Ute Daniel, Axel Schildt: Massenmedien im Europa des 20. Jahrhunderts

Einzelrezension
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Rezensiert von Rudolf Stöber

Einzelrezension
Das 20. Jahrhundert konstituiert keine Epoche der Mediengeschichte. Dieser naheliegende Eindruck drängt sich den Lesern des von Ute Daniel und Axel Schildt herausgegebenen Bandes auf. Auch stellte, zumindest nach Ansicht der Herausgeber, 1945 keine medienhisto- rische Zäsur dar. Während der Rezensent der ersten Einschätzung zustimmt, scheinen ihm an der zweiten Zweifel angebracht. Denn der Hiat des 20. Weltkriegs veränderte zwar weder die Mediengattungen noch die Rezipienten- bedürfnisse, doch medienökonomisch und ‑rechtlich-politisch wurde in allen europäischen Ländern, mit Ausnahme von den neutralen Staaten und Großbritannien, das Unterste zu oberst gekehrt. Auch der Aufstieg des Fernsehens vollzog sich nach 1945.

Das 20. Jahrhundert war medienhistorisch keine Epoche, weil in allen wesentlichen Kategorien die Kontinuitäten über die 1900er-Grenze hinweg überwogen: In Medientechnik, Medien- und Kommunikationsrecht, Medialisierung, Medienausbreitung und Mediennutzung. Mehrere Beiträge führen schon im Titel die Kontinuität “um 1900”. Medientechnisch wurden alle wesentlichen Grundlagen der modernen Presseentwicklung im 19. Jahrhundert gelegt: in Druck-, Satz-, Nachrichten- und Papiertechnik. Ähnliches gilt letztlich sogar für die digitale Welt der Gegenwart. Denn wenngleich es übertrieben erscheinen mag, von der Telegraphie als “viktorianischem Internet” (Tom Standage) zu sprechen, so sind die neuesten Kommunikationstechniken ohne die Vorläufer des 19. Jahrhunderts nicht denkbar und deren organische Fortentwick- lungen. Ebenso verhält es sich mit den Rundfunkmedien und dem Film. Für erstere gilt wiederum, dass sie ohne die drahtlose Telegraphie und das Telefon bis hin zu den Musikprogramm- versuchen um 1900 in diversen Großstädten undenkbar sind. Der Film wiederum war nicht mehr, aber auch nicht weniger als die Apotheose des Visualisierungsschubs des 19. Jahrhunderts.

Um nicht missverstanden zu werden: Mediengeschichte konstituiert sich nicht ausschließlich technisch, aber die genannten Aspekte weisen über die Technik hinaus auf Dimensionen sozialer Institutionalisierung. Hierzu gehört insbesondere das Problem der kommunikationsrechtlichen Ordnung und der sozialen Nutzung und Verwendung eines explodierenden Medienangebots. Darum durchbrechen zwei Beiträge explizit die zeitliche Markierung des 20. Jahrhunderts. Der Beitrag von Wolfgang König “Information, Kommunikation, Unterhaltung” stellt die technische Genese der Medienmoderne inklusive des 19. Jahrhunderts vor. Der medienrechtliche Aufsatz von Friedrich Kübler beschränkt sich im Titel zwar auf die Zeit nach 1945, umreißt zum Auftakt jedoch sogar die Anfänge des Medienrechts in der Frühen Neuzeit. Die Mehrzahl der Beiträge beschränkt sich hingegen auf die Darstellung von Entwicklungen im 20. Jahrhundert.

Die Herausgeber haben den Band in drei Abschnitte untergliedert: Die ersten sechs Aufsätze beschäftigen sich mit der “Massen- medialen Vergesellschaftung”, die nächsten vier mit “Medien, Recht und Politik”, die letzten fünf mit “Medienthemen”. Hätte der Rezensent den Sammelband herausgegeben, hätte er den vierten Beitrag des 2. Abschnitts und den ersten des 3. getauscht: Peter Birke behandelt im vierten Beitrag des 2. Teils die “Medialisierung von Arbeitskämpfen”. Für mich ist das ein paradigmatischer Beitrag zu dem Abschnitt “Medienthemen”. Martin Kohlrausch beschreibt den “Aufstieg der Massenmedien” in Deutschland und Großbritannien um 1900 in seinen Wechselbezügen zum politischen System. Der Beitrag hätte in den 2. Abschnitt bestens gepasst.

Die Beiträge sind, wie in Sammelbänden erwartbar, teils homogen, teils voneinander abweichend. Recht homogen wird der Band dadurch, dass neben der zeitlichen Fixierung auf das 20. Jahrhundert nahezu sämtliche Beiträge sich durch internationale Vergleiche auszeichnen. Auch spielt in allen der Aspekt der Medialisierung eine mehr oder minder prominente Rolle. Gleiches gilt für den roten Faden der Amerikanisierung: Die sich aufdrängende Vergleichsfolie der US-amerikanischen Entwicklungen wird insbesondere in den Aufsätzen von Jörg Requate zur Professionalisierung der Medienberufe, von Thomas Mergel zur internationalen Wahlkampfentwicklung, in verschiedenen Aufsätzen zur Rundfunkentwicklung und in Rainer Gries Aufsatz über Konsumprodukte als Kommunikationsmedien beschworen.

Weniger einheitlich sind Quellengrundlage und Stil. Einerseits gibt es eher feuilletonistische Betrachtungen, andererseits sehr quellengesättigte Darstellungen, insbesondere sticht hier Dominik Gepperts Darstellung der Auslandsberichterstattung um 1900 (im Wesentlichen) in Deutschland und Großbritannien heraus. Das mag damit zusammenhängen, dass der Autor auf seine Pressekriege rekurrieren konnte. Die Mehrzahl der Darstellungen sind hingegen solide Literaturüberblicke zum jeweiligen Thema, einzelne scheinen sich (gefühlt) öfter selbst zu zitieren als andere Autoren.

Einige Besonderheiten haben den Rezensenten gewundert: Der Begriff der Medialisierung wird nirgends eindeutig definiert. Die Kategorie der Amerikanisierung, eigentlich und vor allem ein Topos der Kulturkritik, wird in seinen Untiefen erst in dem Aufsatz von Mergel angemessen problematisiert; er ist im Band als vorletzter Beitrag verortetet. Aber auch hier hätte die Brauchbarkeit des Begriffs als eine wissenschaftlich-heuristische Kategorie stärker in Frage gestellt werden können. Mergel verweist zwar zu Recht auf Anselm Doering-Manteuffels Einwand, mit ‘Amerikanisierung’ werde eigentlich ein Bündel von Entwicklungen bezeichnet, bei denen die USA anderen Staaten und Gesellschaften nur ein wenig vorauseilten. Aber letztlich führt die Verwendung des Begriffs dazu, dass die Wissenschaft zu einer Variante normativer Kulturkritik wird.

Man könnte sich mit vielen Details der Aufsätze auseinandersetzen, insbesondere vielen positiven Anregungen. Aber bisweilen entsteht doch ein schiefes Bild. So verweist z.B. der Aufsatz von Friedrich Kübler, der dankenswerterweise 1900 als Einstieg ignoriert, auf den wichtigen § 193 StGB. Aber er unterlässt es, die mehrfache Änderung der Rechtsprechung zu problematisieren, die erst nach 1949 aus diesem Paragraphen die “Magna Charta des Presserechts” (Martin Löffler) machte. Die unhistorisch-positivistische Perspektive verwundert. Die Verfassungsrealität konstituierte sich nie allein in Gesetzestexten.

Im gleichen Aufsatz wird außerdem zu Recht darauf hingewiesen, dass die Konzentrationskontrolle in Europa und seinen Staaten nur Fusionen überwacht, internem Wachstum und relativer Konzentration aber nichts entgegenzusetzen hat. Im gleichen Aufsatz wird mehrfach – zu Recht – die US-amerikanische Vergleichsfolie bemüht. Aber ausgerechnet beim Konzentrations- recht unterbleibt der Vergleich. Ein häufig übersehener Aspekt der europäisch-amerikanischen Vergleiche, bei dem sich die Europäer ein medienrechtliches Beispiel an den Amerikanern nehmen sollten, betrifft deren robuste Antitrust-Politik seit dem späten 19. Jahrhundert. Mit der Zerschlagung von AT&T in den 1970er-1980er Jahren exerzierte die Federal Communications Commission vor, wie mit zu großer Marktmacht der Medien umzugehen wäre.

Alles in allem ist zu resümieren: Der Sammelband ist eine durchaus nützliche Anschaffung, aber kein Muss. Dass die Herausgeber vielleicht Größeres vorhatten, aber wegen der üblichen Eigendynamik von Sammelbänden nicht realisieren konnten, könnte in der Selbstentschuldigung verborgen liegen, es gehe nicht darum, “den Bezugsraum Europa handbuchmäßig zu erfassen” (13). Jan C. Behrends Aufsatz, bescheiden “Skizze zur Geschichte der Öffentlichkeit in der Sowjetunion und Osteuropa” benannt, kommt diesem – vielleicht nicht, vielleicht doch  geplanten – grundlegenden Handbuchcharakter am nächsten.

Links:

Über das BuchUte Daniel; Axel Schildt: Massenmedien im Europa des 20. Jahrhunderts. Reihe: Industrielle Welt, Band 77. Wien, Köln, Weimar [Böhlau] 2010, 440 Seiten, 44,90 Euro.Empfohlene ZitierweiseUte Daniel, Axel Schildt: Massenmedien im Europa des 20. Jahrhunderts. von Stöber, Rudolf in rezensionen:kommunikation:medien, 1. Juni 2012, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/9096
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Rezensent/in
Prof. Dr. Rudolf Stöber ist Inhaber des Lehrstuhls für Kommunikationswissenschaft der Universität Bamberg. Seine Forschungsschwerpunkte sind Neue Medien, Kommunikation und sozialer Wandel, Theorie und Geschichte von Öffentlichkeit und öffentlicher Meinung sowie Politische Kommunikation.