Andres Hutter: Watchblogs: Medienkritik 2.0?

Einzelrezension
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Rezensiert von Tobias Eberwein

hutter2009Einzelrezension
Der Medienjournalismus steckt in einer Dauerkrise. Auch unabhängig von der aktuellen Wirtschaftslage hat die journalistische Berichterstattung über Journalismus und Medien mit Problemen zu kämpfen, die eine Erfüllung ihrer Informations-, Orientierungs-, Kritik- und Kontrollfunktion scheinbar zu einem Ding der Unmöglichkeit machen. Besonders heikel sind dabei die Fallstricke, die sich aus der unumgehbaren Selbstbezüglichkeit medienjournalistischer Thematisierungsstrategien ergeben: Wird über Vorgänge im eigenen Medienbetrieb berichtet, besteht die Gefahr einer PR-gerechten Beschönigung; steht ein Konkurrent im Fokus der Berichterstattung, ist es besonders verlockend, positive Inhalte herunterzuspielen, Negatives hingegen aufzubauschen. Angesichts dieses Dilemmas verwundert es kaum, dass viele Tageszeitungen sich auf ihren Medienseiten (sofern es diese überhaupt gibt) auf unverfängliche Fernseh-Vorschauen zurückziehen. Unbefangene Medienkritik sieht anders aus.

In den vergangenen Jahren hat sich eine intensive Forschungstätigkeit zu diesen Problemen entwickelt, ein gangbarer Ausweg aus der “Selbstbeobachtungsfalle” (vgl. Beuthner/Weichert 2005) konnte dabei allerdings nicht aufgezeigt werden. Erst zuletzt entstanden einige Studien, die auf die Potenziale eines alternativen Modells der Medienkritik im Internet hinwiesen: das der Medienblogs (vgl. Fengler 2008; Mayer et al. 2008; Schönherr 2008; Wied/Schmidt 2008). In diese noch junge Forschungslinie ist auch die Veröffentlichung von Andres Hutter einzuordnen, die aus einer Lizentiatsarbeit am Züricher Institut für Publizistikwissenschaft und Medienforschung hervorgegangen ist. Ähnlich wie die Autoren der Vorgängerstudien geht auch Hutter davon aus, dass Medienblogs im Vergleich zum herkömmlichen Medienjournalismus über gewisse Vorteile verfügen, weil “sie nicht von gewinnorientierten Medienunternehmen abhängig sind. Medienkritik in Weblogs könnte also die Tugenden des Medienjournalismus vereinen, ohne seine Defizite aufzuweisen: Eine fundierte Medienkritik ohne Konflikte mit Eigeninteressen.” (13) Um dieses Potenzial zu nutzen, müssten medienkritische Blogs in ihrer Berichterstattung allerdings anerkannte Qualitätsstandards einhalten. Ziel von Hutters Arbeit ist es daher, mit Hilfe einer Inhaltsanalyse die journalistische Qualität von zehn ausgewählten Medienwatchblogs mit der einer herkömmlichen Medienberichterstattung zu vergleichen.

Um den Qualitätsstandards einer wissenschaftlichen Abschlussarbeit zu entsprechen, fundiert Hutter seine Erhebung mit vergleichsweise ausführlichen theoretischen Vorbemerkungen. Nach einer (durchaus kritischen) Diskussion der relevanten Weblogforschung liefert er einige Denkanstöße zur systemtheoretischen Verortung von Medienblogs und Journalismus. Bedenkenswert erscheint dabei Hutters Ansatz, Blogs als möglichen Bestandteil eines sozialen Systems Journalismus zu verstehen – eine Sichtweise, die bislang nicht unbedingt dem journalismustheoretischen Mainstream entspricht. Leider werden die diesbezüglichen Ausführungen nicht konsequent zu Ende gedacht und bleiben teilweise begrifflich unscharf. Ohnehin verwundert es, dass der Autor nicht mehr Kapital aus Luhmanns Vorarbeiten zu Fragen der Selbstreferenz geschlagen hat, die sicherlich erkenntnisfördernd auf die gewählte Themenstellung hätten übertragen werden können.

Zentralen Raum in der Arbeit nimmt anschließend Hutters Auseinandersetzung mit der Forschung zur journalistischen Qualität ein. Aus seinem kritischen Referat der wichtigsten Studien zu diesem Themenfeld leitet er elf Qualitätsdimensionen ab, die mit Blick auf die eigene Inhaltsanalyse operationalisiert und zu verschiedenen Teilhypothesen ausgearbeitet werden. Dass die Operationalisierung “nicht völlig zufriedenstellend” (133) gelingt, gesteht der Autor später selbst ein. Bei der Durchführung der Erhebung bleibt dieses Manko jedoch weitgehend unberücksichtigt.

Nach weiteren Lockerungsübungen in Form einer Methodendiskussion gelangt Hutter schließlich in empirische Gefilde. Leider bleiben für die Vorstellung der Befunde aus seiner Inhaltsanalyse nur noch 28 Buchseiten, was nach der langen Vorrede etwas schade ist, zumal der Autor zu einigen interessanten Erkenntnissen kommt. So zeigt er, dass die Medienberichterstattung der drei untersuchten Zeitungen (ausgewertet wurden die Online-Ausgaben der “Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, der “Neuen Zürcher Zeitung” und der “Presse“) zwar objektiver und transparenter ist als die der ausgewerteten Medienwatchblogs. In allen anderen Dimensionen schneiden die Blogs jedoch besser ab, zum Teil sogar deutlich. So wurde für sie eine markant höhere Themenvielfalt und eine höhere analytische Qualität nachgewiesen. Auch die Verständlichkeit, die Unterhaltsamkeit und das Interaktionsniveau sind der Erhebung zufolge in den Blogs klar erhöht. Der Autor folgert daraus, dass in Medienblogs “Journalismus und ernstzunehmende Auseinandersetzungen mit den traditionellen Medien statt[finden]. Weblogs sind also durchaus in der Lage, eine verbesserte Medienkritik zu leisten und können keineswegs pauschal als pseudojournalistisch abgetan werden.” (134)

Dieses Fazit leuchtet angesichts der präsentierten Daten ein. Allerdings wäre eine sorgfältigere methodische Anlage notwendig gewesen, um zu wirklich aussagekräftigen Befunden zu gelangen. So bleibt unklar, nach welchen Kriterien die zehn untersuchten Blogs ausgewählt wurden. Relevanzkriterien können es jedenfalls nicht gewesen sein, denn in den “Medienblogcharts“, einem Ranking der am meisten verlinkten Medienblogs von medienlese.com, wurden während des Untersuchungszeitraums fast durchweg andere Sites gelistet: Lediglich das “Bildblog” taucht hier wie dort auf. Und auch die Logik, nach der die drei analysierten Zeitungen als Repräsentanten des traditionellen Medienjournalismus mit je 30 Beiträgen in die Stichprobe aufgenommen wurden, bleibt dem Leser verborgen. Vermutlich hätte eine differenziertere Auswahl mit höheren Fallzahlen hier zu anderen Ergebnissen geführt.

Trotz der genannten Einschränkungen hat Andres Hutter eine lesenswerte Studie vorgelegt, die – in konsequenter Weiterentwicklung bisheriger Arbeiten – ein wichtiges Thema aufgreift. Der Autor macht anschaulich, dass sich mit einer kritischen Medienbeobachtung in Weblogs verschiedene Potenziale verbinden, die dem herkömmlichen Medienjournalismus neue Entwicklungslinien aufzeigen können. Dass damit eine neue Form der Laienpublizistik zum Sargnagel des professionellen Journalismus werden könnte, ist sicherlich nicht zu befürchten, zumal die wichtigsten Medienblogs im deutschen Sprachraum selbst von ausgebildeten Journalisten betrieben werden. Ein wichtiger Fingerzeig ist das Schaffen der Medienblogger allemal. Vielleicht auch ein Ausweg aus der “Selbstbeobachtungsfalle”?

Literatur:

  • Beuthner, M.; Weichert, S.A. (Hrsg.): Die Selbstbeobachtungsfalle. Grenzen und Grenzgänge des Medienjournalismus. Wiesbaden [VS Verlag für Sozialwissenschaften] 2005.
  • Fengler, S.: “Media WWWatchdogs? Die Rolle von Blogs für die Medienkritik in den USA.” In: Quandt, T.; Schweiger, W. (Hrsg.): Journalismus online – Partizipation oder Profession? Wiesbaden [VS Verlag für Sozialwissenschaften] 2008, S. 157-171.
  • Mayer, F. L.; Mehling, G.; Raabe. J.; Schmidt, J.; Wied, K.: “Watchblogs aus der Sicht der Nutzer. Befunde einer Onlinebefragung zur Nutzung und Bewertung von Bildblog.” In: Media Perspektiven, Heft 11/2008, S. 589-594. [auch online]
  • Schönherr, K.: “Medienwatchblogs als Form journalistischer Qualitätskontrolle.” In: Zerfaß, A.; Welker, M.; Schmidt, J. (Hrsg.): Kommunikation, Partizipation und Wirkungen im Social Web. Band 2: Strategien und Anwendungen. Perspektiven für Wirtschaft, Politik, Publizistik. Köln [Herbert von Halem Verlag] 2008, S. 116-133.
  • Wied, K.; Schmidt, J.: “Weblogs und Qualitätssicherung. Zu Potenzialen weblogbasierter Kritik im Journalismus.” In: Quandt, T.; Schweiger, W. (Hrsg.): Journalismus online – Partizipation oder Profession? Wiesbaden [VS Verlag für Sozialwissenschaften] 2008, S. 173-192.

Links:

Über das BuchAndres Hutter: Watchblogs: Medienkritik 2.0? Eine inhaltsanalytische Untersuchung journalistischer Qualität in medienkritischen Weblogs. Reihe: Web 2.0. Boizenburg [Verlag Werner Hülsbusch] 2009, 150 Seiten, 27,90 Euro.Empfohlene ZitierweiseAndres Hutter: Watchblogs: Medienkritik 2.0?. von Eberwein, Tobias in rezensionen:kommunikation:medien, 16. Mai 2009, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/522
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Rezensent/in
Tobias Eberwein ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Journalistik der Technischen Universität Dortmund und Redakteur von r:k:m.