Wolfgang Duchkowitsch, Fritz Hausjell, Horst Pöttker, Bernd Semrad (Hrsg.): Journalistische Persönlichkeit

Einzelrezension
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Rezensiert von Carsten Brosda

Einzelrezension
Festschriften sind bisweilen eine schwierige Sache. Im schlechten Fall gleichen sie dem Gemischtwarenangebot eines durchschnittlichen bundesdeutschen Kaufhauses, ohne eigenes Profil und damit auch ohne nötige Prägnanz. Ganz anders dagegen der Band Journalistische Persönlichkeit. Fall und Aufstieg eines Phänomens, den Wolfgang Duchkowitsch, Fritz Hausjell, Horst Pöttker und Bernd Semrad anlässlich der Emeritierung von Wolfgang R. Langenbucher vorgelegt haben. Genauso wie der Jubilar hat auch dieser Band ein Programm: die Rehabilitierung der Kategorie der Persönlichkeit in der Journalismusforschung, nicht zuletzt mit dem Ziel, auch historische und kulturelle Dimensionen journalistischer Kommunikation sichtbar zu machen.

Nach der empirischen und erst recht nach der systemtheoretischen Wende der Kommunikationswissenschaft ist die Erörterung von Persönlichkeitskonzepten jahrzehntelang als unwissenschaftlich diskreditiert worden – zu schwer schien der Ballast der Dovifat’schen Ideologie, zu komplex die berufliche Wirklichkeit, um sie lediglich durch das Prisma des Einzelnen zu brechen. Stattdessen dominiert die nüchterne Sprache funktionalistischer Systemanalyse. Bestes Beispiel ist die zweite Auflage des Diskussionsbandes Theorien des Journalismus, die Martin Löffelholz vor wenigen Jahren vorgelegt hat. Die aktuelle Langenbucher-Festschrift liest sich nun wie eine streitbare Ergänzung dieser theoretischen Engführung. Mit Verve plädieren die Herausgeber dafür, den Einzelnen und seine Leistungen nicht aus dem Blick zu verlieren. Ihr Ausgangspunkt ist “die Einsicht, dass alle sozio-kulturelle Realität, auch die des Journalismus, letztlich aus subjektiv sinnhaften Handlungsweisen besteht, die sich zum Beispiel durch Vorbilder beeinflussen lassen”, schreiben Horst Pöttker und Bernd Semrad in der Einleitung (11).

Von dieser Überzeugung hat sich auch Wolfgang R. Langenbucher Zeit seines akademischen Lebens leiten lassen. Ob in der Mediator-Konzeption seiner Habilitationsschrift, in seinem Einsatz für die Diplom-Journalistik, in seinen Kanonisierungsvorschlägen journalistischer Leistungen oder in zahlreichen Plädoyers für Qualitätsjournalismus – immer richtete er sich in aufklärerischer Absicht an den handelnden Journalisten. An dieser Perspektive, der Ulrich Saxer in seinem Beitrag ein “erhebliches Anregungs- und auch Irritationspotenzial” (23) attestiert, arbeiten sich die Autorinnen und Autoren des Bandes ab. Hannes Haas sieht in seinem für das Buch zentralen Beitrag in der theoretischen Wiederbelebung einer auch individuell sensiblen Forschungsperspektive zu Recht die Chance, der allgemein konstatierten Medien- und Journalismuskrise eine Perspektive entgegenzusetzen, die zumindest Potenziale journalistischer Kommunikation nach wie vor zu benennen vermag.

Die meisten Autorinnen und Autoren begreifen das Persönlichkeitskonzept als notwendigen Beitrag zu einer Diversifizierung der Journalismusforschung und nähern sich seinen Fragestellungen vor sehr unterschiedlichen theoretischen Hintergründen. Ulrich Saxer plädiert dafür, den Persönlichkeitsansatz gerade vor dem Hintergrund des Individualisierungs- und Differenzierungstrends moderner Gesellschaften zu rehabilitieren. Walter Hömberg sieht vor allem in der Suche nach Vorbildern sowie in den entsprechenden biographischen Anstrengungen die notwendigen Voraussetzungen seiner Renaissance. Und Horst Pöttker spürt den handlungstheoretischen Grundlagen im Werk Otto Groths nach und übersetzt diese produktiv in Anforderungen an die heutige Journalistik.

Nach diesen einführenden fachhistorischen und -systematischen Texten folgen Artikel, die sich dem Konzept der journalistischen Persönlichkeit aus einem je spezifischen aktuellen Theorieblickwinkel nähern. Es würde den Rahmen sprengen, intensiver auf sie einzugehen, deswegen müssen kursorische Hinweise genügen: Thomas A. Bauer knüpft direkt an persönlichkeitstheoretische Erwägungen an, die zwischen einer individuellen, einer sozialen und einer kulturellen Dimension differenzieren. Irene Neverla und Wiebke Schoon sowie Roman Hummel bemühen jeweils die Soziologie Pierre Bourdieus, um Macht- respektive Reputationsfragen im Journalismus zu diskutieren. Petra Herczeg spürt der Bedeutung der journalistischen Persönlichkeit induktiv auf dem Weg der auch von Langenbucher so geschätzten Kanonbildung nach.

Einen weiteren Schwerpunkt bilden Auseinandersetzungen mit dem spezifischen Potenzial kommunikationsbiographischer Ansätze. Bedenkenswert ist neben der umfassenden Einführung durch Markus Behmer und Susanne Kinnebrock das rasante Plädoyer Christian Schwarzeneggers, der daran erinnert, dass sich eine biographische Journalismusforschung nicht bloß in exemplarischen Höhen aufhalten dürfe, sondern sich auch mit der Mühsal alltäglicher journalistischer Ebenen zu befassen habe. Er greift damit eine Hauptkritik am Persönlichkeitskonzept offensiv auf und schreibt sie ins Pflichtenheft einer persönlichkeitsorientierten Journalismusforschung.

Empirische Hinweise wiederum geben einige andere Aufsätze: Wolfgang R. Langenbucher plädiert dafür, journalistische Autobiographien in der Forschung stärker zu berücksichtigen; Barbara Pfetsch entdeckt insbesondere in den Kommentarspalten konservativer Tageszeitungen die Werke selbstbewusster journalistischer Persönlichkeiten, und Gunter Reus stellt in einer Befragung von Chefredakteuren fest, dass niemand von der Persönlichkeitskategorie lassen will, sondern alle sehr konkrete auch persönliche Erwartungen an ihre Redakteure haben.

Auch in den Porträts großer Journalistinnen und Journalisten finden sich konkrete empirische Anwendungen des Analyseansatzes: Wolfgang Duchkowitsch schreibt über die Macher eines Wiener Meinungsmagazins aus dem frühen 18. Jahrhundert, Susanne Kinnebrock über Anita Augspurg, Frank Stern über Ludwig Börne, Verena Blaum über Martha Gellhorn und Edgar Lersch über Hans Bausch. Darüber hinaus nehmen sich aus je unterschiedlichem Blickwinkel Julia Wippersberg und Klaus Siebenhaar die heutigen prominenten Alpha-Journalisten vor. Sie liefern lesenswerte Auseinandersetzungen mit der Prominenzfixierung und den Narzissmen des aktuellen Politikjournalismus. Alle diese Analysen zeigen eindringlich, dass eine kulturwissenschaftliche Beschäftigung mit dem Journalismus gegenüber der Praxis und ihren Problemen nicht nur sensibler, sondern auch hilfreicher und konkreter zu sein vermag. Bernd Semrad porträtiert Wolfgang R. Langenbucher folgerichtig ebenfalls als journalistische Persönlichkeit und entwirft an diesem Exempel die Grundzüge einer intellektualisierten Kommunikatorrolle, die auch für Wissenschaftler exemplarisch sein kann, die in den aktuellen Diskurs einzusteigen gedenken.

Den Abschluss des Bandes bildet eine performativ-praktische Plausibilisierung der zuvor theoretisch und empirisch beschriebenen Potenziale: Die Beiträge der bisherigen Inhaber der Theodor-Herzl-Dozentur (Herbert Riehl-Heyse, Margit Sprecher, Peter Huemer, Klaus Harpprecht, Luc Jochimsen und Sibylle Haman) für eine Poetik des Journalismus zeigen, zu welch reflexiven Leistungen über ihren eigenen Berufsstand journalistische Persönlichkeiten in der Lage sein können.

Nicht nur aufgrund dieser fulminanten Texte ist man nach der Lektüre des insgesamt lesenswerten und sorgfältig editierten Bandes geneigt, gemeinsam mit den Herausgebern nach dem Fall des Konzepts seinen neuerlichen Aufstieg nicht nur zu erwarten, sondern auch zu erhoffen. Barbara Pfetsch hat Recht, wenn sie resümiert: “Die Wiederbelebung eines altmodischen Gedankens trägt also zu einer höchst akuten Selbstbeobachtung und Selbstaufklärung der Gegenwartsgesellschaft bei.” (263) Voraussetzung dafür ist allerdings, dass das Konzept der journalistischen Persönlichkeit nicht bloß restauriert, sondern theoretisch auf der Höhe der Zeit rekonstruiert wird. Die Richtung, in die eine innovative Journalistik weiter zu denken hätte, weist dieser Sammelband.

Links:

  • Verlagsinformationen zum Buch
  • Webpräsenz von Wolfgang Duchkowitsch an der Universität Wien
  • Webpräsenz von Fritz Hausjell an der Universität Wien
  • Webpräsenz von Horst Pöttker an der TU Dortmund
  • Webpräsenz von Bernd Semrad an der Universität Wien
Über das BuchWolfgang Duchkowitsch, Fritz Hausjell, Horst Pöttker, Bernd Semrad (Hrsg.): Journalistische Persönlichkeit. Fall und Aufstieg eines Phänomens. Reihe: Öffentlichkeit und Geschichte, Band 3. Köln [Herbert von Halem Verlag] 2009, 488 Seiten, 29,50 Euro.Empfohlene ZitierweiseWolfgang Duchkowitsch, Fritz Hausjell, Horst Pöttker, Bernd Semrad (Hrsg.): Journalistische Persönlichkeit. von Brosda, Carsten in rezensionen:kommunikation:medien, 13. Januar 2010, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/800
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