Reinhard Christl, Daniela Süssenbacher (Hrsg.): Der öffentlich-rechtliche Rundfunk in Europa

Einzelrezension
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Rezensiert von Barbara Thomaß

Einzelrezension
Dem Titel folgend hätte man erwartet, im Fazit der vorliegenden Veröffent-lichung eine vergleichende Auseinander-setzung mit dem schillernden Gehalt des Begriffes Public Value zu erhalten. Doch Ziel des Buches ist nach Angabe der Autoren, die Zukunft des österrei-chischen ORF zu eruieren, der in einem medienpolitischen Umfeld agiert, in dem erst spät kommerzielle Rundfunkanbieter zugelassen wurden. Welche Möglichkei- ten, welche Grenzen ergeben sich für den öffentlichen Rundfunk in Österreich angesichts der politisch und technolo- gisch schnell wandelnden Bedingungen? Dies soll aus der vergleichenden Betrachtung von sieben europäischen Rundfunk-systemen und ihren jeweiligen öffentlichen Anbietern von Rundfunk geschehen. Thesen auf der Grundlage dieser Länderberichte sollen am Ende Antworten auf vielfältige Fragen zur Weiterentwicklung des ORF geben.

Die Länderkapitel (Österreich, Schweiz, Deutschland, Niederlande; Dänemark, Norwegen, Schweden – in einem Bericht –, Großbri- tannien und Frankreich) sind jeweils nach gleicher Struktur aufgebaut. Nach einer knappen Darstellung des Rundfunksystems sowie seiner rechtlichen und ökonomischen Rahmenbedingungen werden die Debatte um den Public Value und die Herausforde-rungen, die sich für den öffentlichen Rundfunk ergeben, auf der Grundlage von Experteninterviews geschildert.

Dass die Länderkapitel dabei zwischen einem Handbuchcharakter und Länderstudien oszillieren, bringt einige Nachteile mit sich. Die Kürze der Kapitel – Handbuchcharakter! – erlaubt einen knappen Überblick über die wichtigsten Entwicklungen in jüngster Zeit und die relevanten Gesetze. Für eine Länderstudie sind die Darstel- lungen denn aber wiederum zu verkürzt, da man sich für die gegebenen Einschätzungen bessere Argumentationen gewünscht hätte. So wird die neue Rundfunkgesetzgebung in Frankreich – u.a. mit Werbeverbot für die öffentlichen Fernsehanbieter und der Ernennung der Direktoren des öffentlichen Rundfunks durch den Präsidenten – zwar als bedrohlich für seine weitere Existenz eingeschätzt; als Beleg für diesen Ausblick wird aber nur die Einschätzung des gewiss hoch glaubwürdigen Bernard Miège angeführt – eine genauere Argumentation wäre dennoch aufschlussreicher gewesen.

Kleine Fehler (zum Beispiel dass Arte keinem öffentlichen Auftrag unterliege; das ZDF wurde 1961, nicht wie im Buch geschrieben 1963 gegründet) sind vielleicht der nicht ganz profunden Länderkenntnis der Autoren geschuldet – ein Problem, das leicht auftaucht, wenn man sich mit wenigen Autoren vielen Ländern im Vergleich widmet. Auch ist der Begriff des “Selbstkontrollver-fahrens” für den Drei-Stufen-Test in Deutschland eher irreführend: Die Rundfunkräte sind als Kontrollgremien der Öffentlichkeit in quasigesetzlicher Beauftragung damit betraut, die Neueinführung digitaler Angebote zu überprüfen.

Den Leitfaden für die Experteninterviews, die zur jeweiligen länderspezifischen Interpretation des Public Value geführt wurden, hätte man gern gesehen, um deren Aussagen besser vergleichen zu können. Aber das Buch ist ja nach eigenem Anspruch ein Buch für Theoretiker und Praktiker; letztere wollte man wohl nicht mit zu viel wissenschaftlichem Belegwesen malträtieren.

Leider sind die Schlussfolgerungen, die für die Zukunft des ORF thesenartig gezogen werden, in zweierlei Hinsicht intransparent. Zunächst einmal bleibt der Vergleich zwischen den Länderstudien, aufgrund dessen die Thesen aufgestellt werden, eine Blackbox. Er ist wohl von den Autoren angestellt, doch im Buch nicht explizit gemacht geworden. Somit wird nicht klar, aufgrund welcher Erkenntnisse die Schlussfolgerungen gezogen werden. Zum anderen stehen bei diesen Thesen analytische neben prognostischen sowie normativen Forderungen. Interessanter wären Szenarien gewesen, die sich aufgrund des Vergleiches entwerfen lassen, und die aufgrund unterschiedlicher medienpolitischer Entscheidungen unterschiedliche Folgen zeitigen würde. Gibt man dann die normativen Grundlagen an, von denen man aus argumentiert, wären die Schlussfolgerungen zwingender gewesen.

Den Hinweis zu Beginn der Thesen, dass sie in einigen Aspekten die herrschenden Meinungen von Österreichischen Medienexperten bestätigen, in anderen ihnen wiedersprechen, können die Betroffenen sicherlich deuten. Für alle anderen Leser wäre die diesbezügliche Auseinandersetzung interessant gewesen. Über manche Thesen ließe sicherlich trefflich streiten (z. B. die Forderung nach einer Steuerfinanzierung des öffentlichen Rundfunks). Und dass öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalten “in allen Ländern wirtschaftlich gesehen dem Staat” gehören, ist falsch: Die Anstalt öffentlichen Rechts ist ein besondere Rechtsform des öffentlichen Rundfunks, die so z. B. in Frankreich, Großbritannien oder Niederlanden nicht anzutreffen ist. Und als Eigentum des Staates lassen sich Rundfunkanstalten, deren Rechtsgrundlage explizit und verfassungsrechtlich staatsfern organisiert ist wie in Deutschland, auch nicht bezeichnen.

Aufschlussreich ist es, etwas zur Debatte um den Public Value (die in Frankreich nicht geführt wird) zu erfahren, die recht knapp einmal aus der Sicht der Akteure, mal aus der Sicht von Experten wiedergegeben wird. Auch diese Teile der Länderstudien haben kurzen Überblickscharakter und können nicht eine einschlägigere Befassung mit entsprechender Literatur ersetzen, wenn man sich ein differenziertes Bild machen will.

Die genannten Monita mögen den Autoren und vielleicht auch den Lesern dieser Rezension streng erscheinen, vielleicht sogar pedantisch. Doch so viel ist schon zur Debatte um den öffentlichen Rundfunk und den Public Value geschrieben worden, dass man an ein weiteres Buch auch gezielte Ansprüche stellen darf.

So aber bleiben ein kurz gehaltener, kompakt geschriebener aufschlussreicher Überblick über ausgewählte Rundfunklandschaften in Westeuropa und einige Überlegungen für den ORF, die im österreichischen Kontext sicher nützlich sind.

Links:

Über das BuchReinhard Christl; Daniela Süssenbacher (Hrsg.): Der öffentlich-rechtliche Rundfunk in Europa. ORF; ARD; BBC und Co auf der Suche nach dem Public Value. Wien [Falter Verlag] 2010, 248 Seiten, 25,50 Euro.Empfohlene ZitierweiseReinhard Christl, Daniela Süssenbacher (Hrsg.): Der öffentlich-rechtliche Rundfunk in Europa. von Thomaß, Barbara in rezensionen:kommunikation:medien, 9. März 2012, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/8128
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Rezensent/in
Prof. Dr. Barbara Thomaß ist Professorin am Institut für Medienwissenschaft der Ruhr-Universität Bochum. Ihr Fachgebiet sind Mediensysteme im internationalen Vergleich.