Katja Schmitz-Dräger: Vom “Wunder von Bern” bis “Schwarz-Rot-Geil”

Einzelrezension
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Rezensiert von Reimar Zeh

Einzelrezension
Fußballweltmeisterschaften sind herausragende Ereignisse für die teilnehmenden Nationen. Vieles spricht dafür, dass diese Ereignisse weit über den Sport hinaus von Bedeutung sind. Wettkämpfe dieser Art sind im besonderen Maße Medienereignisse bzw. mediatisierte Ereignisse. Betrachtet man die Berichterstattung darüber, lässt sich einiges über die gesellschaftliche Bedeutung der Turniere ablesen. Schmitz-Dräger vergleicht die Berichterstattung der Bild-Zeitung zu den Fußballweltmeisterschaften 1954, 1974 und 2006 und wählt einen sehr interessanten Blickwinkel, um die Entwicklung dieses Boulevardmediums nachzuzeichnen. Für die Autorin steht die Konstruktion des Nationalen im Mittelpunkt. Nationale Identität lässt sich, wie auch hier erneut deutlich wird, gut mit Emotionen verbinden, die gerade bei internationalen Sportereignissen fast unweigerlich bedient werden.

Schmitz-Dräger beginnt damit, die Bedeutung der BILD-Zeitung herauszuarbeiten. Dabei hebt sie die Rolle der Emotionalisierung von Berichterstattung hervor, die auch elementarer Bestandteil der Boulevardberichterstattung ist. Weiterhin beschreibt sie die gesellschaftliche Bedeutung von Mediensport insbesondere in Bezug auf seine Fähigkeit, Identität und gerade bei internationalen Wettbewerben nationale Identität zu stiften. Der Hauptteil der Arbeit besteht aus drei Kapiteln zu jeder Weltmeisterschaft, in denen im Wesentlichen die Berichterstattung beschrieben wird, aber auch das jeweilige mediale und gesellschaftliche Umfeld Berücksichtigung findet. In einem sehr kurzen analytischen Schlusskapitel werden die Befunde zusammengefügt und interpretiert.

Offenbar basiert diese Veröffentlichung auf einer wissenschaftlichen Abschlussarbeit von Schmitz-Dräger. Nur so lassen sich einige Unzulänglichkeiten dieser Publikation erklären. Die Autorin orientiert sich offenbar an dem formalen Korsett einer Master- oder Diplomarbeit. In erster Linie verwundert die Auswahl der betrachteten Ereignisse. Wie man es dreht und wendet, 1954,1974 und 2006 wollen nicht so recht zusammenpassen, es fehlt die WM 1990. Zweimal wurden die Deutschen Weltmeister, zweimal war Deutschland Austragungsort. Gerade mit Blick auf die Bedeutung von nationaler Identität für die Arbeit ist zwar durchaus nachvollziehbar, warum die WM 2006 in die Analyse einbezogen wurde, aber nicht nachvollziehbar ist, warum die WM 1990 nicht betrachtet wird. Die Entscheidung sei zugunsten von 2006 ausgegangen, lässt sich auf Seite 9 nachlesen, was aber unzureichend begründet wird. Der Verweis auf andere, für die Fragestellung interessante Turniere hat hier mehr den Charakter einer Scheinlegitimation, tatsächlich werden Machbarkeitserwägungen für eine studentische Abschlussarbeit die Entscheidung maßgeblich geprägt haben.

Das Buch von Schmitz-Dräger ist im geschichtswissenschaftlichen Kontext entstanden, bietet aber sehr ausgeprägte kommunikationswissenschaftliche Bezugspunkte, die nur kursorisch aufgegriffen werden. Grundlage der Arbeit ist eine empirische Analyse der Berichterstattung, genauer gesagt eine qualitative Medieninhaltsanalyse. Hätte sich die Autorin intensiver mit dieser Methode auseinandergesetzt, wäre es der Aussagekraft und Validität ihrer Befunde sicherlich zugutegekommen. Ihr methodisches Vorgehen, Grundlage für die intersubjektive Nachvollziehbarkeit ihrer Analysen, wird nicht dokumentiert. Weiterhin – aber hier kann man sicher geteilter Meinung sein – hätten einige Aspekte der behandelten Fragestellung sicherlich auch quantifiziert werden können. Dadurch wäre ein Vergleich der drei Ereignisse wesentlich anschaulicher geworden.

Es ist etwas schade, dass die in erster Linie deskriptiven Analysen zu den drei Ereignissen recht unverbunden hintereinander stehen. Die Verknüpfung erfolgt eigentlich erst im fünften Kapitel, das letztlich die Antworten auf die zentralen Fragestellungen des Buches liefert – allerdings in sehr knapper Form. Doch bei aller Kritik ist diese Arbeit aus der Schnittstelle von Geschichts- und Kommunikations-wissenschaft durchaus lesenswert. Der Wandel, den die Bild-Zeitung über die Jahrzehnte vollzieht, wird ebenso deutlich, wie die veränderte Konstruktion von nationaler Identität in diesem Medium.

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Über das BuchKatja Schmitz-Dräger: Vom "Wunder von Bern" bis "Schwarz-Rot-Geil". Die Berichterstattung der BILD-Zeitung zu den Fußballweltmeisterschaften 1954, 1974 und 2006. Frankfurt am Main u. a. [Peter Lang] 2011, 122 Seiten, 19,80 Euro.Empfohlene ZitierweiseKatja Schmitz-Dräger: Vom “Wunder von Bern” bis “Schwarz-Rot-Geil”. von Zeh, Reimar in rezensionen:kommunikation:medien, 25. Oktober 2012, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/9985
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Rezensent/in
Dr. Reimar Zeh ist akademischer Rat am Lehrstuhl für Kommunikationswissenschaft an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg.