Sebastian Köhler: Die Nachrichtenerzähler

Einzelrezension
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Rezensiert von Karl N. Renner

Einzelrezension
“Journalismus kann als ein sozialer Bereich zur Konstruktion von gesellschaftlichem Wissen über Themen mithilfe von Texten begriffen werden” (10). Diese Abwandlung des bekannten Diktums von Manfred Rühl ist der Ausgangspunkt von Sebastian Köhlers Untersuchung über die Möglichkeiten und Grenzen des Storytellings in den Nachrichtensendungen des Fernsehens. Es weist ihn als einen Vertreter jener neueren Richtung der Journalistik aus, die die Trennung von Kommunikations- und Medienwissenschaft zu überwinden sucht und Erkenntnisse sprach- wie textwissenschaftliche Forschungen für die Journalistik fruchtbar machen will.

Narrativ gestaltete Nachrichtenbeiträge folgen der kausalen Dramaturgie einer Geschichte; anders als die klassischen Hard News haben sie einen geschlossenen Aufbau und sind daher nicht vom Ende kürzbar. Wie mehrere inhaltsanalytische Diplomarbeiten der Leipziger Journalistik zeigen, nimmt diese Gestaltungstechnik deutlich zu. In “den Hauptnachrichtensendungen der fünf reichweitenstärksten Vollprogramme [ist inzwischen] mit Ausnahme der ARD-Tagesschau der Anteil narrativer Beiträge größer als jener der nachrichtlichen Beiträge” (97). Köhler fragt danach, welche Auswirkungen diese Tendenz für den Journalismus hat. Denn er sieht hier die Gefahr eines Narrativismus, der seine Storys nicht mehr in den Kontext einordnender Meldung und Berichte stellt und der zugunsten leicht erzählbarer Themen andere Themen an die Ränder drängt. Ein solcher Journalismus würde der journalistischen Aufgabe nicht mehr gerecht, zum nachhaltigen Gelingen gesellschaftlicher Kommunikation beizutragen.

Köhler versteht seine Arbeit als “metatheoretische Untersuchung” (13) und entwickelt zunächst Kriterien für das Gelingen gesellschaftlicher Kommunikation. Ausgehend von Giddens und Bourdieu betrachtet er den  Journalismus als wichtigen Agenten, der zwischen den Akteuren und den Prozessen der verschiedenen sozialen Felder vermittelt, indem er Öffentlichkeit herstellt. Daher wird für ihn die Vielfalt der Themen und Darstellungsmuster zum entscheidenden Kriterium journalistischer Qualität. Denn sie ermöglicht die Mitbestimmung möglichst vieler bei der Selbstgestaltung moderner Gesellschaften.

Zentral für Köhlers Überlegungen sind seine Ausführungen zu einer Narrationstheorie der Fernsehnachrichten. Unter Verweis auf die Textlinguistik, die strukturalistische Erzählanalyse und die Cultural Studies versteht er Erzählungen als spezifische Textschemata, die ihre Rezpienten emotional und rational ansprechen. Anders als Nachrichtenmeldungen entwickeln sie kausal-chronologische Zusammenhänge und werden daher, wie mehrere empirische Studien zeigen, leichter verstanden und besser behalten. Unvermeidbar scheint aber auch, dass Erzählungen ihre Gegenstände über-vereinfachen, dass sie einseitig geraten und die dominierenden Mythen der jeweiligen Gesellschaften bestätigen. So stehen sie in einer inneren Spannung zur Vielfaltsnorm. Diese ist insbesondere dann gefährdet, wenn sich Redaktionen unter dem Druck der Kommerzialisierung nicht mehr eigenständig um die Beschaffung und Deutung relevanter Informationen bemühen, sondern sich damit zufrieden geben, die erhaltenen Informationen nach spannungsdramaturgischen Mustern zu gestalten.

Die Tendenz, Fernsehnachrichten narrativ zu gestalten, ist zum einem dem Medium Fernsehen geschuldet, das auf Grund seiner Visualität, seiner Ereignisorientierung und seines seriellen Charakters als “Erzählmaschine” funktioniert (41). Sie ist aber auch auf den Druck zurückzuführen, dem Nachrichtensendungen im Umfeld unterhaltsamer Formate ausgesetzt sind. Dort sind sie relativ unpopulär und sollen daher keine trockenen Stücke enthalten, wie einflussreiche Fernsehmacher betonen.

Köhler klärt anschließend ab, inwieweit die literaturwissenschaftliche Erzähltheorie, die für fiktionale Texte entwickelt wurde, zur Untersuchung von Fernsehnachrichten geeignet ist. “Fernsehnachrichten erzählen demzufolge ihre Geschichten auf drei Ebenen: auf jener übergreifenden Makroebene der Themenkarriere durch die Programme, Tage und Sendungen hindurch, auf der Mesoebene der Sendung und schließlich auf der Mikroebene der Einzelbeiträge. Oftmals wirken dabei Einzelbeiträge auch als Episoden in Langezeiterzählungen” (53). Ausführlich behandelt er die Rolle der verschiedenen Nachrichten-Präsentatoren als Erzählinstanzen, die Text-Bild-Bezie­hungen und die Differenz von Inszenierung und Fiktion. Zugleich benennt er die Schnittpunkte mit der Nachrichtentheorie und die möglichen sozialpsychologischen und soziokulturellen Konsequenzen des Nachrichtenerzählens.

Anschließend gibt Köhler noch einen Überblick über die einschlägigen empirischen kommunikationswissenschaftlichen Untersuchungen. Die Schlagworte sind: die Entgrenzung von Information und Unterhaltung, Boulevardisierung, Konvergenz von öffentlich-rechtlichen und privaten Programmen. Eine Reihe phänomenologisch-deskriptiv angelegter Fallstudien beendet die Publikation. Sie betreffen markante Ereignisse des Irakkriegs, die Tsunami-Katastrophe, das Sommermärchen 2006 und anderes.

Leider kommen diese Fallstudien wegen der gewählten Methode zu wenig über ein Nacherzählen der Inhalte hinaus. So entsteht ein falsches Bild von der Leistungsfähigkeit erzähltheoretischer Analysen. Auch sonst bleiben viele der anregenden Überlegungen nur skizzenhaft angedeutet. Dennoch hat Sebastian Köhler ein wichtiges Buch geschrieben. Denn er macht die entscheidenden Schnittstellen deutlich, die die Nachrichtenforschung mit der Erzählforschung verbinden. Nachdem die Journalismusforschung in den letzten Jahren intensiv die Entgrenzung des Journalismus thematisiert hat, zeigt der Autor so, wie man ein zentrales Entgrenzungsphänomen, die Entgrenzung von Information und Unterhaltung, mithilfe eines interdisziplinären Ansatzes von Kommunikations- und Medienwissenschaft besser verstehen kann.

Links:

Über das BuchSebastian Köhler: Die Nachrichtenerzähler. Zu Theorie und Praxis nachhaltiger Narrativität im TV-Journalismus. Reihe: Angewandte Medienforschung, Band 45. Baden-Baden [Nomos/Edition Reinhard Fischer] 2009, 190 Seiten, 25,– Euro.Empfohlene ZitierweiseSebastian Köhler: Die Nachrichtenerzähler. von Renner, Karl N. in rezensionen:kommunikation:medien, 15. Juni 2010, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/817
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Rezensent/in
Dr. Karl N. Renner ist Professor für Fernsehjournalismus an der Universität Mainz.