Elke Amberg: Schön! Stark! Frei! Wie Lesben in der Presse (nicht) dargestellt werden

Einzelrezension
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Rezensiert von Kathrin Friederike Müller

Einzelrezension
Von Außenminister Guido Westerwelle in den Nachrichten bis hin zum Männerpaar Philipp und Veit im Unterhaltungs-format Bauer sucht Frau: offen homosexuelle Männer kommen in unterschiedlichen Kontexten in den Medien vor. Doch wie steht es mit der medialen Repräsen­tation lesbischer Frauen? Schlecht – das zumindest vermutete die Lesbenberatungsstelle LeTRa aus München: Die Medienbericht-erstattung ließ die Öffentlichkeitsarbeit dieser Einrichtung gerade in Kontexten wie dem Christopher Street Day (CSD) wenig sichtbar werden und rückte statt lesbisch-schwuler Themen und Menschen primär homosexuelle Männer ins Zentrum. Um zu überprüfen, ob sich dieser Eindruck verallgemeinern lässt, initiierte sie deshalb eine inhaltsanalytische Untersuchung der vier Tageszeitungen Süddeutsche Zeitung, Münchener Merkur, Abendzeitung und Tageszeitung. Diese hat die Journalistin Elke Amberg durchgeführt und ein Buch dazu veröffentlicht.

Die Studie ist jedoch nicht nur auf lokaler Anwendungsebene wichtig. Sie zeichnet sich dadurch aus, dass sie erstmals die mediale Repräsentation von lesbischen Frauen untersucht. Mit Ausnahme weniger qualitativer Inhaltsanalysen und Studien zur Berufspraxis lesbischer Journalistinnen stellt dieser Bereich immer noch einen blinden Fleck auf der Karte der kommunikations-wissenschaftlichen Gender Studies dar. Die Auflösung der heteronormativen Perspektive innerhalb dieses dezidiert kritischen und gesellschaftspolitisch engagierten Feldes ist also längst überfällig. Ein weiterer Verdienst ist die Thematisierung der doppelten Diskriminierung lesbischer Frauen: Amberg problematisiert sowohl die Marginalisierung von Frauen insgesamt, als auch die von lesbischen Frauen im Vergleich zu schwulen Männer – die Entwicklung dieser Binnenperspektive auf die mediale Repräsentation Homosexueller stellt Neuland dar.

Die Verfasserin siedelt ihre Studie an der Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Journalismus an. Das macht sich sowohl in der Konzeption der Studie als auch in der Diskussion der Befunde bemerkbar. So stellt sie das Sample äußerst selektiv zusammen, indem sie mit einem halben Jahr einen relativ langen Analysezeitraum festlegt, jedoch nur 81 Artikel zu den Themen “rechtliche Gleichstellung” und “CSD” aufnimmt. Dieses kleine Sample lässt vor allem die Befunde der quantitativen Studie als nur begrenzt aussagekräftig erscheinen. Zusätzlich werden die Artikel qualitativ ausgewertet, die forschungsleitenden Fragen für beide Bereiche sind: “In welchem Maß sind Lesben in der Presse unsichtbar? Wie werden lesbische Frauen dargestellt in den wenigen Artikeln, in denen sie Thema sind? Vor welchem Hintergrund müssen diese Ergebnisse interpretiert werden? Was könnte die Ursache sein, und wo gibt es Ansatzpunkte, es besser zu machen?” (15)

Durch ihre Befunde kann Amberg deutlich machen, dass die Repräsentation männlicher und weiblicher Homosexueller nicht gleichberechtigt ist. Während lesbische Frauen nur in 7 Prozent der Artikel im Zentrum stehen, tun es schwule Männer in 32 Prozent der analysierten Beiträge. In Kurzmeldungen erscheinen lesbische Frauen überhaupt nicht, sondern nur in längeren Beiträgen. Auf der Ebene der bildlichen Darstellung zeigt sich eine noch größere Diskrepanz: Hier dominieren die schwulen Männer ganz klar. 60 Prozent der Abbildungen fallen auf sie und nur 10 Prozent auf lesbische Frauen.

Auch die Ergebnisse der qualitativen Studie lassen aufhorchen: Lesbische Frauen werden normalisiert, indem sie als Mütter dargestellt und auch sonst in der Darstellung als Paar entsexualisiert werden. Sie erscheinen lediglich im Kontext von Mutterschaft und Coming-Out-Berichten. Das Wort “Lesbe” wird kaum verwendet, sondern Umschreibungen gesucht. Zudem werden sie in den wenigen Berichten teilweise nicht als Akteurin, sondern passiv dargestellt. Lesbische Frauen treten als Betroffene auf, während schwule Männer als Aktivisten erscheinen. Eine gerechte Berichterstattung ist also weder hinsichtlich der Anzahl der lesbischen Frauen im Vergleich zu schwulen Männern in der medialen Berichterstattung gegeben, als auch hin­sichtlich der Darstellung dieser Frauen.

Man merkt der Studie an, dass sie der Verfasserin ein persönliches Anliegen war – mit allen Effekten, die eine involvierte Haltung mit sich bringt. Engagement und Parteilichkeit mischen sich teilweise in die Diskussion der Ergebnisse. Gleichzeitig vermittelt diese Haltung eine Dringlichkeit, die den Lesenden die Bedeutung des Themas vor Augen führt und auf die Ungerechtigkeiten hinsichtlich der Repräsentation schwuler Männer im Vergleich zu der lesbischer Frauen aufmerksam macht. Wünschenswert wäre eine komprimiertere Darstellung der theoretischen Perspektiven und Befunde der Geschlechterforschung, die jedoch eine historische Einordnung mitberücksichtigt. Aktuelle Diskussionen und solche der frühen Frauenforschung stehen gleichrangig nebeneinander und verursachen so Reibungspunkte in der Argumentation. Im Literaturverzeichnis werden zudem nicht immer alle beteiligten Verfasser_innen genannt. Das darf auch in einer Studie nicht passieren, die sich nicht explizit als wissenschaftlich begreift.

Bedauerlich ist, dass im Fazit eine Sicht auf Hetero-Frauen und ihre Beziehungen postuliert wird, die sie als Opfer männlicher Unterdrückung umschreibt. Hier wäre mehr Ausgewogenheit, Objektivität sowie ein von den Genderstudies inspirierter Blick wünschenswert, der die Frage nach Opfern und Tätern zugunsten der Frage nach unterschiedlichen Konstruktionen von Geschlecht überwunden hat. Interessant wäre es zu diskutieren, welche Facetten von Gender durch die Ausblendung lesbischer Frauen in der Repräsentation der Medien verloren gehen und was ihre Integration zu einem vielfältigeren Bild von Geschlecht jenseits zweigeschlechtlicher und heteronormativer Vorstellungen beitragen könnte.

 Links:

Über das BuchElke Amberg: Schön! Stark! Frei! Wie Lesben in der Presse (nicht) dargestellt werden. Sulzbach [Ulrike Helmer Verlag] 2011, 248 Seiten, 20,- Euro.Empfohlene ZitierweiseElke Amberg: Schön! Stark! Frei! Wie Lesben in der Presse (nicht) dargestellt werden. von Müller, Kathrin Friederike in rezensionen:kommunikation:medien, 29. Juli 2012, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/9619
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Ein Kommentar auf “Elke Amberg: Schön! Stark! Frei! Wie Lesben in der Presse (nicht) dargestellt werden
  1. Elke Amberg sagt:

    Sehr geehrte Kathrin Friederike Müller,
    danke für die umfassende Rezension. Es freut mich sehr, dass die Studie im Bereich der Kommunikationswissenschaft gelesen und vor allem so aufmerksam gelesen wird. Das ist für mich eine grosse Anerkennung. Und ich würde mich noch mehr darüber freuen, wenn Fragestellungen und Perspektiven die ich angeschnitten und nur unzureichend abgedeckt habe kommunikationswissenschaftlich weiter bearbeitet werden. Oft habe ich mich gefragt, warum hier eine “von außen” kommen muss um auf diese Leerstelle hinzuweisen. Da lese ich natürlich auch neugierig ihre Kritikpunkte und muss Ihnen im zuletzt konstatierten Manko meiner Studie recht geben: Auch ich fände es sehr sehr spannend weiter zu forschen, welche Facetten von Gender durch die Ausblendung von Lesben verloren gehen und wie das “vollständige” Bild aussehen würde, wenn diese Ausblendung nicht stattfinden würde. Vielleicht kann meine Studie dazu anregen.
    Einem anderen Teil ihrer Schlussbemerkung, dass ich im Fazit einseitig Hetero-Frauen als Opfer der Unterdrückung darstelle, möchte ich widersprechen. Zwei Hinweise dazu: im Hauptteil reflektiere ich unter anderem die Frage, ob Journalistinnen öfter und sensibler über schwule Belange als auch über lesbische Belange berichten, und ich habe in den Befunden auch deutlich herausgearbeitet, dass von den dargestellten (heterosexuellen) Politikerinnen und Politikern ein erstaunlich großer Teil Politikerinnen sind, die sich eventuell häufiger für lesbisch-schwule Themen einsetzen.
    Schöne Grüsse von Elke Amberg

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Rezensent/in
Dr. Kathrin Friederike Müller ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im DFG-Projekt "Das mediatisierte Zuhause" am Institut für Kommunikationswissenschaft der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Ihre Arbeitschwerpunkte sind Frauenzeitschriftenforschung, Gender und Cultural Media Studies, Rezeptionsforschung, Grounded Theory sowie die medienbiographische Methode.