Silke Horstkotte: Nachbilder

Einzelrezension
628 Aufrufe

Rezensiert von Jan Gerstner

Einzelrezension
Spätestens seit der Jahrtausendwende zeichnen sich (nicht nur) in der deutsch-sprachigen Gegenwartsliteratur zwei Trends ab, die mittelbar zusammen-zuhängen scheinen. Zum einen ein neues Interesse an der Erinnerung an das Dritte Reich und den Holocaust, das die eigene Erinnerungsanstrengung zum Teil der Erzählung selbst macht und häufig als Familienroman daherkommt. Zum anderen lässt sich in vielen dieser und anderer Texte ein extensiver Bezug auf das Medium Fotografie feststellen – sei es, dass Fotos im Text abgebildet sind, sei es, dass sie als Erinnerungsanstöße die Gedächtnisinszenierung des jeweiligen Textes wesentlich bestimmten.

Angesichts des gleichzeitigen Interesses an den Themen Gedächtnis und Intermedialität in den Literatur- und Kulturwissen-schaften war ein Buch wie Silke Horstkottes 2009 erschienene Studie Nachbilder im Grunde fast überfällig. Erfreulich ist im vorliegenden Fall, dass es der Autorin nicht nur gelingt, eine bestehende Forschungslücke zum spezifischen Verhältnisses von Fotografie und Gedächtnis in der deutschen Gegenwartsliteratur – so der Untertitel – zu füllen, sondern die Arbeit auch über ihren engeren Gegenstand hinaus sowohl in gedächtnistheoretischer Hinsicht wie im Hinblick auf die Erforschung von Text-Bild-Beziehungen äußerst anregend ist.

Wie zu erwarten, nehmen bei der Erforschung des Bezugs auf Fotografien in der aktuellen “metahistorischen Gedächtnisliteratur”, wie Horstkotte das untersuchte Korpus treffend charakterisiert, die Texte W. G. Sebalds eine prominente Rollen ein. Die Autorin konzentriert sich dabei zunächst auf die topografische und performative Seite des Text-Bild-Arrangements unter rezeptions-ästhetischen Aspekten. Durch den Versuch des Betrachters, Bild und Text interpretativ zu verbinden, entsteht ein “Ikonotext zweiter Ordnung”, der es zur Aufgabe der Rezipierenden macht, das in den Texten thematisierte Gedenken als “Nachbild” weiter zu führen.

Eine vergleichbare interpretative Anstrengung wird auch den ProtagonistInnen in metahistorischen Gedächtnisromanen abverlangt. Vor allem die Kinder und Enkel der Erlebnisgeneration müssen durch die verschiedenen Erinnerungsmedien, die Erzählungen der Älteren ebenso wie die Fotografien der Zeit, ihren Zugang zur Vergangenheit finden.

Teilweise mag Horstkottes Untersuchung dieser Problematik anhand von literarischen Texten etwas stark theoriegeleitet erscheinen, etwa bei der Lektüre von Texten wie Uwe Timms Am Beispiel meines Bruders mit Marianne Hirschs Konzept der postmemory. Der Bezug auf Hirschs ‘Postgedächtnis’ (wie Horstkotte den Begriff eindeutscht) ist gleichwohl fruchtbar, wird hier doch deutlich, dass es beim Rekurs auf Fotos weniger auf deren dokumentarischen Wert ankommt, als auf ihre Einbindung in Praktiken der Erinnerung und damit auch in Texte.

Ein spezifisch literarisches Problem dieser Erinnerung der Nachgeborenen ist ihr Verhältnis zur Fiktionalität. Anhand von Marcel Beyers Spione kann die Autorin zeigen, wie der Blick auf Fotos diese in Geschichten überführt, deren unklare Referentialität letztlich auch die supponierte Authentizität der Fotografie angreift. Steht bei Beyer noch die (vermeintliche) Erinnerung an Täter im Mittelpunkt, so verschärft sich die Problematik beim Gedenken an die Opfer, zumal, wenn es von den Nachkommen der Täter und Mitläufer ausgeht. Die ethischen Probleme einer angemessenen Distanz, die sich der Fremdheit der Erfahrungen bewusst ist und nicht in eine unzulässige Identifikation umschlägt, diskutiert Hortstkotte zunächst anhand von Texten Sebalds und Monika Marons sowie, am Ende des Buchs, in Bezug auf die Diskussion um George Didi-Hubermans Buch Images malgré tout.

Gerade die im besten Sinne interdisziplinär ausgerichtete Zusammenführung von formalen, gedächtnis- und medientheore-tischen wie ethischen Aspekten ihres Themas macht Horstkottes Studien so wertvoll und weit über den engeren Forschungs-gegenstand deutschsprachiger Gegenwartsliteratur hinaus interessant.

Links:

Über das BuchSilke Horstkotte: Nachbilder. Fotografie und Gedächtnis in der deutschen Gegenwartsliteratur. Köln, Weimar, Wien [Böhlau Verlag] 2009, 325 Seiten, 42,90 EUR.Empfohlene ZitierweiseSilke Horstkotte: Nachbilder. von Gerstner, Jan in rezensionen:kommunikation:medien, 18. Juli 2012, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/9512
Getagged mit: , , , , ,
Veröffentlicht unter Einzelrezension

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>

Teilen
facebooktwittergoogle+
Drucken
Druck-Version PDF-Version
Rezensent/in
Dr. des. Jan Gerstner ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Bereich Neuere und Neueste deutsche Literaturgeschichte und Literaturtheorie an der Universität Bremen. Seine Forschungsschwerpunkte sind: Intermedialität, Literatur und Gedächtnis sowie interkulturelle und postkoloniale Literaturwissenschaft.