Wilfried Scharf: Deutsche Diskurse

Einzelrezension
4442 Aufrufe

Rezensiert von Stefan Meier

Einzelrezension
“Was ist deutsch?”, fragt Wilfried Scharf zu Beginn seines Buches Deutsche Diskurse. Um die Relevanz dieser Frage zu verdeutlichen, greift er tief hinein in die deutsche Kulturgeschichte. Klangvolle Namen wie Friedrich Schiller, Kurt Tucholsky, Carl Gustav Jung, Friedrich Hölderlin oder Paul Celan werden ebenso wie Christian Meier mit der deutschen Nation hadernd zitiert. Das gipfelt in ein langes Zitat von Nietzsche, das seinem Werk Jenseits von Gut und Böse entnommen ist und zum Ende die Feststellung enthält, dass die Deutschen “das Ungewisse, das Ungestaltete” lieben würden. (11)

Diesem Zitat lässt Scharf den Anspruch des vorliegenden Buches folgen: “Diese Unklarheit soll hier verringert werden” (ebd.). Angesichts der in den folgenden Kapiteln dargestellten zwanzig erinnerungspolitischen Kontroversen, ausgehend von 1945 bis zum so genannten “Fall Grass” im Jahre 2006 ist Scharf überzeugt, dass diese Debatten einen gewissen ‘deutschen Sonderweg’ darstellen. Er stützt diese These mit einem nicht näher kontextualisierten Kurzzitat von Aleida Assmann, in dem sie Deutschland nach dem Holocaust “eine einmalige Erinnerungssituation” attestiert. An anderer Stelle erklärt Scharf die untersuchten Debatten als ‘deutsche Diskurse’, da sie für Deutschland grundsätzliche Fragen behandelten (vgl. 13). Diese zirkulär anmutende Begründung bleibt auch im Folgenden ohne Reflexionen über mögliche Praktiken kollektiver Identitätsbildung. Er weist stattdessen unverbunden auf die wichtige Rolle der Massenmedien hin, die den Menschen eines bestimmten Territoriums das “Empfinden“ einer Nation vermitteln würden. Ein Verweis auf Luhmanns Konzept der Selbstbeobachtung und -reflexion einer Gesellschaft durch die Massenmedien hätte an dieser Stelle eine konzeptuelle Verknüpfung zwischen Praktiken kollektiver Identitätsbildung und Massenmedien möglich gemacht. Scharf stellt stattdessen wenig konzeptorientiert fest: “Deswegen untersuche ich ‘Deutsche Diskurse’ nach 1945, um an Ihnen zu zeigen, wie Meinungsführer in Deutschland denken.”

Hier wird spätestens deutlich, dass das Buch eine eher populäre Zielrichtung verfolgt, denn methodisch erhebt Scharf nicht Haltungen und Einstellungen von erinnerungspolitischen Akteuren mittels möglicher qualitativer Interviews oder quantitativer Befragungen. Vielmehr bezieht er sich auf eine von Siegfried Kracauer Anfang der 70er Jahre angeregte qualitative Inhaltsanalyse (vgl. Kracauer 1972). Scharf grenzt sich damit von quantitativen Verfahren der Dokumentenanalyse ab, da er die hiermit ermittelten Ergebnisse häufig einer ‘freihändigen Interpretation’ unterzogen sieht. Allerdings bewegt er sich mit dieser Auswahl nicht auf dem aktuellen Stand qualitativer Sozialforschung. So ist die qualitative Inhaltsanalyse erheblich ausgearbeitet worden (vgl. Mayring 2008). Die dokumentarische Methode, objektive Hermeneutik (vgl. Flick et al. 2007) oder die Erhebungs- und Auswertungsverfahren der Grounded Theory (vgl. Strübing 2008) bieten desweiteren ein großes methodisches Spektrum qualitativer Methoden der Dokumentenanalyse an, deren Kenntnisnahme bei einer Methodenentscheidung zumindest erwähnt sein sollte.

Die für die Untersuchung von öffentlichen Kontroversen als einschlägig anzusehende Methode der Diskursanalyse wird zwar erwähnt, bleibt aber in dem Satz “von der Diskursanalyse habe ich mir die Erlaubnis geholt, Argumente, die zwar im Diskurs vorhanden sind, aber nicht im vorliegenden Material, mit in die Analyse einzubeziehen” mehr als kryptisch. Ist damit gemeint, dass Diskursanalyse also methodisch legitimiert, dass man in das Untersuchungsmaterial Inhalte hineininterpretieren kann, die dort eigentlich nicht zum Ausdruck kommen? In diesem Fall würde Scharf ein sehr idiosynkratisches Verständnis von dieser Methode haben (vgl. zur Übersicht über Methoden der Diskursanalyse Keller 2004). Auch die Auswahl der Diskurse beschreibt Scharf selbst als “subjektiv” (14) und enthält sich einer notwendigen Diskussion über deren unterstellte Repräsentationsfunktion für ‘das Deutsche’. “Meine Untersuchung ist entstanden aus der wissenschaftlichen Beschäftigung mit den publizistischen Kontroversen, aber sie erhebt keinen wissenschaftlichen Anspruch”, führt Scharf selber aus (ebd.).

Diese Selbstbeschreibung bestätigt sich auch auf begrifflicher Ebene. Scharf nennt die im Buch vorgestellten Debatten zwar Diskurse, vermeidet aber eine genauere Definition. Er beschreibt Diskurs als einen “Kommunikationstyp”, “mit dem sich Personen über den Geltungsanspruch von Normen verständigen” (12), ignoriert dabei jedoch die relativ unterschiedlich gelagerten Diskurskonzepte, die in dieser Aussage angedeutet sind (zur Diskurstheorie Keller 2008). Es ist unklar, ob er eher von einem normativen Diskursbegriff habermasianischer Prägung ausgeht oder machttheoretisch perspektivierte empirische Diskurse in Anlehnung an Michel Foucault meint. Desweiteren fehlt eine begriffliche Bezugnahme auf den großen Forschungsbereich kulturelles bzw. soziales Gedächtnis sowie Erinnerungskultur und Geschichtspolitik, in die die hier aufgeführten Kontroversen  einzuordnen wären (vgl. u. a. Welzer 2001).

Der empirische Teil enthält zwanzig nach Meinung Scharfs als einschlägig anzusehende öffentliche Debatten, die einer Chronologie unterliegen. Inhaltlich weisen fast alle spezifische Perspektivierungen der NS-Zeit in Korrespondenz mit aktuellen politischen Auseinandersetzungen auf. Er behandelt unabhängig von deren jeweiligen Dauer und Intensität diese auf zwei bis sechs Seiten. Nur die Kontroversen über den “Historiker-Streit” Mitte der 80er Jahre, “die Hauptstadtfrage” zwischen 1989 und 1991 und die von Scharf so benannte “Golfkriegs-Debatte 1991” erstrecken sich über mehr als zehn Seiten. Die einzelnen Texte gliedern sich in einen Darstellungsteil und einen Kurzkommentar auf. Allerdings enthält sich Scharf auch im Darstellungsteil nicht permanenter Bewertungen wie “Radikaler ist Wolf Biermann” (103) oder “in einer großen Polemik im Spiegel hat sich Henryk M. Broder die Ressentiments der deutschen Friedensbewegung vorgenommen, die er zu erkennen glaubt.” (117)

Scharf orientiert sich an Medienfiguren, die seiner Meinung nach meinungsführend in den dargestellten Kontroversen wirkten: Jürgen Habermas, Ernst Nolte, Günter Grass, Fritz Raddatz, Iris Radisch, Frank Schirrmacher etc. Hier zeigt sich die oben erwähnte ‘subjektive Auswahl’ ebenso wie in der zeitlichen Bestimmung der einzelnen Diskurse. Dies soll pars pro toto an der Darstellung über die Kontroverse um die erste so genannte Wehrmachtsaustellung näher verdeutlicht werden, die die Verstrickung der Wehrmacht in den Holocaust behandelte. Die Ausstellung wurde 1999 durch den Leiter des veranstaltenden Hamburger Instituts für Sozialforschung, Jan Philipp Reemtsma, aufgrund nachgewiesener Fehlbetitelungen einzelner Fotos geschlossen und überarbeitet unter neuer Leitung ein Jahr später wieder eröffnet: Scharf unterlässt in diesem Zusammenhang z. B., die etwas anders gelagerte Debatte um diese zweite Ausstellungsversion zu erwähnen. Er schließt sich vielmehr ohne Worte dem vermeintlichen Konsens an, dass diese seriöser und sachlicher mit dem Gegenstand umgehe. Sie wies im Gegensatz zur ersten vermehrt aus Geschichtsdokumentationen bereits bekannte Bilder auf. Hinzu traten erheblich größere Textflächen, um die Befehlsstrukturen und Taten für den Besucher rekonstruierbar zu machen. Lethen beschrieb diese Praxis jedoch wie folgt: “Im schneeweißen Textrahmen werden die schwarzweißen Rechtecke der Fotos zu Hitzekammern der Empathie.” (Lethen 2002: 83) Damit wirkte die zweite Ausstellungsversion in seinen Augen nicht weniger emotionalisierend.

Scharf reflektiert bei der Darstellung der Kontroverse um die erste Wehrmachtsausstellung zudem überhaupt nicht, warum trotz der anhaltenden Kritik erst die Stellungnahmen des polnischen Historikers Bogdan Musials bzw. des Ungarn Kristian Ungvary als Nachkommen der Opfergruppe zur Schließung der Ausstellung durch Reemtsma führte. Auch die gezielte publizistische Betreuung der osteuropäischen Historiker durch den Springer- und Spiegel-Verlag bleibt unerwähnt. Stattdessen spricht er Reemtsma die Größe zu, gleich “bei Bekanntwerden einiger Fehler die Ausstellung sofort gestoppt und eine Überarbeitung” (Scharf 2009: 159) veranlasst zu haben. Mögliche Fehler wurden allerdings schon früher erwähnt.

Die Ausstellung war jedoch durch eine starke Befürworterseite gestützt, die diese als wichtige erinnerungskulturelle Selbstreflexion der Gesellschaft ansahen. Für diese Sichtweise traten Personen wie Henning Scherf, damals Oberbürgermeister von Bremen, oder Christian Ude, Oberbürgermeister in München, öffentlich auf. Auch Historiker wie Norbert Frei, Wolfgang Benz und Wolfram Wette verteidigten die Ausstellung in Zeitungen und Fernsehsendungen. Scharf vermeidet es sogar zu erwähnen, dass an jedem Präsentationsort der Wehrmachtsausstellung rechtsextreme Aufmärsche stattfanden, Morddrohungen gegen die Veranstalter erhoben wurden und in Saarbrücken sogar ein Anschlag auf die Ausstellung verübt wurde. Diese Radikalisierung rechter Geschichtsinterpretation hielt auch während der zweiten Ausstellung an, was durch Scharfs Fokussierung auf die von ihm bestimmten ‘Meinungsführer’ nicht angesprochen wird und zu einer problematischen Verzerrung der Darstellung führt. Eine tiefere Analyse hätte zudem angedeutet, dass erst die Kontroverse um die erste Wehrmachtsausstellung die Beschäftigung mit ihrer Grundthese bundesweit angeregt hat. Die zweite ist somit als Resultat der Kontroverse zu verstehen, die diese als Bestandteil in sich weiterführte. Und nicht zuletzt fehlt die Erwähnung, dass in jeder Stadt, in der die Ausstellung gezeigt wurde, die lokale Politik diese als Distinktionsmittel vom politischen Gegner benutzte (vgl. hierzu für Bremen Donat et al. 1997; vgl. für München Prantl 1997).

Fazit: Das Buch Deutsche Diskurse bietet einen enzyklopädischen und chronologischen Überblick über erinnerungspolitische Debatten in der Bundesrepublik. Es ist getragen durch die subjektive Sichtweise des Autors auf die Gegenstände, die er als ‘spezifisch Deutsch’ bestimmt. Dabei geht es ihm weniger um eine wissenschaftliche Systematik hinsichtlich Auswahl- und Analysemethode noch um eine begriffliche bzw. strukturelle Einordnung. Vielmehr möchte er einen Überblick über Meinungsführerschaften in den einzelnen Debatten geben. Dieser unwissenschaftliche Umgang mit Gegenständen individueller und kollektiver Vergangenheitsbewältigung ist nicht nur nachlässig, sondern hoch problematisch. Dies wird durch Scharfs Fokussierung auf das Nationale noch gesteigert.

Mit diesem Buch wird tatsächlich ein deutscher Sonderweg eingeschlagen, der vom Nationalbewusstsein, ja Nationalstolz des Autors selbst motiviert zu sein scheint. So kommentiert er eine unbegründet zusammengestellte Liste deutschsprachiger Romane und Dramen zu Beginn des ‘Fazits’ als “unsere Literatur” (183) wie folgt: “Sie ist eigentümlich deutsch und gerade deswegen interessant auch für Nicht-Deutsche. Und sie macht unsere Kultur selbstverständlich wesentlich aus.” Er setzt Grenzen des Deutschen und Nicht-Deutschen, verbindet diese Unterscheidung assoziativ mit Beispielen der Literaturgeschichte im Zusammenhang mit erinnerungskulturellen Debatten. Das Unausgesprochene weist auf das Positive deutscher Besonderheit hin und lässt sich überspitzt als Anhängerschaft eines deutschen Leitkulturgedankes bestimmen.

Er attestiert außerdem den Deutschen in der Auseinandersetzung mit ihrer jüngsten Geschichte eine große Differenziertheit. Mit Respekt weist er auf die Existenz eines Denkmals für die ermordeten Juden in Europa hin, obwohl dies nach seiner Meinung viele nicht für möglich gehalten hätten (185). Hiermit scheint implizit auch eine große Relevanzsetzung von eher revisionistischen Geschichtsbewertungen vorzuliegen. Auch seine Feststellung, dass die Forderungen ‘Nie wieder Ausschwitz’ und ‘Nie wieder Krieg’ im Widerspruch stünden, scheint befremdlich. Sinn macht diese Feststellung nur, wenn man aus heutiger Sicht die Auslandseinsätze der Bundeswehr befürworten will, ohne jedoch Ausschwitz verleugnen zu wollen. Solche geschichtspolitischen Stellungnahmen sollte ein Buch, das als Dokumentation verstanden werden soll, vermeiden.

Scharf selbst stellt fest: “Beruhigend an den 20 Diskursen ist, dass an kaum einer Stelle chauvinistische, rassistische oder militaristische Töne zu hören sind.” (187) Dies ist leider nur der Fall, weil Scharf diese Töne bewusst oder unbewusst ignoriert. Er kapriziert sich auf eine nicht weiter spezifizierte ‘Meinungsführerschaft’ und wenig begründete Medienauswahl. Hätte er zum Beispiel auch einen Blick ins Internet gewagt, so wären ihm bei einigen einschlägigen Schlagworten diese Töne nicht entgangen (vgl. dazu Meier 2008). Scharfs Buch ist vielleicht ein Nachschlagewerk, um ungefähre zeitliche Einordnungen von erinnerungspolitischen Debatten nach dem zweiten Weltkrieg zu erhalten. Eine Dokumentation politischer Kultur von 1945 bis heute ist es nicht.

Links:

Literatur:

  • Donat, Helmut/Strohmeyer, Arn (Hrsg.): Befreiung von der Wehrmacht?: Dokumentation der Auseinandersetzung über die Ausstellung “Vernichtungskrieg – Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944” in Bremen 1996/97. Bremen [Donat] 1997.
  • Flick, Uwe/Kardorff, Ernst von/Steinke, Ines: Qualitative Forschung: ein Handbuch. Reinbek bei Hamburg [Rowohlt] 2007.
  • Keller, Reiner u.a. (Hrsg.): Handbuch Sozialwissenschaftliche Diskursanalyse. Bd. 2, Forschungspraxis. Wiesbaden [VS Verlag] 2004.
  • Keller, Reiner: Wissenssoziologische Diskursanalyse: Grundlegung eines Forschungsprogramms, 2. Aufl., Wiesbaden [VS Verlag] 2007.
  • Kracauer, Siegfried: Für eine qualitative Inhaltsanalyse. In: Ästhetik und Kommunikation 7/1972, S. 3-8.
  • Lethen, Helmut: Der Text der Historiografie und der Wunsch nach einer physikalischen Spur. Das Problem der Fotografie in den beiden Wehrmachtsausstellungen. In: zeitgeschichte, Heft 2, März/April 2002, S. 76-86
  • Mayring, Philipp: Qualitative Inhaltsanalyse: Grundlagen und Techniken. Weinheim/Basel [Beltz] 2008.
  • Meier, Stefan: (Bild-)Diskurs im Netz : Konzept und Methode für eine semiotische Diskursanalyse im World Wide Web. Köln [Herbert von Halem] 2008.
  • Prantl, Heribert: Wehrmachtsverbrechen: Eine deutsche Kontroverse. Hamburg [Hoffmann und Campe] 1997.
  • Strübing, Jörg: Grounded Theory: Zur sozialtheoretischen und epistemologischen Fundierung des Verfahrens der empirisch begründeten Theoriebildung. Wiesbaden [VS Verlag] 2008.
  • Welzer, Harald (Hrsg.): Das soziale Gedächtnis : Geschichte, Erinnerung, Tradierung. Hamburg [Hamburger Edition] 2001.
Über das BuchWilfried Scharf: Deutsche Diskurse. Die politische Kultur von 1945 bis heute in publizistischen Kontroversen. Hamburg [Academic Transfer] 2009, 228 Seiten, 29,90 Euro.Empfohlene ZitierweiseWilfried Scharf: Deutsche Diskurse. von Meier, Stefan in rezensionen:kommunikation:medien, 16. Juli 2010, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/476
Getagged mit: , , , ,
Veröffentlicht unter Einzelrezension
Teilen
facebooktwittergoogle+
Drucken
Druck-Version PDF-Version
Verwandte Rezensionen
Rezensent/in
Dr. Stefan Meier ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Professur Medienkommunikation der Technischen Universität Chemnitz.