Daniel Sponsel (Hrsg.): Der schöne Schein des Wirklichen: Zur Authentizität im Film

Einzelrezension
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Rezensiert von Lucia Krämer

Einzelrezension
Offenbar als Reaktion auf die (vermeintliche) postmoderne Erosion der Konzepte ‘Wahrheit’ und ‘Realität’ lässt sich seit Mitte der 1990er Jahre über alle geisteswissenschaftlichen Disziplinen hinweg eine verstärkte Auseinandersetzung mit dem Thema Authentizität beobachten. Dieser Trend führte Mitte des ersten Jahrzehnts dieses Millenniums zu einer kleinen, aber dennoch deutlich wahrnehmbaren Welle deutschsprachiger Publikationen zum Thema, darunter der von Daniel Sponsel herausgegebene Band Der schöne Schein des Wirklichen: Zur Authentizität im Film.

Die 13 Texte des Sammelbandes werden durch einen im Vorwort von Sponsel vorgeschlagenen Authentizitätsbegriff locker zusammengehalten: Filmische Authentizität entstehe demnach (unabhängig vom Verhältnis eines Films zu seiner vorfilmischen Wirklichkeit) durch die Erzeugung eines Wirklichkeitseffekts, welcher das Resultat des Zusammenspiels der filmischen Repräsentation der Welt und der Erfahrung dieser Repräsentation durch den Rezipienten sei (10). Diesem Authentizitätsbegriff folgend widmen sich die meisten Beiträge des Bandes Aspekten der Filmsprache und der Darstellungs- und Rezeptionsweisen des Mediums Film. Jenseits dieses gemeinsamen Nenners regiert allerdings das Prinzip Vielfalt: Das auffälligste Merkmal des Bandes ist seine thematische, stilistische und methodologische Heterogenität. So steht etwa eine essayistische Polemik von Regisseur Dominik Graf für die Rückbesinnung auf “die Nähe und die Rohheit des körperlichen Erlebens” (42) bei der filmischen Darstellung von Gewalt neben einem Artikel des Medienwissenschaftlers Lorenz Engell, welcher versucht, auf der Grundlage von Charles Sanders Peirces Zeichentheorie die semiotische Spezifik filmischer und insbesondere dokumentarfilmischer Temporalität und Realität zu bestimmen.

Ein Plädoyer für das Bewusstsein um eine spezifisch filmische Dramaturgie des Augenblicks (Andreas Gruber) wird eingerahmt von einem Artikel zur entrealisierenden und vermittelnden Funktionsweise von Musik im intermedialen Zusammenspiel mit Film (Marcel Schellong) und einem Erfahrungsbericht des Herausgebers selbst über die Herstellung des Dokumentarfilms be to be. Überblicksartikel (z. B. Hans Beller über die Entwicklung von Montagetechniken im nonfiktionalen Film) werden flankiert von Untersuchungen von Einzelwerken (z. B. Jens Pfeifer über den ethnographischen Film Them and Me von Stéphane Breton und das Potenzial der Ethnographie für den Authentizitätsanspruch dokumentarischer und fiktionaler Genres).

Diese Vielfalt ist laut Herausgeber Sponsel Programm: Ziel des Bandes sei eine Annäherung an das Thema Authentizität im Film, das Aufbauen von Spannungsfeldern auf der Grundlage verschiedener Standpunkte, “die erst in der Gesamtschau zu Erkenntnissen führen” (11). In der Tat streift der Band aufgrund dieser Offenheit viele unterschiedliche und wichtige Facetten des Phänomens filmischer Wirklichkeitseffekte. Die “Gesamtschau” bleibt aber letztlich dem Leser überlassen, denn der “Epilog” (177) des Herausgebers ist mit nicht einmal einer Seite viel zu kurz, als dass er die im Laufe des Bandes aufgeworfenen Ideen systematisch zusammenführen und bündeln könnte. So entsteht ein Eindruck fehlender editorischer Präsenz, der sich auch in der formalen Gestaltung des Textes durch gelegentliche Flüchtigkeitsfehler (49, 51, 56, 96, 117, 119, 161) und das Mischen verschiedener Verweissysteme innerhalb des Bandes manifestiert. Im Kontext eines Bandes über Authentizität im Film zumindest fraglich sind außerdem zwei Texte (von Heinrich Middendorf und Heiner Stadler), welche sich beinahe ausschließlich mit Photographie beschäftigen.

Insgesamt fällt auf, dass neben Sponsel (im Vorwort) nur zwei Beiträger (Pfeifer und Beller) eine konsequente und vom theoretischen Diskurs über Authentizität informierte Auseinandersetzung mit dem Phänomen versuchen. Die anderen Texte dagegen stellen zumeist die verwandten Themen Realität (und die Strategien für ihre Darstellung), Wahrheit und die (Aufhebung der) Grenze von Dokumentation und Fiktion ins Zentrum. Zugegeben, alleine die Mischung journalistischer und wissenschaftlicher Essays zeigt, dass es offensichtlich nicht das Ziel des Bandes war, das Thema Authentizität im Film systematisch aufzuarbeiten. Doch hätte man sich mehr gewünscht, als eine Serie von Schlaglichtern.

Links:

Über das BuchDaniel Sponsel (Hrsg.): Der schöne Schein des Wirklichen: Zur Authentizität im Film. Reihe: Kommunikation audiovisuell, Band 40. Konstanz [UVK] 2007, 187 Seiten, 19,- Euro.Empfohlene ZitierweiseDaniel Sponsel (Hrsg.): Der schöne Schein des Wirklichen: Zur Authentizität im Film. von Krämer, Lucia in rezensionen:kommunikation:medien, 27. August 2011, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/6443
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Rezensent/in
Dr. Lucia Krämer ist seit 2008 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Britische Literatur- und Kulturwissenschaft an der Leibniz Universität Hannover. Promotion im Jahr 2002 an der Universität Regensburg mit einer medienkomparatistischen Studie über fiktionale Biographien über Oscar Wilde in Roman, Drama und Film (Peter Lang, 2003). Weitere Forschungsschwerpunkte neben Wilde und der spätviktorianischen britischen Literatur: die britische heritage culture (samt heritage film), das indische Mainstream-Kino (dem ihr Habilitationsprojekt gewidmet ist), die Theorie und Praxis von Adaptationen, Authentizität (Mitherausgeberin des Bandes Fiktionen von Wirklichkeit: Authentizität zwischen Materialität und Konstruktion, Bielefeld: transcript, 2011).