Angela de Benedictis, Gustavo Corni Brigitte Mazohl, Luise Schorn-Schütte (Hrsg.): Die Sprache des Politischen in actu

Einzelrezension
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Rezensiert von Joachim Knape

Einzelrezension
Der Sammelband begründet eine neue Schriftenreihe zum Thema Geschichte der politischen Kommunikation und ist zugleich die erste Buchpublikation des internationalen Graduiertenkollegs Politische Kommunikation von der Antike bis in das 20. Jahrhundert, an dem deutsche, italienische und österreichische Wissenschaftler beteiligt sind. Die sechs Beiträge des Bandes – alle zweisprachig in deutsch und italienisch abgedruckt – sind “Ergebnis der ersten methodischen und epochenbezogenen Diskussionen, die im internationalen Kolleg geführt wurden. Entsprechend unterschiedlich sind die Aufsätze angelegt” (16). Man kann sie in zwei Gruppen einteilen: in eine Themen- und Forschungsstand diskutierende Gruppe und in eine Fallstudiengruppe.

Die beiden Fallstudienbeiträge sind zeitlich weit gefächert. Es beginnt mit einem althistorischen Beitrag von Christian Mann (Konstanz) über die Funktion des athenischen Ostrakismus. Er stellt die These infrage, das Scherbengericht sei eine inneraristokratisch motivierte Methode der politischen Richtungsentscheidung gewesen, und neigt eher zu einer sozialpsychologischen Deutung (Neid des Volkes auf die Mächtigen oder Warnung an sie). Die zweite Fallstudie stammt aus der Feder von Angela De Benedictis (Bologna) und befasst sich mit dem spätmittelalterlichen Widerstandsrecht. Ausgangspunkt ist der Konflikt des deutschen Königs Heinrich VII. mit den oberitalienischen Städten im 14. Jahrhundert. Die sich in Folge dieser Ereignisse entwickelnde Rechtsdiskussion kreist zunächst um das Verständnis der Begriffe “rebellare” und “resistere” (120) und wird in dem Beitrag bis hin zu den Reformationsstreitigkeiten des 16. Jahrhunderts erörtert.

Seinen über die engere Fachwissenschat hinausgehenden Wert bekommt der Band von jenen Beiträgen, die sich diskutierend und reflektierend mit der Forschung und dem systematischen Problem der politischen Kommunikation in der Geschichte auseinander- setzen. Luise Schorn-Schütte (Frankfurt/M) eröffnet den Reigen mit ihrer Einleitung, die aus einem Aufriss des Programms des Graduiertenkollegs besteht. Mutig wird hier das Politische als zentraler, wenn auch nicht mehr alleiniger Gegenstand der historischen Forschung verteidigt, ja erfreulich rehabilitiert.

Weniger mutig steht die Definition des Untersuchungsgegenstands Politik da, weil man sie – der Anschein entsteht – eigentlich umgehen will. Das zeigt sich an der salvatorischen Klausel, mit der Schorn-Schütte meint, sich eifernd-sophistische Kritiker vom Halse halten zu sollen: “die Definition des Politischen” müsse “offen bleiben”, zumindest dürfe man nicht von einem “wesensmäßig gleich bleibenden Begriff des Poltischen” ausgehen, weil das “zutiefst unhistorisch” sei (11). Da atmet der Leser tief durch und fürchtet schon, dass die Beteiligten nicht wissen, was ihr Untersuchungs- gegenstand ist. Selbstverständlich kann es nicht ‘wesensmäßig’ zugehen, aber erwartbar ist doch eine ‘verständigungsmäßige’ Arbeitshypothese. Der Leser wird sogleich beruhigt, weil als (natürlich unvermeidliche!) arbeitsstrukturierende Definition ein Vorschlag von Gerhard Göhler angeboten wird (11).

Auch was unter “Kommunikation” zu verstehen ist, wird deutlich, weil eine ganze Reihe von methodischen Anschlussforschungs- feldern genannt wird, die das Konzept plausibilisieren. Es leuchtet völlig ein, dass die europäische “Tradition einer Ideengeschichte des Politischen” aufgerufen wird sowie die Schule der historischen Semantik oder die Ansätze der historischen “symbolischen Kommunikations”-Forschung; der Rhetoriker liest ebenfalls mit Interesse, dass ebenfalls  Anschluss an die Arbeiten zu “Rechtfertigungsnarrativen” oder “Sprachstrategien” gesucht wird. Das ist alles sehr anregend auch für andere historisch arbeitende Disziplinen.

Dieser Eindruck setzt sich fort bei den Beiträgen des Sammelbandes mit Forschungsberichtcharakter. So diskutiert Frank Rexroth (Göttingen) die methodischen Ansätze, Probleme und Ergebnisse der mediävistischen Ritualforschung und jener Forschung, die sich mit “Sprache und Sinngebung”, mit Begriffen, Diskursen und Sprechakten auseinandersetzt. Rexroth kommt zu dem Ergebnis, “dass sich die Mittelalterhistoriker – nicht nur in Deutschland – mit den Theorieangeboten um Rituale und Ritualismus leichter getan haben als mit den Reflexionen über die sprachliche Verfasstheit der Wirklichkeit” (90). Diese Überlegungen setzt Volker Seresse (Kiel) in seinem Beitrag zur “Praxis der Erforschung politischer Sprachen” im Bereich der Frühen Neuzeit fort. Die Ausführungen gehen in eine Fallstudie über, wenn Seresse sich dem Thema “Schlüsselbegriffe” am Beispiel fürstlich-ständischer Kommunikation in Kleve-Mark und Bayern im 16./17. Jahrhundert zuwendet. Bemerkenswert ist der Befund, dass man offensichtlich mit der Ambiguität solcher Schlüsselbegriffe wie ‘Gemeinwohl’ oder ‘Treue’ in den verschiedenen politischen Lagern gut umgehen konnte.

Edgar Wolfrum (Heidelberg) widmet sich im Schlussbeitrag der Frage nach der Funktionalisierung von Geschichtsdeutungen im politischen Diskurs. Unter dem Stichwort “Geschichtspolitik” formuliert Wolfrum acht Perspektiven, unter denen die entsprechenden “dominierenden Deutungsachsen” herausgearbeitet werden können (funktionale, politisch-pädagogische, öffentlichkeitstheoretische, konflikttheoretische und andere Perspektiven).

Wer sich informieren will, wie unter Historikern der Diskussionsstand zum Thema Kommunikation und Politik, einschließlich Begriffs-, Sprach-, Text- und Widerspiegelungsproblematik in all ihren Dimensionen, ist, für den wird dieses Buch zu einer anregenden Lektüre. In jedem Fall lässt es auch erwarten, dass das eingangs genannte Graduiertenkolleg zu diesem Problembereich wichtige theoretische und methodische Ergebnisse auf hohem Reflexionsniveau zeitigt.

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Über das BuchAngela de Benedictis; Gustavo Corni; Brigitte Mazohl; Luise Schorn-Schütte (Hrsg.): Die Sprache des Politischen in actu. Zum Verhältnis von politischem Handeln und politischer Sprache von der Antike bis ins 20. Jahrhundert. Reihe: Schriften zur politischen Kommunikation, Band 1. Göttingen [V&R unipress] 2009, 231 Seiten, 37,90 Euro.Empfohlene ZitierweiseAngela de Benedictis, Gustavo Corni Brigitte Mazohl, Luise Schorn-Schütte (Hrsg.): Die Sprache des Politischen in actu. von Knape, Joachim in rezensionen:kommunikation:medien, 18. Mai 2012, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/8967
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Rezensent/in
Prof. Dr. Joachim Knape ist Geschäftsführender Direktor des Seminars für Allgemeine Rhetorik der Universität Tübingen. Seine Forschungsschwerpunkte sind Rhetorikgeschichte und Rhetoriktheorie.