Benjamin Fretwurst: Nachrichten im Interesse der Zuschauer

Einzelrezension
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Rezensiert von Roland Göbbel

Einzelrezension
Benjamin Fretwurst verfolgt mit seiner Dissertationsstudie das ehrgeizige Vorhaben, die in der Kommunikationswissenschaft etablierte Nachrichtenwerttheorie konzeptionell und empirisch neu zu bestimmen. Konkret geht er dabei der Frage nach, ob Fernsehnachrichten als Ergebnis des journalistischen Selektionsprozesses den Interessen und Relevanzzuschreibungen ihrer Zuschauer entsprechen (3). In der Einleitung bedient sich Fretwurst zunächst eines unkonventionellen dramaturgischen Kniffes: einer Ergebnisvorschau, die die Tendenz der Resultate bereits vorwegnimmt. Dies erweist sich für die weitere Lektüre als vorteilhaft, da die “schwimmenden Konfidenzintervalle” als Modus der Ergebnisdarstellung eingeführt und die grundlegenden Ziele der Studie greifbar gemacht werden.

Nach den für eine “Neubestimmung” notwendigen Begriffsfestlegungen behandelt der Autor umfassend die Entstehung und Entwicklung der Nachrichtenwerttheorie. Ausgehend von der ersten konkreten Formulierung des Konzepts durch Lippmann (1922) zeichnet er die Grundsteinlegung durch Östgaard (1965) und Galtung/Ruge (1965) nach. Die Weiterentwicklung der bis dahin nur auf Kommunikatorebene und für Auslandsberichterstattung angewandten Theorie wird anschließend anhand der Integration der Rezeptionsebene (Sande 1971) und der Inlandsberichterstattung (Schulz 1976) veranschaulicht.

Nach einer kritischen Auseinandersetzung mit dem Ende der 1980er Jahre erfolgten “Richtungswechsel” (45) durch die Theorie der instrumentellen Aktualisierung und das “Finalmodell” von Staab (1990) widmet sich Fretwurst dem Erklärungsziel Rezeption, das insbesondere in den einschlägigen Studien von Donsbach (1991), Eilders (1997) und Ruhrmann et al. (2003) in den Blick genommen wird. Zum Abschluss des Kapitels rekurriert er auf die international vergleichende Studie von Shoemaker/Cohen (2006) und kritisiert dabei die empirisch schwer zugängliche Herleitung evolutionär bedingter Nachrichtenfaktoren.

Das zweite Theoriekapitel führt die bisher behandelten Theoriestränge überzeugend zusammen. Nach einem Rückgriff auf kognitionspsychologische Konzepte zu Wahrnehmung, Verarbeitung und Erinnerung legt Fretwurst die Grundbausteine der Nachrichtenwerttheorie folgendermaßen fest: Im Sinne des Kausalmodells stellt der Nachrichtenwert eines Ereignisses oder Themas die Ursache dar, während sowohl die Auswahl der Ereignisse oder Themen durch Journalisten als auch die Wahrnehmung der Rezipienten als Wirkung angesehen werden. Somit behandelt die Studie den Vergleich der Wirkungsweise von Nachrichtenfaktoren auf Journalisten gegenüber der auf Rezipienten.

Ein besonderes Verdienst der Arbeit liegt in der hierarchischen Systematisierung der bisher vorliegenden Nachrichtenfaktorenkataloge (113). Fretwurst teilt hierfür die Nachrichtenfaktoren in drei Gruppen ein: “Ereignisfaktoren”, “Darstellungsfaktoren” und allgemeine “Indikatoren” für Relevanz. Dabei unterscheidet er Relevanz auf gesellschaftlicher und individueller Ebene und ordnet die einzelnen Nachrichtenfaktoren den jeweiligen Gruppen und Ebenen zu. Weiterhin leitet er aus den Vorgängerstudien die plausible Annahme ab, dass Nachrichtenfaktoren nicht unabhängig voneinander, sondern gebündelt auftreten. Die Ergebnisse seiner theoretischen Überlegungen fasst der Autor schließlich in einer “Nachrichtenwertfunktion” (144) zusammen, in die neben den einzelnen Nachrichtenfaktoren und ihren ereignisspezifischen Intensitäten auch ein generell zuordenbares Gewicht für jeden Faktor sowie der gesonderte Neuigkeitswert einer Nachricht eingehen.

Der Überprüfung der Wirkungsweise von Nachrichtenfaktoren gemäß der Nachrichtenwertfunktion geht Fretwurst im empirischen Teil seiner Studie nach. Hierfür verknüpft er eine Inhaltsanalyse von 677 Fernsehnachrichtenbeiträgen aus einem zehntägigen Zeitraum Ende 2005 mit einer speziellen Form der Online-Befragung zur Erinnerung und Einschätzung dieser Nachrichten bei 1584 Rezipienten.

Die anschließenden statistischen Datenanalysen erfolgen auf höchstem Niveau und sind umfassend dokumentiert. Sukzessive baut der Autor sein Erklärungsmodell aus: Zur Erklärung journalistischer Selektion und Beachtung erfolgen zunächst Zusammenhangsanalysen zwischen den Nachrichtenfaktoren auf der einen und Selektion, Platzierung und Beitragsdauer auf der anderen Seite. Anschließend werden sechs “Nachrichtenfaktorenbündel” (198) ermittelt, wodurch die Annahme der fehlenden Unabhängigkeit einzelner Nachrichtenfaktoren untermauert wird.

Danach integriert Fretwurst die Ergebnisse der Inhaltsanalyse und der Befragung in einem komplexen Strukturgleichungsmodell. Unter allen latenten Konstrukten besitzt hierbei das Faktorenbündel “Kontroverse” für die journalistische Beachtung die meiste Erklärungskraft, während die journalistische Beachtung ihrerseits die Rezipientenbeachtung beeinflusst. Bei der abschließenden Einordnung der Ergebnisse greift der Autor wiederum auf schwimmende Konfidenzintervalle zurück, um seine Befunde zu einzelnen Nachrichtenfaktoren mit denen bisheriger Studien vergleichbar zu machen – was ihm auf nachvollziehbare Weise gelingt.

Benjamin Fretwurst hat eine innovative Studie zur Nachrichtenwerttheorie vorgelegt, die ihr ambitioniertes Ziel nicht verfehlt. Seine Arbeit zeichnet sich durch eine umfassende Recherche und hohe methodologische Reflexionsfähigkeit aus: So werden die theoretischen Überlegungen seiner Vorgänger nicht nur gekonnt miteinander verbunden, sondern auch vor dem Hintergrund methodischer Fortschritte und verbesserungswürdiger Operationalisierungen fundiert diskutiert.

Auch wenn zwischendurch ein zusammenfassender Überblick über alle untersuchten Hypothesen fehlt und sich die Arbeit auf Grund der unheimlichen Fülle an Ergebnissen und ihres statistischen Voraussetzungsreichtums bisweilen in Details verliert, überwiegt ein überzeugender Gesamteindruck. Dieser ist dem hohen Niveau der theoretischen Ausführungen sowie der umfänglichen Dokumentation aller Analyseschritte und Ergebnisse geschuldet.
Damit richtet sich die Arbeit an zwei Zielgruppen: Während sich interessierte ‚Neulinge‘ im Theorieteil einen fundierten Überblick über die Nachrichtenwerttheorie verschaffen können, birgt vor allem der Empirieteil für arrivierte Nachrichtenforscher mit entsprechenden statistischen Vorkenntnissen viel Inspiration.

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Über das BuchBenjamin Fretwurst: Nachrichten im Interesse der Zuschauer. Eine konzeptionelle und empirische Neubestimmung der Nachrichtenwerttheorie. Konstanz [UVK] 2008, 273 Seiten, 29,– Euro.Empfohlene ZitierweiseBenjamin Fretwurst: Nachrichten im Interesse der Zuschauer. von Göbbel, Roland in rezensionen:kommunikation:medien, 28. Januar 2010, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/550
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Rezensent/in
Roland Göbbel ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Kommunikationswissenschaft der Friedrich-Schiller-Universität Jena.