Sammelrezension
Radio in Wissenschaft und Praxis
Dieter K. Müller; Esther Raff (Hrsg.): Praxiswissen Radio. Wie Radio gemacht wird – und wie Radiowerbung ankommt. 2. akt. und erw. Auflage, Wiesbaden [VS Verlag] 2011, 272 Seiten, 29,95 Euro.
Hans-Jürgen Krug: Radio. Konstanz [UVK/UTB Profile] 2010, 118 Seiten, 9,90 Euro.
Rezensiert von Margareta Bloom-Schinnerl
Radio – obwohl von vielen als gestrig angesehen – ist und bleibt aktuell. Es ist ‘Zeitgeist, modern und flexibel’. Das unterstreicht die 2. aktualisierte und erweiterte Auflage des Buches Praxiswissen Radio von Dieter K. Müller und Esther Raff. Der Untertitel lautet Wie Radio gemacht wird – und, etwas irreführend – wie Radiowerbung anmacht. Letzteres legt die Vermutung nahe, dass sich die Veröffentlichung an Werbetreibende und Marketingexperten richtet, deren Ziel Gewinnmaximierung mittels ausgeklügelter Radiowerbung ist. Der Inhalt bietet jedoch viel mehr als Wissen darüber, wie man ‘bessere Funkspots’ macht und wie man ihre Wirksamkeit misst. [Mehr]
“Die Weisheit der Vielen”? – Chancen und Gefahren der Internetgesellschaft
Jaron Lanier: Gadget. Warum die Zukunft uns noch braucht. Frankfurt [Suhrkamp Verlag] 2010, 247 Seiten, 19,90 Euro.
Stephan Weichert; Leif Kramp; Alexander von Streit: Digitale Mediapolis. Die neue Öffentlichkeit im Internet. Köln [Herbert von Halem Verlag] 2010, 216 Seiten, 18,- Euro.
Rezensiert von Bernhard Irrgang
“Um die Wende zum 21. Jahrhundert begann in der digitalen Revolution etwas falsch zu laufen. […] insgesamt hat die fragmentierte, unpersönliche Kommunikation die zwischenmenschliche Interaktion entwertet. […] Eine neue Generation ist herangewachsen, die geringere Erwartungen hinsichtlich dessen hegt, was ein Mensch sein oder werden kann”. So beginnt Jaron Lanier sein Buch Gadget oder “Schnickschnack”. Sein Fazit: “Statt Menschen als Quelle ihrer eigenen Kreativität zu behandeln, präsentierten die auf Zusammenstellung und Zusammenfassung ausgerichteten Sites anonymisierte Fragmente schöpferischer Leistungen, als wären sie vom Himmel gefallen oder aus dem Boden ausgegraben worden, ohne die wahren Quellen zu bezeichnen”. Der Autor plädiert dagegen für eine humanistische Computertechnologie. Viele der neuen Autoren glauben, dass der Unterschied zwischen Mensch und Computer verschwindet. Sie behaupten, mit dem Computer entstünde eine Lebensform, in der der Mensch sich besser versteht als vorher. Sie propagieren die Illusion einer neuen, möglichst hohen Metaebene, aber Information ist nichts anderes als entfremdete Erfahrung. Der kybernetische Totalitarismus wird zu einer Art Religion und führt zur Anbetung der digitalen Illusion.
Projekt Wikileaks
Marcel Rosenbach; Holger Stark: Staatsfeind WikiLeaks. Wie eine Gruppe von Netzaktivisten die mächtigsten Nationen der Welt herausfordert. München [DVA Sachbuch/SPIEGEL Buchverlag] 2011, 336 Seiten, 14,99 Euro.
Daniel Domscheit-Berg: Inside WikiLeaks. Meine Zeit bei der gefährlichsten Website der Welt. Berlin [Ullstein Buchverlage] 2011, 304 Seiten, 18,- Euro.
Rezensiert von Martin Welker
Zwei Bücher – ein Thema. Beide Werke sind etwa zur gleichen Zeit erschienen, etwa gleich umfangreich (ca. 300 Seiten) und liegen im Preis in einer ähnlichen Kategorie (15 bis 20 Euro). Beide Bände konzentrieren sich v. a. auf die Ereignisse ab dem Jahr 2007. Und doch sind die Bücher diametral verschieden. Denn während die Spiegel-Journalisten Rosenbach und Stark intensiv recherchiert haben und damit aus einer geordneten und unabhängigen Warte über Wikileaks berichten können, erzählt Domscheit-Berg aus einer Art emotionalen Insider-Perspektive über seine Arbeit beim Wikileaks-Projekt. Rosenbach und Stark objektivieren, Domscheit-Berg subjektiviert. Erstere weisen ihre Quellen in zahlreichen Fußnoten aus, letzterer schildert seine Erfahrung auf seine Erinnerungen gestützt aus der Ich-Perspektive. Erstere haben das Buch selbst geschrieben, Domscheit-Berg hatte mit Tina Klopp eine versierte Journalistin und Ghostwriterin an seiner Seite. Dennoch präsentiert sich der Text von Domscheit-Berg umgangssprachlicher als das Spiegel-Buch. Erst die Lektüre beider Texte ergibt ein facettenreiches Gesamtbild im Hinblick auf Wikileaks, insbesondere zu Julian Assange. In Bezug auf die Diskussion relevanter gesellschaftlich-politischer Fragen ist das Spiegel-Buch das gelungenere. [Mehr]
“Neue Sachen sind und bleiben angenehm.” Aus der Geschichte der Nachrichten
Andreas Würgler: Medien in der frühen Neuzeit. München [Oldenbourg Verlag] 2009, 174 Seiten, 19,90 Euro.
William Layher; Gerhild Scholz (Hrsg.): Consuming News: Newspapers and Print Culture (1500-1800). Sonderheft der Zeitschrift "Daphnis" (August 2009, Rodopi), 384 Seiten, ca. 90,- Euro.
Christian Meierhofer: Alles neu unter der Sonne. Das Sammelschrifttum der Frühen Neuzeit und die Entstehung der Nachricht. Würzburg [Königshausen & Neumann] 2010, 420 Seiten, 49,80 Euro.
Natascha Adamowsky: Das Wunder in der Moderne. Eine andere Kulturgeschichte des Fliegens. München [Wilhelm Fink Verlag] 2010, 264 Seiten, 49,90 Euro.
Rezensiert von Heiko Christians
Auch die Geschichte und Ordnung der Nachrichten ist Veränderungen unterworfen. Die klassischen 20-Uhr-Nachrichten als Familienzusammenkunft sind vermutlich lange passé. Heute ist es eher der minütlich aktualisierte Liveticker im Internet, der uns an ganz verschiedenen Orten auf dem Laufenden hält. Der Schriftsteller Peter Glaser betonte vor kurzem, dass der digitale Medienfluss dabei sei, “sich in eine Umweltbedingung zu verwandeln”. Wenn man die Nachrichtenlage der Gegenwart wenigstens in eine grobe Ordnung bringen wollte, könnte man sie in einer Linie abfallender Dringlichkeit so anordnen: 1. Sensationen, 2. Katastrophen, 3. Ereignisse, 4. Nachrichten und 5. Informationen. [mehr]
Sprachverlust mit System: Die Presse in der Krise
Stephan Weichert; Leif Kramp: Das Verschwinden der Zeitung? Internationale Trends und medienpolitische Problemfelder. Berlin [Friedrich-Ebert-Stiftung] 2009, 120 Seiten. Publikation frei verfügbar unter URL: http://library.fes.de/pdf-files/stabsabteilung/06156.pdf
Hans Bohrmann; Gabriele Toepser-Ziegert (Hrsg.): Krise der Printmedien: Eine Krise des Journalismus? Reihe: Dortmunder Beiträge zur Zeitungsforschung, Band 64. Berlin, New York [De Gruyter Saur] 2010, 118 Seiten, 39,95 Euro.
Sabine Kirchhoff; Walter Krämer: Presse in der Krise. Wiesbaden [VS Verlag] 2010, 130 Seiten, 14,95 Euro.
Stephan Weichert; Leif Kramp; Hans-Jürgen Jacobs (Hrsg.): Wozu noch Zeitungen? Wie das Internet die Presse revolutioniert. Göttingen [Vandenhoeck & Ruprecht] 2009, 280 Seiten, 19,90 Euro.
Rezensiert von Harald Rau
Nach den Diskussionen um den Boston Globe, den wiederholten Anläufe der New York Times, nun endlich doch “paid content” durchzusetzen, nach dem Niedergang honoriger Westküstenzeitungen in den Staaten, geraten – so scheint es – zunehmend auch die deutschen Zeitungsmacher in Aufruhr. Sich mit der “Presse in der Krise” zu beschäftigen – das liegt offensichtlich auch hierzulande im Trend. Vermutlich auch deshalb, weil die Einschläge näherkommen, das intellektuelle Frankreich ist längst bedient. Den letzten Ausschlag geben vermutlich die (euphemistisch formuliert) “Schwierigkeiten” der Süddeutschen und die händeringenden Versuche, die Frankfurter Rundschau nur irgendwie über die Tabloid-Runden zu retten. [Mehr]
Die Zukunft der Zeitungen
Mike Friedrichsen (Hrsg.): Medienzukunft und regionale Zeitungen. Der lokale Raum in der digitalen und mobilen Medienwelt. Reihe: Praxisforum Medienmanagement, Band 14. Baden-Baden [Nomos] 2010, 273 Seiten, 29,- Euro.
Ursina Mögerle: Substitution oder Komplementarität? Die Nutzung von Online- und Print-Zeitungen im Wandel. Konstanz [UVK] 2009, 482 Seiten, 49,- Euro.
Rezensiert von Christoph Neuberger
Die Tageszeitungen sind bekanntlich in eine prekäre Lage geraten: Einerseits verlieren sie Leser und Inserenten im Printbereich, wobei die Hauptursache deren Abwanderung ins Internet ist. Andererseits gelingt es ihnen nicht, diese Verluste in der Online-Welt zu kompensieren. Die Frage, was die Bevorzugung des Internets erklärt und wie journalistische Websites zu gestalten wären, damit sie als Werbeumfeld attraktiv sind und die Zahlungs- bereitschaft der Nutzer wecken, bewegt derzeit die ganze Branche. Zwei Bücher wollen bei der Suche nach einer Antwort behilflich sein – das Vorgehen der Autoren ist jedoch grundverschieden. Typisch für die Art, wie in der Zeitungsbranche selbst nachgedacht wird, ist der Band Medienzukunft und regionale Zeitungen. [Mehr]
Daniel Müller; Annemone Ligensa; Peter Gendolla (Hrsg.): Leitmedien
Daniel Müller; Annemone Ligensa; Peter Gendolla (Hrsg.): Leitmedien. Konzepte - Relevanz - Geschichte. Reihe: Medienumbrüche, Band 31 und 32. Bielefeld [Transcript Verlag] 2009, 349 Seiten (Band 1), 290 Seiten (Band 2), je 28,80 Euro.
Rezensiert von Manuel Wendelin
Dass schon ‘Medium’ ein Begriff ist, über dessen Definition man wunderbar streiten kann, ist bekannt. Dieses Schicksal teilt der Terminus mit anderen Grundbegriffen wie dem der ‘Kommunikation’ oder dem der ‘Öffentlichkeit’. Im alltäglichen (wissenschaftlichen) Gebrauch werden solche Differenzen meist problemlos umschifft. Diese Praxis der Umgehung von unüberbrückbaren Klüften ist notwendig, um diesseits des endlosen Nachdenkens über sprachliche Grundlagen überhaupt sinnvoll arbeiten zu können. Hin und wieder kommt es aber vor, dass bewusste Entscheidungen für die Verwendung eines bestimmten Medienbegriffs getroffen und begründet werden müssen. Spätestens in solchen Situationen ist man dankbar für die in der Literatur vorhandenen Systematisierungen. Das ist nicht anders, wenn es um die Forschung zu Leitmedien geht. Im Unterschied zum Medienbegriff sind tiefer gehende begriffliche Auseinandersetzungen hier aber kaum vorhanden. Gleiches gilt für die Systematisierung des Forschungsstands. Vor dem Hintergrund der offensichtlich immer häufiger werdenden Verwendung des Wortes “Leitmedien”, ist dieser Befund das zentrale Relevanzargument für den von Daniel Müller, Annemone Ligensa und Peter Gendolla herausgegebenen Zweibänder. [Mehr]
Thomas Bohrmann; Werner Veith; Stephan Zöller (Hrsg.): Handbuch Theologie und populärer Film (Band 1 und 2)
Thomas Bohrmann; Werner Veith; Stephan Zöller (Hrsg.): Handbuch Theologie und populärer Film. Paderborn u. a. [Ferdinand Schöningh] 2007 (Band 1), 2009 (Band 2), 376 Seiten (Band 1), 406 Seiten (Band 2), je 39,90 Euro.
Rezensiert von Stefanie Knauß
Die theologische Forschung zum Film ist mittlerweile in die Jahre gekommen und so steht es ihr gut an, in einem Handbuch systematisiert und für ein breiteres (Fach-)Publikum aufbereitet zu werden. Die bisher erschienenen zwei Bände des Handbuch Theologie und populärer Film versuchen dies mit einer Sammlung von Aufsätzen, die die theologischen Besonderheiten populärer Genres (Science Fiction, Western, Comicverfilmungen, Komödie, Horror usw.) und im Werk ausgewählter Regisseure (S. Spielberg, D. Fincher, S. Kubrick, R. Scott usw.) herausarbeiten, sowie die Darstellung theologisch relevanter Themen/Motive (Schuld/Sühne, Auferstehung, Tod, Immanenz usw.) und Figuren (ErlöserInnen, Pfarrer, Engel, Teufel, Superhelden usw.) analysieren. Den zweiten Band schließt ein Beitrag zur Verwendung von Filmen im Religionsunterricht ab. Durch die enorme Menge an Material und Themen schließt sich dabei von vornherein jeder Anspruch auf Vollständigkeit von selbst aus (Bd. 1, 11), jedoch sind die gewählten Beispiele mit Blick auf ihre Relevanz in Gesellschaft, Theologie und Film sinnvoll und repräsentativ. [Mehr]
Die rechtliche Diskussion um die deutsche Rundfunkgebühr
Annette W. Reuters: Die Rundfunkgebühr auf dem Prüfstand der Finanzverfassung. Europäische Hochschulschriften, Reihe II: Rechtswissenschaft, Band 4871. Frankfurt am Main [Peter Lang] 2009, 227 Seiten, 47,80 Euro.
Annette Smith: Das System der deutschen Rundfunkgebühr. Unzulässige Beihilfe oder berechtigte Unterstützung der Rundfunkfreiheit? Reihe: Schriften zum Medienrecht, Band 21. Hamburg [Verlag Dr. Kovac] 2010, 288 Seiten, 88 Euro.
Rezensiert von Herbert Bethge
Die Rechtsnatur und die normativen Begleiterscheinungen der Rundfunkgebühr beschäftigten bislang nicht nur die nationale Rechtswissenschaft in ungewöhnlichem Maße. Sie waren auch unverwüstlicher Bestandteil der juristischen Promotionskultur in Deutschland. Wieso die verbale Vergangenheitsform? Nun, zumindest die Medienkenner wissen, dass die Tage der Rundfunkgebühr als vorrangiges Finanzierungsmittel des öffentlich-rechtlichen Rundfunks gezählt sind. Die Länder sind den Vorschlägen des ehemaligen Bundesverfassungs- richters Paul Kirchhof gefolgt. Der neue Rundfunkstaatsvertrag sieht ab 2012 als künftige Alimentationsform an Stelle der jetzigen gerätebezogenen Gebühr den haushalts- bzw. betriebsbezogenen Beitrag vor. Da stellt sich doch eine Reihe von Fragen. Hat sich nun juristische Kirchhofsruhe über die Rundfunkgebühr als ein nunmehr bloßes Auslaufsmodell gelegt? Genügt eine Anordnung der Landesgesetzgeber, um zwei Doktorarbeiten ‑ die eine aus Mainz, die andere aus Bochum ‑ zur Makulatur werden zu lassen? Natürlich nicht. [Mehr]
Medienmacht China
Sandra Voglreiter: Kurze Leine, Langer Atem: Voraussetzungen der Berichterstattung deutscher Korrespondenten in der Einparteiendiktatur China. Reihe: Journalismus International, Band 3. Köln [Herbert von Halem Verlag] 2009, 128 Seiten, 17,- Euro.
Peixin Cao: Media Incidents. Power Negotiation on Mass Media in Time of China's Social Transition. Konstanz [UVK] 2010, 198 Seiten, 24 Euro.
Rezensiert von Nicolai Volland
Der rasante Aufstieg Chinas zur wirtschaftlichen und politischen Großmacht ist zweifelsohne eine der wichtigsten Mediengeschichten der vergangenen zwei Jahrzehnte. Gleichzeitig ist China im Begriff, zur Medienmacht zu werden — als zentrale und kontinuierliche Präsenz in den internationalen Massenmedien einerseits, und andererseits als einflussreicher Player auf einem globalisierten Medienschauplatz. Zeitungsleser und Fernsehzuschauer werden nahezu täglich mit Meldungen und Berichten über die Volksrepublik konfrontiert, und aller Sparzwänge zum Trotz stocken deutsche Medienunternehmen ihre Chinakapazitäten auf. Die chinesische Regierung versucht indessen sich mittels enormer Investitionen in den Mediensektor mehr Gehör im Ausland zu verschaffen und so ihren internationalen Einfluss auszubauen. Beide Entwicklungen weisen jedoch auch auf das Paradox einer kapitalistisch ausgerichteten Wirtschaftsmacht mit kommunistisch-autoritärer Führung hin: während Chinas staatlich gelenkte Medien bemüht sind, auf dem internationalen Medienmarkt Glaubwürdigkeit zu finden, versuchen ausländische Korrespondenten in China innerhalb der ihnen auferlegten Beschränkungen zu navigieren und dem Publikum in den Heimatländern den Aufstieg Chinas von der dritten in die erste Welt zu erklären. [Mehr]
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