Oliver Hahn, Julia Lönnendonker, Roland Schröder (Hrsg.): Deutsche Auslandskorrespondenten

Einzelrezension
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Rezensiert von Lutz Mükke

Einzelrezension
In den ersten 50 Jahren der Bundes- republik Deutschland beschäftigten sich deutsche Kommunikations- und Medienwissenschaftler vor allem  inhaltsanalytisch mit Auslands- berichterstattung. Wenn überhaupt dann wurde sich meist nur am Rande mit Strukturen und Kommunikatoren der Auslandsberichterstattung auseinandergesetzt. Gleiches gilt für die Theoriebildung in diesem Themenbereich. Im letzten Jahrzehnt begannen sich diese Forschungslücken ein wenig zu verkleinern. Hafez legte 2002 etwa seine Habilitationschrift Die politische Dimension der Auslands- berichterstattung vor, die versucht eine Matrix der theoretischen Diskurse zu erstellen; Junghanns und Hanitzsch lieferten 2006 empirische Daten zum “unbekannten Wesen” Auslands- korrespondent und eine Reihe von Fallstudien lieferten partielle Einblicke in Korrespondentenstandorte und Berichtsgebiete, so beispielsweise Siemes 2000; Lange 2003; Stamm 2006; Vogelreiter 2008; Mükke 2002, 2009 oder Renneberg 2010.

Hinein in dieses wissenschaftliche Heranirren an das Thema Auslandsberichterstattung wurde das Buch Deutsche Auslandskorrespondenten Ein Handbuch veröffentlicht. Die Herausgeber Hahn,  Lönnendonker und  Schröder legen ein 540 Seiten starkes Konvolut vor, das sich Arbeitsbedingungen und Profilen deutscher Auslandskorrespondenten widmet. Dafür strukturieren sie ihr Buch wie folgt: Im ersten Teil wird der Forschungsstand skizziert und der  Forschungsgegenstand herausgearbeitet.

Der zweite Teil präsentiert in 18 Kapiteln Resultate von Studien, die 29 Korrespondentenstandorte beziehungsweise Berichtsgebiete rund um den Globus einbeziehen und Arbeitsbedingungen von dort agierenden deutschen Auslandskorrespondenten untersuchen. Den Kapiteln beigestellt ist je mindestens ein Erfahrungsbericht eines Korrespondenten über den jeweiligen Korrespondentenplatz.

Schließlich versucht Teil drei die zusammengetragenen Ergebnisse aus Brüssel, Wien, Ostmitteleuropa, Lateinamerika oder Japan zu synthetisieren und auf ein Querschnittsanalyseniveau zu heben, das Rückschlüsse auf Gesamtentwicklungstendenzen und Strukturen erlaubt. Dieses Kapitel fokussiert thematisch auf “Konvergente Korrespondenten – Veränderungen und Einflüsse vernetzter Kommunikation”;  den “Einfluss von Nachrichtenplätzen und Berichterstattungsgebieten auf die Arbeit von Auslandskorrespondenten” sowie “Die Beziehungen zwischen Auslandskorrespondenten und Heimatredaktionen”.

Um es vorweg zu nehmen: Insgesamt ist das Buch ein Erfolg. Zunächst einmal wäre da das Organisationstalent der Herausgeber zu loben, die so viele “Forscher” (18 Studenten und berufstätige Journalisten) dazu anregten, zum Teil in die Welt hinauszuziehen und in allen Himmelsrichtungen Korrespondenten zu interviewen. Selbstverständlich liegt der Wert des Werks auch darin, dass hier erstmals ein Überblick über deutsche Auslandskorrespondenten gegeben wird, die rund um den Globus arbeiten. Einen solchen Überblick gab es bis 2008 nicht. Jetzt ist diese Reibe- und Referenzfläche also da. Auch der Ansatz, sich näher mit den Veränderungen zu beschäftigen, die die Digitalisierung und die “vernetzte Kommunikation” auf die Arbeit von Korrespondenten hat, ist ein ehrenwerter, weil wir auch darüber noch viel zu wenig wissen.

Neben dem verdienten Lob sei jedoch erlaubt, ausgewählte Kritikpunkte zur Sprache zu bringen. Da die Reflexionsebenen  so verschieden sind, wirkt beispielsweise die Mischung zwischen wissenschaftlichen und Praxis-relevanten Beiträgen auf den Rezensenten manchmal etwas eigen. Im Mittelteil über die “Korrespondentenplätze” erscheint es gewollt und konzeptionell, wenn sich Forschungsbeiträge mit subjektiven Perspektiven dort tätiger Korrespondenten abwechseln. Im Grundlagen- und Theorieteil hinterlassen Beiträge wie die von Martin Wagner oder Clemens Bomsdorf jedoch einen leicht deplatzierten Eindruck, wenn sie plötzlich auf einer How-to-do-Ebene “Vorbereitungen auf den Beruf des Auslandskorrespondenten” oder selbstdarstellerisch die Organisation “Weltreporter” präsentieren. Vielleicht konnte der Anspruch des Buches , Wissenschaft und Praxis zu vereinen und dabei inhaltlich einen solch großen Bogen zu schlagen, nicht an jeder  Stelle gelingen.

Der aufmerksame Leser wird sicher auch Fragen zur Methode und Qualität der Forschungen stellen. Wie gern wäre der Rezensent auf jener “Fragebogenkonferenz” gewesen, auf der die Forscher-Mannschaft (Studenten und Journalisten) ihre individuellen teilstandardisierten Fragebögen mit der Leiterin des Forschungsprojektes “durchgesprochen und ggf. adaptiert” haben.  Wäre hier im Sinne einer (auch quantitativen) Querschnittsanalyse noch mehr möglich gewesen? Ich vermute es, bin ziemlich sicher, hätte es aber gern gewusst. Allerdings ist darüber im Buch nicht so sehr viel mehr zu erfahren. Der dritte Teil des Buches, die Ergebnisse der Querschnittsanalyse, wirkt insgesamt etwas angeflanscht und reizt dazu, aufgeworfene Themen wie die Unterkapitel  über E-Mails, “Internet als Rechercheinstrument” oder “Blogs und Foren” tiefgreifender analysieren zu wollen.

Auch über die wissenschaftliche Qualität des Hauptteils, er enthält die mit sehr interessanten Informationen und Stimmen durchzogenen Beiträge über die Korrespondentenstandorte, ist zu sprechen. Diskussionsbedarf erkennt der Rezensent beispielsweise im Kapitel über “Afrika”, seinem eigenen Forschungsgebiet. So ist die Behauptung, dass “die Printkorrespondenten, egal ob fest oder frei, selbst entscheiden können, wie lange sie am Einsatzort bleiben möchten”, so nicht haltbar. Auch das “fast alle” Korrespondenten Englisch und Französisch beherrschen, entspringt wohl eher dem augenzwinkernden Antwortverhalten der Korrespondenten im Interview als der Realität. Zu hinterfragen wäre auch die Gesamteinschätzung der Autorin, Afrikakorrespondenten seien “im Großen und Ganzen zufrieden” mit ihrer Arbeitssituation. Freilich hängt letzteres davon ab, wie man “im Großen und Ganzen” definiert. Meine Forschungsresultate skizzieren die Situation vieler Afrikakorrespondenten jedenfalls eher als prekär, was etwa Reisebudgets, Honorarhöhen oder den Wegfall von Arbeitsplätzen anbelangt.

Das Buch hat vor allem eine große Stärke: Seine Autoren liefern einen spannenden Überblick über das Netz deutscher Auslandskorrespondenten, das sich um unseren Globus spannt. Für die interessierte Öffentlichkeit und die Wissenschaft schließen sich mithilfe dieser Arbeit einige Wissenslücken über Akteure innerhalb von Auslandsberichterstattung. Offen bleibt ein weites und anspruchsvolles Betätigungsfeld. Sowohl die empirische Erforschung von Auslandsberichterstattung als auch die theoretischen Deutungen vieler ihrer Funktionen, Wirkmechanismen, Akteure und Strukturen bleiben spannend.

Links:

Über das BuchOliver Hahn; Julia Lönnendonker; Roland Schröder (Hrsg.): Deutsche Auslandskorrespondenten. Ein Handbuch. Konstanz [UVK] 2008, 540 Seiten, 49,- Euro.Empfohlene ZitierweiseOliver Hahn, Julia Lönnendonker, Roland Schröder (Hrsg.): Deutsche Auslandskorrespondenten. von Mükke, Lutz in rezensionen:kommunikation:medien, 11. November 2011, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/6795
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Rezensent/in
Dr. Lutz Mükke ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Kommunikations- und Medienwissenschaft der Universität Leipzig. Er promovierte zum Thema Auslandskorrespondenten und ist Herausgeber der internationalen Journalismus-Zeitschrift "Message".