Achim Eschbach, Nora-Sophia Eschbach (Hrsg.): Bausteine der Kommunikationswissenschaft

Einzelrezension
2741 Aufrufe

Rezensiert von Rubén Leites García

Einzelrezension
Das 300-seitige kommunikations- wissenschaftliche Grundlagenbuch gibt einen ausführlichen Überblick über die Bausteine der Kommunikationswissenschaft, d. h. über Disziplinen und deren Vertreter, die zumindest als Ausgangspunkt für die Erschließung der facettenreichen Gestalt der Kommunikationswissenschaft dienen. Nach einem kurzen Vorwort und einer “Kleinen Geschichte der Kommunikationswissenschaft”, wie die Herausgeber sie nennen, folgt das Sammelwerk den Quellströmen der Kommunikationswissenschaft, indem zunächst der Autor samt Kurzbiographie vorgestellt wird. Dabei gehen die Herausgeber auf die markantesten Lebensabschnitte des Autors ein und markieren schon hier die Beziehung zur heutigen Kommunikationswissenschaft, um anschließend einen ausgewählten Text des jeweiligen Autors zu präsentieren. Dies wird ohne Kommentar oder fachspezifische Einordnung getan, da eine kritische und vor allem selbstständige Auseinandersetzung des Lesers mit der Textauswahl gewünscht wird.

Die Bausteine der Kommunikationswissenschaft setzen sich aus den Disziplinen Soziologie, Semiotik, nonverbale Kommunikation, Sprachwissenschaft, Philosophie, (Entwicklungs-)Psychologie, Medizin, Biologie, Anthropologie, Ethnologie, Hermeneutik, Literatur, Politologie, Psychoanalyse, Geschichte und Ökonomie zusammen. Diese Bausteine sind als Hilfe gedacht, um eine kennzeichnend kommunikationswissenschaftliche Betrachtungsweise zu entwickeln. Im Text heißt es hierzu, dass die Auswahl das Ziel verfolgt, klar und prägnant die spezifische Fragestellung der jeweiligen Disziplinen im Hinblick auf die Kommunikationswissenschaft zum Ausdruck zu bringen und der Besonderheit des Autors gerecht zu werden.

Die markante Charakteristik der Kommunikationswissenschaft macht eine interessenbedingte Gestaltungsvielfalt aus, d. h. dass keine monoperspektivische Auseinandersetzung, sondern ein interdisziplinäres Zusammenspiel intendiert wird. In dieser entscheidenden Eigenschaft liegt auch ihre starke Erklärungskraft begründet. Der Kommunikationswissenschaftler verfolgt damit das Ziel, seinen spezifischen kommunikationswissenschaftlichen Gegenstand einer verstehenden Erklärung zuzuführen. Somit nehmen Verstehen und Verstehenshandlungen den Mittelpunkt einer kommunikationswissenschaftlichen Untersuchung ein, die den Prozess zeichenvermittelter Interaktion zwischen mindestens zwei Individuen analysiert und beschreibt und diese kommunikative Sozialhandlung als Verstehenshandlung auffasst. Dies schafft gleichzeitig die Voraussetzung einer notwendigen Vertrautheit mit den verschiedenen Quellströmen und deren Vertretern, will man eine kommunikationswissenschaftlich einwandfreie Fragestellung und Methode garantieren.

Beide Schlüsselmomente der Kommunikationswissenschaft, also die in Zeichen begründete Vermittlung und die Verstehenshandlung, werden im Sammelwerk durch die Beiträge von Richard Gätschenberger zur Semiotik und von Olga Marum zur Hermeneutik behandelt. Richard Gätschenbergers ‘Sematologie’ zeugt von der Wichtigkeit einer zeichentheoretischen Grundlegung der Kommunikationswissenschaft. Das Zeichen als Basiskonzept einer kommunikationswissenschaftlichen Untersuchung ist unabdingbar, da alles menschliche Denken, Empfinden, Wahrnehmen und auch Handeln mit Hilfe von Zeichen verläuft. Diesen Sachverhalt verdeutlicht Achim Eschbach, bei dem es in dem Aufsatz Semiotik der Schrift (1993) heißt, dass der Mensch seine Umwelt ‘verzeichnet’: Die gesamte menschliche Konstitution sei darauf angelegt, einen jeden Vorgang zumindest potentiell verstehen und damit sinnvoll interpretieren und intentional ausrichten zu können. Folglich ist laut Gätschenberger die Sematologie als Lehre vom unentbehrlichsten Handwerkszeug der Wissenschaft zu betrachten, da diese sich auf das Grundelement allen menschlichen Tuns konzentriert – das Zeichen.

Gätschenberger, übrigens genau wie Karl Bühler ein Schüler Oswald Külpes, verdeutlicht, dass im Umgang mit dem Wort Zeichen zwei Bedeutungen möglich sind, die oft für Missverständnisse sorgen, denn einerseits kann das Zeichen als Anzeichen, z. B. Rauch für Feuer, und andererseits als Darstellungsmittel bzw. als Vertreter eines Etwas verstanden werden. Gätschenberger versteht das Zeichen als Vertreter, da das Zeichen zwar für Etwas steht, dieses Etwas aber nicht für das Zeichen stehen kann. Beispielsweise fungiert ein Botschafter als Repräsentant eines Landes, jedoch kann umgekehrt kein Land als Repräsentant einer einzigen Person dienen.

Bei der sprachlichen Kommunikationshandlung spielt somit das Basiskonzept der Verstehenshandlung eine ganz entscheidende Rolle. Um sich der Sprache nähern zu können, muss dieses erläutert werden, um damit jegliche menschliche Denk- und Bewusstseinsvorgänge aufzuzeigen. Der kommunikationswissenschaftliche bzw. semiotische Fokus muss dabei auf dasjenige gelegt werden, auf das ein Medium hinweist, und darf nicht auf das Medium selbst gelegt werden. Der materielle Laut kann nämlich erst dadurch zum ‘Ausdruckszeichen’ werden, dass er als solches auch wahrgenommen wird. Er wird also erst im Interpretationsprozess der konkreten Erfahrung jeweils neu konstituiert, ihm wird durch diesen Prozess Bedeutung zugeschrieben und er ist nicht durch Konvention vorab vollends determiniert. Der menschliche Interpretationsprozess ist also unabdingbar für den Gebrauch und das Verständnis von Bedeutung.

In Olga Marums Beitrag zur Hermeneutik, in dem es um die Analyse des Verstehens und seiner Bedingungen geht, untersucht sie Art, Aufbau und Bedingungen sowie die Grenzen des Verstehensprozesses. Dabei fasst sie Verstehen als Erfassen des Einzelnen in seinem Zusammenhang mit dem Ganzen auf. Die Grundlage des Verstehens besteht in dem Moment und der Möglichkeit des Hineinversetzens in den Anderen, dabei ist das Resultat des Verstehens das Wiederfinden des Ichs im Du, wie Dilthey dies formuliert, da jedes psychologische Erleben auch etwas Standpunkthaftes in sich trägt. Will man sein Gegenüber verstehen,  ist es notwendig, die eigene Perspektive temporär aufzugeben, um den Sachverhalt vom oppositionellen Standpunkt aus zu betrachten. Menschen treten nur innerhalb derselben Einstellung in Kommunikation zu gegenseitigem Verstehen. Verstehen ist also ein sozialer Prozess und charakterisiert einen spezifischen zwischenmenschlichen Vorgang, der die Grundlage für wirksames Handeln schafft.

Die Kommunikationswissenschaft, hier vor allem die Essener Ausrichtung, hebt sich von den übrigen ab, indem diese die Prozesse kommunikativer, d. h. zeichenvermittelter Interaktionen so zu analysieren und beschreiben versucht, dass sowohl materielle als auch immaterielle Vorgänge und Leistungen menschlicher zeichenvermittelter Interaktion in die Deutung und Erklärung mit einfließen. Dabei geht die Essener Kommunikationswissenschaft der spezifischen Frage nach der Binnenstruktur kommunikativer Prozesse, dem spezifischen Aufbau des Mitteilungsgeschehens, dem Einsatz kommunikativer Mittel im Verhältnis zu jeweiligen Zwecken und Zielen sowie deren jeweiligem Verhältnis zu Kultur und Gesellschaft nach. Diese Charakteristik setzt sie von simplen Informations- und Medientheorien bzw. Medienwissenschaften und der damit einhergehenden monoperspektivischen Untersuchung materieller, analoger Schlüsse ab und leistet den semiotischen Mehrwert, der bei einer kurzsichtigeren Betrachtungsweise verwehrt bliebe.

In dem Werk kritisieren die Herausgeber den unüberlegten Umgang mit dem Begriff der Kommunikation bzw. Kommunikationswissenschaft und warnen gleichzeitig davor, aufgrund der Schwierigkeiten einer klaren Begriffsdefinition und –abgrenzung fälschlicherweise die Kommunikationswissenschaft mit informations- und medientheoretischen Untersuchungen gleichzusetzen. Ein fataler Fehler, da diese material-orientierten Disziplinen monokausale Schlüsse ziehen, also von der bloßen Verfügung über materielle Medien auf die inhaltliche immaterielle Ebene schließen.

Die Problematik monokausaler Deutungen und Erklärungen machen die Herausgeber anhand des analogen Schlusses deutlich, in dem von gewaltverherrlichenden Videospielen auf einen zu erwartenden und automatisch darauffolgenden Amoklauf geschlossen wird. Gerade dieser fatale, aber weit verbreitete Umstand zeugt von der enormen Wichtigkeit der kommunikationswissenschaftlichen Interdisziplinarität und ihrer Distanzierung gegenüber fehlgeleiteten monokausalen Deutungen einer reinen Informations- oder Medientheorie. Um gerade solche verengten Blickwinkel um eine perspektivische Analyse zu erweitern, ist eine kommunikationswissenschaftliche  Betrachtungsweise grundlegend, die in der Erkenntnisfindung einen Schritt weiter führt.

Eine der Hauptaufgaben der Kommunikationswissenschaft sehen die beiden Herausgeber darin, Ursachen, die zu einem Wandel von Gewohnheiten führen, zu ermitteln und zu analysieren. In diesem Vorhaben können einfache und fehlgeleitete monokausale Analysen und Deutungen solcher Ereignisse durchaus gefährlich sein.

Der Mensch und die Gesellschaft, in der er lebt, bilden Gewohnheiten aus, die durch einen permanenten Interpretationsprozess charakterisiert sind. Am Beispiel der Dreifach-Katastrophe in und um Fukushima (Erdbeben, Tsunami und ‘Atom Super GAU’) erläutern sie, wie die Interpretationen eines solchen Ereignisses Gesellschaften bestimmen und verändern. Durch Neu-Interpretationen der aktuellen und akut gewordenen Atomkraftwerksdebatte in Deutschland brachte dieses Ereignis in Fukushima, aber vor allem die anschließende Diskussion und Interpretation der Sachlage das Kartenhaus der Atomenergie in Deutschland zu Fall. Dieses Sammelwerk der Quellströme der Kommunikationswissenschaft zeigt auf, wo die eigentliche Essenz und der hauptsächliche Mehrwert der Kommunikationswissenschaft zu finden sind: in dem interdisziplinären Faktor der verstehenden Erklärung.

Erstmalig wird klar, präzise und prägnant aufgezeigt, wie breit die Teildisziplinen der Kommunikationswissenschaft wirklich gefächert sind. Von der Soziologie und der Sprachwissenschaft über die Medizin und Psychologie bis hin zur Politologie, Geschichte und sogar Ökonomie. Die grundlegendste Eigenschaft eines Kommunikationswissenschaftlers besteht darin, von dem Materiellen zu abstrahieren, im breiten Spektrum den Kommunikationsprozess zu konstituieren, um diesen so umfassend wie möglich zu analysieren und zu deuten, um somit dem Gegenstand eine verstehende Erklärung zuzuführen. Es handelt sich um eine intelligente Auswahl an Texten verschiedener Denker, die die theoretischen Maximen und die fachspezifischen Belange einer kommunikationswissenschaftlich orientierten Forschung verdeutlichen, um die Grundprinzipien der Kommunikationswissenschaft aufzuzeigen und eine fachspezifische Charakteristik zu etablieren.

Die Herausgeber zeigen nicht nur auf, wie facettenreich die Kommunikationswissenschaft in ihrer interdisziplinären Konstitution vorgeht, sondern tragen erheblich zu einem besseren Verständnis, einer gesunden Aufklärung und abgrenzenden Konstatierung der Kommunikationswissenschaft bei, die leider allzu oft missbraucht oder wissenschaftlich in ein informations- und medientheoretisches Korsett geschnürt wird, das einer kommunikationswissenschaftlichen Forschungsmethodik zu eng ist.

Fazit: Ein umfassendes Sammelwerk, das die Quintessenz der Kommunikationswissenschaft vorstellt und die Grundlagen und Besonderheit dieser Wissenschaft klar absteckt. Es ist ein nicht nur für angehende Studenten der Kommunikationswissenschaft lesenswertes Grundlagenbuch. Das Werk ist ein Vorbild für alle wissenschaftlichen Disziplinen, die nicht nur die sichtbar materiellen Artefakte in die Ursachenanalyse und -deutung miteinbeziehen, sondern darüber hinaus das Wesen eines Phänomens oder Gegenstandes in vollem Umfang  untersuchen und erklären wollen, denn die Einsicht und das Verständnis menschlicher Handlungen und Bewusstseinsprozesse ist nicht einfach in Kausalzusammenhänge zu setzen. Das Buch zeigt auf, dass materielle und für dieses Vorhaben obsolet gewordene behavioristische Eins-zu-Eins-Zuschreibungen nicht ausreichen, um menschliches Innenleben und menschliche Wirklichkeitskonstitutionen zu erklären.

Links:

Über das BuchAchim Eschbach; Nora-Sophia Eschbach (Hrsg.): Bausteine der Kommunikationswissenschaft. Würzburg [Königshausen & Neumann] 2012. 300 Seiten, 38,- Euro.Empfohlene ZitierweiseAchim Eschbach, Nora-Sophia Eschbach (Hrsg.): Bausteine der Kommunikationswissenschaft. von Leites Garcia, Rubén in rezensionen:kommunikation:medien, 18. April 2012, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/8615
Getagged mit: ,
Veröffentlicht unter Einzelrezension
Teilen
facebooktwittergoogle+
Drucken
Druck-Version PDF-Version
Rezensent/in
Rubén Leites García, M.A., ist Kommunikationswissenschaftler und Hispanologe. Schwerpunkte: Interkulturelle Mediation/Kommunikation, Verstehens- und Verständigungshandlungen, Semiotik, interne/externe Kommunikation, Consulting, Imagebildung.