Stefan Länzlinger, Thomas Schärer: Stellen wir diese Waffe in unseren Dienst

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Rezensiert von Florian Hoof

Laenzlinger Waffe CoverEinzelrezension
In den letzten Jahren hat sich die historische Forschung vermehrt dem Medium Film zugewandt. Wies der Film zuvor einen eher marginalen Stellenwert als historisches Dokument auf, etwa als ergänzende illustrative Quelle, beginnt sich dies in letzter Zeit zu verändern. Er wird als ein lohnenswerter Untersuchungsgegenstand betrachtet, weil sich gerade aus seiner Verwendung viel über das implizite Selbstverständnis von Organisationen oder von sozialen Bewegungen ableiten lässt. In diesen Bereich fügt sich auch die von Stefan Länzlinger und Thomas Schärer auf knapp 150 Seiten verfasste Studie über das filmische Schaffen der Schweizer Arbeiterbewegung ein. Sie bietet für den Zeitraum von 1912 bis 1962 eine historische Aufarbeitung des gut 50 Filme umfassenden Filmarchivs der Schweizerischen Arbeiterzentrale (SABZ). Zusätzlich liegt eine DVD bei, auf der acht dieser sogenannten Sozial– oder Tendenzfilme aus den 1930er und 1940er Jahren enthalten sind. Abgerundet wird der Band durch eine umfangreiche, kommentierte Filmographie mit Angaben zum Inhalt und zur Produktionsgeschichte des gesamten Filmbestands.

Die beiden Autoren verfolgen einen sozial- und zugleich filmhistorischen Ansatz. Sie verorten die Filmproduktion, -rezeption und den programmatischen Diskurs um das Medium Film innerhalb des historischen Kontextes der Schweizer Arbeiterbewegung. Gleichzeitig geben sie einen Einblick in die wirtschaftlichen Strukturen des damaligen Filmverleihgeschäftes. Im Mittelpunkt der Studie steht die innerhalb der Arbeiterbewegung äußerst umstrittene Hinwendung zum Film und der damit verbundene Aufbau eines eigenen Filmvertriebs. Länzlinger und Schärer beschreiben, wie in diesem Umfeld Bildungs- und Öffentlichkeitsarbeit in den 1910er und 1920er Jahren in erster Linie durch Lichtbildvorträge oder Theatervorstellungen betrieben wurde. Gegen diese etablierten Formen musste sich der Film erst legitimieren und durchsetzen. Der angestrebte Sozial- bzw. Tendenzfilm sollte im Sinne Sergei Eisensteins als Bildungs- und Aufklärungsmedium ein Gegenentwurf zur “kapitalistischen Institution” des “volksverseuchenden” (13) Kinos sein. Die SABZ begann ab den 1930er Jahren mit der Verankerung des Mediums Films im Bildungsangebot der Arbeiterbewegung. Das zu diesem Zweck aufgebaute Filmverleihsystem skizzieren die Autoren als einen Mix aus kommerziell erfolgreichen und aus anspruchsvollen, “sozialen” Filmen, das bis zur Heimvideorevolution der 1970er Jahre stabil war.

Der historischen Einordnung des Filmbestands folgt eine Detailanalyse von sechs Filmen aus den 1930er und 1940er Jahren, die auch auf der beiliegenden DVD enthalten sind. Die Autoren rekonstruieren ihre Produktionsgeschichte und bewerten sie auf einer ästhetischen Ebene. Die eigentliche Stärke der Studie ist die historische Rekonstruktion der Kontroverse um das Medium Film. Sie liefert Einblicke in eine Zeitspanne, in der sich grundlegende Verfestigungsprozesse im Bereich der Pädagogik, Volksbildung und der ‘Propaganda’ vollziehen.

Für die Diskussion und Auseinandersetzung um den „Schundfilm“ und die Kinoreformbewegung hätte man sich an manchen Stellen allerdings eine etwas differenziertere Darstellung der unterschiedlichen Positionen gewünscht. Ebenfalls ist der ab 1912 einsetzende Boom des ‚kapitalistischen’ Industriefilms den Autoren keine Erwähnung wert. Für eine Studie, die die Indienstnahme des Films als eine neue “Waffe” beschreibt, hätte es sicherlich zusätzliches (auch filmästhetisches) Erkenntnispotential erschlossen, wenn die mediale ‘Aufrüstung’ der ‘Gegner’, etwa durch neu eingerichtete Film- und Fotoabteilungen in den Unternehmen, kontrastiv in den Blick genommen worden wäre. Womöglich hätte dies zu einer präziseren Antwort auf die Frage der Autoren beitragen können, warum der Film – obwohl teuer und stets hoch umstritten – sich am Ende doch in der Schweizer Arbeiterbewegung durchsetzen konnte. Die Engführung des Analysefokus der Studie am Archivkorpus stellt sich hier als nicht ganz so glücklich heraus.

Doch das sind nur marginale Überlegungen, die die historische Solidität dieser Studie und ihren Wert als Ausgangspunkt für zukünftige Forschungen in diesem Bereich nicht beeinträchtigen.

Über das BuchStefan Länzlinger; Thomas Schärer: Stellen wir diese Waffe in unseren Dienst. Film und Arbeiterbewegung in der Schweiz. Zürich [Chronos Verlag] 2009, 182 Seiten, 24,50 Euro.Empfohlene ZitierweiseStefan Länzlinger, Thomas Schärer: Stellen wir diese Waffe in unseren Dienst. von Hoof, Florian in rezensionen:kommunikation:medien, 18. November 2011, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/6874
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Rezensent/in
Florian Hoof, M.A., ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft an der Goethe-Universität Frankfurt am Main.