Thomas Roessing: Öffentliche Meinung

Einzelrezension
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Rezensiert von Brigitte Huber

Einzelrezension
1989 wurde Elisabeth Noelle-Neumanns Buch mit dem Titel Öffentliche Meinung: die Entdeckung der Schweigespirale veröffentlicht. 20 Jahre später erscheint ein Buch mit fast identem Titel, lediglich die Entdeckung wurde durch die Erforschung ersetzt. Dieser Titel ist sehr passend, handelt es sich hierbei um eine von Noelle-Neumann angeregte und betreute Dissertation, welche die Forschung zu ihrer Theorie der öffentlichen Meinung zum Thema hat. Die Arbeit von Thomas Roessing, die er unter dem Titel Methoden und Analysestrategien für Untersuchungen zur sozialpsychologischen Theorie der öffentlichen Meinung im Jahr 2007 an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz vorgelegt hat, versucht nicht weniger zu klären als, “wie weit die empirische Forschung zur Theorie der öffentlichen Meinung seit 1974 gediehen ist, und welchen Nutzen künftige Forschung aus den bereits entwickelten Ansätzen, Analysestrategien und empirischen Methoden ziehen kann.” (5)

Dieses Vorhaben ist angesichts der Tatsache, dass die Theorie der Schweigespirale international stark und auch kontrovers rezipiert wurde und entsprechend eine große Anzahl an empirischen Untersuchungen dazu vorliegt, ein durchaus ehrgeiziges. Dabei muss allerdings erwähnt werden, dass Roessing – wie er auch selbst einräumt – nicht der erste ist, der sich dieser Aufgabe annimmt, denn es liegen bereits “mehrere Überblickswerke über den Stand der Forschung” (16) vor.

Was bisherigen Überblickswerken laut Roessing u. a. fehlt und eine erneute Anstrengung in diese Richtung erstrebenswert macht: “Wissenschaftstheoretische Grundlagen fehlen nicht nur in vielen empirischen Studien zur Theorie der öffentlichen Meinung, sie werden auch in Überblicksdarstellungen kaum diskutiert oder verkürzt und teilweise falsch dargestellt” (18). Roessing beschäftigt sich daher zu Beginn dieser Arbeit nach einem einführenden Kapitel zur Geschichte der Theorie der Schweigespirale und ihren zentralen Hypothesen entsprechend ausführlich damit und widmet der Wissenschaftstheorie empirischer Sozialforschung ein umfangreiches Kapitel.

Dabei hervorzuheben sind sowohl der präzise Umgang mit den wissenschaftstheoretischen Begrifflichkeiten als auch die gut nachvollziehbaren Darlegungen bezüglich Relevanz der Ausführungen als Basis für das weitere Vorhaben. Dieses besteht darin, die methodischen Vorgehensweisen von in internationalen Fachzeitschriften publizierten empirischen Studien zur Theorie der Schweigespirale zu analysieren. Roessing zerlegt dazu die Theorie in ihre Einzelkomponenten und zeigt auf, wie diese in bisherigen Studien untersucht wurden. Äußerst kritisch nimmt er die einzelnen Studien unter die Lupe und vergleicht die unterschiedlichen Vorgehensweisen. Er kommt auch zu konkreten Vorschlägen und Empfehlungen, welche der verwendeten Vorgehensweisen und Operationalisierungen sich eignen und welche weniger.

Dabei beginnt er in Kapitel 4 mit den Voraussetzungen für das Auftreten von Schweigespiralen, die bei entsprechenden empirischen Untersuchungen unbedingt berücksichtigt werden müssen. Neben den “relativ unproblematischen Bedingungen” Aktualität der Thematik, Vorhandensein einer Kontroverse mit mindestens zwei Lagern und Dynamik geht er in diesem Kapitel besonders detailliert auf die “moralische Ladung bzw. das emotionale Potential” (77) des Themas als notwendige Voraussetzung ein. Auch wenn in der Arbeit insgesamt erwartungsgemäß kaum Kritik an Noelle-Neumanns Theorie der Schweigespirale zu lesen ist, weist Roessing an dieser Stelle darauf hin, dass “bei sehr vielen Studien – auch einigen von Noelle-Neumann selbst vorgelegten” (95) eine empirische Überprüfung der moralischen Ladung fehlt. Auf die grundsätzliche Notwendigkeit einer solchen Überprüfung wird hingewiesen und verschiedene Erhebungsmodelle für emotionales Potential werden diskutiert.

Nach der Auseinandersetzung mit den Rahmenbedingungen, die bei empirischen Untersuchungen zur Theorie der Schweigespirale berücksichtigt werden müssen, widmen sich die nächsten beiden Kapitel der Messung von Meinungsklimawahrnehmung und unterschiedlichen Tests und Fragemodellen zu Redebereitschaft und Schweigetendenz, wobei gut herausgearbeitet wird, dass eine Eins-zu-Eins-Übernahme bestimmter Fragemodelle von Noelle-Neumann nicht für alle Untersuchungen sinnvoll ist: Anhand von Beispielen wird die Notwendigkeit verdeutlicht, Frageformulierungen entsprechend der kulturellen Gegebenheiten des jeweiligen Landes zu modifizieren.

Während sich das nächste Kapitel dem Problem des soziologischen und des psychologischen Analysemodells widmet, wird im achten Kapitel schließlich ein zentrales Thema, nämlich die Rolle der Medien für die öffentliche Meinung, die bereits im vierten Kapitel bei den Voraussetzungen angesprochen wurde, ausführlich behandelt. Abschließend hält Roessing fest: “Ziel dieser Arbeit war es ausschließlich nicht, festzustellen, ob die Theorie zutrifft oder nicht.” (272) Das kann auch nicht Ziel dieser Rezension sein. Viel mehr stellt sich abschließend die Frage: “Worauf müsste ein Forscher achten, der es unternimmt, die Theorie der öffentlichen Meinung an einem konkreten Fall durchzutesten?” (247) Das Buch liefert viele wichtige Anhaltspunkte. Eine endgültige Antwort kann es aber nicht liefern – jedoch ist dies nicht etwa auf die mangelhafte Vorgehensweise des Autors zurückzuführen, sondern auf die Theorie selbst, die sich immer noch in Entwicklung befindet.

Fazit: Das Buch liefert sowohl einen detaillierten Überblick über die Forschung zur Theorie der öffentlichen Meinung als auch konkrete Ratschläge und Empfehlungen für die Vorgehensweise bei künftigen Forschungsvorhaben zur Theorie der Schweigespirale. Damit ist es sowohl für WissenschafterInnen relevant, die zur öffentlichen Meinung arbeiten als auch für Studierende und Interessierte, die sich mit Gegenstand und “Tücken” der Theorie der Schweigespirale vertraut machen möchten.

Links:

Über das BuchThomas Roessing: Öffentliche Meinung – die Erforschung der Schweigespirale. Baden-Baden [Nomos] 2009, 316 Seiten, 44,- Euro.Empfohlene ZitierweiseThomas Roessing: Öffentliche Meinung. von Huber, Brigitte in rezensionen:kommunikation:medien, 12. Dezember 2011, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/6979
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Rezensent/in
Brigitte Huber ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Publizistik der Universität Wien. Ihre Forschungsscherpunkte sind Journalismus- und Medieninhaltsforschung, Wissenschaft und Medien, Medienpräsenz von Experten sowie Journalismus und Meinungsforschung.