Nathalie Huber: Kommunikationswissenschaft als Beruf

Einzelrezension
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Rezensiert von Michael Wild

Einzelrezension
Was ist Kommunikationswissenschaft? Diese Frage ist so alt wie das Fach selbst und spiegelt sich aktuell in der fortdauernden Selbstverständnisdebatte des Faches im Rahmen der DGPuK wider. Nathalie Huber macht sich mit der vorliegenden Untersuchung nun daran, einen Beitrag zu dieser Debatte beizusteuern. Ihr Blick richtet sich auf die zentralen Akteure des Faches und dabei, ausgehend von den eher überschaubaren bisherigen Studien, auch auf die Erklärung des Zusammenhangs zwischen dem bisher getrennt untersuchten Berufs- und Fachverständnis der Akteure in der Kommunikationswissenschaft. Die Selbstverständnisdebatte innerhalb des Faches wird somit zur Frage nach dem Selbstverständnis der Fachvertreter und wie dieses zu erklären ist. Dadurch ergibt sich ein spannender Blick in das Innenleben der Kommunikationswissenschaft, ohne die vielfältigen Aspekte einer Wissenschaft, von theoretischen Fragen bis hin zum universitären Alltag, unnötig einzuengen.

Anhand von 26 Leitfadeninterviews mit Professoren für Kommunikationswissenschaft im deutschsprachigen Raum zeichnet die Autorin die unterschiedlichsten Sichtweisen auf das Fach nach. Die Ergebnisse der Interviews werden mit einer Recherche und Auswertung relevanter biografischer und statistischer Daten sinnvoll komplettiert (vgl. 14). Die Wahl einer qualitativen Methode für den eigentlichen Kern der Arbeit ist folgerichtig, geht es der Autorin doch nicht nur um eine reine Zustandsbeschreibung, sondern vor allem um die Herausarbeitung von tieferen Sinnzusammenhängen. Hier spielt die vorliegende Untersuchung auch ihre größten Stärken aus: Durch die Verwendung der theoretischen Konstruktionen Feld, Kapital und Habitus nach Pierre Bourdieu wird ein anregender Erklärungsansatz für das Selbstverständnis der zentralen Akteure der Kommunikationswissenschaft angeboten.

Die theoretischen Begriffe operationalisiert Huber einleuchtend in den zentralen forschungsleitenden Fragen ihrer Untersuchung. Wie sehen die befragten Professoren sich selbst und das kommunikationswissenschaftliche Feld und welche Faktoren beeinflussen diese Sichtweise? Da sich nach Ansicht der Autorin, in Anlehnung an Thomas S. Kuhn, ein Fach in erster Linie durch das Handeln seiner Vertreter konstituiert, spiegeln die Antworten auf die gestellten Fragen dann auch nicht nur das Selbstverständnis der jeweils befragten Professoren wider, sondern geben durch ihre Kombination auch einen gewinnbringenden Einblick in das Selbstverständnis des Faches (vgl. 25).

Durch die Verwendung des Bourdieu‘schen Theoriegebäudes bietet die Autorin eine gut nachvollziehbare Interpretation der gefundenen Ergebnisse in Form einer Typologie des Selbstverständnisses von Professoren für Kommunikationswissenschaft, die aufgrund der verwendeten qualitativen Methode allerdings nur allgemeine Tendenzen aufzeigen kann (vgl. 294f.). Als besonders prägnant zeigt sich dabei der Zusammenhang zwischen wissenschaftlicher Sozialisation und Ausprägung der Identifikation mit dem Fach. Wer bereits Kommunikationswissenschaft studiert hat, fühlt sich stark mit dem Fach verbunden und setzt sich auch aktiv für ein besseres Image des Faches ein. Daneben zeigt sich der Einfluss von praktischer Arbeitserfahrung in Medienberufen auf das Selbstverständnis. Wer vor seiner Berufung bereits in der Praxis tätig war, sieht meist eine seiner Hauptaufgaben verstärkt in der Ausbildung für Medienberufe.

Aber auch der klassische Forscher-Typus ist in der Kommunikationswissenschaft vertreten. Dieser zeichnet sich durch seine starke Fokussierung auf die Forschung aus, identifiziert sich dabei aber nicht ausschließlich mit dem eigenen Fach und sieht sich selbst auch eher an der Schnittstelle zu anderen Fächern. Im Gegensatz zu den anderen Typen haben die meisten Vertreter dieses Typs nicht Kommunikationswissenschaft studiert. Die jeweilige wissenschaftliche Sozialisation und die unterschiedlichen Karrierestationen erklären somit das Vorhandensein unterschied-licher Habitūs im Feld der Kommunikationswissenschaft und damit die hohe Varianz der Selbstverständnistypen, die das Fach entscheidend prägen (vgl. 298f.).

Betrachtet man die in der Untersuchung verwendeten theoretischen Werkzeuge Bourdieus, so sieht man sich zunächst mit einem eher ungewöhnlichen Vokabular konfrontiert. Es geht um Machtkämpfe im wissenschaftlichen Feld, Positionserhalt oder -verbesserung, Kapitalgewinn und strategisches Handeln. Lässt man sich aber nicht zu sehr von diesen Begrifflichkeiten abschrecken, zeigt die Autorin mit der vorliegenden Untersuchung, dass sie durchaus eine interessante Sichtweise auf die Frage warum sich Wissenschaftler so sehen, wie sie sich sehen, eröffnen. Huber zeigt, welche analytischen Möglichkeiten diese Begriffe in sich tragen und wie sie in der Forschung praktisch angewendet werden können. Die vorliegende Untersuchung liefert somit nicht nur einen neuen Blick auf die Selbstverständnisdebatte in der Kommunikationswissenschaft, sondern bietet gleichzeitig auch neue Denkanstöße und zeigt die Notwendigkeit einer weitergehenden Auseinandersetzung mit der Frage: Was ist Kommunikationswissenschaft?

Links:

Über das BuchNathalie Huber: Kommunikationswissenschaft als Beruf. Zum Selbstverständnis von Professoren des Faches im deutschsprachigen Raum. Reihe: Theorie und Geschichte der Kommunikationswissenschaft, Bd. 8. Köln [Herbert von Halem Verlag] 2010, 344 Seiten, 29,50 Euro.Empfohlene ZitierweiseNathalie Huber: Kommunikationswissenschaft als Beruf. von Wild, Michael in rezensionen:kommunikation:medien, 21. Juni 2012, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/9237
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