Georg Mein, Heinz Sieburg (Hrsg.): Medien des Wissens

Einzelrezension
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Rezensiert von Christoph Gardian

Einzelrezension
Der Sammelband geht zurück auf eine Ringvorlesung Interdisziplinäre Aspekte von Medialität, die im Sommersemester 2007 an der Universität Luxemburg veranstaltet wurde. “Ziel des Bandes ist es”, so die Ankündigung im U4-Text, “mit dem Begriff der Medialität die spezifische Verfasstheit des Wissens in den Mittelpunkt zu rücken – system-theoretisch formuliert: die Form der Kommunikation.” Dabei orientieren sich die Beiträge keineswegs am luhmannschen Wissensbegriff oder an seiner Medium/Form-Unterscheidung, deren Abstraktheit Georg Meins Theorie-Abriss “Anstelle einer Einführung“ bemängelt. Mein kontrastiert – so ließe sich pointieren – ‘lose’ (McLuhan, Luhmann) und ‘strikt gekoppelte’ Medienbegriffe (Winkler, Hörisch), wobei er die “Stärke” der Letzteren in der “Eingrenzung” (18) sieht.

Dabei könnte diese geradeso als Begrenzung auf technisch-materiale Kontexte problematisiert und gegen die Dynamisierung des Medienkonzepts durch erstere abgewogen werden. Mit der “Frage […], auf welche Art und Weise das Medium das Wissen prägt und wie umgekehrt die kulturellen Anforderungen an das Wissen als Ressource auf die Medien zurückwirken” (11), wendet sich Mein sowohl gegen die populäre Vorstellung medialer Transparenz als auch gegen die pessimistische Infragestellung von Realität als Simulation. Als ‘Form der Kommunikation’ kann dann die Wechselwirkung von Verbreitungsmittel und verbreitetem Inhalt, von Kommunikationsakt und Kommunikationstechnik gelten. Vorgezeichnete Bahnen beschreitet aber auch Mein, wenn er mit Harold Innis die “Frage, wie neue Technologien […] die jeweilige Kultur einer Gesellschaft historisch prägen” (19), in den Vordergrund rückt und “Medien als materielle Träger von Kommunikation” (20) definiert.

Eine andere Richtung schlägt der instruktive Beitrag Rolf Parrs ein, der die grundsätzliche Frage nach der Medialität des Wissens fortführt und dem komplementär die ‘Stelle einer Einführung’ zugeschrieben werden kann. Einen Ausweg aus dem “Dilemma” der Medientheorie, der Misere einer “ontologischen Wesensbestimmung” des Medialen, könne eine Fragestellung weisen, die “nicht nur nach spezifischen Eigenschaften von (Einzel-)Medien, sondern auch nach spezifischen Verfahren von Medialität überhaupt” sucht. Diese Verfahren “wären zwar unterhalb der Ebene umfassend ausformulierter Theorien angesiedelt, müssten aber dennoch so breit und sinnfällig im Material sichtbar sein, dass ihnen eine empirisch verifizierbare Signifikanz zukäme”. Von hier aus ließen sich “Querstrukturen zwischen den einzelnen Medien und ihren Einzelmedientheorien sichtbar” machen. (24)

Die Umstellung der Frage nach dem Medium hin zur Frage nach der Funktionsweise von Medialität auf einer mittleren Modellebene zwischen Theorie und Analyse bezeichnet den neuesten Stand der Medialitätsforschung und rückt die Prozessualität und die Dynamiken des Medialen als eines ‘Dazwischen’ in den Blick. Damit wird die Fixierung auf materielle Träger und Technologien sowie dual gerichtete Übermittlungswege gebrochen; unabhängig von solchen Substanzialisierungen werden die Möglichkeitsbedingungen von Medialität fokussiert. Expliziert wird dies anhand des Konzepts der Interdiskursivität als einer Strategie, die Wissen mithilfe von Symbolisierungen über Diskurs- und Mediengrenzen hinweg anschlussfähig macht.

Dem von Parr formulierten Anspruch genügen die nachfolgenden Beiträge nicht durchweg. Während der Wissensbegriff zunehmend aus dem Blick gerät, bemühen sich die wenigsten Arbeiten um eine Klärung des Medienbegriffs bzw. ihres Verständnisses von Medialität. So bleibt auch das Verhältnis von Wissen und Medialität weitgehend offen, die Funktion des Bandes, seine Zielsetzung gerät ins Unklare. Hervorhebenswert sind folgende Aufsätze:

Wolfgang Schmid führt die vielschichtige Medialität von mittelalter-lichen Werken der Schatzkunst vor. Deren Visualisierungen und Inschriften vermitteln Funktionen der weltlichen und kirchen-politischen Repräsentation, des profanen Andenkens und der religiösen memoria, der Geschichtsschreibung und politischen Legitimation. Diese liturgischen, memorialen und (kirchen-) politischen Funktionen können in Ketten reziproker personaler Übertragung inszeniert werden, die vom Künstler über den Stifter und dessen Heiligen bis hin zu Christus reichen.

Martin Roussel beschreibt die Folgen des Medienwandels von der Hand- zur Maschinenschrift: Schrift wird zum Ort, an dem das Verhältnis von “Singularität” des auktorialen Schreibakts und “Pluralität” des Sinns je neu verhandelt wird: Die Singularität von Schrift/Schreiben verliert sich in der Pluralität der Schriften/ Lektüren, während “sich der Raum des Kollektiven unaufhörlich in singulären Akten” spaltet (139). Im Übergang von der Hand- zur Maschinenschrift und in der Reflexion auf das Schreiben zeigt sich Medialität als Schwelle solcher Aushandlungen.

Oliver Kohns’ Reaktion auf die aktuelle medienphilosophische Präsenzdebatte versteht Medialität ahistorisch und im Anschluss an Derrida grundsätzlich als “Störung” (187). Zu fragen wäre allerdings, ob der Kurzschluss von Semiologie und Mediologie sowie die Festlegung von Medien auf “Trägermedien für Zeichensysteme” (194) der Medialitätsfrage gerecht werden, wenn sich diese als Blickwechsel von sinnhafter Kommunikation und Repräsentation hin zu Prozessen der Übertragung und Präsentation begreifen lässt.

Alexandra Pontzens erhellende Ausführungen über Textverfahren Elfriede Jelineks schließlich machen – unbeschadet einer unscharfen Verwendung der Begriffe Medialität und Intermedialität, Medium und Genre – deutlich, dass Verfahren der Intermedialität in dem Versuch, “die Grenzen des eigenen Mediums – Sprache – auszuloten und zu erweitern” (215), Medialität exponieren.

Die genannten Beiträge wiegen die Schwäche in der Gesamt-konzeption des Sammelbands allemal auf und können dazu beitragen, die kritische Auseinandersetzung mit Fragen der Medialität über die Grenzen der Disziplinen hinweg zu befördern.

Links:

Über das BuchGeorg Mein; Heinz Sieburg (Hrsg.): Medien des Wissens. Interdisziplinäre Aspekte von Medialität. Reihe: Literalität und Liminalität, Band 4. Bielefeld [transcript] 2011, 266 Seiten, 26,80 Euro.Empfohlene ZitierweiseGeorg Mein, Heinz Sieburg (Hrsg.): Medien des Wissens. von Gardian, Christoph in rezensionen:kommunikation:medien, 7. September 2012, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/9891
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Rezensent/in
Christoph Gardian ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Deutschen Seminar und im Nationalen Forschungsschwerpunkt (NFS) "Medienwandel – Medienwechsel – Medienwissen. Historische Perspektiven" an der Universität Zürich.