Kathrin Kissau, Uwe Hunger: Politische Sphären von Migranten im Internet

Einzelrezension
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Rezensiert von Anne Weibert

kissau&hunger2009Einzelrezension
Welche Möglichkeiten eröffnet das Internet für politische Partizipation und gesellschaftliche Teilhabe von Migranten in Deutschland und in den jeweiligen Herkunftsländern? Was charakterisiert politische Angebote, die von Migranten im Internet genutzt werden; welche Ausprägungen hat politisches Engagement online? Antworten auf diese Fragen ermitteln die Autoren in ihrem Buch über Politische Sphären von Migranten im Internet am Beispiel postsowjetischer, türkischer und kurdischer Migranten in Deutschland – Ergebnis des Forschungsprojekts “Politisches Potential des Internet. Die virtuelle Diaspora der Migranten aus Russland und der Türkei in Deutschland” 2007/2008 am Institut für Politikwissenschaft der Universität Münster.

Die Autoren strukturieren ihre Analyse analog zur von Chris Anderson entwickelten ökonomischen Long-Tail-Theorie. Drei Ebenen sind wesentlich: 1) die Demokratisierung der Produktionsmittel: Kissau und Hunger beziehen dies auf die Herstellung politischer Öffentlichkeiten, unabhängig von großen Mainstream-Medien; 2) die Demokratisierung des Vertriebs: es ist internetbedingt deutlich einfacher geworden, ein (größeres) Publikum zu erreichen; 3) verbesserte Vermittlung von Angebot und Nachfrage: Internettechnologie mit Suchmaschinen und Linklisten, so das Argument von Kissau und Hunger, seien geeignet, den Grad der politischen Partizipation zu erhöhen, da sie es dem Einzelnen erleichterten, seine individuell passende Nische zu finden.

Um sich dem Untersuchungsgegenstand möglichst präzise anzunähern, wurden qualitative und quantitative Methoden in drei Teilstudien für die drei Migrantengruppen jeweils kombiniert: a) die Vielfalt der Webseiten-Angebote von und für Migranten wurden über Suchmaschinen-Anfragen in einer quantitativen Webseiten-Analyse erfasst; b) aus den so ermittelten politischen Angeboten wurden pro Teilstudie zehn als besonders relevant eingestufte Webangebote einer qualitativen Inhaltsanalyse unterzogen; c) die Anbieter und Nutzer der qualitativ analysierten Webseiten wurden zu Hintergründen und Motivation befragt. So entsteht aus den Ergebnissen ein Bild, dass der flüchtigen, stets im Wandel begriffenen Natur des Untersuchungsgegenstandes Rechnung trägt.

Ihre Annahme der Diversifizierung und Erweiterung der politischen Informations- und Interaktionsangebote durch das Internet finden die Autoren in ihrer Analyse bestätigt. Die Diskussion dieses Ergebnisses orientiert sich konsequent und übersichtlich an den drei zuvor herausgearbeiteten Charakteristika des “Long Tail”.

Für die Differenzierung des politischen Angebots durch das Internet arbeiten Kissau und Hunger eine Dynamik heraus, die sich zwar einerseits durchaus an nationalen medialen Öffentlichkeiten orientiert und hier insbesondere aus der Nichtbeachtung migrantenspezifischer Themen und Interessen Motivation erfährt, die sich andererseits aber auch länderübergreifend entwickelt und die damit auch der migrationsgeprägten Interessenlage ihrer Teilnehmer Rechnung trägt.

Vielfältige Faktoren sind prägend für die Erreichung eines Publikums im Internet: Abgrenzungserfahrungen durch die Aufnahmegesellschaft, das Bedürfnis nach Selbstabgrenzung und Identitätsfindung sowie die Möglichkeit zum Kontakt mit dem Herkunftsland.

Für das dritte Element, den Grad der politischen Partizipation, betonen die Autoren der Studie deutlich unterschiedliche Ausprägungen für die drei Migrantengruppen. Wo bei postsowjetischen und kurdischen Migranten das Bedürfnis nach politischer Information dominiert, wird in der türkischen Migrantengruppe häufiger auch diskutiert und partizipiert. Für die postsowjetische Migrantengruppe, so Kissau und Hunger, verweisen die Ergebnisse der Befragung auf deutliche Analogien zum politischen Offline-Verhalten: Hier gibt es auch offline kaum Politikinteresse und -engagement, was die Autoren plausibel aus von Erfahrungen in der Sowjetunion geprägtem Misstrauen dieser Migranten gegenüber politischen Institutionen und dem Staat motivieren. Bei türkischen und kurdischen Online-Angeboten ist Politik als Thema deutlich stärker vertreten. Als für die Zukunft im Blick zu behaltende Frage verweisen Kissau und Hunger nachvollziehbar auf die Entwicklung der Beziehung von eher starr und bürokratisch organisierten politischen Vereinigungen offline und den politischen Interessengruppen, die sich im Internet ohne von vornherein fest gefügte Rollenverteilung zusammenfinden und stetig wandeln können. Die Autoren der Studie halten als weiteres Ergebnis fest: Zugehörigkeit zu einer Onlinegemeinschaft steigert den Grad der politischen Aktivität und Partizipation.

Als wesentliches Plus in der Diskussion der Analyseergebnisse insgesamt erscheint die wiederholte Bezugnahme auf Offline-Strukturen und Rollenverhalten: Internet ist keine Parallelwelt, vielmehr interagieren Online- und Offline-Sphären ständig miteinander und beeinflussen sich gegenseitig – etwa wenn kurdische Nutzer angeben, ihre gesellschaftliche Situation außerhalb des Internets habe ihr Online-Engagement motiviert.

Bleibt abschließend die Frage, ob dem online ausdifferenzierten politischen Angebot die Fragmentierung der Gesellschaft folgt? Zumindest die drei Teilstudien unter postsowjetischen, türkischen und kurdischen Nutzern indizieren etwas anderes: Hier arbeiten die Autoren der Studie vielfältige Kontakte und Querverbindungen zu anderen Online- und Offline-Öffentlichkeiten heraus – eine Netzstruktur, die eher für gesellschaftliche Einbindung und Integration spricht.

Links:

Über das BuchKathrin Kissau; Uwe Hunger (unter Mitarbeit von Marina Seveker; Bengü Murt; Menderes Candan): Politische Sphären von Migranten im Internet. Neue Chancen im "Long Tail" der Politik. Reihe: Internet Research, Band 34. Baden-Baden [Nomos/Edition Reinhard Fischer] 2009, 165 Seiten, 22,– Euro.Empfohlene ZitierweiseKathrin Kissau, Uwe Hunger: Politische Sphären von Migranten im Internet. von Weibert, Anne in rezensionen:kommunikation:medien, 13. Juli 2009, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/499
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Rezensent/in
Anne Weibert ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl "Wirtschaftsinformatik und Neue Medien" an der Universität Siegen.