Udo Göttlich, Stephan Porombka (Hrsg.): Die Zweideutigkeit der Unterhaltung

Einzelrezension
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Rezensiert von Christoph Jacke

Göttlich2009Einzelrezension
“Die Motive und Gründe für die Analyse Populärer Kultur, so vielfältig und verschieden sie zunächst erscheinen, speisen sich aus der gemeinsamen Erfahrung, dass die globale Kultur der Nachkriegszeit unmöglich noch mit der traditionellen Dichotomie von Kunst und Unterhaltung verstanden und begrifflich auf den Punkt gebracht werden kann.” (9) Aus diesem Grundbedürfnis nach neuen Theorien und Methoden zur Untersuchung von Popkultur, wie es im Vorwort des vorliegenden Sammelbandes beschrieben wird, leitet sich die jahrzehntelange Arbeit des Kulturwissenschaftlers Hans-Otto Hügel von der Universität Hildesheim ab. Diesem seit 1983 und bis dato immer noch einzigen Professor für Populäre Kultur in Deutschland gilt die vorliegende Festschrift. Deswegen erscheint das von den Herausgebern genannte Motto auch keinesfalls so antiquiert, wie es sich zunächst liest: Denn Hügel hat anerkanntermaßen und gemeinsam mit nur wenigen deutschsprachigen Wissenschaftlern (wie etwa Helmut Kreuzer, Werner Faulstich oder Winfried Fluck) bereits frühzeitig, und das heißt: schon vor über 25 Jahren, die Phänomene unserer zunehmend medialisierten Alltagskultur zum wissenschaftlichen Analysethema gemacht – und das ganz ohne kritischtheoretische Apokalyptik oder angloamerikanische Euphorik.

Wie der Kultursoziologe Udo Göttlich und der Literatur- und Kulturjournalistik-Professor Stephan Porombka zu Recht konstatieren, beruhen Hügels Beobachtungen stets auf einem eigenen Weg, der zwar Frankfurter Schule, Cultural Studies und Medienkulturwissenschaft nicht außer Acht lässt, zugleich aber viel stärker als vor allem Letztere (wieder) an der Produktion und vor allem an dem Produkt und seinem Erscheinen beziehungsweise seiner Ästhetik interessiert ist. “In der Auseinandersetzung mit der Populären Kultur ist es das Artefakt in seiner ästhetischen Erscheinungsweise und eben nicht die alltagskulturelle Verwendungsweise, die Hügels ganze Aufmerksamkeit auf sich zieht, und die ihn zu einer die Facetten der populären Artefakte in ihrer Vielfalt erfassenden und beschreibenden Forschung angeleitet hat.” (11) Der “Energiekern” (12) von Hügels Theorieüberlegungen wird von der Figur der zweideutigen Unterhaltung gebildet: “Unterhaltung verlangt, dass alles Dargebotene ganz echt und zugleich unecht ist. In dem Moment, in dem der Zuschauer sich für eine der beiden Möglichkeiten entscheiden muss, kippt die Unterhaltung entweder in Zerstreuung, oder sie schlägt in Ernst um. Unterhaltung will (fast) ernstgenommen und (fast) bedeutungslos zugleich sein.” (Hügel 2007: 21)

Um diesen Kern herum bewegen sich auch die vorliegenden zwölf Beiträge, zu denen sich darüber hinaus die amüsante Verschriftlichung einer Autofahrt des SZ-Kolumnisten Christian Kortmann mit “HOH” (17) sowie eine Liste der Themengebiete der berühmten Quiz-Sendung “Der große Preis”, in der Hügel als Experte mindestens 32 Mal zugegen war, gesellen. Da der Kulturwissenschaftler seine universitären Beobachtungen immer als unmittelbar koppelbar an die Praxen Populärer Kultur erachtete und in dieser Hinsicht selbst für eine praxisgesättigte Theoriebildung wie auch für eine theoriemutige Praxis gestanden hat beziehungsweise steht, besitzt auch diese Aufreihung einen mehr als nur anekdotischen Charakter. Diese latente Verbindung, dieses ständige Mäandrieren zwischen vermeintlich voneinander getrennten Bereichen lässt Hügels Mentalität an die zahlreichen Vertreter der angloamerikanischen Cultural Studies erinnern, wobei sich der Hildesheimer Popkultur-Forscher eben gerade nicht nur aus deren Entwicklungen und Reflexionen auch im deutschsprachigen Raum erklären lässt (vgl. dazu kritisch Terkessidis 2006). Nein, Hügel und seine Ansätze sind keine Adepten oder Epigonen, sondern – so würde man im Pop augenzwinkernd sagen – ein Original.

Die eigentlichen Beiträge in den beiden Hauptkapiteln “Genrebilder” und “Zur Theorie Populärer Kultur und Unterhaltung” reichen – ähnlich weit gefächert wie Hügels eigene Studien – von exemplarischen Untersuchungen über die ästhetische Mehrdeutigkeit des Schauspielers Johnny Depp (Ingrid Tomkowiak) und Kochsendungen als populärer Fernsehunterhaltung (Stephen Lowry) zu Analysen über das Unsterblichwerden durch den frühen Tod von Rockstars (Felix Reisel/Jörg-Uwe Nieland) sowie der Popmusik der Neuen Deutschen Welle zwischen Affirmation und Kritik (Barbara Hornberger) bis hin zu grundlegenden Ausführungen über den Begriff der Unterhaltung und Ästhetik von (unter anderem) Stefan Krankenhagen (“Gelingendes und beschädigtes Leben. Die Theorie der Unterhaltung im Licht der Ästhetik Adornos”), Kaspar Maase (“Massenkünste und Massenängste. Aporien der modernen Unterhaltungskultur”) oder Eggo Müller (“Unterhaltung im Zeitalter der Konvergenz”).

Abgesehen von den Fortsetzungen und durchaus auch verhaltenen Kritiken an Hügels wichtigen Arbeiten seien vor allem die eher basalen Beiträge für die weitere Rezeption empfohlen, reihen sich diese doch ein in eine schon seit langem geführte Diskussion um eine Theorie der Unterhaltung, die eben weder in Kunst- noch in Massenkulturtheorie stecken bleibt (vgl. jüngst etwa Westerbarkey 2003, Shusterman 2006, Jacke 2009).

Einzig, dass die Herausgeber im Vorwort insbesondere die Medienwissenschaftler und Medienpädagogen ob deren Verachtung Populärer Kultur schelten und diesen Ausrutscher dann auch noch auf den Klappentext hieven, wirkt eher verwunderlich. Waren es doch gerade – im weitesten Sinne – Forschende aus diesen Feldern (neben den eingangs genannten etwa Dieter Baacke, Waldemar Vogelgesang und Ralf Vollbrecht), die schon seit Jahrzehnten Jugend-, Sub- und Popkulturen sowie deren Phänomene und Artefakte zu ihrem Fokus mach(t)en. Nicht zuletzt die deutsche “Gesellschaft für Medienwissenschaft” zählt zu ihren Arbeitsgruppen unter anderem die Themen “Games” und “Populärkultur und Medien“. Letztere Gruppe erfreut sich sogar der aktiven Mitgliedschaft des in der vorliegenden Festschrift Bejubelten. Diese Entwicklungen wie auch die jüngsten Diskussionen um popkulturwissenschaftliche und -journalistische Verortungen und Programme scheinen den Herausgebern zumindest nicht besonders gewichtig gewesen zu sein. Um den durchaus umstrittenen und oftmals vorschnell verurteilenden Medien- und Massenkommunikationsforscher Dieter Prokop in seiner für derartige Kritiken allerdings ausgesprochen zutreffenden Formulierung zu paraphrasieren: Schlechte Laune ist noch keine Kritik.

Insgesamt bleibt jedoch ein äußerst positiver Eindruck, da Die Zweideutigkeit der Unterhaltung mit Hans-Otto Hügel einen der wichtigsten deutschsprachigen und im positiven Sinne unnachgiebigen universitären Popkulturforscher in den Vordergrund rückt und dabei Ideen manifestiert, wie sie zuletzt vor allem in Hügels Lob des Mainstream (vgl. Hügel 2007) sowie im Handbuch Populäre Kultur (vgl. Hügel 2003), welches mittlerweile zum Standard-Nachschlagewerk (nicht nur) für Studierende zwischen Pop, Kultur und Medien geworden ist, erläutert worden sind. Somit feiert der Band vollkommen zu Recht eine bedeutende “[…] Position in der Auseinandersetzung mit der Populären Kultur, die ohne den deutschen Hintergrund kaum zu denken ist, die aber darauf angelegt ist, diesen Hintergrund selbst immer mit zu reflektieren.” (10)

Literatur:

  • Hügel, H.-O.: Lob des Mainstreams. Zu Begriff und Geschichte von Unterhaltung und Populärer Kultur. Köln [Herbert von Halem Verlag] 2007.
  • Jacke, C.: “Rektales Reinigungserlebnis. Unterhaltung und Medienkritik in Zeiten des latenten Als-ob.” In: Merten, K. (Hrsg.): Konstruktion von Kommunikation in der Mediengesellschaft. Festschrift für Joachim Westerbarkey. Wiesbaden [VS Verlag für Sozialwissenschaften] 2009, S. 175-194.
  • Shusterman, R.: “Unterhaltung: Eine Frage für die Ästhetik.” In: Jacke, C.; Kimminich, E.; Schmidt, S.J. (Hrsg.): Kulturschutt. Über das Recycling von Theorien und Kulturen. Bielefeld [Transcript Verlag] 2006, S. 70-96.
  • Terkessidis, M.: “Distanzierte Forscher und selbstreflexive Gegenstände. Zur Kritik der Cultural Studies in Deutschland.” In: Jacke, C.; Kimminich, E.; Schmidt, S.J. (Hrsg.): Kulturschutt. Über das Recycling von Theorien und Kulturen. Bielefeld [Transcript Verlag] 2006, S. 148-162.
  • Westerbarkey, J.: “Von allerley Kurzweyl oder vom wissenschaftlichen Umgang mit einem antiquierten Begriff.” In: Schmidt, S.J.; Westerbarkey, J.; Zurstiege, G. (Hrsg.): a/effektive Kommunikation: Unterhaltung und Werbung. 2. Auflage. Münster [LIT-Verlag] 2003, S. 13-24.

Links:

Über das BuchUdo Göttlich, Stephan Porombka (Hrsg.): Die Zweideutigkeit der Unterhaltung. Zugangswelten zur Populären Kultur. Köln [Herbert von Halem Verlag] 2009, 245 Seiten, 26,– Euro.Empfohlene ZitierweiseUdo Göttlich, Stephan Porombka (Hrsg.): Die Zweideutigkeit der Unterhaltung. von Jacke, Christoph in rezensionen:kommunikation:medien, 9. Dezember 2009, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/803
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Rezensent/in
Dr. Christoph Jacke ist Professor für Theorie, Ästhetik und Geschichte der populären Musik an der Universität Paderborn.