Marcel Machill, Markus Beiler, Johannes R. Gerstner (Hrsg.): Medienfreiheit nach der Wende

Einzelrezension
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Rezensiert von Thomas Ahbe

Einzelrezension
Das ‘Herzstück’ des Bandes ist die umfangreiche Einleitung der Herausgeber. Die Substanz der Einzelbeiträge wird hier nicht nur präsentiert, sondern auch mittels engagierter Bewertungen zum Transformationsprozess der ostdeutschen Medienlandschaft kontextualisiert. Sie ist 13 Aufsätzen vorangestellt, welche von insgesamt 34 Absolventinnen und Absolventen des Lehrstuhls für Journalistik II der Universität Leipzig im Rahmen eines anderthalb Jahre dauernden Forschungsprojekts verfasst wurden. Diese Absolventen-Arbeiten geben dem einschlägig interessierten Publikum zwar bisweilen etwas trocken oder umständlich formulierte, jedoch stets informative und meist mit beachtlichem Literatur- und Quellenüberblick gestützte Studien an die Hand. Diese setzen den einschlägig Interessierten sehr gut ins Bild.

“Unterhalb der nach wie vor gültigen Erkenntnis, dass zwanzig Jahre Medienfreiheit ein Wert an sich sind” (Machill/Beiler/Gerstner: 10) beschreibt der Band bleibende Geburtsfehler der neuen ostdeutschen Medienlandschaft, weswegen für Journalistikwissenschaftler bestenfalls Anlass für “kritisches Feiern“”bestünde. Insgesamt hätten massive Importe westdeutscher Führungskräfte und die Überanpassung der Strukturen und Wertvorstellung verhindert, dass nach der friedlichen Revolution der Ostdeutschen eine innovative und die ostdeutschen Besonderheiten berücksichtigende Medienlandschaft entstehen konnte.

Die ostdeutsche Medienlandschaft war aber nicht nur Kopie des Westens, sondern bot auch Neues. So setzte 1998 Brandenburg als erstes Bundesland ein Informationsfreiheitsgesetz in Kraft. Dieses Gesetz ermöglicht Bürgern wie Journalisten den Zugang zu allen Informationen der öffentlichen Verwaltung und dient damit der demokratischen Meinungs- und Willensbildung. Schlechter hingegen stünde es noch um die gesetzlichen Regelungen zur “Inneren Pressefreiheit”, welche das Verhältnis zwischen Verlegern und Redaktionen betreffen und die Unabhängigkeit letzterer sichern soll. Vorreiter war auch hier Brandenburg. Als 1992/1993 – diese Jahresangaben erfährt man im Buch leider nicht – im Brandenburger Landtag verhandelt wurde, ob dieses Grundprinzip im Landespressegesetz verankert werden solle, hätten die Verleger mit Klagen und Standortwechsel gedroht. (Trautloff/Brühler: 79) Als Kompromiss sei ein Gesetz verabschiedet worden, dem zwar der „innovative Kern“ fehle, welches aber letztlich sichere, “dass kein Redakteur gezwungen sein darf, gegen seine eigene Meinung zu publizieren. Brandenburg hat somit als einziges Land den Gesinnungsschutz rechtlich zumindest in Ansätzen normiert und ihm eine besondere Bedeutung verliehen.” (Machill/Beiler/Gerstner: 15)

Ihre besondere Relevanz erhalten die Regelungen zur Inneren Pressefreiheit, weil der ostdeutsche Medienmarkt – anders als der westdeutsche – von einem Medien-Oligopol weniger Großverleger dominiert wird. Im Privat-Radio-Bereich sind das – außer im Land Berlin – die Holtzbrinck-, RTL- und Springer-Gruppe (Friedrich/Hommel) und im Print-Bereich die West-Verlage Springer, WAZ, die Verlagsgruppe Süddeutscher Verlag, DuMont Schauberg und die Verlagsgruppe Stuttgarter Zeitung (Büssow/Kretzschmar/Lohse/Neupert). Hauptverantwortliche für die aktuelle Konstellation seien die Treuhandanstalt und die deutsche Politik, die den investitionsbereiten europäischen Verlagshäusern beim Erwerb der einstigen DDR-Presse keine Chance gelassen hätten.

Die systematische und wissenschaftliche Rekonstruktion der rasanten Privatisierung von ehemaligen SED-Bezirkszeitungen sei jedoch dadurch erschwert, “dass laut Auskunft des Bundesarchivs die entsprechenden Treuhand-Akten mit einem Sperrvermerk versehen sind”. (Machill/Beiler/Gerstner: 23) Die Privatisierungs-Ergebnisse hingegen liegen klar vor Augen: Die Medienkonzerne können hocheffizient, wirtschaftlich gesichert und mit großer Meinungsmacht agieren. Die Meinungsvielfalt allerdings bleibt in Ostdeutschland auf der Strecke. Die westdeutschen Großverlage sind neue Meinungs-Monopolisten geworden, die im Osten die Diskurse bestimmen. Inzwischen sind 71 Prozent aller ostdeutschen Kreise so genannte “Einzeitungskreise” (Büssow/Kretzschmar/Lohse/Neupert : 141), also Kreise, in denen der Leserschaft kein anderes Regionalblatt als Alternative bleibt.

Die ostdeutschen Journalistinnen und Journalisten blieben nach der Wende zumeist im Geschäft. Eine Bestandsaufnahme von 1992 zeigt, dass 61 Prozent der in Ostdeutschland tätigen Journalisten noch Berufserfahrungen im DDR-Journalismus hatten, 18 Prozent aus den Altländern hinzugekommen und 21 Prozent Berufseinsteiger gewesen waren. Wie heute die Arbeitsbedingungen und -motivationen ostdeutscher Journalisten sind, was sie als ihr Rolle und als Grenzen der Medienfreiheit sehen, rekonstruieren Anne-Kathrin Jeschke, Jana Rehse und Juliane Richter anhand einer repräsentativen Stichprobe von 73 Journalistinnen und Journalisten aller Mediensparten. Es zeigt sich, dass die Eigendynamik von Konzentrations- und Rationalisierungsprozessen zu “neuen Grenzen der Medienfreiheit” führen und latent die “Selbstzensur” der Journalisten bzw. zur Ersetzung der Qualitätsarbeit durch “Aldi-Journalismus” befördern. (387, 388, 391) Machill, Beiler und Gerstner resümieren in diesem Zusammenhang: “Die meisten befragten ostdeutschen Journalisten warnen vor neuen Gefahren für die noch junge Medienfreiheit durch Einflussnahmen und -versuche seitens der Wirtschaft und Politik.” (39, Hervorh. i. Orig.)

Die Herausgeber schreiben der kommunikationswissenschaftlichen Forschung bei der Aufarbeitung der Transformation nach 1990 eine “Beißhemmung” (ebd.: 12) zu, ein Befund, der auf den besprochenen Band nicht zutrifft.

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Über das BuchMarcel Machill; Markus Beiler; Johannes R. Gerstner (Hrsg.): Medienfreiheit nach der Wende. Entwicklung von Medienlandschaft, Medienpolitik und Journalismus in Ostdeutschland. Konstanz [UVK] 2010, 429 Seiten, 39,- Euro.Empfohlene ZitierweiseMarcel Machill, Markus Beiler, Johannes R. Gerstner (Hrsg.): Medienfreiheit nach der Wende. von Ahbe, Thomas in rezensionen:kommunikation:medien, 18. März 2012, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/8082
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Rezensent/in
Dr. Thomas Ahbe ist Sozialwissenschaftler und Publizist. Seine Forschungsschwerpunkte sind die diskursive Konstruktion der Ostdeutschen und Ostdeutschlands seit 1990, das Phänomen Ostalgie, Generationengeschichte der DDR und Ostdeutschlands, die narrative Konstruktion von personaler und kollektiver Identität, sowie Geschichtspolitik und historische Meister-Erzählungen in Europa.