Nicole Labitzke: Ordnungsfiktionen

Einzelrezension
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Rezensiert von Peter-Harald Kust

Einzelrezension
Nicole Labitzke befasst sich in ihrer Dissertation “mit den Mechanismen und Funktionsweisen des medialen Ordnungsprozesses, der als grundlegendes Muster in das Tagesprogramm von RTL, Sat.1 und ProSieben eingelassen ist” (19). Sie interessiert sich dafür, welche Ordnungsstrukturen mittels Sprache (diskursive Kompetenzen der TV-Akteure) und “raumzeitlicher Organisation des medial vermittelten Textes” (Studioaufbau) hergestellt werden (21). Ihre Ausgangsthese ist, dass sich mit der “Ablösung des klassischen Talkshow-Formates zwischen 2000 und 2005 […] das private Fernsehen […] sukzessive zu einer normalisierenden Ordnungsinstanz entwickelt [hat], die für alle Probleme der privaten/intimen Lebenswelt eine Lösung bereithält” (16).

Labitzke zieht Parallelen zwischen der sozio-ökonomischen Entwicklung Deutschlands des Jahres 2005 (Stichwort Hartz IV) und der Veränderung des Tagesprogramms der privaten Anbieter. Die Autorin vermutet einen Wandel der Formate von gesprächsbasierten, offenen Talkshows hin zu gescripteten, also vorgezeichneten Gerichtsshows (16). Diese sollen eine soziale Ordnung medial in Form “einer konkreten Entscheidung oder eines richterlichen Urteils” (16) reproduzieren. Die Studie sieht sich an der “Schnittstelle zwischen Kommunikations- und Medienwissenschaft” (Umschlagtext).

Die Arbeit lässt sich in zwei thematische Blöcke unterteilen: In den Kapiteln 1-3 führt die Autorin zur Fragestellung hin, befasst sich mit Besonderheiten des Tagesprogramms der untersuchten Sender und stellt die Struktur der untersuchten Formate sowie Forschungsresultate dazu vor. Die Kapitel 4, 5 und 6 beschäftigen sich mit dem theoretischen Hintergrund. Hier werden auch die Methode vorgestellt sowie die Ergebnisse präsentiert, zusammengefasst und diskutiert.

Untersucht wurde das Tagesprogramm der Sender zwischen 10 und 18 Uhr, dies Montag bis Freitag vom 12. bis 16 September 2005. Die Autorin ordnet die untersuchten Sendungen zwei Subgruppen zu: Zum ‘Sprechfernsehen’ zählt sie Talkshows wie ‘Vera am Mittag’ bzw. Gerichtsshows wie Richterin Barbara Salesch und Studiosendungen wie ‘Zwei bei Kallwass’. Die zweite Subgruppe sind ‘Filme’ wie Makeover-Shows (‘Einsatz in vier Wänden’) und Ermittler-Soaps wie Lenβen und Partner’. Auch Doku-Soaps wie ‘Unsere Klinik – Ärzte im Einsatz’ und die Telenovela ‘Verliebt in Berlin’ zählt sie hierzu (47). Die Analyse des Materials erfolgt anhand von Einstellungs- und Sequenzprotokollen sowie Transkripten, die “strukturale Erzähltheorie bildet […] den methodischen Hintergrund für eine narratologisch-semiotische Analyse der Erzählungen im Tagesprogramm” (87). Dies ist auch die theoretische Basis, da “erzähltextliche Weltentwürfe eng an die Organisation der materiellen topographischen Struktur (z. B. das Fernsehstudio) gekoppelt sind” (23).

Labitzke unterscheidet die TV-Akteure in passive PatientInnen (ursprünglich nicht-mediale Figuren, “Verursacher von Ordnungsverletzungen”: 142) und aktive AgentInnen (“jene Figurengruppe […], die im kommunikativen Innenraum […] über uneingeschränkte Handlungsmacht verfügt”: 122). Die Verfasserin schliesst mit der Erkenntnis, “dass die Anordnung der vorhandenen Sprecherpositionen und -instanzen ein hiercharchisiertes Sprechersystem hervorbringt. […] Der Einsatz geschriebener oder gesprochener Sprache als Textinsert oder Off-Text etabliert normative Ordnungen und führt in vielen Fällen die charakteristische narrative Geschlossenheit der Erzählung, z. B. durch ein Urteil, erst herbei. […] Die objektive bzw. subjektive Semantik korreliert auf signifikante Weise mit unterschiedlichen Sprechakten” (300). Damit sieht sie ihre Ausgangsthese bestätigt, dass die untersuchten Programme Ordnungsstrukturen repräsentieren.

Die Studie ist durchaus von Interesse für die Kommunikationswissenschaft: Sie lenkt den Blick auf Strukturen in Formaten, bei denen “in der empirischen Kommunikationswissenschaft […] das Interesse an der Nutzung sowie den damit einhergehenden Wirkungen […] im Vordergrund” steht (80). Die Idee, dass TV-Formate Ordnungsstrukturen beinhalten, die mit aktuellen politisch-ökonomischen Entwicklungen in Gesellschaften korrespondieren bzw. als Reaktion zu verstehen sind, ist befruchtend und originell. Hier ließen sich Folgestudien anschließen, die sich mit der Sicht der Rezipienten solcher Formate unter dem Ordnungsaspekt befassen. Auch bietet die Arbeit einen Überblick über die Entwicklung der Programme bzw. Formate sowie die Strategien der privaten Anbieter. Daneben hat sie einen anderen theoretisch/methodischen Zugang zu TV-Angeboten als die sozialwissenschaftlich ausgerichtete Forschung. Erfreulich sind die Zusammenfassungen der wichtigsten Aussagen am Ende der Kapitel.

Eine kommunikationswissenschaftliche Lesart wirft aber auch Fragen auf. Deren Perspektive wird knapp auf rund 23 Seiten diskutiert, aber dann nicht mehr theoretisch bzw. methodisch weiterverfolgt. Somit lässt sich die angekündigte Schnittstellenfunktion zwischen Kommunikations- und Medienwissenschaft nicht erkennen. Dazu hätte sich vor allem der Ansatz des Agenda Setting angeboten. Hier gibt es frühe Untersuchungen zur Darstellung von Konflikten in den Medien (Weiß 1989). Das durch den medialen Text erzeugte “Modell von Wirklichkeit” (83) hätte sich an die Betrachtung medialer Wirklichkeitskonstruktion der “gesellschaftlichen Konstruktion der Wirklichkeit” nach Berger/Luckmann anschließen lassen (Keppler 2005: 94), Prozesse der Interaktion zwischen den Fernsehakteuren ließen sich mit dem Symbolischen Interaktionismus erklären (Krotz 1997). Die aus der Soziologie entlehnte soziale Ordnung wird nicht diskutiert oder belegt (20). Hier wäre ein Exkurs in die Soziologie und deren Grundverständnis von Ordnung durchaus interessant gewesen, dies vor allem unter dem Aspekt der “Akteurskonstellationen” (Esser 2000: 47). Denn gerade das Spannungsverhältnis zwischen individuellem Handeln in Form des Verstoßes gegen Normen und Regeln und die Wiederherstellung der Ordnung durch die untersuchten Formate ist das Thema der Arbeit. Warum nur kurz in einer Fußnote auf ähnliche öffentlich-rechtliche Formate eingegangen wird, erschließt sich nicht (39). Immerhin wurden die ersten Gerichtsshows in der ARD (‘Das Fernsehgericht tagt’, 1961-1978) und im ZDF (‘Wie würden Sie entscheiden’, 1974-2000) ausgestrahlt, ‘Fliege – Die Talkshow’ war 1994-2005 im Ersten zu sehen.

Kaum begründet ist die Annahme der Autorin, die untersuchten privaten Anbieter sähen sich selbst als Ersatz für das Versagen der Politik: “Die privaten Anbieter haben, basierend auf einer durch die Politik verursachten Leerstelle, einen [sic] offensichtlich vorhandenes Bedürfnis des potenziellen Publikums nach Orientierung, Klarheit und Gerechtigkeit identifiziert und generieren Angebote, die diesen Bedarf bedienen” (19). Die Autorin stützt ihre Vermutung lediglich auf eine Studie von Karstens/Schütte aus dem Jahr 1999. Hier hätten sich Experteninterviews mit Programmverantwortlichen angeboten. Die Begründung der Auswahl des Untersuchungsmaterials lässt auf eine hypothesenprüfende Studie schließen: “Den […] Schwerpunkt […] bilden jene Formate, die das Tagesprogramm am stärksten bestimmen […]. Die Durchsetzung einer (sozialen) Ordnung ist ein übergreifendes Motiv, das sowohl im Kontext des Sprechfernsehens, d. h. der Studiosendungen, als auch bei filmischen Darstellungen vorherrschend ist” (48). Allerdings hätte dann eine andere Methode angewandt und hätten die Ergebnisse statistisch ausgewertet werden müssen.

Das Vorgehen bei der Auswertung der Transkripte wird nicht erläutert. Leider stellt die Autorin ihre Ergebnisse nicht graphisch in Übersichten dar, also welche Strukturen in welchen Formaten und Sendern nun konkret im Sprechfernsehen oder in Filmen zu finden sind oder wie sich AgentInnen und PatientInnen verteilen. Lediglich an einer kleinen Tabelle sind Genres/Sujettypen und ihre Dominanz erkennbar (291). Dort erfährt man, dass die Ordnungsthemen ‘Recht’ in der Gerichtsshow, ‘Moral’ im Daily Talk und ‘Ästhetik’ in der Makeover-Show behandelt werden. Unklar ist, welche Sendungen konkret untersucht wurden. Vermutlich stellt Tabelle 1 neben den Reichweiten auch die Untersuchungseinheiten dar, es könnten aber auch die Tabellen 17 bzw. 18 im Anhang sein. Die Autorin befasst sich mit Veränderungen in den Jahren zwischen 2000 und 2005 (45) bzw. 2007 (34), ausgewertet wurde nur eine Woche im September 2005. Die möglichen Veränderungen stellt sie mit dem Vergleich der Programmschemata fest (34). Hier hätten Messungen mit der gleichen methodischen Vorgehensweise zu mehreren Zeitpunkten erfolgen müssen. Anhand der vorliegenden Daten Veränderungen zu diskutieren, erscheint doch etwas gewagt. Die Ergebnisse werden schliesslich nur für die Jahre 2000-2005 präsentiert (299).

Die Untersuchung möglicher Ordnungsstrukturen in den diskutierten Formaten ist eine interessante Fragestellung. Ein sozialwissenschaftlicher Forschungsprozess lässt sich aber nur mit Mühe erkennen, eine überblicksartige Lesart der Ergebnisse ist kaum möglich. Aus kommunikationswissenschaftlicher Sicht bleiben nach der Lektüre somit wesentlich mehr Fragen, als Antworten gegeben würden.

Literatur:

  • Esser, H.: Soziologie. Spezielle Grundlagen. Band 2: Die Konstruktion der Gesellschaft. Frankfurt/New York [Campus Verlag] 2000.
  • Keppler, A.: “Medien und soziale Wirklichkeit”. In: Jäckel, M. (Hrsg.): Mediensoziologie. Grundlagen und Forschungsfelder. Wiesbaden [VS Verlag] 2005, S. 91-106.
  • Krotz, F.: “Kontexte des Verstehens audiovisueller Kommunikate. Das sozial positionierte Subjekt der Cultural Studies und die kommunikativ konstruierte Identität des Symbolischen Interaktionismus”. In: Charlton, M.; Schneider, S. (Hrsg.): Rezeptionsforschung. Theorien und Untersuchungen zum Umgang mit Massenmedien. Opladen [VS Verlag] 1997, S. 73-89.
  • Weiß, H.-J.; Trebbe, J.: “Öffentliche Streitfragen und massenmediale Argumentationsstrukturen. Ein Ansatz zur Analyse der inhaltlichen Dimension im Agenda Setting-Prozeß”. In: Kaase, M.; Schulz, W. (Hrsg.): Massenkommunikation. Theorien, Methoden, Befunde. Opladen [VS Verlag] 1989, S. 473-489.

Lesetipps:

Links:

Über das BuchNicole Labitzke: Ordnungsfiktionen. Das Tagesprogramm von RTL, Sat.1 und ProSieben. Konstanz [UVK] 2009, 334 Seiten, 34,– Euro.Empfohlene ZitierweiseNicole Labitzke: Ordnungsfiktionen. von Kust, Peter-Harald in rezensionen:kommunikation:medien, 16. April 2010, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/82
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Rezensent/in
Peter-Harald Kust ist Diplomassistent am Departement für Medien- und Kommunikationswissenschaft an der Universtité de Fribourg, Schweiz.