montage AV: “bad feelings” – Call for Papers

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Die Themennummer “bad feelings” der Zeitschrift montage AV stellt das Bewegtbild als Medium einer “education asentimentale” ins Zentrum und erkundet Kino und Fernsehen als Spielräume der Entfaltung schlechter bis  scheußlicher Gefühle. Gefragt sind Beiträge monografischer, theoretischer und exemplarischer Natur, etwa zu den “Austrian feel bad movies”, zur filmischen Ästhetik von Ekel und Scham oder zur Rhetorik des Gefühlsschocks im Medizin- oder Schulungsfilm. Gefragt sind aber auch kulturtheoretische und kulturhistorische Reflexionen über die gegenwärtige Konjunktur der schlechten Gefühle im Kino.

Im Kino der Gegenwart findet sich eine deutliche Tendenz zur Erkundung von negativen Emotionen, von ‘schlechten’ Gefühlen. Ob Scham, Hass, Ekel, Langeweile, Schmerz, Einsamkeit: Regisseure wie Lars von Trier, Catherine Breillat, Gaspar Noë, Michael Haneke, Tsai Ming Liang, Chan-wook Park, Ulrich Seidl, Takashi Miike, Bruno Dumont oder Vertreter der Berliner Schule erproben in ihren Filmen Stimmungen und Emotionen, deren Register vom bloß Unangenehmen bis zum schlichtweg Unerträglichen reicht. Man könnte auch sagen, dass damit Gefühlslagen in den Horizont des Welt(autoren)kinos treten, die im Experimental- und Undergroundfilm mindestens schon seit den 1960er Jahren zum Fächer der filmischen Emotionen gehören, von Andy Warhol  über Peter Gidal und Steve Dwoskin bis Valie Export und den Wiener Aktionisten.

Die gezielte Evokation von Ekel und empathischem Schmerz zählt aber auch seit alters zu den rhetorischen Strategien bei medizinischen Aufklärungsfilmen oder politischer Agitation. Aber auch das klassische (Genre-)Kino spielte mit dem Reiz unangenehmer Affekte wie Angst, Schock oder Ekel. Manche Filme lösen während oder nach der Sichtung Ambivalenzen oder Gefühle wie schlechtes Gewissen, Trübsal, Ärger oder Aggression aus. Schließlich werden schlechte Gefühle auch im Fernsehen ausgiebig kultiviert, vor allem in den seit fast zwei Jahrzehnten produzierten ‘Reality’-Formaten.

Zur Geschichte der Cinephilie gehört auch die Kehrseite von Liebe und Verehrung: die Ablehnung, ja der Hass auf Regisseure, deren Filme einem zu nahe kommen und denen man ihre vermeintlichen und tatsächlichen Transgressionen nachträgt (vielleicht auch, weil man sie zu sehr liebt, wie Christian Metz einst spekulierte). Und ebenso kann es darum gehen, wie man sich als Zuschauer fühlt, wenn der Rest des Publikums anderer Meinung ist oder ein Freund/eine Freundin neben einem gefriert, weil ihnen der Film nicht gefällt, zu dem man sie  eingeladen hat, oder wenn man sich schämt, weil man dem Film nicht folgen kann, den alle anderen so wunderbar finden – womit die Liste der möglichen Themen keineswegs abgeschlossen sein  soll.

Die Redaktion freut sich über die Einreichung von Texten mit maximal 35.000 Zeichen, die gemäß den Vorgaben des Stylesheets der Zeitschrift verfasst sind. Einsendungen bitte bis zum 1. Mai 2012 an die Adresse der Redaktion, E-Mail: montage@snafu.de.

Veröffentlicht unter Aus der Redaktion
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