Jens Bergmann, Bernhard Pörksen (Hrsg.): Skandal!

Einzelrezension
16251 Aufrufe

Rezensiert von Claudia Gerhards

bergmannpoerksenEinzelrezension
Skandale haben Hochkonjunktur. Auch Bücher über das Entstehen ebensolcher. Skandale sind keineswegs – wie oft angenommen – ein überflüssiges Übel der heutigen (Medien-)Gesellschaft. Sie haben vielmehr wichtige Funktionen: Sie geben Aufschluss über den moralischen Haushalt einer Gesellschaft, spiegeln Normen, Tabus und Zeitgeist wider und können zugleich Trendsetter und Multiplikator gesellschaftlichen Wandels sein. Skandale bieten der Gesellschaft die Möglichkeit, sich ihrer eigenen Normen zu vergewissern und diese gegebenenfalls neu zu verhandeln. Eine Schlüsselrolle nehmen dabei Medien ein, ohne die Skandale nicht öffentlich werden würden. Charakteristisch für einen Skandal ist schließlich, dass eine moralische Verfehlung vorliegt, diese enthüllt wird und eine weithin geteilte Empörung folgt (vgl. Hondrich 2002: 40).

Wie skandalinvolvierte Personen unterschiedlichster Couleur in der Rückschau ihr Leben mit den Schlagzeilen betrachten, damit beschäftigt sich das von Jens Bergmann und Bernhard Pörksen herausgegebene Buch. Der Band besteht aus 29 Interviews, allesamt durchgeführt von Journalistik-Studierenden der Universität Hamburg. Entstanden ist er aus einem Lehrforschungsprojekt, welches zum Ziel hatte, studentische Projektarbeit “unter Marktbedingungen” (11) zu betreiben.

Das Ergebnis kann sich durchaus sehen lassen. Erhellend sind insbesondere jene Interviews, die mit Medienvertretern wie Volker Lilienthal und Hans Leyendecker geführt worden sind, da sie wertvolle Einblicke in das Handwerk von Skandal-Aufdeckern geben, angefangen von der besonderen Recherche (oder wie Volker Lilienthal sagt: “von außen nach innen recherchieren”, erst die Personen befragen, die nicht direkt involviert sind, und sich dann langsam dem Zentrum der Beschuldigten nähern, jedenfalls “zu Anfang bloß keine schlafenden Hunde wecken”, 225) bis hin zum richtigen Timing der Veröffentlichung.

Eindrucksvoll sind auch die Gespräche mit dem viel gescholtenen Boulevard-Journalisten Udo Röbel, ehemaliger “Bild“-Chefredakteur, und dem Klatsch-Reporter Michael Kneissler, der u. a. für die “Bunte“, “Max” und den “Playboy” arbeitet. Beide überraschen durch medienphilosophisch anmutende Überlegungen, die über das singulär Erlebte hinausgehen. Zudem zeigt sich in der Person Udo Röbel wie unter einem Kaleidoskop das Janusköpfige, das Skandalierern zuweilen innewohnt. Röbel war es, der in den 1980er Jahren dem Kießling-Skandal die Spitze nahm, indem er aufdeckte, dass der General nicht schwul war, sondern einen homosexuellen Doppelgänger hatte. In Folge dessen wurde der General rehabilitiert und die Frage, ob die Homosexualität von Personen des öffentlichen Lebens denn überhaupt ein Skandal ist, neu diskutiert. Skandal-Aufdecker können also eine öffentliche Diskussion anstoßen, die zu einer überfälligen Liberalisierung und Neujustierung von Moralvorstellungen führt. Oder aber sie mutieren bei der Anprangerung von Verfehlungen selbst zu Involvierten. Derselbe Journalist Röbel, der für seine Kießling-Recherche mit dem renommierten “Wächterpreis der Tagespresse” ausgezeichnet wurde, setzte sich Jahre später als Fluchthelfer in das Auto der Gladbeck-Geiselnehmer, lotste – auf der Suche nach der ultimativen Story – die Geiselnehmer von Silke Bischoff & Co. durch die Kölner Innenstadt und avancierte so zur Symbolfigur des sensationslüsternen Skandaljournalisten.

Keinen neuen Erkenntnisgewinn liefert hingegen das Interview mit Michel Friedman, der aufgrund einer Kokain- und Prostituierten-Affäre von seinen Ämtern zurücktrat. Solch einem Rhetorik-Profi sind keine neuen Informationen zu entlocken. Dasselbe gilt für das Interview mit dem PR-Berater Moritz Hunzinger.

Wünschenswert wäre es zudem gewesen, die knapp drei Dutzend Interviews stärker zu strukturieren, etwa durch Kapitelunterteilungen (zum Beispiel in “Politikskandale”, “Medienskandale”, “Literaturskandale”, “Sportskandale” etc.). Nichtsdestotrotz gelingt es dem Band, mittels der breiten und zum Teil illustren Auswahl an interviewten Skandalbeteiligten das Phänomen der öffentlichen Empörung aus möglichst unterschiedlichen Perspektiven zu beleuchten. Immer wieder wird dabei deutlich, dass Skandale nicht die gesellschaftliche Ordnung untergraben, sondern diese paradoxerweise legitimieren und stärken. “Der Normbruch offenbart und reproduziert die Norm” (32). Das Buch nähert sich dem Thema jedoch nicht in erster Linie von wissenschaftlicher Seite aus, sondern betrachtet das Skandalieren aus autobiographisch-persönlicher Sicht der Betroffenen. So erfährt man viel über die “Backstory” von Skandalen, jedoch wäre eine stärkere Einordnung der dargestellten Beispiele in den wissenschaftlichen Diskurs über Skandale und deren Theorien durchaus nützlich gewesen (vgl. dazu etwa Gerhards/Borg/Lambert 2005).

Literatur:

  • Gerhards, C.; S. Borg; B. Lambert (Hrsg.): TV-Skandale. Konstanz [UVK] 2005.
  • Hondrich, K. O.: Enthüllung und Entrüstung. Eine Phänomenologie des politischen Skandals. Frankfurt am Main [Suhrkamp Verlag] 2002.

Links:

Über das BuchJens Bergmann, Bernhard Pörksen (Hrsg.): Skandal! Die Macht öffentlicher Empörung. edition medienpraxis, Band 6. Köln [Herbert von Halem Verlag] 2009, 352 Seiten, 18,– Euro.Empfohlene ZitierweiseJens Bergmann, Bernhard Pörksen (Hrsg.): Skandal!. von Gerhards, Claudia in rezensionen:kommunikation:medien, 7. Juli 2009, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/503
Getagged mit: , , , ,
Veröffentlicht unter Einzelrezension
Teilen
facebooktwittergoogle+
Drucken
Druck-Version PDF-Version
Verwandte Rezensionen
Rezensent/in
Dr. Claudia Gerhards ist Professorin für Kommunikation und Multimedia an der Fachhochschule Düsseldorf.