Robert Grünewald; Ralf Güldenzopf; Melanie Piepenschneider (Hrsg.): Politische Kommunikation

Einzelrezension
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Rezensiert von Ulrich Heisterkamp

Einzelrezension
Die Publikation der Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) widmet sich der politischen Kommunikation, die als Teilgebiet politischer Bildungsarbeit im digitalen Zeitalter des Web 2.0 stetig an Relevanz gewinnt. Die Affinität der parteinahen politischen Stiftung zu ihrer Mutterpartei CDU spiegelt sich in einzelnen Beiträgen des Bandes wider, der unter anderem eine Bilanz der rasanten Entwicklung des Internetauftritts der CDU/CSU-Bundestagsfraktion seit den Anfängen 1995 enthält. Jedoch wahren die Verfasser stets die wissenschaftliche Objektivität, so dass die Lektüre unabhängig von parteipolitischen Präferenzen aufschlussreich ist.

Die interaktiven Gestaltungsmöglichkeiten durch die neuen Medien eröffnen der politischen Kommunikation attraktive Potentiale zur Wähleransprache, Mobilisierung von Unterstützung und Informationsverbreitung – nicht zuletzt die bahnbrechende Wahlkampagne Barack Obamas hat dies spektakulär verdeutlicht. Für die Akteure der politischen Bildung erhöht sich mit der “technologischen Tempoverschärfung” jedoch auch der Druck, Fachwissen permanent zu aktualisieren und in den Seminaren die neuesten Entwicklungen zu reflektieren. Auf diese Situation rekurriert die KAS mit der Neuerscheinung, die als Ergänzung ihres Seminarprogramms konzipiert ist. Denn die Stiftung macht einen erheblichen Professionalisierungsbedarf aus: Die Spielregeln der Mediendemokratie zu vermitteln (Medienkompetenz) reiche allein nicht aus, um den Transfer von der Theorie in die politische Praxis meistern zu können. Vielmehr seien überdies Schulungsangebote zu Aspekten wie Public Relations, Gestaltung politischer Websites, Wahlkampf im Internet, Redenschreiben und Interviewtrainings nötig, um die kommunikativen Voraussetzungen für politisches Engagement auf der Höhe der Zeit zu schaffen (Kommunikationskompetenz).

Der Sammelband deckt in 25 Einzelbeiträgen ein breites Themenspektrum ab, wobei die Balance zwischen theoretischer Reflexion und empirischer Analyse ausgewogen ist. Im interdisziplinären Autorenteam befinden sich Politik-, Medien- und Kommunikationswissenschaftler, aber auch Juristen, Journalisten und politische Praktiker, deren unterschiedliche Perspektiven sich harmonisch ergänzen.

Die durchwegs gut verständlich geschriebenen Aufsätze werden zu vier Kapiteln zusammengefasst, wobei die Abschnitte zu politischem Marketing, Talkshows und TV-Duellen sowie Politik und Wahlkampf im Internet eindrucksvoll die veränderte Medienrealität und deren Dynamik dokumentieren. Sämtliche Texte bieten kritische Denkanstöße zur Diskussion des spannungsvollen Wechselverhältnisses von Politik und Medien. Stärker historisch bzw. rechtlich akzentuiert sind die Beiträge zum Kapitel “Sprache, Macht und Manipulation der Bilder”. So erörtert Petra Dorsch-Jungsberger am Beispiel des medienversierten Papstes Johannes Paul II. die Bedeutung von Bildern für die personenzentrierte mediale Darstellung, ein weiterer Aufsatz beschäftigt sich mit dem Problem verfälschender Bildberichterstattung.

Andreas Dörner formuliert die These, dass Politikvermittlung in der modernen Gesellschaft nicht mehr ohne Elemente des Politainment auskomme. Der vieldiskutierte Auftritt von Kanzler Schröder bei Wetten, dass…? 1999 steht symbolisch für das Kalkül von Politikern, auch Unterhaltungsshows als Forum der Selbstinszenierung und Sympathiewerbung zu nutzen. Und die Präsenz in den Personality-Talk-Formaten von Kerner, Beckmann und Co., die vor allem an der Privatperson hinter dem politischen Amtsträger interessiert sind, ist längst parteiübergreifend etabliert. Doch birgt diese Strategie auch Risiken, etwa wenn ein inszenierter Imagewechsel unglaubwürdig und obendrein schlecht getimt ist (Scharping im Pool 2001) oder bei der Jagd nach Wählerstimmen die Grenzen zur unseriösen Anbiederung überschritten werden (Westerwelles Spaßwahlkampf 2002). Dörner warnt denn auch: “Anpassung bis zum Identitätsverlust zahlt sich nicht aus.” (32)

Innovative Strategien des politischen Marketings wie die von Hagen Schölzel vorgestellte Guerillakommunikation – ein Furore machendes Beispiel war 2009 die Herausgabe einer gefälschten Ausgabe der ZEIT durch das globalisierungskritische Netzwerk Attac, in der ein fiktives Wunschszenario camoufliert wurde – weisen auf einen Paradigmenwechsel in der politischen Kommunikation hin: In Zeiten multimedialer Reiz- und Informationsüberflutung gilt es, die Aufmerksamkeit der Wähler durch originelle Ideen zu provozieren. Die Internetforen des Social Networking sind für solche Aktionen prädestiniert, da sie den Dialog jenseits klassischer Medienkanäle wie Zeitung und Fernsehen erleichtern. Ann-Kristin Drenkpohl illustriert die gesteigerten Involvierungsmöglichkeiten durch die “Online-Flüsterpropaganda” des Viralen Marketings am Beispiel des auf YouTube geposteten “Yes we can”-Clips prominenter Obama-Unterstützer, der vor der Wahl 2008 millionenfach angeklickt und, per E-Mail an Freunde und Bekannte weitergereicht, einen regelrechten Hype um die Person des Präsidentschaftskandidaten entfachte.

Die Herausgeber stellen den vier Themenkomplexen zwei einleitende Aufsätze voran, die präzise die pädagogischen Herausforderungen bei der Vermittlung politischer Kommunikation in der politischen Bildungspraxis herausschälen. Wünschenswert wäre darüber hinaus ein Schlussresümee mit einer Synthese der Erkenntnisse aus den Einzelbeiträgen gewesen, um Verbindungslinien aufzuzeigen und systematische Anknüpfungspunkte für Forschung und politische Bildungsarbeit zu identifizieren. Doch auch ohne dieses Element ist der Band ein hilfreiches Kompendium, das aufgrund der souveränen, kompakten Darstellung der wichtigsten Facetten moderner politischer Kommunikation schon bald zu einem Standardwerk avancieren dürfte.

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Über das BuchRobert Grünewald; Ralf Güldenzopf; Melanie Piepenschneider (Hrsg.): Politische Kommunikation. Beiträge zur Politischen Bildung. Reihe: Schriftenreihe Politische Bildung der Konrad-Adenauer-Stiftung, Band 1. Berlin [LIT Verlag] 2011, 343 Seiten, 24,90 Euro.Empfohlene ZitierweiseRobert Grünewald; Ralf Güldenzopf; Melanie Piepenschneider (Hrsg.): Politische Kommunikation. von Heisterkamp, Ulrich in rezensionen:kommunikation:medien, 30. Juli 2011, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/5390
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Rezensent/in
Ulrich Heisterkamp, M.A. ist Doktorand am Institut für Politikwissenschaft der Universität Regensburg. Magisterstudium der Politikwissenschaft und Germanistik in Regensburg und an der American University in Washington, DC. Als Stipendiat eines Begatenförderungswerkes Absolvent einer studienbegleitenden Journalistenausbildung.