Eva Baumann: Die Symptomatik des Medienhandelns

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Rezensiert von Nicole Zillien

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Die Krankheitsbilder Anorexie, Bulimie und psychogene Adipositas werden üblicherweise unter dem Begriff der Essstörungen subsumiert, welche insbesondere unter jüngeren Frauen eine verbreitete chronische Erkrankung darstellen. Dabei wird – bei Magersucht und Ess-Brech-Sucht ebenso wie bei anfallartigem Überessen – sowohl in Alltagsgesprächen als auch im wissenschaftlichen Diskurs von einer medialen Einflussnahme ausgegangen. Die Annahme ist, dass die überschlanken Medienvorbilder als Körperideal dienen und auf Rezipientenseite zu Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper und im Extremfall zu krankhaften Essstörungen führen. In ihrer empirischen Arbeit Die Symptomatik des Medienhandelns führt Eva Baumann aus, dass diese Vorstellung eines linearen Zusammen- hangs von Ursache und Wirkung dem komplexen Wechselverhältnis von Mediennutzung und Essverhalten nicht gerecht wird.

Die Arbeit vermittelt im Zuge eines Literaturüberblicks anschaulich, auf welch unterschiedliche Art und Weise ein Zusammenhang zwischen Medien und Essstörungen vorliegen kann: So lassen sich beispielsweise im Zusammenhang mit Magersucht-Erkrankungen positive Auswirkungen der Nutzung von Betroffenen-Netzwerken im Internet nachweisen. Gleichzeitig wird ausgeführt, dass tatsächlich ein stabiler Zusammenhang zwischen Mediennutzung, medialem Körperideal und negativer Selbstwahrnehmung existiert, der jedoch in starker Abhängigkeit von Rezipientenmerkmalen (Geschlecht, Alter, vorliegende Körperzufriedenheit etc.) auftritt, weshalb moderierende Faktoren in ein Wirkungsmodell zu Mediennutzung und Essstörungen einzubeziehen seien.

Dabei fragt die Autorin weniger aus kommunikatorzentrierter Perspektive nach dem Wirkungspotenzial der Medien, sondern interessiert sich vielmehr für das Bedeutungspotenzial derselben: “Es geht also um die Frage, warum und wozu essgestörte Menschen sich in bestimmten Situationen bestimmte Medienangebote so aneignen, dass diese für die Krankheit bedeutsam sind” (136). Konkret wird danach gefragt, welches Medienhandeln sich im Zusammenhang mit Essstörungen ausmachen lässt und welchen Einfluss situationsspezifische, personenspezifische und symptom- bezogene Kontextmerkmale darauf nehmen, “[o]b und in welchem Ausmaß Medieninhalte im Hinblick auf die Essstörung letztlich in einer die Persönlichkeit fördernden oder schädigenden Art selektiert und verarbeitet werden und so zur Entstehung und Aufrecht- erhaltung der Krankheit beitragen oder aber als Ressource der Bewältigung derselben genutzt werden” (221).

Als Basis der empirischen Analyse dienen Leitfadeninterviews mit insgesamt 45 betroffenen Mädchen und Frauen, die sich aufgrund der Behandlung ihrer Essstörung in einer entsprechenden Klinik aufhielten. Im Rahmen einer aufwändigen und sorgfältig dokumentierten Inhaltsanalyse, die sowohl qualitative als auch quantitative Elemente umfasst, wird anschaulich herausgearbeitet, dass die Befragten im Rückblick einen reflektierten Umgang mit Medien und deren Inhalten berichten, der jedoch keinesfalls potenziell schädigende Nutzungsweisen ausschließt: “Medien werden sowohl zur Flucht vor der Krankheit genutzt als auch als Mittel zur Bewältigung sowie zur Aufrechterhaltung der Symptomatik gebraucht” (278).

Eine Clusteranalyse verdichtet die über 800 im Material genannten Medienhandlungen statistisch auf 17 Typen, die sich wiederum quantifizieren lassen: Zu den meistgenannten Medienhandlungs- typen gehören dann einerseits jene Handlungen, die die Patientinnen als “Opfer der Medienvorbilder” (14%) beschreiben, andererseits jedoch auch Medieninhalte, die im weitesten Sinne der (Selbst-)”Therapie” (12%) dienen und auch solche, die sich unter dem Label “Flucht” (11%) als eskapistische Nutzungsweisen charakterisieren lassen.

Weiterhin zeigt die Arbeit, dass in verschiedenen Phasen der Erkrankung oder auch je nach vorliegender Essstörung unter- schiedliche Formen der Medienverwendung dominieren und sich gleichzeitig auf einen ähnlichen Medieninhalt ganz unterschiedliche Handlungstypen beziehen können: “Es wird deutlich, dass je nach persönlich-situativer Konstellation zum einen verschiedene Medien und Medieninhalte fokussiert und selektiert werden und zum anderen ähnliche Inhalte auf unterschiedliche Weise gedeutet werden” (390).

Kritisch ist an dieser Stelle anzumerken, dass das mit einem individualisierten (“Sense-Making”-)Ansatz verbundene Beliebigkeitspotenzial nur wenig diskutiert wird. Zudem wird einleitend mit dem einfachen Ursache-Wirkungsmodell ein zu leichter Gegner aufgebaut, und teilweise treten längliche einführende Passagen und auch Redundanzen auf. Alles in allem wird hier jedoch mit viel Fingerspitzengefühl eine Form der Medienwirkungsforschung betrieben, die der Komplexität mediatisierter Alltagshandlungen Rechnung trägt. Die Arbeit weist dabei über den konkreten Fall der Essstörungen hinaus und bietet vielfach verallgemeinerbare theoretische und methodische Erkenntnisse.

Links:

Über das BuchEva Baumann: Symptomatik des Medienhandelns. Zur Rolle der Medien im Kontext der Entstehung, des Verlaufs und der Bewältigung eines gestörten Essverhaltens. Köln [Herbert von Halem Verlag] 2011, 456 Seiten, 32,- Euro.Empfohlene ZitierweiseEva Baumann: Die Symptomatik des Medienhandelns. von Zillien, Nicole in rezensionen:kommunikation:medien, 8. Mai 2012, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/8899
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Rezensent/in
Dr. Nicole Zillien forscht und lehrt im Fach Soziologie an der Universität Trier. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind Medienwirkungsforschung, Medien- und Techniksoziologie, soziale Ungleichheit sowie Reproduktionsmedizin.