Saskia Frank: Zeppelin-Ereignisse

Einzelrezension
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Rezensiert von Christian Kassung

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Als am 6. Mai 1937 das Luftschiff “LZ 129” – besser bekannt unter dem Namen “Hindenburg” – unmittelbar bei ihrem Landeanflug in Lakehurst nahe New York explodierte, fand die Katastrophe unter der direkten Beobachtung gleich dreier technischer Medien statt: Erstmals in der Geschichte des motorisierten Verkehrs wurde ein Unfall zugleich fotografiert, gefilmt und live im Radio kommentiert. So vielfältig diese historische mediale Zeugenschaft ist, so erstaunlich zentriert und kondensiert stellt sich die heutige Erinnerungskultur dar. Reduziert auf das ikonische Bild des sich brennend gegen den eigenen Fall aufbäumenden Zeppelin-Körpers, überwiegt eine Ereignisästhetik, in welcher die spektakuläre Schönheit des gigantischen Luftschiffes noch eben überwiegt, noch gerade nicht ihrer Zerstörung und ihrem Zerfall erlegen ist. Was wir in unserer kulturellen Erinnerung hingegen nicht auf Dauer gestellt haben – und was die damaligen Übertragungs- und Speichermedien gleichwohl sehr präzise aufgezeichnet haben –, ist nur einen kurzen Augenblick später unwiderrufliche Realität geworden: ein ausgebranntes Metallgerippe, bis auf die Knochen verbrannte und trotzdem noch lebendige Menschenleiber sowie das psychische Trauma des Unfallschocks.

Diese (scheinbare) Paradoxie bildet den Fluchtpunkt der Monographie Zeppelin-Ereignisse. Technikkatastrophen im medialen Prozess von Saskia Frank, erschienen 2008 im Marburger Tectum Verlag. Statt jedoch argumentativ von der ebenso simplen wie weitreichenden Beobachtung auszugehen, dass Erinnerungen besonders an Katastrophen und Unfälle primär durch systematische Auslassungen, Störungen und blinde Flecken gekennzeichnet sind, vertraut sich die Autorin einem mehr oder minder abstrakten Begriffsschema an, um die Vielfalt der Bedeutungen aufzufächern, die sich an die in Lakehurst an ihr schreckliches Ende gekommene Geschichte des Zeppelins angelagert haben. Auf einer eher heuristischen Ebene fragt die auf den Volkskundler Karl-Sigismund Kramer zurückgehende Trias “Stoff, Gestalt, Funktion” (25) nach dem symbolischen Mehrwert von Gegenständen, Dingen und Apparaten. Für den Zeppelin lässt sich so beispielsweise die charakteristische Spannung zwischen filigraner Stofflichkeit (Aluminium und Baumwolle) und monumental-stromlinienförmiger Form nicht nur benennen, sondern auch auf ihre Transformation durch die Katastrophe hin analysieren. Warum verdrängt die geradezu mythische Faszination des gestrandeten Zeppelin-Walgerippes die visuelle Unerträglichkeit der Brandopferbilder? Warum erinnert unser kulturelles Gedächtnis noch immer primär das technisch-modernistische Spannungsgefüge zwischen Stoff, Gestalt und Funktion des Zeppelins, anstatt durch die zweite, sich an Paul Virilio anlehnende Begriffstrias “Gefahr, Zerstörung, Trauma” (122) überlagert zu sein?

Es ist ein unbestreitbarer Verdienst des Buches, die intrinsischen Wechselwirkungen zwischen technischer Perfektibilität und modernem, d.h. medial vermitteltem Unfall am Beispiel des Zeppelins detailiert untersucht zu haben. Dank intensiver Archivarbeit kommen dabei vor allem Bildquellen zum Vorschein, die bislang bezeichnenderweise ausgeblendet wurden. Ob man dabei durchweg der etwas unbeweglichen Form der Begriffsarbeit folgen möchte, sei dahingestellt. Eine deutlich stärkere Berücksichtigung der medialen Differenzen und Interferenzen von Bild, Radio und Film hätte man sich allerdings ebenso sehr gewünscht wie eine bessere Reproduktionsqualität der stets sehr minutiös diskutierten Abbildungen.

Die “Zeppelin-Ereignisse” werden nicht nur mit dem Thema bereits vertraute Technikhistoriker in die Hand nehmen wollen. Wertvoll ist das Buch vor allem insofern, als die knapp vierzigjährige Epoche des Luftschiffes sich auch als eine Kultur- und Mediengeschichte der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts verstehen lässt.

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Über das BuchSaskia Frank: Zeppelin-Ereignisse. Technikkatastrophen im medialen Prozess. Marburg [Tectum Verlag] 2008, 220 Seiten, 24,90 Euro.Empfohlene ZitierweiseSaskia Frank: Zeppelin-Ereignisse. von Kassung, Christian in rezensionen:kommunikation:medien, 3. September 2009, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/659
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Rezensent/in
Dr. Christian Kassung ist Professor für Kulturtechniken und Wissensgeschichte an der Humboldtuniversität zu Berlin.