Patrick Rademacher: Politische Inhalte im Internet

Einzelrezension
2777 Aufrufe

Rezensiert von Ulrike Klinger

Einzelrezension
Patrick Rademacher hat eine ebenso aktuelle wie spannende und methodisch herausfordernde Frage gestellt: Welche Bedeutung kommt dem Internet in der Politikvermittlung zu und welche Rolle spielen dabei die Anbieter und Nutzer politischer Informationen? Er verfolgt das Ziel, nicht eine Detailbetrachtung, sondern ein Gesamtbild der verschiedenen beteiligten Akteure unter Einbezug unterschiedlicher Perspektiven abzuliefern (24). Da sich ein solcher Anspruch kaum realisieren lässt, wird wenig später verständlicherweise doch konkretisiert: zwei Schweizer Volksabstimmungen (Unternehmensteuerreform II und Einbürgerungsinitiative, beide 2008) werden für die empirische Untersuchung herangezogen.

Vorangestellt ist ein ausführlicher Theorieteil, dessen Aufarbeitung des Forschungsstandes kaum zu wünschen übrig lässt. Ein heuristisches Marktmodell nimmt den dualen Charakter politischer Informationen als Wirtschafts- und Kulturgüter auf und unterscheidet auf der Angebotsseite Newsportale, Medienorganisationen, etablierte und nicht-etablierte politische Akteure. Letztere Differenzierung gelingt nicht vollständig überzeugend: Während Arbeitgeberorganisationen und Arbeitnehmerverbände den etablierten politischen Akteuren zugeschlagen werden, kommen alle anderen (zivilgesellschaftlichen) Akteure, die kaum institutionalisiert, ressourcenschwach, weder zentralisiert noch hierarchisch aufgebaut sind und Einfluss nur über Öffentlichkeit nehmen können, als “nicht-etablierte” politische Akteure in einen Topf (47ff). Hier kann man fragen, ob das wirklich auch für die Kirchen zutrifft und im Lichte aktueller Governance-Konzepte eine sinnvolle Unterscheidung ist – zumal sie, dies konzediert der Autor mit Verweis auf Kriesi (2001), “von gradueller Art ist und sich nicht einfach festlegen lässt” (48).

Sehr souverän geht der Autor mit den bekannten methodischen Problemen um, mit denen er sich bei der Untersuchung von Online-Inhalten konfrontiert sieht (z.B. beschrieben bei Rössler/Wirth 2001). Er begegnet ihnen mit einer Befragung von Medienorganisationen und politischen Akteuren, mit einer Strukturanalyse, bei der die Ergebnisse einer Google-Suchanfrage zu den jeweiligen Abstimmungen nach Anbietertyp untersucht wurden und mit einer telefonischen Befragung der stimmberechtigten Schweizer Bevölkerung zu ihren politischen Informationsquellen. Die Daten aus den Befragungen verdankt der Autor dem Entstehungskontext der Studie im Rahmen eines übergreifenden Forschungsprojekts, das (wie es häufig der Fall ist) auch einige Beschränkungen mit sich bringt, die dem Autor nicht anzulasten sind. So klammert die Studie beharrlich Social Media aus, und das Tessin findet keine Berücksichtigung. Das Vorgehen ist verständlich, klar und äußerst detailliert beschrieben, überzeugt und verleiht den Ergebnissen Autorität.

Einige Resultate der Studie kurz zusammengefasst: Politische Inhalte spielen im Online-Angebot der Medienorganisationen im Kontext der untersuchten Volksabstimmungen keine wichtige Rolle. Hier stellt der Autor sogar “Anzeichen einer Entpolitisierung journalistischer Online-Angebote” (336) fest. Es sind vielmehr die politischen Akteure selbst, für die das Internet eine zentrale Bedeutung hat. Vor allem von den etablierten politischen Akteuren wurde der Großteil der online verfügbaren Inhalte zu den Abstimmungsinitiativen bereitgestellt, wobei als Zielgruppe eher die eigenen Mitglieder, als die Bürger insgesamt dienten. Dabei kamen überwiegend Webseiten und Newsletter zum Einsatz, während interaktive und partizipative Kommunikationsformen kaum Anwendung fanden – ein Ergebnis, das vielleicht anders aussähe, wenn Social Media mit in die Analyse einbezogen worden wären.

Auf der Seite der Nutzer wiederum spielen nur zwei Typen von Online-Angeboten eine Rolle: Newsportale und die Online-Angebote klassischer Zeitungen. Die Inhalte politischer Akteure hingegen werden nur dann rezipiert, wenn Bürger und Bürgerinnen im Zuge ihres habituellen Nutzerverhaltens auf diese Seiten zugreifen. Nur eine Minderheit sucht aktiv nach politischen Informationen im Netz. Dieser Befund wird gestützt durch die erst kürzlich publizierten Ergebnisse einer achtjährigen Panelstudie, die das politische Kommunikationsverhalten in Deutschland untersuchte. Auch hier zeigte sich, dass das Internet das eingeübte politische Kommunikationsverhalten kaum verändert, während jüngere Kohorten direkt mit Online-Alternativen sozialisiert werden (Emmer et al. 2011). Dass politische Inhalte dort angeboten werden, wo Bürger sie nicht suchen, während sie zunehmend entpolitisierte Onlineangebote der Tageszeitungen nutzen, entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Die Studie fördert aber auch Hoffnungsvolles zu Tage, etwa wenn sich Vertreter von Medienorganisationen zu ihrem publizistischen Informationsauftrag bekennen und auch wenig lukrative politische Inhalte anbieten (“weil wir keine Erbsenhändler sind.” 220).

Das Buch ist durchgängig ansprechend geschrieben. Schnörkellose, klare Formulierungen und eine verträgliche Dosis Fachjargon sorgen für einen angenehmen Lesefluss bei gleichzeitig erfreulicher argumentativer Dichte. Die Gliederung in Theorieteil, Methodenkapitel und empirische Untersuchung erscheint dabei etwas formalistisch. Dissertationen mögen üblicherweise diesem Aufbau folgen, für ein Buch hätte ein mehr an der Fragestellung orientierter Aufbau viel Umherblättern und einige Redundanzen erspart. Dies mindert aber keineswegs den Wert, den Patrick Rademachers Beitrag für alle Leser hat, die sich gegenwärtig mit den Potentialen und Grenzen politischer Online-Kommunikation auseinandersetzen.

Literatur:

  • Emmer, M.  et al.: Bürger Online. Die Entwicklung der politischen Online-Kommunikation in Deutschland. Konstanz [UVK] 2011.
  • Kriesi, H.: Die Rolle der Öffentlichkeit im politischen Entscheidungsprozess. Berlin [Veröffentlichungsreihe der Arbeitsgruppe “Politische Öffentlichkeit und Mobilisierung” des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung] 2001.
  • Wirth, W.; P. Rössler: Inhaltsanalysen im World Wide Web. In: Wirth, W. ; E. Lauf (Hrsg.): Inhaltsanalyse: Perspektiven, Probleme, Potentiale. Köln [Herbert von Halem Verlag] 2001, S. 280-302

Links:

Über das BuchPatrick Rademacher: Politische Inhalte im Internet. Angebot und Nachfrage politischer Inhalte im World Wide Web am Beispiel von Volksabstimmungen in der Schweiz. Köln [Herbert von Halem Verlag] 2010, 424 Seiten, 32,50 Euro.Empfohlene ZitierweisePatrick Rademacher: Politische Inhalte im Internet. von Klinger, Ulrike in rezensionen:kommunikation:medien, 15. Dezember 2011, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/6994
Getagged mit: , , ,
Veröffentlicht unter Einzelrezension
0 Kommentare auf “Patrick Rademacher: Politische Inhalte im Internet
2 Pings/Trackbacks für "Patrick Rademacher: Politische Inhalte im Internet"
  1. […] Related posts:Patrick Rademacher: Politische Inhalte im Internet […]

  2. […] sorgen für einen angenehmen Lesefluss bei gleichzeitig erfreulicher argumentativer Dichte. r:k:m, Dezember 2011 Rainer Winter Der produktive Zuschauer. Medienaneignung als kultureller und […]

Teilen
facebooktwittergoogle+
Drucken
Druck-Version PDF-Version
Rezensent/in
Dr. Ulrike Klinger ist Oberassistentin in der Abteilung "Media & Politics" des Instituts für Publizistikwissenschaft und Medienforschung der Universität Zürich (IPMZ).