zeigen sich Überschneidungen mit den Gedanken Marshall McLuhans, die auch in dem hier veröffentlichten Auszug aus <em>Die magischen Kanäle</em> zu finden sind: Es ist nicht das Programm und sein Inhalt, die massiv auf die Wahrnehmungsstruktur und die Psyche des Menschen einwirken, sondern das Fernsehbild (125). Aber im Unterschied zu Anders kritisiert McLuhan nicht nur das Fernsehen, sondern er macht auch auf die Potenziale einer vom Fernsehen ermöglichten neuartigen, taktilen, die Sinne zusammenführenden Wahrnehmungsform aufmerksam  (138).</p>
<p>In den 1970er Jahren scheint mit der Etablierung von Aufzeichnungstechniken der Live-Effekt des Fernsehens verblasst zu sein und eher negative Assoziationen zu wecken. Hans Gottschalk kritisiert die &#8220;Live-Ideologie&#8221; des Fernsehens und bedauert, dass der Horizont des Fernsehens häufig nicht über spärlich dekorierte Studiosets hinausreiche. Er fordert als späterer Fernsehspielchef des SDR eine sich am Film orientierende Kunst des Fernsehens, was auch dem Fernsehspielproduzenten Günter Rohrbach in dem 1979 veröffentlichten Text &#8220;Das Subventions-TV&#8221; sehr am Herzen liegt.  Allerdings könnten beide Medien voneinander profitieren: das Fernsehen durch die künstlerischen Impulse, die vom Film auf die große, unbewegliche, konservative Institution Fernsehen einwirken; und der Film durch das Geld, das er vom Fernsehen bekomme (178) – was nicht zuletzt einer der Gründe für den Erfolg des beim Publikum wenig erfolgreichen Neuen Deutschen Films gewesen ist.</p>
<p>Die 1970er Jahre bedeuten auch eine Politisierung der Diskussion um das Fernsehen, die neue Begriffe hervorbringt und einen wissenschaftlichen Gegenstand des Fernsehens konturiert. Das zeigt sich in Hans Magnus Enzensbergers Essay &#8220;Baukasten zu einer Theorie der Medien&#8221;, dessen Text im Zusammenhang mit Bestrebungen zu sehen ist, durch einen anderen Gebrauch des Mediums eine Gegenöffentlichkeit lokaler Medien zu schaffen. Ende der 1980er Jahre revidiert Enzensberger allerdings in dem ebenfalls in diesem Band veröffentlichten Aufsatz &#8220;Das Nullmedium&#8221; seine Ansicht über die emanzipatorischen Möglichkeiten des Fernsehens, schreibt jedoch der Inhaltsleere des Mediums – etwas gönnerhaft – auch ein meditatives Potenzial zu (219).</p>
<p>An dem Beitrag von Helmut Kreuzer, einem Pionier der deutschen Medienwissenschaft, zeigt sich, wie Fernsehen vor allem durch einen veränderten Kultur- und Medienbegriff und durch die Zuwendung zur Rezeptionsästhetik zu einem Gegenstand der Geisteswissenschaften werden konnte. In &#8220;Fernsehen als kulturelles Forum&#8221; von Horace M. Newcomb und Paul M. Hirsch offenbaren sich die Potenziale einer &#8216;verständnisvollen&#8217; – und nicht dunkel raunenden – Kulturwissenschaft. Dieser Beitrag begegnet dem Fernsehen alles andere als unkritisch und theoretische unfundiert,  aber durch die genaue Erfassung der Ästhetik, Institution und Adressierungsform des Fernsehens wird gezeigt, wie gerade die einfachen, unterhaltenden Formate zu einem öffentlichen Forum werden und für ein kognitiv reges Publikum widerstreitende Gefühle und Gedanken einer Gesellschaft repräsentieren können. Durch das Nebeneinanderstellen wird besonders deutlich, wie Neil Postman in <em>Wir amüsieren uns zu Tode</em> gerade dieses Differenzierungspotenzial des Zuschauers verleugnet und daher in dem Unterhaltungspostulat des Fernsehens einzig eine schädliche Wirkung auf dessen Wahrnehmungsstrukturen zu sehen vermag.</p>
<p>Mit dem Text von Hartmut Winkler zur Praktik des <em>switching</em> treten wir in die 1990er Jahre ein. Winkler interpretiert das hektische ungezielte Umschalten als einen gegen das Programm gerichteten interpretatorischen Akt, mit dem der Zuschauer sich Überraschungen verschaffe, gegen die Kontexte des Programms wende (226) und von der Reduktion auf die Rolle eines Adressaten befreie (230). Wie das Fernsehen unseren Alltag zeitlich strukturiert, wird in dem Text &#8220;Zeitrationalität der Fernsehnutzung&#8221; von Irene Neverla erfasst. Anders als Paul Virilio, der in seinem hier veröffentlichten Text nur von einer Zerstörung von Zeitlichkeit spricht, betrachtet Neverla Fernsehen als &#8220;sozialen Zeitgeber&#8221; (259) und beschreibt unterschiedliche Formen der zeitlichen Strukturierung unseres Alltags durch das Fernsehen. Vilém Flussers Plädoyer &#8220;Für eine Phänomenologie des Fernsehens&#8221; trägt einen neuen, eleganten, suggestiven Ton in der Auseinandersetzung mit dem Fernsehen bei – aber gleichzeitig auch wenig neue Ansichten. Vielmehr scheint Flusser ein Fernsehen zu imaginieren, das durch eine unformatierte und ungezielte Fokussierung auf die Wirklichkeit der in frühen Texten geäußerten Ansicht, dass das Fernsehen ein Fenster zur Welt sei, tatsächlich eine Bedeutung gibt (253).</p>
<p>Knut Hickethiers 1995 veröffentlichter Beitrag vereint unterschiedlichste Perspektiven der Medienwissenschaft zur genauen Bestimmung des Dispositivs des Fernsehens. Dabei werden beispielsweise die unterschiedlichen Rezeptionsoptionen und -haltungen der Zuschauenden im Zusammenspiel mit den Programmschemata ins Auge gefasst, wodurch Hickethier auf überzeugende Weise vor allem Einwände gegen allzu einseitige Beschreibungen der Wirkungsweisen des Fernsehens formuliert.  Der letzte Beitrag führt in einem Interview mit Niklas Luhmann zu dessen Arbeit <em>Realität der Massenmedien</em> in eine systemtheoretische Terminologie der Fernsehwissenschaft ein, die deren Gegenstandsfeld zu erweitern vermag, auch wenn die Neutralität und Objektivität dieser Terminologie sich vielleicht auch der Tatsache verdankt, dass  Luhmann, wie er selbst zugibt, nie ferngesehen hat &#8211; außer im Hotel (311).</p>
<p>Zumindest lässt sich für diesen Band feststellen, dass er nicht von der Betrachtung des Fernsehens abhält. Mit Vorsicht genossen und in dem Wissen, dass damit nicht alle Positionen zum Fernsehen abgedeckt sind, lassen sich mit dieser Sammlung, die auch eine detaillierte Chronologie des Fernsehens in Deutschland anbietet und in der Einleitung die Fernsehgeschichte resümiert, die Genese von Begriffen und Ansichten zum Fernsehen nachzeichnen. Dieser Rückblick auf eine (deutsche) Theoriegeschichte lädt nicht nur zur Relektüre und kritischen Evaluation einiger kanonischer Beiträge ein, sondern liefert auch wichtige Anregungen für eine Auseinandersetzungen mit den aktuellen Entwicklungen, die die Fernsehwissenschaft derzeit herausfordern.</p>
<p><em>Links</em>:</p>
<ul>
<li><a href="http://www.reclam.de/detail/978-3-15-018674-9?query=grisko" target="_blank">Verlagsinformationen zum Buch</a></li>
<li><a href="http://www-mw.uni-r.de/mitarbeiter-kontakt/wiss-mitarbeiter/" target="_blank">Webpräsenz von Herbert Schwaab an der Universität Regensburg</a></li>
</ul>


<p>Related posts:<ol><li><a href='http://www.rkm-journal.de/archives/3126' rel='bookmark' title='Permanent Link: Oliver Fahle; Michael Hanke; Andreas Ziemann (Hrsg.): Technobilder und Kommunikologie'>Oliver Fahle; Michael Hanke; Andreas Ziemann (Hrsg.): Technobilder und Kommunikologie</a></li>
<li><a href='http://www.rkm-journal.de/archives/553' rel='bookmark' title='Permanent Link: Frank Bösch; Constantin Goschler (Hrsg.): Public History'>Frank Bösch; Constantin Goschler (Hrsg.): Public History</a></li>
<li><a href='http://www.rkm-journal.de/archives/459' rel='bookmark' title='Permanent Link: Peter J. Schulz; Uwe Hartung; Simone Keller (Hrsg.): Identität und Vielfalt der Kommunikationswissenschaft'>Peter J. Schulz; Uwe Hartung; Simone Keller (Hrsg.): Identität und Vielfalt der Kommunikationswissenschaft</a></li>
</ol></p>]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.rkm-journal.de/archives/1793/feed</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Michael Brocke et al.: Visionen der gerechten Gesellschaft</title>
		<link>http://www.rkm-journal.de/archives/2038</link>
		<comments>http://www.rkm-journal.de/archives/2038#comments</comments>
		<pubDate>Fri, 15 Jan 2010 15:29:31 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Redaktion</dc:creator>
				<category><![CDATA[Einzelrezension]]></category>
		<category><![CDATA[19. Jahrhundert]]></category>
		<category><![CDATA[Antisemitismus]]></category>
		<category><![CDATA[deutsch-jüdische Publizistik]]></category>
		<category><![CDATA[Diskursanalyse]]></category>
		<category><![CDATA[Foucault]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Judentum]]></category>
		<category><![CDATA[Publizistik]]></category>
		<category><![CDATA[Publizistikgeschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Rezeptionsgeschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Zeitgeschichte]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.rkm-journal.de/?p=2038</guid>
		<description><![CDATA[<i>Rezensiert von Petra Herczeg</i>

</em><a href="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2010/01/brocke-et-al.2009.jpg"><img class="alignleft size-full wp-image-2043" title="brocke et al.2009" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2010/01/brocke-et-al.2009.jpg" alt="" width="160" height="232" /></a>Ausgehend von Gershom Sholems Feststellung, nach der es ein Mythos gewesen sei, dass es im 19. Jahrhundert einen "im Kern" unzerstörbaren deutsch-jüdischen Dialog gegeben habe, der erst durch die Shoah zerstört worden sei, versuchen die Autorinnen und Autoren die Diskursangebote der jüdischen Publizistik zu "Staat, Nation, Gesellschaft" zu analysieren, die gegen die Mehrheitspublizistik nicht angekommen sind. Dies dokumentieren die Autoren bereits im ersten Satz der Publikation: "Vor nun über 100 Jahren mussten Repräsentanten der jüdischen Minderheit in Deutschland feststellen, dass ihr Wunsch nach einer gemeinsamen jüdisch-christlichen Zivilgesellschaft von der Mehrheitsgesellschaft noch immer und erneut zurückgewiesen wurde." <a href="http://www.rkm-journal.de/archives/2038">[Mehr]</a>


Related posts:<ol><li><a href='http://www.rkm-journal.de/archives/2666' rel='bookmark' title='Permanent Link: Michael Jäckel; Manfred Mai (Hrsg.): Medienmacht und Gesellschaft'>Michael Jäckel; Manfred Mai (Hrsg.): Medienmacht und Gesellschaft</a></li>
<li><a href='http://www.rkm-journal.de/archives/2306' rel='bookmark' title='Permanent Link: Christian Haase; Axel Schildt (Hrsg.): &#8220;Die Zeit&#8221; und die Bonner Republik'>Christian Haase; Axel Schildt (Hrsg.): &#8220;Die Zeit&#8221; und die Bonner Republik</a></li>
<li><a href='http://www.rkm-journal.de/archives/1793' rel='bookmark' title='Permanent Link: Michael Grisko (Hrsg.): Texte zur Theorie und Geschichte des Fernsehens'>Michael Grisko (Hrsg.): Texte zur Theorie und Geschichte des Fernsehens</a></li>
</ol>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Rezensiert von Petra Herczeg</em></p>
<p><a href="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2010/01/brocke-et-al.2009.jpg"><img class="alignleft size-full wp-image-2043" title="brocke et al.2009" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2010/01/brocke-et-al.2009.jpg" alt="" width="160" height="232" /></a>Ausgehend von Gershom Sholems Feststellung, derzufolge es ein Mythos gewesen sei, dass es im 19. Jahrhundert einen &#8220;im Kern&#8221; (11) unzerstörbaren deutsch-jüdischen Dialog gegeben habe, der erst durch die Shoah zerstört worden sei, versuchen die Autorinnen und Autoren die Diskursangebote der jüdischen Publizistik zu &#8220;Staat, Nation, Gesellschaft&#8221; zu analysieren, die gegen die Mehrheitspublizistik nicht angekommen sind. Dies dokumentieren die Autoren bereits im ersten Satz der Publikation: &#8220;Vor nun über 100 Jahren mussten Repräsentanten der jüdischen Minderheit in Deutschland feststellen, dass ihr Wunsch nach einer gemeinsamen jüdisch-christlichen Zivilgesellschaft von der Mehrheitsgesellschaft noch immer und erneut zurückgewiesen wurde.&#8221; (7)</p>
<p>In der vorliegenden Forschungsarbeit wurden in einem mehrstufigen Verfahren die demokratisch-republikanischen Vorstellungen von Zivilgesellschaft in der deutsch-jüdischen Publizistik im 19. Jahrhundert herausgearbeitet. &#8220;Die national-christliche Position&#8221; manifestierte ihre Definitionsmacht &#8220;mit einer stereotypen Selbstdarstellung, in der die Existenz eines jüdischen Gegenübers offenbar ausgespart blieb&#8221; (10). Die Negation, das Verschweigen des Anderen, ist eine der perfidesten Kommunikationsstrategien, um den Anderen jegliche Partizipationsmöglichkeiten zu verweigern.</p>
<p>Das Werk vermittelt auf höchstem Niveau neue Einsichten in interessante Facetten des Diskurses der deutsch-jüdischen Publizistik im 19. Jahrhundert. Die durchgeführte Analyse bezog sich auf einen Ausschnitt des gesamtgesellschaftlichen Diskurses über Staat, Nation und Gesellschaft, fokussiert auf die Aussagen deutsch-jüdischer Publizisten im Zeitraum zwischen 1848 bis 1871 (15). Im diskursiven Kontext haben die Autoren – im Sinne des Anspruches an eine Diskursanalyse Foucault&#8217;scher Prägung – die geschichtlichen Bedingungen einbezogen, die den Rahmen der Auseinandersetzung um Integration und rechtliche Zugehörigkeit der deutschen Juden markierten. Viele deutsche Juden setzten ihre Hoffnungen auf die Revolutionsbewegung von 1848, aber nach deren Scheitern &#8220;setzte sich die judenfeindliche Tradition auch innerhalb der Revolutionsbewegung durch, zum anderen bestand die nachrevolutionäre Reaktion darauf, dass die während der Revolution ausgesprochenen politischen und Bürgerrechte für Juden wieder weitgehend kassiert wurden&#8221; (17f.). Auf der Aussagenebene der 55 herangezogenen Texte zeigte sich, dass in ihnen unter anderem auf Lessing verwiesen wird und darauf, dass das Judentum eine friedliche Religion sei, die Andersgläubigen gegenüber tolerant sei und auch die Todesstrafe ablehne (40f.). Die einzelnen Aussagen wurden in unterschiedliche Dimensionen unterteilt – wie Individualethik, Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit als universale Werte des Judentums (44f.) und zum Beispiel auch soziale Gerechtigkeit. Das Verhältnis zwischen Staat und Individuum wird als ein wechselseitiges gesehen, das zwischen den Polen von Bindung und Verpflichtung angesiedelt ist.</p>
<p>Die Predigt des Rabbiners Leopold Stein &#8220;Was ist das Wesen des Christlichen Staates? Eine zeitgemäße Frage&#8221; wurde 1852 als Broschüre veröffentlicht. Stein appelliert darin an seine jüdischen Zuhörer und Leser, dass sie trotz der Kränkungen, trotz des drohenden Entzugs der Grundrechte für die jüdische Gemeinde in Frankfurt &#8220;an die Tugenden des &#8216;Wartens&#8217;&#8221; (93) glauben sollten, da sich die politischen Verhältnisse nicht so schnell ändern würden.</p>
<p>Resümierend stellen die Autoren fest, dass die jüdische Ethik im Mittelpunkt des Diskurses steht, &#8220;aus deren langer Tradition die Bedeutung des Rechtsgrundsatzes des gleichen Rechts für alle abgeleitet wird&#8221; (109). Auf der Ebene der Kollektivsymbolik werden die Bedrohungsszenarien und die Kontinuität der Bedrohung transportiert.</p>
<p>Die Publikation setzt ein bereits vorhandenes Wissen über die deutschen Juden voraus und zeigt den (verzweifelten) publizistischen Kampf der deutschen Juden um Anerkennung und Teilhabe am Diskurs sehr eindringlich. Wer weiß, was Millionen von Menschen erspart geblieben wäre, wenn die &#8220;Anderen&#8221; mit den deutschen Juden in einen Diskurs getreten wären und diese nicht zuerst totgeschwiegen und später umgebracht hätten? Das Buch ist ein wichtiges zeitgeschichtliches Dokument und eine bestechende Analyse, die auf einen blinden Fleck in der Rezeption hinweist: dass es in Deutschland eine &#8220;breite und vielfältig differenzierte jüdische Publizistik im 19. Jahrhundert&#8221; (150) gegeben hat, &#8220;der bis heute die kulturelle Rezeption versagt blieb&#8221; (ebd.).</p>
<p><em>Links</em>:</p>
<ul>
<li><a href="http://www.boehlau.de/978-3-412-20315-3.html" target="_blank">Verlagsinformationen zum Buch</a></li>
<li><a href="http://134.91.195.113/wiki/index.php/Mitarbeiter:Michael_Brocke" target="_blank">Webpräsenz von Michael Brocke am Salomon Ludwig Steinheim-Institut für deutsch-jüdische Geschichte</a></li>
<li><a href="http://www.diss-duisburg.de/Institut/MitarbeiterInnen/jaeger-m.htm" target="_blank">Webpräsenz von Margarete Jäger am Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung</a></li>
<li><a href="http://www.diss-duisburg.de/Institut/MitarbeiterInnen/jaeger-s.htm" target="_blank">Webpräsenz von Siegfried Jäger am Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung</a></li>
<li><a href="http://www.diss-duisburg.de/Institut/MitarbeiterInnen/paul.htm" target="_blank">Webpräsenz von Jobst Paul am Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung</a></li>
<li><a href="http://www.diss-duisburg.de/Institut/MitarbeiterInnen/tonks.htm" target="_blank">Webpräsenz von Iris Tonks am Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung</a></li>
<li><a href="http://www.univie.ac.at/publizistik/Herczeg.htm" target="_blank">Webpräsenz von Petra Herczeg an der Universität Wien</a></li>
</ul>


<p>Related posts:<ol><li><a href='http://www.rkm-journal.de/archives/2666' rel='bookmark' title='Permanent Link: Michael Jäckel; Manfred Mai (Hrsg.): Medienmacht und Gesellschaft'>Michael Jäckel; Manfred Mai (Hrsg.): Medienmacht und Gesellschaft</a></li>
<li><a href='http://www.rkm-journal.de/archives/2306' rel='bookmark' title='Permanent Link: Christian Haase; Axel Schildt (Hrsg.): &#8220;Die Zeit&#8221; und die Bonner Republik'>Christian Haase; Axel Schildt (Hrsg.): &#8220;Die Zeit&#8221; und die Bonner Republik</a></li>
<li><a href='http://www.rkm-journal.de/archives/1793' rel='bookmark' title='Permanent Link: Michael Grisko (Hrsg.): Texte zur Theorie und Geschichte des Fernsehens'>Michael Grisko (Hrsg.): Texte zur Theorie und Geschichte des Fernsehens</a></li>
</ol></p>]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.rkm-journal.de/archives/2038/feed</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Wolfgang Duchkowitsch; Fritz Hausjell; Horst Pöttker; Bernd Semrad (Hrsg.): Journalistische Persönlichkeit</title>
		<link>http://www.rkm-journal.de/archives/800</link>
		<comments>http://www.rkm-journal.de/archives/800#comments</comments>
		<pubDate>Tue, 12 Jan 2010 22:11:03 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Redaktion</dc:creator>
				<category><![CDATA[Einzelrezension]]></category>
		<category><![CDATA[Öffentlichkeit]]></category>
		<category><![CDATA[Biographie]]></category>
		<category><![CDATA[Fachgeschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Festschrift]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Handlungstheorie]]></category>
		<category><![CDATA[Journalismus]]></category>
		<category><![CDATA[Kanon]]></category>
		<category><![CDATA[Kommunikation]]></category>
		<category><![CDATA[Medien]]></category>
		<category><![CDATA[Persönlichkeit]]></category>
		<category><![CDATA[Porträt]]></category>
		<category><![CDATA[Systemtheorie]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.rkm-journal.de/?p=800</guid>
		<description><![CDATA[<em>Rezensiert von Carsten Brosda</em>

<a href="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2010/01/duchkowitschetal2009.jpg"><img class="alignleft size-full wp-image-1978" title="duchkowitschetal2009" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2010/01/duchkowitschetal2009.jpg" alt="" width="160" height="240" /></a>Festschriften sind bisweilen eine schwierige Sache. Im schlechten Fall gleichen sie dem Gemischtwarenangebot eines durchschnittlichen bundesdeutschen Kaufhauses, ohne eigenes Profil und damit auch ohne nötige Prägnanz. Ganz anders dagegen der Band <em>Journalistische Persönlichkeit. Fall und Aufstieg eines Phänomens</em>, den Wolfgang Duchkowitsch, Fritz Hausjell, Horst Pöttker und Bernd Semrad anlässlich der Emeritierung von Wolfgang R. Langenbucher vorgelegt haben. Genauso wie der Jubilar hat auch dieser Band ein Programm: die Rehabilitierung der Kategorie der Persönlichkeit in der Journalismusforschung, nicht zuletzt mit dem Ziel, auch historische und kulturelle Dimensionen journalistischer Kommunikation sichtbar zu machen. <a href="http://www.rkm-journal.de/archives/800">[Mehr]</a>


Related posts:<ol><li><a href='http://www.rkm-journal.de/archives/642' rel='bookmark' title='Permanent Link: Wolfgang Donsbach et al.: Entzauberung eines Berufs'>Wolfgang Donsbach et al.: Entzauberung eines Berufs</a></li>
<li><a href='http://www.rkm-journal.de/archives/2398' rel='bookmark' title='Permanent Link: Christina Holtz-Bacha; Gunter Reus; Lee B. Becker (Hrsg.): Wissenschaft mit Wirkung'>Christina Holtz-Bacha; Gunter Reus; Lee B. Becker (Hrsg.): Wissenschaft mit Wirkung</a></li>
<li><a href='http://www.rkm-journal.de/archives/526' rel='bookmark' title='Permanent Link: Wolfgang R. Langenbucher (Hrsg.): Paul Felix Lazarsfeld – Leben und Werk'>Wolfgang R. Langenbucher (Hrsg.): Paul Felix Lazarsfeld – Leben und Werk</a></li>
</ol>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Rezensiert von Carsten Brosda</em></p>
<p><a href="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2010/01/duchkowitschetal2009.jpg"><img class="alignleft size-full wp-image-1978" title="duchkowitschetal2009" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2010/01/duchkowitschetal2009.jpg" alt="" width="160" height="240" /></a>Festschriften sind bisweilen eine schwierige Sache. Im schlechten Fall gleichen sie dem Gemischtwarenangebot eines durchschnittlichen bundesdeutschen Kaufhauses, ohne eigenes Profil und damit auch ohne nötige Prägnanz. Ganz anders dagegen der Band <em>Journalistische Persönlichkeit. Fall und Aufstieg eines Phänomens</em>, den Wolfgang Duchkowitsch, Fritz Hausjell, Horst Pöttker und Bernd Semrad anlässlich der Emeritierung von Wolfgang R. Langenbucher vorgelegt haben. Genauso wie der Jubilar hat auch dieser Band ein Programm: die Rehabilitierung der Kategorie der Persönlichkeit in der Journalismusforschung, nicht zuletzt mit dem Ziel, auch historische und kulturelle Dimensionen journalistischer Kommunikation sichtbar zu machen.</p>
<p>Nach der empirischen und erst recht nach der systemtheoretischen Wende der Kommunikationswissenschaft ist die Erörterung von Persönlichkeitskonzepten jahrzehntelang als unwissenschaftlich diskreditiert worden – zu schwer schien der Ballast der Dovifat&#8217;schen Ideologie, zu komplex die berufliche Wirklichkeit, um sie lediglich durch das Prisma des Einzelnen zu brechen. Stattdessen dominiert die nüchterne Sprache funktionalistischer Systemanalyse. Bestes Beispiel ist die zweite Auflage des Diskussionsbandes <a href="http://www.vs-verlag.de/Buch/978-3-531-33341-0/Theorien-des-Journalismus.html" target="_blank"><em>Theorien des Journalismus</em></a>, die Martin Löffelholz vor wenigen Jahren vorgelegt hat. Die aktuelle Langenbucher-Festschrift liest sich nun wie eine streitbare Ergänzung dieser theoretischen Engführung. Mit Verve plädieren die Herausgeber dafür, den Einzelnen und seine Leistungen nicht aus dem Blick zu verlieren. Ihr Ausgangspunkt ist &#8220;die Einsicht, dass alle sozio-kulturelle Realität, auch die des Journalismus, letztlich aus subjektiv sinnhaften Handlungsweisen besteht, die sich zum Beispiel durch Vorbilder beeinflussen lassen&#8221;, schreiben Horst Pöttker und Bernd Semrad in der Einleitung (11).</p>
<p>Von dieser Überzeugung hat sich auch Wolfgang R. Langenbucher Zeit seines akademischen Lebens leiten lassen. Ob in der Mediator-Konzeption seiner Habilitationsschrift, in seinem Einsatz für die Diplom-Journalistik, in seinen Kanonisierungsvorschlägen journalistischer Leistungen oder in zahlreichen Plädoyers für Qualitätsjournalismus – immer richtete er sich in aufklärerischer Absicht an den handelnden Journalisten. An dieser Perspektive, der Ulrich Saxer in seinem Beitrag ein &#8220;erhebliches Anregungs- und auch Irritationspotenzial&#8221; (23) attestiert, arbeiten sich die Autorinnen und Autoren des Bandes ab. Hannes Haas sieht in seinem für das Buch zentralen Beitrag in der theoretischen Wiederbelebung einer auch individuell sensiblen Forschungsperspektive zu Recht die Chance, der allgemein konstatierten Medien- und Journalismuskrise eine Perspektive entgegenzusetzen, die zumindest Potenziale journalistischer Kommunikation nach wie vor zu benennen vermag.</p>
<p>Die meisten Autorinnen und Autoren begreifen das Persönlichkeitskonzept als notwendigen Beitrag zu einer Diversifizierung der Journalismusforschung und nähern sich seinen Fragestellungen vor sehr unterschiedlichen theoretischen Hintergründen. Ulrich Saxer plädiert dafür, den Persönlichkeitsansatz gerade vor dem Hintergrund des Individualisierungs- und Differenzierungstrends moderner Gesellschaften zu rehabilitieren. Walter Hömberg sieht vor allem in der Suche nach Vorbildern sowie in den entsprechenden biographischen Anstrengungen die notwendigen Voraussetzungen seiner Renaissance. Und Horst Pöttker spürt den handlungstheoretischen Grundlagen im Werk Otto Groths nach und übersetzt diese produktiv in Anforderungen an die heutige Journalistik.</p>
<p>Nach diesen einführenden fachhistorischen und -systematischen Texten folgen Artikel, die sich dem Konzept der journalistischen Persönlichkeit aus einem je spezifischen aktuellen Theorieblickwinkel nähern. Es würde den Rahmen sprengen, intensiver auf sie einzugehen, deswegen müssen kursorische Hinweise genügen: Thomas A. Bauer knüpft direkt an persönlichkeitstheoretische Erwägungen an, die zwischen einer individuellen, einer sozialen und einer kulturellen Dimension differenzieren. Irene Neverla und Wiebke Schoon sowie Roman Hummel bemühen jeweils die Soziologie Pierre Bourdieus, um Macht- respektive Reputationsfragen im Journalismus zu diskutieren. Petra Herczeg spürt der Bedeutung der journalistischen Persönlichkeit induktiv auf dem Weg der auch von Langenbucher so geschätzten Kanonbildung nach.</p>
<p>Einen weiteren Schwerpunkt bilden Auseinandersetzungen mit dem spezifischen Potenzial kommunikationsbiographischer Ansätze. Bedenkenswert ist neben der umfassenden Einführung durch Markus Behmer und Susanne Kinnebrock das rasante Plädoyer Christian Schwarzeneggers, der daran erinnert, dass sich eine biographische Journalismusforschung nicht bloß in exemplarischen Höhen aufhalten dürfe, sondern sich auch mit der Mühsal alltäglicher journalistischer Ebenen zu befassen habe. Er greift damit eine Hauptkritik am Persönlichkeitskonzept offensiv auf und schreibt sie ins Pflichtenheft einer persönlichkeitsorientierten Journalismusforschung.</p>
<p>Empirische Hinweise wiederum geben einige andere Aufsätze: Wolfgang R. Langenbucher plädiert dafür, journalistische Autobiographien in der Forschung stärker zu berücksichtigen; Barbara Pfetsch entdeckt insbesondere in den Kommentarspalten konservativer Tageszeitungen die Werke selbstbewusster journalistischer Persönlichkeiten, und Gunter Reus stellt in einer Befragung von Chefredakteuren fest, dass niemand von der Persönlichkeitskategorie lassen will, sondern alle sehr konkrete auch persönliche Erwartungen an ihre Redakteure haben.</p>
<p>Auch in den Porträts großer Journalistinnen und Journalisten finden sich konkrete empirische Anwendungen des Analyseansatzes: Wolfgang Duchkowitsch schreibt über die Macher eines Wiener Meinungsmagazins aus dem frühen 18. Jahrhundert, Susanne Kinnebrock über Anita Augspurg, Frank Stern über Ludwig Börne, Verena Blaum über Martha Gellhorn und Edgar Lersch über Hans Bausch. Darüber hinaus nehmen sich aus je unterschiedlichem Blickwinkel Julia Wippersberg und Klaus Siebenhaar die heutigen prominenten Alpha-Journalisten vor. Sie liefern lesenswerte Auseinandersetzungen mit der Prominenzfixierung und den Narzissmen des aktuellen Politikjournalismus. Alle diese Analysen zeigen eindringlich, dass eine kulturwissenschaftliche Beschäftigung mit dem Journalismus gegenüber der Praxis und ihren Problemen nicht nur sensibler, sondern auch hilfreicher und konkreter zu sein vermag. Bernd Semrad porträtiert Wolfgang R. Langenbucher folgerichtig ebenfalls als journalistische Persönlichkeit und entwirft an diesem Exempel die Grundzüge einer intellektualisierten Kommunikatorrolle, die auch für Wissenschaftler exemplarisch sein kann, die in den aktuellen Diskurs einzusteigen gedenken.</p>
<p>Den Abschluss des Bandes bildet eine performativ-praktische Plausibilisierung der zuvor theoretisch und empirisch beschriebenen Potenziale: Die Beiträge der bisherigen Inhaber der Theodor-Herzl-Dozentur (Herbert Riehl-Heyse, Margit Sprecher, Peter Huemer, Klaus Harpprecht, Luc Jochimsen und Sibylle Haman) für eine Poetik des Journalismus zeigen, zu welch reflexiven Leistungen über ihren eigenen Berufsstand journalistische Persönlichkeiten in der Lage sein können.</p>
<p>Nicht nur aufgrund dieser fulminanten Texte ist man nach der Lektüre des insgesamt lesenswerten und sorgfältig editierten Bandes geneigt, gemeinsam mit den Herausgebern nach dem Fall des Konzepts seinen neuerlichen Aufstieg nicht nur zu erwarten, sondern auch zu erhoffen. Barbara Pfetsch hat Recht, wenn sie resümiert: &#8220;Die Wiederbelebung eines altmodischen Gedankens trägt also zu einer höchst akuten Selbstbeobachtung und Selbstaufklärung der Gegenwartsgesellschaft bei.&#8221; (263) Voraussetzung dafür ist allerdings, dass das Konzept der journalistischen Persönlichkeit nicht bloß restauriert, sondern theoretisch auf der Höhe der Zeit rekonstruiert wird. Die Richtung, in die eine innovative Journalistik weiter zu denken hätte, weist dieser Sammelband.</p>
<p><em>Links:</em></p>
<ul>
<li><a href="http://halemverlag.lookingintomedia.com/shop/product_info.php/products_id/163/XTCsid/da21c160f555ca559cc3e43350bb1659" target="_blank">Verlagsinformationen zum Buch</a></li>
<li><a href="http://www.univie.ac.at/publizistik/Duchkowitsch.htm" target="_blank">Webpräsenz von Wolfgang Duchkowitsch an der Universität Wien</a></li>
<li><a href="http://www.univie.ac.at/publizistik/Hausjell.htm" target="_blank">Webpräsenz von Fritz Hausjell an der Universität Wien</a></li>
<li><a href="http://www.journalistik-dortmund.de/prof.-dr.-phil.-horst-pottker.html" target="_blank">Webpräsenz von Horst Pöttker an der TU Dortmund</a></li>
<li><a href="http://www.univie.ac.at/publizistik/Semrad.htm" target="_blank">Webpräsenz von Bernd Semrad an der Universität Wien</a></li>
</ul>


<p>Related posts:<ol><li><a href='http://www.rkm-journal.de/archives/642' rel='bookmark' title='Permanent Link: Wolfgang Donsbach et al.: Entzauberung eines Berufs'>Wolfgang Donsbach et al.: Entzauberung eines Berufs</a></li>
<li><a href='http://www.rkm-journal.de/archives/2398' rel='bookmark' title='Permanent Link: Christina Holtz-Bacha; Gunter Reus; Lee B. Becker (Hrsg.): Wissenschaft mit Wirkung'>Christina Holtz-Bacha; Gunter Reus; Lee B. Becker (Hrsg.): Wissenschaft mit Wirkung</a></li>
<li><a href='http://www.rkm-journal.de/archives/526' rel='bookmark' title='Permanent Link: Wolfgang R. Langenbucher (Hrsg.): Paul Felix Lazarsfeld – Leben und Werk'>Wolfgang R. Langenbucher (Hrsg.): Paul Felix Lazarsfeld – Leben und Werk</a></li>
</ol></p>]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.rkm-journal.de/archives/800/feed</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Streifzüge durch das Kulturgedächtnis. Ein Essay zu Gerhard Pauls Das Jahrhundert der Bilder</title>
		<link>http://www.rkm-journal.de/archives/1645</link>
		<comments>http://www.rkm-journal.de/archives/1645#comments</comments>
		<pubDate>Fri, 18 Dec 2009 00:53:56 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Redaktion</dc:creator>
				<category><![CDATA[Essay]]></category>
		<category><![CDATA[20. Jahrhundert]]></category>
		<category><![CDATA[Bild]]></category>
		<category><![CDATA[Bildatlas]]></category>
		<category><![CDATA[Bildgeschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Bildkultur]]></category>
		<category><![CDATA[Bildwissenschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Journalismus]]></category>
		<category><![CDATA[Kulturgeschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Medien]]></category>
		<category><![CDATA[Mediengeschichte]]></category>
		<category><![CDATA[pictorial turn]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>
		<category><![CDATA[Realität]]></category>
		<category><![CDATA[Werbung]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.rkm-journal.de/?p=1645</guid>
		<description><![CDATA[<i>Rezensiert von Daniel Hornuff</i>

<img class="alignleft size-full wp-image-1829" title="Sarrotti2" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2009/12/Sarrotti2.JPG" alt="Sarrotti2" width="450" height="316" />

Wer heute die Lage der Bildwissenschaft betrachtet, wird Eigentümliches feststellen: Obwohl sie ihren Gegenstand im Titel trägt, beschäftigt sie sich nur am Rande und vereinzelt, geradezu in Ausnahmefällen mit Bildern. Ungleich intensiver bespiegelt sie sich dagegen selbst. Sie lotet ihre Diskurse bis zur Verselbständigung der Diskurse aus; sie wendet ihre Methoden wieder und wieder, bis vor lauter Methodenvorschlägen mehr Verwirrung als Klärung erreicht wurde; sie hält nach allgemeinen und übergeordneten Kategorien Ausschau und sieht sich folglich gezwungen, Jeweiliges und Spezifisches zu vernachlässigen; sie will einen umklammernden Rahmen für möglichst alle Wissenschaften ziehen, die sich mit Bildern in jeder nur denkbaren Weise befassen und muss erkennen, dass dieses Vorhaben in keinen auch nur halbwegs vernünftigen Rahmen einzugrenzen ist. Wer bildwissenschaftlich arbeitet und dabei solch einen Allgemeinheitsanspruch vertritt, läuft akut Gefahr, bloß metadiskursiv, abstrakt und damit eher beliebig als konkret zu arbeiten. <a href="http://www.rkm-journal.de/archives/1645">[Mehr]</a>


Related posts:<ol><li><a href='http://www.rkm-journal.de/archives/461' rel='bookmark' title='Permanent Link: Moritz Ballensiefen: Bilder machen Sieger – Sieger machen Bilder'>Moritz Ballensiefen: Bilder machen Sieger – Sieger machen Bilder</a></li>
<li><a href='http://www.rkm-journal.de/archives/3625' rel='bookmark' title='Permanent Link: Winfried Nöth; Peter Seibert: Bilder beSchreiben'>Winfried Nöth; Peter Seibert: Bilder beSchreiben</a></li>
<li><a href='http://www.rkm-journal.de/archives/1799' rel='bookmark' title='Permanent Link: Thomas Friedrich; Gerhard Schweppenhäuser: Bildsemiotik'>Thomas Friedrich; Gerhard Schweppenhäuser: Bildsemiotik</a></li>
</ol>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Rezensiert von Daniel Hornuff</em></p>
<p><img class="alignleft size-full wp-image-1829" title="Sarrotti2" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2009/12/Sarrotti2.JPG" alt="Sarrotti2" width="450" height="316" /></p>
<p>Wer heute die Lage der Bildwissenschaft betrachtet, wird Eigentümliches feststellen: Obwohl sie ihren Gegenstand im Titel trägt, beschäftigt sie sich nur am Rande und vereinzelt, geradezu in Ausnahmefällen mit Bildern. Ungleich intensiver bespiegelt sie sich dagegen selbst. Sie lotet ihre Diskurse bis zur Verselbständigung der Diskurse aus; sie wendet ihre Methoden wieder und wieder, bis vor lauter Methodenvorschlägen mehr Verwirrung als Klärung erreicht wurde; sie hält nach allgemeinen und übergeordneten Kategorien Ausschau und sieht sich folglich gezwungen, Jeweiliges und Spezifisches zu vernachlässigen; sie will einen umklammernden Rahmen für möglichst alle Wissenschaften ziehen, die sich mit Bildern in jeder nur denkbaren Weise befassen und muss erkennen, dass dieses Vorhaben in keinen auch nur halbwegs vernünftigen Rahmen einzugrenzen ist. Wer bildwissenschaftlich arbeitet und dabei solch einen Allgemeinheitsanspruch vertritt, läuft akut Gefahr, bloß metadiskursiv, abstrakt und damit eher beliebig als konkret zu arbeiten.</p>
<p>Das vom Flensburger Historiker Gerhard Paul Anfang 2009 herausgegebene, in zwei Bände aufgeteilte <em>Jahrhundert der Bilder </em>muss vor diesem Hintergrund als ein beeindruckender Sonderfall gewertet werden. Wer die insgesamt rund 1600 Seiten in Händen hält, könnte Bodybuilding mit ihnen treiben. Wer sie aufschlägt und durchstöbert, wird sehen, wie anwendungsaffin eine Bildwissenschaft sein kann. Tatsächlich gibt es im deutschsprachigen Raum keine Publikation, die ähnlich differenziert, analytisch präzise und zudem umfassend die Bildkultur des 20. Jahrhunderts reflektiert. Die beiden Bände stellen nicht zuletzt für die Bildwissenschaft eine Novität dar. Sie müssen als praktische Umsetzungen jener Forderungen eingestuft werden, die durch die Kunsthistoriker Gottfried Boehm und William J.T. Mitchell 1994 vorgetragen wurden. Beide zielten mit einer postulierten Wende zum Bildlichen auf eine eingehendere und gleichsam breiter angelegte Untersuchung visueller Ausprägungen ab. Das <em>Jahrhundert der Bilder</em> ist ein bis auf wenige Einschränkungen konsequenter und folglich wichtiger Beitrag zu einer Wissenschaft des Bildes, die in diesem Sinne ihren Gegenstand ernst nimmt. Im Gesamten gesehen versteht es das Sammelwerk höchst überzeugend, die Einschätzung über eine gestiegene Bedeutung der visuellen Repräsentation in tragfähigen Konturen abzuwägen.</p>
<p><img class="alignleft size-full wp-image-1810" title="Paul1" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2009/12/Paul1.jpg" alt="Paul1" width="160" height="223" />Die ausnehmende Stärke des &#8220;Streifzugs durch unser kulturelles Gedächtnis&#8221;, wie der Herausgeber seinen &#8220;Bildatlas&#8221; umschreibt (Bd. 1: 9), liegt in seiner Konzentration auf die gesamte Spannweite der Bilderscheinungen. Und das heißt für Paul zweierlei: Einerseits zimmert er bewusst keine hierarchischen Differenzen zwischen verschiedenen Bildkulturen und exkludiert folglich keine ästhetischen Formen – Werbekampagnen, Kunstwerke, Karikaturen, Filme, Fernsehsendungen, die Privat- und Amateurästhetik und nicht zuletzt die Bilderwelten des Internets finden in gleicher Weise Eingang in die Studie. Es überrascht positiv, dass sie dabei keinem amalgamierenden Bildbegriff unterzogen, sondern vielmehr durch ihre jeweiligen Eigenqualitäten miteinander in Beziehung gesetzt werden. So lassen sich Medien- und Kunstikonen methodisch gleichrangig zu vermeintlichen Profanerzeugnissen in historische und ästhetische Zusammenhänge einordnen. Zahlreiche Beispiele bisher weitestgehend unbekannter oder aber in Vergessenheit geratener visueller Phänomene runden den Streifzug ab. Dürfte gerade ihr Aussagegehalt anfangs in Zweifel stehen, können die dazu verfassten Beiträge ihre Bedeutung für die Ausgestaltung der Bildkultur im 20. Jahrhundert nachdrücklich dokumentieren. Wohl eine der originellsten Studien steuert in diesem Zusammenhang der Historiker Michael Wildt bei, der in der Stil- und Motivanalyse der deutschen Versandhauskataloge seit Ende der 1940er Jahre einen Beleg für die Wirkung der aufkommenden Konsumästhetik erkennt (Bd. 2: 314-321).</p>
<p>Damit ist die zweite Stärke des Projekts bereits angesprochen: Beide Bände schrecken trotz ihrer Perspektive auf das &#8216;große Ganze&#8217; vor Detail- und Mikrobeobachtungen nicht zurück. Im Gegenteil: Paul achtete bei der Auswahl der insgesamt 180 Beiträge, geschrieben von 160 Autoren, offenbar penibel darauf, dass die ästhetischen und medialen Spezifika der angeführten Bilder nicht nur thematisiert, sondern auch kulturgeschichtlich verortet werden. Tatsächlich könnte man darin einen zentralen Baustein der Publikation sehen, kommen doch nahezu alle Beiträge überein, sowohl von schwärmerisch als auch kulturpessimistisch eingefärbten Einlassungen abzusehen und stattdessen auf Grundlage jeweils präziser, auf das Einzelobjekt gerichteter Beobachtungen erfreulich nüchterne Deutungen zu entwerfen.</p>
<p>Es mag die Qualität der zwei Bände nur am Rande trüben, dass sich gerade der Herausgeber in seinem Vorwort zu zwei vergleichsweise verschwörerischen Vorstellungen über die Wirkungskräfte verschiedener Bildtypen hinreißen ließ: Dass Michelangelos Pietà-Darstellung als Epochen-, Medien- und Kulturgrenzen überwindender gestischer Archetypus – als &#8220;Gebärdeformel&#8221; – in Fotografien erschossener Flüchtlinge an der Berliner Mauer wiederaufleben soll (Bd. 1: 23), liest sich ähnlich spekulativ wie einst Aby Warburgs Ideen zur Pathosformel. Pauls Diagnose, wonach insbesondere die Massemedien eine &#8220;eigene Realität mit originären Gesetzen und Logiken geschaffen&#8221; und zur &#8220;umfassenden Veränderung&#8221; der – eigentlichen – Realität beigetragen hätten (Bd. 1: 24f.), ist ebenfalls in Frage zu stellen. Zwar haben die Massenmedien zweifellos zu einer Veränderung der Realität geführt – sie haben jedoch keinen eigenen Realitätsbereich eröffnet und diesen, wie es Paul suggeriert, sukzessive der Lebenswirklichkeit übergestülpt. Ironischerweise wird der Herausgeber in diesem Punkt durch seine eigenen Autoren widerlegt: Gerade jene Aufsätze, die sich pop- und massenkulturellen Phänomenen widmen, gestatten die Einsicht, dass der Aufstieg der Medien in den vergangenen sechzig Jahren als Aspekt der Wirklichkeit gedacht und nicht als Bestandteil eines postmodern interpretierten Simulations- oder Hyperrealitätsgebarens mystifiziert werden muss.</p>
<p>Doch abgesehen von vereinzelten Nebengleisen ins kulturkritische Niemandsland besticht die groß angelegte Vermessung des kulturvisuellen Gedächtnisses neben der unvoreingenommenen, gleichsam gelassenen Perspektive durch die kluge Ausgewogenheit der gewählten Beispiele. Zu diesem Zweck bediente sich Paul einem denkbar einfachen, aber wirkungsvollen Ordnungssystem: Er bildete keine Themen-, sondern linearchronologische Zeitblöcke. Jeweils zehn Jahre werden zusammengefasst und aus verschiedenen Blickwinkeln auf besonders charakteristische Bildformen hin untersucht. Nur so konnten die angeführten Bilder an ihren Zeitkontext sinnvoll angebunden und mit politischen, militärischen, konsumästhetischen oder popkulturellen Bedingungen verknüpft werden.</p>
<p>Dieses Verfahren erscheint höchst einleuchtend, hätte doch der umgekehrte Weg – eine themenzentrierte Bündelung – zwar eine verstärkte wirkungsgeschichtliche Verknüpfungsoption bereitgestellt, jedoch keine vergleichbaren Einsichten in die Entwicklungen und Veränderungen der Bildkultur geben können. Besonders deutlich wird der Vorteil punktueller historischer Tiefenbohrungen dort, wo einzelne Bildbeispiele in ihrem Ausgangspunkt vorgestellt und ihre Wanderungen durch verschiedene Medien- und Ausdruckformen nachgezeichnet werden. Erst so wird deutlich, wie sehr ein Politiker wie etwa Joschka Fischer die &#8220;Physiognomie der Macht&#8221; bediente und wie er höchst medienaffine faziale Veränderungen an politische Neuausrichtungen koppelte – ein Beitrag der Kommunikations- und Politikwissenschaftlerinnen Eva-Maria Lessinger und Christina Holtz-Bacha spürt Fischers beeindruckende Gesichtskarriere auf (Bd. 2: 506-515) und beweist damit, dass das <em>Jahrhundert der Bilder </em>zwar aus einem weit gefassten Kultur- und Bildbegriff schöpft und dennoch in vermeintlich entlegenen Erscheinungen implikationsreiche Erkenntnisse freizulegen versteht.</p>
<p>Oder ein anders Beispiel: Die Journalistin Rita Gudermann erzählt die Geschichte des &#8220;Sarotti-Mohrs&#8221; (Bd. 1: 276-283), der im Jahr 1918 nach seiner grafischen Geburt auf die entsprechenden Schokoladenverpackungen sprang, zunächst als &#8220;Diener schöner Frauen&#8221; tätig war, lange erfolgreich gegen das Hakenkreuz ankämpfte, in den 1950er Jahren zum deutschen Symbol für die Sehnsucht nach Ferne aufstieg, von 1970 bis 1990 gänzlich von der Bildfläche verschwand, ab 1991 wie aus dem Nichts im Retro-Look Riesenerfolge feierte, 2004 seine Hautfarbe vergoldete und seither unumwunden als &#8220;Michael Jackson der Schokolade&#8221; (Bd. 1: 283) bezeichnet werden kann.</p>
<p>Solch fein beobachtete und subtil verfolgte Bildprozesse, die in den Nischen der Bildkultur zu erstaunlichen Ausformungen gelangten, sind wohl entscheidend mitverantwortlich für die offensichtliche große Beliebtheit der beiden Bände in breiten Leserschichten. Sie zeigen aber auch: Ein bildwissenschaftliches Arbeiten muss nicht zwangsläufig um die Frage nach den geeigneten, möglichst allen und jeden einfassenden Theorierahmen kreisen. Vielmehr sind durch die Betrachtung konkreter Bilder, ihrer Karrieren, medialen Einflüsse, ästhetischen Programme und historischen Prägungen die Versprechen eines bildwissenschaftlichen Arbeitens beim Wort zu nehmen – und somit ungleich eindrucksvoller, ja ertragreicher einzulösen.</p>
<p><img class="alignleft size-full wp-image-1811" title="Paul2" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2009/12/Paul2.jpg" alt="Paul2" width="160" height="214" />Problematisch bleibt hingegen die Frage, ob es sich beim 20. Jahrhundert tatsächlich um ein <em>Jahrhundert der Bilder </em>handelte, wie es die beiden Bände nahe legen. Waren die vergangenen rund hundert Jahre wirkliche eine Kulturphase, in dem die Kraft des Visuellen eine neue Qualität erlangte und daher als vorwiegend bildfokussierte und -geprägte Zeit gelten kann? Wer diese Frage aufwirft, wird nicht vergessen, dass etwa der &#8216;pictorial turn&#8217; nur einer von vielen Umbrüchen sein soll, die aus akademischen Kreisen mitunter euphorisch ausgerufen und als wesentliche Charakteristika des 20. Jahrhunderts ausgegeben wurden. Dass der ikonischen Wende knapp dreißig Jahre zuvor die linguistische vorausging, dass man überdies sowohl eine performative als auch eine kulturelle, ja zum Ende der 1980er Jahre selbst eine raumkritische und jüngst gar eine akustische Wende erkannte, deutet an, dass es sich bei der Bilderfrage längst nicht um eine allgemein akzeptierte handelt. Das <em>Jahrhundert der Bilder </em>scheint daher vor allem ein Jahrhundert zu sein, das zur Verkündigung unterschiedlichster Paradigmenwechsel einlädt, und das viele als Phase eines wie auch immer gelagerten Umbruchs markieren.</p>
<p>Gleichsam suggerieren beide Bände, dass das 20. Jahrhundert eine Bildkultur hervorbrachte, die als singuläre Erscheinung in die Bildgeschichte eingehen könnte. Das mag mit einem Blick auf die Quantität einer medialen Vervielfachung visueller Produkte und auf ihre massiv gestiegenen Rezeptionsmöglichkeiten zutreffen. Und doch bleibt zweifelhaft, ob das unstrittige Mehr an Bildern auch ein Mehr an Bedeutungen, ein erhöhtes Einfluss- und Wirkungspotenzial des Visuellen generieren konnte. Der Hinweis etwa auf die Kunst der frühen Moderne im 19. Jahrhundert mag verdeutlichen, inwiefern sich Bilder zur Heilsinstanz überhöhen und sogar zur Anbetung verleiten konnten, ja wie gerade die Bilder der Romantik eine unmittelbare Gotteserfahrung freisetzen wollten und damit einen schier unüberbietbaren Autoritätsanspruch vertraten. Vor diesem Hintergrund kann das 20. Jahrhundert als ein Prozess der Desakralisierung visueller Einheiten verstanden werden – gleichsam keimen Zweifel an jener enormen Deutungsmacht und Einspruchsenergie auf, die Paul vor allem technisch erzeugten Bildern an einigen Stellen zuzusprechen scheint.</p>
<p>Doch der Publikation wird nicht gerecht, wer in ihr eine übersteigerte Ikonophilie identifizieren will. Überhaupt bündeln die gesammelten Beiträge ihre besten Momente dort, wo die Autoren einzelne Bilder als Bestandteile größerer Bildzusammenhänge, übergeordneter ästhetischer Prozesse und politischer Willensbekundungen vorstellen. Abschließend herausgehoben sei in diesem Zusammenhang ein Aufsatz der Journalistin Esther Schapira (Bd. 2: 678-685): Im Jahr 2000 schien der Junge Mohammed Al Durah mit seinem Vater zwischen palästinensische und israelische Militärfronten geraten zu sein – statt die bis heute lebhaften Spekulationen zu den Umständen seines möglichen Todes anzuheizen, erhellt die Autorin minutiös den steilen Bildverlauf des Geschehens, das sowohl als politisches Propagandainstrument als auch als Kleideraufdruck bei der Modenschau eines saudischen Designers weiterverarbeitet wurde.</p>
<p>Gerhard Paul hat mit seinen zwei Bänden einen gewichtigen Beitrag für den &#8220;Bilderkanon des kulturellen Gedächtnisses&#8221; geleistet. Gleichsam zeigt das Jahrhundert der Bilder die Handlungsagilität und Deutungsmöglichkeit einer bildwissenschaftlichen Arbeitsweise, die sich um das visuell Konkrete kümmert und durch eine praktische Anwendung methodische Eigenständigkeit zu erlangen im Stande ist. Pauls Projekt exemplifiziert bis auf geringfügige Schwächen höchst überzeugend, dass die Bildlichkeit als solche und ihre Prozesshaftigkeit die Erinnerung an jüngste historische Verläufe lebendig hält. Gerade im Zeitalter einer vermehrten Digitalisierung der Bilder wird zunehmend erforderlich sein, sich von statisch-festgezurrten Bildkonzepten in der analytischen Praxis zu verabschieden und stattdessen vollzogene Distributionsprozesse ins Zentrum der Betrachtung zu rücken.</p>
<p>Es mag bezeichnend sein, dass ein Historiker die geschichtlichen Vorläufer dieser hochaktuellen Aufgabe als einer der ersten erkannte und ihre Potenzialität für bildwissenschaftliche Zugriffe vorführte. Möge sein <em>Jahrhundert der Bilder </em>kein disziplinärer Sonderfall bleiben, sondern beispielgebend weitere Reflexionen über tatsächliche Bildprozesse anregen. Erst dann wird die Bildwissenschaft aus ihren Methodenkeilereien aussteigen und ihren eigentlichen Kompetenzen gerecht werden können. Auch diese Einsicht ist ein Verdienst von Gerhard Pauls Streifzug durch unser visuelles Kulturgedächtnis.</p>
<p><em>Links</em>:</p>
<ul>
<li><a href="http://www.v-r.de/de/titel/352530011/" target="_blank">Verlagsinformationen zum ersten Band</a></li>
<li><a href="http://www.v-r.de/de/titel/352530012/" target="_blank">Verlagsinformationen zum zweiten Band</a></li>
<li><a href="http://www.uni-flensburg.de/geschichte/institut/mitarbeiter/paul.php" target="_blank">Webpräsenz von Gerhard Paul an der Universität Flensburg</a></li>
<li><a href="http://www.prof-gerhard-paul.de/" target="_blank">persönliche Homepage von Gerhard Paul</a></li>
<li><a href="http://www.bildfaehig.de/danielhornuff/" target="_blank">persönliche Homepage von Daniel Hornuff</a></li>
</ul>
<p>Bild-Quelle: Slg./Paul Flensburg</p>


<p>Related posts:<ol><li><a href='http://www.rkm-journal.de/archives/461' rel='bookmark' title='Permanent Link: Moritz Ballensiefen: Bilder machen Sieger – Sieger machen Bilder'>Moritz Ballensiefen: Bilder machen Sieger – Sieger machen Bilder</a></li>
<li><a href='http://www.rkm-journal.de/archives/3625' rel='bookmark' title='Permanent Link: Winfried Nöth; Peter Seibert: Bilder beSchreiben'>Winfried Nöth; Peter Seibert: Bilder beSchreiben</a></li>
<li><a href='http://www.rkm-journal.de/archives/1799' rel='bookmark' title='Permanent Link: Thomas Friedrich; Gerhard Schweppenhäuser: Bildsemiotik'>Thomas Friedrich; Gerhard Schweppenhäuser: Bildsemiotik</a></li>
</ol></p>]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.rkm-journal.de/archives/1645/feed</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Frank Bösch; Constantin Goschler (Hrsg.): Public History</title>
		<link>http://www.rkm-journal.de/archives/553</link>
		<comments>http://www.rkm-journal.de/archives/553#comments</comments>
		<pubDate>Sat, 26 Sep 2009 22:07:29 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Redaktion</dc:creator>
				<category><![CDATA[Einzelrezension]]></category>
		<category><![CDATA[Öffentlichkeit]]></category>
		<category><![CDATA[Bücher]]></category>
		<category><![CDATA[Fernsehen]]></category>
		<category><![CDATA[Film]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Journalismus]]></category>
		<category><![CDATA[Literatur]]></category>
		<category><![CDATA[Medialisierung]]></category>
		<category><![CDATA[Nationalsozialismus]]></category>
		<category><![CDATA[Opfer]]></category>
		<category><![CDATA[Public History]]></category>
		<category><![CDATA[Radio]]></category>
		<category><![CDATA[Täter]]></category>
		<category><![CDATA[Zeitgeschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Zeitungen]]></category>
		<category><![CDATA[Zeitzeugen]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.rkm-journal.de/?p=553</guid>
		<description><![CDATA[<em>Rezensiert von Martina Thiele</em>

<img class="alignleft size-full wp-image-1437" title="bösch&#38;goschler" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2009/05/böschgoschler.jpg" alt="bösch&#38;goschler" width="160" height="243" />Mit der Vergangenheit beschäftigt sich nicht nur der Historiker, der einen Lehrstuhl für Geschichte innehat. Auch "fachfremde" Wissenschaftler sowie Zeitzeugen, Schriftsteller, Juristen und Journalisten schreiben über geschichtliche Themen. Mit dem Band "Public History" spüren die Autorinnen und Autoren den Trennlinien nach zwischen Wissenschaft, Publizistik und Schriftstellerei, zwischen Fakten und Fiktionen. Das Besondere an diesem Buch aber besteht darin, dass die Herausgeber Frank Bösch und Constantin Goschler – beide Inhaber von Lehrstühlen für Geschichte – nun gerade nicht beklagen, wie sehr die universitäre Geschichtsforschung durch "Laienhistoriker" gestört wird, sondern im Gegenteil die Anstöße, die durch Public History erfolgt sind, als außerordentlich wichtig erachten für die Geschichtswissenschaft und die Gesellschaft insgesamt. <a href="http://www.rkm-journal.de/archives/553">[Mehr]</a>


Related posts:<ol><li><a href='http://www.rkm-journal.de/archives/2384' rel='bookmark' title='Permanent Link: Frank Fechner; Axel Wössner: Journalistenrecht'>Frank Fechner; Axel Wössner: Journalistenrecht</a></li>
<li><a href='http://www.rkm-journal.de/archives/122' rel='bookmark' title='Permanent Link: Dieter Rucht; Simon Teune (Hrsg.): Nur Clowns und Chaoten?'>Dieter Rucht; Simon Teune (Hrsg.): Nur Clowns und Chaoten?</a></li>
<li><a href='http://www.rkm-journal.de/archives/459' rel='bookmark' title='Permanent Link: Peter J. Schulz; Uwe Hartung; Simone Keller (Hrsg.): Identität und Vielfalt der Kommunikationswissenschaft'>Peter J. Schulz; Uwe Hartung; Simone Keller (Hrsg.): Identität und Vielfalt der Kommunikationswissenschaft</a></li>
</ol>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Rezensiert von Martina Thiele</em></p>
<p><img class="alignleft size-full wp-image-1437" title="bösch&amp;goschler" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2009/05/böschgoschler.jpg" alt="bösch&amp;goschler" width="160" height="243" />Mit der Vergangenheit beschäftigt sich nicht nur der Historiker, der einen Lehrstuhl für Geschichte innehat. Auch &#8220;fachfremde&#8221; Wissenschaftler sowie Zeitzeugen, Schriftsteller, Juristen und Journalisten schreiben über geschichtliche Themen. Mit dem Band &#8220;Public History&#8221; spüren die Autorinnen und Autoren den Trennlinien nach zwischen Wissenschaft, Publizistik und Schriftstellerei, zwischen Fakten und Fiktionen. Das Besondere an diesem Buch aber besteht darin, dass die Herausgeber Frank Bösch und Constantin Goschler – beide Inhaber von Lehrstühlen für Geschichte – nun gerade nicht beklagen, wie sehr die universitäre Geschichtsforschung durch &#8220;Laienhistoriker&#8221; gestört wird, sondern im Gegenteil die Anstöße, die durch Public History erfolgt sind, als außerordentlich wichtig erachten für die Geschichtswissenschaft und die Gesellschaft insgesamt.</p>
<p>Den Begriff &#8220;Public History&#8221; erläutern Bösch und Goschler einleitend: Es geht um die nicht-akademische Bildung historischer Wissensbestände, um den öffentlichen Umgang mit Geschichte. Im Deutschen wird das häufig mit &#8220;Wissenschaft und Öffentlichkeit&#8221; umschrieben. In den USA etablierte sich der Begriff &#8220;Public History&#8221; in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts und mittlerweile gibt es dort an 125 Universitäten und Colleges Public-History-Studiengänge oder Studienschwerpunkte. Der erste deutsche Studiengang namens &#8220;Public History&#8221; besteht seit 2007 an der FU Berlin. Damit setzt sich die Institutionalisierung einer Bewegung fort, die unabhängig von der etablierten Geschichtswissenschaft geschichtliche Themen bearbeiten wollte. Trotz der Beteuerung, das Wechselspiel zwischen Fachwissenschaft und Public History zunächst nur untersuchen zu wollen, verstärkt auch der vorliegende Band die Tendenz, die Public History zu verwissenschaftlichen, zumal die Autorinnen und Autoren alle mindestens promovierte Historiker sind.</p>
<p>Zwei der neun Beiträge wählen insofern einen etwas anderen Zugang zum Thema, als sie die Gedenkstättenpolitik (Habbo Knoch) als Teil der Public History untersuchen oder speziell die Arbeit der Zeithistorischen Forschungsstelle in Ludwigsburg in den Blick nehmen (Annette Weinke). Andere Beiträge fragen nach massenmedialen Repräsentationen – so der Rolle des Printjournalismus (Jan Erik Schulte), des Dokumentarfilms (Frank Bösch) und des Radios (Inge Marßolek). Letzteres war in den ausgehenden 40er und 50er Jahren &#8220;Leitmedium&#8221; und Mittel der Reeducation. Der Hörfunk ließ die Deutschen unmittelbar teilhaben an den frühen NS-Prozessen in Belsen und Nürnberg. Von beiden Prozessen, aber auch 18 Jahre später vom Frankfurter Auschwitz-Prozess, berichtete der NWDR-Reporter Axel Eggebrecht – ein Vorbild für Generationen von Journalistinnen und Journalisten. Marßolek analysiert die Sendeprotokolle und legt dar, worin sich die frühen Gerichtsverfahren von den späteren unterschieden, wie sich die Sicht auf Täter, Zeugen und Opfer veränderte.</p>
<p>Diesen Themen- und Perspektivenwandel untersuchen auch Schulte und Bösch. Schulte erkennt in der Presse der frühen Bundesrepublik eine Konzentration auf die Haupttäter und die Tendenz zur Entschuldung. Erst in den 60er Jahren seien die &#8220;großen Namen&#8221; als Vehikel für weitergehende Analysen genutzt worden. Ähnlich wie im Printjournalismus verhielt es sich im Film- und Fernsehjournalismus. Auch hier, so Bösch, sind verschiedene Phasen der Auseinandersetzung erkennbar. Anfang der 60er Jahre gewann das Fernsehen als Vermittler historischen Wissens zunehmend an Bedeutung – ein Trend, der bis heute anhält.</p>
<p>Andere Medien aber wie das Buch, so Olaf Blaschke und Erhard Schütz, fänden viel zu wenig Beachtung in der Diskussion um medialisierte Geschichte. Blaschke, der das Verlagsgeschäft betrachtet, verweist auf die ökonomische Seite, darauf, dass sich die Publikation zeitgeschichtlicher Sachbücher auch lohnen muss. Längst nicht alles, was publikationswürdig war, wurde verlegt, und längst nicht alles, was verlegt wurde, war publikationswürdig. Lobenswert ist Blaschkes Versuch, die Behauptung, dass Zeitgeschichtliches boomt, auch empirisch zu untermauern. Den fehlenden Daten zu Auflagen, Rezeption, gar Wirkung belletristischer Literatur mit zeithistorischem Bezug begegnet Schütz durch eine umfassende Angebotsübersicht. Mit Blick auf die Skandalisierung von Werken wie Schlinks &#8220;Der Vorleser&#8221; und Walsers &#8220;Ein springender Brunnen&#8221; plädiert er für eine Literatur, die auf &#8220;ästhetischen Eigensinn und künstlerische Riskanz&#8221; setzt. Das provoziert Nachfragen, ebenso das von Schütz angesprochene &#8220;Phänomen, das selbst noch der historiographischen Reflexion bedarf, nämlich das der je zeitgeschichtlichen kollektiven Erwartungsnormen der veröffentlichten Meinung generell und des Kulturjournalismus im Speziellen&#8221; (279).</p>
<p>Um Zeugnisse der Täter oder aber der Opfer geht es in den Beiträgen von Oliver von Wrochem und Constantin Goschler. Letzterer distanziert sich in seinem Aufsatz über die &#8220;Stimmen der Opfer&#8221; vom Begriff &#8220;Holocaust-Literatur&#8221;, ihn interessiere vielmehr, &#8220;in welchem Verhältnis diese Erzählungen zur akademischen Forschung standen&#8221;. Goschler skizziert zwei Positionen, vertreten durch Hans Günter Hockerts und Nicolas Berg: Während sich die Zeitgeschichtsforschung nach Hockerts tapfer der Deutungshoheit von Generalsmemoiren in den Weg gestellt habe, seien nach Berg die Erinnerungen jüdischer Zeitzeugen und Historiker lange Zeit von der akademischen Forschung nicht beachtet worden. Wie dominant in den ersten Jahren die Memoiren-Literatur der militärischen Eliten war, belegt von Wrochem eindrucksvoll. Goschler vermeidet die Stellungnahme und verweist auf das &#8220;Dazwischen&#8221;, Personen wie Hans Rothfels, der nicht als &#8220;jüdischer Historiker&#8221; gesehen werden wollte. Im Zuge der Professionalisierung und Institutionalisierung der Zeitgeschichte in den 60er Jahren sei jedenfalls eine deutliche Trennlinie zwischen Zeithistorikern und Zeitzeugen gezogen worden. Der massenmedial forcierte &#8220;Boom der Zeitzeugen&#8221; in den 70er und 80er Jahren habe dann aber zu einer &#8220;komplexen Symbiose zwischen NS-Opfern und akademischer Zeitgeschichte&#8221; geführt, die &#8220;auch durch das Abtreten der letzten Erlebnisgeneration nicht automatisch&#8221; beendet sein müsse, weil, so Goschler, vermutlich die &#8220;second generation&#8221; die Rolle der Zeitzeugen nach deren Ableben übernehmen werde (154). Hier klingt dann doch eine gewisse Skepsis gegenüber Vermischungen von Opferstatus und akademischer Forschung an.</p>
<p>Prinzipiell zuzustimmen ist Olaf Blaschke, der es &#8220;sehr begrüßt&#8221;, &#8220;wenn wie in diesem Buch, jenseits der Schriften und Meinungen von Berufshistorikern die in bloßer Nebenrolle wahrgenommenen Journalisten, Filmemacher, Publizisten, Juristen und anderen Akteure kollektiv ins Blickfeld geraten.&#8221; (224) Doch reicht es, wenn diese ins Blickfeld der Historiker geraten? Was spricht dagegen, die anderen Akteure und auch Akteurinnen selbst zu Wort kommen zu lassen?</p>
<p><em>Links:</em></p>
<ul>
<li><a href="http://www.campus.de/wissenschaft/geschichte/Public+History.85843.html" target="_blank">Verlagsinformationen zum Buch</a></li>
<li><a href="http://www.uni-giessen.de/cms/fbz/fb04/institute/geschichte/fachjournalistik/personen/-1p-4hi-5fj-8p-p45-/" target="_blank">Webpräsenz von Frank Bösch an der Universität Gießen</a></li>
<li><a href="http://www.ruhr-uni-bochum.de/lehrstuhl-ng2/" target="_blank">Webpräsenz von Constantin Goschler an der Ruhr-Universität Bochum</a></li>
<li><a href="http://www.uni-salzburg.at/portal/page?_pageid=284,388122&amp;_dad=portal&amp;_schema=PORTAL" target="_blank">Webpräsenz von Martina Thiele an der Universität Salzburg</a></li>
</ul>


<p>Related posts:<ol><li><a href='http://www.rkm-journal.de/archives/2384' rel='bookmark' title='Permanent Link: Frank Fechner; Axel Wössner: Journalistenrecht'>Frank Fechner; Axel Wössner: Journalistenrecht</a></li>
<li><a href='http://www.rkm-journal.de/archives/122' rel='bookmark' title='Permanent Link: Dieter Rucht; Simon Teune (Hrsg.): Nur Clowns und Chaoten?'>Dieter Rucht; Simon Teune (Hrsg.): Nur Clowns und Chaoten?</a></li>
<li><a href='http://www.rkm-journal.de/archives/459' rel='bookmark' title='Permanent Link: Peter J. Schulz; Uwe Hartung; Simone Keller (Hrsg.): Identität und Vielfalt der Kommunikationswissenschaft'>Peter J. Schulz; Uwe Hartung; Simone Keller (Hrsg.): Identität und Vielfalt der Kommunikationswissenschaft</a></li>
</ol></p>]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.rkm-journal.de/archives/553/feed</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Astrid Blome; Holger Böning (Hrsg.): Presse und Geschichte</title>
		<link>http://www.rkm-journal.de/archives/501</link>
		<comments>http://www.rkm-journal.de/archives/501#comments</comments>
		<pubDate>Sun, 23 Aug 2009 10:29:12 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Redaktion</dc:creator>
				<category><![CDATA[Einzelrezension]]></category>
		<category><![CDATA[Aufklärung]]></category>
		<category><![CDATA[DDR]]></category>
		<category><![CDATA[Flugblätter]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Journalismus]]></category>
		<category><![CDATA[Kalender]]></category>
		<category><![CDATA[Kommunikation]]></category>
		<category><![CDATA[Medien]]></category>
		<category><![CDATA[Nationalsozialismus]]></category>
		<category><![CDATA[Presse]]></category>
		<category><![CDATA[Professionalisierung]]></category>
		<category><![CDATA[Zeitungen]]></category>
		<category><![CDATA[Zeitungswissenschaft]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.rkm-journal.de/?p=501</guid>
		<description><![CDATA[<em>Rezensiert von Markus Behmer</em>

<img class="alignleft size-full wp-image-1005" title="blome&#38;böning2008" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2009/08/blomeböning2008.jpg" alt="blome&#38;böning2008" width="160" height="226" /><i>Presse und Geschichte – Neue Beiträge</i> heißt eine von Mitarbeitern des Instituts für Deutsche Presseforschung an der Universität Bremen herausgegebene Buchreihe, in der bislang in knapp einem Jahrzehnt bereits 43 Titel erschienen sind. Unter dem Titel <em>Presse und Geschichte</em> sind auch schon 1977 und 1987 zwei Bände in der Vorgängerreihe "Studien zur Publizistik" veröffentlicht worden. Beide vereinten "Beiträge zur historischen Kommunikationsforschung" und beide gehören immer noch zur Standardliteratur der Pressegeschichtsschreibung, setzten Maßstäbe insbesondere hinsichtlich der Beschreibung des Forschungsstandes zum frühen Druckwesen. Nun liegt wieder ein Reader zu <em>Presse und Geschichte</em> vor, wieder aus Bremen. <a href="http://www.rkm-journal.de/archives/501">[Mehr]</a>


Related posts:<ol><li><a href='http://www.rkm-journal.de/archives/491' rel='bookmark' title='Permanent Link: Peter Brummund: Die Entwicklung des Funktionsrabatts im Presse-Grosso'>Peter Brummund: Die Entwicklung des Funktionsrabatts im Presse-Grosso</a></li>
<li><a href='http://www.rkm-journal.de/archives/553' rel='bookmark' title='Permanent Link: Frank Bösch; Constantin Goschler (Hrsg.): Public History'>Frank Bösch; Constantin Goschler (Hrsg.): Public History</a></li>
<li><a href='http://www.rkm-journal.de/archives/1793' rel='bookmark' title='Permanent Link: Michael Grisko (Hrsg.): Texte zur Theorie und Geschichte des Fernsehens'>Michael Grisko (Hrsg.): Texte zur Theorie und Geschichte des Fernsehens</a></li>
</ol>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Rezensiert von Markus Behmer</em></p>
<p><img class="alignleft size-full wp-image-1005" title="blome&amp;böning2008" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2009/08/blomeböning2008.jpg" alt="blome&amp;böning2008" width="160" height="226" /><em>Presse und Geschichte – Neue Beiträge</em> heißt eine von Mitarbeitern des <a href="http://www.presseforschung.uni-bremen.de/" target="_blank">Instituts für Deutsche Presseforschung </a>an der Universität Bremen herausgegebene Buchreihe, in der bislang in knapp einem Jahrzehnt bereits 43 Titel erschienen sind. Unter dem Titel <em>Presse und Geschichte</em> sind auch schon 1977 und 1987 zwei Bände in der Vorgängerreihe &#8220;Studien zur Publizistik&#8221; veröffentlicht worden. Beide vereinten &#8220;Beiträge zur historischen Kommunikationsforschung&#8221; und beide gehören immer noch zur Standardliteratur der Pressegeschichtsschreibung, setzten Maßstäbe insbesondere hinsichtlich der Beschreibung des Forschungsstandes zum frühen Druckwesen.</p>
<p>Nun liegt wieder ein Reader zu <em>Presse und Geschichte</em> vor, wieder aus Bremen. Dokumentiert sind in dem fast 500-seitigen Band 24 (für die Drucklegung teils deutlich erweiterte) Vorträge, die 2007 auf einer Tagung aus Anlass des 50. Geburtstages eben des Instituts für Deutsche Presseforschung gehalten wurden.</p>
<p>Der erste Aufsatz – von Mitherausgeber Holger Böning – bietet dann auch einen prägnanten Abriss der Geschichte des Instituts, das als &#8220;wunderbarer Ort, der Freiräume bietet, ohne die große Projekte grundlegender Forschung nicht gedeihen können&#8221; (18), gefeiert wird. Viele der weiteren Beiträge stammen ebenfalls von ehemaligen oder aktuellen Mitarbeitern des Instituts und bieten Einblicke in manche dieser Projekte. So liefert die zweite Herausgeberin Astrid Blome einen Überblick über die Entwicklung der Intelligenzblätter wie auch ihrer Erforschung und arbeitet luzide deren vielfältige Funktionen und ihre Bedeutung heraus – etwa als &#8220;unentbehrliche Wissensspeicher, […] Orientierungshilfe im Alltag ebenso wie […] historische Chronik der Normanwendung&#8221; (202). Indem die örtlichen Intelligenzblätter unter anderem die &#8220;administrative, wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung einer Stadt und einer Region in ihrer historischen Tradition und aktuellen Entfaltung&#8221; (207) dokumentierten, hätten sie ein System &#8220;völlig neuartiger öffentlicher Kommunikationsstrukturen&#8221; (ebd.) begründet und wesentlich dazu beigetragen, erst das &#8220;Bewusstsein einer Region&#8221; zu konstituieren.</p>
<p>Überblicke über &#8220;traditionelle&#8221; Schwerpunkte der Bremer Forschung bieten Johannes Weber, Reinhart Siegert und Michael Nagel. Weber beschreibt knapp Forschungsergebnisse und Desiderate zur Nachrichtenpresse im 17. Jahrhundert, Nagel zeichnet die Entwicklung der deutsch-jüdischen Presse im Zeitraum von 1755 bis 1943 nach und zeigt deren mentalitätsgeschichtliche Bedeutung wie auch deren Wandel auf. Und Siegert arbeitet anschaulich heraus, dass Zeitungslektüre bereits im 18. Jahrhundert auch unter einfachen Leuten recht weit verbreitet war und als &#8220;Motor der Volksaufklärung&#8221; (209) fungierte. &#8220;&#8216;Bad News is good news&#8217; – dieser heutige Satz scheint für viele Blätter der Aufklärung nicht zu gelten&#8221;, so eines seiner Ergebnisse. &#8220;Sie berichten von guten Taten, von fortschrittlichen Gesetzen, von geglückten Neuerungen. Insbesondere regionale Blätter mit starker aufklärerischer Tendenz taten sich darin besonders hervor&#8221; (222).</p>
<p>Einblicke in kleinere aktuelle Projekte am Institut für Presseforschung ermöglichen Esther-Beate Körber und Klaus-Dieter Herbst. &#8220;Zeitungsextrakte&#8221; nennt Körber ihren bislang wenig beachteten Forschungsgegenstand; gemeint sind damit Periodika, die regelmäßig Meldungen aus verschiedenen Zeitungen zusammenstellten und teilweise einordneten. Sie dienten während des gesamten 18. Jahrhunderts vor allem &#8220;als Verständnishilfen und Werbemittel für die Zeitungslektüre&#8221; (138). Herbst beschäftigt sich mit Kalendern als Medien. Im hier vorliegenden Aufsatz beschränkt er sich auf &#8220;große Schreibkalender&#8221; (die die Käufer auch als Lesestoff und für tägliche Eintragungen nutzen konnten), ausführlich beschreibt er deren Entwicklung, Inhalte und Funktion und entwickelt ein Programm zur weiteren Analyse.</p>
<p>Interdisziplinarität betont Hölger Böning als ein besonderes Attribut der Bremer Presseforschung – und aus unterschiedlichen Disziplinen kommen auch die Beiträger des Bandes: Literaturwissenschaftler, Linguisten, Historiker und Kommunikationswissenschaftler. Mit letzterer Disziplin wie auch mit ihrer universitären &#8220;Vorgängerin&#8221;, der Zeitungswissenschaft, geht Martin Welke hart ins Gericht. Kundig beschreibt er (einmal mehr) die Nachrichtenbeschaffung der ersten beiden bekannten Wochenzeitungen, des &#8220;Aviso&#8221; und der &#8220;Relation&#8221;, und moniert dabei die &#8220;fachliche Inkompetenz der Zeitungswissenschaft&#8221; (24) auf dem Felde historischer Presseforschung. Es sei &#8220;schlicht nicht nachzuvollziehen, dass die mit derartigen Fehlleistungen belastete Zeitungswissenschaft bzw. die ihr nachfolgende Publizistikwissenschaft/Kommunikationsforschung in der gesamten akademischen Welt noch immer wie selbstverständlich als &#8216;Heimatdisziplin&#8217; der pressehistorischen Forschung&#8221; (ebd.) gelte.</p>
<p>Im vorliegenden Band liefern aber gerade Kommunikationswissenschaftler einige der fundiertesten Beiträge, in denen sie aufzeigen, wie ausgehend von grundlegendem historischen Wissen und in Verbindung mit sozialwissenschaftlichem Methodenrüstzeug neue Ergebnisse zu Tage gefördert und interessante Zusammenhänge erschlossen werden können. So entwickelt Arnulf Kutsch im längsten Aufsatz des Bandes eine umfängliche Perspektive zur Erforschung des &#8220;journalistischen Professionalisierungsprozesses in Deutschland am Anfang des 20. Jahrhunderts&#8221; (289-325). Und Michael Meyen fasst drei eigene Forschungsprojekte zu Inhalten, Publikum und Lesererwartungen von Zeitungen in der DDR zusammen und liefert damit erste überzeugende Bausteine zu einer Geschichte der DDR-Presse, die bisherige Vorstellungen etwa von der ausschließlichen Uniformität differenzieren können. Im Schnittbereich zwischen Geschichts- und Kommunikationswissenschaft steht Bernd Sösemann. Hier bietet er Grundzüge und vertiefende Thesen zur Medienlenkung im NS-Staat. Ein Konzept zur weiteren Forschung stellt er exemplarisch anhand der – gescheiterten – Bemühungen Goebbels&#8217; um eine Revision des Reichspressegesetzes dar, die er prägnant und solide quellengestützt nachzeichnet. Weiter skizzieren Rudolf Stöber und Jürgen Wilke jeweils Anliegen, Vorgehensweise wie auch Probleme beim Verfassen ihrer pressegeschichtlichen Überblickswerke.</p>
<p>Der Spannungsbogen des gesamten Bandes reicht von der Frühgeschichte des Druckwesens im 17. Jahrhundert bis in die 80er Jahre des 20. Jahrhunderts, von kleinen Schlaglichtern (etwa von Hans Wolf Jäger über Gustav Freytags Beziehung zum Journalismus oder einer Projektvorstellung zur &#8220;digitalen Erfassung der deutschsprachigen Presse im Königreich Ungarn in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts&#8221; [435-446]) zu umfassenden Überblicken (etwa auch von Hélène Roussel zur deutschen Exilpresse).</p>
<p>&#8220;Leistungen und Perspektiven der historischen Presseforschung&#8221;, so lautet der Untertitel des Bandes. Deutlich wird im bunten Strauß der (wie stets nicht immer qualitativ gleichwertigen) Aufsätze, dass in den vergangenen Jahrzehnten viel geleistet wurde und viele der thematisierten Forschungsfelder schon gut beackert sind; aber vielfach werden auch Desiderate aufgezeigt, neue Fragen angestoßen, eben Perspektiven offengelegt. Astrid Blome konstatiert zu Recht, dass eine &#8220;systematische Würdigung der kommunikationshistorischen Leistungen der Intelligenzblätter&#8221; (180) noch ausstehe, Meyen und Kutsch konstatieren ähnliche Defizite für die Erforschung der DDR-Presse respektive der journalistischen Berufsentwicklung, Herbst mahnt weitere Forschung zum Kalender an, Daniel Bellingradt erwartet &#8220;wichtige Impulse&#8221; aus der Erforschung frühneuzeitlicher Flugdrucke für die &#8220;interdisziplinäre Stereotypenforschung&#8221; (92), nach Kurt Nemitz könne man aus historischen Beispielen einen &#8220;genaueren Einblick in die Arbeitsweise der Regierungssprecher&#8221; (281) gewinnen und so fort.</p>
<p>Jeder betont so auch die Bedeutung des eigenen Forschungsgegenstands. Eine breite Palette von Themenfeldern und wissenschaftlichen Zugängen der historischen Presseforschung aufzuzeigen &#8211; darin liegt kein kleiner Verdienst des eindrucksvollen Readers.</p>
<p><em>Links:</em></p>
<ul>
<li><a href="http://www.editionlumiere.de/pressegeschichte.html" target="_blank">Verlagsinformationen zum Buch</a></li>
<li><a href="http://www.uni-bamberg.de/kowi/personen_einrichtungen/markus_behmer/" target="_blank">Webpräsenz von Markus Behmer an der Universität Bamberg</a></li>
</ul>


<p>Related posts:<ol><li><a href='http://www.rkm-journal.de/archives/491' rel='bookmark' title='Permanent Link: Peter Brummund: Die Entwicklung des Funktionsrabatts im Presse-Grosso'>Peter Brummund: Die Entwicklung des Funktionsrabatts im Presse-Grosso</a></li>
<li><a href='http://www.rkm-journal.de/archives/553' rel='bookmark' title='Permanent Link: Frank Bösch; Constantin Goschler (Hrsg.): Public History'>Frank Bösch; Constantin Goschler (Hrsg.): Public History</a></li>
<li><a href='http://www.rkm-journal.de/archives/1793' rel='bookmark' title='Permanent Link: Michael Grisko (Hrsg.): Texte zur Theorie und Geschichte des Fernsehens'>Michael Grisko (Hrsg.): Texte zur Theorie und Geschichte des Fernsehens</a></li>
</ol></p>]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.rkm-journal.de/archives/501/feed</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Christoph Links: Das Schicksal der DDR-Verlage</title>
		<link>http://www.rkm-journal.de/archives/132</link>
		<comments>http://www.rkm-journal.de/archives/132#comments</comments>
		<pubDate>Tue, 28 Jul 2009 16:59:20 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Redaktion</dc:creator>
				<category><![CDATA[Einzelrezension]]></category>
		<category><![CDATA[Ökonomie]]></category>
		<category><![CDATA[Bücher]]></category>
		<category><![CDATA[DDR]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Verlage]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://rkm.lookingintomedia.com/?p=132</guid>
		<description><![CDATA[<em>Rezensiert von Ute Schneider</em>

<img class="alignleft size-full wp-image-827" title="links2009" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2009/05/links2009.jpg" alt="links2009" width="160" height="249" />In seiner 2007 am Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaft der Berliner Humboldt-Universität abgeschlossenen Dissertation zeichnet der Berliner Verleger Christoph Links die Entwicklung der 78 staatlich lizenzierten DDR-Verlage seit 1989 nach. Heute existieren davon noch 44 Verlage, wobei lediglich 25 noch aktiv Titel produzieren, acht Verlage davon sind allerdings nur als Redaktions- und Vertriebsbüros ihrer westdeutschen Häuser tätig. Rechnet man auch die Unternehmen ab, die schon einmal Insolvenz angemeldet hatten, sind schließlich nach der Insolvenz der Aufbau-Verlagsgruppe nur noch neun Verlage mit eigenem nennenswerten Programm existent. Heute macht der Anteil der ostdeutschen Verlage am jährlichen Gesamtproduktionsvolumen in Deutschland gerade noch 2,2 Prozent aus. <a href="http://www.rkm-journal.de/archives/132">[Mehr]</a>


Related posts:<ol><li><a href='http://www.rkm-journal.de/archives/491' rel='bookmark' title='Permanent Link: Peter Brummund: Die Entwicklung des Funktionsrabatts im Presse-Grosso'>Peter Brummund: Die Entwicklung des Funktionsrabatts im Presse-Grosso</a></li>
<li><a href='http://www.rkm-journal.de/archives/1588' rel='bookmark' title='Permanent Link: Christoph Moss (Hrsg.): Die Sprache der Wirtschaft'>Christoph Moss (Hrsg.): Die Sprache der Wirtschaft</a></li>
<li><a href='http://www.rkm-journal.de/archives/644' rel='bookmark' title='Permanent Link: Christoph Bertling: Sportainment'>Christoph Bertling: Sportainment</a></li>
</ol>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Rezensiert von Ute Schneider</em></p>
<p><img class="alignleft size-full wp-image-827" title="links2009" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2009/05/links2009.jpg" alt="links2009" width="160" height="249" />In seiner 2007 am <a href="http://www.ib.hu-berlin.de/" target="_blank">Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaft der Berliner Humboldt-Universität </a>abgeschlossenen Dissertation zeichnet der Berliner Verleger Christoph Links die Entwicklung der 78 staatlich lizenzierten DDR-Verlage seit 1989 nach. Heute existieren davon noch 44 Verlage, wobei lediglich 25 noch aktiv Titel produzieren, acht Verlage davon sind allerdings nur als Redaktions- und Vertriebsbüros ihrer westdeutschen Häuser tätig. Rechnet man auch die Unternehmen ab, die schon einmal Insolvenz angemeldet hatten, sind schließlich nach der Insolvenz der Aufbau-Verlagsgruppe nur noch neun Verlage mit eigenem nennenswerten Programm existent (vgl. 312-314). Heute macht der Anteil der ostdeutschen Verlage am jährlichen Gesamtproduktionsvolumen in Deutschland gerade noch 2,2 Prozent aus.</p>
<p>Links ergründet die Ursachen für diese Entwicklung mit einem enormen Rechercheaufwand, indem er eine Fülle von Quellenmaterial gesichtet und analysiert hat. Als Quellen dienten ihm neben Akten aus dem Bundesarchiv die Produktionsmeldekartei der DDR-Verlage, Unternehmensarchivalien, die einschlägige Fachpresse, Zeitzeugengespräche, Archivalien des Börsenvereins sowie weitere Dokumente unterschiedlicher Provenienz. Auf diesen Grundlagen gelingt es erstmals, einen Gesamtüberblick über die Veränderungen der DDR-Verlage in den Jahren 1990 bis 2007 zu geben, wobei es bei der Heterogenität der Materialien unvermeidlich ist, dass – wie Links ausführt – &#8220;sich bei den Verlagen eine unterschiedliche &#8216;Tiefenschärfe&#8217;&#8221; (18) ergibt, die erst durch anschließende Forschungsarbeiten zu einzelnen Verlagen kompensiert werden kann.</p>
<p>Zunächst wird ein Überblick über die Entwicklung der Eigentumsverhältnisse zwischen 1945 bis zur Wende gegeben, es folgen ein Blick auf die Ereignisse in der Verlagsbranche unmittelbar nach der Maueröffnung und auf die Treuhandpolitik im Verlagswesen. Links stellt dann das Geschick aller 78 Verlage nach dem gleichen Schema vor, skizziert kurz ihre Geschichte bis 1990, macht Angaben zur Titelproduktion, zu Umsatz und Gewinn, analysiert dann die Folgen der Privatisierung und gibt dabei erfreulicherweise auch über den Verbleib der Verlagsarchive Auskunft, was für weitere Recherchen äußerst hilfreich ist. Er untergliedert die Verlagsdarstellung sinnvollerweise nach</p>
<ol>
<li>staatlichen Verlagen, die Neugründungen waren, wie z. B. der renommierte Berliner Akademie Verlag oder der ebenfalls in Berlin ansässige Verlag Volk und Wissen,</li>
<li>traditionsreichen Verlagen, die verstaatlicht wurden und zum Teil in beiden deutschen Staaten existierten, wie z. B. Johann Ambrosius Barth, Bibliographisches Institut, F. A. Brockhaus, Hermann Böhlaus Nachf. oder Georg Thieme,</li>
<li>partei- und organisationseigenen Verlagen (z. B. der Dietz Verlag, aber auch die Aufbau-Gruppe und der Verlag Volk und Welt),</li>
<li>kirchlichen Verlagen und</li>
<li>privaten Verlagen unter staatlicher Treuhandschaft, wozu z. B. der Insel-Verlag, B. G. Teubner und die Akademische Verlagsgesellschaft gehörten.</li>
</ol>
<p>Zum Schluss zieht Links Bilanz (318-325) und kann als Ursachen des weitgehenden Niedergangs der Verlage folgende Gründe benennen. Grundsätzlich gestalteten sich für alle Verlage drei Rahmenbedingungen als besonders ungünstig:</p>
<ol>
<li>das fehlende Eigentum,</li>
<li>der Verfall der von den DDR-Verlagen vertretenen immateriellen Werte (Autoren- und Übersetzungsrechte, auch Namensrechte) sowie</li>
<li>kein liquides Kapital.</li>
</ol>
<p>Hinzu kamen drei weitere, spezifische Faktoren der Verlagsbranche wie</p>
<ol>
<li>Unerfahrenheit auf dem hoch kommerzialisierten Buchmarkt, der durch große westdeutsche Konkurrenz geprägt war,</li>
<li>das Desinteresse der Treuhand, den in ihrer wirtschaftlichen Bedeutung vergleichsweise kleinen Verlagen eine solide Ausgangsbasis mit Hilfe ausländischer Investoren zu verschaffen, und</li>
<li>das geringe Engagement des Börsenvereins des deutschen Buchhandels als Interessenvertretung der gesamten Branche, der in erster Linie für den Ausbau der Marktmacht der alten bundesrepublikanischen Verlage Sorge getragen hatte.</li>
</ol>
<p>Christoph Links hat eine umfassende Bestandsaufnahme auf der Basis akribischer Recherchen und überzeugender Ursachenforschung vorgelegt. Für den schnellen Überblick wird als Anhang eine Tabelle mit den Eigentumsveränderungen aller 78 Verlage beigegeben sowie statistisches Material zur Titelproduktion und Mitarbeiterentwicklungen von 1988 und 2007. Links&#8217; Dissertation hat mit der Zusammenstellung der Daten und Fakten ostdeutscher Verlage nach 1989 quasi Handbuchcharakter und wird als Nachschlagewerk weiteren buchwissenschaftlichen Forschungen informative Daten liefern können.</p>
<p><em>Links:</em></p>
<ul>
<li><a href="http://www.linksverlag.de/index.cfm?inhalt=detail&amp;nav_id=1&amp;titel_id=523" target="_blank">Verlagsinformationen zum Buch</a></li>
<li><a href="http://www.christoph-links.de/" target="_blank">Homepage von Christoph Links</a></li>
<li><a href="http://www.buchwissenschaft.uni-mainz.de/lehrende/professoren/prof_dr_u_schneider.html" target="_blank">Webpräsenz von Ute Schneider an der Universität Mainz</a></li>
</ul>


<p>Related posts:<ol><li><a href='http://www.rkm-journal.de/archives/491' rel='bookmark' title='Permanent Link: Peter Brummund: Die Entwicklung des Funktionsrabatts im Presse-Grosso'>Peter Brummund: Die Entwicklung des Funktionsrabatts im Presse-Grosso</a></li>
<li><a href='http://www.rkm-journal.de/archives/1588' rel='bookmark' title='Permanent Link: Christoph Moss (Hrsg.): Die Sprache der Wirtschaft'>Christoph Moss (Hrsg.): Die Sprache der Wirtschaft</a></li>
<li><a href='http://www.rkm-journal.de/archives/644' rel='bookmark' title='Permanent Link: Christoph Bertling: Sportainment'>Christoph Bertling: Sportainment</a></li>
</ol></p>]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.rkm-journal.de/archives/132/feed</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
	</channel>
</rss>
