Torsten Schäfer: Brüssel – vermeintlich fern

Einzelrezension
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Rezensiert von Swantje Lingenberg

Einzelrezension
Mit Brüssel – vermeintlich fern präsentiert Torsten Schäfer die Ergebnisse seines Dissertationsprojekts, in dem er sich mit dem “europäischen Denken und Handeln deutscher Regionalzeitungen” auseinandergesetzt hat. Dabei reiht sich der Autor, der selbst als Journalist und Journalisten- ausbilder tätig ist, in den mittlerweile sehr umfangreichen Forschungskanon zum Thema europäische Öffentlichkeit ein. Regionalzeitungen, so die Ausgangsthese von Torsten Schäfer, können ob ihrer großen Leserbindung und Alltagsnähe einen zentralen Beitrag zur Herstellung europäischer Öffentlichkeit leisten. In der bisherigen Forschung wurden Regionalzeitungen jedoch kaum beachtet. Ziel der Studie ist es, “die europäische Öffentlichkeitsforschung um die Kategorie der regionalen Europäisierung zu erweitern. Denn nur so […] können massenrelevante Antworten auf die Frage gefunden werden, wie europäische Politik demokratischer und wirksamer vermittelt werden kann” (24). Im Rahmen einer qualitativen Redaktionsstudie sollen Einflussfaktoren herausgearbeitet werden, die die Europabericht- erstattung in Regionalblättern fördern bzw. hemmen. Ein besonderes Augenmerk wird dabei auf das Politikfeld Umweltpolitik geworfen, das der Autor als besonders vielversprechend bei der “regionalen Öffentlichkeitseuropäisierung” (20) ansieht.

Der vorliegende Band gliedert sich in drei große Abschnitte. Den ersten Teil bildet eine umfangreiche Literatursynopse, die aus kommunikations-, medien- und politikwissenschaftlicher Perspektive theoretische und empirische Befunde der europäischen Öffentlichkeitsforschung auf rund 250 Seiten zusammenfasst. Den zweiten, etwa 150 Seiten umfassenden Teil bildet die eigene empirische Studie. Diese umfasst eine teilnehmende Beobachtung in der Nachrichtenredaktion einer großen deutschen Regionalzeitung sowie 24 fokussierte Leitfadeninterviews mit leitenden Redakteuren verschiedener Regionalzeitungen – jeweils kombiniert mit einer standardisierten Kurzbefragung. Im dritten, etwa 50 Seiten umfassenden Teil werden die Ergebnisse zusammengefasst, und es werden praktische Empfehlungen für eine ‘Verbesserung’ der Europaberichterstattung in deutschen Regionalzeitungen, die der Autor als eine quantitative Vermehrung von Europaartikeln versteht, gegeben.

Theoretisch knüpft die Studie insbesondere an die Redaktions- und Nachrichtenwertforschung an. Hier werden ein Katalog von Nach- richtenfaktoren nach Winfried Schulz (1990) sowie das Frank Esser (1998) zugeordnete Modell der Einflusssphären journalistischen Handelns als Grundlage für die Systematisierung von ‘hemmenden’ und ‘fördernden’ Faktoren der Europaberichterstattung in Regional- zeitungen einerseits sowie die abschließende Systematisierung der eigenen Forschungsergebnisse andererseits verwendet. Mit Blick auf ein Theoriekonzept europäischer Öffentlichkeit schließt sich Torsten Schäfer dem von Brüggemann et al. (2006) für eine Langfrist-Inhaltsanalyse europäischer Zeitungsberichterstattung entwickelten vierdimensionalen Modell der Europäisierung an (vgl. 91f.).

Anhand der Ergebnisse seiner Redaktionsstudie argumentiert Schäfer, dass es vor allem strukturelle und ökonomische Faktoren sind, die das ‘geringe’ Ausmaß der Europaberichterstattung in Regionalzeitungen bestimmen: “Aus wirtschaftlichen Gründen verzichten nicht wenige Redaktionen darauf, eine formelle Zuständigkeit für die EU einzuführen, Personal für Weiterbildung freizustellen, Recherchen selbst anzustrengen oder Kontakt zu einem Korrespondenten aufzunehmen” (395).

Diese hemmenden Faktoren könnten weder durch die große Europa-Affinität der leitenden Redakteure noch durch deren Selbstver- ständnis, bei EU-Themen aufklärend und vermittelnd zu wirken, aufgewogen werden (vgl. 419f.). Auf Organisationsebene führe eine zunehmende Umstrukturierung der Nachrichtenredaktionen nach dem Modell des Newsdesks schließlich dazu, dass etwaige EU-Korrespondenten keine festen Ansprechpartner mehr in der Redaktion haben, was eine routinisierte Zusammenarbeit bzw. “ein strukturelles europafreundlicheres Umfeld” (398) nicht begünstige. Neben dem ökonomischen Druck, der sich als Personal-, Zeit- und Platzmangel äußert, attestiert der Autor Defizite im geringen EU-Wissen der Redakteure sowie in der mangelnden Kenntnis EU-relevanter Recherchequellen auf nationaler Ebene (vgl. 428ff.). Potentiale zur Vermehrung der Europaberichterstattung in Regionalzeitungen sieht Schäfer in einer engeren Kooperation zwischen EU-Korrespondenten und Redaktionen, in einer stärkeren Regionalisierung des von Nachrichtenagenturen angebotenen Informationsinputs sowie in einer größeren Europaorientierung in der Journalistenausbildung.

Gerade durch die regionale Perspektive liefert die vorliegende Arbeit einen wichtigen und innovativen Beitrag zur europäischen Öffentlichkeitsforschung. Die qualitativ angelegte Redaktionsstudie geht insofern über die auf mediale Inhalte fokussierte Forschung hinaus, als sie auch Aussagen über die zu Grunde liegenden Strukturbedingungen im Spannungsverhältnis zu den Selbstver- ständnissen und Wünschen der Redakteure aufzeigen kann. Die breit angelegte Literatursynopse im ersten Teil der Arbeit gibt einen guten Überblick über das Forschungsfeld. Allerdings erscheint dieser bisweilen unnötig lang und mit Blick auf seine Aktualität nicht auf dem neuesten Stand: Zwischen Abgabe der Dissertation und Veröffentlichung des Buches liegen immerhin zwei Jahre, die in der Literatursynopse allerdings nicht berücksichtigt sind.

Problematisch erscheint die Bezugnahme Schäfers auf die vier Europäisierungsdimensionen des Sfb-Teilprojekts B3 sowohl dahingehend, dass er diese, für eine ländervergleichende Inhalts- analyse entwickelten Dimensionen (vgl. Wessler et al. 2008), als normatives Modell europäischer Öffentlichkeit bezeichnet, als auch im Sinne seiner Zwischenbilanz, dass “die horizontale Europäisierung der nationalen Mediendebatten weiter fortgeschritten [ist] als die vertikale Europäisierung”. Dies ist weder durch die Ergebnisse des rekurrierten Forschungsprojekts noch durch andere Forschungs- literatur bzw. seine eigene Studie empirisch belegt. Auch erscheint sein Anspruch, das Europäisierungsmodell durch die regionale Komponente “erweitern und differenzieren” (440) zu können, etwas hoch gegriffen, insofern es sich doch eher um eine ‘Anwendung’ der vier Dimensionen auf regionale Berichterstattung handelt.

Jenseits dieser Kritikpunkte liefert der Band aber zahlreiche Anregungen für die journalistische Praxis, EU-Themen und EU-Wissen stärker in der Berichterstattung und im Redaktionsalltag zu verankern. Wünschenswert wäre darüber hinaus, dass die Arbeit von Torsten Schäfer die europäische Öffentlichkeitsforschung inspirieren könnte, häufiger jenseits von Medieninhalten – zum Beispiel auf der journalistischen Produktionsebene aber auch auf der Publikumsebene – nach den Entstehungsbedingungen und Konstruktionsprozessen europäischer Öffentlichkeit zu fragen und zu forschen.

Literatur:

  • Brüggemann, M. et al.: Segmentierte Europäisierung. Trends und Muster der Transnationalisierung von Öffentlichkeit in Europa. In: Langenbucher, W. R.; M. Latzer (Hrsg.): Europäische Öffentlichkeit und medialer Wandel. Wiesbaden [VS Verlag] 2006, S. 214-231.
  • Esser, F.: Die Kräfte hinter den Schlagzeilen. Englischer und deutscher Journalismus im Vergleich. Freiburg/München [Alber] 1998.
  • Schulz, W.: Die Konstruktion von Realität in den Nachrichtenmedien. Freiburg/München [Alber] 1990.
  • Wessler, H. et al.: Transnationalization of Public Spheres. Basingstoke u.a. [Palgrave Macmillan] 2008.

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Mit ‚Brüssel – vermeintlich fern’ präsentiert Torsten Schäfer die Ergebnisse seines Dissertationsprojekts, in dem er sich mit dem ‚europäischen Denken und Handeln deutscher Regionalzeitungen’ auseinandergesetzt hat. Dabei reiht sich der Autor, der selbst als Journalist und Journalistenausbilder tätig ist, in den mittlerweile sehr umfangreichen Forschungskanon zum Thema europäische Öffentlichkeit ein. Regionalzeitungen, so die Ausgangsthese von Torsten Schäfer, können ob ihrer großen Leserbindung und Alltagsnähe einen zentralen Beitrag zur Herstellung europäischer Öffentlichkeit leisten. In der bisherigen Forschung wurden Regionalzeitungen jedoch kaum beachtet. Ziel der Studie ist es, „die europäische Öffentlichkeitsforschung um die Kategorie der regionalen Europäisierung zu erweitern. Denn nur so … können massenrelevante Antworten auf die Frage gefunden werden, wie europäische Politik demokratischer und wirksamer vermittelt werden kann“ (24). Im Rahmen einer qualitativen Redaktionsstudie sollen Einflussfaktoren herausgearbeitet werden, die die Europaberichterstattung in Regionalblättern fördern bzw. hemmen. Ein besonderes Augenmerk wird dabei auf das Politikfeld Umweltpolitik geworfen, das der Autor als besonders vielversprechend bei der „regionalen Öffentlichkeitseuropäisierung“ (20) ansieht.
Der vorliegende Band gliedert sich in drei große Abschnitte. Den ersten Teil bildet eine umfangreiche Literatursynopse, die aus kommunikations-, medien- und politikwissenschaftlicher Perspektive theoretische und empirische Befunde der europäischen Öffentlichkeitsforschung auf rund 250 Seiten zusammenfasst. Den zweiten, etwa 150 Seiten umfassenden Teil bildet die eigene empirische Studie. Diese umfasst eine teilnehmende Beobachtung in der Nachrichtenredaktion einer großen deutschen Regionalzeitung sowie 24 fokussierte Leitfadeninterviews mit leitenden Redakteuren verschiedener Regionalzeitungen – jeweils kombiniert mit einer standardisierten Kurzbefragung. Im dritten, etwa 50 Seiten umfassenden Teil werden die Ergebnisse zusammengefasst, und es werden praktische Empfehlungen für eine ‚Verbesserung’ der Europaberichterstattung in deutschen Regionalzeitungen, die der Autor als eine quantitative Vermehrung von Europaartikeln versteht, gegeben.
Theoretisch knüpft die Studie insbesondere an die Redaktions- und Nachrichtenwertforschung an. Hier werden ein Katalog von Nachrichtenfaktoren nach Winfried Schulz (1990) sowie das Frank Esser (1998) zugeordnete Modell der Einflusssphären journalistischen Handelns als Grundlage für die Systematisierung von ‚hemmenden’ und ‚fördernden’ Faktoren der Europaberichterstattung in Regionalzeitungen einerseits sowie die abschließende Systematisierung der eigenen Forschungsergebnisse andererseits verwendet. Mit Blick auf ein Theoriekonzept europäischer Öffentlichkeit schließt sich Torsten Schäfer dem von Brüggemann et al. (2006) für eine Langfrist-Inhaltsanalyse europäischer Zeitungsberichterstattung entwickelten vierdimensionalen Modell der Europäisierung an (vgl. 91f.).
Anhand der Ergebnisse seiner Redaktionsstudie argumentiert Schäfer, dass es vor allem strukturelle und ökonomische Faktoren sind, die das ‚geringe’ Ausmaß der Europaberichterstattung in Regionalzeitungen bestimmen: „Aus wirtschaftlichen Gründen verzichten nicht wenige Redaktionen darauf, eine formelle Zuständigkeit für die EU einzuführen, Personal für Weiterbildung freizustellen, Recherchen selbst anzustrengen oder Kontakt zu einem Korrespondenten aufzunehmen“ (395). Diese hemmenden Faktoren könnten weder durch die große Europa-Affinität der leitenden Redakteure noch durch deren Selbstverständnis, bei EU-Themen aufklärend und vermittelnd zu wirken, aufgewogen werden (vgl. 419f.). Auf Organisationsebene führe eine zunehmende Umstrukturierung der Nachrichtenredaktionen nach dem Modell des Newsdesks schließlich dazu, dass etwaige EU-Korrespondenten keine festen Ansprechpartner mehr in der Redaktion haben, was eine routinisierte Zusammenarbeit bzw. „ein strukturelles europafreundlicheres Umfeld“ (398) nicht begünstige. Neben dem ökonomischen Druck, der sich als Personal-, Zeit- und Platzmangel äußert, attestiert der Autor Defizite im geringen EU-Wissen der Redakteure sowie in der mangelnden Kenntnis EU-relevanter Recherchequellen auf nationaler Ebene (vgl. 428ff.). Potentiale zur Vermehrung der Europaberichterstattung in Regionalzeitungen sieht Schäfer in einer engeren Kooperation zwischen EU-Korrespondenten und Redaktionen, in einer stärkeren Regionalisierung des von Nachrichtenagenturen angebotenen Informationsinputs sowie in einer größeren Europaorientierung in der Journalistenausbildung.
Gerade durch die regionale Perspektive liefert die vorliegende Arbeit einen wichtigen und innovativen Beitrag zur europäischen Öffentlichkeitsforschung. Die qualitativ angelegte Redaktionsstudie geht insofern über die auf mediale Inhalte fokussierte Forschung hinaus, als sie auch Aussagen über die zu Grunde liegenden Strukturbedingungen im Spannungsverhältnis zu den Selbstverständnissen und Wünschen der Redakteure aufzeigen kann. Die breit angelegte Literatursynopse im ersten Teil der Arbeit gibt einen guten Überblick über das Forschungsfeld. Allerdings erscheint dieser bisweilen unnötig lang und mit Blick auf seine Aktualität nicht auf dem neuesten Stand: Zwischen Abgabe der Dissertation und Veröffentlichung des Buches liegen immerhin zwei Jahre, die in der Literatursynopse allerdings nicht berücksichtigt sind.
Problematisch erscheint die Bezugnahme Schäfers auf die vier Europäisierungsdimensionen des Sfb-Teilprojekts B3 sowohl dahingehend, dass er diese, für eine ländervergleichende Inhaltsanalyse entwickelten Dimensionen (vgl. Wessler et al. 2008), als normatives Modell europäischer Öffentlichkeit bezeichnet, als auch im Sinne seiner Zwischenbilanz, dass „die horizontale Europäisierung der nationalen Mediendebatten weiter fortgeschritten ist als die vertikale Europäisierung“. Dies ist weder durch die Ergebnisse des rekurrierten Forschungsprojekts noch durch andere Forschungsliteratur bzw. seine eigene Studie empirisch belegt. Auch erscheint sein Anspruch, das Europäisierungsmodell durch die regionale Komponente „erweitern und differenzieren“ (440) zu können, etwas hoch gegriffen, insofern es sich doch eher um eine ‚Anwendung’ der vier Dimensionen auf regionale Berichterstattung handelt.
Jenseits dieser Kritikpunkte liefert der Band aber zahlreiche Anregungen für die journalistische Praxis, EU-Themen und EU-Wissen stärker in der Berichterstattung und im Redaktionsalltag zu verankern. Wünschenswert wäre darüber hinaus, dass die Arbeit von Torsten Schäfer die europäische Öffentlichkeitsforschung inspirieren könnte, häufiger jenseits von Medieninhalten – z.B. auf der journalistischen Produktionsebene aber auch auf der Publikumsebene – nach den Entstehungsbedingungen und Konstruktionsprozessen europäischer Öffentlichkeit zu fragen und zu forschen.
Über das BuchTorsten Schäfer: Brüssel – vermeintlich fern. Zum europäischen Denken und Handeln deutscher Regionalzeitungen. Konstanz [UVK] 2011, 480 Seiten, 59,- Euro.Empfohlene ZitierweiseTorsten Schäfer: Brüssel – vermeintlich fern. von Lingenberg, Swantje in rezensionen:kommunikation:medien, 5. März 2012, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/8179
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Rezensent/in
Dr. Swantje Lingenberg ist Postdoctoral Fellow im DFG-Projekt 'Die Transnationalisierung von Öffentlichkeit am Beispiel der EU: Reaktionen der Bürger' im Rahmen des Sonderforschungsbereichs 597 'Staatlichkeit im Wandel' sowie am Zentrum für Medien-, Kommunikations- und Informationsforschung (ZeMKI) an der Universität Bremen.