Franziska Macur: Weibliche Diskurskulturen

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Rezensiert von Kathrin Friederike Müller

Einzelrezension
Die kommunikations- und medienwissenschaftlichen Gender Studies haben sich lange für die Ungleichbehandlung sowie die Unterschiede in der medialen Darstellung und im Medienhandeln von Frauen und Männern interessiert. Das gilt speziell auch für die Analyse nichtmedialer und medienvermittelter interpersonaler Kommunikation, die im Wesentlich auf den Nachweis “typisch weiblicher” Kommunikationsstile zielte. Franziska Macur übt Kritik an diesen Perspektiven und entwickelt in Weibliche Diskurskulturen, ihrer Dissertationsschrift, einen alternativen Blick auf das Sujet. Im Kontrast zur bisherigen medienwissenschaftlichen Forschung und zu populärwissenschaftlichen Veröffentlichungen zielt sie nicht auf die Ermittlung von Unterschieden in der Kommunikation von Männern und Frauen.

Sie stellt die Hypothese auf, dass reine Frauengruppen keine wiederkehrenden, geschlechtsgebundenen Muster in der Gesprächsstruktur aufweisen, sondern dass sich Gespräche je nach Situierung in einem privaten, beruflichen oder medialen Kontext unterscheiden. Andere Faktoren wie Geschlecht treten davor in den Hintergrund. Angesichts der theoretischen Entwicklung, Gender als Diskurs und damit als Konstruktion zu begreifen, ist diese Perspektive von hoher analytischer Relevanz. Sie stellt Neuland dar, denn sie fragt nach der Abwesenheit von Gender und erlaubt somit eine Spezifizierung seiner (De-)Konstruktion. Das Infragestellen gewohnter Analysekriterien in dieser Studie ist also besonders anerkennend hervorzuheben.

Macur legt in der Diskussion des Forschungsstands dar, dass vor allem Differenzen zwischen männlichen und weiblichen Kommunizierenden erarbeitet worden sind und auf die Subordination von Frauen verwiesen wurde. Sie beschäftigt sich vertiefend mit dem Begriff der “Gruppe” und erarbeitet dabei die Definition von “Communities of Practice” (43ff.) um deutlich zu machen, dass Gender nur einer von mehreren Faktoren ist, der Gruppen organisiert. Sie plädiert dafür, diese Faktoren “einzubeziehen und in eine hierarchische Ordnung zu bringen” (51). Zudem unterscheidet sie zwischen der Herstellung von Gender in privater und öffentlicher Kommunikation. Dabei hebt sie hervor, dass diese Kontexte unterschiedliche Anforderungen hinsichtlich der Herstellung von Gruppenzusammengehörigkeit und Selbstpräsentation an die AkteurInnen stellen.

Im Anschluss stellt Macur das linguistische Forschungsdesign vor. Sie verbindet die Untersuchung von interpersonaler Kommunikation in Alltagssituationen mit der von Medienakteuren und -akteurinnen in einer Konversationsanalyse. Im Mittelpunkt steht die Beschäftigung mit Konversationsstilen. In dieser elaborierten Analyse konzentriert Macur sich auf die Herstellung von Referenzen und unterscheidet dabei nach Selbst-, Wir- und Geschlechter-Referenzen, die sie als Analysekategorien an das Material heranträgt. Sie analysiert zwei Gespräche unter Freundinnen sowie zwei Teambesprechungen als Beispiele für private und berufliche Kommunikationen sowie drei Fernsehtalkshows. Darüber hinaus führt sie eine zweite Ebene der Differenzierung ein: zwei der Talkshows stammen aus dem deutschen Fernsehen, eine aus dem US-amerikanischen. Über den Vergleich strebt sie an, interkulturelle Differenzen festzustellen. Zwar wirft das relativ kleine und zudem heterogene Sample die Frage nach der Verallgemeinerungsfähigkeit der Befunde auf, die Auswertung der Kommunikationssituationen ist jedoch äußerst gelungen. Sie ist anschaulich präsentiert und erfreulicherweise mit zahlreichen Beispielen angereichert, die Konversationsanalyse und Ergebnisse illustrieren.

Macur kann ihre Hypothesen bestätigen. Es zeigt sich, dass die gleichgeschlechtliche Zusammensetzung der Diskussionsgruppen die Kommunikation nicht prägt. Der Kontext ist jedoch überaus relevant. Die privaten Gespräche sind von wenig Selbst-, Gruppen- und Geschlechterreferenzen gekennzeichnet, weil die Teilnehmerinnen versuchen, Konflikte durch eindeutige Positionierungen zu vermeiden. In den beruflichen Konversationen dominieren Selbstreferenzen, die die Frauen als Expertinnen kennzeichnen. Zudem stellen die Akteurinnen Identifikationen mit den Kolleginnen über Gruppenreferenzen her. Geschlecht wird weder in beruflichen noch in medialen Konversationen als verbindendes Element thematisiert. Die deutschen, medial repräsentierten Akteurinnen verweisen vor allem auf Selbstreferenzen und auf Gruppen-Referenzen, die die Zugehörigkeit zu einem Personenkreis außerhalb der Gesprächsrunde zum Ausdruck bringen sollen. Einzig die US-amerikanischen Talkshow-Teilnehmerinnen nehmen explizit Bezug auf Geschlecht. Macur deutet diesen Zusammenhang als Ausdruck kultureller Unterschiede im Geschlechterrollenverständnis.

Insgesamt liefert die Studie einen instruktiven Beitrag zur Bedeutung von Gender in der interpersonalen Kommunikation. Sie macht deutlich, dass bei der Analyse Geschlecht als eines von mehreren Merkmalen betrachtet werden muss. Deshalb verwundert die Wahl des Titels: Schließlich geht es in der Studie um Diskurskulturen, die gerade nicht explizit weiblich sind, sondern lediglich von Frauen artikuliert werden. Leider diskutiert die Autorin ihre Befunde hinsichtlich der Bedeutung von Gender als Analysekategorie kaum. Trotzdem regt die Studie an, die Relevanz von Gender zukünftig kritisch zu prüfen. Damit verwirklicht Macur – ohne es zu thematisieren – eine zentrale dekonstruktivistische Forderung. Sie demonstriert, wie in Studien zur (De-)Konstruktion von Geschlecht die Kategorie Gender durch die Forscher und Forscherinnen abwechselnd inkraft gesetzt und hinterfragt werden kann. So macht sie nachvollziehbar, wie die Gender Media Studies der Herausforderung begegnen können, Geschlecht konstruieren zu müssen um es zu dekonstruieren.

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Über das BuchFranziska Macur: Weibliche Diskurskulturen. Privat. Beruflich. Medial. Reihe: Bonner Beiträge zur Medienwissenschaft, Band 9. New York, Frankfurt a. M., Wien [Peter Lang] 2009, 232 Seiten, 47,80 Euro.Empfohlene ZitierweiseFranziska Macur: Weibliche Diskurskulturen. von Müller, Kathrin Friederike in rezensionen:kommunikation:medien, 22. November 2011, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/6888
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Rezensent/in
Dr. Kathrin Friederike Müller ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienkultur der Leuphana Universität Lüneburg. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Gender Studies, Cultural Studies, Rezeptionsforschung und qualitative Methoden der empirischen Kommunikationswissenschaft. Sie ist Autorin des bei transcript erschienenen Buchs Frauenzeitschriften aus der Sicht ihrer Leserinnen. Die Rezeption von Brigitte im Kontext von Biografie, Alltag und Doing Gender.