Thomas Horky, Thorsten Schauerte, Jürgen Schwier, DFJV (Hrsg.): Sportjournalismus

Einzelrezension
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Rezensiert von Daniel Nölleke

SportjournalismusEinzelrezension
Die Herausgeber des Sammelbandes Sportjournalismus versuchen sich an der eierlegenden Wollmilchsau. Übertragen auf den (Fußball-)Sport heißt das: Das Ziel des Bandes ist in etwa so hehr wie das Bestreben, einen talentierten Fußballer zu einem wuchtigen und kopfballstarken Strafraumstürmer zu trainieren, der das Spiel dribbelstark und kreativ lenkt, dabei zweikampfstark in der Abwehr agiert und stets als Führungs- spieler vorangeht. Für den 326 Seiten starken Band zeigt sich dieses Anliegen in der Heterogenität der Inhalte: Das Verhältnis von Sport und Medien wird theoretisch verortet, empirisch vermessen und praxisorientiert abgesteckt; der Prozess der sportjournalistischen Kommunikation wird von der Recherche bis zur Rezeption modelliert; wissenschaftliche und praktische Perspektiven werden integriert; unterschiedliche Strukturelemente wie Organisationen und Rollen fokussiert. Aber: Ist all dies in einem Band zu leisten? Kurz gesagt: Der Band ist nicht in allen Bereichen Champions-League-tauglich.

Die Prämisse, die dem Band zugrunde liegt, beschreiben die Herausgeber im ersten Satz der Einleitung: “Der Sportjournalismus ist anders als andere Felder des Journalismus.” (7) Diese Anders- artigkeit bzw. Spezifik kommt in den 22 Beiträgen zwar immer wieder zum Ausdruck, doch wirken diese Aspekte eher als Schlag- lichter denn als Erkenntnisse einer systematischen Vermessung von Sportjournalismus. Schon bei “Anpfiff” – so nennen die Herausgeber ihre Einleitung – wird versäumt, dem Spiel eine entsprechende Struktur zu geben. Für eine Einführung ins Thema ist es zwar durchaus instruktiv, Einzelaspekte zu pointieren (etwa die Attraktivität des Berichterstattungsgegenstands, die Rolle von Seiteneinsteigern unter den Sportjournalisten oder die sport-spezifische Rezeptionsform des Public Viewing), doch zieht sich dieses Prinzip der Deskription von Einzelphänomenen durch den gesamten Band. Die Herausgeber lassen auf diese Weise zwar Raum für eine große Vielfalt an Beobachtungen; für den Spielfluss wäre es aber hilfreich gewesen, vom Anpfiff an einer gemeinsamen Spielidee zu folgen.

Man würde dem Band allerdings Unrecht tun, würfe man ihm vor, er gehe völlig ohne Spielidee ins Rennen. Die Herausgeber formulieren: “Die ersten Kapitel skizzieren aus verschiedenen theoretischen Perspektiven wesentliche Ergebnisse und Ansätze der wissen- schaftlichen Beschäftigung mit dem Sportjournalismus. […] Im zweiten Hauptteil des Buches kommen dann die Praktiker zu Wort und schildern ihr Tätigkeitsfeld […].” (9) Dieser Struktur folgt der Band jedoch nicht konsequent: In den ersten Kapiteln zur Geschichte des Sportjournalismus, zu den Sportjournalisten in Deutschland, den Themen für Sportjournalisten, der Vermarktung von Sportereignissen sowie zu Publikum und Nutzung sind theoretische Verweise die Ausnahme. Und im zweiten Teil – dem Teil der Praktiker – findet sich auch eine ausführliche empirische Bestandsaufnahme zum Sport im Fernsehen.

Ohnehin fällt im zweiten Teil des Bandes die große Unterschied- lichkeit der einzelnen Beiträge auf: Neben Marktbeschreibungen gibt es vor allem Einblicke in den konkreten Tätigkeitsbereich eines Sportjournalisten; neben systematisch-differenzierten Beiträgen stehen eher anekdotische Berichte, ein völlig verkürzender Beitrag zum Thema “Sport-PR” (ohne dass erläutert würde, wie sich Sport-PR in die “Praxis des Sportjournalismus” einfügt) und – unvermittelt – ein Interview zum Thema “Sportfotografie”. Dieser zweite Teil, der insbesondere Berufsinteressenten Einblicke in das Berufsfeld geben könnte, kommt daher unaufgeräumt daher. Der Leser findet Interessantes und Relevantes – allen voran im ausgezeichneten Beitrag von Hanns-Christian Kamps –, aber er wird auch mit vielen – teilweise beliebig wirkenden – Einzelaspekten im Stich gelassen.

Während sich 14 Kapitel mit der “Praxis des Sportjournalismus” auseinandersetzen – bzw. mit dem, was die Herausgeber darunter verstehen – bieten sie den (wissenschaftlichen) “Grundlagen des Sportjournalismus” in sechs Kapiteln Raum. Auch wenn anzuer- kennen ist, dass kaum die Möglichkeit zur intensiven analytischen Betrachtung besteht, ist das, was in einigen der Beiträge geliefert wird, enttäuschend. Zu viel versprechen sie und zu sehr kratzen sie dann lediglich an der Oberfläche: Im Beitrag von Erik Eggers endet die “Geschichte des Sportjournalismus” schon 1989 – und das, ohne die Veränderungen durch den Zutritt privater Rundfunk- anbieter entscheidend zu thematisieren.

Auch Steffen Kolbs Beitrag zu den Sportjournalisten, eine Sekundäranalyse der Studien “Journalismus in Deutschland”, verspricht mehr, als er letztlich zu leisten imstande ist: Ein expliziterer Hinweis auf die geringen Fallzahlen der befragten Sportjournalisten würde bei der Einordnung der Ergebnisse helfen. Auch das Vorhaben, sich auf nicht einmal 20 Textseiten zum Publikum und zur Nutzung von Sportjournalismus auszulassen, ist ambitioniert. Thorsten Schauerte und Thomas Horky gehen mit diesem engen Raum effizient um und schaffen es, das Feld zu strukturieren und relevantes Wissen schlaglichtartig zu präsentieren. Doch auch hier vermisst der Leser einen Hinweis darauf, dass der Beitrag (notwendigerweise) nur sehr limitierte Aussagekraft hat.

So ist grundsätzlich zu konstatieren, dass die Leistung des Bandes darin besteht, das Feld Sportjournalismus aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu betrachten und dabei zahlreiche spezifische Einzelaspekte zu identifizieren. Unter der Breite der Inhalte leidet (notwendigerweise) die Tiefe. Es wäre jedoch hilfreich gewesen, wenn diese eingeschränkte Aussagekraft auch thematisiert würde. In dieser Form wirken zahlreiche Beiträge unvollständig und in der Auswahl der Inhalte beliebig. Beliebig – das als Fußnote – wirkt auch das Register: Folgt man dem, dann geht es in dem Band nur in vier Abschnitten um Sportjournalismus. Absurd wird es, wenn Stichworte wie “Hobbyraum” verzeichnet und der Aspekt der “Berichterstattung” in “1:0-, Hof-, Kurz-, Sport- und Vor-” gegliedert werden.

Der Sammelband eignet sich als erste Einführung sowohl für diejenigen, die sich für das Berufsfeld interessieren, als auch für Studierende, die sich im Rahmen von Seminararbeiten oder Lehrveranstaltungen mit dem Themenfeld Sportjournalismus beschäftigen. Für Studierende haben aber insbesondere die Sammelbände der im Herbert von Halem Verlag erscheinenden Reihe “Sportkommunikation” mehr zu bieten.

Links:

Über das BuchThomas Horky; Thorsten Schauerte; Jürgen Schwier; Deutscher Fachjournalistenverband (Hrsg.): Sportjournalismus. Reihe: Praktischer Journalismus, Band 86. Konstanz [UVK] 2009, 326 Seiten, 29,99 Euro.Empfohlene ZitierweiseThomas Horky, Thorsten Schauerte, Jürgen Schwier, DFJV (Hrsg.): Sportjournalismus. von Nölleke, Daniel in rezensionen:kommunikation:medien, 27. April 2012, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/8627
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Rezensent/in
Daniel Nölleke, M.A., ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Kommunikationswissenschaft der Universität Münster. Seine Magisterarbeit schrieb über das Thema "Ehemalige Sportler als Experten in der TV-Sportberichterstattung". Im März 2012 hat er seine Dissertation mit dem Titel: "Experten im Journalismus. Systemtheoretischer Entwurf und empirische Bestandsaufnahme" abgeschlossen.