Andreas Hepp; Marco Höhn; Jeffrey Wimmer (Hrsg.): Medienkultur im Wandel

Einzelrezension
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Rezensiert von Marian Adolf

Einzelrezension
Mit dem Tagungsband Medienkultur im Wandel legen die Herausgeber und Veranstalter eine überaus umfängliche Dokumentation der DGPuK-Jahrestagung 2009 vor. Die 27 einzelnen Beiträge bieten eine breite inhaltliche Palette, und sind in sieben Abschnitte sortiert. Die dichte Einleitung der drei Herausgeber versucht, die fachliche Beschäftigung mit Kultur zu systematisieren, und in einzelne Theorielinien zu unterteilen. Zusammen mit einer kurzen Reflexion ihrer methodischen Besonderheiten steht dem Band somit ein Wegweiser durch die Medienkulturforschung voran. Für den ersten, theoretischen Teil des Bandes konnte man neben den in der Medienkulturforschung ausgewiesenen deutschsprachigen Vertretern Friedrich Krotz und Tanja Thomas zwei bekannte Namen aus der britischen Tradition gewinnen. Die international renommierten Kollegen Robin Mansell und David Morley eröffnen den Reigen, wobei Letzterer als heute vielleicht prominentester ehemaliger Student des Birminghamer Centre of Contemporary Cultural Studies gelten darf.

Auch in Robin Mansells Beitrag wird deutlich, für was media cultural studies mit ihrem Blick auf Medienkultur stehen: für eine kontextualisierende Betrachtung der Medien- und Kommunikationspraxis in Abhängigkeit sozialer, politischer und ökonomischer Prozesse. Gegenstand Mansells Ausführungen ist der Widerstreit optimistischer und pessimistischer Einschätzungen des gesellschaftsverändernden Potenzials der Informations- und Kommunikationstechnologien, die den Anschein erwecken als lebten wir zugleich in der “besten und der schlechtesten aller Welten” (56). In der Tradition der Cultural Studies ist die wichtigste Kenngröße des Medienwandels dessen Niederschlag auf die Machtverhältnisse innerhalb der modernen Gesellschaft. Sowohl Mansells als auch Morleys Beitrag lassen sich als ein Aufruf zur “Debatte über die Moral unseres mediatisierten Zeitalters” (70) verstehen, und verorten die Medien- und Kommunikationsforschung fest im Rahmen eines gesellschafstheoretischen, interdisziplinären Diskurses.

Da ein jeder Versuch, den weiteren 24 Beiträgen in dieser Besprechung gerecht zu werden – angesichts der Fülle an Perspektiven, Theorien und Daten – grandios scheitern muss, sei der Band anhand seiner Abschnitte kurz zusammengefasst. Zunächst freut man sich über die Inklusion eines – wenn auch recht kurzen – historischen Abschnitts zum Medienkulturwandel (Adler, Böning & Nagel, Neverla), bedarf doch gerade die Medienkulturforschung der Analyse der, und über die Zeit. Im dritten Teil des Bandes geht es hauptsächlich um Diskurskulturen. Dass Kultur auch in und für die Untersuchung von Politikprozessen eine zunehmend wichtigere Rolle spielt, lässt sich anhand der Beiträge von Biegon et al., Hjarvard, Wessler & Röder, und Kleinen von Königslöw gut nachvollziehen. Analog verfährt der anschließende vierte Abschnitt im Zusammenhang von Kultur und Journalismus. Auch hier werden vornehmlich empirische Befunde zum Thema vorgestellt (Karmasin & Kraus, Hanitzsch, Wyss & Keel). Eine grundständige Rolle scheint das Medienkulturkonzept im expandierenden Bereich der Untersuchung von Medien und Migration zu spielen (Teil 5). Aus Bremen wird ein Projekt zur Rolle digitaler Medien für diasporische Medienkulturen vorgestellt (Hepp, Bozdag & Suna); die Medienumgebungen junger russischer Diasporaangehöriger werden untersucht (Caroline Düvel); die Kopftuchdebatte als Fallbeispiel für die Konstruktion von Fremdheit in der Medienberichterstattung herangezogen (Drüeke, Kirchhoff & Klaus); und Daten einer ersten repräsentativen Untersuchung zum medialen Alltag junger russischer und türkischer Migranten in NRW vermittelt (Heft, Trebbe & Weiß).

Der sechste Abschnitt zu Netz- und Spielkulturen beginnt mit einer Studie zu den Medienrepertoires junger Menschen von Hasebrink, Paus-Hasebrink & Schmidt; beleuchtet sodann die immer noch eher vernachlässigte Kultur des digital gaming in all ihrer heutigen Vielfalt (Wimmer); oder sucht nach der Rolle interaktiver Medien im Rahmen der politischen Kommunikation anhand des Wahlkampfs Obamas 2008 (Thimm). Baringhorst, Kneip & Niesyto besprechen die mögliche Konvergenz von Bürger und Konsument vor dem Hintergrund der politischen Kommunikation i. w. S. Der abschließende Teil widmet sich medienkulturellem Rollenhandeln von professionellen Kommunikatoren wie auch im Rezeptionsalltag. Von Rimscha & Siegert legen eine der raren Studien zum Selbstverständnis von Unterhaltungsproduzenten vor. Bernd Blöbaum zeichnet ein erstaunlich zufriedenes Bild der professionellen Kommunikatoren mit ihren Berufsbiografien. Claudia Riesmeyer betrachtet das journalistische Feld anhand einer Untersuchung der Auslandskorrespondenten deutscher Medien; und Christine Linke beschließt die Sammlung mit einer Studie zum medienkulturellen Alltag in Paarbeziehungen.

Die Beurteilung der Kohärenz dieses Bandes steht und fällt mit der zur Anwendung gebrachten Definition von Medienkultur(forschung). So ist zunächst festzustellen, dass der Kulturbegriff in einem eher weiten, der Medienbegriff wiederum in einem eher engen Verständnis verwendet wird. Dies scheint fast einer Umkehrung dieses Verhältnisses in anderen, angrenzenden Disziplinen (etwa der Medienwissenschaft oder der systemtheoretischen Gesellschaftstheorie) gleichzukommen, und lässt sich auf das hier vornehmlich anzutreffende, symbolisch-interaktionistische Kulturverständnis zurückführen. Zugleich scheint der circuit of culture (du Gay, et al. 1997) manchen Beiträgern als kulturtheoretische Basiskonzeption anscheinend so sehr in Fleisch und Blut übergegangen – Robert Merton würde von obi („obliteration by incorporation“, 1968: 35f.) sprechen – , dass er keiner expliziten Erwähnung mehr bedarf (Hepp, Höhn & Wimmer und Morley verweisen immerhin noch darauf).

Vielleicht vermisst man gerade deshalb, nebst der synoptischen Einleitung der Herausgeber, weitere konzeptionelle Arbeit am Begriff der Medienkultur selbst. Zwar ist auch diesbezüglich einiges zu finden, etwa im Abschnitt zu Medien und Migration, wo die Abkehr von der bisherigen, integrationszentrierten Perspektive zur Erweiterung auch der konzeptionellen Grundlagen der Medienkulturforschung zu führen vermag. Ein zusammenfassender, programmatischer Text als Abschluss des Bandes, der sich explizit dem Medienkulturbegriff widmet, wäre auch den Bemühungen um eine bessere Vernetzung mit benachbarten Disziplinen zuträglich gewesen, wie sie etwa Krotz in seinem Beitrag anmahnt.

Auch aus der Sicht einer kritischen Kommunikationsforschung wäre eine deutlichere Konturierung des Kulturbegriffs wünschenswert. Ein Erbe der längst weithin diffundierten Media Studies der Birminghamer Tradition, die in diesem Band ja eine prominente Rolle spielen, ist die Herausstellung der Kategorie Macht im Kontext gesellschaftlicher Kommunikationsstrukturen und -flüsse. Wie etwa Tanja Thomas (88) formuliert, liegt das Ziel einer kritischen Medienkulturforschung dann darin, herauszufinden auf welche Weise “Symbolisches und Materielles aufeinander verweisen”, und wie sich dadurch die “gesellschaftlichen Verhältnisse in medienkulturellen Prozessen […]” niederschlägt. Eine wesentliche Rolle kommt dieser konstitutiven Stoßrichtung der media cultural studies aber nur in einem Teil der versammelten Beiträge zu.

Kurz: ein wenig mehr kritisch-kulturalistische Programmatik hätte, bei aller Freude über die Tauglichkeit von Medienkultur als DGPuK-Jahresthema, nicht geschadet. Denn Medienkultur bezeichnet nicht allein eine phänomenologische Schwerpunktsetzung, und einen methodologisch-perspektivischen Zugriff auf seinen Objekt-, besser: Subjektbereich. Sofern man wie der Rezensent auf derselben Tagung vorgeschlagen hat, Medienkulturforschung als triadischen Ansatz versteht, dann liegt seine Besonderheit in der Verknüpfung dieser beiden oben genannten Aspekte mit einer dritten Größe. Medienkultur als Forschungsansatz erkennt sodann die zu beobachtenden Phänomene (Stichwort: Kulturalisierung des Sozialen), den epistemologischen Zugriff (Kommunikation als Erschaffung der sozialen Welt) und die normative Ebene (Standortgebundenheit des Wissens, Kultur als politisches Geschehen) als untrennbar verwoben, und sensibilisiert sein wissenschaftliches Vorgehen entsprechend.

Literatur:

  • du Gay, Paul et al.: Doing Cultural Studies. The story of the Sony Walkman. Milton Keynes: Open University Press 1997
  • Merton, Robert K.: Social Theory and Social Structure. New York: Free Press 1968

Links:

Über das BuchAndreas Hepp; Marco Höhn; Jeffrey Wimmer (Hrsg.): Medienkultur im Wandel. Schriftenreihe der Deutschen Gesellschaft für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft, Band 37. Tagungsband der DGPuK Jahrestagung 2009 (Bremen). Konstanz [UVK] 2010, 474 Seiten, 34,- Euro.Empfohlene ZitierweiseAndreas Hepp; Marco Höhn; Jeffrey Wimmer (Hrsg.): Medienkultur im Wandel. von Adolf, Marian in rezensionen:kommunikation:medien, 26. April 2011, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/4895
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Rezensent/in
Marian Adolf ist Juniorprofessor für Medienkultur am Department of Communication and Cultural Management der Zeppelin University in Friedrichshafen. Studium der Kommunikationswissenschaft und der Politologie an den Universitäten Wien und Karlstad. Seine Forschungsschwerpunkte umfassen Mediensoziologie, die Kulturtheorie der Medien und die Wirtschafts- und Konsumsoziologie. Siehe u. a. "Die unverstandene Kultur. Perspektiven einer kritischen Theorie der Mediengesellschaft." (Transcript 2006)., Marian Adolf ist Juniorprofessor für Medienkultur am Department of Communication and Cultural Management der Zeppelin University in Friedrichshafen. Studium der Kommunikationswissenschaft und der Politologie an den Universitäten Wien und Karlstad. Seine Forschungsschwerpunkte umfassen Mediensoziologie, die Kulturtheorie der Medien und die Wirtschafts- und Konsumsoziologie. Siehe u. a. "Die unverstandene Kultur. Perspektiven einer kritischen Theorie der Mediengesellschaft." (Transcript 2006).