Wolfram Eilenberger: Das Werden des Menschen im Wort

Einzelrezension
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Rezensiert von Rainer Grübel

eilenberger2009Einzelrezension
Diese Zürcher philosophische Dissertation von 2008 untersucht seit 1928 erschienene Werke Michail M. Bachtins und (wenngleich im Titel nicht genannt) auch unter dem Namen Vološinov publizierte Arbeiten (zumal “Marxismus und Sprachphilosophie”), die sich im Horizont einer auf Symbolanalyse zielenden Kulturtheorie befinden. Sie nutzt Brian Pooles Entdeckung von Bachtins Anleihen an Grundverständnis, Verfahrensweisen und Beispielmaterial symbolischer Kommunikation aus den ersten beiden Bänden von Ernst Cassirers Philosophie der symbolischen Formen, erarbeitet aber auch die Spezifik der neuen Wendung hin zur Würdigung des sprachlich generierten Weltverständnisses des Einzelnen. So agiert sie innovativ im Horizont einer auf Kommunikation zentrierten Kulturtheorie, die mit Bachtin das Wort als Element einer “Welt des Werdens” (251) entwirft. Zwar teilt Eilenberger die Einsicht in die Dialogizität von Kommunikation, indes stellt er diesen vielgenutzten Begriff nicht in den Mittelpunkt seiner Argumentation. Aus philosophischer Perspektive geht es letztlich um Bachtins Dispension des singulären Wahrheitsanspruchs, “des einen Begriffs der Wirklichkeit/der Rationalität/der Gerechtigkeit” (252).

Erst am Schluss der Arbeit verrät der Verfasser sein Ziel: “auf eigene Weise zu zeigen, dass Bachtins Schriften innerhalb dieses Spannungsfeldes [zwischen dem Insistieren auf singulärer Wahrheit und dessen Dekonstruktion] ein reiches und systematisches vielversprechendes Themenpotenzial für die heutige Kontaktzone in sich tragen, und dass dieses Potenzial sich nach Überzeugung des Verfassers am besten aktiv ausloten und erproben ließe, wenn man Bachtin in einen neuen Interpretationskontext” einbrächte (253). Diesen umständlich in den Konditional gestellten neuen Deutungszusammenhang findet Eilenberger in einer “Anthropologie des Wortes”. Sie profiliert Bachtins Beitrag zu einer Philosophie der Humankommunikation als Grundlage einer Kulturtheorie.

Dieses Vorhaben gelingt Eilenberger mit beachtlichem Erfolg in vier klar gegliederten Kapiteln, die vom Sprachentwurf des Leningrader Bachtinkreises (als dessen Urheber mir Vološinovs weniger gesichert scheint als dem Verfasser) übergehen zu deren Anwendung auf “Stimmen und Distanzen” in Bachtins Narratologie, um von dort folgerichtig über den “Zeitraum des Romans” (Chrontop) zu den “Lachenden Leibern” des grundsätzlich hybriden Karnevals zu gelangen.

Aufschlussreich ist die von Eilenberger sogar in einem Gedankenexperiment (mir zu geradlinig) fortgesponnene Parallele zwischen der von Bachtin profilierten Wende der antiken und mittelalterlichen Einstimmigkeit hin zur Mehrstimmigkeit der Renaissance und der Studie “Übergang von einer aristotelischen zur galileischen Denkweise in Biologie und Psychologie” (1931) des Psychologen und Cassirer-Schülers Kurt Lewin. Lewin war – anders als Bachtin – zeitlebens Empiriker.

So sehr das Unternehmen zu loben ist, Bachtins Denken kenntnisreich in die heutige deutsche philosophische Diskussion aufzunehmen, so sehr sind der Arbeit doch einige Mängel anzukreiden. Bachtins Streit wider den unifikatorischen Wahrheitsbegriff ist in der “Kontaktzone” der abebbenden Postmoderne beileibe keine Sensation. Umso bedauerlicher, dass Eilenberger die direkte Auseinandersetzung mit dem Dekonstruktivismus, zumal mit De Mans Bachtin-Kritik, meidet. Weiterhin bleibt das an (zumal Schelers) Neokantianismus und Husserls Phänomenologie orientierte Frühwerk Bachtins unterbelichtet, dessen Kontinuität im Gesamtwerk Šicova (2002, 2006) herausgestellt hat. Hinzu kommt, dass Bachtins dialogisches Verhältnis zu Russischem Formalismus und Strukturalismus verkürzt ist auf die allzu rigide Formel, er habe beide “grundsätzlich zurückgewiesen” (11).

Die größte Schwäche des Buches liegt in der ausschließlichen Nutzung von (überwiegend englischsprachigen) Übersetzungen und im Übergehen russischer Sekundärliteratur. Dies irritiert – zumal in einer Monographie über Das Werden des Menschen im Wort. (Ärgerlich sind zudem zahlreiche Fehler in der überdies inkonsequenten Transliteration russischer Wörter und Titel.)

Schade auch, dass der Verfasser sein und Bachtins Votum für Mehrstimmigkeit nicht auf das eigne Verfahren anwendet: Auch der resolutesten Stimme gegen Einstimmigkeit eignet ein Gran Einstimmigkeit.

Literatur:

  • Cassirer, E.: Philosophie der symbolischen Formen. Erster Teil: Die Sprache. Berlin [Bruno Cassirer Verlag] 1923.
  • Cassirer, E.: Philosophie der symbolischen Formen. Zweiter Teil: Das mythische Denken. Berlin [Bruno Cassirer Verlag] 1925.
  • Lewin, K.: „Übergang von einer aristotelischen zur galileischen Denkweise in Biologie und Psychologie.“ In: Erkenntnis, 1, Heft 6 (1931), S. 412-466.
  • Shchyttsova, T.: „Ereignis und Differenz. Einführung in die Philosophie Bachtins.“ In: Staudigl, M.; J. Trinks (Hrsg.): Ereignis und Affektivität. Zur Phänomenologie des sich bildenden Sinnes. Wien [Turia & Kant] 2006, S. 71-84.
  • Šicova, T. V.: Sobytie v filosofii Bachtina. Minsk [Logvinov] 2002.
  • Vološinov, V. N.: Marxismus und Sprachphilosophie. Berlin [Ullstein] 1985.

Links:

Über das BuchWolfram Eilenberger: Das Werden des Menschen im Wort. Eine Studie zur Kulturphilosophie Michail M. Bachtins. Zürich [Chronos Verlag] 2009, 265 Seiten, 29,80 Euro.Empfohlene ZitierweiseWolfram Eilenberger: Das Werden des Menschen im Wort. von Grübel, Rainer in rezensionen:kommunikation:medien, 23. Juni 2009, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/651
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Rezensent/in
Dr. Rainer Grübel ist emeritierter Professor für slavistische Literaturwissenschaft an der Universität Oldenburg.