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	<title>rezensionen:kommunikation:medien &#187; Klassiker</title>
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	<description>Rezensionen aus den Bereichen Kommunikation und Medien</description>
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		<title>Johann Gustav Droysen &#8211; Ein Historiker als Klassiker der Kommunikations- und Medienwissenschaften</title>
		<link>http://www.rkm-journal.de/archives/3233</link>
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		<pubDate>Fri, 09 Jul 2010 12:18:31 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Redaktion</dc:creator>
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		<description><![CDATA[<span style="font-size: 13.2px;"><em>Wiedergelesen von Horst Pöttker</em></span>

<span style="font-size: 13.2px;"><em> </em></span><a href="http://www.rkm-journal.de/archives/3278"><img class="alignleft size-full wp-image-3278" title="Droysen" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2010/06/Droysen.jpg" alt="" width="160" height="231" /></a>Wer es sich leisten kann und eine gut ausgestattete geschichtswissen- schaftliche Bibliothek sein Eigen nennen möchte, erwirbt drei 2007 und 2008 erschienene Teilergebnisse eines in jeder Beziehung außergewöhnlichen Editionsprojekts. Es ist dem wichtigsten Werk eines nicht weniger außergewöhn-lichen Gelehrten des 19. Jahrhunderts gewidmet, welcher auch für die Kommunikations- und Medienwissen-schaften als Klassiker gelten kann. Den gilt es freilich noch zu entdecken. Johann Gustav Droysen (1808–1884), Geschichtsprofessor an den Universitäten Kiel, Jena und Berlin, hat seine Historik-Vorlesung zwischen dem Sommersemester 1857 und dem Wintersemester 1882/83 insgesamt 17 Mal gehalten, wobei er das von ihm selbst nur in Form eines Grundrisses publizierte Manuskript immer wieder überarbeitet hat. <a href="http://www.rkm-journal.de/archives/3233">[Mehr]</a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span style="font-size: 13.2px;"><em>Wiedergelesen von Horst Pöttker</em></span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;"><em> </em></span><a href="http://www.rkm-journal.de/archives/3233"><img class="alignleft size-full wp-image-3278" title="Droysen" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2010/06/Droysen.jpg" alt="" width="160" height="231" /></a>Wer es sich leisten kann und eine gut ausgestattete geschichtswissen- schaftliche Bibliothek sein Eigen nennen möchte, erwirbt drei 2007 und 2008 erschienene Teilergebnisse eines in jeder Beziehung außergewöhnlichen Editionsprojekts. Es ist dem wichtigsten Werk eines nicht weniger außergewöhn-lichen Gelehrten des 19. Jahrhunderts gewidmet, welcher auch für die Kommunikations- und Medienwissen-schaften als Klassiker gelten kann. Den gilt es freilich noch zu entdecken.</p>
<p><span style="font-size: 13.2px;"> </span><span style="font-size: 13.2px;"><strong>1. Vergessener Klassiker: Johann Gustav Droysens Historik</strong></span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;">Johann Gustav Droysen (1808–1884), Geschichtsprofessor an den Universitäten Kiel, Jena und Berlin, hat seine Historik-Vorlesung zwischen dem Sommersemester 1857 und dem Wintersemester 1882/83 insgesamt 17 Mal gehalten, wobei er das von ihm selbst nur in Form eines Grundrisses publizierte Manuskript immer wieder überarbeitet hat. Sinn und Zweck der von Jörn Rüsen initiierten, von Peter Leyh 1977 mit einem ersten Band begonnenen und von Horst Walter Blanke nach drei Jahrzehnten nun fortgesetzten historisch-kritischen Ausgabe von Droysens Historik ist es – so der Klappentext – &#8220;die über sechs Jahrzehnte (1826–1883) vollzogene Entwicklung von Droysens expliziter Theorie der historischen Wissenschaften und seines darin beschlossenen Konzepts der historisch-politischen Bildung&#8221; zu rekonstruieren.</span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;">Für die Kommunikations- und Medienwissenschaften ist diese Rekonstruktion in dreierlei Hinsicht von Bedeutung: erstens, weil die von Droysen im Kontrast zur Naturwissenschaft konzipierte geschichtswissenschaftliche Methodik als <em>konstitutiv für alle Geistes- und Kulturwissenschaften </em>gelten kann, also auch für die Disziplinen, denen <a href="http://www.rkm-journal.de" target="_blank">r:k:m</a> als Besprechungsraum dient, sofern sie sich als Kulturwissenschaften verstehen; zweitens, weil die Historik eine Systematik der historischen Quellen und ein Konzept des historischen Erzählens enthält, die für den <em>Geschichtsjournalismus</em> von hohem Interesse sind; und drittens, weil die <em>Vorlesung </em>selbst eine akademische <em>Kommunikationsform</em> ist, von der gerade in Zeiten eines Medienumbruchs, durch den Mündlichkeit und Visualität wachsende Bedeutung gewinnen, gelernt werden kann. Deshalb begnügen wir uns gerade bei dieser Rezension nicht mit einem schriftlichen Text, sondern nutzen auch die Audio-Potenziale des Online-Mediums.</span></p>
<p><a href="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2010/06/Warum-vergessener-Klassiker2.mp3" target="_blank">Audio: Horst Pöttker im Interview &#8211; Warum ist Droysen ein &#8220;vergessener Klassiker&#8221;?</a></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;"><strong>2. Geschichtlichkeit: Der Wert der Historik für die Kulturwissenschaften</strong></span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;"><strong> </strong></span><span style="font-size: 13.2px;"><a href="http://www.rkm-journal.de/archives/3282"><img class="alignleft size-full wp-image-3282" title="Droysen1" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2010/06/Droysen1.jpg" alt="" width="160" height="225" /></a>Beginnen wir mit der Historik als Quelle, um etwas über die konstitutive Besonderheit der Geistes- und Kulturwissenschaften – das methodologische Proprium – zu erfahren, das diese Disziplinen von den Natur- und Technikwissenschaften unterscheidet und auf ihr gesellschaftliches Erkenntnisinteresse hinweist. Aus dem speist sich, wenn sie es erfüllen, ihre Legitimität und letztlich ihre Existenz. Worin liegt für Droysen das Konstitutive der Geschichtswissenschaft? Als Kind des deutschen Idealismus nennt er es das Wesen der Geschichte. In der von Peter Leyh in Band 1 dokumentierten Historik-Vorlesung hat Droysen vom kulturellen Gewordensein und der Veränderbarkeit der Phänomene gesprochen, mit denen sich die Geschichtswissenschaft befasst – im Unterschied zur Naturwissenschaft, deren Gegenstände zwar ebenfalls geworden und veränderbar sind, aber auf ganz andere Weise und in ganz anderen zeitlichen Dimensionen.</span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;">Ziel und Methode der Geschichtswissenschaft sei nicht das Erklären, sondern das <em>Verstehen</em>. In Band 2, in dem Horst Walter Blanke &#8220;Texte im Umkreis der Historik&#8221; und ihrer Entstehungsgeschichte versammelt hat, liest man in Droysens Einleitung zu seinen Vorlesungen &#8220;Ueber den öffentlichen Zustand Deutschlands&#8221; von 1845:</span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;"><small>&#8220;Allerdings das Wesen der Geschichte ist, daß eben alles flüssig ist. Aber man hat eben nicht zu besorgen, daß in diesem Strom irgend etwas Wahrhaftes und Wesentliches verlorengehe. Jede der Ausprägungen des geistigen Daseins, welche die Geschichte gebracht hat, ist nach ihrem wahren Bestand unverloren; und eben darum ist die Geschichte zu betrachten lehrreich und erhebend, weil sie in mächtiger Continuität, in grandiosester Selbstkritik und im Kampf um gegenseitige Anerkennung und Beschränkung alle diejenigen Motive zeigt, welche endlich die Gegenwart erfüllen, zum Theil noch in heftigen Reibungen, zum Theil in ruhiger und beglückender Zuständlichkeit. Die Geschichte ist so eine Interpretation (…) der Gegenwart.&#8221; (Band 2.1, 314).</small></span><small></small></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;">Und in der Einleitung in seine Vorlesungen über &#8220;Deutsche Culturgeschichte vom Anfang des 18. Jahrhunderts&#8221; im Jahre 1841 hat Droysen über Sinn und Zweck der Geschichtswissenschaft gesagt:</span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;"><small>&#8220;Die Entwickelung der Menschheit zu erforschen ist ihre Aufgabe; je tiefer sie dieselbe durchdringt, desto mehr erkennt sie, daß die geschichtliche Erscheinung eben nur der Ausdruck und die Verkörperung von Gedanken (…) ist, in deren endlicher Erscheinung das Moment der Unzulänglichkeit, die Nothwendigkeit des Wechsels gegeben ist. Bei dieser tieferen Fassung der Geschichte ist es unmöglich, sich bei den äußeren Erscheinungen der sog. politischen Geschichte zu beruhigen, ist es ungenügend, wenn man die sog. Culturgeschichte als ein Anhängsel zu derselben betrachtet, etwa um das Kostüm der Zeit kennen zu lernen. (…) Sucht die Philosophie alle Sphären der Wirklichkeit zu subsumiren unter die ewigen Gesetze des Geistes und seiner logischen Entfaltung, betrachtet sie das Seiende gleichsam vom Himmel herab, aus der Vogelperspektive d[es]<strong> </strong>Begriffs, so geht die Geschichte daran, sich in diese Wirklichkeiten selbst zu versenken, in ihnen selbst die Momente ihres Wechsels zu finden, ihr ewiges Werden zu betrachten, zu sehen, wie sie von dem festen Grund des Seienden und Gegebenen aus sich höher u[nd] höher<strong> </strong>emporarbeiten. Sie umfaßt alle Richtungen des menschlichen Daseins, und erst in dieser Gesammtfülle der Betrachtung ist sie ihres Thuns gewiß.&#8221; (Bd. 2.1, 278f.)</small></span><small></small></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;">Sieht man davon ab, dass Droysen in der Geschichte selbst, also dem <em>Objekt</em> der Geschichtswissenschaft, eine Entwicklung voraussetzt, die die Vernunft auf immer höheren Stufen sich entfalten lässt – zieht man also das für seine Zeit typische, von Kant, Hegel und Marx geprägte objektivierend-teleologische Moment ab, das der Postmoderne spätestens seit dem Zusammenbruch der sich auf geschichtsphilosophische Utopien berufenden sozialistischen Diktaturen fremd geworden ist –, so leitet sich aus Droysens Historik eine erkenntnistheoretische Position zur Begründung der Kulturwissenschaften ab, die sich folgendermaßen umreißen lässt: Im Unterschied zu den Gegenständen der Naturwissenschaften, eben der Natur, die der Mensch vorfindet, bringt er die Gegenstände der Kulturwissenschaften, eben die Kultur, selbst hervor. Anders als Natur- sind Kulturphänomene daher nicht aus allgemeinen und unveränderlichen Gesetzmäßigkeiten zu erklären, sondern sie unterliegen einem permanenten Wandel und weisen auch – daran denkt der mehr an der Zeitdimension interessierte Historiker Droysen weniger – zwischen den menschlichen &#8220;Kulturen&#8221; (ein anderer Kulturbegriff!) mannigfache Unterschiede auf. Zu diesen Phänomenen zählen nicht nur materielle Schöpfungen wie Gebäude, Verkehrswege, Maschinen, Kleidung, Speisen, Gemälde, literarische Texte oder (technische) Medien, sondern auch die immaterielle Kultur, d. h. Religionen, Mythen, Ausdeutungen, Werte, Bräuche, Sitten- und Rechtsnormen, Arbeitstechniken und andere professionelle Standards, die Menschen fortwährend hervorbringen, indem sie handeln und dadurch die von ihnen vorgefundene Kultur verändern. Es ist das <em>hervorbringende Subjekt </em>mit seiner begrenzten, aber eben doch vorhandenen Freiheit und Verantwortlichkeit, das alle Kulturwissenschaften – anders als die Natur- und Technikwissenschaften – nicht übersehen dürfen.</span></p>
<p><a href="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2010/06/Horst-Pöttker-über-die-Unterschiede-zwischen-Phänomenen-der-Kultur-und-Naturwissenschaften9.mp3" target="_blank">Audio: Über die Unterschiede zwischen Kultur- und Naturwissenschaften</a><span style="font-size: 13.2px;"><br />
</span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;">Trotz der schier unerschöpflichen temporellen, kulturellen und auch positionellen Variabilität anthropogener Phänomene, die &#8220;Kulturwelten&#8221; bilden, ist es nicht nur möglich, sondern liegt im Interesse jeder Gesellschaft, Kulturwelten und ihre einzelnen Phänomene wissenschaftlich zu erforschen und dadurch zwar nicht kausal zu erklären und vorhersehbar zu machen, aber doch auszudeuten, zu interpretieren und insofern <em>intersubjektiv verständlich </em>werden zu lassen. Denn zumal in modernen, stark differenzierten Gesellschaften werden sich deren Handlungssubjekte erst auf der Grundlage rationaler und deshalb gemeinsam nachvollziehbarer Interpretationen über den Sinn von Kulturprodukten einig, weshalb Kulturwissenschaften für die Integration komplexer Sozialgebilde von entscheidender Bedeutung sind (vgl. Pöttker 2005). Jürgen Habermas hat diesen gesellschaftlichen Nutzen in seiner berühmten Frankfurter Antrittsvorlesung vom 28. Juni 1965 das &#8220;praktische Erkenntnisinteresse an Verständigung&#8221;<em> </em>genannt, dessen Befriedigung den von ihm treffenderweise so genannten historisch-hermeneutischen Wissenschaften obliegt (vgl. Habermas 1965).</span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;">Mit dieser Bezeichnung deutet Habermas in der Tradition Droysens an, dass die Geschichtswissenschaft, indem sie sich auf die konstitutive Eigenschaft der Gewordenheit, der temporellen Variabilität von Kulturphänomenen konzentriert, für die Geisteswissenschaften eine ähnlich zentrale Rolle spielt wie die Mathematik für die Naturwissenschaften. Nicht zufällig versammeln sich die Geistes- und Kulturwissenschaften in traditionsbewussten Universitäten der Schweiz noch heute in &#8220;philosophisch-historischen&#8221; Fakultäten, denen die weiteren Fächer der in der Neuzeit – im Zuge zunehmender Autonomie und Praxisferne des europäischen Wissenschaftssystems – aufgeblähten Philosophischen Fakultät des Mittelalters mit der Sammelbezeichnung &#8220;philosophisch-naturwissenschaftlich&#8221; oder &#8220;philosophisch-mathematisch&#8221; gegenüberstehen.</span></p>
<p><a href="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2010/06/Habermas-und-das-Erkenntnisinteresse-Bedeutung-der-historisch-hermeneutischen-Fächer-Bogenschlag-zur-Situation-heute-Folgen-der-Vernachlässigung-dieser-Fächer-Abmischung.mp3" target="_blank">Audio: Habermas und das Erkenntnisinteresse &#8211; die Bedeutung der historisch-hermeneutischen Wissenschaften<span style="font-size: 13.2px;"><br />
</span></a></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;">Bedenkt man die vergangenen viereinhalb Jahrzehnte Wissenschaftsentwicklung, die der Verfasser dieses Textes am eigenen Leib erfahren hat, drängt sich die These auf, dass das praktische Interesse an Verständigung zwischen den beiden anderen von Habermas 1965 genannten Erkenntnisinteressen – dem technischen an Effektivierung von Arbeit und dem emanzipatorischen an Mäßigung von Herrschaft – zerrieben wird. Auch weil nicht einmal die Geistes- und Kulturwissenschaften selbst sich ihrer gesellschaftlichen Bedeutung hinreichend bewusst sind, wird der sichtliche, teilweise eklatante Zerfall der Sozialintegration nur selten mit der ebenfalls sichtlichen, teilweise eklatanten Vernachlässigung der gern als &#8220;philosophisch&#8221; abgetanen Fächer in Zusammenhang gebracht.</span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;">Wenn sie dieser Misere entgegenwirken wollen, täten die Kommunikations- und Medienwissenschaften gut daran, sich an Droysen zu erinnern und weder die Methode des deutenden Verstehens noch die Teildisziplin der Kommunikations- und Mediengeschichte verkümmern zu lassen, die beide viel zur Verständigung über die gegenwärtige Medienwelt und gegenwärtige Kommunikationsverfassungen (etwa den prekären Zustand des Journalistenberufs) sowie Problemlösungen, die aus solcher Verständigung hervorwachsen können, beizutragen hätten. Das setzt freilich voraus, dass sich die Kommunikations- und Medienwissenschaften überhaupt noch als historisch-hermeneutische Disziplinen verstehen und im Bewusstsein behalten, was aus dem anthropogenen Charakter ihrer Gegenstände für ihre Methoden folgt. Zweifel daran erheben sich angesichts der Dominanz eines quantitativ-nomologischen Paradigmas, das in der Kommunikationswissenschaft mehr an Ökonomie und Organisationswissenschaften, in der Medienwissenschaft mehr an die Naturwissenschaften angelehnt ist. Eine Dominanz, die Gerhard Maletzke schon Mitte der 1990er Jahre festgestellt hat und die seitdem gewiss nicht verschwunden ist (vgl. Maletzke 1997: 115, 118).</span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;"><a href="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2010/06/Bedeutung-der-Geschichtswissenschaft-für-die-Kulturwissenschaft.mp3" target="_blank">Audio: Über die Bedeutung der Geschichtswissenschaft für die Kulturwissenschaft</a></span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;"><br />
</span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;"><strong>3. Lebensdienlichkeit: Der Wert der Historik für den Geschichtsjournalismus</strong></span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;"><strong> </strong></span><span style="font-size: 13.2px;">Kommen wir zu den für den Geschichtsjournalismus interessanten Aspekten von Droysens Werk. Seine Systematik der historischen Quellen, mit der sich eine – nicht zuletzt für Qualitätsjournalismus charakteristische – quellenkritische Haltung begründen und differenzieren lässt, ist Droysens bis heute am stärksten beachtete Leistung. Er unterscheidet &#8220;Überreste&#8221; der Vergangenheit, d. h. authentische Verhaltensspuren, zu deren Fülle auch immaterielle menschliche Hervorbringungen wie Werte und Normen oder Sprache gehören können, von &#8220;Denkmälern&#8221;, bei deren Hervorbringung bereits die Absicht bestand, dauernde Erinnerungen zu ermöglichen, und schließlich &#8220;Quellen&#8221;, durch die Erinnertes überliefert wird (Bd. 1, 400f.).</span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;">Raul Hilberg hat sich in seiner didaktisch und journalistisch besonders brauchbaren, durch zahlreiche Beispiele veranschaulichten Analyse der Quellen für die Erforschung des nationalsozialistischen Völkermords an den Juden im Wesentlichen an Droysens Typologie gehalten, für ähnliche Begriffe nur andere Bezeichnungen gewählt (vgl. Hilberg 2002). &#8220;Überreste&#8221; heißen bei ihm &#8220;Dokumente&#8221;, und wo Droysen – heute missverständlich – in der von ihm gemeinten engeren Bedeutung &#8220;Quellen&#8221; sagte, spricht Hilberg von &#8220;Zeugnissen&#8221; oder &#8220;(Lebens-)Erinnerungen&#8221; (vgl. ebd.: 50). Aber schon in Droysens handschriftlichem Konzept von 1857/58 steht in § 20 unter dem Rubrum &#8220;Quellen&#8221; der bemerkenswerte Satz: &#8220;Jede Erinnerung, solange sie nicht äußerlich fixiert ist, lebt und wandelt sich mit dem Vorstellungskreise derer, die sie pflegen.&#8221; (Bd. 1, 401) Das sollte sich hinter die Ohren schreiben, wer &#8211; was Journalisten besonders gerne tun &#8211; an die besondere Authentizität von Zeitzeugen und &#8220;oral history&#8221; glaubt.</span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;">Zur journalistischen Frage, wie sich &#8220;Geschichte&#8221;, genauer: die Ergebnisse historischer Forschung, in Medien so darstellen lassen, dass es beim Publikum ankommt, fällt an dem von Peter Leyh vor über drei Jahrzehnten herausgegebenen, die Entwicklung der Historik-Vorlesung rekonstruierenden Band 1 zunächst auf, dass Droysen die Frage der <em>Präsentation </em>von geschichtswissenschaftlichen Einsichten keineswegs für nebensächlich hielt, sondern in wachsendem Maße für ein geradezu konstitutives Moment seines Faches. Das ist schon daran zu erkennen, dass er diese Frage in den ersten Fassungen von 1857/58 unter den Überschriften &#8220;Die Apodeixis&#8221; oder &#8220;Die Darstellung&#8221; in einem Unterabschnitt der &#8220;Methodik&#8221; behandelte, während er ihr in der letzten, 1882 als &#8220;Grundriß der Historik&#8221; gedruckten Fassung neben der &#8220;Methodik&#8221; und der &#8220;Systematik&#8221; einen dritten Hauptabschnitt unter dem Titel &#8220;Die Topik&#8221; widmete (Bd. 1, 445–450). Auf diesen Text bezieht sich das Folgende.</span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;">Am Anfang des Hauptabschnitts nennt Droysen den <em>Grund</em>, warum auch die Frage nach der Art und Weise, wie ihre Ergebnisse dargestellt werden, für die Forschung der Geisteswissenschaften, zumal der Geschichtswissenschaft, grundlegend ist: &#8220;§ 87 Wie alles, was unseren Geist bewegt, den entsprechenden Ausdruck fordert, in dem er es sich gestalte, so bedarf auch das historisch Erforschte Formen der Darlegung (…), damit sich an ihnen die Forschung gleichsam Rechenschaft gebe von dem, was sie gewollt und erreicht hat.&#8221; (Bd. 1, 445) Indem sie der historisch-hermeneutischen Forschung den Spiegel vorhält, in dem sich diese selbstkritisch betrachten und überprüfen kann, wird die Darstellungsweise selbst zu einem unverzichtbaren Teil der Forschung. Das Gelingen jedes auf Verstehen angelegten Interpretierens bemisst sich in einem intersubjektiven Prozess, steht und fällt also mit der <em>kommunikativen Qualität der Darstellung</em>. Unter Geistes- und Kulturwissenschaftlern ist es fast banal, dass Forschung sich erst im Vollzug der Formulierung und der Diskussion des Formulierten vollzieht.</span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;">Deshalb und weil das Erkenntnisinteresse an Verständigung sich nur über kommunikative Prozesse der Auseinandersetzung mit und Aneignung von Erkenntnissen erfüllen lässt, gilt für die historisch-hermeneutischen Disziplinen in besonderer Weise, dass <em>Forschung und Lehre zusammengehören</em>. Forschung ist hier Lehre und Lehre Forschung; der gesellschaftliche Nutzen dieser Fächer, die kulturelle Verständigung, ist an die Qualität ihrer Lehre und ihrer Präsenz in der – vor allem durch Journalismus herzustellenden – Öffentlichkeit auch über die Hochschulen hinaus gebunden. Das gilt nicht zuletzt für die Kommunikations- und Medienwissenschaften, die die bissige Bemerkung, gerade ihnen mangele es oft an der kommunikativen Qualität ihrer Sprache, nicht auf die leichte Schulter nehmen sollten.</span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;">Droysens zweiter grundlegender Gedanke betont, dass die historische Darstellung – und damit eben auch die Geschichtswissenschaft selbst, wenn sie das Publikum interessieren und so ihren gesellschaftlichen Nutzen, ihre Lebensdienlichkeit verwirklichen soll – Vergangenheit(en) nicht für sich zu betrachten, sondern mit der Gegenwart in Verbindung zu bringen habe:</span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;"><small>&#8220;§ 88 (…) Denn die Forschung, die von der Gegenwart aus und aus gewissen in ihr vorhandenen Elementen, die sie als historisches Material benutzt, Vorstellungen von Vorgängen und Zuständen der Vergangenheiten zu gewinnen weiß, ist beides zugleich: Bereicherung und Vertiefung der Gegenwart durch Aufklärung ihrer Vergangenheiten, und Aufklärung über die Vergangenheiten durch Erschließung und Entfaltung dessen, was davon oft latent genug noch in der Gegenwart vorhanden ist.&#8221; (Bd. 1, 445)</small></span><small></small></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;">Droysen könnte damit der Urheber der Idee von der Lebensdienlichkeit der Geschichte durch Gegenwartsbezug sein, die im 19. Jahrhundert Friedrich Nietzsche in seiner zweiten Unzeitgemäßen Betrachtung (vgl. Nietzsche 1937) und in unseren Tagen einige Theoretiker des historischen Erzählens ausgebaut haben, allen voran Jörn Rüsen, für den der erste, 1977 erschienene Band eine wohl für die ganze Historik-Ausgabe gedachte Widmung trägt. Es ist naheliegend, dass diese Idee besonders für Geschichtsjournalisten attraktiv ist, die ja wie alle Journalisten – im Unterschied zu Wissenschaftlern, auch Historikern – unter der Forderung ihres professionellen Gebots zur <em>Aktualität </em>stehen. Um dieses Qualitätsgebot zu erfüllen, gibt es für Geschichtsjournalisten trotz unterschiedlich großer zeitlicher Distanzen zu ihrem Objektbereich ein probates Mittel: Auswahl historischer Themen <em>nach Maßgabe aktueller Probleme</em> und – in der Darstellung – <em>Verknüpfung </em>dieser Themen mit gegenwärtigem Geschehen (vgl. Pöttker 1997).</span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;">Droysen denkt an der zitierten Stelle an einen genetischen Modus solcher Verknüpfung, bei dem die Gegenwart als etwas <em>aus der Vergangenheit Hervorgegangenes</em> betrachtet wird. Seine Nachfolger in der Kritik des positivistischen, auf Historisierung pochenden Paradigmas kennen noch andere Wege, um den lebensdienlichen Gegenwartsbezug herzustellen. Der traditionale, historische Momente mythologisierende kommt weder für den an das Wahrheitskriterium gebundenen Geschichtsjournalismus noch für die moderne Geschichtswissenschaft infrage. Aber Nietzsche nennt noch den monumentalischen, Rüsen den exemplarischen oder analogischen Typus (vgl. Rüsen 1990: 172), bei dem Ähnlichkeiten zwischen Gegenwart und Vergangenheit als ihr verbindendes Moment fungieren. Und Nietzsche wie Rüsen kennen die von beiden so genannte &#8220;kritische&#8221; Variante, bei der Gegenwart und Vergangenheit durch Kontrastbildung zueinander in Beziehung gesetzt werden.</span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;"><a href="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2010/06/Was-können-Geschichtsjournalisten-von-Droysen-lernen.mp3" target="_blank">Audio: Was Geschichtsjournalisten von Droysen lernen können</a><br />
</span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;">Alle drei Modalitäten, Vergangenheit aktuell zu machen, die <em>genetische</em> wie die <em>analogische </em>und die <em>kritische</em>, stehen Geschichtsjournalisten offen. Nur sollten sie sich beim einzelnen Produkt für eine von ihnen entscheiden und dies für das Publikum auch erkennbar machen, um den per se falschen Anspruch zu vermeiden, ihre Darstellung sei objektiv. Dafür gewinnt sie an Prägnanz. Droysen, der übrigens in etlichen seiner Schriften &#8220;im Umkreis der Historik&#8221; Sympathien für das Prinzip Öffentlichkeit (&#8220;Publicität&#8221;) und die dafür zuständige Presse bekundet, der er sogar Ratschläge gibt (vgl. z. B. Bd. 2.1, 274), womit er sich auch als Kind der Aufklärung erweist, hat die <em>Kritik an (be)trügerischer Objektivierung</em>, also am Positivismus, im Abschnitt zur Darstellungsweise (&#8220;Die Topik&#8221;) so formuliert:</span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;"><small>&#8220;(…) immer, welche Form auch für die Darstellung der gewonnenen Ergebnisse der Forschung gewählt werden mag, diese Darstellung wird dem Sein der Dinge, wie es in ihrer Gegenwart und den damals Lebenden und Handelnden erschien, nur zum Teil, in gewisser Weise, nach gewissen Gesichtspunkten entsprechen können und wollen (darin kartographischen Darstellungen analog). (…) Lange hat sich die historische Darstellung damit begnügt, die in mündlichen und schriftlichen Quellen vorhandenen Auffassungen in mehr oder weniger neuer Auffassung wieder zu erzählen; und die so gewonnene Illusion von überlieferten Tatsachen hat dann dafür gegolten, die Geschichte zu sein (…). Erst seit man auch die Denkmäler und Überreste als historisches Material erkannt und methodisch zu benutzen begonnen hat, ist die Erforschung der Vergangenheiten tiefer eingedrungen und sicher begründet. Und mit der Erkenntnis der unermeßlichen Lücken unseres historischen Wissens, welche die Forschung noch nicht oder nicht mehr auszufüllen vermag, erschließen sich immer weitere Weiten der Bereiche, mit denen sie zu tun hat (…). Die Darlegung des Erforschten wird in dem Maße richtiger sein, als sie sich ebenso dessen bewußt ist, was sie nicht weiß, als dessen, was sie weiß (…).&#8221; (Bd. 1, 445f.)</small></span><small></small></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;">Droysen setzt auf die für Geschichtswissenschaft wie Geschichtsjournalismus gleichermaßen wichtige Einsicht, dass Objektivität oder, emphatisch ausgedrückt, Wahrheit<em> mit der einzelnen Darstellung </em>nicht zu realisieren ist, weil sich über Lücken, über das Nicht-Erkannte und Nicht-Kommunizierte im Verhältnis zum Erkannten und Kommunizierten schlechterdings nichts aussagen lässt; gleichzeitig hält er aber auch einen auf Wahrheit gerichteten intersubjektiven, auf Öffentlichkeit angewiesenen Erkenntnis<em>prozess</em> für möglich und nötig, der sich dadurch stimulieren lässt, dass man in der einzelnen Darstellung die subjektive Selektivität des Ausgesagten und die dahinter steckenden Auswahlkriterien, also die Darstellungsweise, zu erkennen gibt.</span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;">Durch das Festhalten an der Idee eines durch Subjektivitätseingeständnisse in Gang zu haltenden Erkenntnisfortschritts distanziert Droysen sich von dem in Beliebigkeit ausartenden Relativismus, der paradoxerweise sowohl für radikal positivistische wie radikal konstruktivistische Positionen charakteristisch ist. In der von Leyh aus den Handschriften rekonstruierten ersten vollständigen Fassung der Historik-Vorlesung von 1857 gibt Droysen seine Antwort auf die Frage, was die Geschichtswissenschaft leisten kann und was nicht:</span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;"><small>&#8220;Sie ist darin empirisch, daß Seiendes und Gegebenes das Material ihrer Forschung ist; sie ist darin exakt, daß sie aus diesem Material in richtigen Syllogismen ihre Ergebnisse gewinnt, nicht aus hypothesierten Anfängen ableitet, daß sie das, was sie empirisch vor sich hat, nicht aus ersten Keimen oder Ursprüngen, die sie <em>nicht </em>empirisch vor sich hat, zu erklären unternimmt.&#8221; (Bd. 1, 162)</small></span><small></small></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;">Und an anderer Stelle desselben Textes heißt es:</span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;"><small>&#8220;Kein Forschender wird sich erdreisten zu sagen, daß er diese unermeßliche Fülle von Dingen umspanne. Aber er muß sich klarmachen, daß er im Zusammenhange einer unermeßlichen Arbeit steht, und daß er wie jeder in dieser langen Kette langsam vorrückender Arbeiter seine Stelle, seinen pflichtmäßigen Posten hat, daß andere sich auf ihn verlassen, wie er sich auf andere verlassen muß. Wer eines einzelnen Mannes Leben, eine einzelne Institution, ein Zeitalter usw. zu seinem Studium ausersehen, – er erinnere sich, daß er ein Teilchen einer großen Arbeit macht, und daß auch dies Teilchen nur in solchem Zusammenhang seinen Wert, seine Wahrheit hat.&#8221; (Bd. 1, 63)</small></span><small></small></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;">Mir scheint es nicht übertrieben, Droysen als Vorläufer der Methodologie des Kritischen Rationalismus in der Geschichtswissenschaft zu bezeichnen, als einen Historiker, der Karl R. Poppers Kritik am Historismus (vgl. Popper 1965) bereits im 19. Jahrhundert antizipiert hat, indem er wie dieser die Möglichkeit ausgeschlossen hat, mit dem Schiff der kultur- und sozialwissenschaftlichen Erkenntnis jemals in einen sicheren Hafen gelangen zu können. Wohl aber sah er die Möglichkeit, dieses Schiff auf Kurs in Richtung wahrer, realitätsadäquater Erkenntnis zu halten, indem man es fortwährend auf hoher See repariert und umbaut (vgl. Popper 1966).</span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;">Anders als nach ihm Nietzsche und Rüsen, deren Typologien der Gegenwartsbezüge sich am Kriterium von deren <em>inhaltlicher </em>Struktur orientieren, unterscheidet Droysen vier Modelle der Präsentation historischer Erkenntnis nach deren <em>Vorgehensweise</em>:</span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;"><span style="font-size: 13.2px;">a) Die<em> untersuchende Darstellung</em>, die einen Forschungsvorgang abbildet, um dessen Resultat publikumsattraktiv mitzuteilen und deren kommunikative Qualität auf dem Aufbau von Spannung beruht. Dabei muss es sich nicht um den tatsächlich abgelaufenen Forschungsprozess handeln. &#8220;Sie ist nicht ein Referat oder Protokoll von dem Verlauf der wirklichen Untersuchung mit Einschluss ihrer Fehlgriffe, Verirrungen und Erfolglosigkeiten [das erinnert wieder an Popper!], sondern sie verfährt, als sei das in der Untersuchung endlich Gefundene noch erst zu finden oder zu suchen. Sie ist eine Mimesis des Suchens oder Findens (…).&#8221; (Bd. 1, 446)</span></span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;">b) Die<em> erzählende Darstellung</em>, die den Entstehungsprozess des Forschungsgegenstandes abbildet: &#8220;Nur scheinbar sprechen hier die &#8216;Tatsachen&#8217; selbst, allein, ausschließlich, &#8216;objektiv&#8217;. Sie wären stumm ohne den Erzähler, der sie sprechen läßt. Nicht die &#8216;Objektivität&#8217; ist der beste Ruhm des Historikers. Seine Gerechtigkeit ist, daß er zu verstehen sucht.&#8221; (Bd. 1, 446f.) Da dies das zentrale, weil die konstitutive Eigenschaft der Gewordenheit von Kulturphänomenen betonende Modell ist, fächert Droysen diesen &#8220;erzählenden&#8221; Typus weiter auf in eine &#8220;pragmatische&#8221;, eine &#8220;monographische&#8221;, eine &#8220;biographische&#8221; und schließlich eine &#8220;katastrophische&#8221; Darstellungsweise (vgl. Bd. 1, 447).</span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;">c) Die <em>didaktische Darstellung</em>, die das Erforschte gemäß dem von Droysen bevorzugten Typus des genetischen Gegenwartsbezugs in eine geschichtliche Kontinuität stellt und dadurch Lernstoff für die Gegenwart bereitstellt, dass sie deren Ursprünge in der Vergangenheit zeigt: &#8220;Lehrhaft ist die Geschichte nicht, weil sie Muster zur Nachahmung oder Regeln für die Wiederanwendung gibt, sondern dadurch, daß man sie im Geiste durchlebt und nachlebt&#8221; (Bd. 1, 447).</span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;">d) Die <em>diskussive Darstellung</em>, die eine Fülle erforschter historischer Aspekte auf eine aktuelle politische Frage fokussiert, um deren Diskussion anzureichern und vor Dogmatisierung zu schützen: &#8220;Jeder Staat hat seine Politik, innere wie äußere. Die Diskussion – auch in der Presse, im Staatsrat, im Parlament – ist um so zuverlässiger, je historischer sie ist, um so verderblicher, je mehr sie sich auf Doktrinen, auf idola theatri, fori, specus, tribus gründet.&#8221; (Bd. 1, 449)</span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;">Droysen war mit den ideologiekritischen Schriften Francis Bacons vertraut (vgl. Bacon 1990 sowie Krohn 2006). Wie sehr es ihm darauf ankam, dass auch die Geschichtswissenschaft und im weiteren Sinne alle historisch-hermeneutischen Geistes- und Kulturwissenschaften auf ihren sozialen Nutzen achten und dass sie diesen gegenüber der Gesellschaft, die ihn zu Recht einfordern kann, nachzuweisen verpflichtet sind, geht aus der Nachbemerkung hervor, die ihm zu der diskussiven Präsentationsweise einfällt:</span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;"><small>&#8220;Mit der letztgenannten Darstellungsform tritt unsere Wissenschaft in die weiten Gebiete ein, in denen sie nicht unterlassen darf, auch ihre Kompetenz zu begründen, – in gleicher Weise wie die Naturwissenschaften kein Bedenken tragen, ihre Geltung so weit zu betätigen, wie ihre Methoden sich verwendbar zeigen. (…) erst die ganze Fülle von Durchlebungen und Steigerungen, die sich in der Kontinuität der Geschichte summiert hat, gibt den da forschenden Geistern die Höhe und den Umfang ihrer Anschauungen und Gedanken, um so zu beobachten und zur Frage zu stellen, so zu kombinieren und zu schließen.&#8221; (Bd. 1, 449)</small></span><small></small></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;">Im Grunde ist Droysen mit seiner Typologie von <em>Darstellungsweisen </em>näher am Geschichtsjournalismus als später Nietzsche und heute Rüsen mit ihren an der <em>Struktur des Gegenwartsbezugs </em>orientierten Unterscheidungen von historischen Erzählweisen. Denn Droysen macht <em>kommunikative Prinzipien</em>, die unter Umständen auch ohne das Zwischenglied der Aktualität das Ankommen des Dargestellten beim Publikum erleichtern und die wir auch sonst als konstitutive Momente journalistischer Darstellungsweisen kennen, zu Kriterien seiner Unterscheidungen: Bei der untersuchenden Darstellung die <em>Spannung</em>, bei der biografisch-erzählenden Darstellung die <em>Personalisierung</em>, bei der diskussiven Darstellung die <em>Attraktivität der Interaktion</em> usw.</span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;"><br />
</span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;"><strong>4. Eine Vorlesung: Der Wert der Historik für Wissenschafts-kommunikation und Kommunikationswissenschaft</strong></span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;"><strong> </strong></span><span style="font-size: 13.2px;"><a href="http://www.rkm-journal.de/archives/3284"><img class="alignleft size-full wp-image-3284" title="Droysen2" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2010/06/Droysen2.jpg" alt="" width="160" height="226" /></a>Schließlich ist die Historik für die Kommunikations- und Medienwissenschaften aktuell, weil Droysen sie nicht als (Lehr-)Buch konzipiert und realisiert hat, was im 19. Jahrhundert durchaus möglich gewesen wäre, sondern als <em>Vorlesung</em>, d. h. als akademische Kommunikationsform, bei der <em>Anwesenheit</em> und <em>Mündlichkeit </em>als medialer Humus von Interaktivität, Spontaneität und Authentizität wirken und die Variabilität in der Zeitdimension, die Gewordenheit und Veränderbarkeit, die für alle Kulturproduktion charakteristisch ist, in besonderer Weise zum Ausdruck gebracht wird. Auch wenn Droysen Abrisse seiner Erkenntnistheorie der Geschichts- und darüber hinaus der ganzen Kulturwissenschaft zwischendurch und am Ende in Druck gebracht hat: es ist gut möglich, dass er die Form der Vorlesung wegen ihrer didaktischen und kommunikativen Vorteile bewusst gepflegt und absichtlich darauf verzichtet hat, seine Theorie jemals in ihrer ganzen Konkretion durch Details und Beispiele in Buchform festzuhalten. Leyh musste die erste vollständige Fassung im Band 1 mühsam aus den überlieferten handschriftlichen Manuskripten rekonstruieren, und Blanke steht mit den späteren Veränderungen für den noch nicht erschienenen, die Ausgabe in Zukunft krönenden Band 3 Ähnliches bevor.</span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;">In Droysens Gesamtwerk finden sich Passagen, in denen er sich nahezu emphatisch gegen die Vorstellung wendet, Historiker hätten nur gelehrte Bücher zu verfassen, und in denen er der Wissenschaft Respekt vor den Kommunikationsbedürfnissen des großen Publikums empfiehlt:</span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;"><small>&#8220;Ein Kollege riß neulich Nase und Mund auf, als er hörte, daß ich in der Historik auch der publizistischen Tätigkeit ihre Stelle anweise; er meinte mit Gervinus, daß man Historie nur studiere, um historische Bücher zu schreiben. Ich meine das gar nicht.&#8221; (Bd. 2.2, 397f.)</small></span><small></small></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;">Und an anderer Stelle, an der er sich ausdrücklich mit dem akademischen Genre der Vorlesung befasst, preist er dessen Verbindung mit praktischen Übungen, weil erst die konkrete Auseinandersetzung mit den Studierenden den (Geschichts-)Professor vor dogmatischer Erstarrung bewahre und dazu bringe, den in der Vorlesung dargebotenen Stoff den Bedürfnissen der Hörer anzupassen. Durch die Übungen gewinne</span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;"><small>&#8220;der Vortragende selbst (…) für seine Vorträge ein anderes Maaß; er wird es unthunlich finden, heut wie vor zwei, vier, sechs Jahren dieselben Sachen in denselben Formen vorzutragen; er wird die Freude und das Bedürfniß sehen, für die ihm so Entgegenkommenden – denn er kennt sie und ihr Arbeiten von den Uebungen her – das jedesmal Angemessene und bald für diesen, bald für jenen etwas, das ihm gerade förderlich sein kann, gelegentlich zu sagen. Er wird in den Uebungen mit den einzelnen verkehrend eine stete Controlle seiner academischen Vorträge und ihrer Wirkungen haben; und indem in den Uebungen von den Lernenden gleichsam die Initiative ausgeht, wird er sich ihnen gegenüber ohne den Nimbus seiner academischen Würde und die Unfehlbarkeit des Katheders mit seinen Stärken und auch seinen Schwächen im Wissen nur um so lebendiger mitbetheiligt fühlen. Und so ergiebt sich das wahre Verhältniß[,] das (…) zwischen dem Lehrer und dem Lernenden sein muß. Er arbeitet gemeinsam mit seinen jüngeren Freunden. Sie anregend wird er von ihnen nicht mindere Anregung empfangen; er wird mit ihnen und für sie weiter lernen. Und nur so lange man weiter lernt, kann man lehren.&#8221; (Bd. 2.2, 501)</small></span><small></small></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;">Indem Droysen Unmittelbarkeit und Wechselseitigkeit als entscheidende Vorteile des Seminars und der Vorlesung gegenüber dem Buch, der Mündlichkeit gegenüber der Schriftlichkeit in der Wissenschaftskommunikation hervorhebt, erweist sich seine Praxis der akademischen Lehre, die die Ausgabe von Leyh und Blanke als gedrucktes Surrogat zwangsläufig nur unvollkommen zu rekonstruieren vermag, gerade für die Kommunikations- und Medienwissenschaften als lehrreiches wissenschaftsgeschichtliches Modell. Werden doch von diesen Fächern unter dem modischen, aber ungenauen Rubrum &#8220;Web 2.0&#8243; neue Potenziale der Interaktivität und Spontaneität in der Massen- und Individualkommunikation</span> als signifikante Merkmale der digitalen Revolution erkannt.</p>
<p><a href="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2010/06/Bedeutung-der-Vorlesung-in-der-Wissenschaft.mp3" target="_blank">Audio: Die Bedeutung der Vorlesung als akademische Kommunikationsform</a></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;">Neu sind diese Potenziale freilich nur in der Fernkommunikation zwischen Abwesenden. Zwischen Anwesenden sind, wie eben das klassische Genre der akademischen Vorlesung zeigt, Dynamik und Variabilität, Unmittelbarkeit und Wechselseitigkeit der Kommunikation schon immer möglich gewesen. Die scharfe Trennung von privater und öffentlicher, Individual- und Massen-Kommunikation hat es hier nie gegeben. Es erscheint deshalb obsolet, ja schädlich, in der Hochschuldidaktik auf die intensive Verwendung digitaler Medien zu setzen, solange Anwesenheit von Lehrenden und Lernenden vorausgesetzt werden kann. Weil Vermittlung durch technische Medien, so viel neue Interaktivität und Spontaneität diese auch erlauben mögen, stets mit einem <em>relativen Mangel</em> an den von Droysen in Theorie und Praxis der akademischen Lehre akzentuierten Qualitäten behaftet bleibt, lohnt es sich gerade in den Geistes- und Kulturwissenschaften, deren gesellschaftlicher Nutzen von der Qualität ihrer Lehre abhängt, für das von defizitären öffentlichen Ressourcen bedrohte Prinzip der <em>Anwesenheit</em> in der Hochschuldidaktik zu kämpfen.</span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;">Andererseits ist nicht absehbar, auch in den Kommunikations- und Medienwissenschaften nicht, dass der Typus der durch Druck oder auf digitale Weise fixierten <em>Schriftpublikation</em> seine Bedeutung als <em>dominierendes Medium der Forschungskommunikation </em>und akademischen Qualifikation einbüßt. Im Gegenteil, die Flut schriftlicher Veröffentlichungen scheint auf der technischen Plattform Internet weiter anzuschwellen. Diese Praxis könnte durch die neuen audio-visuellen Medienpotenziale erweitert werden. Droysens Vorlesung, die von der Mündlichkeit des Vortrags gelebt hat, ließ sich nur durch Manuskripte überliefern und kann nur aus diesen schriftlichen &#8220;Überresten&#8221; wiederum schriftlich rekonstruiert und in Druckform für die geschichtstheoretische Forschung aufgearbeitet werden. Im 20. Jahrhundert sind Schrift und Druck durch neue Medien ergänzt worden, die Töne und bewegte Bilder speichern und übertragen und heute auf einer digitalen Grundlage stehen. Damit haben sich die Darstellungs-, Rezeptions- und Speicherungspotenziale auch in der Wissenschaft erheblich erweitert, was gerade von den historisch-hermeneutischen Fächern noch zu wenig genutzt wird.</span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;">Heute wäre es möglich, die 17 Varianten von Droysens Historik-Vorlesung digital aufzuzeichnen und zu überliefern, um ihre Entwicklung auch anhand der nicht schriftlich fixierten und sogar nonverbalen Anteile rekonstruierbar zu halten; und diese Rekonstruktion selbst könnte nicht schriftlich fixierte und sogar nonverbale Komponenten enthalten, die sich wiederum festhalten und tradieren ließen.</span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;">Die Zeit-&#8221;Schrift&#8221; <a href="http://www.rkm-journal.de" target="_blank">r:k:m</a> unternimmt mit Audiokommentaren wie bei dieser Klassikerrezension den Versuch, in Ergänzung zu den schriftlichen Buchbesprechungen auch die audio-visuellen Potenziale der Medienplattform Internet für die Wissenschaftskommunikation zu nutzen.</span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;"><strong>5. Theorie oder Philologie? Zur Ausgabe von Leyh und Blanke</strong></span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;"><strong> </strong></span><span style="font-size: 13.2px;">Was die Edition betrifft, ist zunächst der Mut des Verlags zu bewundern, das Projekt nach einer Unterbrechung von drei Jahrzehnten mit einem anderen Bearbeiter wieder aufzugreifen. In dieser langen Zeit haben nicht nur der digitale Medienumbruch, sondern auch (zumindest relativ) schrumpfende Erwerbungsetats das (akademische) Bibliothekswesen umgepflügt, hat neben anderen historisch-hermeneutischen Disziplinen auch die Geschichtswissenschaft (weiter) kulturelles Terrain verloren. Gepolstert wird das Wagnis des Verlags, erneut mit der akribischen Rekonstruktion des erkenntnistheoretischen Hauptwerks eines weithin vergessenen Historikers des 19. Jahrhunderts herauszukommen, allenfalls durch den Umstand, dass – jedenfalls gegenwärtig – keine wohlfeile Ausgabe der Historik im Buchhandel erhältlich ist.</span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;">Jörn Rüsen, der schon seine Dissertation in den 1960er Jahren der Geschichtstheorie Droysens gewidmet hatte, konnte hier als Spiritus rector wirken. Seiner  Beharrlichkeit ist die Fortsetzung der historisch-kritischen Ausgabe der Historik zu verdanken. Fraglich ist freilich, ob Rüsen in einem Vorwort ähnlich wie Leyh 1977 und Blanke heute darauf verzichten würde, die wissenschaftspolitische und gesellschaftliche Relevanz der Historik-Ausgabe zu reflektieren. Angesichts des Umstands, dass Droysens wie Rüsens Konzeption die Überzeugung zugrunde liegt, Geschichtswissenschaft müsse lebensdienlich sein, mutet diese Abstinenz befremdlich an.</span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;">Leyh hat 1977 immerhin erwähnt, dass Günter Birtsch 1972 in einer gemeinsam mit Rüsen veranstalteten Ausgabe von Droysen-Texten den Wunsch nach einer historisch-kritischen Gesamtausgabe der Historik geäußert hatte, &#8220;dem diese Edition nun Rechnung tragen soll.&#8221; (Bd. 1, XVI) Aus Leyhs umfangreichem Vorwort scheint mehr inhaltliche Partizipation an Droysens Gedankenwelt hervorzugehen als aus Blankes etwas frugalem, auf die Editionstechnik beschränktem Vorwort, wo die theoretische Verortung der edierten Texte auf die Zukunft und in eine Anmerkung verschoben wird, in der der Autor eigene Arbeiten zu anderen Geschichtstheoretikern des 18. und 19. Jahrhunderts aufführt. Dadurch erscheint diese &#8220;Verortung&#8221; mehr als eine textkritisch-philologische Forschermühe zur Geschichte der Geschichtsdidaktik als eine intellektuelle Aufgabe.</span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;"><a href="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2010/06/Entstehung-der-Bände-Unterschiede.mp3" target="_blank">Audio: Über die Entstehung der Historik-Bände</a><br />
</span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;">Kein Buch, auch keine historisch-kritische Ausgabe, ist völlig frei von dem, was früher &#8220;Druckfehler&#8221; genannt wurde. Das gilt zumal in Zeiten der elektronisch gestützten Literaturproduktion. Hier sind es bemerkenswert wenige, und sie sind von geringer Bedeutung. Was aber bei der Lektüre gelegentlich stört, sind heute falsch erscheinende, teilweise sogar sinnentstellende Schreibungen, die beide Herausgeber, Blanke wie Leyh, mit der philologischen Pedanterie, zu der eine historisch-kritische Ausgabe verpflichtet ist, aus Droysens Handschriften übernommen haben.</span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;">Dass der seit 2007 in zwei Teilbänden vorliegende Band 2 sich von einer positivistischen Arbeitsweise weniger fernhält als der 1977 erschienene Band 1, worin möglicherweise Zeittypisches zum Ausdruck kommt, zeigt sich auch an der Auswahl der Texte. Wenn in Teilband 2.1 frühe Gedichte und private Briefe Droysens, bei denen der Herausgeber selbst eine zu großzügige Auswahl für möglich hält (vgl. Bd. 2.1, XV), dennoch der Publikation für Wert befunden werden, zeugt das ähnlich wie die ausführlichen schreibtechnischen Erläuterungen zu den fünf Handschriften-Faksimiles mehr von Affinität zu Materialreichtum und von Akribie als von theoretischem Interesse.</span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;">Eine gewisse, in dieselbe Richtung weisende Divergenz zwischen den beiden diachron voneinander getrennten Herausgebern zeigt sich auch daran, dass Leyh mit Band 1 den Schwerpunkt auf die handschriftliche Fassung der Vorlesung von 1857 gelegt hat, die die systematisch-geschichtsphilosophischen Anteile, welche im Zuge der zunehmenden Anpassung an die Lehrpraxis später ausgedünnt wurden, vollständig enthält, während Leyh nach einem zweiten Band &#8220;Materialien zur Entwicklungsgeschichte von Droysens Theorie der Geschichtswissenschaft&#8221;, den Blanke in &#8220;Texte im Umkreis der Historik&#8221; umbenannt hat, in Band 3 nur noch einen philologischen Apparat bieten wollte. Blanke dagegen will in seinem geplanten, vom Verlag angekündigten dritten Band, wiederum in zwei Teilbänden, nun auch noch eine vollständige &#8220;Historik letzter Hand&#8221; aus &#8220;den spätesten auto- und apographischen  Überlieferungen der <em>Historik</em>-Vorlesungen&#8221; (Klappentext zu Bd. 2.1) rekonstruieren, darunter wohl auch einer Mit- oder Nachschrift des Studenten Friedrich Meinecke.</span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;">Leyh hat die Rekonstruktion einer &#8220;Historik letzter Hand&#8221; 1977 ausdrücklich abgelehnt, hauptsächlich mit dem Argument, die &#8220;Systematik&#8221; sei &#8220;im Kolleg von 1882/83 sehr stiefmütterlich behandelt&#8221; worden:</span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;"><small>&#8220;Es gilt (…), an der eigentlichen Intention Droysens, wie sie im &#8216;Grundriß&#8217; ausgestaltet ist, gegen seine Konzessionen an den Lehrbetrieb festzuhalten, anders gesagt, die Wissenschaftskonzeption Droysens in ihrer fortdauernden wissenschaftsgeschichtlichen Bedeutung gegen die ephemere hochschuldidaktische Praxis zu behaupten, die zwar wissenschaftshistorisch aufschlußreich ist, aber erst vom wissenschaftstheoretischen Interesse an der &#8216;Historik&#8217; aus in den Blick kommt.&#8221; (Bd. 1, XVIIf.)</small></span><small></small></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;">In der Fortsetzung der Ausgabe durch Blanke hat, so scheint mir, nun der fachgeschichtliche Aspekt die Oberhand gewonnen, der für die Kommunikations- und Medienwissenschaften wie für die Kulturwissenschaften im Allgemeinen nur von geringem Interesse ist. Gut, dass auch Leyhs erster Band noch erhältlich ist, sodass die drei kulturtheoretischen Aspekte, die oben erläutert wurden, in der gesamten Ausgabe noch hinreichend greifbar sind. Auch das mag das Risiko des Verlags verringern, wenn man bei Frommann-Holzboog nicht bewusst auf die weitere Ausdifferenzierung und (Über-)Spezialisierung im Wissenschaftssystem setzt, die heute überall zu beobachten ist. Wenn nicht ökonomisch, so hat sich das Wagnis des Verlags jedenfalls heuristisch gelohnt, kann die Ausgabe doch als Anschauungsmaterial für eine allgemeine Entwicklung betrachtet werden, die einem Denken in der Tradition Droysens nicht unbedingt Freude machen muss.</span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;"><a href="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2010/06/Die-Unterschiede-der-Bände.mp3" target="_blank">Audio: Die prägnantesten Unterschiede zwischen den Ausgaben</a><br />
</span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;">Detailtreue und Akribie haben aber auch ihr Gutes. Dass Blanke die von Leyh ursprünglich wohl nur auf drei Bände angelegte Ausgabe um ein Supplement erweitert hat, das zu Lebzeiten erschienene Werke Droysens, mehrere (Teil-)Nachlässe und sonstige Autografen, Bildnisse Droysens sowie ausgewählte Sekundärliteratur zu Person und Werk dieses – jedenfalls für die geschichts- und kulturwissenschaftliche Erkenntnistheorie – wichtigsten Historikers des 19. Jahrhunderts verzeichnet, ist nicht nur für weitere fachgeschichtliche Forschungen, sondern auch für den zukünftigen <em>geschichtstheoretischen Diskurs</em> außerordentlich nützlich. Auch wenn es Blanke offensichtlich mehr auf Vollständigkeit als auf Überblick, mehr auf Richtigkeit als auf Relevanz ankommt, hat er mit der Fortsetzung der historisch-kritischen Historik-Ausgabe dem dürftig gewordenen Nachdenken über Sinn und Zweck der Geschichtswissenschaft einen wichtigen Dienst erwiesen. Hoffen wir, dass dieses Nachdenken weitergeht oder, wo nötig, wieder in Gang kommt.</span></p>
<p><span style="font-size: 13.2px;"><em>Literatur</em>:</span></p>
<ul>
<li>Bacon, F.: <em>Neues Organon</em>. Herausgegeben vom Wolfgang Krohn, 2 Bände. Hamburg [Felix Meiner Verlag] 1990.</li>
<li>Habermas, J.: „Erkenntnis und Interesse“. In: <em>Merkur</em> 213, S. 1139-1153.</li>
<li>Hilberg, R.: <em>Die Quellen des Holocaust</em>. Frankfurt am Main [S. Fischer] 2002.</li>
<li>Krohn, W.: <em>Francis Bacon</em>. München [Verlag C. H. Beck] 2. Aufl. 2006.</li>
<li>Maletzke, G.: „Erlebte Kommunikationswissenschaft im Rückblick“. In: Kutsch, A.; Pöttker, H. (Hrsg.): <em>Kommunikationswissenschaft – autobiographisch</em>.  (= <em>Publizistik</em>, Sonderheft 1) Opladen [Westdeutscher Verlag]  1997, S. 110-119.</li>
<li>Nietzsche, F.: <em>Vom Nutzen und Nachteil die Historie für das Leben.</em> Mit einem Nachwort von Hans Freyer. Leipzig [Insel] 1937.</li>
<li>Popper, K. R.: <em>Logik der Forschung</em>. Wien [Springer] 1934.</li>
<li>Popper, K. R.: <em>Das Elend des Historizismus</em>. Tübingen [Mohr Siebeck] 1965.</li>
<li>Pöttker, H.: „Aktualität und Vergangenheit. Zur Qualität von Geschichtsjournalismus“. In: Bentele, G.; Haller, M. (Hrsg.): <em>Aktuelle Entstehung von Öffentlichkeit. </em>Schriftenreihe der DGPuK, Band 24. Konstanz [UVK] 1997, S. 335-346.</li>
<li>Pöttker, H.: „Soziale Integration“. In: Geißler, R; Pöttker, H. (Hrsg.): <em>Massenmedien und die Integration ethnischer Minderheiten in Deutschland</em>. Bielefeld [Transcript Verlag] 2005, S. 25-43.</li>
<li>Rüsen, J.: <em>Zeit und Sinn. Strategien historischen Denkens.</em> Frankfurt am Main [S. Fischer] 1990.</li>
<li>Spinner, H. F.: „Zur Soziologie des Rezensionswesens“. In: <em>Soziologie. Mitteilungsblatt der Deutschen Gesellschaft für Soziologie</em> 1, S. 49-78.</li>
</ul>
<p><em>Links</em>:</p>
<ul>
<li><a href="http://www.frommann-holzboog.de/site/index_autoren_az.php" target="_blank">Verlagsinformationen zu den Historik-Ausgaben</a></li>
<li><a href="http://www.kulturwissenschaften.de/home/profil-hblanke.html" target="_blank">Webpräsenz von Horst Walter Blanke am Kulturwissenschaftlichen Institut Essen</a></li>
<li><a href="http://www.journalistik-dortmund.de/prof.-dr.-phil.-horst-pottker.html" target="_blank">Webpräsenz von Horst Pöttker an der Technischen Universität Dortmund</a></li>
</ul>
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		<title>&#8220;Nur dem, der das Glück verachtet, wird Erkenntnis&#8221;</title>
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		<pubDate>Tue, 16 Feb 2010 09:51:44 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[<em>Wiedergelesen von Jens Loenhoff</em>

<a href="http://www.rkm-journal.de/archives/1865"><img class="alignleft size-full wp-image-2168" title="shannon&#38;weaver1949" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2010/01/shannonweaver1949.jpg" alt="" width="160" height="240" /></a>Was von Georg Trakl ernst gemeint aufs Leben bezogen, schien für Kommunikations- und Sprachwissenschaft lange nicht zu gelten, leistete diese sich doch das Glück der Entlastung vom Komplexen. Dazu verhalf ein Buch, das wie kaum ein anderes in den zuständigen Disziplinen Geschichte machte: <em>The Mathematical Theory of Communication</em> von Claude E. Shannon und Warren Weaver. An keiner naturwissenschaftlichen Theorie haben sich die Sozialwissenschaften nach dem zweiten Weltkrieg so stark orientiert, keine Theorie ist so sehr auf beliebige Gegenstände verallgemeinert und so ausgiebig popularisiert worden. Noch in einem 1956 erschienenen Artikel bekräftigt Claude E. Shannon seine Warnung, den Informationsbegriff nicht auf interpersonelle Kommunikation zu übertragen, doch diese Mahnung verhallte, wie wir heute wissen, ungehört – auch und gerade dort, wo man es hätte besser wissen können. <a href="http://www.rkm-journal.de/archives/1865">[Mehr]</a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Wiedergelesen von Jens Loenhoff</em></p>
<p><a href="http://www.rkm-journal.de/archives/1865"><img class="alignleft size-full wp-image-2168" title="shannon&amp;weaver1949" src="http://www.rkm-journal.de/wp-content/uploads/2010/01/shannonweaver1949.jpg" alt="" width="160" height="240" /></a>Was von Georg Trakl ernst gemeint aufs Leben bezogen, schien für Kommunikations- und Sprachwissenschaft lange nicht zu gelten, leistete diese sich doch das Glück der Entlastung vom Komplexen. Dazu verhalf ein Buch, das wie kaum ein anderes in den zuständigen Disziplinen Geschichte machte: <em>The Mathematical Theory of Communication</em> von Claude E. Shannon und Warren Weaver. An keiner naturwissenschaftlichen Theorie haben sich die Sozialwissenschaften nach dem zweiten Weltkrieg so stark orientiert, keine Theorie ist so sehr auf beliebige Gegenstände verallgemeinert und so ausgiebig popularisiert worden. Noch in einem 1956 erschienenen Artikel bekräftigt Claude E. Shannon seine Warnung, den Informationsbegriff nicht auf interpersonelle Kommunikation zu übertragen, doch diese Mahnung verhallte, wie wir heute wissen, ungehört – auch und gerade dort, wo man es hätte besser wissen können.</p>
<p><strong>Vorgeschichten</strong></p>
<p>Die Ur- und Frühgeschichte der Informationstheorie steht in engem Zusammenhang mit der Entwicklung der kinetischen Gastheorie und der damit verbundenen Wärmelehre. James C. Maxwell (1831-1879) sieht sich als erster Wissenschaftler genötigt, statistische Begriffe in die Physik einzuführen, da sich die Eigenschaften von Gasen aufgrund der starken Bewegung ihrer Moleküle nur stochastisch, das heißt durch Angabe von Wahrscheinlichkeiten mathematisch darstellen lassen. So kann die statistische Verteilung die vollständige Kenntnis des jeweiligen Ortes der Gasmoleküle ersetzen. Etwa zeitgleich formuliert Rudolf Clausius (1822-1888) im Kontext seiner mechanischen Wärmetheorie den 2. Hauptsatz der Thermodynamik und prägt den Terminus &#8220;Entropie&#8221; als Maß für die Unzugänglichkeit von Energie. Ludwig Boltzmann (1844-1906), der einige der Vorhersagen Maxwells experimentell hatte bestätigen können, gibt dann den zeitasymmetrischen kinetischen Gleichungen mit der &#8220;H-Funktion&#8221; eine wahrscheinlichkeitstheoretische Grundlage. Die die Thermodynamik bestimmenden beiden Hauptsätze, auf die sich fortan alle diesbezüglichen Beiträge beziehen, lauten schließlich: 1) &#8220;In jedem geschlossenen System bleibt die Energiemenge bewahrt&#8221;; und 2) &#8220;In jedem geschlossenen System bleibt die Entropie konstant oder verändert sich&#8221;. Minimale Entropie bedeutet folglich einen minimalen Grad von Unordnung (beziehungsweise einen maximalen Grad von Ordnung) und damit schließlich maximale Information über die Gruppierung der einzelnen Moleküle im System. Maximale Entropie bedeutet demgegenüber einen maximalen Grad von Unordnung (beziehungsweise einen minimalen Grad von Ordnung) und damit schließlich minimale Information über die Gruppierung der einzelnen Moleküle im System. Für den Zustand eines Gases bedeutet maximale Entropie folglich, dass überall die gleiche Wahrscheinlichkeit des Vorkommens bestimmter Moleküle besteht und keine Umkehr dieses Zustandes in ungleiche Wahrscheinlichkeiten möglich ist. Bereits hier drängt sich die Analogie auf: Wenn in den statistischen Gleichungen der Thermodynamik Entropie eine Wahrscheinlichkeitsfunktion der Partikel eines Gases ist, könnte dieser Ausdruck in der Kommunikationstheorie als Terminus für eine Wahrscheinlichkeitsfunktion der Zustände einer Nachrichtenquelle eingeführt werden.</p>
<p><strong>Shannons Theorie und ihr Anspruch </strong></p>
<p>Den ersten nachrichtentechnisch motivierten Ansatz zu einer mathematisch-statistischen Kommunikationstheorie unternahm Ralph V.L. Hartley (1888-1951). 1928 publiziert er eine Arbeit über die statistische Interpretation einer Nachricht als einer aufeinanderfolgenden Selektion aus einem festgelegten Signalvorrat.<sup class='footnote'><a href='#fn-1865-1' id='fnref-1865-1'>1</a></sup>  Zwar nimmt er Wesentliches der späteren Theorie vorweg, doch stellt sich aufgrund fehlender Rezeptions-bedingungen über sein nachrichten-technisches Umfeld hinaus keine Resonanz ein. Zehn Jahre später veröffentlicht der noch unbekannte Claude E. Shannon (1916-2001), ein Schüler Norbert Wieners (1894-1964) am <a href="http://mit.edu/" target="_blank">Massachusetts Institute of Technology</a> (MIT), in den <em>Transactions of the American Institute of Electronic Engineers </em>einen Beitrag über Möglichkeiten der Digitalisierbarkeit logischer Terme (vgl. Shannon 1938). Im Juli und Oktober 1948 folgen dann zwei Aufsätze im <em>Bell System Technical Journal </em>mit dem Titel &#8220;A Mathematical Theory of Communication&#8221;, in denen Shannon neben zahlreichen anderen Ableitungen eine mathematische Formel präsentiert, mit der sich die minimale Anzahl binärer Operationen zur Identifikation eines Elementes innerhalb eines stets von Elementen einer bekannten Verteilung genau berechnen lässt. Doch erst als ein Jahr nach Erscheinen von Shannons Aufsatz die <a href="http://www.press.uillinois.edu/" target="_blank">University of Illinois Press</a> eine erweiterte Fassung zusammen mit Warren Weavers (1894-1978) ungleich kürzerem, aber um so folgenreicherem Teil &#8220;Recent Contributions to the Mathematical Theory of Communication&#8221; herausbrachte, beginnt deren Erfolgsgeschichte.<sup class='footnote'><a href='#fn-1865-2' id='fnref-1865-2'>2</a></sup></p>
<p>Shannons primäre Absicht war es zunächst, die Verhältnisse von statistischen Charakteristika eines Codes und dem Grad der Wahrscheinlichkeit, mit der Signale einen Kanal durchlaufen, genau zu bestimmen. Das mathematisch zu lösende Problem liegt in der Frage, wie durch Kenntnis der statistischen Eigenschaften der Quelle die Codierung von Nachrichten so optimiert werden kann, dass die benötigte Kanalkapazität reduziert werden kann (Shannon 1949: 10ff.). Folgende Aussagen bilden zunächst den systematischen Gehalt der Theorie Shannons:</p>
<ol>
<li>Es besteht eine endliche Zahl von (unterscheidbaren) Signalen, wobei jedem Signal eine mathematisch präzisierte Wahrscheinlichkeit seines Auftretens (beziehungsweise Gesendetwerdens) zugewiesen ist.</li>
<li>Dem Empfänger ist die gesamte Menge der übertragbaren Signale einschließlich der Sendewahrscheinlichkeiten bekannt.</li>
<li>Da eine vollkommen störungsfreie Übertragung der Signale technisch unmöglich ist, kann der Empfänger – abhängig von der Störanfälligkeit des Kanals (&#8220;noise&#8221;) – andere Signale als die gesendeten empfangen.</li>
<li>Es lässt sich berechnen, wie sich Signale so codieren lassen, dass Störungen in einem Übertragungskanal auf ein Minimum reduziert bleiben. Alle definierten Informationsmaße sind auf Sendewahrscheinlichkeiten und diese Störungsminimierung bezogen.</li>
<li>Es besteht ein inverses Verhältnis von Unsicherheit und Sendewahrscheinlichkeit, das heißt ein Signal hat einen umso größeren Informationswert, je kleiner die Wahrscheinlichkeit ist, dass es zu einem bestimmten Zeitpunkt gesendet wird.</li>
</ol>
<p>Es sind also insgesamt drei Kernprobleme der Signalübertragung, die von der mathematischen Theorie der Kommunikation aufeinander bezogen und befriedigend gelöst werden sollten, nämlich 1) das Problem der Codierung, 2) das Problem der Kanalkapazität und schließlich 3) das Problem des &#8220;Rauschens&#8221;. Die Codierung legt als Zuordnung von Elementen nach einer entsprechenden Zuordnungsregel alle überhaupt möglichen Kombinationen fest. &#8220;Noise&#8221; beziehungsweise &#8220;Rauschen&#8221; kann dadurch die Signalübertragung beeinträchtigen, dass Elemente bei der Übertragung verloren gehen oder in andere Elemente transformiert werden. &#8220;Noise&#8221; entsteht immer nur dann, wenn die Fehler nicht systematisch und deshalb unvorhersagbar sind. Der Terminus &#8220;noise&#8221; bezieht sich ausschließlich auf zufällige Veränderungen des Signals. Rauschen erhöht zwar die Ungewissheit eines Beobachters hinsichtlich der Frage, welche Botschaft gesendet wird, hat aber keinen Effekt auf die Entropie (<em>H</em>) als der Verteilung der Elemente des Codes, aus denen sich die Botschaft zusammensetzt, und der mit diesem spezifischen Sachverhalt verbundenen <em>statistischen </em>Unsicherheit. Die mit den statistischen Eigenschaften des Codes verbundene Unsicherheit betrifft das erwartete Maß der Verteilung der Elemente in einer typisch codierten Nachricht. Die mit dem Rauschen im Übertragungskanal verbundene Unsicherheit betrifft hingegen die Wahrscheinlichkeit, mit der ein empfangenes Element einer Nachricht mit dem gesendeten identisch ist. Dies sind, wie unschwer zu erkennen ist, zwei vollkommen verschiedene Sachverhalte. Und was hinsichtlich der Rezeption von Shannons Theorie noch viel bedeutsamer ist: Bei dem, was informationstheoretisch &#8220;Unsicherheit&#8221; heißt, handelt es sich um die mathematisch-statistische Wahrscheinlichkeit des empfängerseitigen Auftretens von Signalen. Dies hat nichts zu tun mit Wissen, Erwartung, Hoffnung eines personalen Empfängers, dass gerade ein bestimmtes Signal empfangen wird.</p>
<p>Die bisher formulierten Aussagen gelten zunächst nur unter der Annahme der gleichen Auftretenswahrscheinlichkeit von Signalen. Diese kann allerdings differieren und vom Auftreten eines vorhergehenden Signals abhängen, sodass die entsprechenden Übergangswahrscheinlichkeiten (&#8220;transition probabilities <em>p<sub>i </sub></em>(<em>j</em>)&#8221;) in die stochastische Berechnung des Informationsgehaltes einer Nachricht eingehen müssen. In der Telegrafie betrifft dies etwa Buchstabenfolgen, die schon deshalb nicht vollkommen zufällig auftreten, weil die Wahrscheinlichkeit, dass zum Beispiel in einer germanischen oder romanischen Sprache auf den Buchstaben V ein X oder ein Z folgt, geringer ist als die, dass ein Vokal folgt. Diesen Überlegungen ist schließlich die so genannte &#8220;Entropieformel&#8221; geschuldet, die auf der Basis einer logarithmischen Operation und anhand der Zahl der &#8220;bits&#8221; (<em>H</em>) die durchschnittliche Auftretenswahrscheinlichkeit eines Elementes aus dem Set angibt.<sup class='footnote'><a href='#fn-1865-3' id='fnref-1865-3'>3</a></sup>  Shannon definiert Entropie wie folgt:</p>
<blockquote><p><small>&#8220;Quantities of the form <em>H</em> = &#8211; ∑ <em>p<sub>i</sub></em> log <em>p<sub>i</sub></em> (…) play a central role in information theory as measures of information, choice and uncertainty. The form <em>H</em> will be recognized as that of entropy as defined in certain formulations in statistical mechanics where <em>p<sub>i</sub></em> is the probability of a system being in cell <em><sub>i</sub></em> of its phase space.<em> H</em> is then, for example, the <em>H</em> in Boltzmann’s famous<em> H</em> theorem. We shall call <em>H</em> = &#8211; ∑ <em>p<sub>i</sub> </em>log <em>p<sub>i</sub></em> the entropy of the set of probabilities <em>p<sub>i</sub></em> ּּּ, <em>p<sub>n</sub></em> (…). The quantity <em>H</em> has a number of interesting properties which further substantiate it as a reasonable measure of choice or information.&#8221; (Shannon 1949: 20)<sup class='footnote'><a href='#fn-1865-4' id='fnref-1865-4'>4</a></sup></small></p></blockquote>
<p><small></small><br />
Informationsmaße betreffen mithin Wahrscheinlichkeitswerte des Eintretens spezifischer Ereignisse. Daraus ergibt sich zunächst, dass einer geringen Auftretenswahrscheinlichkeit ein hoher Informationswert und umgekehrt einer hohen Auftretenswahrscheinlichkeit ein geringer Informationswert zukommt. Der Informationsgehalt einer Nachricht entspricht folglich dem Maß für denjenigen Aufwand, der zur Klassifizierung der gesendeten Zeichen auf der Grundlage der Binärentscheidung (&#8220;ja/nein&#8221; beziehungsweise &#8220;an/aus&#8221;) erforderlich ist. Negative Entropie oder auch &#8220;Negentropie&#8221; bestimmt sich als Abstand von der aktuellen zur potenziell maximalen in einem geschlossenen System erreichbaren Entropie (-<em>H</em> =  ∑ <em>p<sub>i</sub> </em>log <em>p<sub>i</sub></em>).<sup class='footnote'><a href='#fn-1865-5' id='fnref-1865-5'>5</a></sup></p>
<p>Ob allerdings Entropie überhaupt als Maß für den Grad an Ordnung (statt entropischer Unordnung) interpretiert werden kann, ist zunächst ausgesprochen fraglich. Die Ur- und Frühgeschichte der Vermutung einer Beziehung zwischen Entropie, Information und Wissen ist verschlungener, als große Teile der Sekundärliteratur in ihrer leichtfertigen Relationierung beider Größen suggerieren. Die übliche simplifizierende Gleichsetzung lautet zunächst wie folgt: Minimale Entropie bedeutet maximale Information. Ihr kognitives Korrelat auf Seiten des Beobachters ist als Wissen beziehungsweise Kenntnis bestimmbar. Maximale Entropie hingegen bedeutet minimale Information, ihr kognitives Korrelat auf Seiten eines Beobachters demgegenüber Unkenntnis beziehungsweise Unwissen. Was also vom Standpunkt des Beobachters als erhöhte Unkenntnis über Unterschiede erscheint, ist eine Wirkung der Zunahme von Entropie. Bereits im Kontext des Maxwell&#8217;schen Dämons war es zu einer Konfundierung von Entropie und Nichtwissen gekommen:</p>
<blockquote><p><small>&#8220;The suggestion is that if only our senses were sharp enough, we would be able to watch the individual motions of molecules (ignoring the problems this raises in quantum theory) and thereby testify to the true reversibility of all processes on this microscopic level. This quickly leads to the notion of entropy as a measure of our ignorance of the precise details of a process, an idea that has been developed.&#8221; (Coveney/Highfield 1990: 177)</small></p></blockquote>
<p><small></small><br />
Im Zuge seiner Popularisierung erscheint das Konzept der Entropie, das sich ursprünglich auf die Unzugänglichkeit von Energie bezog, als a) Information beziehungsweise Unwahrscheinlichkeit des Eintretens eines Ereignisses, b) Nichtwissen und schließlich c) Komplexität. Vor allem ist der Begriff der Entropie nur von scheinbarer Einfachheit. Deskriptiv als Maß für Unordnung sei er, wie bereits Cherry anmerkt, als &#8220;negative&#8221; Entropie mit dem der Information lediglich vergleichbar:</p>
<blockquote><p><small>&#8220;(…) the concept of entropy is one of considerable difficulty and a deceptively apparent simplicity. It is essentially a mathematical concept and the rules of its application are clearly laid down. (…) Information, then, is said to be &#8216;like&#8217; negative entropy. But any likeness that exists, exists between the mathematical descriptions which have been set up; between formulae and method.&#8221; (Cherry 1966: 216)<sup class='footnote'><a href='#fn-1865-6' id='fnref-1865-6'>6</a></sup></small></p></blockquote>
<p><small></small><br />
In der Tat kann Entropie (<em>H</em>) sehr Verschiedenes bedeuten. Sicher ist nur, dass ihr Wert mit der Zahl der Elemente zunimmt und am größten ist, wenn die Auftretenswahrscheinlichkeit eines jeden Elementes gleich groß ist, was zu verschiedenen Interpretationen von <em>H</em> als &#8220;Varianz&#8221;, &#8220;Information&#8221;, &#8220;Unvorhersagbarkeit&#8221;, &#8220;Bedeutung&#8221; bis hin zu &#8220;Komplexität&#8221; Anlass gegeben hat. Ordnung und Struktur verändern die Auftretenswahrscheinlichkeit. Insofern <em>kann </em>Entropie natürlich auch als ein Maß für Unordnung betrachtet werden, denn je organisierter das System, desto geringer wird der Wert von <em>H</em>. Entsprechend kommt Ritchie zu der Bewertung:</p>
<blockquote><p><small>&#8220;The greatest successes have been achieved in projects in which H does not necessarily have anything to do with information (…). At the very least, more extensive discussion of information and wider use of H in communication research have been discouraged by the continuing expectation that information and H should be somehow connected to each other, as they are in signal transmission theory&#8221; (Ritchie 1991: 8).<sup class='footnote'><a href='#fn-1865-7' id='fnref-1865-7'>7</a></sup></small></p></blockquote>
<p><small></small><br />
Wie immer man den Zusammenhang der Formalisierungen mathematisch interpretiert, ausschließlicher Bezugspunkt der Theorie Shannons ist die sukzessive Auswahl bestimmter Signale aus einem zuvor definierten (!) Signalvorrat. Die Abstinenz der Informationstheorie von der semantischen Ebene des Kommunikationsprozesses wird von Shannon denn auch explizit thematisiert:</p>
<blockquote><p><small>&#8220;The fundamental problem of communication is that of reproducing at one point either exactly or approximately a message selected at another point. Frequently the messages have <em>meaning</em>; that is they refer to or are correlated according to some system with certain physical or conceptual entities. These semantic aspects of communication are irrelevant to the engineering problem. The significant aspect is that the actual message is one <em>selected from a set</em> of possible messages.&#8221; (Shannon 1949: 3)</small></p></blockquote>
<p><small></small><br />
<strong>Weavers Kommentar </strong></p>
<p>Ein Jahr nach Erscheinen der beiden Artikel von Shannon veröffentlicht Warren Weaver in <em>Scientific American </em>eine kürzere Fassung des kurz darauf in die gemeinsame Publikation mit Shannon eingehenden Beitrages. Unter dem Titel &#8220;The Mathematics of Communication&#8221; weitet er den Anwendungsbereich der Informationstheorie über den nachrichtentechnischen Bereich so weit aus, dass damit der Anspruch erhoben wird, die Beschreibung weitgehend aller Formen symbolischer Prozesse mit informationstheoretischen Mitteln bewältigen zu können. Diese betreffen das Problem der Bedeutung der Information für Sender und Empfänger, also semantische Fragen im weitesten Sinn, und schließlich das Problem der Wirkungen der Information auf das Verhalten des Empfängers, also die pragmatische Dimension des Kommunikationsprozesses. Bereits hier liegt die Quelle aller späteren Missverständnisse und Fehldeutungen, denen die mathematische Theorie der Kommunikation in ihrer Interpretation als Theorie zwischenmenschlicher Kommunikation ausgesetzt gewesen ist. Aber lassen wir Weaver zunächst selbst zu Wort kommen:</p>
<blockquote><p><small>&#8220;The word <em>communication </em>will be used here in a very broad sense to include all of the procedures by which one mind may affect another. This, of course, involves not only written and oral speech, but also music, the pictorial arts, the theatre, the ballet, and in fact all human behavior.&#8221; (Weaver 1949b: 95)</small></p></blockquote>
<p><small></small><br />
Auf dieser Grundlage ordnet Weaver den Erklärungsanspruch der Theorie drei Ebenen zu, nämlich der Ebene A, die das technische Übertragungsproblem betrifft und die Frage aufwirft, wie genau Zeichen übertragen werden können; der Ebene B, die das semantische Problem betrifft und die Frage aufwirft, wie genau die übertragenen Zeichen der gewünschten Bedeutung entsprechen; und schließlich der Ebene C, die das Effektivitätsproblem betrifft und die Frage aufwirft, wie effektiv eine empfangene Nachricht das Verhalten in der (vom Sender) gewünschten Weise beeinflusst. Weaver weist darauf hin, dass sich Shannon nur auf das Problem der Ebene A beziehe, er aber noch ganz andere Zusammenhänge sehe:</p>
<blockquote><p><small>&#8220;Part of the significance of the new theory comes from the fact that levels B and C, above, can make use only of those signal accuracies which turn out to be possible when analyzed at Level A. Thus any limitations discovered in the theory at Level A necessarily apply to Levels B and C. But a larger part of the significance comes from the fact that the analysis at Level A discloses that this level overlaps the other levels more than one could possibly naively suspect. <em>Thus the theory of Level A is, at least to a significant degree, also a theory of Levels B and C.</em>&#8221; (Weaver 1949b: 95f. ; Hervorhebung von mir, J.L.)</small></p></blockquote>
<p><small></small><br />
Mit der expliziten Übertragung des Modells auf den Bereich kommunikativer Sinnerzeugung erhebt Weaver schließlich den Anspruch, eine Theorie zwischenmenschlicher Kommunikation formuliert zu haben. Dazu wird das Modell von Shannon so erweitert, dass die Informationsquelle mit dem Gehirn eines Sprechers identifiziert wird, der &#8220;transmitter&#8221; mit den Sprechorganen, der Übertragungskanal mit dem Medium Luft, der Empfänger mit dem auditiven Wahrnehmungssystem beziehungsweise dem Ohr eines Hörers und schließlich &#8220;destination&#8221; mit dessen Gehirn.<sup class='footnote'><a href='#fn-1865-8' id='fnref-1865-8'>8</a></sup>  Zwei weitere Ergänzungen sind hinsichtlich der Veränderung des Informationsbegriffs noch von entscheidender Bedeutung, nämlich die Einführung der senderseitigen Größe &#8220;semantic noise&#8221; sowie die des empfängerseitigen &#8220;semantic receiver&#8221;, der die Nachricht einer zweiten Decodierung unterwirft, durch die diese dann ihre Bedeutung erlangt:</p>
<blockquote><p><small>&#8220;This semantic receiver subjects the message to a second decoding, the demand on this one being that it must match the statistical <em>semantic </em>characteristics of the message to the statistical semantic capacities of the totality of receivers, or of that subset of receivers which constitute the audience one wishes to affect.&#8221; (Weaver 1949b: 115)</small></p></blockquote>
<p><small></small><br />
Zwar betont Weaver, diese Veränderungen stellten lediglich eine minimale Modifikation und keine wirkliche Korrektur der Modells dar, doch bedeuten sie die Überdehnung des Informationsbegriffs zu zwei unterschiedlichen Kategorien, da Weaver anhand der von ihm eingeführten Differenzierung zwischen &#8220;signal symbol&#8221; und &#8220;message symbol&#8221; (ebd. 1949b: 110ff.) es auch mit zwei Kategorien von Unwahrscheinlichkeit zu tun bekommt, von denen letztere auf den Prozess der Sinnverarbeitung bezogen ist. Hatte Shannon noch betont: &#8220;The concept of information developed in this theory […] has nothing to do with meaning&#8221; (Shannon 1949: 27), zeigt sich Weaver von dieser Beschränkung vollkommen unbeeindruckt und bemerkt hinsichtlich der explikativen Reichweite der Theorie euphorisch: &#8220;(&#8230;) one should say (&#8230;) that one is now, perhaps for the first time, ready for a real theory of meaning.&#8221; (Weaver 1949b: 116)</p>
<p>Vor allem leistet Weaver in seinem Kommentar der folgenreichen Interpretation statistischer Unwahrscheinlichkeit als kognitiver Ungewissheit Vorschub, indem er die statistische Varianz des Codes einfach mit der statistischen Varianz der Botschaft gleichsetzt und den Terminus &#8220;uncertainty&#8221; doppeldeutig verwendet:</p>
<blockquote><p><small>&#8220;It is generally true that when there is noise, the received signal exhibits greater information – or better, the received signal is selected out of a more varied set than is the transmitted signal. This is a situation which beautifully illustrates the semantic trap into which one can fall if he does not remember that ‘information’ is used here with a special meaning that measures freedom of choice and hence uncertainty as to what choice has been made. It is therefore possible for the word information to have either good or bad connotations. Uncertainty which arises by virtue of freedom of choice on the part of the sender is desirable uncertainty. Uncertainty which arises because of errors or because of the influence of noise, is undesirable uncertainty.&#8221; (Weaver 1949b: 109)</small></p></blockquote>
<p><small></small><br />
<strong>Zur Kritik an Weavers Modifikationen </strong></p>
<p>Aus systematischer Perspektive ist die von Weaver vorgenommene Übertragung des informationstheoretischen Modells auf den Prozess der zwischenmenschlichen Kommunikation zunächst wie folgt zu kritisieren:</p>
<ol>
<li>Die Theorie argumentiert durchgehend vom Standpunkt eines externen Beobachters. Einerseits wird die empirische Basis der Theorie auf extern beobachtbare und messbare Phänomene eingeschränkt, andererseits bleibt der geltungstheoretisch relevante Unterschied zwischen Beobachter- und Teilnehmerperspektive völlig unreflektiert.<sup class='footnote'><a href='#fn-1865-9' id='fnref-1865-9'>9</a></sup></li>
<li>Die empirischen Adäquatheitsbedingungen des Modells würden nur für den Fall gelten, in dem genau angegeben werden könnte, a) über welche Anzahl verschiedener Elemente ein Sprecher &#8220;verfügt&#8221; und b) welche Auftretenswahrscheinlichkeiten diesen Elementen jeweils zukommen. Gleiches müsste für den Hörer gelten.</li>
<li>Das Modell ignoriert die Rekursivität des Kommunikationsprozesses, das heißt der wechselseitigen und gleichzeitigen Verhaltenssteuerung von Sprecher und Hörer; es ist ein eindimensionales und lineares, die Aktivitäten des Hörers und die Möglichkeit des Sprecherwechsels ausklammerndes Ausdrucksmodell. Die Information hängt ausschließlich von der Sendewahrscheinlichkeit ab, Entropie ist stets Quellenentropie.</li>
<li> So wenig, wie die H-Funktion der Thermodynamik sich auf ein einziges Gasmolekül bezieht, sondern stets auf eine <em>Menge von Daten</em>, so wenig referiert die Entropieformel der Informationstheorie auf eine einzige Nachricht, sondern auf die Gesamtverteilung der Elemente des Codes und nicht auf die Verteilung in einer bestimmten Botschaft.</li>
<li>Das Modell vernachlässigt den situativen Kontext und seine Relevanzstruktur als einer für den Mitteilungsprozess konstitutiven Größe. Von dieser Relevanz hängt ab, welche Ereignisse für die Beteiligten überhaupt Informationswert haben.</li>
<li>Das Modell abstrahiert von der Zeit als einer für alle Kommunikation knappen Ressource und den damit verbundenen Steuerungs- und Strukturierungseffekten. Spezifische temporale Strukturen des Prozesses bleiben unerkannt, da die Informationstheorie suggeriert, die Zeit stünde still.</li>
<li>Das Modell verfehlt die mit der prinzipiellen Interpretationsoffenheit symbolischer Ausdrücke verbundenen Charakteristika des Kommunikationsprozesses. Die diesbezüglich motivierte Einführung von &#8220;semantic noise&#8221; und &#8220;semantic receiver&#8221; hat in dieser Hinsicht keinen Aussagewert. Informationstheoretisch modellierte Kommunikationssysteme können sich nicht auf sinnverarbeitende Systeme und ihre konnotativ-selbstbezüglichen Strukturen beziehen.</li>
<li>Durch die mangelnde Differenzierung zwischen fundierendem Signalprozess und emergierender Sinnebene beziehungsweise zwischen &#8220;Träger- und Hauptinformation&#8221; (Ungeheuer 1972) wird suggeriert, mit den Signalen könne auch semantische Information transportiert werden. Auftretenswahrscheinlichkeiten von Signalen und Auftretenswahrscheinlichkeiten von Bedeutungen werden unzulässig konfundiert. Dadurch wird auf der Ebene kommunikativer Sinnverarbeitung Information mit Reduktion von kognitiver (!) Unsicherheit auf Seiten des Empfängers identifiziert. Die hier entscheidende Frage nach dem supervenienten Verhältnis von Signal und Botschaft beziehungsweise von Signalverarbeitung und Sinnverarbeitung kann im Kontext der Informationstheorie nicht einmal formuliert, geschweige denn beantwortet werden.</li>
<li>Durch seine Indifferenz gegenüber den semiotischen Spezifika der Kommunikationsmittel übersieht das Modell die mit der Materialität der Kommunikation verbundenen Varianzquellen.</li>
</ol>
<p><strong>Rezeption der Informationstheorie in der Kommunikationsforschung</strong></p>
<p>Trotz Shannons gut begründeter Vorbehalte haben Weavers Ergänzungen zu zahlreichen Versuchen geführt, den Informationsbegriff als Fundamentalbegriff der Kommunikationstheorie im engeren Sinn zu gewinnen. Dazu dürfte vor allem auch der Umstand beigetragen haben, dass die meisten Sozialwissenschaftler die Informationstheorie überhaupt nur in ihrer Kommentierung durch Weaver zur Kenntnis genommen haben.<sup class='footnote'><a href='#fn-1865-10' id='fnref-1865-10'>10</a></sup>  Die Ausweitung der Informationstheorie über ihren konkreten Anwendungsbereich hinaus begann bereits mit einer folgenschweren Unklarheit durch Hartley, der sich zwar im Zusammenhang mit seinen statistischen Informationsmaßen von semantischen Konnotationen absetzen wollte, aber mit der Verwendung des Terminus &#8220;Informationsgehalt&#8221; den Eindruck entstehen ließ, es ginge um mitgeteilte Aussagen über reale Prozesse. Angesichts des Umstandes, dass der Informationsbegriff von Shannon, wie er in den Publikationen von 1948 und 1949 entfaltet wird, explizit die restriktiven Voraussetzungen seiner Anwendbarkeit benennt, ist die Popularität des informationstheoretischen Sender-Empfänger-Modells weniger der Effekt terminologischer Nachlässigkeit als vielmehr einer im Dienst programmatisch-theoriepolitischer Interessen stehenden &#8220;theoretischen Generalisierung&#8221;, wie Müller (1996) präzise herausgearbeitet hat. Gestützt auf ein Netz von Institutionen und eine spezifische Strategie begrifflicher Verallgemeinerungen konnte die Informationstheorie allerdings nur deshalb so stark an Bedeutung gewinnen, weil sie von den grundbegrifflichen und methodischen Verknüpfungsmöglichkeiten mit der Kybernetik und der allgemeinen Systemtheorie profitierte. Mithilfe der Informationstheorie konnte sich der Systembegriff überhaupt erst von den materialen Analogien der Biologie emanzipieren und seine Generalisierung betreiben. Umgekehrt erlaubte erst die Kybernetik eine Bezugnahme des mathematisch definierten Informationsbegriffs auf komplexere Formen von Kausalität, womit sie einen Anspruch als realwissenschaftliche Methodologie erheben konnte. Treffend formuliert denn auch Müller:</p>
<blockquote><p><small>&#8220;Der Informationsbegriff wird hier nicht mehr im präzisen Sinn seiner Anwendungsbedingungen, sondern als metaphorisch überdehntes Konzept verwendet, von dem man sich interdisziplinäre ‚Abstraktionsgewinne’ erhofft, ohne noch die disziplinären – und das heißt wohl auch: die Disziplin theoretischer Vorleistungen aufbringen zu wollen.&#8221; (Müller 1996: 121)</small></p></blockquote>
<p><small></small><br />
Die Wirkungen der Informationstheorie vor allem auf den sprach- und kommunikationstheoretischen Diskurs sind kaum zu überschätzen, selbst wenn in der zeitgenössischen Forschung weitgehend Einigkeit über ihre mangelnde Leistungsfähigkeit für den Bereich zwischenmenschlicher Verständigung überwiegt. Zwar ist dem Potenzial der Resonanzerzeugung weitgehende Skepsis gefolgt (vgl. zum Beispiel Reddy 1979, Krippendorf 1994), doch fungiert das Sender-Empfänger-Modell Shannons immer noch als attraktivere Referenzgröße kommunikationstheoretischer Positionierungen als andere, der Beschreibung des Kommunikationsprozesses wesentlich angemessenere S-E-Modelle (etwa bei Bühler 1978).<sup class='footnote'><a href='#fn-1865-11' id='fnref-1865-11'>11</a></sup>  Andererseits folgt dem allenthalben verkündeten Credo, sich gegenüber dem informationstheoretischen Transportmodell abzugrenzen, seine nachgerade besinnungslose terminologische Ausbeutung. Diese ambivalente Haltung kennzeichnet sowohl die Rezeption bei Bateson (1963) oder Flusser (1992), den Radikalen Konstruktivismus und insbesondere die metaphorische Strapazierung informationstheoretischer Kategorien durch die Theorie sozialer Systeme und ihre Vertreter (Luhmann 1984; Baecker 1999).<sup class='footnote'><a href='#fn-1865-12' id='fnref-1865-12'>12</a></sup>  Neben die weitverbreitete vorbehaltlose Akzeptanz und ihre Artikulation durch zahlreiche Kongresse, die eine Art informationstheoretisches Delirium auslösten, gesellte sich denn auch Kritik. Vor allem angesehene Theoretiker wie Cherry (1955, 1961, 1966), Bar-Hillel (1953, 1955) oder MacKay (1969) zeigen sich nach anfänglicher Begeisterung skeptisch; im deutschen Sprachraum kritisiert Meyer-Eppler (1959) die Anwendung des Informationsbegriffs außerhalb mathematischer Zusammenhänge. Vor allem Ungeheuer führt in zahlreichen Aufsätzen die Informationstheorie als einen kommunikationstheoretisch insuffizienten Ansatz vor (vgl. Ungeheuer 1972, 1974, 1977, 2004). Wer unter Verweis auf naturwissenschaftliche Erklärungsprogramme die Dignität eigener Daten und Erkenntnisse ableiten will, muss in seinem Gegenstandsbereich auch entsprechende Kriterien von Eindeutigkeit, Lückenlosigkeit und Widerspruchsfreiheit garantieren können. Und er muss jene formalen Bedingungen erfüllen, die es überhaupt erlauben, ein Problem als informationstheoretisch lösbar auszuweisen. Daran mangelt es bei nahezu allen Beiträgen, die im weitesten Sinne sozialwissenschaftliche Erklärungsansprüche erheben. Dass insbesondere die empirischen Verwirklichungsbedingungen von Kommunikation und die Bestimmung ihrer funktionalen Merkmale sich auf diesem Wege würden erledigen lassen, wäre in der Tat ein Glück gewesen. Dem, der wenigstens die oberflächliche Lektüre verachtet, wird denn auch Erkenntnis.</p>
<p><em>Literatur</em>:</p>
<ul>
<li>Auer, P.: <em>Sprachliche Interaktion. Eine Einführung anhand von 22 Klassikern</em>. Tübingen [Niemeyer] 1999.</li>
<li>Baecker, D.: &#8220;Kommunikation im Medium der Information&#8221;. In: Maresch, R.; Werber, N. (Hrsg.): <em>Kommunikation, Medien, Macht.</em> Frankfurt am Main [Suhrkamp Verlag] 1999, S. 174-191.</li>
<li>Bar-Hillel, Y.: &#8220;An Examination of Information Theory&#8221;. In: <em>Philosophy of Science</em> 22 (1955), S. 86-105.</li>
<li>Bar-Hillel, Y.; Carnap, R.: &#8220;Semantic Information&#8221;. In: <em>British Journal of the Philosophy of Science</em> 4 (1953), S. 147-157.</li>
<li>Bateson, G.: &#8220;Exchange of Information about Patterns of Behavior&#8221;. In: Fields, W.S.; Abbott, W. (Hrsg.): <em>Information Storage and Neural Control</em>. Springfield [Thomas] 1963, S. 181ff.</li>
<li>Bühler, K.: <em>Die Krise der Psychologie</em>. Frankfurt am Main [Ullstein] 1927/1978.</li>
<li>Cherry, E.C. (Hrsg.): <em>Information Theory: Proceedings of the Third London Symposium</em>. London [Butterworths] 1955.</li>
<li>Cherry, E.C.: <em>On Human Communication. A Review, a Survey, and a Criticism</em>, Zweite Auflage. Cambridge/Mass. [MIT Press] 1966.</li>
<li>Cherry, E.C. (Hrsg.): <em>Information Theory: Proceedings of the Fourth London Symposium</em>. London [Butterworths] 1961.</li>
<li>Coveney, P.V.; Highfield, R.: <em>The Arrow of Time: A Voyage through Science to Solve Time’s Greatest Mystery</em>. Foreword by Ilya Prigogine, London [Allen] 1990.</li>
<li>Denbigh, K.G.; Denbigh, J.S.: <em>Entropy in Relation to Incomplete Knowledge</em>. Cambridge [Cambridge University Press] 1985.</li>
<li>Flusser, Vilém: <em>Die Schrift. Hat Schreiben Zukunft?</em> Frankfurt am Main [Fischer Verlag] 1992.</li>
<li>Hartley, R.V.L: &#8220;Transmission of Information&#8221;. In: <em>Bell Systems Technical Journal</em> 7 (1928), S. 535-563.</li>
<li>Krippendorf, K.: &#8220;Der verschwundene Bote: Metaphern und Modelle der Kommunikation&#8221;. In: Merten, K.; Schmidt, S.J. (Hrsg.): <em>Die Wirklichkeit der Medien: Eine Einführung in die Kommunikationswissenschaft</em>. Opladen [Westdeutscher Verlag] 1994, S. 79-113.</li>
<li>Luhmann, N.: <em>Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie</em>. Frankfurt am Main [Suhrkamp Verlag] 1984.</li>
<li>MacKay, D.M.: <em>Information, Mechanism and Meaning.</em> Cambridge/Mass. [MIT Press] 1969.</li>
<li>Meyer-Eppler, W.: <em>Grundlagen und Anwendungen der Informationstheorie</em>. Berlin, Göttingen, Heidelberg [Springer] 1959.</li>
<li>Müller, K.: <em>Allgemeine Systemtheorie. Geschichte, Methodologie und sozialwissenschaftliche Heuristik eines Wissenschaftsprogramms</em>. Opladen [Westdeutscher Verlag] 1996.</li>
<li>Reddy, M.: &#8220;The Conduit Metapher. A Case of Frame Conflict in Our Language about Language&#8221;. In: Ortony, A. (Hrsg.): <em>Metaphor and Thought</em>. Cambridge, London [Cambridge University Press] 1979, S. 284-324.</li>
<li>Ritchie, L.D.: Information. London [Sage] 1991.</li>
<li>Shannon, C.E.: &#8220;A Symbolic Analysis of Relay and Switching Circuits&#8221;. In: <em>Transactions of the American Institute of Electronic Engineers</em> 57 (1938), S. 1-11.</li>
<li>Shannon, C.E.: &#8220;A Mathematical Theory of Communication&#8221;. In: <em>Bell System Technical Journal</em> 27 (1948), S. 379-423 und S. 623-656.</li>
<li>Shannon, C.E.: &#8220;The Mathematical Theory of Communication&#8221;. In: Ders.; Weaver, W.: <em>The Mathematical Theory of Communication</em>. Urbana [University of Illinois Press] 1949, S. 31-125.</li>
<li>Shannon, C.E.; Weaver, W.: &#8220;Preface&#8221;. In: Dies.: <em>The Mathematical Theory of Communication</em>. Urbana [University of Illinois Press] 1949, S. v.</li>
<li>Ungeheuer, G.: &#8220;Grundriß einer Kommunikationswissenschaft&#8221;. In: Ders.: <em>Sprache und Kommunikation</em>. 2., erweiterte Auflage. Forschungsberichte des Instituts für Kommunikationsforschung und Phonetik 13. Hamburg [Buske] 1972, S. 213-271.</li>
<li>Ungeheuer, G.: &#8220;Der axiomatische Aufbau der Informationstheorie: eine vorläufige Übersicht&#8221;. In: Ders.: <em>Kommunikationsforschung und Phonetik</em>. Festschrift zum fünfzigjährigen Bestehen der IKP der Universität Bonn. Forschungsberichte des Instituts für Kommunikationsforschung und Phonetik 50. Hamburg [Buske] 1974, S. 165-182.</li>
<li>Ungeheuer, G.: &#8220;Einführung in die Informationstheorie unter Berücksichtigung phonetischer Prozesse&#8221;. In: Ders.: <em>Sprache und Signal</em>. Forschungsberichte des Instituts für Kommunikationsforschung und Phonetik 40, Hamburg [Buske] 1977, S. 7-18.</li>
<li>Ungeheuer, G.: &#8220;Sprache als Informationsträger&#8221;. In: Ders.: <em>Sprache und Kommunikation</em>. 3., erweiterte und völlig neu eingerichtete Auflage, hrsg. und eingeleitet von Karin Kolb und H. Walter Schmitz, Münster [Nodus] 2004, S. 13-21.</li>
<li>Weaver, W.: &#8220;Science and Complexity&#8221;. In: <em>American Scientist</em> 36 (1948), S. 536-544.</li>
<li>Weaver, W.: &#8220;The Mathematics of Communication&#8221;. In: <em>Scientific American</em> 181 (1949a), S. 11-15.</li>
<li>Weaver, W.: &#8220;Recent Contributions to the Mathematical Theory of Communication&#8221;. In: Shannon, C.E.; Weaver, W.: <em>The Mathematical Theory of Communication</em>. Urbana [University of Illinois Press] 1949b, S. 1-28.</li>
</ul>
<p><em>Links</em>:</p>
<ul>
<li><a href="http://www.press.uillinois.edu/books/catalog/67qhn3ym9780252725463.html" target="_blank">Verlagsinformationen zum Buch</a></li>
<li><a href="http://www.uni-due.de/kowi/JLoenhoff.shtml" target="_blank">Webpräsenz von Jens Loenhoff an der Universität Duisburg-Essen</a></li>
</ul>
<div class='footnotes'>
<div class='footnotedivider'></div>
<ol>
<li id='fn-1865-1'>Im Zusammenhang mit der Signalanalyse und Problemen der Frequenzmodulation sowie der Bandbreite von Kommunikationstechnologien definiert Hartley Information als sukzessive Auswahl von Signalen aus einem feststehenden Inventar, wobei deren Bedeutung dezidiert nicht berücksichtigt werden soll. Dabei gelte, dass eine aus <em>N</em> Signalen bestehende Nachricht, die aus einem Inventar von <em>s</em> Zeichen ausgewählt wird, <em>SN</em> verschiedene Möglichkeiten hat und deshalb die Informationsmenge als Logarithmus dieser Möglichkeiten definiert werden könne (<em>H</em> = <em>N</em> log <em>S</em>). Zu weiteren historischen Quellen der Informationstheorie siehe Cherry (1966). <span class='footnotereverse'><a href='#fnref-1865-1'>&#8617;</a></span></li>
<li id='fn-1865-2'>Auch Weaver hatte eine kürzere Fassung seines Beitrages bereits im Juli 1949 im <em>Scientific American</em> publiziert, in der er schon die für die Rezeption so folgenreichen Erweiterungen der Theorie Shannons vornahm (vgl. Weaver 1949a und unten). <span class='footnotereverse'><a href='#fnref-1865-2'>&#8617;</a></span></li>
<li id='fn-1865-3'>Shannon begründet die Wahl der Maßeinhiet &#8220;bit&#8221; wie folgt: &#8220;The choice of a logarithmic base corresponds to the choice of a unit for measuring information (…). A device with two stable positions, such as a relay or a flip-flop circuit, can store one bit of information. N such devices can store N bits, since the total number of possible states is 2<sup><small>N</small></sup><small></small> and log<small><sub>2</sub></small>2<sup><small>N</small></sup><small></small> = N.&#8221; (Shannon 1949: 4) <span class='footnotereverse'><a href='#fnref-1865-3'>&#8617;</a></span></li>
<li id='fn-1865-4'>In der Tat hat die von Shannon erstellte Formel Ähnlichkeit mit derjenigen Boltzmanns für die Entropie eines idealen Gases. Diese lautet nämlich: <em>S</em> = K log <em>w</em>, wobei die Entropie von <em>S</em> als einem physikalischen System (zum Beispiel eines Gases mit gegebenem Volumen und gegebener Energie) bestimmt wird durch den Logarithmus der thermodynamischen Wahrscheinlichkeit eines Systemzustandes <em>w</em>. Mithin gibt S den Grad der Unumkehrbarkeit eines physikalischen Prozesses an, was freilich nur für geschlossene physikalische Systeme Geltung beanspruchen kann. <span class='footnotereverse'><a href='#fnref-1865-4'>&#8617;</a></span></li>
<li id='fn-1865-5'>Entsprechend definiert Shannon die Differenz zwischen &#8220;maximaler Entropie&#8221; (<em>H</em> = 1) und &#8220;relativer Entropie&#8221; als Redundanz: &#8220;The ratio of the entropy of a source to the maximum value it could have while still restricted to the same symbols will be called its <em>relative entropy</em>. This, as will later appear, is the maximum compression possible when we encode into the same alphabet. One minus the relative entropy is the <em>redundancy</em>.&#8221; (Shannon 1949: 25) <span class='footnotereverse'><a href='#fnref-1865-5'>&#8617;</a></span></li>
<li id='fn-1865-6'>Zu einer ähnlichen Einschätzung gelangen Coveney und Highfield in ihrer Rekonstruktion: &#8220;Shannon&#8217;s mathematical formula looks rather like the one for entropy in statistical mechanics. Many people have concluded that this means there is a direct relationship between the two concepts.&#8221; (Coveney/Highfield 1990: 177) <span class='footnotereverse'><a href='#fnref-1865-6'>&#8617;</a></span></li>
<li id='fn-1865-7'>Über die Hintergründe der Einführung des Entropie-Begriffs in Shannons Theorieentwurf wird folgende Anekdote berichtet: “However, the close analogies which exist between entropy and information in no sense make either concept necessarily subjective. In fact, Shannon, the pioneer of information theory, was only persuaded to introduce the word ‘entropy’ into his discussions by the mathematician John von Neumann, who is reported to have told him: ‘It will give you a great edge in debates because nobody really knows what entropy is anyway!’” (Denbigh/Denbigh 1985: 104; vgl. auch Campbell 1982: 32) <span class='footnotereverse'><a href='#fnref-1865-7'>&#8617;</a></span></li>
<li id='fn-1865-8'>Explizit bezogen auf interpersonelle Kommunikation heißt es: &#8220;In oral speech, the information source is the brain, the transmitter is the voice mechanism producing the varying sound pressure (the signal) which is transmitted through the air (the channel).&#8221; (Weaver 1949b: 98) Allerdings hatte bereits Shannon missverständlich formuliert: &#8220;5. The <em>destination </em>is the person (or thing) for whom the message is intended.&#8221; (Shannon 1949: 6) <span class='footnotereverse'><a href='#fnref-1865-8'>&#8617;</a></span></li>
<li id='fn-1865-9'>Dabei stand ganz offensichtlich der bereits bei Wiener eingeebnete erkenntnistheoretisch wichtige Unterschied zwischen <em>technisch-künstlich</em> und <em>natürlich-naturgesetzlich</em> Pate. <span class='footnotereverse'><a href='#fnref-1865-9'>&#8617;</a></span></li>
<li id='fn-1865-10'>Die Verantwortlichen der 1976 erscheinenden deutschen Fassung fühlten sich motiviert, Weavers Kommentar an den Anfang des Buches zu stellen, wodurch diesem ein ganz anderer Stellenwert gegeben wird: man liest (wenn überhaupt noch) Shannon mit Weaver und nicht umgekehrt beziehungsweise Shannons Beitrag als mathematischen Anhang zu Weavers Ausführungen. Doch haben die Autoren schon mit dem Vorwort zu ihrer ersten Auflage dieser &#8220;Kehre&#8221; Vorschub geleistet, bemerken sie doch hinsichtlich des von Weaver beigesteuerten Teils: &#8220;In part, it consists of an expository introduction to general theory and may well be read first by those desiring a panoramic view of the field before entering into the more mathematical aspects. In addition, some ideas are suggested for a broader application of the fundamental principles of communication theory.&#8221; (Shannon/Weaver 1949: v) <span class='footnotereverse'><a href='#fnref-1865-10'>&#8617;</a></span></li>
<li id='fn-1865-11'>Dies gilt beispielsweise für Auer (1999: 7ff.), der seine ausschließlich auf Weaver gestützte Rezeption damit rechtfertigt, nur diese Interpretation sei von der Linguistik zur Kenntnis genommen worden. So kann er Shannon vorwerfen, sich auf technisch-mathematische Probleme beschränkt und die Erweiterungen Weavers nicht vorweggenommen zu haben, wobei es gerade Shannon war, der sich explizit von denjenigen Erklärungsansprüchen distanziert, die Auer in seiner Interpretation bei Shannon als nicht eingelöst betrachtet. Diese Art von &#8220;Theoriegeschichte&#8221; ist bestens geeignet, eigene Kriterien wissenschaftlicher Lektüre vorzuführen. <span class='footnotereverse'><a href='#fnref-1865-11'>&#8617;</a></span></li>
<li id='fn-1865-12'>Hinsichtlich seines Kommunikationsbegriffs und der darin entfalteten Einheit der Selektionen &#8220;Information&#8221;, &#8220;Mitteilung&#8221; und &#8220;Verstehen&#8221; meint Luhmann: &#8220;Der seit Shannon und Weaver übliche Informationsbegriff macht es leicht, dies zu formulieren. Information ist nach heute geläufigem Verständnis eine Selektion aus einem (bekannten oder unbekannten) Repertoire von Möglichkeiten.&#8221; (Luhmann 1984: 195) <span class='footnotereverse'><a href='#fnref-1865-12'>&#8617;</a></span></li>
</ol>
</div>
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