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	<title>rezensionen:kommunikation:medien &#187; Sammelrezension</title>
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	<description>Rezensionen aus den Bereichen Kommunikation und Medien</description>
	<lastBuildDate>Fri, 03 Feb 2012 21:39:14 +0000</lastBuildDate>
	<language>en</language>
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		<title>Radio in Wissenschaft und Praxis</title>
		<link>http://www.rkm-journal.de/archives/7094</link>
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		<pubDate>Sun, 20 Nov 2011 09:45:54 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Redaktion</dc:creator>
				<category><![CDATA[Sammelrezension]]></category>
		<category><![CDATA[Hörfunk]]></category>
		<category><![CDATA[Lehrbuch]]></category>
		<category><![CDATA[Radio]]></category>
		<category><![CDATA[Radiowerbung]]></category>
		<category><![CDATA[Werbung]]></category>

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		<description><![CDATA[<em>Rezensiert von Margareta Bloom-Schinnerl</em>

<img class="alignnone size-full wp-image-7097" title="Müller et al 2011" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2011/10/Müller-et-al-2011.jpg" alt="" width="160" height="227" />Radio – obwohl von vielen als gestrig angesehen - ist und bleibt aktuell. Es ist 'Zeitgeist, modern und flexibel'. Das unterstreicht die 2. aktualisierte und erweiterte Auflage des Buches <em>Praxiswissen Radio</em> von <a href="http://www.ard-werbung.de/1260.html" target="_blank">Dieter K. Müller</a> und Esther Raff. Der Untertitel lautet <em>Wie Radio gemacht wird</em> – und, etwas irreführend – <em>wie Radiowerbung anmacht</em>. Letzteres legt die Vermutung nahe, dass sich die Veröffentlichung an Werbetreibende und Marketingexperten richtet, deren Ziel Gewinnmaximierung mittels ausgeklügelter Radiowerbung ist. Der Inhalt bietet jedoch viel mehr als Wissen darüber, wie man 'bessere Funkspots' macht und wie man ihre Wirksamkeit misst. <a href="http://www.rkm-journal.de/archives/7094">[Mehr]</a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Rezensiert von Margareta Bloom-Schinnerl</em></p>
<p><img class="alignnone size-full wp-image-7097" title="Müller et al 2011" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2011/10/Müller-et-al-2011.jpg" alt="" width="160" height="227" />Radio – obwohl von vielen als gestrig angesehen &#8211; ist und bleibt aktuell. Es ist &#8216;Zeitgeist, modern und flexibel&#8217;. Das unterstreicht die 2. aktualisierte und erweiterte Auflage des Buches <em>Praxiswissen Radio</em> von <a href="http://www.ard-werbung.de/1260.html" target="_blank">Dieter K. Müller</a> und Esther Raff. Der Untertitel lautet <em>Wie Radio gemacht wird</em> – und, etwas irreführend – <em>wie Radiowerbung anmacht</em>. Letzteres legt die Vermutung nahe, dass sich die Veröffentlichung an Werbetreibende und Marketingexperten richtet, deren Ziel Gewinnmaximierung mittels ausgeklügelter Radiowerbung ist. Der Inhalt bietet jedoch viel mehr als Wissen darüber, wie man &#8216;bessere Funkspots&#8217; macht und wie man ihre Wirksamkeit misst.</p>
<p>Die Autoren</p>
<ul>
<li>beschreiben die Radiolandschaft Deutschlands mit ihren vielfältigen privaten und öffentlich-rechtlichen Hörfunkangeboten</li>
<li>präsentieren aktuelle Zahlen zur Beschäftigungssituation und zur wirtschaftlichen Lage des Rundfunks</li>
<li>diskutieren sehr fundiert zukünftige Entwicklungsmöglichkeiten und Chancen des Mediums,</li>
<li>stellen aktuelle Studien vor, deren Ergebnisse kenntnisreich und praxisbezogen diskutiert werden</li>
</ul>
<p>Interessant sind zum Beispiel die im Buch präsentierten Ergebnisse der morphologischen Trendforschung. Auf dem Hintergrund einer immer weniger strukturierten Gesellschaft – &#8216;liquid modernity&#8217; &#8211; gibt Radiohören dem eigenen Alltag einen klaren Rhythmus, setzt Orientierungs- und Ankerpunkte  und bietet so Sicherheit und emotionale Verlässlichkeit.  &#8220;Die psychologischen Kernfunktionen von Radio werden auch in der Liquid Modernity der Zukunft in der emotionalen Erdung, Orientierung und Stabilisierung liegen&#8221; (199).</p>
<p>In mehreren Kapiteln erhält der Leser Informationen über verschiedene Werbeformen, über Werbezeiten-Vermarkter, über Kostenpläne und Buchung. Die Autoren machen aber auch keinen Bogen um detaillierte  Gestaltungsfragen.<br />
Dass Radiowerbung so oft einfach nur nervt, hat mit profunden handwerklichen Fehlern zu tun: &#8220;möglichst viele Informationen in kurzer Zeit, möglichst oft der Produktname, möglichst oft die Telefonnummer, Adresse, Preise, Öffnungszeiten etc. In einem üblichen Funkspot wird man von einem Menschen 15 bis 20 Sekunden lang angebrüllt&#8221; (76).</p>
<p>Wie es besser und effektiver geht, skizzieren die Autoren auf der Grundlage von entsprechenden Forschungsergebnissen. Der Leser findet überraschend konkrete Tipps, zum Beispiel: Musik mit Gesang ist besser als Instrumentalmusik, die Stimmen von Testimonials schaffen Aufmerksamkeit, Dialekt ist ein Stilmittel, das Sympathien weckt, kleine Geschichten schneiden besser ab als Faktenauflistung.</p>
<p>Im Unterton schwingt der Versuch der beiden aus dem öffentlich-rechtlichen Umfeld stammenden Herausgeber mit, die Planer und Macher des privaten Hörfunks zu einem einvernehmlichen Einstieg in das große Zukunftsschiff Radio zu bewegen. So zum Beispiel, wenn die Ergebnisse einer Expertenbefragung betont werden, aus der hervorgeht, dass Mediaplaner die privaten Hörfunkanbieter als Ergänzungsmedium meiden würden, wenn sie nicht gleichzeitig via öffentlich-rechtlichem Rundfunk schnelle Reichweiten  aufbauen könnten. Zitat: &#8220;Die Mediaplanungsszenarien machen deutlich, dass ohne den ARD-Hörfunk viele Hörer gar nicht mit Werbebotschaften erreicht werden können&#8221; (23). Folge: Hörfunk könnte dadurch als Werbeträger komplett in Frage gestellt werden und das könnte wiederum zu einer rigorosen Umstrukturierung der Hörfunklandschaft führen.</p>
<p>Der Leser erhält vielfältige Antworten auf die Frage, wo denn nun die unbestreitbaren Stärken des Mediums liegen: Radio vermittelt Emotionen, beflügelt Gefühle, Erinnerungen und Träume, kann Spannung erzeugen, vermittelt Denkanstöße, wirkt entspannend und anregend, bietet Neues und Nützliches für den Alltag.<br />
Dieses Buch kann empfohlen werden für Werbetreibende, aber auch für alle, die mit der Konzeption und Produktion,  also mit der Praxis des Radios  zu tun haben.</p>
<p><img class="alignnone size-full wp-image-7098" title="Krug" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2011/10/krug-2011.jpg" alt="" width="160" height="246" />Das in der Reihe UTB Profile erschienene Buch von <a href="http://hansjuergenkrug.blogspot.com/" target="_blank">Hans-Jürgen Krug</a>, das den schlichten Titel<em> Radio</em> trägt, richtet sich hingegen in erster Linie an Studierende und Wissenschaftler. Das mit einhundert Seiten überschaubare Buch bietet Überblickswissen,  versteht sich dezidiert als Einführung ins Thema und entspricht damit dem Selbstverständnis der UTB Profil-Publikationen. &#8220;Wer alles Wichtige über ein Thema wissen muss, dafür aber nicht ein dickes Lehrbuch lesen möchte, greift zu den Bänden der Reihe&#8221;.</p>
<p>Für Hans-Jürgen Krug ist das Radio in erster Linie ein Kulturgut. Ihn interessieren vor allem historische Aspekte, Entstehung und Entwicklung des Mediums nehmen einen breiten Raum in seinem Buch ein. So zum Beispiel die Verschiebung der Primetime des Mediums im Laufe der Jahrzehnte vom Abend in den Morgen, was die veränderte Mediennutzung widerspiegelt.</p>
<p>Weitere Meilensteine in der Entwicklungsgeschichte des Radios, die der Autor  in gesamtgesellschaftlichen Bezügen darstellt: die Einführung der aus den USA stammenden Magazinform im Hörfunk, die Gründung der Autofahrer- und Servicewellen (<a href="http://www.hr-online.de/website/radio/hr3/" target="_blank">hr3</a>, <a href="http://www.br-online.de/bayern3/" target="_blank">Bayern 3</a> etc.), die Gründungswelle der &#8216;Jugendradios&#8217; Anfang der 1990er Jahre (<a href="http://www.sputnik.de/" target="_blank">Sputnik</a>, <a href="http://www.fritz.de/" target="_blank">Fritz</a>, <a href="http://www.n-joy.de/" target="_blank">N-JOY</a>, <a href="http://www.einslive.de/" target="_blank">1LIVE</a>, <a href="http://www.dasding.de/#!http://www.dasding.de/home/-/id=236/vv=content/87c8xx/index.html" target="_blank">DASDING</a> etc.), die Entstehung der Infoprogramme (<a href="http://www.br-online.de/b5aktuell/" target="_blank">B5 aktuell</a>, <a href="http://www.mdr.de/mdr-info/index.html" target="_blank">MDR Info</a>, <a href="http://www.ndr.de/info/index.html" target="_blank">NDR Info</a> etc.) bis hin zur Etablierung der anfangs verpönten Selbstfahrerstudios und der per Computer generierten Musik-Playlists.</p>
<p>Hans-Jürgen Krug handelt die geschichtlichen Aspekte nicht in chronologischer Reihenfolge ab, sondern versucht sie in jedem Kapitel in diachronen Schnitten sichtbar zu machen. Das betrifft sowohl die ökonomische Entwicklung des Mediums als auch einzelne Punkte wie Nachrichten, Politik, Unterhaltung, Kultur etc.</p>
<p>An einigen Punkten finden sich nicht gründlich recherchierte Details. So zum Beispiel im ersten Kapitel, wo es heißt: &#8220;Die knappen Sendefrequenzen führten nach 1945 dazu, dass der Nachkriegshörfunk als öffentlich-rechtliches Medium entstand&#8221; (19).  Hier lässt der Autor außer Acht, dass es vor allem die Vorstellungen und Vorgaben der Militärregierungen waren, die zur Form des öffentlich-rechtlichen Rundfunks führten. Ebenso datiert der Autor die Einführung des dualen Rundfunksystems auf das Jahr 1986 (36), tatsächlich jedoch besteht es seit 1984.</p>
<p>Das Buch ist eine Aufforderung an Studierende und Wissenschaftler, sich endlich mit dem Medium Radio auseinanderzusetzen, zu forschen und zu analysieren. Bachelor- und Masterstudenten, Promotions- und Habilitationswilligen öffnet sich ein breites Themenspektrum. Das Buch ist durchzogen mit Hinweisen auf weiße Flächen in der Forschung,  zum Beispiel: &#8220;Die Geschichten des Privatradios sind weitgehend ungeschrieben&#8221; (29), &#8220;Inwiefern sich zwischen öffentlich-rechtlichem und privatem Radio werbungsinduzierte Konvergenzen ergeben, ist ununtersucht&#8221; (38). &#8220;Über die [...] Folgen für den Hörfunkjournalismus und die Programme weiß man nur wenig&#8221; (52). &#8220;Die Radioforschung hat sich bisher der Analyse dieses (inhaltlichen) &#8216;Begleitsounds&#8217; entzogen&#8221; (53). &#8220;Weder die Medien noch die Kommunikationswissenschaft haben bisher Untersuchungen zum formatierten Radioklang vorgelegt&#8221; (59).</p>
<p>Allen, die sich für wissenschaftliche Forschung im Bereich Radio interessieren, sei dieses Buch empfohlen.</p>
<p><em>Links:</em></p>
<ul>
<li><a href="http://www.vs-verlag.de/Buch/978-3-531-18009-0/Praxiswissen-Radio.html" target="_blank">Verlagsinformationen zum Buch <em>Praxiswissen Radio</em></a></li>
<li><a href="http://www.utb-shop.de/details.php?p_id=10895" target="_blank">Verlagsinformationen zum Buch <em>Radio</em></a></li>
<li><a href="http://www.campus-lingen.hs-osnabrueck.de/prof-margareta-bloom-schinnerl.html" target="_blank">Webpräsenz von Margareta Bloom-Schinnerl an der Hochschule Osnabrück</a></li>
</ul>
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		<title>&#8220;Die Weisheit der Vielen&#8221;? &#8211; Chancen und Gefahren der Internetgesellschaft</title>
		<link>http://www.rkm-journal.de/archives/6604</link>
		<comments>http://www.rkm-journal.de/archives/6604#comments</comments>
		<pubDate>Sun, 16 Oct 2011 09:55:55 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Redaktion</dc:creator>
				<category><![CDATA[Sammelrezension]]></category>
		<category><![CDATA[Internet]]></category>
		<category><![CDATA[Internetgesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Internetkultur]]></category>
		<category><![CDATA[Journalismus]]></category>
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		<description><![CDATA[<em>Rezensiert von Bernhard Irrgang</em>

<a href="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2011/10/Lanier-Kopie.jpg"><img class="alignnone size-full wp-image-7001" title="Lanier " src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2011/10/Lanier-Kopie.jpg" alt="" width="160" height="228" /></a>"Um die Wende zum 21. Jahrhundert begann in der digitalen Revolution etwas falsch zu laufen. […] insgesamt hat die fragmentierte, unpersönliche Kommunikation die zwischenmenschliche Interaktion entwertet. […] Eine neue Generation ist herangewachsen, die geringere Erwartungen hinsichtlich dessen hegt, was ein Mensch sein oder werden kann". So beginnt Jaron Lanier sein Buch <em>Gadget</em> oder "Schnickschnack". Sein Fazit: "Statt Menschen als Quelle ihrer eigenen Kreativität zu behandeln, präsentierten die auf Zusammenstellung und Zusammenfassung ausgerichteten Sites anonymisierte Fragmente schöpferischer Leistungen, als wären sie vom Himmel gefallen oder aus dem Boden ausgegraben worden, ohne die wahren Quellen zu bezeichnen". Der Autor plädiert dagegen für eine humanistische Computertechnologie. Viele der neuen Autoren glauben, dass der Unterschied zwischen Mensch und Computer verschwindet. Sie behaupten, mit dem Computer entstünde eine Lebensform, in der der Mensch sich besser versteht als vorher. Sie propagieren die Illusion einer neuen, möglichst hohen Metaebene, aber Information ist nichts anderes als entfremdete Erfahrung. Der kybernetische Totalitarismus wird zu einer Art Religion und führt zur Anbetung der digitalen Illusion.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Rezensiert von Bernhard Irrgang</em></p>
<p><a href="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2011/10/Lanier-Kopie.jpg"><img class="alignnone size-full wp-image-7001" title="Lanier " src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2011/10/Lanier-Kopie.jpg" alt="" width="160" height="228" /></a>&#8220;Um die Wende zum 21. Jahrhundert begann in der digitalen Revolution etwas falsch zu laufen. […] insgesamt hat die fragmentierte, unpersönliche Kommunikation die zwischenmenschliche Interaktion entwertet. […] Eine neue Generation ist herangewachsen, die geringere Erwartungen hinsichtlich dessen hegt, was ein Mensch sein oder werden kann&#8221; (13). So beginnt Jaron Lanier sein Buch <em>Gadget</em> oder &#8220;Schnickschnack&#8221;. Sein Fazit: &#8220;Statt Menschen als Quelle ihrer eigenen Kreativität zu behandeln, präsentierten die auf Zusammenstellung und Zusammenfassung ausgerichteten Sites anonymisierte Fragmente schöpferischer Leistungen, als wären sie vom Himmel gefallen oder aus dem Boden ausgegraben worden, ohne die wahren Quellen zu bezeichnen&#8221; (29f.). Der Autor plädiert dagegen für eine humanistische Computertechnologie (31). Viele der neuen Autoren glauben, dass der Unterschied zwischen Mensch und Computer verschwindet. Sie behaupten, mit dem Computer entstünde eine Lebensform, in der der Mensch sich besser versteht als vorher. Sie propagieren die Illusion einer neuen, möglichst hohen Metaebene, aber Information ist nichts anderes als entfremdete Erfahrung (42-44). Der kybernetische Totalitarismus wird zu einer Art Religion und führt zur Anbetung der digitalen Illusion (50).</p>
<p>Die &#8220;Weisheit der Vielen&#8221; ist eine Ideologie, eigentlich manifestiert sich im Internet ein Mangel an Neugier. &#8220;Im Internet findet sich eine gewaltige Flut von Videos mit erniedrigen Angriffen auf wehrlose Opfer. Die sadistische Online Kultur besitzt ihr eigenes Vokabular und gehört inzwischen zum Mainstream&#8221; (87). Neuartige Formen wie Internet-Mobbing und Ausbreitung des modernen vernetzten Terrorismus beruhen auf einem Konzept müheloser, folgenloser, vorübergehender und eher beiläufigen Anonymität aufgrund eines zu Fehlverhalten einladenden Design des Internets (88f.). Leider zeigt sich in der Geschichte, dass die kollektivistische Sicht sich zu gewaltigen sozialen Katastrophen auswachsen kann (91). Die Online-Kultur ähnelt auf immer verstörenderer Weise einem Slum und wird letztendlich auf die Dominanz von Werbeanzeigen hinauslaufen. Die Open Culture übertreibt auf unsinnige Weise die Übel der Plattenindustrie und all derer, die glauben, das alte Urheberrechtsmodell habe auch gute Seiten. Vielen College-Studenten gilt Filesharing als Akt zivilen Ungehorsams. Mit dem Diebstahl digitalen Materials stünden sie so in einer Reihe mit Gandhi und Martin Luther King (120).</p>
<p>Die größten Gefahren der Open Culture drohen wahrscheinlich den Mittelschichten im Bereich des geistigen und kulturellen Schaffens. So verschlechtern sich derzeit die Aussichten für freiberufliche Studiomusiker und den Korrespondenten, die für Zeitungen arbeiten. Bisher lebten sie vom alten Presse-System, vom Internet haben sie nichts zu erwarten (127). Hinsichtlich der Internetökonomie glauben die neuen Firmen, dass das Netzwerk von ihnen kontrolliert werden kann und zwar in einem Bereich, auf den alle anderen angewiesen sind (129). Der Open Culture-Ansatz hat zwar aufpolierte Kopien hervorgebracht, war aber kaum in der Lage, bemerkenswerte Originale zu schaffen. Obwohl die Open-Source-Bewegung sich der Rhetorik einer aufmüpfigen Gegenkultur bedient, hat sie sich in der Praxis doch als konservative Kraft erwiesen (166). &#8220;Der logische Positivismus ist außer Mode gekommen, und nur wenige würden sich heutzutage darauf berufen, aber inoffiziell erlebt er durch den Computer eine gewisse Wiedergeburt&#8221; (201).</p>
<p>&#8220;Da die Menschen dank des technischen Fortschritts länger leben, verlangsamt sich der kulturelle Wandel&#8221; (234). Jaron Lanier gilt als Erfinder des Begriffs der virtuellen Realität. Er präsentiert seine Sicht der neuen Internetkultur, die eigentlich keine Kultur ist. Die neuen Formen technischer Information und Kommunikation erlauben es nicht, die eigene Personalität und Kreativität angemessen darzustellen. Die Gefahren des Kollektivismus breiten sich in ihm aus, eine neue Ökonomie des Internet konnte bislang nicht generiert werden, so dass viele Bereiche der bisher etablierten Kultur in Gefahr sind, ihre ökonomische Basis zu verlieren. Insgesamt zeichnet Lanier ein eher düsteres Bild des neuen Mediums, welches von vielen gerade der Jugendlichen als nicht angemessen empfunden wird. Dennoch &#8211; viele Anregungen sind bedenkenswert.</p>
<p><img class="alignnone size-full wp-image-6608" title="Weichert et al." src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2011/08/Weichert-et-al..jpg" alt="" width="160" height="253" />Thematisiert wird in <em>Digitale Mediapolis</em> der digitale Strukturwandel der Öffentlichkeit und die neue Rolle des Journalismus in Zeiten des Internets. Interessant für Journalisten könnte die Vereinigung von Text, Bild, Video und Audio zu einem einzigen neuen Medium sein (25f.) Schwerer jedoch wiegt das allmähliche Verschwinden der Presse, die über Jahrzehnte Garant für hochwertigen, hoch bezahlten Journalismus war (29). Aufgrund des neuen Mediums und der deutlich geringeren Kosten für Werbung im Internet sind den klassischen Zeitungen und Printmedien Werbeeinnahmen verloren gegangen, mit einem Pressesterben ungeahnten Ausmaßes als Konsequenz. Dieses Marktversagen muss die traditionelle Demokratie aber erst einmal verkraften (44). Die Auflösung der klassischen kulturschaffenden Professionen und deren Ersetzung durch einen so genannten Bürgerjournalismus zeigt das Ende der bezahlten Arbeit in der Kulturindustrie an. Das Internet führt so implizit zu einer Zerstörung der Basis für Intellektuelle, die sich in Zukunft eine bürgerliche Existenz (mit Familiengründung usw.) nicht mehr leisten kann. Das Ende des klassischen Bildungsideals ist vorprogrammiert.</p>
<p>Das Internet mit seiner sozialen Organisation der Nachrichtenübermittlung trägt ganz entscheidend dazu bei, dass bei der Generierung und Präsentation von Information die Unterschiede zwischen Profis und Laien verschwinden. Dies  gefährdet die Verlässlichkeit und richtige Interpretation von Daten, Information und Wissen. Die Wissensgesellschaft entzieht sich auf diese Art und Weise ihre eigene Grundlage (70). Der Journalismus als verlässliches Frühwarnsystem für gesellschaftliche und politische Krisen und der Kontrolle der Mächtigen wird verschwinden, Laien als Gelegenheits-Meinungsmacher können die kritische Funktion des herkömmlichen Journalismus nicht übernehmen (77-79). Der freischaffende Berichterstatter wird sich als Ein-Personen-Nachrichten-Organisation von Projekt zu Projekt hangeln (103).</p>
<p>Jedes Jahr investieren Menschen, um Wikipedia zur unglaublichen Wissensressource zu machen. Nachrichten und Information werden nicht mehr als Produkt einer Firma verstanden, sondern als eine gemeinsame Netzwerk-Ressource, die allen möglichen Menschen gehört, die zusammen daran arbeiten und von den Informationen profitieren (85). Auf der anderen Seite kann das Wikipedia-Prinzip nicht alle Probleme des Wissenstransfers bewältigen. Neue Modelle für einen professionellen Journalismus könnten spendenfinanzierte Zentren für neue Recherchemethoden darstellen wie auch andere Modelle, Nutzer für die Präsentation von Nachrichten bezahlen zu lassen (65). Das Internet scheint zum gegenwärtigen Zeitpunkt mehr Probleme zu schaffen als zu lösen. Im Übergangsfeld zur Erschaffung einer neuen und digitalen Form von Öffentlichkeit tut sich sowohl die traditionelle Ökonomie wie aber auch die ökonomische Basis der traditionellen Kulturschaffenden schwer, neue Horizonte zu eröffnen das hier vorliegende präsentiert einen beängstigende Analyse der Konsequenzen des Internets für die Erzeugung und Vermittlung unserer Nachrichten, die durch die Interviewform des rezensierten Buches zwar an persönlicher Authentizität gewinnt, aber durch diese Präsentation eine Reihe von Redundanzen und Wiederholungen aufweist, die an der Sache orientierte Leser nicht immer hilfreich anleiten.</p>
<p><em>Links:</em></p>
<ul>
<li><a href="http://www.suhrkamp.de/buecher/gadget-jaron_lanier_42206.html" target="_blank">Verlagsinformationen zu &#8220;Gadget&#8221;</a></li>
<li><a href="http://halemverlag.lookingintomedia.com/shop/product_info.php/products_id/212" target="_blank">Verlagsinformationen zu &#8220;Digitale Mediapolis&#8221;</a></li>
<li><a href="http://tu-dresden.de/die_tu_dresden/fakultaeten/philosophische_fakultaet/iph/tph/irrgang/irrg" target="_blank">Webpräsenz von Bernhard Irrgang an der TU Dresden</a></li>
</ul>
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		</item>
		<item>
		<title>Projekt Wikileaks</title>
		<link>http://www.rkm-journal.de/archives/5804</link>
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		<pubDate>Sat, 23 Jul 2011 08:15:17 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Redaktion</dc:creator>
				<category><![CDATA[Sammelrezension]]></category>
		<category><![CDATA[Assange]]></category>
		<category><![CDATA[Öffentlichkeit]]></category>
		<category><![CDATA[Datenschutz]]></category>
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		<category><![CDATA[Wikileaks]]></category>

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		<description><![CDATA[<em>Rezensiert von Martin Welker</em>

<a href="http://www.rkm-journal.de/archives/5804"><img class="alignleft size-full wp-image-5843" title="Rosenbach, Stark" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2011/06/Rosenbach-Stark3.jpg" alt="" width="160" height="255" /></a>Zwei Bücher – ein Thema. Beide Werke sind etwa zur gleichen Zeit erschienen, etwa gleich umfangreich (ca. 300 Seiten) und liegen im Preis in einer ähnlichen Kategorie (15 bis 20 Euro). Beide Bände konzentrieren sich v. a. auf die Ereignisse ab dem Jahr 2007. Und doch sind die Bücher diametral verschieden. Denn während die Spiegel-Journalisten <a href="http://www.randomhouse.de/author/author.jsp?per=416065" target="_blank">Rosenbach</a> und <a href="http://www.randomhouse.de/author/author.jsp?per=416065" target="_blank">Stark</a> intensiv recherchiert haben und damit aus einer geordneten und unabhängigen Warte über Wikileaks berichten können, erzählt <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Daniel_Domscheit-Berg" target="_blank">Domscheit-Berg</a> aus einer Art emotionalen Insider-Perspektive über seine Arbeit beim <a href="http://www.wikileaks.org/" target="_blank">Wikileaks-Projekt</a>. Rosenbach und Stark objektivieren, Domscheit-Berg subjektiviert. Erstere weisen ihre Quellen in zahlreichen Fußnoten aus, letzterer schildert seine Erfahrung auf seine Erinnerungen gestützt aus der Ich-Perspektive. Erstere haben das Buch selbst geschrieben, Domscheit-Berg hatte mit <a href="http://www.ullsteinbuchverlage.de/econ/autor.php?id=12397&#38;page=buchaz&#38;sort=&#38;auswahl=A&#38;pagenum=1" target="_blank">Tina Klopp</a> eine versierte Journalistin und Ghostwriterin an seiner Seite. Dennoch präsentiert sich der Text von Domscheit-Berg umgangssprachlicher als das Spiegel-Buch. Erst die Lektüre beider Texte ergibt ein facettenreiches Gesamtbild im Hinblick auf Wikileaks, insbesondere zu <a href="http://en.wikipedia.org/wiki/Julian_Assange" target="_blank">Julian Assange</a>. In Bezug auf die Diskussion relevanter gesellschaftlich-politischer Fragen ist das Spiegel-Buch das gelungenere. <a href="http://www.rkm-journal.de/archives/5804">[Mehr]</a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Rezensiert von Martin Welker</em></p>
<p><a href="http://www.rkm-journal.de/archives/5804"><img class="alignleft size-full wp-image-5843" title="Rosenbach, Stark" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2011/06/Rosenbach-Stark3.jpg" alt="" width="160" height="255" /></a>Zwei Bücher – ein Thema. Beide Werke sind etwa zur gleichen Zeit erschienen, etwa gleich umfangreich (ca. 300 Seiten) und liegen im Preis in einer ähnlichen Kategorie (15 bis 20 Euro). Beide Bände konzentrieren sich v. a. auf die Ereignisse ab dem Jahr 2007. Und doch sind die Bücher diametral verschieden. Denn während die Spiegel-Journalisten <a href="http://www.randomhouse.de/author/author.jsp?per=416065" target="_blank">Rosenbach</a> und <a href="http://www.randomhouse.de/author/author.jsp?per=416065" target="_blank">Stark</a> intensiv recherchiert haben und damit aus einer geordneten und unabhängigen Warte über Wikileaks berichten können, erzählt <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Daniel_Domscheit-Berg" target="_blank">Domscheit-Berg</a> aus einer Art emotionalen Insider-Perspektive über seine Arbeit beim <a href="http://www.wikileaks.org/" target="_blank">Wikileaks-Projekt</a>. Rosenbach und Stark objektivieren, Domscheit-Berg subjektiviert. Erstere weisen ihre Quellen in zahlreichen Fußnoten aus, letzterer schildert seine Erfahrung auf seine Erinnerungen gestützt aus der Ich-Perspektive. Erstere haben das Buch selbst geschrieben, Domscheit-Berg hatte mit <a href="http://www.ullsteinbuchverlage.de/econ/autor.php?id=12397&amp;page=buchaz&amp;sort=&amp;auswahl=A&amp;pagenum=1" target="_blank">Tina Klopp</a> eine versierte Journalistin und Ghostwriterin an seiner Seite. Dennoch präsentiert sich der Text von Domscheit-Berg umgangssprachlicher als das Spiegel-Buch. Erst die Lektüre beider Texte ergibt ein facettenreiches Gesamtbild im Hinblick auf Wikileaks, insbesondere zu <a href="http://en.wikipedia.org/wiki/Julian_Assange" target="_blank">Julian Assange</a>. In Bezug auf die Diskussion relevanter gesellschaftlich-politischer Fragen ist das Spiegel-Buch das gelungenere.</p>
<p>Für Medien- und Kommunikationswissenschaftler, insbesondere für Journalistik-Versierte, mag das Buch von Rosenbach und Stark somit das Interessantere sein. Es enthält zahlreiche aufschlussreiche Passagen zur journalistischen Valenz von Wikeleaks und zur Frage der Veränderung von klassischem Journalismus durch die neuartige Enthüllungsplattform. Macht Wikileaks Journalismus? Ist die Plattform überhaupt ein Medium? Wie können neue Technologien eingesetzt werden, um staatliche Überwachung und Kontrollwahn einzugrenzen? Wie verändert sich das Verhältnis von Öffentlichkeit und Nicht-Öffentlichkeit? Diese sind die Kernfragen, die bei Rosenbach und Stark explizit und intensiv diskutiert werden. Die Person Assange wird dabei nur als spannender Einstieg genutzt, als Reizfigur, welche die Vorgeschichte besser verstehbar macht. Die profunderen Abschnitte des Buches finden sich dann überwiegend im letzten Viertel des Textes.</p>
<p>Die erste Frage, ob Wikileaks Journalismus mache, wird dabei mit &#8220;nein&#8221; beantwortet: &#8220;Der entscheidende Unterschied, der Wikileaks von klassischem Journalismus abhebt, ist der Anspruch, jede Art von Dokumenten zu veröffentlichen, die eingesendet wird. Guter Journalismus versucht, einen gesellschaftlich relevanten Vorgang zu beschreiben, Missständen auf den Grund zu gehen. (…) Wikileaks hat dagegen das Versprechen gegeben, alles zu veröffentlichen, was den Weg zu ihnen findet, wenn es nur einen Test auf Authentizität besteht&#8221; (Rosenbach/Stark 2011: 295). Eine Relevanzbewertung, wie sie der Journalismus tagtäglich vornimmt, ist nicht zu erkennen. Und mehr noch: Wikileaks ist noch nicht einmal als klassisches Medium, sondern eher als ein Zwitter aus Medium und Internetplattform zu werten (dies.: 304). &#8220;In autoritären Regimen könnten solche Plattformen die Rolle übernehmen, die eine freie Presse in Demokratien spielt&#8221;. Davon sei Wikileaks allerdings noch weit entfernt, sind sich Rosenbach und Stark sicher. Vielmehr sei die Plattform ein &#8220;öffentliches Archiv des vormals Nicht-Öffentlichen&#8221; (dies.: 205). Damit leiste Wikileaks aber einen Dienst an der Demokratie, so die Argumentation der Autoren. Denn &#8220;die Regierungen von heute sind konspirativer als ehedem, sie produzieren mehr Staatsgeheimnisse und betreiben einen immensen Aufwand, sie zu schützen&#8221; (dies.: 310).</p>
<p><a href="http://www.rkm-journal.de/archives/5804"><img class="alignleft size-full wp-image-5836" title="domscheit-berg" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2011/06/domscheit-berg.jpg" alt="" width="160" height="244" /></a>Wie aber reagierten Journalisten, insbesondere die Redaktionen, die nicht an der großen Veröffentlichungssause von <a href="http://www.spiegel.de/" target="_blank">Spiegel</a>, <a href="http://www.nytimes.com/" target="_blank">New York Times</a> oder <a href="http://www.guardian.co.uk/" target="_blank">Guardian</a> teilhaben konnten? Auch dazu finden sich Aussagen: &#8220;Reduziert auf den argumentativen Kern lassen sich die Reaktionen vieler Journalisten so zusammenfassen: Sie ergreifen Partei für die Exekutive, weil sie um die Stabilität des Systems fürchten. Das Bemerkenswerte daran ist, dass dies nicht der Rolle der Medien in einer demokratischen Gesellschaft entspricht. Die Rolle der Öffentlichkeit ist Teil eines Systems von Checks and Balances: Die Medien überprüfen, ob das Handeln der Regierenden mit den proklamierten Zielen und Maßstäben in Einklang steht&#8221; (dies.: 288). Genau diese Überprüfung – den dann letzten nötigen Schritt – kann Wikileaks aber nicht leisten, da die Plattform selbst keine detaillierte Überprüfung und Einordnung der Informationen vornimmt. Die Zahl der veröffentlichten Dokumente ist dafür schlicht zu hoch. Wikileaks ist aber ein bedeutender Schritt hin zur Kritik und Kontrolle von Mächtigen und insofern wichtig – nur eben nicht aufgrund journalistischer Leistung. Das Buch von Rosenbach und Stark argumentiert in dieser Beziehung klar und stringent, basierend auf solider Recherche.</p>
<p>Wikileaks als Organisation folgte bisher eher einer Hackerethik, nicht journalistischen Maximen. Assange ist auch kein Journalist, sondern vielmehr der Organisator eines medien- und journalismuskritischen Projekts (vgl. Rosenbach/Stark 2011: 301/302). Deshalb braucht Wikileaks Journalismus. Ohne auf die solide Arbeit von Spiegel, Guardian oder New York Times zurückzugreifen, hätte Wikileaks die letzten großen Enthüllungen nicht leisten können und insbesondere nicht diese öffentliche Wirkung erzielt. Das Buch von Rosenbach und Stark zeigt aber, wie sich die Arbeit in modernen Redaktionen verändert und welche große Rolle dem Fact-Checking zufällt.</p>
<p>Wissenschaftliche Theorien oder auch nur forschungsmäßige Thesen sollte der kommunikationswissenschaftlich instruierte Leser in beiden Büchern nicht erwarten. Die Bände sind keine wissenschaftlichen Werke, sondern politische Bücher, das Spiegel-Buch ausgeprägter, das Ullstein-Buch weniger stark, da es durchgängig subjektiv angelegt ist. Auch stilistisch ist der Text von Domscheit-Berg stellenweises holprig. Der Leser merkt dem Text an, dass er aus gesprochener Sprache gefertigt wurde. Geschliffener und zugleich spannend liest sich das Buch von Rosenbach und Stark, das allerdings in Auszügen schon im Nachrichtenmagazin Spiegel zu lesen war.</p>
<p>Wer sich für Fragen wie &#8220;Öffentlichkeit und Privatheit&#8221;, &#8220;Neue Tendenzen im Journalismus&#8221; oder &#8220;Staatliche Überwachung versus Datenschutz&#8221; interessiert, findet in beiden Büchern aktuelle Einsichten. Im Falle des Spiegel-Buchs werden diese auf einem abstrakteren Niveau diskutiert, im Falle von Domscheit-Berg aus eigener Erfahrung und persönlichen Erlebnissen, die stellenweise auch technikzentriert ausfallen. Beide Bücher sind politische Begleitliteratur, können Wissenschaftler aber durchaus zu neuer Forschung anregen.</p>
<p><em>Links:</em></p>
<ul>
<li><a href="http://www.randomhouse.de/book/edition.jsp?edi=372750" target="_blank">Verlagsinformationen zum Buch &#8220;Staatsfeind Wikileaks&#8221;</a></li>
<li><a href="http://www.ullsteinbuchverlage.de/econ/buch.php?id=17737" target="_blank">Verlagsinformationen zum Buch &#8220;Inside Wikileaks&#8221;</a></li>
<li><a href="http://www.martin-welker.de/" target="_blank">Private Homepage von Martin Welker</a></li>
</ul>
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		<title>&#8220;Neue Sachen sind und bleiben angenehm.&#8221; Aus der Geschichte der Nachrichten</title>
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		<pubDate>Fri, 15 Jul 2011 08:30:08 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Redaktion</dc:creator>
				<category><![CDATA[Sammelrezension]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Kulturgeschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Nachrichten]]></category>
		<category><![CDATA[Zeitungen]]></category>

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		<description><![CDATA[<em>Rezensiert von Heiko Christians</em>

<a href="http://www.rkm-journal.de/archives/5470"><img class="alignleft size-full wp-image-5475" title="Meierhofer" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2011/05/Meierhofer.jpg" alt="" width="160" height="248" /></a>Auch die Geschichte und Ordnung der Nachrichten ist Veränderungen unterworfen. Die klassischen 20-Uhr-Nachrichten als Familienzusammenkunft sind vermutlich lange passé. Heute ist es eher der minütlich aktualisierte Liveticker im Internet, der uns an ganz verschiedenen Orten auf dem Laufenden hält. Der Schriftsteller Peter Glaser betonte vor kurzem, dass der digitale Medienfluss dabei sei, "sich in eine Umweltbedingung zu verwandeln". Wenn man die Nachrichtenlage der Gegenwart wenigstens in eine grobe Ordnung bringen wollte, könnte man sie in einer Linie abfallender Dringlichkeit so anordnen:  1. Sensationen, 2. Katastrophen, 3. Ereignisse, 4. Nachrichten und 5. Informationen. <a href="http://www.rkm-journal.de/archives/5470">[mehr]</a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Rezensiert von Heiko Christians</em></p>
<p><a href="http://www.rkm-journal.de/archives/5470"><img class="alignleft size-full wp-image-5475" title="Meierhofer" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2011/05/Meierhofer.jpg" alt="" width="160" height="248" /></a>Auch die Geschichte und Ordnung der Nachrichten ist Veränderungen unterworfen. Die klassischen 20-Uhr-Nachrichten als Familienzusammenkunft sind vermutlich lange passé. Heute ist es eher der minütlich aktualisierte Liveticker im Internet, der uns an ganz verschiedenen Orten auf dem Laufenden hält. Der Schriftsteller Peter Glaser betonte vor kurzem, dass der digitale Medienfluss dabei sei, &#8220;sich in eine Umweltbedingung zu verwandeln&#8221; (Reichwein 2011: 2). Wenn man die Nachrichtenlage der Gegenwart wenigstens in eine grobe Ordnung bringen wollte, könnte man sie in einer Linie abfallender Dringlichkeit so anordnen:  1. Sensationen, 2. Katastrophen, 3. Ereignisse, 4. Nachrichten und 5. Informationen.</p>
<p>Sensationen sind im Nachrichtenalltag eine chronische Mangelware (und bergen normalerweise einen positiven Kern), Katastrophen sind lokalisierbar und weisen deshalb starke Unterschiede in ihrer Reichweite und Bedeutsamkeit auf. Ereignisse sind immerhin so häufig, dass eine Redaktion unten ihnen auswählen muss, können manchmal aber auch so knapp sein, dass sie produziert und künstlich wirken. Normale Nachrichten schließlich sind Routine und werden vom sogenannten &#8216;Anchorman&#8217; häufig an einen weiblichen Nebensprecher abgegeben. Informationen schließlich schaffen es nur selten in dieses Format.</p>
<p>Die Nachrichten – und das ist eine erste wichtige Einsicht, die aus dieser Schematisierung gewonnen werden kann – sind ein sensibler, historisch bedingter und hierarchischer Forschungsgegenstand. Mit Nachrichten von Ereignissen unterschiedlicher Dimension muss etwas unterscheidbar Neues anfallen. Mit diesem Neuen muss auch im Verhältnis zu den normalen Nachrichten nach den Regeln der Knappheit gehaushaltet werden: Das Ereignis muss – wenn es einmal aus allen anderen herausgehoben ist –, noch eine Weile gestreckt werden, denn was einmal als neu fungiert hat, fällt schnell dem Alten, Nicht-(mehr)-Informativen anheim. Die Streckung leisten heute jene, uns hinlänglich bekannten Liveschaltungen, Specials, Hintergrundberichte, Nachbetrachtungen und Kommentare.</p>
<p>Diese Einsicht ist jedoch nicht neu: In einer beeindruckenden, gerade erschienenen Studie zum <em>Sammelschrifttum der Frühen Neuzeit und der Entstehung der Nachricht</em> von <a href="http://www.fb10.uni-bremen.de/germanistik/fachgebiete/literatur/aga4/mey/" target="_blank">Christian Meierhofer</a> kann der Leser anhand ausführlicher Quellenbelege erfahren, wie schnell das Bewußtsein für die Neuheits-Logik der Versorgung mit Nachrichten in der Frühen Neuzeit geschärft war. Schon 1695 ist Kaspar Stieler offenbar auf der Höhe des heutigen Geschehens: &#8220;Zu förderst muß dasjenige / was in die Zeitungen kommt / Neue seyn. Denn darum heissen die Zeitungen Novellen / von der Neuligkeit […] Neue Sachen sind und bleiben angenehm: was aber bey voriger Welt vorgegangen / gehöret ins alte Eisen / und ersättiget das Lüsterne Gemüt keines weges. So wenig / als wann die Zeitungs-schreiber etwas / das schon zehenmal vorkommen wiederholen […]. Es ist wol nichts Neues mehr unter der Sonne / gleichwol machen die Personen / die Zeit und Umstände / stets etwas Neues / welches hernach ein sonderbares Uberdenken giebet / also / daß auch / aus einer kleinen unachtsamen Begebenheit / in der Folge ein großes herauskommet / welches man nicht gedacht hätte.&#8221; (Meierhofer 2010: 276)</p>
<p>Die sogenannten &#8216;Einzelmedien&#8217;, zu denen wohl auch die Zeitung gehört, sind im Zeitalter digitaler Kommunikation endgültig in ein Stadium der Verschachtelung und Integrierbarkeit getreten, dessen synergetische Effekte vorerst nur schwer zu kalkulieren sind. Wenn man allerdings unter &#8216;den Medien&#8217; vor allem diejenige Auffassung von Medien versteht, nach der sie uns regelmäßig und schnell mit Nachrichten und Informationen zu versorgen haben, schließt uns der Gemeinplatz &#8216;Only bad news are good news&#8217; die von Kaspar Stieler offen gelegte Mechanik weiter auf. Wenn man folgerichtig nun fragt, seit wann das so ist, müssen wir einen dem Themenkreis zugehörigen Sachverhalt im Auge behalten: In einem spezifischen Sinne ist die Kategorie des Wunders aus der Ordnung der Nachrichten herausgefallen.</p>
<p><a href="http://www.rkm-journal.de/archives/5470"><img class="alignleft size-full wp-image-5479" title="Adamowsky" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2011/05/Adamowsky.jpg" alt="" width="160" height="227" /></a>Die neue Studie von<a href="http://www.culture.hu-berlin.de/horastaff/view2/164" target="_blank"> Natascha Adamowsky</a> über <em>Das Wunder in der Moderne</em> erzählt und analysiert am Beispiel einer Geschichte des Fliegens die Geschichte und Vorgeschichte des Wunders, das eben nicht in einer Opposition zum Rationalen aufgeht, sondern als Begriff, Diskurs und kulturell-mediale Praxis (Adamowsky 2010: 14) ebenfalls einer differenzierten epochalen Betrachtung bedarf: &#8220;&#8216;Das&#8217; Wunder gibt es nicht.&#8221; (ebd.) Adamowskys Einleitung über die &#8220;kulturhistorischen Zugänge zu Epistemologie und Ästhetik des Wunders&#8221; (ebd.: 9–54) bietet einen außerordentlich reflektierten und materialreichen Überblick zur Erforschung dieser Kategorie. Deutlich wird hier, dass die lateinische Sprache dieses Feld begrifflich schärfer fasst und erst eine Säkularisierung der christlichen Prodigien und Miracula bzw. eine Kontextualisierung der Mirabilia, der Wunder innerweltlicher Enormität – wie Kirchenvater Augustinus sie nannte (ebd.: 18) –, das Feld der frühmodernen Nachrichten eröffnet. Vor den Nachrichten wurde lediglich in evangelischer Redundanz, wie Peter Sloterdijk es schon früher ausdrückte, an etwas bereits Gewusstes oder zu Wissendes erinnert. (Sloterdijk 2001: 7) Man konnte dieselben Wunder lange Zeit immer wieder neu erzählen, indem man sie einfach auf einer Landkarte der bekannten Pilgerstätten hin und her schob. Die reisefreudige Neugier oder curiositas zeugte nach mittelalterlichem Verständnis nur für einen schweifenden, instabilen, d. h. sündhaften Geisteszustand.</p>
<p>Erst &#8220;die Emanzipation der weltlichen Erzählströme von den acta apostolorum&#8221;, den Märtyrer- oder Heiligenviten und den Pilgerstätten oder –routen, setzte einen Begriff von Information und Neuheit ins Werk, der eine &#8220;wesenhafte Auseinandersetzung der Intelligenzen mit dem Unbekannten, dem Äußeren und dem bisher Nicht-Dagewesenen ermöglichte. Erst mit den Novellen, den Neugeschichten beginnt eigentlich das, was man einen Informationsprozess nennen kann&#8221; (ebd.). Doch auch dieser Informationsprozess organisiert sich nach der relativen Zulässigkeit von Neuheit im 15. Jahrhundert weiterhin in gänzlich anderen Formen als den uns geläufigen.<sup class='footnote'><a href='#fn-5470-1' id='fnref-5470-1'>1</a></sup></p>
<p>Hier lässt sich in der Folgezeit eine Vorreiterrolle der medialen Produktion ausmachen, wenn man bedenkt, dass die erste wöchentliche, deutschsprachige gedruckte Zeitung 1605 erschien und die Produktionsweise der Zeitung zwar das standardisierte Schriftbild des Buchdrucks (und seine Herstellungsweise) nutzte, aber nur, um ihm etwas Entscheidendes hinzufügen. Diese Veränderungen beschreibt in aller gebotenen Präzision <a href="http://www.hist.unibe.ch/content/personal/wuergler_andreas/index_ger.html" target="_blank">Andreas Würglers</a> historischer Abriss <em>Medien in der Frühen Neuzeit</em> von 2009. Er widmet sich den &#8220;Medientechniken Buchdruck, Holzschnitt und Kupferstich und ihren Produkten (Text, Karte, Bild), welche für die Frühe Neuzeit spezifisch neu sind&#8221; (Würgler 2009: XI). Die Grenze dieser Epoche zieht er durchaus plausibel unmittelbar vor den medientechnischen Innovationen &#8216;um 1800&#8242;, vor der Lithographie, der Schnellpresse, dem Rotationsdruck, der Telegraphie und der industriellen Papierherstellung. (ebd.: 5). Würgler verhehlt nicht, dass jeder Epochenzuschnitt eine Arbeitshypothese ist – in diesem Fall eine äußerst hilfreiche und gut begründete. Er führt in die Geschichte des Buchdrucks, der neuen Bildtechniken und des Kartendrucks ein, skizziert mit einem Begriff <a href="http://www.kuwi.europa-uni.de/de/lehrstuhl/kg/osteuropa/lehrstuhlteam/schloegel/index.html" target="_blank">Karl Schlögels</a> noch einmal das Zeitalter der Atlanten (ebd.: 27), er umreißt die Absatzzahlen, die schnelle Dezentralisierung der Produktion und die Marktstrategien für Prosaisch-Populäres oder Erbauliches, und kommt schließlich ausführlich zur Zeitung als Periodikum und der zunehmenden Vernetzung von Nachrichteninfrastrukturen (ebd.: 32–64), womit die entscheidenden Hinzufügungen benannt wäre.</p>
<p><a href="http://www.rkm-journal.de/archives/5470"><img class="alignleft size-full wp-image-5480" title="Würgler" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2011/05/Würgler.jpg" alt="" width="160" height="252" /></a>Die differenzielle Serialität der Nachrichten namens Zeitung schafft spätestens seit dem beginnenden 17. Jahrhundert eine Existenzform mechanisch reproduzierter Güter, die den Konsum insgesamt formal anders zu konditionieren begann. Was man den reproduktiven Formen der je nach Bedarfslage erstellten identischen Neuauflage und Übersetzung von Klassikern oder Flugblättern hinzufügen konnte, war einerseits die Verkleinerung und Verbilligung des Buchs als Ware, also seine schon im 16. Jahrhundert wiederholt erreichte Taschenförmigkeit, und andererseits eben jene gesteigerte Umschlagbarkeit des Wissens und der Unterhaltung in der Form der differenziell-periodischen Serialität.<br />
Angefangen mit den sogenannten Mess-Relationen, die seit 1583 halbjährlich (bis zur nächsten Messe) Nachrichten in fortlaufenden Texten versammelten, über die Avisi oder (von Hand) geschriebenen Nachrichten, die in Handelsknotenpunkten wie Augsburg versammelt und zuvor von Korrespondenten aus ganz Europa verschickt wurden, bis zu den wöchentlich, nach Eintreffen der Ordinari-Post, ab 1605 in Straßburg gedruckten Relationen reicht die Entstehungsspanne der modernen Nachrichten. Der dem Ausbau der medialen Infrastruktur (Straßen) geschuldete Umschlagstakt, die Publizität und die Erschwinglichkeit können erst jetzt kontinuierlich gesteigert werden. 1650 erscheint die erste deutsche Tageszeitung in Leipzig. Ab dem Ende des 17. Jahrhunderts kommen die Zeitschriften hinzu. Anders als im Falle des Buchdrucks bleibt der Zeitungsmarkt des deutschsprachigen Raums führend (ebd.: 38ff.).</p>
<p>Die Nachrichten werden nun, genauso wie <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Hans_Freyer" target="_blank">Hans Freyer</a> es 1965 als Industrialisierung beschreibt, &#8220;in einer kontinuierlichen Reihe variiert, damit also die Möglichkeiten lückenlos durchgespielt und dadurch diejenigen Fälle herausisoliert werden, die einen brauchbaren Effekt ergeben&#8221; (Freyer 1965: 253). Technisch musste eben nur die seriell-differentielle Produktion der Geschichten, Bilder und Nachrichten bewerkstelligt werden, um dann den Konsum insgesamt auf einen planbaren Umlauf- und Abnahmetakt einzustellen. Diesen Schritt machten die Zeitungen ab 1600 – und die anderen Waren werden ihnen folgen.</p>
<p>Hier muss man anschließen: Die glänzende Studie von Christian Meierhofer bearbeitet u. a. genau diesen Effekt (H. Freyer) der Nachrichten aus medien- und literarhistorischer Perspektive. Bis heute ist ja umstritten, ob Zeitungsleser lediglich schlaue Köpfe sind, die sich eben umfassender informieren als andere, oder ob sich diese Leser einfach im kurzatmig-profanen Fluss des versammelten Weltgeschehens gut getarnt amüsieren. &#8220;Furchtbares, Aufregendes, Schauerliches soll sich begeben, und nicht bloß um ihn herum, sondern schon auch fast an ihm selber, aber ungefährlich für ihn, so daß er noch mit dem bloßen Schrecken davon kommt&#8221; (Bahr 1929: 100), so schätzte <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Hermann_Bahr" target="_blank">Hermann Bahr</a> den Leser schon 1929 ein. <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Michael_Rutschky" target="_blank">Michael Rutschky</a> sprach im Falle der Zeitung einmal von unserer &#8216;täglichen Erzählung&#8217; (Rutschky 2006).</p>
<p>Diesem Zusammenhang spürt Meierhofer mit großer Akribie und dem Sinn für die richtigen Fragen an den historischen Wurzeln nach, indem er die frühen Zeitungen mit den älteren Historiensammlungen inhaltlich und formal korreliert: &#8220;Der Stellenwert der Avisen, Relationen und Monatsschriften als Historiensammlung ergibt sich, ähnlich wie bei den Erzählsammlungen, aus ihrer Geschehensintensität und ihrem Aufmerksamkeitsanliegen. Die Darbietung von Begebenheiten bringt dann mit sich, dass die Historien erratisch, verstreut und ungeordnet, so aber durchaus adäquat versammelt werden können. Denn die geschilderten Vorfälle bezeichnen schließlich meist nichts anderes als das punktuelle Aussetzen von Ordnung, Routinen und Kontinuität. Das sukzessive Heraustreten der Historien aus einem didaktischen oder theologischen Funktionszusammenhang schafft eine eigenartige Situation. Zunächst legitimieren sich die Avisen und Relationen damit, dass sie vorzugsweise die &#8216;delectatio&#8217; als Absicht verfolgen und einen Lesertypus ansprechen, der ein der Historien günstiger Liebhaber (Memmius 1599) ist, auch und vor allem, wenn sich Negatives ereignet.&#8221; (Meierhofer 2010: 83)</p>
<p><a href="http://www.rkm-journal.de/archives/5470"><img class="alignleft size-full wp-image-5482" title="Daphnis" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2011/05/Daphnis1.jpg" alt="" width="160" height="241" /></a>Meierhofers Studie kann so als Porträt zweier weit auseinander liegender Epochen der Nachrichten gelesen werden, wobei ihr ganze Gedanken- und Materialreichtum in dieser Rezension nicht ausgeschöpft werden kann. Abschließend soll noch auf ein Doppelheft der Zeitschrift Daphnis hingewiesen werden, das unter dem sprechenden Titel <em>Consuming News</em> schon 2008 gewichtige Beiträge zu der geschilderten Problematik und Geschichte der Nachrichten geliefert hat. Ein besonderes Kapitel aus der Frühgeschichte der bad news erzählt der Mitherausgeber dieses sehr gelungenen Themenhefts, <a href="http://www.artsci.wustl.edu/~wlayher/WTL/" target="_blank">William Layher</a>: Unter dem Titel &#8220;Horrors oft the East&#8221; schildert Layher eine Pamphlet-Kampagne aus der Frühgeschichte des Drucks. Seit dem 14. Oktober 1488 tauchen in reichen Handelsstädten des deutschsprachigen Südens mit Holzschnitten illustrierte Zweiblatt-Drucke auf, die die Grausamkeiten von Vlad III. von Wallachien – genannt Dracula oder &#8216;Der Pfähler&#8217; – (mit ca. 20 Jahren Verspätung) in Erinnerung rufen. Hier bekommt der &#8220;topos in the encyclopedic and theological tradition&#8221; (Layher: 14) von den &#8216;Wundern des Ostens&#8217; eine neue vielfältige und protonachrichtenförmige Realität. Gleichzeitig zeigt Layher, wie die uns überlieferte Figur des Dracole Wayda nicht herauszulösen ist aus einem umfassenden propagandistischen Geflecht von Pamphleten, die eben keine regionale Herrscherfigur porträtieren, sondern bis zu ihrer völligen Unkenntlichkeit realpolitische Interessen verschiedener Herrschaftszentren Europas auf diesen Namen projizieren, nur um ihn mit dem jeweiligen Gegner zu identifizieren.</p>
<p>Ein Jahrhundert später beobachtet <a href="http://www.philhist.uni-augsburg.de/lehrstuehle/kulturgeschichte/mitarbeiter/tschopp/" target="_blank">Silvia Serena Tschopp</a> &#8220;wie aus Nachrichten Geschichte wird&#8221;. Ihr umfangreicher Aufsatz gibt zu bedenken, dass eine spätestens seit 1500 einsetzende &#8220;räumliche Expansion eines sich durch Flugblätter und Flugschriften, Geschichtskalender, Meßrelationen und Zeitungen professionalisierenden Nachrichtenwesens&#8221; (Tschopp: 43) auch die Zeitgeschichtsschreibung und die Historiographie maßgeblich beeinflusste. Der Druck als solcher steigert die Relevanz der Inhalte und befördert &#8220;die Entstehung paralleler und konkurrierender Darstellungen vergangenen Geschehens&#8221; (ebd.: 45). Aber die Beziehung wird schnell zu einer regelrechten Austauschwirtschaft – ganz ähnlich wie Meierhofer sie (noch ein Jahrhundert später) zwischen den Zeitungen und den Historiensammlungen beobachtete: &#8220;Das gedruckte Tagesschrifttum bestimmt nicht nur über die geschichtliche Relevanz von Ereignissen, es stellt außerdem Deutungsmuster zur Verfügung, mittels derer ein zunächst kontingent erscheinendes Geschehen zu einem sinnvollen Zusammenhang geformt werden kann.&#8221; (Tschopp : 77)</p>
<p>Die Dissertationsschrift von Meierhofer wurde u. a. von <a href="http://www.fb10.uni-bremen.de/lehrpersonal/boening.aspx" target="_blank">Holger Böning</a> betreut. Böning hat auch einen Aufsatz zum Daphnis-Heft beigesteuert, der sich vor allem mit &#8220;der handgeschriebenen Zeitung&#8221; beschäftigt, die &#8220;als Vorgängerin, Quelle und Konkurrenz der gedruckten Zeitung zugleich von dem neuen Medium unmittelbar beeinflusst wird&#8221; (Böning: 206). Böning schlägt als ein Kriterium der Klassifizierung der äußerst vielfältigen Landschaft geschriebener Nachrichten den Grad der &#8216;Exklusivität&#8217; vor (ebd.: 207) und verweist auf die spezifische Adressierung der <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Fuggerzeitung" target="_blank">Fugger-Zeitung</a>. Um ihre Periodizität als besonderes Merkmal zu verstehen, hält Böning in Einklang mit dem bisher Berichteten fest, dass &#8220;die handschriftlichen wie die späteren gedruckten Zeitungen eben dieser Periodizität des Postverkehrs das Erscheinen in diesem Rhythmus verdanken, der ja bekanntlich überhaupt die Grundlage jeglichen kontinuierlichen Nachrichtenaustausches darstellt&#8221; (ebd.: 208). Alle hier versammelten Texte und Bücher verweisen mit überzeugenden Fragestellungen und Argumentationen auf das komplexe Forschungsfeld der frühen Nachrichtengeschichte: Medientechnik, Infrastrukturgeschichte, Gattungstheorie und politische Geschichte sind ihre unverzichtbaren Eckpfeiler.</p>
<p><em>Literatur:</em></p>
<ul>
<li>Adamowsky, N.: <em>Das Wunder in der Moderne. Eine andere Kulturgeschichte des Fliegens.</em> München 2010</li>
<li>Bahr, H.: <em>Labyrinth der Gegenwart</em>. Hildesheim 1929</li>
<li>Layher, W.; Scholz G. (Hrsg.): <em>Consuming News: Newspapers and Print Culture (1500 – 1800)</em>. Sonderheft der Zeitschrift &#8220;Daphnis&#8221;. August 2009</li>
<li>Freyer, H.: <em>Schwelle der Zeiten. Beiträge zur Soziologie der Kultur.</em> Stuttgart 1965</li>
<li>Girard, R.: <em>Nachricht von Neuerung</em>. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13. November 2004</li>
<li>Meierhofer, C.: <em>Alles neu unter der Sonne. Das Sammelschrifttum der Frühen Neuzeit und die Entstehung der Nachricht.</em> Würzburg 2010</li>
<li>Reichwein, M.: <em>Es tickt: Nachrichten als Umweltbedingung.</em> In: Literarische Welt 16. April 2011</li>
<li>Sloterdijk, P.: <em>Sphären. Makrosphärologie</em>, Bd.2: Globen. Frankfurt/M. 2001</li>
<li>Sohst, W. (Hrsg.): <em>Die Figur des Neuen.</em> Berlin 2008</li>
<li>Rutschky, M.: <em>Die tägliche Erzählung.</em> In: die tageszeitung, 9. Oktober 2006</li>
<li>Würgler, A.: <em>Medien in der frühen Neuzeit</em>. München 2009</li>
</ul>
<p><em>Links:</em></p>
<ul>
<li><a href="http://www.oldenbourg-verlag.de/wissenschaftsverlag/medien-fruehen-neuzeit/9783486550788" target="_blank">Verlagsinformationen zum Buch &#8220;Medien in der frühen Neuzeit&#8221;</a></li>
<li><a href="http://www.fink.de/katalog/titel/978-3-7705-4963-4.html" target="_blank">Verlagsinformationen zum Buch &#8220;Das Wunder in der Moderne&#8221;</a></li>
<li><a href="http://www.rodopi.nl/senj.asp?SerieId=DAPHN" target="_blank">Verlagsinformationen zum Daphnis-Sonderheft &#8220;Consuming News&#8221;</a></li>
<li><a href="http://koenigshausen-neumann.gebhardt-riegel.de/product_info.php/language/en/info/p6765_Alles-neu-unter-der-Sonne--Das-Sammelschrifttum-der-Fruehen-Neuzeit-und-die-Entstehung-der-Nachricht--Epistemata-Literaturwissenschaft-Bd--702---49-80.html" target="_blank">Verlagsinformationen zum Buch &#8220;Alles neu unter der Sonne&#8221;</a></li>
<li><a href="http://www.heiko-christians.de/" target="_blank">Private Homepage von Heiko Christians</a></li>
</ul>
<div class='footnotes'>
<div class='footnotedivider'></div>
<ol>
<li id='fn-5470-1'>Damit fällt nunmehr der Blick auf die Form des Angebots – und eben nicht auf seine schiere Masse, seine (schlechte) Qualität, seine heilsgeschichtliche Ausrichtung oder seinen spezifischen Verwendungskontext. <span class='footnotereverse'><a href='#fnref-5470-1'>&#8617;</a></span></li>
</ol>
</div>
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		</item>
		<item>
		<title>Sprachverlust mit System: Die Presse in der Krise</title>
		<link>http://www.rkm-journal.de/archives/3098</link>
		<comments>http://www.rkm-journal.de/archives/3098#comments</comments>
		<pubDate>Sat, 09 Jul 2011 09:00:19 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Redaktion</dc:creator>
				<category><![CDATA[Sammelrezension]]></category>
		<category><![CDATA[Journalismus]]></category>
		<category><![CDATA[Presse]]></category>
		<category><![CDATA[Printmedien]]></category>
		<category><![CDATA[Zeitungen]]></category>

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		<description><![CDATA[<em>Rezensiert von Harald Rau</em>

<a href="http://www.rkm-journal.de/archives/3098"><img class="alignleft size-full wp-image-5348" title="Weichert, Kramp, Jakobs" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2010/05/Weichert-Kramp-Jakobs.jpg" alt="" width="160" height="267" /></a>Nach den Diskussionen um den <a href="http://www.boston.com/bostonglobe/" target="_blank">Boston Globe</a>, den wiederholten Anläufe der <a href="http://www.nytimes.com/" target="_blank">New York Times</a>, nun endlich doch "paid content" durchzusetzen, nach dem Niedergang honoriger Westküstenzeitungen in den Staaten, geraten – so scheint es – zunehmend auch die deutschen Zeitungsmacher in Aufruhr. Sich mit der "Presse in der Krise" zu beschäftigen – das liegt offensichtlich auch hierzulande im Trend. Vermutlich auch deshalb, weil die Einschläge näherkommen, das intellektuelle Frankreich ist längst bedient. Den letzten Ausschlag geben vermutlich die (euphemistisch formuliert) "Schwierigkeiten" der <a href="http://www.sueddeutsche.de/" target="_blank">Süddeutschen</a> und die händeringenden Versuche, die <a href="http://www.fr-online.de/home/-/1472778/1472778/-/index.html" target="_blank">Frankfurter Rundschau</a> nur irgendwie über die Tabloid-Runden zu retten. <a href="http://www.rkm-journal.de/archives/3098">[Mehr]</a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Rezensiert von Harald Rau</em></p>
<p><a href="http://www.rkm-journal.de/archives/3098"><img class="alignleft size-full wp-image-5348" title="Weichert, Kramp, Jakobs" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2010/05/Weichert-Kramp-Jakobs.jpg" alt="" width="160" height="267" /></a>Nach den Diskussionen um den <a href="http://www.boston.com/bostonglobe/" target="_blank">Boston Globe</a>, den wiederholten Anläufe der <a href="http://www.nytimes.com/" target="_blank">New York Times</a>, nun endlich doch &#8220;paid content&#8221; durchzusetzen, nach dem Niedergang honoriger Westküstenzeitungen in den Staaten, geraten – so scheint es – zunehmend auch die deutschen Zeitungsmacher in Aufruhr. Sich mit der &#8220;Presse in der Krise&#8221; zu beschäftigen – das liegt offensichtlich auch hierzulande im Trend. Vermutlich auch deshalb, weil die Einschläge näherkommen, das intellektuelle Frankreich ist längst bedient. Den letzten Ausschlag geben vermutlich die (euphemistisch formuliert) &#8220;Schwierigkeiten&#8221; der <a href="http://www.sueddeutsche.de/" target="_blank">Süddeutschen</a> und die händeringenden Versuche, die <a href="http://www.fr-online.de/home/-/1472778/1472778/-/index.html" target="_blank">Frankfurter Rundschau</a> nur irgendwie über die Tabloid-Runden zu retten.</p>
<p>In der Tat: Die Zeiten sind vorbei, als die Rundschau ein in den Süden strahlendes Flaggschiff modern gelebter linksliberaler Berichterstattung war, als Nachmittagsausgaben an roten Ampeln verkauft wurden, viele von ihnen mit legendären Schlagzeilen. Die Rundschau war für weite intellektuelle Kreise ein Muss – auch weil der Stil souverän und unverwechselbar für die Zeit stand. Unter uns: Ins Siechtum beförderte das Blatt der Tabloid. Das ist eine Meinung, die man nicht teilen muss. Eine eigene Stimme jedenfalls hat die Rundschau nicht mehr – und für den Rezensenten hier steht sie nachgerade als Blaupause einer neuen Zeitungswelt, die sich selbst überlebt hat.</p>
<p>Aber – auch auch das sei gleich vorausgeschickt: Das Prinzip Tageszeitung ist nicht tot, beileibe nicht. Das Prinzip wird sogar einen Schub erfahren, wird nicht nur überleben sondern uns in die kommenden Jahrzehnte begleiten. Anders – aber in seinen Grundzügen unverändert. Im Rahmen dieser Mehrfachrezension ist weder Raum noch Zeit, dies tiefer zu diskutieren, geht es doch vielmehr darum, vier Bücher zu betrachten, die die Zeitung, ihre Zukunft, ihre Krise in den Mittelpunkt stellen.</p>
<p><a href="http://www.rkm-journal.de/archives/3098"><img class="alignleft size-full wp-image-5359" title="Weichert, Kramp" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2010/05/Weichert-Kramp1.png" alt="" width="162" height="229" /></a>Beginnen wir mit der Studie, die <a href="http://www.macromedia-fachhochschule.de/hochschule/menschen/professoren/personendetails/detail/weichert.html" target="_blank">Stephan Weichert</a> und <a href="http://www.macromedia-fachhochschule.de/studiengaenge/journalistik/professoren-lehrende/person/detail/kramp.html" target="_blank">Leif Kramp</a> unter dem Titel <em>Das Verschwinden der Zeitung?</em> im Auftrag der<a href="http://www.fes.de/" target="_blank"> Friedrich-Ebert-Stiftung</a> erstellt haben. Um es gleich vorweg zu nehmen: Eine Studie, die aus Sicht des Rezensenten dem Namen des Auftraggebers nicht würdig ist. Das Gutachten kommt unter anderem zum Ergebnis, dass unabhängige Förderung von Qualitätsjournalismus besonders geeignet ist um Qualitätsmedien wie Zeitungen zu finanzieren. Nun ja, das erscheint angesichts mediensoziologischer Erwägungen ein Allgemeinplatz – und reichlich unscharf, wenn die Autoren keine tragfähige Definition bereitstellen, was denn nun tatsächlich Qualitätsjournalismus ist. Eine Trennung zwischen Qualitätsjournalismus und Zeitungen wird nicht klar vollzogen, ebenso wenig werden Diskussion und Studie historisch verortet. Vielleicht – und dies sei nur am Rande bemerkt – sollten sich die Autoren auch noch einmal über ihren Medienbegriff verständigen. Nun denn – es gibt dennoch Wertvolles: Die Liste ausgewählter Institutionen in den USA und in Europa. Wenngleich zwei Stunden Internetrecherche zum gleichen Ergebnis führen könnten. Auch die Liste der Pressesubventionen ist vergleichsweise leicht zu recherchieren. Vielleicht wäre es ja auch angezeigt gewesen, sich kritisch mit den ineffizienten Subventionen auseinanderzusetzen. Werden Zeitungen eher abonniert, wenn sie statt 1,10 Euro nur noch einen Euro kosten? Das Problem der Tageszeitung liegt in der Attraktivität ihrer Leistung. Der Preis dürfte eher zweitrangig sein. Kurzum: Zu viel Status quo, zu wenig Einordnung und eine – auch dies ist anzusprechen – vergleichsweise wenig zielführende Untersuchung mit zum Teil suggestiv gestellten Fragen, die dann, wie auch der Rezensent erwartet, zu stark einseitigen Antworttendenzen führen.</p>
<p>Lassen Sie uns noch für einen Moment beim Autorenteam Weichert/Kramp bleiben und den Band <em>Wozu noch Zeitungen?</em> betrachten, den die beiden gemeinsam mit<a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Hans-J%C3%BCrgen_Jakobs" target="_blank"> Hans-Jürgen Jakobs</a> herausgegeben haben. Hierin ist eine Fülle von Interviews versammelt. Einige dieser Gespräche waren im Vorfeld der Veröffentlichung bereits in der Süddeutschen Zeitung erschienen, andere bei <a href="http://www.nzz.ch/" target="_blank">NZZ Online</a>, <a href="http://www.spiegel.de/" target="_blank">Spiegel Online</a> und im <a href="http://www.epd.de/" target="_blank">Evangelischen Pressedienst (epd)</a>. Kurzum – und zur Ehrenrettung: Das ist ein interessantes Lesebuch mit vielen hundert Anregungen und Aussagen, die Verleger und Herausgeber inspirieren dürften, vielleicht darf man hinzufügen: müssen.</p>
<p>Vieles darin ist polemisch, man lese nur das hier erstmals abgedruckte Interview mit Ariana Huffington, vieles muss man zwischen den Zeilen deuten. Das ist nicht negativ zu verstehen, denn überraschenderweise gerade dann, wenn die Befragten im Vagen bleiben, sich der Interpretation hingeben, entwickeln die Interviews ihre wahre Stärke. Bill Kovach sei jedem selbstverliebten Herausgeber empfohlen und Philip Meyer versöhnt die zeitunglesenden Dinosaurier (zu denen sich auch der Rezensent weiterhin zählt). Manche Fragen hätte man gerne anders gestellt, manche andere scheint die Interviewten auf dem &#8220;falschen Fuß&#8221; zu erwischen (vgl. zum Beispiel im Gespräch mit David M. Rubin, der sonst zu den eher &#8220;aufgeräumten&#8221; Wissenschaftlern zählt), manchmal hätte man gerne mehr gelesen und intensiver nachgehakt. Insgesamt aber ist dieser Band eine gute Lektüre für alle jene, die die Tageszeitung noch ernst nehmen wollen. Auch der eine oder andere Lernhinweis für frustrierte Zeitungsmacher lässt sich dem Interviewband entnehmen. Insofern gilt hier das Prädikat: lesenswert!</p>
<p><a href="http://www.rkm-journal.de/archives/3098"><img class="alignleft size-full wp-image-5349" title="Kirchhoff, Kramer" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2010/05/Kirchhoff-Kramer.jpg" alt="" width="160" height="227" /></a>Apropos Lernhinweise: Wer sich an vergnüglicher und insbesondere auf den Wirtschaftsjournalismus abzielender Polemik ergötzen möchte, darf mit Freude zum ebenfalls schnell zu lesenden Band <em>Presse in der Krise</em> von <a href="http://www.kug.hs-osnabrueck.de/prof-sabine-kirchhoff.html" target="_blank">Sabine Kirchhoff</a> und <a href="http://www.statistik.uni-dortmund.de/kraemer.html" target="_blank">Walter Krämer</a> greifen. Bei diesem handelt es sich um Journalismuskritik vom Feinsten. Aufgehängt am wirtschaftlichen Krisengeschehen des Jahres 2009 analysieren die Autoren journalistische Auswahlhandlungen und Verarbeitungsroutinen. Was sie an schlechtem Wirtschaftsjounalismus zutage fördern ist beeindruckend. Vielleicht sollte man besser sagen: erschreckend.</p>
<p>Insbesondere der unverbesserliche Zeitungsleser, der immer wieder frustriert von der regionalen Abozeitungslektüre aufblickt, wird jede Seite dieses Buchs mit heftigem Nicken quittieren. So viel Wortgeklimper, so viele hohle Phrasenblasen, so grandios verfehlte Thementiefe ist uns selten so unterhaltsam vor Augen geführt worden. Man mag den Autoren unwissenschaftliche Vorgehensweise und an manchen Stellen essayistische Grobheiten vorwerfen können – aber unterhaltsam und aufklärend ist die Lektüre allemal. Und selten langweilig! Vorausgesetzt, man überfliegt die zahlreichen in das Buch aufgenommenen Zitate der phrasendreschenden Journalisten.</p>
<p>Zugegeben, dem Rezensenten werden die beiden Autoren nicht zuletzt auch deshalb sympathisch, weil es ihnen gelingt, statt ständig auf Oberlehrer Sick (gut, auch er darf ein paar Anregungen beisteuern, vgl. 103) zu verweisen, immer wieder Ludwig Reiner zitieren (besonders schön: 27) und uns damit die Freude machen, dass guter Stil und passender Ausdruck auch durchaus altmodisch sein dürfen. Nun denn, das wirtschaftliche Krisengeschehen wird konsequent mit dem Tunnelblick des journalistischen Systems verknüpft und wir erkennen, dass Luhmann auch bezogen auf einzelne Themen- und Fragestellungen Anwendung finden kann: Die nachgerade überflüssige und unsinnige Dauerthematisierung als Autopoiesis, in der das Gerücht mehr zählt als harte Fakten anderer Themen. Kurz gesagt: Rund 120 unterhaltsame Seiten, die sich auch leicht auf einer Zugfahrt &#8220;konsumieren&#8221; lassen. Und, ja, stimmt schon, liebe Frau Kirchhoff, lieber Herr Krämer, ich habe gelernt, dass nicht nur Journalisten, sondern auch wir Medienwissenschaftler dieses Wort durchaus unreflektiert und ungenau verwenden, ohne &#8220;die Krankheiten&#8221; zu benennen, spezifizieren zu können – und werde in Zukunft sehr viel sorgfältiger mit diesem Begriff operieren. Eines aber will ich dann doch gesagt haben: Immer dann, wenn wir dieses Wort in den Mund nehmen und die Brücke zum Medienbetrieb schlagen, sollten wir daran denken, dass die Krise der Medien insbesondere eine Krise des Journalismus ist. Punkt.</p>
<p><a href="http://www.rkm-journal.de/archives/3098"><img class="alignleft size-full wp-image-5351" title="Bohrmann, Toepser" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2010/05/Bohrmann-Toepser1.gif" alt="" width="160" height="238" /></a>Das deckt sich übrigens auch mit den Erkenntnissen von<a href="http://www.uni-hamburg.de/ljuk/Team/Weischenberg.html" target="_blank"> Siegfried Weischenberg</a>, der im Band <em>Krise der Printmedien: Eine Krise des Journalismus?</em> des Instituts für Zeitungsforschung der Stadt Dortmund das Zeitalter des Journalismus zu Ende gehen lässt – freilich nicht ohne historische Bezüge herzustellen und Entwicklungen aufzuzeigen. Eine gute Zusammenfassung mit vielen Erklärungsansätzen. Wie überhaupt der kleine Band viele Anregungen gibt und Thesen formuliert, die eine ganze Zunft ins Grübeln bringen dürften. Ein Beispiel sei herausgegriffen. Im Rahmen einer Studie ließ <a href="http://www.journalistik-dortmund.de/poettker.html" target="_blank">Horst Pöttker</a> (101) die folgende Aussage überprüfen: &#8220;Manche Chefredakteure lassen sich zu leicht zum Werkzeug von Verlegerinteressen machen. Sie sollten mehr Mut haben, sich für einen unerschrockenen Journalismus einzusetzen.&#8221; Nun, was kommt heraus? Wir können es uns fast denken. Und dennoch ist es wichtig, die Einschätzung zu lesen: 55,7 Prozent der befragten Journalisten stimmen der Aussage &#8220;voll und ganz&#8221;, 33 Prozent &#8220;teilweise“ zu. 10,4 Prozent wissen nicht, wie sie sich entscheiden sollen. Mitgerechnet? Was bleibt unter dem Strich für diejenigen, die die Aussage ablehnen? Richtig: 0,9 Prozent. Aha.</p>
<p>Okay – Pöttkers Studie ist nicht besonders umfangreich und methodisch wäre, eng genommen, vielleicht auch das eine oder andere zu kritteln. Aber die Aussage bleibt und sie ist wertvoll – ebenso wertvoll wie die weiteren Erkenntnisse der Befragung. Wir lernen: hier wird berechtigterweise gefragt, und wir erkennen: Die Probleme des Journalismus sind auch hausgemacht. Wir könnten es auch mit Ottfried Jarren formulieren, der im gleichen Band über &#8220;Die Presse in der Wohlfahrtsfalle&#8221; nachdenkt (19): &#8220;Eine Branche, die vormals zur Herstellung von Öffentlichkeit angetreten war, hat sich selbst – um des kurzfristigen ökonomischen Vorteils und vielleicht sogar nur um des eigenen Profites willen kollektiv – kollektiv! – um die öffentliche Debatte gebracht, weil gedrückt.&#8221;</p>
<p>Dem bliebe nichts hinzuzufügen – vielleicht eines: Möglicherweise liegt es ja tatsächlich nahe, dass sich eine renommierte Veranstaltung wie der der Dreiländer-Soziologentag des Jahres 2011 dem neuen Strukturwandel der Öffentlichkeit widmen will. Es scheint an der Zeit den alten Habermas neu zu lesen!</p>
<p><em>Links:</em></p>
<ul>
<li><a href="http://library.fes.de/pdf-files/stabsabteilung/06156.pdf" target="_blank">Zum freien Download: &#8220;Das Verschwinden der Zeitung?&#8221;</a></li>
<li><a href="http://www.degruyter.de/cont/fb/bb/detail.cfm?id=IS-9783110231076-1" target="_blank">Verlagsinformationen zum Buch &#8220;Die Krise der Zeitung&#8221;</a></li>
<li><a href="http://www.v-r.de/de/redirect/t/1001004581/" target="_blank">Verlagsinformationen zum Buch &#8220;Wozu noch Zeitungen?&#8221;</a></li>
<li><a href="http://www.vs-verlag.de/Buch/978-3-531-17193-7/Presse-in-der-Krise.html" target="_blank">Verlagsinformationen zum Buch &#8220;Presse in der Krise&#8221;</a></li>
<li><a href="http://www.uni-koblenz-landau.de/koblenz/fb1/sempaed/erwachsenenbildung/mitarbeiter-erwachsenenbildung/ordner-professur" target="_blank">Webpräsenz von Harald Rau an der Universität Koblenz-Landau</a></li>
</ul>
<div id="_mcePaste" class="mcePaste" style="position: absolute; left: -10000px; top: 441px; width: 1px; height: 1px; overflow: hidden;">http://www.macromedia-fachhochschule.de/studiengaenge/journalistik/professoren-lehrende/person/detail/kramp.html</div>
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		</item>
		<item>
		<title>Die Zukunft der Zeitungen</title>
		<link>http://www.rkm-journal.de/archives/5221</link>
		<comments>http://www.rkm-journal.de/archives/5221#comments</comments>
		<pubDate>Fri, 03 Jun 2011 09:30:31 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Redaktion</dc:creator>
				<category><![CDATA[Sammelrezension]]></category>
		<category><![CDATA[Internet]]></category>
		<category><![CDATA[Online-Journalismus]]></category>
		<category><![CDATA[Presse]]></category>
		<category><![CDATA[Printmedien]]></category>
		<category><![CDATA[Zeitungen]]></category>

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		<description><![CDATA[<em>Rezensiert von Christoph Neuberger</em>

<a href="http://www.rkm-journal.de/archives/5221"><img class="alignleft size-full wp-image-5242" title="friedrichsen" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2011/04/friedrichsen.gif" alt="" width="160" height="226" /></a>Die Tageszeitungen sind bekanntlich in eine prekäre Lage geraten: Einerseits verlieren sie Leser und Inserenten im Printbereich, wobei die Hauptursache deren Abwanderung ins Internet ist. Andererseits gelingt es ihnen nicht, diese Verluste in der Online-Welt zu kompensieren. Die Frage, was die Bevorzugung des Internets erklärt und wie journalistische Websites zu gestalten wären, damit sie als Werbeumfeld attraktiv sind und die Zahlungs- bereitschaft der Nutzer wecken, bewegt derzeit die ganze Branche. Zwei Bücher wollen bei der Suche nach einer Antwort behilflich sein – das Vorgehen der Autoren ist jedoch grundverschieden. Typisch für die Art, wie in der Zeitungsbranche selbst nachgedacht wird, ist der Band <em>Medienzukunft und regionale Zeitungen.</em> <a href="http://www.rkm-journal.de/archives/5221">[Mehr]</a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Rezensiert von Christoph Neuberger</em></p>
<p><a href="http://www.rkm-journal.de/archives/5221"><img class="alignleft size-full wp-image-5242" title="friedrichsen" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2011/04/friedrichsen.gif" alt="" width="160" height="226" /></a>Die Tageszeitungen sind bekanntlich in eine prekäre Lage geraten: Einerseits verlieren sie Leser und Inserenten im Printbereich, wobei die Hauptursache deren Abwanderung ins Internet ist. Andererseits gelingt es ihnen nicht, diese Verluste in der Online-Welt zu kompensieren. Die Frage, was die Bevorzugung des Internets erklärt und wie journalistische Websites zu gestalten wären, damit sie als Werbeumfeld attraktiv sind und die Zahlungs- bereitschaft der Nutzer wecken, bewegt derzeit die ganze Branche. Zwei Bücher wollen bei der Suche nach einer Antwort behilflich sein – das Vorgehen der Autoren ist jedoch grundverschieden. Typisch für die Art, wie in der Zeitungsbranche selbst nachgedacht wird, ist der Band <em>Medienzukunft und regionale Zeitungen.</em></p>
<p>In 14 Beiträgen beschäftigen sich Verleger, Journalisten, Berater, Politiker und Wissenschaftler mit der Zukunft der Tagespresse. Neuigkeitswert und Erkenntnisgewinn halten sich in Grenzen. Fast alle Beiträge sind eine Mixtur aus Marktdaten, Zitaten prominenter Verleger und Journalisten sowie vagen Vermutungen über Auswege aus der Krise, die – mal mehr, mal weniger sortiert – dargeboten werden. Der Journalismus muss besser werden und sich stärker am Publikum orientieren. Das ist die sattsam bekannte Botschaft. Wie dies konkret geschehen sollte, wird kaum einmal näher erläutert. Die behaupteten Publikumserwartungen und empfohlenen Strategien werden wissenschaftlich nicht unterfüttert. Nur in einem Beitrag wird eine empirische Studie vorgestellt: Der Autor, der zehn (!) regelmäßige Leser des <a href="http://www.abendblatt.de/" target="_blank">Hamburger Abendblatts</a> qualitativ befragt hat, schließt von deren Aussagen recht unbekümmert auf die Gesamtbevölkerung. Ansonsten scheint nur das <a href="http://www.journalexikon.de/wiki/doku.php?id=rieplsches_gesetz" target="_blank">Rieplsche Gesetz</a> bekannt zu sein, das im Jahr 1913 formuliert wurde und in der Wissenschaft längst als überholt gilt. Dennoch wird es in vier Beiträgen zitiert.</p>
<p>Der Band spiegelt die in der Zeitungsbranche herrschende Ratlosigkeit und den Mangel an Mitteln, die Krise zu bewältigen. Deshalb gleich weiter zum zweiten Buch. Ursina Mögerle geht in ihrer Züricher Dissertation die Sache ganz anders an. Ihre Kernfragen lauten: Werden Print-Zeitungen zunehmend durch ihre Online-Ausgaben substituiert? Und wie lässt sich die Wahl von Print- und Online-Zeitung erklären? Vorhersehbar ist der Einwand von Praktikerseite, dass die Arbeit schwer zu lesen ist, mit über 400 Textseiten zu dick ist und am Ende keine einfachen Regeln bereit hält. Der Vorwurf der mangelnden Eingängigkeit wird gerne gegenüber kommunikationswissenschaftlichen Arbeiten erhoben. Wenn es um den eigenen Beruf geht, müssen Analysen vor allem leicht verständlich und unterhaltsam präsentiert werden – gerade so, als ob über den Journalismus nur journalistisch geschrieben und gesprochen werden darf.</p>
<p>Mögerle gibt zunächst einen umfassenden Überblick über Ansätze zur Verdrängung und Ergänzung alter durch neue Medien. Dabei zeigt sie, dass das Fach längst weit über das – immer noch gerne zitierte – &#8220;Rieplsche Gesetz&#8221; hinausgelangt ist, das völlig zu Recht als Marginalie auf knapp zwei Seiten abgehandelt wird. Mögerle greift sodann den <a href="http://luhmann.uni-trier.de/index.php?title=Uses-and-Gratifications-Ansatz" target="_blank">Uses-and-Gratification</a><a href="http://luhmann.uni-trier.de/index.php?title=Uses-and-Gratifications-Ansatz" target="_blank">s-Ansatz</a> auf, den sie grundlegend diskutiert. Erhaltene Gratifikationen sollen – neben den Kosten – ausschlaggebend für die Mediennutzung sein, wobei angenommen wird, dass sich die Nutzung in einem Lernprozess an die wahrgenommenen Gratifikationen eines bestimmten Angebots anpasst. Entsprechend der mikroökonomischen Nachfragetheorie geht Mögerle von einer Kosten-Nutzen-Maximierung aus. Dabei werden erhaltene Gratifikationen sowie monetäre und andere Kosten als Nutzen berücksichtigt. Auch das handlungstheoretische <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/RREEMM" target="_blank">RREEMM-Modell</a> nach Lindenberg und Esser lenkt den Blick auf die Kostenseite von Print- und Online-Zeitungen, die in der bisherigen Gratifikationsforschung zumeist ausgeblendet wurde.</p>
<p>Im &#8220;erweiterten funktionalen Modell der Substitution und Komplementarität&#8221; werden die diversen Ansätze schließlich zusammengeführt: Substitution und Komplementarität zwischen Print- und Online-Zeitung sollen durch &#8220;Ressourcen&#8221; erklärt werden. Zu diesen wurden inhaltliche Gratifikationen, strukturelle, d. h. medienspezifische Gratifikationen, strukturelle Restriktionen (Kosten) sowie längerfristige Themeninteressen gezählt, die gemäß der &#8220;The-more-the-more&#8221;-Regel zu einer vermehrten Nutzung beider Medien führen sollen, was sich allerdings nicht bestätigte. Die Kosten-Nutzen-Bilanzierung wurde einerseits durch die &#8220;totale Online-Print-Differenz&#8221; ermittelt, zum anderen über den Grad der Ähnlichkeit der einzelnen Gratifikationen und Restriktionen (&#8220;funktionale Heterogenität&#8221; und &#8220;Homogenität&#8221;).</p>
<p>Gegenüber früheren Studien, deren Schwächen Mögerle systematisch herausarbeitet, hat ihre eigene empirische Untersuchung mehrere Stärken: Statt sich mit Aggregatdaten und einer Querschnittserhebung zu begnügen, hat sie die Nutzungs-Veränderungen im Rahmen einer Panelstudie auf individueller Ebene im Längsschnitt (innerhalb eines Jahres) erhoben. Außerdem sollte durch Nutzen- und Kostenerwägungen der Leser erklärt werden, weshalb Leser die Print- oder die Online-Variante ihrer Tageszeitung bevorzugen. Bisher wurden die Nutzung (&#8220;zeitliche Substitution&#8221;) oder die Wahrnehmung (&#8220;funktionale Substitution&#8221;) zumeist getrennt erfasst; nur in wenigen Fällen wurde versucht, die substitutive oder komplementäre Nutzung durch die Wahrnehmung des Nutzens und der Kosten zu erklären (&#8220;Prognose-Substitution&#8221;).</p>
<p><a href="http://www.rkm-journal.de/archives/5221"><img class="alignleft size-full wp-image-5243" title="Mögerle" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2011/04/Mögerle.jpg" alt="" width="160" height="242" /></a>Mögerle hat in den Jahren 2006 und 2007 die Nutzer von neun Online-Zeitungen in der Deutschschweiz nicht-repräsentativ befragt; 1831 Personen nahmen an beiden Wellen teil. Wo liegen die besonderen Vorteile der beiden Zeitungs-Varianten? Sowohl bei der allgemeinen Informationsorientierung (Surveillance), d. h. beim Nachrichten-&#8221;Up-date&#8221; im Tagesablauf, als auch bei der gezielten Informationssuche (Guidance) schnitt die Online-Zeitung besser ab als die Print-Zeitung. Dagegen ergab sich weder bei der Unterhaltung noch bei der Sozialfunktion ein signifikanter Unterschied zwischen den beiden Zeitungs-Varianten. Während also die Online-Zeitung bei den inhaltlichen Gratifikationen überlegen war, so war dies die Print-Zeitung bei den strukturellen Gratifikationen, und zwar wegen ihrer Flexibilität, besonderen Haptik sowie der besseren Möglichkeit, sich vertieft zu informieren oder zufällig etwas zu finden (Serendipity). Nur in puncto Bequemlichkeit schnitt die Online-Zeitung besser ab. Die Restriktionen wurden bei der Online-Zeitung als signifikant höher eingeschätzt, vor allem wegen des höheren kognitiven Aufwands.</p>
<p>Entscheidend für den Wert der Arbeit sind nicht solche konkreten Befunde, die Praktiker sicher nicht in jedem Punkt überraschen werden, sondern vielmehr der Nachweis, dass ihr Denkansatz fruchtbar ist. Die theoretische Vorannahme, dass die Print-Online-Bilanz aus Gratifikationen und Restriktionen die Nutzung erklären kann, bestätigte sich an mehreren Stellen: Jene Befragten, die seit Beginn der Online-Nutzung die Printlektüre reduziert hatten, erhielten in allen Kategorien mehr Gratifikationen durch die Online-Zeitung und nahmen hier auch weniger Restriktionen wahr. Das gleiche Resultat zeigte sich auch innerhalb des Untersuchungszeitraums: Gratifikations- und Restriktionswahrnehmungen veränderten sich parallel zur Nutzungsveränderung. Die totale Online-Print-Differenz fiel bei den Doppel-Nutzern zwar leicht zu Gunsten der Print-Version aus; sie verschob sich allerdings zwischen den beiden Befragungswellen signifikant zu Gunsten der Online-Zeitung, ebenso ihre Nutzung und die Bereitschaft, auf die Print-Zeitung zu verzichten.</p>
<p>Die vollständige Print-Online-Bilanz besaß einen signifikanten Einfluss auf Veränderungen des Print-Online-Nutzungsverhältnisses. Das heißt: Je mehr Gratifikationen und je weniger Restriktionen die Online-Zeitung ei¬nem Nutzer bot, desto mehr nahm seine Online-Nutzung relativ zur Print-Nutzung zu. Dieser Zusammenhang ließ sich jedoch nicht für die einzelnen Gratifikationen und Restriktionen nachweisen. Auch für die selbsteinge¬schätzte Substitution (Bereitschaft zum Verzicht) konnte dieser Zusam¬menhang zwar allgemein festgestellt werden, aber ebenfalls nicht für die speziellen Kategorien – mit einer Ausnahme: Falls der haptische Aspekt und die Unabhängigkeit der Print-Zeitung von einem technischen Gerät eine geringe Rolle spielten, wurde zunehmend auf die Print-Version zu Gunsten der Online-Version verzichtet.</p>
<p>Mögerle zeigt einen Weg auf, wie die Angebotswahl durch Kosten-Nutzen-Erwägungen erklärt und prognostiziert werden kann. Dieses Vorgehen ließe sich weiter verfeinern: Eine Erweiterung des Untersuchungsdesigns könnte darin bestehen, den Einfluss konkreter Angebote und nicht nur von Zeitungstypen zu berücksichtigen. Dabei wäre inhaltsanalytisch zu erfassen, wie Print- und Online-Angebot eines Zeitungstitels zueinander positioniert sind, d. h., welche crossmediale Strategie verfolgt wird. Es dürfte z. B. einen Unterschied machen, ob auf einer Zeitungs-Website im Wesentlichen Printinhalte zweitverwertet werden oder ob neue Online-Inhalte geschaffen werden, die den Präsentations- und Rezeptionsbedingungen des Mediums angepasst sind. Auch der Grad der Exklusivität im Verhältnis zu anderen Zeitungsangeboten wäre zu berücksichtigen. Schließlich wäre auch zu beachten, dass nicht nur Zeitungen aktuelle Informationen im Internet offerieren, sondern auch andere professionelle Anbieter (Websites von Zeitschriften und des Rundfunks, Nur-Internetanbieter wie Portale). Ob auch Laienangebote aus Sicht der Nutzer journalistisch relevant sind (&#8220;Bürgerjournalismus&#8221;), wäre ebenfalls zu prüfen.</p>
<p>Natürlich hat der Versuch, das Nutzerhandeln rational zu erklären, Grenzen. Die Kritik am &#8220;homo oeconomicus&#8221; trifft auch auf den Mediennutzer zu. Dass der Zeitungswahl kein reines Kosten-Nutzen-Kalkül zugrunde liegt, zeigt sich daran, dass auch der Zeitfaktor selbst, also ein Gewöhnungseffekt die Nutzung der Online-Zeitung verstärkte. Vermutlich ist dann, wenn sich eine neue Alternative zu einem alten Medium bietet, der Reflexionsgrad höher als in Normalphasen, in denen dies nicht der Fall ist. Die habitualisierte Medienrezeption schließt jedoch nicht aus, dass auch die Meta-Entscheidung, regelmäßig ein bestimmtes Angebot zu nutzen (z. B. eine Zeitung zu abonnieren), auf rationaler Basis erfolgt. Die Studie liefert jedenfalls genügend Anhaltspunkte dafür, dass der Leser kein irrationales Wesen ist, dessen Wünsche und Wahlen außerhalb der Reichweite wissenschaftlicher Analyse liegen und allenfalls von erfahrenen Redakteuren &#8220;erspürt&#8221; werden können.</p>
<p>Trotz ihres Umfangs ist die Arbeit weder weitschweifig, noch gerät sie auf Nebengleise. Sprache und Aufbau sind präzise; Mögerle greift auf, was über das Thema geforscht worden ist, und führt es, stringent argumentierend, weiter. Wer ihr Buch gelesen hat, kann sich die Lektüre vieler anderer Werke ersparen, in denen lediglich Mutmaßungen darüber angestellt werden, was die Leser bewegt und wie die Zeitung ihre Zukunft sichern kann.</p>
<p><em>Links:</em></p>
<ul>
<li><a href="http://www.nomos-shop.de/Friedrichsen-Medienzukunft-regionale-Zeitungen/productview.aspx?product=12499&amp;rtoc=211" target="_blank">Verlagsinformationen zum Buch <em>Medienzukunft und regionale Zeitungen</em></a></li>
<li><a href="http://www.uvk.de/buch.asp?ISBN=9783867641746" target="_blank">Verlagsinformationen zum Buch</a><em><a href="http://www.uvk.de/buch.asp?ISBN=9783867641746" target="_blank"> Substituion oder Komplementarität?</a></em></li>
<li><a href="http://www.friedrichsen-online.net/1.html">Private Homepage von Mike Friedrichsen</a></li>
<li><a href="http://www.publitest.ch/about_03_team.html">Webpräsenz von Ursina Mögerle bei publitest.ch</a></li>
<li><a href="http://www.ifkw.uni-muenchen.de/personen/professoren/neuberger_christoph/index.html" target="_blank">Webpräsenz von Christoph Neuberger an der Ludwig-Maximilians-Universität München</a></li>
</ul>
<p>&nbsp;</p>
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		<item>
		<title>Daniel Müller; Annemone Ligensa; Peter Gendolla (Hrsg.): Leitmedien</title>
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		<pubDate>Wed, 01 Jun 2011 09:00:38 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Redaktion</dc:creator>
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		<description><![CDATA[<em>Rezensiert von Manuel Wendelin</em>

<a href="http://www.rkm-journal.de/archives/4056 "><img class="alignleft size-full wp-image-4906" title="UMS1028muMueller.indd" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2010/10/müller-et-al..jpg" alt="" width="160" height="243" /></a>Dass schon 'Medium' ein Begriff ist, über dessen Definition man wunderbar streiten kann, ist bekannt. Dieses Schicksal teilt der Terminus mit anderen Grundbegriffen wie dem der 'Kommunikation' oder dem der 'Öffentlichkeit'. Im alltäglichen (wissenschaftlichen) Gebrauch werden solche Differenzen meist problemlos umschifft. Diese Praxis der Umgehung von unüberbrückbaren Klüften ist notwendig, um diesseits des endlosen Nachdenkens über sprachliche Grundlagen überhaupt sinnvoll arbeiten zu können. Hin und wieder kommt es aber vor, dass bewusste Entscheidungen für die Verwendung eines bestimmten Medienbegriffs getroffen und begründet werden müssen. Spätestens in solchen Situationen ist man dankbar für die in der Literatur vorhandenen Systematisierungen. Das ist nicht anders, wenn es um die Forschung zu Leitmedien geht. Im Unterschied zum Medienbegriff sind tiefer gehende begriffliche Auseinandersetzungen hier aber kaum vorhanden. Gleiches gilt für die Systematisierung des Forschungsstands. Vor dem Hintergrund der offensichtlich immer häufiger werdenden Verwendung des Wortes "Leitmedien", ist dieser Befund das zentrale Relevanzargument für den von Daniel Müller, Annemone Ligensa und Peter Gendolla herausgegebenen Zweibänder. <a href="http://www.rkm-journal.de/archives/4056">[Mehr]</a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Rezensiert von Manuel Wendelin</em></p>
<p><a href="http://www.rkm-journal.de/archives/4056 "><img class="alignleft size-full wp-image-4906" title="UMS1028muMueller.indd" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2010/10/müller-et-al..jpg" alt="" width="160" height="243" /></a>Dass schon &#8216;Medium&#8217; ein Begriff ist, über dessen Definition man wunderbar streiten kann, ist bekannt. Dieses Schicksal teilt der Terminus mit anderen Grundbegriffen wie dem der &#8216;Kommunikation&#8217; oder dem der &#8216;Öffentlichkeit&#8217;. Im alltäglichen (wissenschaftlichen) Gebrauch werden solche Differenzen meist problemlos umschifft. Diese Praxis der Umgehung von unüberbrückbaren Klüften ist notwendig, um diesseits des endlosen Nachdenkens über sprachliche Grundlagen überhaupt sinnvoll arbeiten zu können. Hin und wieder kommt es aber vor, dass bewusste Entscheidungen für die Verwendung eines bestimmten Medienbegriffs getroffen und begründet werden müssen. Spätestens in solchen Situationen ist man dankbar für die in der Literatur vorhandenen Systematisierungen (Mock 2006; Pross 1972). Das ist nicht anders, wenn es um die Forschung zu Leitmedien geht. Im Unterschied zum Medienbegriff sind tiefer gehende begriffliche Auseinandersetzungen hier aber kaum vorhanden. Gleiches gilt für die Systematisierung des Forschungsstands. Vor dem Hintergrund der offensichtlich immer häufiger werdenden Verwendung des Wortes &#8220;Leitmedien&#8221;, ist dieser Befund das zentrale Relevanzargument für den von Daniel Müller, Annemone Ligensa und Peter Gendolla herausgegebenen Zweibänder.</p>
<p>Das Buch ist im Kontext der 2007 veranstalteten Jahrestagung des Forschungskollegs (SFB/ FK) 615 &#8220;Medienumbrüche&#8221; entstanden und hat es sich zum Ziel gesetzt, &#8220;möglichst viele relevant scheinende Positionen und Aspekte zum Thema zu versammeln&#8221; (Band 1, 9). Im Vordergrund steht dabei die &#8220;sehr wichtige Dichotomie&#8221; von kulturwissenschaftlich orientierten Sichtweisen aus Medien- und Literaturwissenschaft sowie Philosophie auf der einen und sozialwissenschaftlichen Perspektiven aus Kommunikations- und Politikwissenschaft sowie Soziologie auf der anderen Seite (Band 1, 14). Während es in den kulturwissenschaftlichen Arbeiten eher um Medienumbrüche gehe, die dadurch definiert sind, dass ein vormals dominantes Medium von einem neuen Medium abgelöst wird und somit Veränderungen in der etablierten Hierarchie auftreten (Zeitung, Fernsehen, Internet), würden sozialwissenschaftliche Arbeiten eher auf einzelne Medien fokussieren und diese auf ihre meinungsbildende oder –führende Rolle hinterfragen (<a href="http://www.bild.de/" target="_blank">Bild</a>, <a href="http://www.tagesschau.de/" target="_blank">Tagesschau</a>, <a href="http://www.spiegel.de/" target="_blank">Spiegel Online</a>). Solche Unterscheidungen sind aber idealtypisch zu verstehen – schon unter den einzelnen Beiträgen im Buch gibt es empirische Gegenbeispiele. Dennoch liefert genau diese Dichotomie ein weiteres, ein fachtheoretisches Argument für die Relevanz einer Beschäftigung mit dem Thema Leitmedien. Hier bietet sich die Gelegenheit, Gemeinsamkeiten und Unterschiede der &#8220;gegensätzlichen Forschungstraditionen&#8221; herauszuarbeiten und zu diskutieren. Diese Gelegenheit haben die Herausgeber leider kaum genutzt.</p>
<p>Es wird dem Leser überlassen, die verschiedenen Zugangsweisen &#8220;produktiv aufeinander zu beziehen&#8221;. Obwohl die Herausgeber kommunikations- und medienwissenschaftliche Sichtweisen nicht &#8220;streng&#8221; trennen wollten, haben sie im ersten Band die eher kommunikationswissenschaftlichen und im zweiten Band die eher medienwissenschaftlichen Beiträge zusammengefasst und ohne eine weitere Unterteilung vorzunehmen, nacheinander abgedruckt. Im Sinne einer besseren Nachvollziehbarkeit der &#8220;scharfen Widersprüche&#8221; und &#8220;Berührungspunkte&#8221; wäre es besser gewesen, sich um eine thematische Gliederung zu bemühen (Band 1, 16-17). Obwohl oder gerade weil es wegen der institutionellen Klüfte und der Komplexität des Themas schwierig bis unmöglich sein mag, eine übergreifende Synthese zu finden, wäre der Versuch einer stärkeren Systematisierung der Diskussion allemal lohnend gewesen. Das Buch beinhaltet sehr spannende konzeptionelle Ideen, historische Interpretationen und Forschungsergebnisse aus den Perspektiven beider Seiten der Dichotomie.</p>
<p>Ausgangspunkt ist ein Beitrag von Jürgen Wilke, der sich schon knapp zehn Jahre vor seinem Eröffnungsvortrag auf der Jahrestagung des SFB/ FK 615 mit dem Thema befasst hat (Wilke 1998). Wilke unterscheidet mehrere Dimensionen des Leitmedienbegriffs und bespricht Kriterien, mit denen Leitmedien bestimmt werden können. Leitmedien sind demnach Medien, die als &#8220;Meinungsführermedien&#8221; eine Führungs- oder Leitungsfunktion wahrnehmen können. Diese Meinungsführung bezieht sich entweder direkt auf das Publikum der Massenmedien oder als Intermedia Agenda-Setting auf andere Medien. Leitmedien haben im ersten Fall eine hohe Verbreitung und Reichweite insbesondere unter den gesellschaftlichen Eliten. Auch eine hohe subjektive Bindung an ein Medium kann Indikator für seine Führungsposition sein.</p>
<p>Im zweiten Fall sind Leitmedien vor allem solche Medien, die eine hohe Reichweite unter Journalisten haben, die von Experten als Leitmedien etikettiert und häufig von anderen Medien zitiert werden. Wichtig zur Bestimmung und Einordnung von Leitmedien sind Randbedingungen, wie das politische System und das Mediensystem. Außerdem muss im Hinblick auf Zielgruppen und Medienfunktionen differenziert werden. In einem liberal-demokratischen System hat der Begriff &#8220;Leitmedium&#8221; beispielsweise eine andere Bedeutung, Funktion und Wirkung als im Dritten Reich. Gleiches gilt auch für den Unterschied zwischen überregionalen Tageszeitungen und der Parteipresse. Hinsichtlich eines möglichen Leitmediencharakters von Internetangeboten hat Wilke 2007 zurückhaltend argumentiert. Zumindest in Bezug auf Intermedia Agenda-Setting und mit Blick auf die Rolle von <a href="http://www.spiegel.de/" target="_blank">Spiegel Online</a> ist diese Frage mittlerweile zu bejahen.</p>
<p>Die weiteren Beiträge im ersten Band schließen häufig explizit oder implizit an Wilkes Text an. Während Henning Groscurth, Gebhard Rusch und Gregor Schwering beispielsweise anhand der Webcam-Kolumne der <a href="http://www.faz.net/s/homepage.html" target="_blank">Frankfurter Allgemeinen Zeitung</a> ergänzen, dass auch die Übernahme von technischen Medieninnovationen durch etablierte Einzelmedien ein Kriterium für die Klassifikation als Leitmedium sein kann, gehen Benjamin Krämer, Thorsten Schroll und Gregor Daschmann den Funktionen der Koorientierung für den Journalismus nach. Die Komplexitäts- und Kostenreduktionsfunktion sowie die Legitimationsfunktion tragen demnach dazu bei, die Rolle von Leitmedien für andere Medien zu erklären. Lars Rinsdorf greift dagegen das Verhältnis von Leitmedien und dem Publikum auf. Dabei wird über ein &#8220;angemessenes&#8221; Publikumsverständnis nachgedacht und nach Leitmedien unter verschiedenen Mediengattungen und im Bezug auf Medienmarken gefragt. Glaubwürdigkeit ist demnach ein entscheidendes Charakteristikum von Leitmedien aus Publikumssicht.</p>
<p><a href="http://www.rkm-journal.de/archives/4056 "><img class="alignleft size-full wp-image-4907" title="UMS1029muMueller.indd" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2010/10/müller-et-al.-bd.-2.jpg" alt="" width="160" height="243" /></a>Michael Giesecke eröffnet den zweiten Band des Buchs. Sein medien- wissenschaftlicher Text könnte als theoretische Abstraktion aber durchaus auf die kommunikationswissenschaft- lichen Arbeiten im ersten Band bezogen werden. Giesecke stellt solche Bezüge zur Kommunikationswissenschaft an mehreren Stellen des Beitrags selbst her, wenn auch meist als Abgrenzung. Das stark normative Plädoyer für eine medienökologische Konzeption ist teilweise sicher irritierend – wenn zum Beispiel damit argumentiert wird, dass sich Forschung nicht damit begnügen solle, das Alltagswissen zu verdoppeln (festzustellen, was ist) sondern sich darum bemühen müsse, alternative Sichtweisen zur Verfügung zu stellen (&#8220;Beschäftigung mit der Struktur und Funktionsweise von Sollwerten&#8221;; Band 2, 22). Trotzdem kann die triadische Denkweise aber auch für Sozialwissenschaftler theoretisch anregend sein und sich zumindest bei historischen Untersuchungen als empirisch fruchtbar erweisen. Dann würde es allerdings nicht darum gehen, Hierarchien zu vermeiden oder grenzenlose Pluralität zu ermöglichen, sondern um eine ergebnisoffene Durchführung von kulturellen Vergleichen. Die Beschreibung eines &#8220;triadischen Kräftefeldes&#8221; auf der Grundlage einer &#8220;Prämierungsanalyse&#8221; würde dabei helfen, unterschiedliche Konstellationen von Leitmedien – im kommunikationswissenschaft- lichen Sinn – theoretisch einzuordnen und zu erklären (Band 2; 25).</p>
<p>Auf dieser interdisziplinären Ebene rückt auch das Verhältnis von Leitmedien und Öffentlichkeit in den Blick. Um dabei Unterhaltungsöffentlichkeiten und insbesondere Kino-Öffentlichkeiten einbeziehen zu können, brechen Corinna Müller und Harro Segeberg die in Öffentlichkeitstheorien übliche Beschränkung auf politische Öffentlichkeit auf und weisen auf die normativen Strukturen der Kategorie hin. Ohne eine solche Ausweitung bleiben Öffentlichkeitskonzepte zwar letztlich immer unvollständig, umgekehrt kann Öffentlichkeit aber ebenfalls kaum hinreichend erfasst werden, wenn dabei auf die politischen Funktionen verzichtet wird, die ihr seit der Aufklärung zugeschrieben werden. Auf diese politischen Funktionen konzentriert sich wiederum der Beitrag von Otfried Jarren und Martina Vogel. Vor dem Hintergrund des eben Gesagten, wirkt hier die Verortung von Leitmedien als Teil der Qualitätsmedien als zu eng. Leitmedien können zwar sicher auch &#8220;Leuchttürme&#8221; im gesellschaftlichen Diskurs sein, aber sie sind eben nicht nur das (Band 1, 83, 89). Inwiefern und wann auch die Medien von Teilöffentlichkeiten Leitmediencharakter haben können, ist bislang weitgehend unerforscht. Diesen Schluss lässt zumindest die sehr breite und theoretisch fundierte Metaanalyse zum &#8220;Leitpotential&#8221; von Gegenöffentlichkeiten zu, die Jeffrey Wimmer durchgeführt hat.</p>
<p>Insgesamt bietet das Buch einen umfassenden, spannenden und exklusiven Einblick in die unterschiedlichsten Möglichkeiten mit dem Thema Leitmedien wissenschaftlich umzugehen. Allerdings beschränkt sich die abgebildete Diskussion weitgehend auf den deutschsprachigen Raum. Internationale Sichtweisen werden verhältnismäßig selten in die Argumentationen einbezogen. Es ist ein Einblick in ein sehr heterogenes Themenfeld, in dem sich noch viel bewegen kann. Eine perspektivenübergreifende Systematisierung steht aber weiter aus.</p>
<p><em>Literatur:</em></p>
<ul>
<li>Thomas Mock: <em>Was ist ein Medium?</em> In: Publizistik, 2006, 51. Jg., H. 2, S. 183-200.</li>
<li>Harry Pross: <em>Medienforschung</em>. Darmstadt [Habel] 1972.</li>
<li>Jürgen Wilke: <em>Leitmedien und Zielgruppenorgane</em>. In: Wilke, Jürgen (Hrsg.): <em>Mediengeschichte der Bundesrepublik Deutschland</em>. Köln [Böhlau] 1999, S. 302-329.</li>
</ul>
<p><em>Links:</em></p>
<ul>
<li><a href="http://www.transcript-verlag.de/ts1028/ts1028.php" target="_blank">Verlagsinformationen zum Buch</a></li>
<li><a href="http://www.graduiertenprogramm.12-16.tu-dortmund.de/cms/de/06_Beratung/06-2-Zur_Person/index.html" target="_blank">Webpräsenz von Daniel Müller an der TU Dortmund</a></li>
<li><a href="http://uk-online.uni-koeln.de/cgi-bin/show.pl/page?uni=1&amp;i_nr=70&amp;f_nr=4&amp;id=1053" target="_blank">Webpräsenz von Annemone Ligensa an der Universität Köln</a></li>
<li><a href="http://www.fk615.uni-siegen.de/de/projektleiter.php?pl=27" target="_blank">Webpräsenz von Peter Gendolla an der Universität Siegen</a></li>
<li><a href="http://www.ifkw.uni-muenchen.de/personen/mitarbeiter/wendelin_manuel/index.html" target="_blank">Webpräsenz von Manuel Wendelin an der Universität München</a></li>
</ul>
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		</item>
		<item>
		<title>Thomas Bohrmann; Werner Veith; Stephan Zöller (Hrsg.): Handbuch Theologie und populärer Film (Band 1 und 2)</title>
		<link>http://www.rkm-journal.de/archives/4064</link>
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		<pubDate>Thu, 21 Apr 2011 09:30:42 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Redaktion</dc:creator>
				<category><![CDATA[Sammelrezension]]></category>
		<category><![CDATA[Film]]></category>
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		<category><![CDATA[Theologie]]></category>

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		<description><![CDATA[<em>Rezensiert von Stefanie Knauß</em>

<a href="http://www.rkm-journal.de/archives/4064 "><img class="alignleft size-full wp-image-4778" title="bohrmann et al., bd 1" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2010/10/bohrmann-et-al.-bd-1.jpg" alt="" width="160" height="241" /></a>Die theologische Forschung zum Film ist mittlerweile in die Jahre gekommen und so steht es ihr gut an, in einem Handbuch systematisiert und für ein breiteres (Fach-)Publikum aufbereitet zu werden. Die bisher erschienenen zwei Bände des <em>Handbuch Theologie und populärer Film</em> versuchen dies mit einer Sammlung von Aufsätzen, die die theologischen Besonderheiten populärer Genres (Science Fiction, Western, Comicverfilmungen, Komödie, Horror usw.) und im Werk ausgewählter Regisseure (S. Spielberg, D. Fincher, S. Kubrick, R. Scott usw.) herausarbeiten, sowie die Darstellung theologisch relevanter Themen/Motive (Schuld/Sühne, Auferstehung, Tod, Immanenz usw.) und Figuren (ErlöserInnen, Pfarrer, Engel, Teufel, Superhelden usw.) analysieren. Den zweiten Band schließt ein Beitrag zur Verwendung von Filmen im Religionsunterricht ab. Durch die enorme Menge an Material und Themen schließt sich dabei von vornherein jeder Anspruch auf Vollständigkeit von selbst aus (Bd. 1, 11), jedoch sind die gewählten Beispiele mit Blick auf ihre Relevanz in Gesellschaft, Theologie und Film sinnvoll und repräsentativ. <a href="http://www.rkm-journal.de/archives/4064">[Mehr]</a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Rezensiert von Stefanie Knauß</em></p>
<p><a href="http://www.rkm-journal.de/archives/4064 "><img class="alignleft size-full wp-image-4778" title="bohrmann et al., bd 1" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2010/10/bohrmann-et-al.-bd-1.jpg" alt="" width="160" height="241" /></a>Die theologische Forschung zum Film ist mittlerweile in die Jahre gekommen und so steht es ihr gut an, in einem Handbuch systematisiert und für ein breiteres (Fach-)Publikum aufbereitet zu werden. Die bisher erschienenen zwei Bände des <em>Handbuch Theologie und populärer Film</em> versuchen dies mit einer Sammlung von Aufsätzen, die die theologischen Besonderheiten populärer Genres (Science Fiction, Western, Comicverfilmungen, Komödie, Horror usw.) und im Werk ausgewählter Regisseure (S. Spielberg, D. Fincher, S. Kubrick, R. Scott usw.) herausarbeiten, sowie die Darstellung theologisch relevanter Themen/Motive (Schuld/Sühne, Auferstehung, Tod, Immanenz usw.) und Figuren (ErlöserInnen, Pfarrer, Engel, Teufel, Superhelden usw.) analysieren. Den zweiten Band schließt ein Beitrag zur Verwendung von Filmen im Religionsunterricht ab. Durch die enorme Menge an Material und Themen schließt sich dabei von vornherein jeder Anspruch auf Vollständigkeit von selbst aus (Bd. 1, 11), jedoch sind die gewählten Beispiele mit Blick auf ihre Relevanz in Gesellschaft, Theologie und Film sinnvoll und repräsentativ.</p>
<p>Der Kreis der vertretenen AutorInnen umfasst ausgewiesene Fachleute, die in unterschiedlichen Einrichtungen, die mit dem Thema befasst sind (akademische Forschung, kirchliche Filmarbeit, pädagogische Institutionen usw.), tätig sind, und bildet damit ein gutes Spiegelbild der gegenwärtigen Forschungslandschaft. Ein Anhang mit Bibliografie und Filmografie der zitierten Werke sowie eine kommentierte Auswahl von relevanten Internetadressen (letztere besonders interessant und hilfreich) schließt die Bände ab.</p>
<p>Die Aufsätze bereiten in vielen Fällen schon intensiv bearbeitete Themen fundiert und mit guter Kenntnis der Forschungslage auf (wobei v. a. der deutsche Sprachraum Beachtung findet; die Forschung im englisch- oder französischsprachigen Raum wird bedauerlicherweise nur wenig rezipiert), teilweise mit eigenen neuen Ansätzen (z. B. D. Pezzoli-Olgiati zur Apokalypse, Ch. Martig zu Fincher, J. Lederle zum Tod). Einige Artikel (z. B. zu Sportfilm, Filmmusical, Kriegsfilm, Thema Familie, Märtyrerfiguren, Filme über Luther) stellen jedoch darüber hinaus einen originellen, wichtigen Beitrag zur theologischen Forschung zum Film dar, indem sie Themen, die bisher wenig Beachtung gefunden haben, aufgreifen und darstellen. Das Handbuch bietet dadurch eine spannende Mischung aus Forschungsüberblick und neuen Ansätzen.</p>
<p>Methodische Zugänge aus der Religionssoziologie, vergleichenden Religionswissenschaft, Philosophie oder Rezeptionstheorie bilden den Hintergrund der meisten Beiträge, auch wenn leider nicht immer offengelegt wird, welcher Ansatz interpretationsleitend ist (eine Ausnahme bildet z. B. A. Bieler, die sich ausdrücklich auf Luckmanns Unterscheidung von impliziter und expliziter Religion bezieht, die für die Bände generell leitend zu sein scheint). Ebenso bleibt die notwendige filmwissenschaftliche und medientheoretische Fundierung des theologischen Zugangs zum Film teilweise etwas zu sehr im Hintergrund: Die meisten Filmanalysen konzentrieren sich auf narrative Elemente, während der Einsatz spezifisch filmischer Mittel für die Darstellung von theologisch relevanten Motiven oder zur Erweckung ästhetischer Erfahrungen, die spirituell bedeutsam und sinnstiftend sein können und das Medium Film von anderen Medien unterscheiden, zu wenig analytische Aufmerksamkeit findet; Beispiele wie die von Th. Bohrmann verfassten oder mitverfassten Beiträge zeigen, dass dies der theologischen Arbeit die notwendige Grundierung verleiht, um nicht als allzu subjektiv in der Wahrnehmung einer (oft eben nur impliziten) religiösen Relevanz des Films zu erscheinen.</p>
<p><a href="http://www.rkm-journal.de/archives/4064 "><img class="alignleft size-full wp-image-4779" title="bohrmann et al., bd 2" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2010/10/bohrmann-et-al.-bd-2.jpg" alt="" width="160" height="238" /></a>Dass populäre Filme durch ihre Darstellung bestimmter Themen und v. a. durch ihre breite Rezeption theologisch relevant sein können und für religiös nicht mehr unbedingt sozialisierte Menschen eine spirituelle oder sinnstiftende Funktion erfüllen können, wird als Grundthese durch die Beiträge gut belegt – der Film <em>Matrix</em> (Wachowski/Wachowski 1999) ist ein offensichtliches, im Gesamt der beiden Bände freilich etwas zu oft bemühtes Beispiel dafür. Nicht immer wird allerdings der spezifische theologische Mehrwert oder die besondere Funktion beispielsweise eines bestimmten Genres deutlich herausgearbeitet; unklar bleibt ebenso teilweise, worin das Besondere der filmischen Bearbeitungen eines bestimmten Motivs – etwa im Vergleich zu seinem Aufgegriffenwerden in der Literatur – besteht oder was einen vorgestellten Regisseur vor den vielen anderen, die nicht erwähnt werden, auszeichnet. In einigen Fällen beschränkt sich der Artikel in seiner &#8216;Analyse&#8217; gar auf eine Nacherzählung der Filme unter Hervorhebung der relevanten Elemente und bietet insofern zwar eine durchaus nützliche Materialsammlung für weitere Beschäftigungen mit einem Thema, aber keine inhaltliche Auseinandersetzung damit, die seine spezifisch theologischen Aspekte herausarbeiten würde.</p>
<p>Dass dies auch anders möglich ist, zeigen z. B. W. Veiths Beitrag zum Sportfilm, der die Ritualisierung als theologisch besonders relevantes Moment in diesem Genre erkennt, oder P. Hahnens Artikel zum Filmmusical und der theologisch-spirituellen Bedeutung der Emotionalisierung, die durch die Sinnlichkeit des Musikerlebnisses in dieser Art von Filmen erreicht wird: Beide Autoren erkennen die film- und genrespezifische Besonderheiten ihres jeweiligen Materials in ihrer theologischen Relevanz und arbeiten sie deutlich heraus, so dass der &#8216;Mehrwert&#8217; einer theologischen Beschäftigung mit diesen Filmen und das Spezifikum dieser filmischen Erfahrung im Vergleich mit anderen Genres oder Medien klar erkennbar wird.</p>
<p>Ein grundlegendes Problem stellt allerdings die Beschränkung des Handbuchs auf den populären Film dar: Die flüchtige &#8216;Definition&#8217; der Herausgeber in der Einleitung (&#8220;der fiktionale Unterhaltungsfilm in Form des populären Hollywoodstreifens&#8221;; Bd. 1, 10) ist mehr als unzureichend: Gibt es ein finanzielles Kriterium? Ein ästhetisches? Wer definiert einen Film als &#8216;populär&#8217;? Ist die Produktion oder die Rezeption entscheidend? Gewiss prägen Hollywoodfilme ganz entscheidend den Alltag und die Fantasie von Menschen, ihre Wertvorstellungen, Wünsche und Hoffnungen. Doch was ist mit populären Produktionen anderer Länder, mit amerikanischen Independent-Filmen, die ebenfalls ihre Spuren im kulturellen Imaginären hinterlassen?</p>
<p>Es wundert daher nicht, wenn diese Einschränkung von den AutorInnen in der Auswahl ihres Filmmaterials nicht immer beachtet wird: Filme wie <em>Ponette</em> (Doillon 1996), <em>Dekalog, Jeden</em> (Kieslowski 1988/89) – zitiert in J. Valentins Beitrag zum Motiv Kind –, oder <em>La stanza del figlio</em> (Moretti 2001) – zitiert von J. Lederle zum Thema Tod –, lassen sich wohl kaum als populäre Hollywoodstreifen bezeichnen. Dies tut ihrer Bedeutung für die jeweiligen Beiträge nicht im geringsten Abbruch, sondern verweist nur auf die Notwendigkeit einer klareren Umreißung und Definition des anvisierten Materials durch die Herausgeber oder aber der Öffnung des Handbuchs auf Spielfilme insgesamt.</p>
<p>Unklar bleibt ebenfalls, in was genau der &#8216;Handbuch&#8217;-Charakter der Publikation bestehen soll: Die Aufteilung der beiden Bände wiederholt sich (jeweils Genres, Regisseure, Figuren, dazu in Band 1 Themen, in Band 2 Motive – der Unterschied bleibt unklar), so dass der Eindruck entsteht, als gäbe es kein Gesamtkonzept für die drei Bände, mit dem alle wichtigen Themen und Bereiche abgedeckt werden sollten. Ist Band 2 nur entstanden, weil nicht alle relevanten Genres oder Regisseure (Regisseurinnen fehlen ganz) im ersten Band abgedeckt werden konnten? Der dritte Band verspricht laut Vorwort in Band 2 zwar, einige der Lücken zu füllen (z. B. zum Thema kirchliche Filmarbeit, theologische und religionssoziologische Grundfragen); andere (zur Frage der Methoden, wichtige Ansätze aus unterschiedlichen Sprachräumen und theologischen Disziplinen, Rezeptionsstudien usw.) werden wohl leider offen bleiben.</p>
<p>Wünschenswert wären außerdem Einleitungen zu den jeweiligen Teilbereichen gewesen, die das Ordnungskriterium, beispielsweise &#8216;Genre&#8217;, inhaltlich aufbereiten und die dazu zusammengestellten Artikel in ihrem Beitrag zum Thema zusammenfassen. Leider wird nicht einmal vom Layout der Übergang von einem zum anderen Teil markiert, so dass der Eindruck einer etwas planlosen Aneinanderreihung von Texten entsteht – ein Sammelband, gewiss, mit teilweise sehr interessanten Beiträgen, jedoch kein Handbuch, das für diesen Themenbereich wie gesagt sehr wünschenswert wäre. Diese und andere Mängel (etwa wird nur in wenigen Einzelfällen – Bohrmann zum Kriegsfilm oder Bohrmann/Reichelt zur Komödie – definiert, was das jeweilige Genre ausmacht; meistens ist eine bedauerliche Blindheit für Faktoren wie Gender, Klasse, Ethnie festzustellen; ein Anhang weiterführender Literatur zum Thema wäre hilfreich) verringern leider den Nutzen, den das gewünschte breitere Publikum aus der Publikation ziehen kann. Seinen Wert als umfangreiche Materialsammlung und Zusammenstellung interessanter Einzelstudien, die einen ersten Zugang zum Thema eröffnen und einen Überblick über die Forschungslage bieten, schmälert dies nicht.</p>
<p><em>Links:</em></p>
<ul>
<li><a href="http://www.schoeningh.de/katalog/titel/978-3-506-72963-7.html" target="_blank">Verlagsinformationen zum Buch, Band 1</a></li>
<li><a href="http://www.schoeningh.de/katalog/titel/978-3-506-76733-2.html" target="_blank">Verlagsinformationen zum Buch, Band 2</a></li>
<li><a href="http://www.unibw.de/sowi3/institut/bohrmann" target="_blank">Webpräsenz von Thomas Bohrmann an der Universität der Bundeswehr München</a></li>
<li><a href="http://www.kaththeol.uni-muenchen.de/lehrstuehle/christl_sozialethik/personen/veith/index.html" target="_blank">Webpräsenz von Werner Veith an der Ludwigs-Maximilian-Universität München</a></li>
</ul>
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		<item>
		<title>Die rechtliche Diskussion um die deutsche Rundfunkgebühr</title>
		<link>http://www.rkm-journal.de/archives/2671</link>
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		<pubDate>Thu, 07 Apr 2011 08:00:24 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Redaktion</dc:creator>
				<category><![CDATA[Sammelrezension]]></category>
		<category><![CDATA[Europäische Union]]></category>
		<category><![CDATA[Gemeinschaftsrecht]]></category>
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		<category><![CDATA[Rundfunkgebühr]]></category>
		<category><![CDATA[Rundfunkordnung]]></category>
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		<category><![CDATA[Wettbewerb]]></category>

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		<description><![CDATA[<em>Rezensiert von Herbert Bethge</em>

<a href="http://www.rkm-journal.de/archives/2671"><img class="alignleft size-full wp-image-4733" title="smith" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2010/04/smith.jpg" alt="" width="160" height="223" /></a>Die Rechtsnatur und die normativen Begleiterscheinungen der Rundfunkgebühr beschäftigten bislang nicht nur die nationale Rechtswissenschaft in ungewöhnlichem Maße. Sie waren auch unverwüstlicher Bestandteil der juristischen Promotionskultur in Deutschland. Wieso die verbale Vergangenheitsform? Nun, zumindest die Medienkenner wissen, dass die Tage der Rundfunkgebühr als vorrangiges Finanzierungsmittel des öffentlich-rechtlichen Rundfunks gezählt sind. Die Länder sind den Vorschlägen des ehemaligen Bundesverfassungs- richters Paul Kirchhof gefolgt. Der neue Rundfunkstaatsvertrag sieht ab 2012 als künftige Alimentationsform an Stelle der jetzigen gerätebezogenen Gebühr den haushalts- bzw. betriebsbezogenen Beitrag vor. Da stellt sich doch eine Reihe von Fragen. Hat sich nun juristische Kirchhofsruhe über die Rundfunkgebühr als ein nunmehr bloßes Auslaufsmodell gelegt? Genügt eine Anordnung der Landesgesetzgeber, um zwei Doktorarbeiten ‑ die eine aus Mainz, die andere aus Bochum ‑ zur Makulatur werden zu lassen? Natürlich nicht. <a href="http://www.rkm-journal.de/archives/2671">[Mehr]</a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Rezensiert von Herbert Bethge</em></p>
<p><a href="http://www.rkm-journal.de/archives/2671"><img class="alignleft size-full wp-image-4733" title="smith" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2010/04/smith.jpg" alt="" width="160" height="223" /></a>Die Rechtsnatur und die normativen Begleiterscheinungen der Rundfunkgebühr beschäftigten bislang nicht nur die nationale Rechtswissenschaft in ungewöhnlichem Maße. Sie waren auch unverwüstlicher Bestandteil der juristischen Promotionskultur in Deutschland. Wieso die verbale Vergangenheitsform? Nun, zumindest die Medienkenner wissen, dass die Tage der Rundfunkgebühr als vorrangiges Finanzierungsmittel des öffentlich-rechtlichen Rundfunks gezählt sind. Die Länder sind den Vorschlägen des ehemaligen Bundesverfassungs- richters Paul Kirchhof gefolgt. Der neue Rundfunkstaatsvertrag sieht ab 2012 als künftige Alimentationsform an Stelle der jetzigen gerätebezogenen Gebühr den haushalts- bzw. betriebsbezogenen Beitrag vor. Da stellt sich doch eine Reihe von Fragen. Hat sich nun juristische Kirchhofsruhe über die Rundfunkgebühr als ein nunmehr bloßes Auslaufsmodell gelegt? Genügt eine Anordnung der Landesgesetzgeber, um zwei Doktorarbeiten ‑ die eine aus Mainz, die andere aus Bochum ‑ zur Makulatur werden zu lassen? Natürlich nicht.</p>
<p>Mehrere Gründe sind für diese Gelassenheit maßgebend. Zum einen ist noch gar nicht klar, ob das neue Finanzierungsmodell vor den prüfenden Augen des Bundesverfassungsgerichts verfassungs- rechtlichen Bestand haben wird; Verfassungsbeschwerden wurden schon angekündigt. Zum zweiten war immer schon die Rechtsnatur der Rundfunkgebühr innerhalb des Kanons der öffentlichen Abgaben umstritten; das juristische Definitionskartell operierte seit jeher u. a. auch mit einer Gebühr mit beitragsähnlichem Charakter; Beitragselemente waren also immer schon im Spiel. Mit Sicherheit werden in Zukunft dem neuen &#8216;Beitrag&#8217; gebührenähnliche Charakteristika zugeordnet werden.  Und last but not least: Die Finanzierung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks durch eine vom Staat verantwortete öffentliche Abgabe ‑ bisher Gebühr genannt ‑ war seit geraumer Zeit auch ein Problem des Europäischen Gemeinschaftsrechts, das hinter dieser deutschen Eigentümlichkeit eine wettbewerbsverzerrende und darum unzulässige staatliche Beihilfe vermutete. Mittlerweile hat Brüssel zwar dem Grunde nach akzeptiert, dass die Gebühr trotz ihres gemeinschaftsrechtlichen Beihilfecharakters ausnahmsweise vom öffentlich-rechtlichen Grundversorgungsauftrag gedeckt ist. Doch geschah dies nur unter gemeinschaftsrechtlichen, nunmehr unionsrechtlichen Restriktionen, die mit Sicherheit auch die Diskussion über den Beitrag als neue Finanzierungsform begleiten werden.</p>
<p>Das thematische Spektrum war für die beiden Doktorarbeiten also breit. Die Aufgabe war nicht einfach. Schließlich musste auch die andauernde technische Revolution im Medienbereich berücksichtigt werden, die an die Entwicklungsoffenheit beider Rechtskreise ‑ des nationalen (Verfassungs-)Rechts und des Rechts der Europäischen Union ‑ unterschiedliche Anforderungen stellen. Die Autorinnen haben sich der vielschichtigen Problematik mutig und mit Erfolg gestellt. Die Lektüre beider Arbeiten vermittelt einen verlässlichen Überblick und  Eindruck von der komplexen Materie. Natürlich fallen bei einer &#8216;vergleichenden&#8217; Rezension Unterschiede in der Schwerpunktsetzung und zum Teil in den Ergebnissen auf, was bei individuellen, sozusagen höchstpersönlichen Dissertationen aber gar nicht anders der Fall sein kann und darf.</p>
<p>Die von dem Mainzer Öffentlichrechtler Dieter Dörr betreute Doktorschrift von Annette Smith trägt zwar den pauschalen Obertitel <em>System der deutschen Rundfunkgebühr</em>. Wie so oft verschafft erst der Untertitel näheren Aufschluss über die konkrete Aufgabenstellung und die damit verbundene Einschränkung. Im Vordergrund steht eindeutig die gemeinschaftsrechtliche Beihilfe-Problematik der Materie. Der möglichen Einschätzung der Rundfunkgebühr als u. U. europarechtswidrigen Beihilfe wird der dem nationalen Rechtsverständnis folgende Grundrechtscharakter der Rundfunkfreiheit gegenübergestellt. Die Verfasserin behandelt die nationalrechtlichen Strukturen der Rundfunkgebühr vorwiegend und in der Hauptsache referierend nach den Vorgaben der dominierenden Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts.</p>
<p>Der Fokus liegt indessen im gemeinschaftsrechtlichen Bereich. Im Ergebnis sieht Smith im deutschen Rundfunkgebührensystem eine unzulässige Beihilfe im Sinne von Art. 87 Abs. 1 EGV. Das Ergebnis ist vertretbar, wenn man die Prämisse akzeptiert, dass die einer staatsfreien Rundfunkanstalt aus eigenem Grundrecht zustehende öffentliche Abgabe ‑ ob nun Gebühr oder Beitrag ‑ eine staatliche Beihilfe darstellt. Doch führt diese negative Einschätzung nicht zu einem automatischen Verstoß gegen Unionsrecht. Das Schluss-Resumee der primär einem anderen als dem deutschen Sprachenkreis verhafteten Autorin lautet: &#8220;Jedoch wird dieses Beihilfeverbot durch das Vorliegen eines Ausnahmetatbestandes gem. Art. 86 Abs. 2 EGV aufgrund des öffentlichen Auftrags der betreffenden öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten durchbrochen. Diese Ausnahme gilt jedoch nicht für die Überkompensation des öffentlich-rechtlichen Auftrags und die Verwendung der erhaltenen Rundfunkgebühren für nicht mehr vom öffentlich-rechtlichen Auftrag vorgenommene Tätigkeiten.&#8221;</p>
<p><a href="http://www.rkm-journal.de/archives/2671"><img class="alignleft size-full wp-image-4748" title="reutersneu" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2010/04/reutersneu.jpg" alt="" width="160" height="225" /></a>Einem anderen Prüfungsschema folgt die vom Frankfurter Öffentlichrechtler Helmut Siekmann betreute Arbeit von Annette W. Reuters. Dem Thema von der <em>Rundfunkgebühr auf dem Prüfstand der Finanzverfassung</em> entsprechend stehen die nationalstaatlichen Rechtsfragen im Vordergrund. Demzufolge wird das Gemeinschaftsrecht &#8211; im übrigen kenntnisreich und konsequent ‑ lediglich ergänzend herangezogen. Was die verfassungsrechtlichen Vorgaben des Grundgesetzes angeht, orientiert sich auch diese Verfasserin verständlicherweise an den vom Bundesverfassungsgericht gesetzten Daten (Grundversorgung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks; Bestands-, Entwicklungs- und Finanzierungsgarantie; Rundfunkfreiheit als dienende Freiheit).</p>
<p>Im Rahmen einer umfangreichen Erörterung der finanzverfassungsrechtlichen Zulässigkeit der &#8220;Rundfunkgebühr&#8221; unter Einbeziehung der gegenwärtigen bereichsspezifischen, auch technisch bedingten Besonderheiten des öffentlich-rechtlichen Rundfunks nimmt sie einen radikalen Schnitt vor: Die &#8220;Rundfunkgebühr&#8221; sei aufgrund ihres materiellen Gehalts überhaupt keine Gebühr (darum auch die permanenten Anführungszeichen). Sie kann ‑ so die Verfasserin weiter &#8211; auch nicht als Beitrag, als Sonderabgabe oder als eine sonstige, nicht-steuerliche Abgabe eingeordnet werden. Sie sei vielmehr eine (Zweck-)Steuer, für die den Ländern ‑ als den bislang für die Gebühr verantwortlichen Trägern der Finanzierungsregelung ‑ die bundesstaatliche Gesetzgebungskompetenz fehlt. Als Ausgleich votiert sie für den Fall des Festhaltens am öffentlich-rechtlichen Anstaltsfunk für eine auf Bundesebene zu regelnde Steuer. Besser wäre es allerdings ‑ so die Verfasserin ‑ die &#8220;als überholt anzusehende&#8221; duale Rundfunkordnung als Ganzes zu überdenken und die kostenaufwendige Rundfunkveranstaltung überhaupt dem privaten Rundfunk zu überlassen.</p>
<p>Wird hingegen der zweitbeste Weg der Steuerfinanzierung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks gewählt, muss nicht nur der Grundsatz der Staatsfreiheit des Rundfunks beachtet werden. Auch der gemeinschaftsrechtliche Beihilfe-Vorwurf gegenüber einer Steuerfinanzierung ließe sich ausräumen, wenn die Beteiligung des Staates auf das Minimum der reinen Mittelzuweisung beschränkt und ein Verfahren nach Art der <a href="http://www.kef-online.de/" target="_blank">KEF</a> beibehalten wird. Die Gebührenfinanzierung des gegenwärtigen Zuschnitts qualifiziert Reuters als verbotene Beihilfe nach Art. 87 Abs. 1 EGV, für die Ausnahmetatbestände nicht Platz greifen.</p>
<p>Beide Arbeiten bereichern das aktuelle rechtswissenschaftliche Schrifttum. Sie liefern auch für die Praxis  bedenkenswerte Anhaltspunkte. Der nichtjuristische Leser wird freilich mit dem komplexen Rechtsstoff einer vielschichtigen Rechtsmaterie konfrontiert. Aber so ist es nun einmal beim Medienrecht, dessen freiheitliche Struktur in einem hochdifferenzierten Mehrebenensystem (Deutschland und Europa) auf schwierige juristische Zuarbeit angewiesen ist. Sie lohnt sich für den juristischen Nachwuchs und ist ‑ auch wenn das Wort verpönt ist ‑ alternativlos.</p>
<p><em>Links:</em></p>
<ul>
<li><a href="http://www.verlagdrkovac.de/3-8300-4960-9.htm" target="_blank">Verlagsinformationen zum Buch <em>Das System der deutschen Rundfunkgebühr</em></a></li>
<li><a href="http://www.peterlang.com/index.cfm?event=cmp.ccc.seitenstruktur.detailseiten&amp;seitentyp=produkt&amp;pk=55171&amp;concordeid=58661" target="_blank">Verlagsinformationen zum Buch<em> Die Rundfunkgebühr auf dem Prüfstand der Finanzverfassung</em></a></li>
<li><a href="http://www.herbert-bethge.de/" target="_blank">Private Homepage von Herbert Bethge</a><em><br />
</em></li>
</ul>
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		<item>
		<title>Medienmacht China</title>
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		<pubDate>Sun, 03 Apr 2011 07:30:35 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Redaktion</dc:creator>
				<category><![CDATA[Sammelrezension]]></category>
		<category><![CDATA[Auslandskorrespondenten]]></category>
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		<description><![CDATA[<em>Rezensiert von Nicolai Volland</em>

<a href="http://www.rkm-journal.de/archives/4669"><img class="alignleft size-full wp-image-4717" title="voglreiter" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2011/01/voglreiter.jpg" alt="" width="160" height="240" /></a>Der rasante Aufstieg  Chinas zur wirtschaftlichen und politischen Großmacht ist zweifelsohne  eine der wichtigsten Mediengeschichten der vergangenen zwei Jahrzehnte.  Gleichzeitig ist China im Begriff, zur Medienmacht zu werden — als  zentrale und kontinuierliche Präsenz in den internationalen Massenmedien  einerseits, und andererseits als einflussreicher Player auf einem  globalisierten Medienschauplatz.  Zeitungsleser und Fernsehzuschauer  werden nahezu täglich mit Meldungen und Berichten über die Volksrepublik  konfrontiert, und aller Sparzwänge zum Trotz stocken deutsche  Medienunternehmen ihre Chinakapazitäten auf. Die chinesische Regierung  versucht indessen sich mittels enormer Investitionen in den  Mediensektor mehr Gehör im Ausland zu verschaffen und so ihren  internationalen Einfluss auszubauen. Beide Entwicklungen weisen jedoch  auch auf das Paradox einer kapitalistisch ausgerichteten Wirtschaftsmacht  mit kommunistisch-autoritärer Führung hin: während Chinas staatlich  gelenkte Medien bemüht sind, auf dem internationalen Medienmarkt  Glaubwürdigkeit zu finden, versuchen ausländische Korrespondenten in  China innerhalb der ihnen auferlegten Beschränkungen zu navigieren und dem Publikum in den Heimatländern den Aufstieg Chinas von der dritten in  die erste Welt zu erklären. <a href="http://www.rkm-journal.de/archives/4669">[Mehr]</a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Rezensiert von Nicolai Volland</em></p>
<p><a href="http://www.rkm-journal.de/archives/4669"><img class="alignleft size-full wp-image-4717" title="voglreiter" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2011/01/voglreiter.jpg" alt="" width="160" height="240" /></a>Der rasante Aufstieg  Chinas zur wirtschaftlichen und politischen Großmacht ist zweifelsohne  eine der wichtigsten Mediengeschichten der vergangenen zwei Jahrzehnte.  Gleichzeitig ist China im Begriff, zur Medienmacht zu werden — als  zentrale und kontinuierliche Präsenz in den internationalen Massenmedien  einerseits, und andererseits als einflussreicher Player auf einem  globalisierten Medienschauplatz.  Zeitungsleser und Fernsehzuschauer  werden nahezu täglich mit Meldungen und Berichten über die Volksrepublik  konfrontiert, und aller Sparzwänge zum Trotz stocken deutsche  Medienunternehmen ihre Chinakapazitäten auf. Die chinesische Regierung  versucht indessen sich mittels enormer Investitionen in den  Mediensektor mehr Gehör im Ausland zu verschaffen und so ihren  internationalen Einfluss auszubauen. Beide Entwicklungen weisen jedoch  auch auf das Paradox einer kapitalistisch ausgerichteten Wirtschaftsmacht  mit kommunistisch-autoritärer Führung hin: während Chinas staatlich  gelenkte Medien bemüht sind, auf dem internationalen Medienmarkt  Glaubwürdigkeit zu finden, versuchen ausländische Korrespondenten in  China innerhalb der ihnen auferlegten Beschränkungen zu navigieren  und dem Publikum in den Heimatländern den Aufstieg Chinas von der dritten in  die erste Welt zu erklären.</p>
<p>Für die Medien- und  Kommunikationswissenschaften stellt der Aufstieg Chinas eine  Herausforderung dar. Sprachliche und kulturelle Barrieren erschweren den  Zugang zum chinesischen Mediensystem, das sich zudem in rasantem Wandel  befindet. Entsprechend erfreulich ist die Zunahme in jüngster Zeit von  kritischen Studien, die neues Licht auf zentrale Aspekte der &#8220;Mediengeschichte&#8221; Chinas werfen, und die ebenso empirisch fundiert wie  theoretisch und konzeptuell ambitioniert das Spektrum der Forschung  ausweiten. Die vorliegenden Studien gehören zu dieser Kategorie.</p>
<p>Sandra Voglreiter untersucht das Selbstverständnis  deutscher Chinakorrespondenten und ihre Arbeitsbedigungen in einem Land  mit einem radikal anderen soziokulturellen und politischen Großklima. Das  Kernstück der konzeptionell prägnanten und eleganten Studie sind  qualitative Leitfadeninterviews mit zwanzig deutschen Korrespondenten  (das sind drei Viertel des deutschen Journalistenkorps in der  Volksrepublik), die nach demographischen Faktoren ebenso wie nach  Organisation der Arbeit vor Ort, den Herausforderungen im Arbeitsalltag,  den rechtlichen Rahmenbedingungen sowie nach politischer Einflassnahme  auf ihre Arbeit fragen. Im ersten von zwei Kernkapiteln entwickelt die  Studie, die wohl informiert über den aktuellen Forschungsstand ist,  einen theoretischen Erklärungsansatz, der auf dem Mehrebenenmodell  Essers (1998) aufbaut, dieses aber leicht revidiert. Grundsätzlich  gliedert die Autorin die die journalistische Arbeit beeinflussenden  Faktoren in Gesellschafts- und Institutions-Sphären im Ausland (China)  sowie Gesellschafts-, Medienstruktur- und Institutions-Sphären im Inland  (Deutschland). Dieser Ansatz erlaubt es Voglreiter, eine logisch  stringente und plausible Kategorisierung der zunächst subjektiven  Einschätzungen ihrer Interviewpartner vorzunehmen.</p>
<p>In ihrem zweiten Kernkapitel präsentiert  die Autorin die Ergebnisse ihrer Interviewauswertung. Das deutsche  Journalistenkorps in China ist generell heterogen, besteht aus  Pauschalisten wie Spezialisten und umfasst Agenturjournalisten, Presse-  und Rundfunkkorrespondenten. In ihren Erfahrungen und Einschatzungen  aber zeichnen sich deutlich Überlappungen ab, die bis zu einem gewissen  Grad Generalisierungen zulassen. Das zunächst größte Hindernis in ihrer  journalistischen Arbeit ist sprachlicher Natur: ein Viertel der  deutschen Korrespondenten gibt an, keinerleich Chinesisch zu sprechen;  und obwohl die meisten ihre sprachliche Kompetenz als &#8220;sehr gut&#8221;  einschätzen, liest nur ein einziger Chinesisch flüssig genug um die  Berichterstattung in den einheimischen Medien (Zeitungen, Internet)  selbst zu verfolgen; alle anderen sind hochgradig abhängig von ihren  chinsischen Mirarbeitern (ein Zustand der undenkbar wäre für Frankreich-  oder USA-Korrespondenten). Den letzteren kommt deshalb eine wichtige  Funktion zu hinsichtlich Quellenauswahl und Themensuche. Gleichzeitig  sind einheimische Mitarbeiter aber deutlich stärker den Unwägbarkeiten  des politischen Systems ausgesetzt.</p>
<p>Deutsche Journalisten in China  bekommen immer wieder den Druck des Regimes zu spüren, der sich  schlimmstenfalls in Ausweisung (bzw. Nichtverlängerung des  Journalistenvisums) äußert; chinesische Mitarbeiter aber können  rechtlich belangt werden und wurden mitunter zu hohen Gefängnisstrafen  verurteilt. Diese Faktoren haben teilweise Einfluss auf die Arbeit vor  Ort, was sich jedoch in der Regel lediglich in der Organisation der  journalistischen Arbeit äußert, und nicht in der Auswahl der Themen,  die recherchiert werden können. Die Mehrzahl der Korrespondenten gibt in  der Tat an, dass die Heimatredaktionen häufig mehr Einfluss auf die  Themenauswahl haben als Bedingungen vor Ort — nicht immer zur Freude der  Journalisten. Repressalien vor Ort sind die Ausnahme, und die  interviewten Journalisten sprechen generell von allmählichen  Verbesserungen in ihren Arbeitsbedigungen.</p>
<p>Voglreiters Studie ist ebenso wohlinformiert wie überzeugend  und klar formuliert. Trotz vereinzelter, kleiner sachlicher Fehler  (z. B. auf  S. 42 und 83: es gibt keine allumfassende Zensur in der  Volksrepublik; diese wäre schon wegen der Menge der Publikationen  unmöglich, und außerdem zu unbequem für die lieber mit indirekter  Einflussnahme agierende Propagandabteilung der Partei) ist <em>Kurze Leine, Langer Atem</em> ein guter und hochwillkommener Beitrag zur Forschung.</p>
<p><a href="../archives/4669"><img title="cao" src="../wp-content/uploads/2011/01/cao.jpg" alt="" width="160" height="242" /></a>Peixin  Cao nimmt sich eines spezifisch chinesischen Phänomens an, der &#8220;media  incidents&#8221;. Die Kommunistsche Partei Chinas hat niemals den Anspruch auf  uneingeschrankte Kontrollrechte über die gesamte Presse- und  Medienlandschaft der Volksrepublik China aufgegeben. Bis heute  unterliegen alle Medien in China — Zeitungen, Zeitschriften, Bücher,  Rundfunk, Fernsehen, Internet — den Geboten der Partei und müssen deren  Vorschriften umsetzen bzw. dürfen sich diesen nicht widersetzen.  Verstöße können mit der Absetzung und Bestrafung von Redakteuren und  Journalisten, oder sogar mit der Schließung solcher Medien geahndet  werden. Im Zuge von wirtschaftlicher Liberalisierung, gesellschaftlicher  Differenzierung und der Verbreitung neuer, elektronischer Medien  gestaltet sich die Aufrechterhaltung dieses Kontrollanspruchs jedoch  immer schwieriger. Dies zeigt sich in &#8220;media incidents&#8221;, wenn einzelne  Medien versuchen, die Grenzen des politisch erlaubten Diskurses  auszuloten und sich soziokultureller Brennpunkthemen annehmen. In  solchen Fällen — häufig unter Miteinbeziehung von Aktivisten aus dem  intellektuellen Milieu, die als Katalysten für grassroots-Probleme  fungieren — können zunächst lokal begrenzte Zwischenfälle nationales Gehör  finden und in rasantem Tempo die normalerweise stark regulierte  Öffentlichkeit erobern.</p>
<p>Sind solche Themen — der Autor führt u. a. den Tod  eines Studenten in Polizeigewahrsam und den Einzelprotest einer  Hausbesitzerin gegen den Abriss ihres Stadtviertels an — erst einmal von  anderen Medien und dem Internet aufgegriffen entwickeln sie so viel  Eigendynamik, dass die Regierung nur mit Zugeständnissen dem öffentlichen  Unmut begegnen kann (die Polizisten wurden bestraft und das  Gewahrsamsgesetz geändert; die Hausbesitzerin wurde für den Verlust  ihres Eigentums entschädigt). Um weiteren &#8220;media incidents&#8221; vorzubeugen,  werden die involvierten Medien allerdings — häufig mit etwas  Zeitverzögerung — in der Regel bestraft. Nichtsdestotrotz sind die &#8220;media  incidents&#8221;, so der Autor, ein wichtiges Mittel der inkrementellen  Ausweitung des öffentliches Diskurses in einem autoritären politischen  System mit einem der repressivsten Mediensysteme der Welt.</p>
<p>Caos  Studie ist reich an Beispielen und empirischem Material, das von  eingehender Kenntnis des chinesischen Mediensystems von einer  Innenperspektive heraus spricht (der Autor war selbst im chinesischen  Staatsfernsehen beschäftigt).  Die Struktur des Buches ist allerdings unübersichtlich und zwingt den  Leser nach den konzeptuellen Bausteinen von Caos Ansatz zu suchen, die  teils weit verstreut über die sechs Kapitel sind.</p>
<p>Der  Untersuchungsgegenstand und die theoretischen Perspektiven sind  zweifelsohne von großem Potential und versprechen eine innovative  Herangehensweise an das eingangs erwähnte Problem, das Funktionieren und  Selbstverständnis eines Mediensystems in einem Land mit zunehmend  kapitalistischer Wirtschaftsweise und autoritärem politischem Regime.  Frustrierend aber ist die mangelhafte sprachliche Kompetenz des Buchs.  Der Autor war schlecht beraten, die Studie auf Englisch abzufassen und  wurde offensichtlich von seinem Verlag im Stich gelassen, der es nicht  für nötig gehalten hat, eine bessere Lesbarkeit zu gewährleisten. Das  Buch bleibt über weite Strecken — einschließlich wichtiger konzeptueller  Passagen — unklar oder sogar vollkommen unverständlich. Der Versuch, mit  der englischsprachigen Fachwelt zu kommunizieren ist begrüßenswert,  sollte aber konsequent verfolgt werden. Drei Grammatikfehler im  Buchtitel allein sind schlicht problematisch.</p>
<p>Als mutig muss nicht  zuletzt der Entschluss des Autors gewertet werden, die existierende  Literatur zu seinem Thema komplett zu ignorieren und dieses praktisch  als <em>tabula rasa</em> zu behandeln. Die chinesischen Medien sind in den verganegen zwei  Jahrzehnten Objekt zahlreicher teils hervorragender Studien gewesen;  einen Überblick über diese Literatur gibt McCormick (2003). Die jüngste  und umfassendste Studie ist Zhao (2008; siehe auch Zhao 1998), die u. a.  viele der von Cao besprochenen &#8220;media incidents&#8221; eingehend untersucht.  Eine Reihe von Sammelbänden herausgegeben von Lee (2003, 2000, 1994)  deckt praktisch die gesamte Bandbreite kommunikationswissenschaftlicher  Fragestellungen zum Thema China ab. Die Situation der Journalisten und  deren strategisches Vorgehen in einem repressiven Mediensystem wurde  untersucht von Polumbaum (2008) und de Burgh (2003). Studien von Brady  (2008) und Shambaugh (2007) analysieren die Rolle des Staates und der  Propagandabehörden im China des 21. Jahrhunderts. Die rechtlichen  Rahmenbedingen des Journalismus in China wurden eingehend besprochen von  Liebman (2005). Historische Perspektiven des sozialistischen  chinesischen Mediensystems schliesslich finden sich bei Schoenhals  (1992) und Volland (2004). Bei den genannten Titeln handelt es sich  selbstredend nur um die Spitze des Eisbergs. Es bedarf in der Tat einer  gehörigen Portion Chuzpe, sich nicht im Geringsten um diese Literatur zu  kümmern. Angesichts der Weigerung des Autors, sich mit der existierenden  Forschung auseinanderzusetzen, bleibt unklar inwiefern seine eigene  Studie einen Beitrag zum Verständnis der Medien in China generall  leisten kann und will.</p>
<p lang="de-DE"><em>Literatur:</em></p>
<ul>
<li>Brady, A.-M.: <em>Marketing Dictatorship. Propaganda and Thought Work in Contemporary China</em>. Lanham: Rowman &amp; Littlefield, 2008.</li>
<li>de Burgh, H.: <em>The Chinese Journalist. Mediating Information in the World&#8217;s Most Populous Country</em>. London: Routledge, 2003.</li>
<li>Esser, F.: <em>Die Kräfte hinter den Schlagzeilen. Englischer und deutscher Journalismus im Vergleich</em>. Freiburg: Alber, 1998.</li>
<li>McCormick, B.: Recent Trends in Mainland China’s Media. Political Implications of Commercialization. In <em>Issues &amp; Studies</em>, 38.4-39.1, 2003, S. 175-215.</li>
<li>Lee, C.-C. (Hrsg.): <em>China’s Media, Media’s China</em>. Boulder: Westview Press, 1994.</li>
<li>Lee, C.-C. (Hrsg.): <em>Power, Money, and the Media. Communication Patterns and Bureaucratic Control in Cultural China</em>. Evanston: Northwestern Univ. Press, 2000.</li>
<li>Lee, C.-C. (Hrsg.): <em>Chinese Media, Global Contexts</em>. London: Routledge, 2003.</li>
<li>Liebman, B. L.: Watchdog or Demagogue? The Media in the Chinese Legal System. In <em>Columbia Law Review</em>, 105.1 (2005), S. 1-157.</li>
<li>Polumbaum, J.: <em>China Ink. The Changing Face of Chinese Journalism</em>. Lanham: Rowman &amp; Littlefield, 2008.</li>
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<li>Volland, N.: <em>The Control of the Media in the People’s Republic of China</em>. Dissertation, Universität Heidelberg, 2004.</li>
<li>Zhao, Y.: <em>Media, Market, and Democracy in China. Between the Party Line and the Bottom Line</em>. Urbana: Univ. of Illinois Press, 1998.</li>
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</ul>
<p><em>Links: </em></p>
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<li><a href="http://halemverlag.lookingintomedia.com/shop/product_info.php/products_id/209/XTCsid/8c07494be7772c1300e8fc97db7b3fd0" target="_blank">Verlagsinformationen zum Buch <em>Kurze Leine, langer Atem</em></a></li>
<li><a href="http://www.uvk.de/buch.asp?ISBN=9783867642255" target="_blank">Verlagsinformationen zum Buch </a><em><a href="http://www.uvk.de/buch.asp?ISBN=9783867642255" target="_blank">Media Incidents</a></em></li>
</ul>
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