Bildtheorien aus Frankreich

Sammelrezension
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Rezensiert von Jonas Zipf

Sammelrezension
Bildwissenschaft oder Visual Studies? Teilbereich der Kunstgeschichte oder Ausweitung des Bildbegriffs? Digitale Revolution und mediale Bilderflut sind die Gegenstände des Basler interdisziplinären Nationalen Forschungsschwerpunkts Bildkritik (NFS) eikones. Wie immer beginnt die Suche mit der Frage nach der zugrunde liegenden Methodik: Was ist, was kann ‘Bildkritik’ bzw. ‘Bildwissen-schaft’? Der im letzten Jahr erschienene Doppelband Bildtheorien aus Frankreich wagt einen unsystematischen Seiten- blick. Die Herausgeber Emmanuel Alloa, Kathrin Busch und Iris Därmann verfolgen eine zentrale These: Mit dem Blick auf französische Theorien und Texte zum Thema Bild- wissenschaft könnte der ‘Iconic Turn’ auch im deutschsprachigen Raum neu bewertet werden – und somit entweder eine nach- trägliche historische Legitimation erfahren oder als modischer ‘Turn’-Ismus entlarvt werden.

Entsprechend nimmt Emmanuel Alloa in seinem Vorwort zunächst Bezug auf die deutschsprachige Diskussion des Iconic Turn der 1990er Jahre. Allzu leichtfertig erscheint die junge Disziplin der Bildwissenschaft unter das Dach der Kunstgeschichte gesteckt worden zu sein. Dabei lohne sich der genaue Blick auf die ideengeschichtliche Tradition eines Aby Warburg oder Erwin Panofsky: Hatten nicht auch sie längst erkannt, wie wichtig eine Öffnung des Bildbegriffs weg vom kunsthistorischen Diskurs hin zu einer phänomenologischen und ästhetologischen Praxis ist?

Das Unternehmen des vorliegenden Doppelbandes ist also kein kleineres als der Versuch, den theoretischen Umgang der französischen Geisteswissenschaft mit dem Thema Bild in seiner Entwicklung von Henri Bergson bis zu Jacques Derrida nachzu- zeichnen und somit der deutschsprachigen Tradition gegenüber- zustellen. Dieses große Ganze avisieren die Herausgeber mit einer Teilung in zwei Bände: in eine Anthologie – der assoziativen Versammlung von zwölf bildtheoretischen Texten – und ein Handbuch – der Übersichtsdarstellung und kurzen Darstellung der als relevant empfundenen 33 Autoren.

Fernab der Möglichkeit, sämtliche Texte im Einzelnen besprechen zu können, werden hier zunächst die Grundzüge der beiden Bände und schließlich einzelne Text-Beispiele beschrieben:

Den ersten Band, die Anthologie, will Emmanuel Alloa als “archäologische Vorarbeit” zum zweiten, der Übersichtsdarstellung der einzelnen Theoretiker, verstanden wissen. Im Großen und Ganzen gelingt es ihm, das paradoxe Verhältnis verschiedener französischer Theorie-Größen des 20. Jahrhunderts zum Bild-Thema aufzuzeigen: Die meisten der versammelten Autoren stammen aus strukturalistischen und post-strukturalistischen Diskursen. Ihre grundlegende Bewertung von Bildern als sich affirmativ vor die Gegenstände stellende Re-Präsentationen führt zu einer Bildkritik, die paradoxerweise selbst die Bilder am besten beschreibt, und zwar als eine Art eigendynamische Diskursivität. Die Bild-Affinität einzelner französischer Theroretiker wie Georges Didi-Huberman, Julia Kristeva oder Paul Virilio ist nicht zuletzt aufgrund ihrer Tätigkeit als Ausstellungskuratoren oder ihrer intensiven Bezug- nahme (Valery/Degas, Merleau-Ponty/Cezanne, Deleuze/ Bacon) hinlänglich bekannt. Besonders beeindruckend und verblüffend wird Emmanuel Alloas Textauswahl bei Theoretikern, denen man bisher eher eine Sprachfixierung zugeschrieben hatte: So wird hier beispielsweise ein so bisher noch nie veröffentlichter Ausschnitt aus Jean-Francois Lyotards Discours, figure vorgestellt, oder eine Mitschrift eines der letzten Vorträge von Jacques Derrida in einen neuen Kontext gerückt.

Gerade am Beispiel Derridas sieht man, wie ungewöhnlich Alloas Zusammenstellung funktioniert: In Denken, nicht zu sehen überträgt er einen seiner zentralen Gedanken – den der Blindheit von Schrift und Laut für das Ausgesagte – mit dem Wahrneh- mungsvorgang beim Betrachten eines Bildes. Wo der der Betrachter nichts sieht, beginnt seine konstruktive Wahrnehmung, die “transzendentale Blindheit”. Mit einem Mal wird Derrida zu einem Phänomenologen husserlscher Bedingung: Im Lidschlag des Augenblicks, dem zwischenzeitlichen Schließen der Augen, liegt die eigentliche Sicht des Betrachters. Ein erstaunlicher Text.

Ein weiteres überraschendes Beispiel gibt Gilles Deleuze. Der 1969 zunächst als Appendix zur Logik des Sinns veröffentliche Text “Platon und das Trugbild” gewinnt im weiteren Schaffen von Deleuze eine zentrale Bedeutung. Deluze kritisiert Platons onto- logisches Dreistufenmodell, seine Ideenlehre von Ur- und Abbild. Im Verlauf jeder Geschichte mischen sich perfekte simulierte Trugbilder unter die Abbilder, so dass Ur- bzw. Vor-, Ab- und Trugbilder ununterscheidbar werden. Alloas Verdienst besteht darin, diesen Text als biografischen Wendepunkt und grundlegende Prämisse für das weitere Denken von Deleuze zu verdeutlichen: Von diesem Zeitpunkt an wird es Deleuze zunehmend gelingen, seine philosophisch-ästhetischen Standpunkte mit seiner Tätigkeit als Filmkritiker zu vereinen.

Alloas Auswahl verfährt in der Tat ‘archäologisch’: Sie bemüht sich um die Zurschaustellung von Fundstücken, die Ausgrabung unbekannter Texte und Kontexte. So überzeugend die unkon- ventionelle Auswahl Alloas ist, so sehr sie den Leser zu einer Entdeckungsreise durch die französische Bildtheorie anspornt, so sehr zielt sie allerdings an dem selbst gesteckten Anspruch einer Neuverortung der Bildwissenschaften anhand der französischen Tradition vorbei. Die vorliegende Darstellung kann natürlich niemals erschöpfend und umfassend sein, und doch vermisst man in der Zusammenstellung einen roten Faden, die Möglichkeit einer impliziten These zur Frage nach der (geistes-)wissenschaftlichen Bedeutung des Iconic Turn.

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Besonders deutlich wird dieses Miss- verhältnis angesichts des Untertitels des zweiten Bands. Von einem “Handbuch” kann keine Rede sein. Hierfür fehlen schlechterdings mehrere kontextuali- sierende editorische Mittel: das Vorwort beschränkt sich mehr auf einen An-, als auf einen Abriss; ein Fazit, einen Appendix oder ein Nachwort gibt es ebenso wenig wie ein Register zentraler theoretischer Begriffe. Die pragmati- sierende Handreichung des Bandes besteht vielmehr in seinen knappen und einfachen Darstellungen der wesentlichen bildtheoretischen Autoren. Nicht zuletzt aufgrund der alphabetischen Reihung wirkt er allerdings wie ein Biografien-Sammelwerk, ein ‘Who is who’ der französischen Bildtheorie.

An der Auswahl der dargestellten Theoretiker kann es keinen Zweifel geben: Hier ist alles versammelt, was im selbst gesteckten Kontext Rang und Namen hat. Die große Leistung dieses zweiten Bandes besteht in seiner übersichtlichen Darstellung äußerst komplexer Theorien, der zugehörigen Biografien und Literatur in der Knappheit und Kürze von oft nicht mehr als 10 Seiten. Im Kontext der Bildtheorie ist diese Zusammenstellung neu und bisher einmalig: Sie gelingt vor allem aufgrund der spektakulären Auswahl der portraitierenden Autoren: von Michaela Ott bis zu Stephan Günzel. Auch auf dieser Ebene liest sich der Band als ‘Who is who’.

Fazit: Sowohl die überraschende Zusammenstellung der Texte im ersten als auch die Übersicht über bildwissenschaftliche Theorien im zweiten Band gelingen und überzeugen. Insgesamt lässt sich sagen, dass die beiden Bände einige substantielle Impulse in die Debatte um die disziplinatorische Verortung der jungen Bildwissen- schaft im deutschsprachigen Raum, aber auch in Frankreich schicken dürften. Der selbst gesteckte Anspruch einer Richtungs- weisung zur Neubewertung des Iconic Turn geht zwar nicht immer ganz auf. Einen oder mehrere gedankliche Anstöße vor dem Einschlagen dieses Weges liefern Alloa, Busch und Därmann aber allemal.

Links:

Über das BuchEmmanuel Alloa (Hrsg.): Bildtheorien aus Frankreich. Eine Anthologie. Paderborn [Wilhelm Fink Verlag] 2011, 379 Seiten, 39,90 Euro.

Kathrin Busch, Iris Därmann (Hrsg.): Bildtheorien aus Frankreich. Ein Handbuch. Paderborn [Wilhelm Fink Verlag] 2011, 394 Seiten, 39,90 Euro.Empfohlene ZitierweiseBildtheorien aus Frankreich. von Zipf, Jonas in rezensionen:kommunikation:medien, 13. April 2012, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/8422
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Rezensent/in
Jonas Zipf studierte Psychologie an der FU Berlin sowie Sprech- und Musiktheater-Regie an der Bayerischen Theaterakademie "August Everding". Der 29-jährige war Stipendiat der Studienstiftung des deutschen Volkes, der Gabriele-Oehmisch-Stiftung und der Akademie Musiktheater Heute. Seit dem Wintersemester 2010/2011 promoviert er an der HfBK Hamburg zu urbanistischer Kunst.