André Puffert: Fernsehen und soziale Interaktion

Einzelrezension
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Rezensiert von Sandra Fleischer

Einzelrezension
André Puffert legt mit seiner Publikation Fernsehen und soziale Interaktion eine überarbeitete Fassung seiner im Jahr 2000 veröffentlichten Dissertation vor.  Die Publikation ist in der Schriftenreihe Medienpädagogik und Mediendidaktik des Verlag Dr. Kovac erschienen. Die Dissertation von André Puffert ist dementsprechend auch dem medienpäda-gogisch orientierten Forschungsbereich zuzuordnen, denn der Autor betrachtet das Medienhandeln von Kindern und Jugendlichen, zum einen theoretisch und zum anderen aus methodischer Perspektive. Ziel der Dissertation ist es “[…] den handlungstheoretischen – und interaktionistischen Ansätzen der Medienforschung ein Modell zur Seite zu stellen, das Raum bietet, auch für quantitativ-zählendes Forschen, […]” (11).  Die methodische Diskussion und Entwicklung eines eigenen Ansatzes ist interessant, obwohl die Feststellung Pufferts, dass in der Kinder- und Jugendmedienforschung kaum noch mit standardisierten Methoden und mit einem quantitativen Auswertungsvorgehen gearbeitet würde, nicht mehr aktuell ist. Die Kinder- und Jugendmedienforschung arbeitet quantitativ und qualitativ, verfolgt je nach Perspektive – kommunikationswissenschaftlich, medienpädagogisch – jedoch unterschiedliche Fragestellungen und nutzt eigene theoretische Ansätze und Begrifflichkeiten, die jedoch ein großes Potential zur gegenseitigen Befruchtung haben (vgl. Fleischer, Jöckel 2010).

Der Autor bespricht im ersten Teil der Publikation die zentralen Ansätze der Kinder- und Jugendmedienforschung aus der Kommunikations- und Medienwissenschaft sowie aus der Medienpädagogik. Die Darstellung ist umfassend, und, obwohl im Stil einer Dissertationsschrift verfasst, gut verständlich. Wertvoll ist, dass der Autor die Ansätze stets auch auf das vorliegende Sozialisationsverständnis zurückführt. Hier argumentiert der Autor klar aus medienpädagogischer Perspektive. Im zweiten Teil der Publikation entwickelt er sein eigenes, auf dem Netzwerkansatz basierendes methodisches Konzept und prüft es mittels einer empirischen Untersuchung. Die Zielgruppe der Untersuchung sind 12- bis 14-Jährige. Bei den Ausführungen zum Medienhandeln der Kinder wird offenbar, dass die vorliegende Publikation bereits 12 Jahre alt ist und die Datenerhebung sogar schon 14 Jahre zurückliegt (vgl. 73). Die Aussagen zum Medienhandeln treffen auf Kinder, die heute im Alter von 12 bis 14 Jahren sind, nur noch zum Teil zu. Zwar fokussieren sie das Fernsehverhalten, besprechen aber die heute große Bedeutung des Internets – dabei ganz besonders der Sozialen Netzwerke – für die Identitätsarbeit der Zielgruppe, die Verweisstrukturen zwischen Fernsehen und Internet oder die Problemstellungen der Medienerziehung nicht mit. Tatsächlich sind Medienalltag, das Medienhandeln von heutigen Kindern in diesem Alter sowie die Herausforderungen in der Medienerziehung verschieden zum damaligen.

Der Wert der vorliegenden Publikation liegt nicht in den empirischen Ergebnissen, sondern in den angestellten theoretischen und methodischen Überlegungen des Autors. Zum einen, weil die Ergebnisse der heutigen Lebenswelt der Zielgruppe nicht mehr entsprechen, zum anderen aber auch, weil der Puffert das Ziel seiner Arbeit nur “unvollkommen erreicht”  (270) hat. In seiner Reflexion bespricht der Autor Probleme der Operationalisierung, der Differenzierung und der Vergleichbarkeit selbstkritisch. Das theoretische Herangehen und die Reflexion machen das Buch für Forschende und insbesondere für Studierende im Bereich der Medienpädagogik/Kinder- und Jugendmedienforschung nützlich.

Ohne Zweifel ist der Netzwerkansatz gerade für die Forschung zu Fragen der medialen Sozialisation mit Communities im Internet relevant, denn mit ihm lassen sich laut dem Autor komplexe “Beeinflussungszusammenhänge” (Puffert 2009: 267) zwischen Bezugspersonen, Kindern und einem Medium untersuchen. Der Autor sieht den Nutzen des entwickelten Ansatzes auch in der Ergänzung qualitativer Untersuchungen. Bedauerlich ist, dass die Publikation keinen Ausblick bietet. Zu erwarten ist bei einer Veröffentlichung im Jahr 2009 – mehr als zehn Jahre nach der Durchführung des Projektes –, dass der Autor die Bedeutung der Ergebnisse seiner Dissertation mit Bezug zu den aktuellen Fragestellungen der Medienpädagogik und Medienwissenschaft reflektiert.

 

Literatur:

  • Fleischer, S.; Jöckel, S.: Die wachsende Bedeutung der Kinder- und Jugendmedienforschung. In: merz | medien + erziehung 54 (2010) 5, S. 55-62.
Über das BuchAndré Puffert: Fernsehen und soziale Interaktion. Über den Einfluss des sozialen Umfeldes auf das Fernsehverhalten der 12- bis 14-Jährigen. Reihe: Medienpädagogik und Mediendidaktik, Band 17. Hamburg [Verlag Dr. Kovac] 2009, 298 Seiten, 88,– Euro.Empfohlene ZitierweiseAndré Puffert: Fernsehen und soziale Interaktion. von Fleischer, Sandra in rezensionen:kommunikation:medien, 4. April 2012, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/8335
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Rezensent/in
Dr. Sandra Fleischer ist Juniorprofessorin für Kindermedien an der Erziehungswissenschaftlichen Fakultät der Universität Erfurt. Ihre aktuellen Forschungsschwerpunkte sind: Kindgerechte Gestaltung von Internetangeboten sowie die Mediatisierung der frühen Kindheit.