Vanessa Diemand, Uwe Hochmuth, Christina Lindner, Peter Weibel (Hrsg.): Ich, Wir und Die Anderen

Einzelrezension
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Rezensiert von Christian Katzenbach

diemandetal2009Einzelrezension
Bücher zum so genannten Web 2.0 oder auch Social Web muss man derzeit nicht lange suchen, sie häufen sich auf Verlagslisten, Tischen und Bildschirmen. Dieser Sammelband, der auf einer vom Zentrum für Kunst und Medientechnologie (ZKM) und der Hochschule für Gestaltung (HFG) in Karlsruhe organisierten Tagung im November 2007 basiert, fällt – oder sticht – aus dieser Masse an Literatur insofern heraus, als er das Thema nicht aus der Perspektive der üblichen kommunikationswissenschaftlichen Verdächtigen betrachtet (Journalismus, Öffentlichkeit, PR, Marketing), sondern aus einer breiteren, eher kulturwissenschaftlichen Blickrichtung. In der Gliederung des Bandes, die sich an der “Sozialität der Beteiligungsformen” orientieren will, werden die genannten kommunikationswissenschaftlichen Fragestellungen vor allem im Abschnitt “Die Anderen” verhandelt. Davor liegen Beiträge zur Beteiligung des Einzelnen (“Ich”) und zu Vergemeinschaftungsprozessen (“Wir”). In jedem dieser Abschnitte wechseln sich, auch dies eine Besonderheit des Bandes, Wissenschaftler, prominente Web-2.0-Nutzer und netzaffine Journalisten ab. Das Format der Beiträge changiert dabei zwischen wissenschaftlichem Artikel, Essay und Erfahrungsbericht.

Den Einstieg liefern zwei themenübergreifende Essays: Peter Weibel vollzieht in seinem Beitrag noch einmal die Habermas’sche Argumentation des Strukturwandels von Öffentlichkeit nach und artikuliert die inzwischen reichlich gelesene – und mitunter widerlegte – Hoffnung, dass die “Nutzer, ehemals Sklaven, Arbeiter oder Proletarier genannt, […] über das Internet auch an der [vierten] Gewalt teilhaben” (12). Dem in Weibels Beitrag immer wieder durchschimmernden und nie widersprochenen Technikdeterminismus (“Das Internet ist die größte Bewegung seit der Aufklärung”, 19) versucht Peter Glaser in seinem Essay durch einen weiten erzählerischen Bogen zu begegnen, der durch die Bewässerungssysteme und den Pyramidenbau der Ägypter, Platos Ablehnung der Schriftlichkeit und die Tokyoter U-Bahn führt – und der Betrachtung der aktuellen Entwicklung den “naiven Siegesglauben der Einmaligkeit” (24) nehmen will. Glasers Essay setzt so in seinen fast lyrischen Windungen einige wertvolle skeptische Kontrapunkte zu Weibels Einstieg; nicht in Form einer strukturierten Analyse, sondern als Ansammlung erfreulich treffender Sätze über eine “Zeit, in der Suchmaschinen immer noch einem aufgedrehten Feuerwehrschlauch gleichen, an dem man seinen Wissensdurst zu stillen versucht” (23) und das Leben “sich in ein Gewölk von Zwischendurchs” verwandelt (31).

Der Abschnitt “Ich” beginnt mit einem Beitrag von Vanessa Diemand zur Identitätsarbeit, der Weblogs in Bezug zu Tagebüchern und Autobiographien setzt. Dabei nutzt Diemand Alois Hahns Konzept der ‘Biographiegeneratoren’ und arbeitet so gelungen die Ambivalenzen der Selbstthematisierung zwischen “reflexivem autobiographischen Schreiben und öffentlichem Austausch” (56) heraus. Diese Fragen werden durch den Erfahrungsbericht “Aus dem Leben einer Kunstfigur” von Rainer Meyer illustriert, in dem er auf die Grenzgänge und -setzungen im Umgang mit (fiktiven) Netzidentitäten am Beispiel seines Weblog-Egos Don Alphonso hinweist (hier funktioniert das Konzept der wechselnden Perspektiven und Formate). Mit einem Überblick über den Stand der empirischen Forschung zum neuen Netz, verbunden mit einem Plädoyer für kontinuierliche ethnographische, ereignis- und prozessbezogene Erhebungsformen, schließen Wiebke Gröschler und Michael Mangold das erste “Themenforum” ab.

Im Zentrum des Abschnitts “Wir” zu Formen und Problemen der Vergemeinschaftung im neuen Netz steht ein weitgreifender Beitrag von Volker Grassmuck, der das “Neue des Internets” gerade nicht in den Erscheinungsformen des vermeintlichen Web 2.0 sieht, sondern grundsätzlicher im Computer als Universalmaschine, der Open-Source-Bewegung und dem World Wide Web als mediale Artikulationsplattform (105). Der Artikel ist besonders wertvoll, da er auf die Bedeutung von Regulierungs- und Eigentumsfragen – einen bislang vernachlässigten Aspekt in der Debatte um das neue Netz – hinweist: “Für ein Wir, das sich nachhaltig in freier Zusammenarbeit konstituiert, ist die Frage des Eigentums an Produktionsmitteln und den gemeinschaftlich erzeugten Produkten entscheidend.” (107) Die übrigen Artikel dieses Abschnitts befassen sich mit den sozialen Sehnsüchten der Nutzer von Online-Rollenspielen, sich wandelnden Formen der Informationsproduktion und dem Zustand der deutschen Blogosphäre.

Uwe Hochmuth skizziert in seinem Artikel, der den Themenkomplex der “Anderen” (Wechselwirkungen der Beteiligungsformen mit Journalismus und Ökonomie) einleitet, eine kleine Kulturgeschichte und Politische Ökonomie des Internets. Im Einklang mit Grassmuck betont er darin die Wichtigkeit, das Netz als Basis-Infrastruktur mit den Merkmalen eines öffentlichen Gutes zu verstehen und zu erhalten. Ein kleiner Essay von Christoph Neuberger zum Wandel von Öffentlichkeit und Journalismus fasst die zentralen Gedanken seiner zahlreichen Publikationen der letzten Jahre gelungen zusammen.

Der Sammelband liefert einen leicht verdaulichen, gut geschriebenen Überblick zu Kommunikationsformen und ihren Rahmenbedingungen im neuen Netz. Erfreulich dabei sind die recht vielseitigen Perspektiven: Soziale Kommunikation im Internet ist eben nicht nur eine veränderte Form von Journalismus, PR oder Cross-Media-Verwertung, sondern auch und gerade individuelle und kollektive Identitätsarbeit. So korrigiert der Sammelband etwas die “Sehschwäche” (Neuberger) der Kommunikationswissenschaft, die zuweilen nur das sieht, “was sie in der Vergangenheit für wichtig gehalten halt, und [dabei] das Neue [ausblendet]” (188). Das Format der abwechselnden Essays und Erfahrungsberichte lockert den Band auf, lässt den wissenschaftlichen Leser dann aber doch an vielen Stellen allein mit dem Wunsch nach mehr Analyse und Auseinandersetzung mit dem aktuellen Forschungsstand.

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Über das BuchVanessa Diemand, Uwe Hochmuth, Christina Lindner, Peter Weibel (Hrsg.): Ich, Wir und Die Anderen. Neue Medien zwischen demokratischen und ökonomischen Potenzialen II. Reihe: Telepolis. Hannover [Heise Zeitschriften Verlag] 2009, 203 Seiten, 18,– Euro.Empfohlene ZitierweiseVanessa Diemand, Uwe Hochmuth, Christina Lindner, Peter Weibel (Hrsg.): Ich, Wir und Die Anderen. von Katzenbach, Christian in rezensionen:kommunikation:medien, 2. August 2009, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/489
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Rezensent/in
Christian Katzenbach ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft der Freien Universität Berlin.