Harald Gapski (Hrsg.): Jenseits der digitalen Spaltung

Einzelrezension
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Rezensiert von Juliane Kirchner

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51,7 Millionen Erwachsene in Deutschland sind mittlerweile zumindest gelegentlich online – damit hat sich die Zahl der Onliner in den letzten zehn Jahren fast verdoppelt (vgl. Eimeren/Frees 2011: 334). Die Debatte um die These der “Digitalen Spaltung” scheint somit auf den ersten Blick an Brisanz zu verlieren. Zur Erinnerung: Seit Anfang des Jahrtausends wird anhaltend über eine ungleiche Verfügbarkeit und Nutzung von Informations- und Kommunikations- technologien diskutiert und inwiefern dies zum Nachteil für die Nichtnutzer erwachsen könne. Doch ist  tatsächlich “ein Ende des digitalen Grabens in Sicht”? Noch immer sind 26,7 Prozent der deutschen Bevölkerung Nichtnutzer der Onlineangebote und stellen damit weiterhin eine quantitativ starke Gruppe dar (vgl. ebd.). In diesem Kontext beschäftigt sich der vorliegende Sammelband mit Beobachtungen und Reflexionen zur digitalen Spaltung mit besonderem Fokus auf die sogenannten Offliner.

Nach einem Vorwort des auftraggebenden Ministers führt Herausgeber Harald Gapski, der als Projektleiter beim Europäischen Zentrum für Medienkompetenz (ecmc) in Marl (NRW) tätig ist, in die Thematik ein und gibt einen Überblick über die einzelnen Beiträge des Sammelbandes. Hans-Ullrich Mühlenfeld beginnt in seinem Aufsatz mittels der Daten der Europäischen Umfrage zur Nutzung von Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) 2007 sowie der Analyse von Zeitreihen, die “Existenz einer Digitalen Kluft in Nordrhein-Westfalen” zu überprüfen. Anschließend beschäftigt sich Nicole Zillien in ihrem Beitrag mit den “Ursachen der Internet-Nichtnutzung”, wobei sie bestehende (internationale) Arbeiten zur digitalen Spaltung im Hinblick auf die Motive zur Nichtnutzung des Internets systematisiert. Dabei formuliert sie vier zentrale Erklärungen für die Nichtnutzung, u. a. materielle Barrieren und fehlende Kompetenz im Umgang mit dem Internet. In ihrem empirischen Teil zeigt sich, dass darüber hinaus Zweifel an der Zweckmäßigkeit eine Rolle spielen. Somit verdeutlicht der Beitrag, dass sich die Gruppe der Nichtnutzer ebenso durch Diversität auszeichnet wie die der Nutzer.

Ob die Nichtnutzung des Internets nur ein Übergangsphänomen ist, diskutiert Ulrich Riehm in seinem Beitrag. Seine Tätigkeit und entsprechende Expertise im Bereich der Abschätzung von Technikfolgen zeigt sich im Vergleich der Ausbreitungsgeschwindigkeit von PC und Internet mit Telefon, Fernseher und Auto. Dabei relativiert er die vermeintlich schnelle Ausbreitung des Internets und erachtet die digitale Spaltung als längerfristig anhaltendes Phänomen, aus dem sich weitere offene Fragen für die Forschung ergeben. Seine Typologie der Nichtnutzer, die auf der Dimension der Freiwilligkeit der Nichtnutzung basiert, ergänzt zudem die zuvor von Zillien genannten Faktoren.

Gernot Gehrke fasst die Kontroversen um die digitale Spaltung sowie die damit einhergehenden Handlungsempfehlungen mittels drei Paradigmen zusammen: Anhand des Partizipations-, Evolutions- und Innovationsparadigmas verdeutlicht er, dass die größten Herausforderungen der digitalen Teilung noch bevorstehen, da sich der Fokus deutlich auf eine Differenzierung von sozialen Ungleichheiten innerhalb der Internet(nicht)nutzung verschoben hat. Demnach sollten nicht mehr nur Zugangsaspekte, sondern auch Nutzungsmuster von Gelegenheitsnutzern Gegenstand der Diskussion sein, um einem tiefgreifenden gesellschaftlichen Differenzierungsprozess entgegenzuwirken.

Inwiefern es sich bei selektiver Nichtnutzung um eine Praktik der Medienkompetenz handelt, erörtert Daniel Knapp anhand einer empirischen Studie, die er in Großbritannien durchführte. Dabei zeigt er, dass insbesondere die Angst vor Datenmissbrauch und Überwachung dazu führt, dass bestimmte Onlineangebote nicht oder nur eingeschränkt genutzt werden. Folglich ist es nötig, bei der Diskussion zur digitalen Spaltung die selektive Nichtnutzung als Dimension im Sinne einer bewussten Entscheidung mitzudenken.

Im letzten Beitrag des Bandes verweist Matthias Wörther aus theologischer Perspektive auf die Grenzen der Informationsgesellschaft, die trotz breiter Faszination und offensichtlichem Nutzen bestehen bleiben werden.

Den Autoren und der Autorin von Jenseits der digitalen Spaltung, bei denen es sich um Mitarbeiter an staatlichen sowie nichtstaatlichen Institutionen handelt, die sich mit dem Thema ‘Neue Medien und Kommunikation’ beschäftigen, gelingt es, einen allgemeinverständlichen Überblick über ein zentrales Problem der selbsternannten Informations- und Wissensgesellschaft zu liefern und dabei Theorien und Konzepte gleichermaßen mit empirischen Daten zu verbinden.

Der Titel des Sammelbandes kann dabei durchaus doppeldeutig verstanden werden: Zum einen der Blick auf die sogenannten Offliner und deren überraschende Heterogenität hinsichtlich der Motive der Nichtnutzung, wie die Autoren Mühlenfeld, Zillien und Riehm in ihren Aufsätzen mit Zahlen belegen. Zum anderen die Diskussion des Konstrukts der digitalen Spaltung selbst. So betont Gehrke in seinem Beitrag von einer bloßen Trennlinie zwischen “arm” und “reich”  abzurücken und weitere demografische Kriterien mit einzubeziehen. Auch Knapp postuliert eine Neubewertung des Begriffs der digitalen Spaltung, bei dem die individuelle (Medien-)Kompetenz der selektiven Nichtnutzung bspw. im Hinblick auf negative Auswirkungen, mitgedacht werden muss. Hier zeigt sich der Entstehungskontext der Veröffentlichung in der Schriftenreihe Medienkompetenz, die die regelmäßigen und durch das ecmc im Auftrag des Landes NRW organisierten Workshops zusammenfasst.

Einen etwas ungewöhnlichen, obgleich angemessenen Abschluss bildet der Aufsatz von Wörther, in dem er sich der Debatte um Informationsflut und -overload aus theologischer Perspektive annimmt. Insgesamt ermöglicht der Sammelband damit einen guten Überblick über aktuelle Zusammenhänge der Diskussion um die digitale Spaltung, zeigt zugleich aber Forschungsdesiderata und Zukunftsperspektiven – insbesondere im Bereich der Erkenntnisse über Nichtnutzer/Offliner – auf.

Literatur:

  • Eimeren, B. van; Frees, B.: Drei von vier Deutschen im Netz – ein Ende des digitalen Grabens in Sicht? In: Media Perspektiven 7-8/2011, 334-349.

Links:

Über das BuchHarald Gapski (Hrsg.): Jenseits der digitalen Spaltung. Gründe und Motive zur Nichtnutzung von Computer und Internet. Schriftenreihe Medienkompetenz des Landes Nordrhein-Westfalen, Band 9. München, Düsseldorf [kopaed] 2009, 128 Seiten, 14,80 Euro.Empfohlene ZitierweiseHarald Gapski (Hrsg.): Jenseits der digitalen Spaltung. von Kirchner, Juliane in rezensionen:kommunikation:medien, 9. Januar 2012, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/7206
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Rezensent/in
Juliane Kirchner, M.A., ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Medienintegration an der Universität Erfurt, Studium der Kommunikations- und Geschichtswissenschaft an der Universität Erfurt, Forschungsschwerpunkte: Mediatisierte interpersonale Kommunikation und Medienwandel, Digitale Medien und Mobilkommunikation.