Wolfgang Schweiger; Klaus Beck: Handbuch Online-Kommunikation

Einzelrezension
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Rezensiert von Barbara Witte

Einzelrezension
Wenn wir in den nächsten Jahren Hausarbeiten von Studierenden zur Hand nehmen, die sich geistig im Bereich der Online-Kommunikation tummeln, dann dürfte das Handbuch Online-Kommunikation in den meisten Literaturverzeichnissen zu finden sein.  Der Band bietet in wesentlichen aktuellen Feldern der Online-Kommunikation einen hervorragenden Einstieg.  Auch in puncto Überblick bleiben wenig Wünsche offen. Wenig, diese Einschränkung muss man machen, denn natürlich ‘krankt’ das Werk an seinem Anspruch. Etwas Bleibendes wie ein Handbuch über einen derart schnell sich entwickelnden Gegenstand wie die Online-Kommunikation herauszugeben, muss gewissermaßen logisch zu Lücken führen.

Das ist den Herausgebern auch klar, am Beispiel des Web 2.0 thematisieren sie selbst diese Schwierigkeit. Dieser Bereich wird denn auch nicht sehr intensiv betrachtet, ebenso wie die mobile Online-Kommunikation, die im Handbuch ebenfalls nicht durch einen eigenständigen Text beleuchtet wird. Das ist schade, hat sich doch das “was Computer ist, in den letzten dreißig Jahren immer wieder grundlegend verändert” wie Krotz/Hartmann (249) im vorliegenden Band so treffend feststellen. Da das, “was Computer ist”, in den nächsten Jahren sehr häufig klein und tragbar daherkommen wird, wäre ein eigenständiger Beitrag zur mobilen Online-Kommunikation interessant gewesen. Andererseits zeigt dies natürlich auch ein gewisses Forschungsdesiderat in der Medien- und Kommunikationswissenschaft. Mobile Online-Kommunikation spielt in anderen Disziplinen, etwa der Informatik, schon länger eine größere Rolle.

Auf die Entwicklungen, die sich unter dem Schlagwort ‘Web 2.0’ einerseits, mobile Online-Kommunikation andererseits zusammenfassen lassen, wird jedoch an verschiedenen Stellen eingegangen. So etwa von Marr/Zillien im Artikel “Digitale Spaltung” oder von Siegert “Online-Kommunikation und Werbung”. Der Stellenwert von Web 2.0 oder mobiler Online-Kommunikation wird im Handbuch insgesamt vor allem durch die Darstellung der Anwendungsfelder der Online-Kommunikation deutlich. Sei es im Beitrag von Siegert, beim Thema Wissensmanagement, mit dem sich Thomas Döbler beschäftigt hat oder in puncto “Lernen mit Online-Medien”, dem Beitrag von Simone Kimpeler. In der Darstellung der Anwendungsfelder wird deutlich, dass Mobilität und Web 2.0 zu den zentralen Herausforderungen der Forschung gerechnet werden. “Webbasiertes und in Zukunft vermehrt mobiles ‘Learning 2.0’ sind zentrale Trends im E-Learning.” (Kimpeler, 380) Es zeigt sich im Handbuch insgesamt, dass diese Annahme aus den Anwendungsfeldern in der Reflexion der Grundlagen noch nicht systematisch angekommen ist.

Insgesamt ist das Werk aber trotz dieser kleinen ‘Lücken’ sehr lohnend. Jeder einzelne der 21 Texte ist ein guter Einstieg ins jeweilige Thema, die Bezüge der Texte untereinander ordnen die konkreten Sichtweisen dabei wiederum ausgezeichnet ins Feld ein. Dabei sind gerade scheinbar widersprüchliche Forschungsergebnisse besonders interessant. So die von Emmer/Wolling (49) zitierte niederländische Studie, die der These nachging, dass Zeitungsleser einen breiteren Überblick über relevante Themen bekämen als Internet-Nutzer, während Neuberger/Quandt auf Inhaltsanalysen hinweisen, die dem Internetjournalismus ein vielfältigeres Themenangebot und eine größere Inhaltstiefe attestieren (65).

Diese zunächst erscheinenden Widersprüchlichkeiten von Forschungsergebnissen lassen sich in einem Handbuch natürlich nicht auflösen, zeigen aber gut auf, dass der Forschungsbedarf weiterhin sehr hoch ist und dass die Interpretation und  Diskussion breit gestreuter Forschungsergebnisse in den kommenden Jahren sicher noch zu weiteren Erkenntnissen führen wird.

Die Orientierung im Handbuch gelingt dank der Abstracts und der Schlagworte, die jedem Artikel vorangestellt sind, gut, die Literaturtipps, die jedem Artikel folgen, sind besonders für Studierende von großem Nutzen.
Das Handbuch ist in insgesamt vier Bereiche gegliedert. Im ersten Teil werden zunächst die Grundlagen der Online-Kommunikation betrachtet. Dieser erste Teil des Buches beginnt mit einem Aufsatz über die Soziologie der Online-Kommunikation (Beck), der zwar in der Systematik des Werkes an den Anfang gehört, den aber vor allem Einsteiger ins Themenfeld eher ans Ende ihrer Lektüre setzen sollten, weil der Artikel relativ voraussetzungsvoll ist. Die Einteilung insgesamt ist gut gelungen, wenngleich natürlich in einigen Punkten diskutabel. So lässt sich etwa Internet-Journalismus ebenso gut als Grundlage – wie von den Herausgebern entschieden – betrachten, wie als Anwendungsfeld, dem dritten Teil des Buches. Part zwei des Werkes ist der Nutzung und Wirkung von Online-Medien gewidmet.

Hier findet sich ein Aufsatz von Hartmann/Krotz zur Online-Kommunikation als Kultur, der die Problematik der Einordnung noch einmal illustriert, geht es hier doch eher um Grundlagen der Online-Kommunikation, als um Nutzung und Wirkungen. Die spezielle Perspektive der Cultural Studies mag dazu geführt haben, den Beitrag nicht als Grundlage einzustufen. Der Beitrag liest sich übrigens auch nicht nur als Einführung in die Sichtweise der CS auf die Online-Kommunikation, sondern auch sehr gut als ersten Text zu den Cultural Studies an sich.

Der dritte Teil schließlich ist den Anwendungsfeldern und Funktionen der Online-Kommunikation gewidmet und im letzten Teil schließlich geht es um Methoden und Datenquellen der Online-Forschung. Dieser letzte Teil schließt mit einem Service-Beitrag ab, der einen hervorragenden Überblick über Studien zur Online-Kommunikation gibt.
Die Fachgruppe Computervermittelte Kommunikation der Deutschen Gesellschaft für Publizistik-
und Kommunikationswissenschaft (DGPuK)
hat sehr viel Arbeit in diesen Band investiert. Die 29 Autorinnen und Autoren des Handbuches haben den aktuellen Forschungsstand sehr verdienstvoll auf den Punkt gebracht. Sowohl als Ausgangspunkt für die weitere Forschung, als auch als Lehrwerk ist das Handbuch Online-Kommunikation ausgezeichnet geeignet.

Links:

Über das BuchWolfgang Schweiger; Klaus Beck (Hrsg.): Handbuch Online-Kommunikation. Wiesbaden [VS Verlag für Sozialwissenschaften] 2010, 549 Seiten, 39,95 Euro.Empfohlene ZitierweiseWolfgang Schweiger; Klaus Beck: Handbuch Online-Kommunikation. von Witte, Barbara in rezensionen:kommunikation:medien, 11. Mai 2011, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/5188
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Rezensent/in
Dr. Barbara Witte ist Professorin für Rundfunkjournalismus und Online-Kommunikation an der Hochschule Bremen. Hier leitet sie den Internationalen Studiengang Fachjournalistik. Zuvor hat sie viele Jahre als Journalistin für Hörfunk- und Fernsehprogramme des öffentlich-rechtlichen Rundfunks gearbeitet. Sie ist Mitglied des internationalen Forschungsverbundes "Réseau d’études sur le journalisme" sowie der Deutschen Gesellschaft für Publizistik und Kommunikationswissenschaft.