Bodo Witzke; Ulli Rothaus: Die Fernsehreportage

Einzelrezension
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Rezensiert von Holger Müller

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Berufspraktische Übungen haben sich in den vergangenen Jahren fest in den Lehrangeboten der Institute für Kommunikationswissenschaft etabliert. Diese Entwicklung spiegelt auch die Reihe Praktischer Journalismus der UVK-Verlagsgesellschaft wieder, in der nun die zweite Auflage des Bandes Die Fernsehreportage erschienen ist. In diesem Handbuch gehen Bodo Witzke und Ulli Rothaus zwar auch auf die Entwicklung des Genres ein, der Schwerpunkt liegt aber naturgemäß auf der praktischen Umsetzung von Reportagen für das Fernsehen. Ein abschließendes Kapitel widmet sich speziell den seriellen Reportagen, den so genannten “Doku-Soaps”. Gemäß dem Anspruch des UVK-Verlags – “von Profis für Profis” – sind beide Autoren erfahrene Praktiker: Bodo Witzke arbeitet seit 1987 als Redakteur und Filmemacher beim ZDF, Ulli Rothaus ist als Fernsehjournalist für verschiedene Sender tätig. Gemeinsam haben sie für das ZDF die Doku-Soaps “Frankfurt Airport”, “Hamburger Hafen”, “Das Bahnhofsviertel”, “Ostseegeschichten” und “Trolle, Fjorde und ein Postschiff” produziert.

Im ersten Kapitel fassen Witzke und Rothaus die Geschichte der Reportage zusammen, und arbeiten dabei deren wichtigsten Merkmale heraus: Authentizität, lineare Entwicklung, Dramaturgie und der Erlebnischarakter für den Zuschauer. Leider wiederholen die Autoren dabei größtenteils Ansätze und Beispiele aus der Einführungsliteratur, zum Beispiel Michael Hallers Die Reportage. Wesentlich besser ist ihnen dagegen die Darstellung der Entwicklung der Fernsehreportage gelungen. Gerade für Anfänger ist interessant zu lesen, wie technische Neuerungen in Film- und Tontechnik die heutigen Formen des dokumentarischen Fernsehens überhaupt erst ermöglichten.

Im zweiten Teil ihres Buches konzentrieren sich Bodo Witzke und Ulli Rothaus dann ganz auf die Praxis der Fernsehreportage. Was das Buch hier insbesondere für Anfänger reizvoll macht: Die Autoren setzen beim Leser keine Vorkenntnisse im audiovisuellen Arbeiten voraus. Stattdessen gehen sie am Anfang dieses Kapitels ausführlich auf die wichtigsten Grundregeln von Bildgestaltung, Schnitt und Off-Kommentar ein. Dabei gehen Witzke und Rothaus didaktisch klug vor: Der Lernstoff wird durch Bildbeispiele und Skizzen erläutert und immer wieder in Infokästen oder Stichpunkten zusammengefasst. Von diesen Grundlagen ausgehend behandeln die Autoren die einzelnen Arbeitsschritte, in denen eine Fernsehreportage entsteht – von der Themenfindung bis zur Endfertigung.

Ein Punkt, den Witzke und Rothaus in ihrer Darstellung stets betonen: Eine gute Fernsehreportage entsteht nur in aufwendiger Teamarbeit. Daher gehen sie beim Dreh von einem Drei-Mann-Team aus, bestehend aus Kamera- und Tonmann sowie dem Reporter. Die Autoren gehen dabei verständlich auf alle Aufgaben ein, als ausgebildete Journalisten setzen sie aber den Schwerpunkt auf die eigentliche Reportertätigkeit. Besonders ausführlich behandeln sie hier neben der Recherche den Off-Kommentar, das verständliche Schreiben fürs Hören. Witzke und Rothaus ermutigen den Leser, das bewegte Bild für sich sprechen zu lassen, und Text möglichst sparsam einzusetzen. Immer wieder bieten sie anhand von Beispielen einen Einblick in die eigene Arbeit für die ZDF Doku-Soap “Frankfurt Airport”. Wobei Lernende und Lehrende hier mit einem gewissen Mangel leben müssen: Wer sich ein eigenes Bild von den angesprochenen Beispielen machen möchte, ist auf eine Wiederholung der Serie im Fernsehen angewiesen. Auch das andere Lieblingsbeispiel, Richard Leacocks und Don Allen Pennebakers “The Chair”, ist nicht als DVD verfügbar.

In ihrem letzten Kapitel stellen Bodo Witzke und Ulli Rothaus mit der Doku-Soap ein momentan im Deutschen Fernsehen sehr beliebtes Format vor. Obwohl die Autoren selbst mit seriellen Reportagen große Erfolge feierten, verschweigen sie nicht die Nachteile dieser Mischung aus dokumentarischem Erzählen und serieller Dramaturgie: Ein ursprünglich zeitaufwendiges und kostspieliges Format wird durch schnelle Billigproduktionen verwässert. Dadurch verschwimmt gerade bei den privaten Fernsehanbietern zunehmend die Grenze zwischen Fakt und Fiktion. Wie der journalistische Anspruch dennoch gewahrt werden kann, beweisen Witzke und Rothaus an geschickt gewählten Recherchebeispielen und Checklisten.

Fazit: Die Fernsehreportage ist für Anfänger und Fortgeschrittene ein guter Ratgeber auf dem Weg zur ersten eigenen Reportage. Bodo Witzke und Ulli Rothaus setzen dem Leser keine Musterlösung vor, die eins zu eins umgesetzt werden kann. Stattdessen zeigen sie auf, wie gerade ein Bruch althergebrachter Konventionen im Endergebnis zu spannenderen Reportagen führen kann. Dieser Anspruch ist den Autoren hoch anzurechnen.

Links:

Über das BuchBodo Witzke; Ulli Rothaus: Die Fernsehreportage. Konstanz [2010] UVK, 358 Seiten, 29,90 Euro.Empfohlene ZitierweiseBodo Witzke; Ulli Rothaus: Die Fernsehreportage. von Müller, Holger in rezensionen:kommunikation:medien, 30. Juni 2011, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/5365
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Rezensent/in
Holger Müller (M.A.) ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Kommunikationswissenschaft der Universität Bamberg. Seine Lehr- und Forschungsschwerpunkte: Praktischer Journalismus und Journalismusforschung.